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Full text of "Das antike Buchwesen in seinem Verhältniss zur Litteratur"

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DAS 


AÎJTIKE  BUOHWESEN 


IN   SKINEM 


VERIIALTNISS  ZFR  LITTERATUR 


m  BEITRÂGEN  ZUR  TKXTGESCHICHTK  DES  THEOKRIT,  CATIîLL,  PROPERZ 

UND  ANDERER  AITOREN 


V<»N 


THEODOR   BIRT. 


IJEULIN. 

VKULAc;    VoN    WILHKLM    URIîTZ. 

(KKSSKUtl  111.     l'.rillll  \Sl>l.r\iS.,i 

iss-j. 

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I  . 


DAS 


ÂNTIKE  BUCHWESEN 


IN  SEINEH 


VERHÂLTNISS  ZUR  LITTERATUR 


MIT  BEITRÂGEN  ZUR  TEXTGESCHICHTE  DES  THEOKRIT,  CATULL,  PROPERZ 

UND  ANDERER  AUTOREN 


VON 


THEODOR  BIRT. 


BERLIN. 

VERLAG   VON   WILHELM   HERTZ. 

(BEfSBBfCHE  BUCHHAVDLUMO.) 

1882. 


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Vorwort. 


Jllit  den  Studien,  welche  ich  hiermit  der  Oeffentlichkeit  ûber- 
gebe,  soll  ein  frûher  gegebenes  Versprechen  eingelôst  sein.  Den 
Gesichtspunkt,  aus  dem  sie  gearbeitet  sind,  habe  ich  zuerst  in  einem 
Aufsatze  ûber  Ovid's  Heroiden  des  Jabres  1877*)  in  transitorischer 
Weise  verwendet  und  in  einem  spâteren  Vortrage  eine  selbstândige 
Ausfûbning  ûber  den  Begriff  des  Buchs  bei  den  Alten  zu  geben 
versucht,  die  indessen,  in  enge  Zeitgrenzen  gespannt,  einige  Haupt- 
sâtze  zu  fonnuliren  sich  begnûgen  musste  und  eingehendere  Beweis- 
fubrungen  auf  eine  spâtere  Zeit  verschob. 

Meine  Fragestellung  richtet  sich  vorzùglich  auf  das  Verhâltniss 
des  Buchwesens  zur  Litteratur,  und  die  litterarische  Ueberschau, 
welcher  die  Kapitel  VI,  VIII  und  IX  gewidmet  sind,  ist  Ausgang 
und  Endpunkt  dieser  Studien  gewesen.  Môchte  mir  gelungen  sein, 
auch  Anderen  nahe  zu  legen,  was  mir  Bedûrfniss  schien:  eine  Ver- 
sinnlichung  unserer  classischen  Lektûre  oder  eine  lebendigere  Ver- 
gegenwârtigung  des  alten  Litteraturlebens  in  seinen  originalen  Formen. 

Erst  in  zweiter  Linie  steht  dagegen  das  Interesse  fur  die  Text- 
geschichte  einzelner  Autoren^),  fur  welche  ich  gleichfaJls  die  Con- 
sequenzen  der  eingeschlagenen  Betrachtungsweise  des  Buchwesens  zu 
ziehen  mich  bemûht  habe. 


')  Rhein.  Mus.  Bd.  XXXII  S.  393. 

'^)  S.  die  Verhandlungen  der  348ten  Vers,  deutscher  Philologen  und  Schul- 
mânner  zu  Trier  1879  (Leipzig  1880)  S.  91,  einen  zweiten  nicht  ganz  correkten 
Abdruck  finde  ich  in  der  Berliner  Oymnasialzeitschrifl  v.  J.  1880  S.  72  ff. 

^)  Auch  der  yerlorenen.  Bei  der  Bestimmung  des  Buchinhaltes  ver- 
lorener  Autoren  pflegt  nur  zu  leicht  der  geringe  Umfang  des  antiken  Bûches 
tibersehen  zu  werden;  wie  viel  hat  man  doch  in  die  vier  Bûcher  Aïna  des 
Kallimachos ,  wie  viel  in  die  drei  des  Dik&archischen  fiioç  ^EXXtidoç  binein* 
combinirt.     Die  Dehnbarkeit  der  Buchgrôsse  ist  begrenzt. 


IV  —  Vorwort.  — 

So  gewiss  fur  die  Stichometrie  die  Folgezeit  weiteres  Material 
aus  Handschriften  hinzufugen  wird^),  so  sehr  bleibt  allerdings  auch 
noch  fiir  andere  Theile  unseres  Gegenstandes  Weiterarbeit  wûnschens- 
werth  und  zu  fordem.  Habe  ich  doch  weder  fur  die  Bestimmung 
der  Buchgrôssen  noch  fur  die  Blattbreitenmasse  noch  auch  fiir  den 
Uebergang  vom  Papyrus  zur  Membrane  in  Vorarbeiten  hinlângUche 
Hiilfe  gefunden.  Sollte  ich  trotz  dièses  ungûnstigen  Umstandes  gleich- 
wohl  den  Versuch  wagen,  die  Hauptthatsachen  dos  alten  Buch- 
wesens  endgûltig  der  Controverse  zu  entziehen,  so  durfte  ich  auch 
ausfiihrliche  Argumentationen  und  selbst  zahlreiche  Belege  im  Texte 
meinem  Léser  nicht  ersparen,  der  also  da,  wo  eine  bequerae  Dar- 
Btellung  zu  geben  unmôglich  war,  nun  mit  der  Untersuchung  und 
Voruntersuchung  vorlieb  nehmen  môge! 

In  Betreff  meiner  Pliniusinterpretation  im  funften  KapiteP)  habe 
ich  hinzuzufugen ,  dass  Herr  Geheimrath  Bûcheler  freundlichst  ira 
Manuskript  von  ihr  Kenntniss  genommen  und  sie  in  mehreren  Punkten 
modificirt  und  bereichert  hat.  Ihm  wie  anderen  befreundeten  Herren 
—  ich  nenne  insbesondere  Professor  Niese  und  Dr.  Bruns  — ,  die 
mir  mit  Rath  und  Nachweis  geholfen,  sei  auch  an  dieser  Stelle  mein 
Dank  gesagt. 

Marburg,  den  3.  December  1881. 

Der  Verfasser. 


^)  Ich  erinnere  nur  an  Schanz*  neuesten  Fund  im  Plato  (rgl.  S.  505  f.). 

')  Ich  bedauere  erat  jetzt  von  der  Schrift  des  Prof.  Cesare  Paoli  ^Del 
papiro  Bpecialmente  considerato  corne  materia  che  ha  servito  alla  scrittara'* 
Firenze  1878  Kenntniss  zu  erhahen;  u.  a.  giebt  ihr  viertes  Kapitel  die  storia 
délia  carta  di  papiro,  das  zweite  die  fabbricazione  délia  carta  di  papiro.  Leider 
ist  die  letztere  sorgsame  Untersuchung  ohne  Kenntniss  der  ÂusfQhrungen 
Blflmner*s  gemacht.  Manche  Einzelheit  findet  man  hier  wie  bei  BlQroner  ein- 
gehender  behandelt  als  es  in  meinem  Zwecke  lag.  Insbesondere  sei  hervor- 
gehoben,  dass  auch  Paoli  S.  27  beim  Plinius  XIII  78  (s.  S.  245  Z.  27)  die 
Lesung  nec  mallio  sufficit  ab  unhaltbar  nachweist;  Paoli's  Emen  dation  nec  in 
alia  sufficit  (statt  nec  in  ultima  mfficit)  scheint  freilich  sprachlich  nicht  môglich. 


Inhaltsubersicht. 


Seita 

Einleitmigr* 

Onmdbegn^ffe  des  Buchwesens.  Vorarbeiten.  Fr,  Ritschl.  Grosse  der 
alexandrinischen  and  der  modernen  Bibliotheken.  Der  Bucbbegriff. 
Aufgabe 1 

Erstes  KapiteL    Die  Bachterminologrie. 

Zweideatigkeit  des  modernen  BucbbegrifF^.  ^ifikoç,  ^h^kiov,  liber.  Tolumen. 
liber  und  rolumen  identiscb.  Das  Auf-  und  Zurollen.  Explicit.  Der 
Brief  fii^Xioy,  nicht  liber.  Libellas.  KvXiydçoÇj  xo^nt^ôçoç,  ivdXtifitt, 
TofAOç.  koyoç  (aùyyçafÀ/Lta,  aùyrayfÀft).  Das  Oesammtwerk  heisst  nicht 
„Buch^.  It^ixôy  nicht  antik.  RoUenbQndel.  Dekaden,  Pentaden. 
cvvTtt^tç.  Corpus,  G(jj/uaf  amfÀttnov,  Monobiblos.  Bûcher  einzeln  ge- 
kanft  und  gelesen 11 

Zweites  KapiteL    Das  Pergrament. 

Frûhe  Einfûhrung  des  Papyrusbuchs.  Das  Buch  der  Aegypter,  Juden, 
Perser.  Erfindang  des  Pergaments.  Bedeutung  des  Pergaments  fûr 
die  Litteratur.  Notizen,  Brouillons  auf  Pergament.  Briefe  nicht  auf 
Pergament.  ifiuvôiriç.  aikkvfinç^  titulus,  index.  Catull  c.  22.  Erste 
Beispiele  des  Lesebuchs  auf  Membrane.  Die  Apophoreta  Martial's. 
Buchpreise.  Oeringer  Werth  der  Abschriften  auf  Membrane.  Das 
Lesebuch  auf  Membrane  dicnt  den  Aermeren.  réi'/oç.  Neratius' 
Membranae.     Codex ,    codicillus.      Codices    seît    Ulpian.      Codices    im 

3.  Jahrhundert.  Editionen  in  Rollen  bis  in^s  6.  Jahrhundert.  Erste 
Editionen  im  Codex.  Die  heiligen  Schriften  im  Codex.  Der  Codex 
im  Gebrauche  der  Oeistlichkeit,  der  Mônche.  Die  Profanlitteratur  im 
Codex  in  der  zweiten  Hâltle  des  3.  Jahrhunderts.  Erste  Bibliothek  der 
Profanlitteratur  in  Codices.  Oeringer  Inhalt  vieler  Codices.  Die  âltesten 
erhaltenen    Codices.      Frequenzverhâltniss    von    Rolle    und    Codex    im 

4.  und  5.  Jahrhundert.  Vermerke  der  Textesrecensionen  im  Rollen- 
buchwesen  und  Codex 46 


VI  —  Inhaltsûbersicbt.  — 

Scise 

Drittes  Kapitel.    Das  Bach  als  Trfigr^r  der  Schriftwerke. 

Die  meisten  erhaltenen  Buchrollen  unvollstilndig.  Lfinge  dcr  Bûcher. 
Die  Disposition  nacb  Bûchero.  Dispo^^ition  RystematiAcher,  historischer 
Schriften.  Polybios,  Livius,  TacituB.  Die  Buchtbeilung  ein  âusserlicher 
Zwang.  ProOmien  der  Rollen.  Bczugnahme  auf  den  voraufgebenden 
Bucbscbluss.  Der  Buchscbluss  und  seine  Motive.  Der  Bucbscbluss  ein 
Zwang.  Gleicbmas^  der  Bucbgrôssen:  aro/âÇiad^ui,  t^ç  aufA/uërçiaç. 
Die  Minimalgrôsse:  oAoi'  ^tfikioy 127 

Yiertes  Kapitel*    Die  Baclizeile. 

Kapitel.  Bucbtheile.  Seiten.  Z&blen  der  Seiten,  der  Buchstaben  und 
Silben.  Stichometrie.  Stichometrie  aus  Katalogen  (Dichtcr,  Prosaiker). 
Sticbometrische  Angaben  in  der  Litteratur.  Stichometrie  bei  den  ROmern. 
Citate  nacb  Verscn.  Cicero  als  Oplstbograph.  Kolometrie.  Beschr&nkte 
Anwendung  der  Kolometrie.  Die  Kola  nicht  summirt.  Kolometriscbe 
Schreibung  jAnger  aU  Cicero.  Sticbometrische  Subscriptionen.  Die 
Hercnlanensiâchen  BQcber.  Sticbometrische  Subscriptionen  bei  Dichtern. 
Stichen  des  Herodot,  Isokrates,  Demosthenes.  Ihr  Stichos  betr&gt 
ca.  35  Buchstaben.  Ebenso  der  des  Euseb,  Oregor  Ton  Nazianz, 
Thukydides,  Cicero,  Justinian,  Varro.  Abweichungen.  Die  Prosazeile 
gleich  dem  Hexameter.  Zweck  der  Stichometrie.  Bezahlung  der 
Schreiber  nacb  Versquanten.  War  die  Normalzeile  nur  ein  idéales 
Mass?  Die  Normalzeile  wirkiich  geschrieben.  Kûrzere  Zeilen  bei  ge- 
ringerer  Blattbreite.  Belege  fÛr  Schreibung  der  Normalzeile.  In- 
Bchriften 157 

Fftnftes  Kapitel.    Die  Bacliseite. 

Die  Papyrusstaude.  Bereitung  des  Buchblattcs  nacb  Plinius.  schidae. 
Das  Kleben.  textura.  Blattsch&den.  Bereitung  des  Bûches,  scapus. 
Haximalgrôsse  der  RoUe.  Die  leeren  Rollen.  Text  des  Plinius  XIII 
74 — 83.  Die  neun  Sorten  der  Charta.  Die  Blattbreite  ein  Vorzug. 
Seite  und  Schriftcolumne.  Blattbreiten  erhaltener  Papyri.  Yerh&ltniss 
der  Zeilenl&nge  zur  Blattbreite.  Privatabschriften  litterarischer  Werke. 
Normalexemplare 223 

Seclistes  Kapitel.    Die  Baclignr^sse. 

Maximam  und  Minimum  der  Bucbgrdsse.  Unterscheidung  der  Formate. 
A.  Das  Poesiebuch.  Maximum.  Gleichm&ssigkeit.  Didaxis.  Roman. 
Monobibla.  Sp&tere  Beispiele.  B.  Das  Prosabuch.  Sammeirollen. 
Minimum,  Maximum.  Formate  mittlerer  Grosse.  Grosse  Formate. 
Geringere  Formate.  Rflckblick.  Ueberschreitung  des  Maximums  und 
naehtr&gliche  Theilung.  GedichtbuchgrCsse  fQr  Didaxis,  fÛr  Lexica,  in 
der  Ëpistolographie.  Epistolographen.  GrOssere  oder  geringere  Gleich- 
m&ssigkeit.     Monobibla.     Seitenzahl  der  Bûcher 286 


—  Inhaltsûbersicht.  —  VII 

Seite 

Siebentes  KapiteL    Die  Editioii. 

Wahl  des  Formats.  Unedirte  Manuskripte.  Unterlassen  der  Edition. 
Zareden  der  Freunde.  Das  Autographum  geht  an  den  Abschreiber. 
Autographa  nicht  conservirt.  Nachtr&gliche  Correkturen.  Stârke  der 
Auflagen.  Honorar.  Correkturlesen.  Preiserhôhung  rergriffener  Werke. 
Tabemen.  Bibliopolen.  Bucbk!lufer.  Oeffentliche  und  prirate  Biblio- 
theken.  Ausdehnung  des  Buchhandels.  Das  rOmiscbe  Buchwesen 
minder  entwickelt.  Geringe  Daaerbaftigkeit  der  PapyrasroIIe.  Confis- 
cationen 342 

Achtes  KapiteL    Stôningeii  der  antiken  Bnclifonii. 

Eintragung  in  Codices  im  4.  und  5.  Jahrhundert.  Verlust  von  Bûchern 
und  BuchanHingen.  Verstellung  der  Bûcher.  Verlust  der  Buchtheilang 
bei  Seneca,  Juvenal,  Demosthenes,  Cicero,  Plutarch.  VerluAt  der  Buch- 
theilung  bei  Briefen;  Ovid's  Heroiden;  bei  Sueton,  Terentianus  Maurus, 
Xonius,  Justin.  Excerpirte  Bûcher:  Rutilius  Lupus,  Aelian,  Apicius, 
Phaedrus,  lateinische  Anthologie,  griechische  Anthologie.  Theokrit. 
Catull.     Properz.     TibuU 371 

Neontes  KapiteL    Das  Toralexandrinisclie  Bncliweseii* 

Perioden  des  Buchwesens.  PapyrusroIIen.  Bibliopolen.  Bibliotheken. 
Buchhandel.  Edition,  ixàèâ'o/uéyot  Xôyoï.  i^taTtqixâ.  àvéxâoTa.  Die 
Torliegendo  Buchtheilung  ôfters  unsachgemâss.  Lilnge  der  BoUen. 
Stichometrie.  Eleinheit  und  Inconstanz  der  Buchumfônge.  Die  Buch- 
theilung unecht  bei  Thukydides,  Homer,  bei  Herodot,  Plato.  Schwan- 
keode  Buchtheilung  bei  Thukydides,  Xenophon.  Sammelrollen  des 
Aristipp  u.  a.,  des  Antisthenes.  Antimachos.  Philolaos.  Aristoteles 
und  Theophraât.  Editionen  des  Aristoteles;  Zusammensetzung  seiner 
Pragmatien.  Hippokrates.  Theopomp.  Timaeos.  Livius  Andronicus, 
Naerius,  letzte  Auslâufer  des  Grossrollensystems.  ^Theile'^  der  Eolle. 
Isokrates,  Xenophon's  Anabasis.  Werktheile  aïs  Vorbereitung  der 
Buchtheilung.  Ephoros.  Prooemien  in  Ariâtotele^'  Dialogon.  PIato*s 
Gesetze.  Herstellung  der  Buchtheilungcn  in  Alexandria  und  Pergamum. 
Septuaginta.  Kallimachos,  Gegner  des  Grossrollensystems.  Die  alexan- 
drinische  Bibliothek.  fii^koi  av/ufÀtyilç  und  à/uiyêïç  (ankal).  Das 
Grossrollensystem  herrschend  bis  Kallimachos.  Princip  der  Bûcher- 
anscbaffungen  der  Ptolemâer.  ^ifikia  fjo^'àXa,  /ui'Xçâ.  T/n^/uara.  Buch- 
g^ôsse  des  Drama'^.     Epicharm 430 

SchlllSS 498 


Berichtig^ns^eii* 


Man  seUe  Seite  22  Zeile  15  yon  anten  statt  Kap.  VU:  Kap.  VI. 

„       n        n     31  Zeile  1  von  oben  statt  Gellias  :  Oellins  V  4. 

„       n        n     8S  Zeile  14  von  oben  statt  deff/uaïç:  déff/uaiç, 

tt       ,        „    114  Anm.  1  statt  Copitollnus:  Gapltolinns. 

,       ,        n    123  Anm.  1  statt  Reifferseld  :  ReifTerscheid. 
If  an  tbeile  Seite  179  Zeile  11  vor  ^quibus  eventurum"  in  zwei  Zeilen  (vgl.  S.  220). 
Man  tetae  Seite  204  Anm.  1  statt  17100  000:  1  700  000. 

9       9        9     287  2«eile  4  von  oben  statt  vierten;  dritten. 

n       n        n     S53  Zeile  8  von  oben  statt  zosprachen:  zusprechen. 

«        j,        «861  Zeile  7  von  nnten  statt  120;  140. 

9       n        tt     ^01  Zeile  7  von  oben  statt  GrKbern:  Orftber. 


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1 

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Ijediiigender  Trager  aller  Litteratur  ist  die  Schrift,  yon  der 
sie  ihren  Namen  empfangen. 

Die  Einheit  eines  zusammenhangenden  Schriftcomplexes  nennen 
wir  Bue  h.  Dièse  Einheit  ist  nicht  nothwendig  eine  sachliche,  sie 
ist  Yor  allem  eine  râumliche  Einheit. 

Das  Buch  wird  ziun  Eigenthum  der  Nation  noch  nicht  durch 
die  einmalige  erste  Niederschriit  seines  Yerfassers,  sondem  erst  durch 
Publikation.  Publikation  aber  ist  Yeryielfâltigung.  Erst  durch 
sie  tritt  das  Buch  ûber  die  Schreibereien  privater  Natur  hinaus. 

Eine  zweckmâssige  Yervielfâltigung  muss  auf  môgiichst  mecha- 
niscbem,  fabrikmassigem  Wege  stattfinden.  Es  muss  sich  eine  be- 
stimmte  Gleichmâssigkeit  der  Buch  for  m  ausbilden. 

Ist  so  ein  Buch  nationales  Eigenthum  geworden,  se  ist  weiter 
sein  Zweck,  in  dieser  Ëigenschaft  grossere  Zeitlâufte  zu  ûberdauem. 
Das  Einzelbuch  muss  dauerhafb  gemacht  werden.  Es  bilden  sich 
Formen  aus  fur  seine  Conseryirung  und  Aufbewahrung. 

Die  diirch  den  Fortgang  der  litterarischen  Production  wachsende 
Yielheit  yon  Bûchem  yereinigt  sich  in  Buchsammlungen,  deren  5rt- 
liche  Darstellung  die  Bibliothek  ist. 

Dièse  einfachsten  Thatsachen  ailes  Buchwesens  sind  in  sach- 
licher  Nothwendigkeit  begrundet.  Sie  wiederholen  sich  darum  in 
entwickelten  Culturperioden.  Insbesondere  gleichen  sich  in  ihnen 
das  moderne  imd  das  antike  Culturleben  yollkonmien. 

Allein  es  ist  hiermit  das  Buchwesen  eben  nur  gekennzeichnet, 
Bofem  es  der  Litteratur  dient.    Auch  das  Schulhefb  des  Ejiaben,  auch 

Blrt,  Bncbweaen.  1 


2  —  Einleitung.  — 

das  Conto  des  Eaufmanns  nennen  wir,  aucb  den  Brief  nannte  das 
Alterthum  Buch.  AUen  derartigen  ^Bûcbem",  die,  unyervielfaltîgt, 
nur  dem  nâcbsten  praktiscben  und  meist  privatem  Zweck  dienen 
und  zu  gelten  aufboren,  wenn  ibr  Zweck  erfullt  ist,  feblt  der  ôffent- 
licbe  Cbarakter,  und  Form  wie  Material  braucbt  bei  ibnen  danim 
einer  Regel  nicbt  unterworfen  zu  sein.  Wâbrend  die  moderne  Zeit 
als  Material  fast  allein  auf  das  Leinenpapier  bescbrâokt  ist,  das  sicb 
nur  der  Art  nacb  im  Dienst  des  Drucks  von  den  verscbiedenen 
Sorten  des  Scbreibpapieres  unterscbeidet,  so  bescbrankt  sicb  das 
Altertbum  fur  die  Edition  seiner  litterariscben  Werke  auf  den 
Papyrus,  fur  Privatzwecke  verfugt  es  neben  demselben  Papyrus 
aucb  nocb  ûber  Wacbstafel  und  Membrane. 

Ërst  die  Drucklegung  erbebt  beutzutage  ein  ScbriftstQck  zur 
litterariscben  Ërscbeinung.  Ebenso  ist  damais  die  Scbeide  zwiscben 
Privatscriptur  und  Litteraturbucb  der  Augenblick  gewesen,  wo  ein 
Autor  sein  Manuscript  seiner  eignen  Sclavenscbaft  oder  der  Sclaven- 
scbaft  eines  Untemebmers  zur  yielfâltigen  Abscbrift  ûbergab.  Dies 
bedeutete  den  Eintritt  aus  willkûrlicber  Bucbform  in  die  syste- 
matiscb  geordnete  des  Bucbmarktes;  das  Scbriftstûck  war  Gegenstand 
des  Yerkaufes,  des  Yersands  geworden,  und  kein  Wunscb  konnte 
ibm  alsdann  seinen  privaten  Cbarakter  zurûckgeben.  Allerdings  bat  im 
Altertbum  das  Originalmanuscript  des  Autors  in  seiner  âusseren  Ër- 
scbeinung den  Einzelexemplaren  der  Edition  wobl  obne  Frage  oft- 
mais  weit  âbnlicber  gesebn,  als  dies  beute  der  Fall  ist  —  denn  aucb 
der  geûbteste  scriba  konnte  docb  das  Typiscbe  imd  Gleicbmâssige 
unsrer  Druckscbrift  nicbt  erreichen  — ;  allein  der  Unterscbied 
zwiscben  publicirtem  und  unpublicirtem  Scbriftwerk  war  darum  nicbt 
weniger  wesentlicb. 

Es  ist  bei  den  bisberigen  DarsteUungen  des  Bucbwesens  im 
Altertbum  versâumt  worden,  diesen  principiellen  Unterscbied  als 
solcben    gebûbrend    wabrzunebmen    und    die  Tbatsacben  nacb   ibm 


—  Vorarbeiten.  —  3 

m  sondem  imd  anzuordnen:  dies  ^t  sowohl  yon  dem  Archegeten 
auf  diesem  Gebiet,  Montfaucon^),  als  von  dem  wackeren  Chr.  6ottl« 
Schwarz*)  und  den  neueren  Bearbeitem,  wie  Géraud^),  W.  A.  Becker*), 
Wattenbacb,  aus  dessen  ^Scbriftwesen  im  Mittelalter"  *)  wir  aucb 
fur  das  antike  Scbrîftwesen  reicbe  Belebrung  empfangen  baben, 
und  endlicb  Gardthausen  in  den  bezûglicben  Abscbnitten  seiner 
Giiecbiscben  Palâograpbie').  Gleicbwobl  ist  allen  diesen  genannten 
das  Factum  der  Edition  selbst  mit  seinen  einzelnen  Umstânden  be- 
kannt  genug  ^.  Der  Zweck  der  folgenden  Blâtter  macbt  es  nôtbig,  yon 
i}im  als  Yoraussetzung  auszugeben. 

Ist  es  der  Mûbe  wertb,  sicb  môglicbst  genau  zu  orientiren,  in 
welcber  Form  die  Texte  eines  Aristoteles,  eines  Cicero  und  sâmmt- 
licher  classischer  ScbriftsteUer  zuerst  yor  ibrPublikum  traten  imd 
duTcb  Jahrhunderte    des  Altertbums    selbst   weiter  tradirt  wurden, 


')  Palaeographia  graeca,  Paris  1708,  cap.  I. 

^  Dispatatio  de  ornamentis  librorum  apud  veteres,  Altorf  1721  und  1726; 
dasa  die  dispatatio  de  ornamentis  codicom,  Altorf  1726.  Ygl.  dazu  Joh. 
Nie  Fanccii  Marburgensis  de  scriptura  veterum  commentatio ,  Marburg  und 
Rintehi  1743. 

*)  Sur  les  lirres  dans  l'antiquité,  Paris  1840. 

*)  Gallos  fid.  II,  Ëxcurse  zur  dritten  Scène,  Leipzig  1838,  dritte  Aufl. 
Ton  Bein  1863.    Vgl.  auch  Marquardt,  Rôm.  Priratalterthfimer,  II,  S.  382. 

*)  Zuerst  Leipz.  1871,  abermals  1875  erschienen. 

*)  Erschienen  Leipzig  1879. 

')  Grundfalsch  in  seiner  AUgemeinheit  ist  ein  Satz,  den  man  bei  dem 
kochrerdienten  Aristoteliker  £.  Heitz  lesen  kann  (Die  verlorenen  Schr.  des 
AristoU  8.  233):  ^Dass  im  Alterthum  (!)  von  einem  Unterschiede,  wie  er  heute 
swischen  einem  bloss  handschriftlich  rorhandenen  und  einem  zur  Herausgabe 
gelang^n  Werke  besteht,  im  Grunde  keine  Rede  sein  darf,  ist  eine  klare 
Sache!"  Heitz  meint  wohl  eigentlich  nur  das  voralexandrinische  Alterthum; 
aber  auch  dann  erweist  sich  dieser  Satz  als  nnhaltbar  (vgl.  unsren  letzten 
Absehnitt). 


4  —  Einleitung.  — 

bevor  sie  uns  der  mittelalterlicbe  Copist  in  seinen  mittelalterlichen 
Pergamentbânden  vermittelte,  so  sind  wir  angewiesen,  die  Frage  aus- 
Bchliesslicb  nacb  jenem  Bucbwesen  zu  steUen,  das  wirklicb  den 
Publikationszwecken  gedient  bat;  wir  sind  angewiesen  zu  ermittebi, 
inwieweit  solcbe  Publikation  von  der  Willkûr  eines  einzelnen  Skri- 
benten  unabbângig,  d.  b.  inwieweit  fur  sie  das  Scbreibma- 
terial,  die  Bucbform  und  der  Bucbumfang  durcb  Con- 
yenienz  und  Bucbbândlerusus  fixirt  war. 

Wir  geborcben  damit  zunâcbst  nur  einem  antiquariscben  Triebe. 
Wer  da  wunscbt,  sicb  dem  Eindruck  nacb  Moglicbkeit  anzugleicben, 
den  ein  altatbeniscber  Zuscbauer  in  seinem  Tbeater  erfubr,  ver- 
gegenwârtigt  sicb  ans  Bedûrfaiss  die  Figuren  des  Sopboklebcben 
Dramas  nicbt  obne  correct  antike  Grewandungen.  Um  mit  dem  Ein- 
druck zu  les  en,  mit  dem  ein  antiker  Léser  las,  wûrden  wir  bei 
unsrem  Anstoteles  grûndlicb  zu  abstrabiren  baben  Yon  den  ungefugen 
Quartbanden  der  Ausgabe  der  Akademie  und  uns  seine  Einzelscbriften 
auf  bandlicbe  Rollen  vertbeilt  denken  mûssen,  wie  sie  Alexandria 
der  belleniscben  Welt  lieferte. 

Antiquariscbe  Studien  sind  Genrezeicbnungen  der  Antike.  Sie 
zeigen  dem  Auge  dessen,  der  die  grossen  Yergangenbeiten  ent- 
lang  scbaut,  das  Nebens&cblicbe,  das  Détail  der  begleitenden  Um- 
stânde,  in  denen  sicb  Geist,  Leben  und  Scbicksal  der  classiscben 
Yolker  darstellte.  Und  ibr  Lobn  ist  klein  —  wenn  er  nicbt  mebr 
als  das  Bebagen  des  Einlebens  in  eine  vergangene  Alltâglicbkeit  ist. 

So  Bcbeint  allerdings  aucb  das  Fragen  nacb  dem  Bucbwesen 
zunâcbst  nur  ein  Fragen  nacb  dem  Aeusserlicbsten ,  gleicbsam  nacb 
dem  Ubrgebâuse,  in  welcbem  das  Werk  der  antiken  Litteratur  ging. 
Fur  das  Yerstândniss  der  Scbriftwerke  scbeint  die  Eenntniss 
Yon  der  Bescbafifenbeit  der  Rollen,  in  denen  sie  zuerst  erscbienen, 
nocb  um  Yieles  gleicbgûltiger  zu  sein,  aïs  fur  das  Yerstândniss  eines 
Gemâldes   die  Eenntniss   der  Leinwand,   auf  der  es  gemalt  stebt. 


—  Vorarbeiten.     Pr.  Riuchl.  —  5 

Wir  unssen,  auf  der  Leinwand  rulit  das  Bild,  um  aie  bei  seiïier  Per- 
ception zu  ignoriren.  Und  wir  unterrichten  uns,  wie  die  SchriftroUen 
eînes  Aristoteles  beschaffen  waren,  nm  bei  seiner  Lecture  von  dieser 
Wissenschaft  abzuseben. 

Indess  muss  uns  genauere  Betracbtung  yielmehr  belebren,  wie 
dennoch  in  eigentbûmlicher  Weise  hier  ein  râumlicber  Formzwang 
formgebend  aucb  auf  den  raumlosen  lubalt  mit  eingewirkt  bat.  Die 
antike  Litteratur  war  mit  bedingt  durch  das  antike 
Bach.  Der  begleiteode  Umstand  modificirt  die  grossen  Thatsachen, 
die  er  begleitet.  Und  der  Lohn  dieser  Untersuchungen  wird  somit 
ûber  jenes  einfache  Behagen  des  Antiquars  hinausgehen  konnen.  £r 
wird  in  den  kunstgeschicbUichen  Erkenntnissen  beruhen,  die  sich 
fur  die  Schriftstellerei  der  Alten  ergeben. 

Die  anregendste  Yorarbeit  besitzen  wir  in  Fr.  Ritschl^s  1838 
erschienener  Schrift:  ,,Die  Alexandrinischen  Bibliotheken  unter  den 
ersten  Ptolemaem  und  die  Sammlung  der  Homerischen  Gedichte 
durch  Pisistratos^,  zu  der  sein  ,,Corollarium  disputationis  de  biblio- 
thecis  Alexandrinis  ^  aus  dem  Jahre  1840  Ërgânzungen  und  Be- 
richtigungen  brachte^).  Ausgehend  von  den  Angaben  der  berûhmten, 
damais  in  latemiscber  Fassung  entdeckten  Tzetzesprolegomenen  zum 
Aristophanes  untersuchte  Ritschl  den  Charakter  und  Buchbestand 
der  zwei  grossen  alexandrinischen  Bibliotheken,  des  Bruchiums  imd 
Serapeums,  deren  Grûndung  in  die  erste  Blûthezeit  des  Ptolemâischen 
Kônigreiches  fiel  und,  zusammenhângend  mit  der  des  Muséums 
selbst,  den  Gelehrten  der  jungen  Akademie  den  completen  Bestand 
der  damaligen  griechischen  Litteratur  zur  Yerfugung  steilte.  Fiîr 
die  Bibliothek  des  Serapeums  nennt  nun  Tzetzes  42  800  Rollen,  fur 
die  des  Bruchium  nicht  weniger  als  490  000.  Nun  sind  aber  der 
Autorennamen  noch  nicht  allzu  viele,  welche  die  vorkallimacheische 


>)  Abgedruckt  in  Ritschr»  Opuscula  I  S.  1  ff  and   123  ff. 


g  —  Einleitung.  — 

Litteratur  heirorgebracbt;  jene  Zahlen  scheinen  jede  berecbtîgte  Er- 
wartuDg  bei  weitem  zu  ûbertareffen;  es  scbeinen  nacb  ibnen  unsre 
modemen  Bibliotbeken  grossen  Stîles  mit  ibrer  Weltlitteratur  dem 
Bûcberscbatz  der  alten  Nilstadt  kaum  ûberlegen,  der  docb  nur  den 
Inbalt  einer  griecbiscben  Litteraturperiode  bescbloss^). 

Heutzutage  finden  wir  die  Handscbriften  der  grossen  Yaticana  auf 
25  000  angegeben  und  ibre  Drucke  daneben  auf  30  000  bis  500  000 
gescbâtzt').  Die  berubmte  Laurentiana  in  Florenz  bescbrânkt  sicb  auf 
6  952  Handscbriften,  wozu  1  316  Drucke  binzukommen').  Fur  den 
Bûcberscbatz  der  Gôttinger  Universitât^)  erbalten  wir  die  Summe 
400000  (obne  die  5  OOOHandscbriften),  fur  den  der  Eaiserlicben  Biblio- 
tbek  in  Wien»)  406  461  (obne  die  20  000  Handscbriften),  fôr  den  des 
Britisb  Muséum  aus  dem  Jabr  1858  die  Zabi  500  000  (obne  die 
Handscbriften)  ').  Diesen  Sammlungen  wiîrde  also  das  Brucbium  etwa 
gleicb  gekommen  sein,  wobingegen  die  Mûncbener  und  Berliner 
kônigl.  Bibliotbek  oder  die  Nationalbibliotbek  yon  Paris  allerdings 
doppeit  so  bocb  stebn^).    Aus  altérer  Zeit  sei  etwa  auf  das  mittelalter- 


')  Die  Nachricht,  dass  auch  Ueberaetzungen  aus  der  Litteratur  andrer 
VGlker  aufgenommen  wurden  (rgl.  Bitschl  a.  a.  0.  S.  30  und  159)  kann  doch 
unmOglich  riel  bedeuten,  da  dièse  Uebersetsung^litteratur  auf  die  weiteren 
Produktionen  der  Oriechen  und  BGmer  so  wenig  Einfluss  gewonnen  hat. 

*)  Ygl.  Edward  Edwards,  Memoirs  of  libraries  (London,  Leipz.  1859)   II 

8.  354. 

')  Ygl.  ebenda  II  S.  369. 

^)  Vgl.  Petzholdt,  Adressbuch  der  Bibliotheken  Deutschlands   1875. 

^)  Vgl.  ebenda.  Karten,  Stiche  sind  nicbt  mitgezllblt. 

«)  Edwards  a.  a.  0.  I  S.  510. 

0  Die  Panser  Bibliotbek  batte  i.  J.  1850  an  Handscbriften  83  707,  an 
Drucken  750000;  die  Drucke  taxirt  Edwards  (a.  a.  0.  II  S.  294)  f^r  das  Jabr 
1858  auf  858  000.  —  Die  Mûncbener  Bibliotbek  fasst  c.  800  000  Werke, 
100000  DisserUtionen,  300  000  Brocbfiren  und  24  000  Handschriaen  (PeU- 
boldt);  die  Berliner  obne  Karten  und  Musikalien  ûber  700000  Bftnde  und 
mebr  ab  15  000  Handscbriften  (Petzboldt). 


—  Der  Buclibegriff.  —  7 

liche  Cordova  hingewiesen ,  das  in  der  Zeit  der  Blûtbe  400  000 
Bûcher  besessen  haben  8oll^),  wogegen  wir  fur  die  Bucbsammlung 
des'  kaiserlicben  Collegiums  in  Byzanz,  die  Léo  der  Isaurier  ver- 
brannte,  nur  die  Zabi  36  500  erfahren'). 

Jener  grosse  Bûcberbestand  der  alten  alexandriniscben  Bibli- 
otbek  muss  hiemacb  in  der  Tbat  unser  bôcbstes  Ërstaunen  erregen. 
Ritscbl  sab  sicb  daram  yeranlasst,  den  Bucbbegriff  n&ber  in's 
Auge  zu  fassen,  imd  er  betonte  zur  Erklârung  der  Zablen  den  mini- 
nuden  Umfiang,  auf  welcben  sicb,  yerglicben  mit  dem  modemen 
Bande,  das  „Bacb^  der  Alten  bescbrânkt  babe.  Als  Bucbform  setzte 
er  dabei  ricbtig  die  Papyrusrolle  voraus,  bielt  aber  die  Begriffe 
„Biicb^  und  „Rolle^  nicbt  fur  notbwendig  identiscb')  und  begnûgte 
sicb,  den  ersteren  lediglicb  aïs  Zeilensumme  zu  fassen,  anknûpfend 
an  die  bibliotbekariscbe  Grewobnbeit  der  Alten,  welcbe  die  Litteratur 
nicbt  nacb  Werken,  sondem  nacb  Bûcbem,  das  Bucb  aber  nicbt 
nacb  der  S^itenzabl,  sondem  nacb  der  Zeilenzabl  bestimmte,  die  es 
umscbloss.  Mit  einer  Zusammenstellung  yieler  derartiger  Zeilen- 
summen,  wie  sie  die  Ueberlieferung  zunâchst  darbot,  yeranscbau- 
licbte  er  diesen  Bucbbegriff  und  erscbloss  als  sein  Maximum  die 
gennge  Summe  von  yiertausend  Zeilen^). 

Ob  Ritscbl  die  Grosse  der  alten  ptolemâiscben  Bibliotbek  so 
ricbtig  erklart  bat,  soU  bier  nicbt  entscbieden  werden;  seine  Haupt- 
acbtsamkeit  aber  ricbtete  sicb  gemâss  dieser  Auffassung  des  Bucbs  auf 
den  Begriff  der  antiken  Zeile.    Applicirten  die  Alten  ibren  Sticbos 


>)  Vgl.  £.  Bgger,  Histoire  du  li?re  S.  97. 

»)  Vgl.  Cedren.  1  S.  464.  Zonar.  XV  S.  104  Glyc.  8.  281. 

*)  Vgl.  a.  0.  8.  26,  wo  rerneint  wird,  dass  solohe  Bûcher,  wie  die  Thu- 
kydideiachen ,  wie  Plato's  Gorgias,  wie  die  Beden  nsçt  cnffuyov,  ntqî  naçtt' 
nçëofiiiaç  in  einer  Relie  Plats  fioden  konnten.  8ie,  sowie  sogar  anch  die  der 
Argonantica  des  Apollonius  seien  auf  mehrere  Bollen  vertheilt  zu  denken. 

*)  a.  a.  0.  8.  107. 


g  —  E^eitung.  — 

gleicherweise  auf  aile  Werke  iind  liées  sich  der  Gesammtinlialt  der 
Litteratur  selbst  schliesslicb  stichisch  ausdrûcken,  bo  musste  sein 
Werth  ein  YoUkomxnen  constanter  gewesen  sein.  Und  bo  wie  sich  also 
an  die  Forschungen  Ritschrs  ûber  die  Personen  der  Alexandrinischen 
Bibliothekare,  welcbe  die  Bedeutsamkeit  seiner  Scbrift  yermebrten, 
alBbald  eine  bericbtdgende  Weiterforscbung  anknûpfte,  so  haben 
aucb  seine  eindnnglicben  Nachweise  ûber  das  Raïunmass  der  antiken 
Zeile  weiterbin  die  Anregung  zu  emeuter  und  glûcklicher  Arbeit  ge- 
geben:  eine  rein  antiquariscbe  Frage,  die  wir  wohl  nunmehr  als 
in  der  Hauptsacbe  erledigt  betracbten  dûrfen.  Fur  die  ungleicb 
-wichtigere  Définition  des  antiken  Bûches  ist  man  dagegen  bei 
seinen  Yoraussetzungen  beruhigt  steben  geblieben.  Sie  finden  sich 
wieder,  wo  sonst  die  Gelegenheit  mit  diesem  Bucbbegriff  zu  operiren 
nôthigte:  ich  ennnere  vor  allem  rûbmend  an  das  betreffene  Elapitel 
der  Bergk'schen  Litteraturgeschichte.  AUein  an  einer  hinreicbenden 
Begrundung  und  Sicherung  fehlt  es  fur  sie  in  dem  Grade,  dass  noch 
neuerdings  einer  der  gelebrtesten  Kenner  des  Alterthums^)  jene 
Normalzeile,  nacb  der  die  Griecben  scbon  Jahrhunderte  vor  der 
augusteiscben  Zeit  den  Bucbumfang  massen,  auf  Pergamenthand- 
schriften  bat  zuruckfûbren  kônnen. 

Die  bandscbrifUicben  litterarischen  Fuude,  deren  Datirung 
dem  dritten  Jahrhundert  n.  Chr.  voraufliegt,  haben  einmiîthig  fur 
die  Alleinherrschaft  des  Papyrus  gezeugt.  Auch  die  Autoren  selbst, 
so  weit  sie  Andeutungen  geben,  scheinen  ganz  dasselbe  vorauszu- 
setzen.  Es  gilt  klarer  zu  stellen,  ob  und  in  welchem  Grade  das 
Pergament  neben  dem  Papyrus  fur  die  Litteratur  wirklich  Yerwen- 
dung  gefanden  bat  und  wann  sich  eigentlich  jene  ausschliessliche 
Geltung  Yorbereitete  und  entschied,  die  ihm  das  Mittelalter  zugestand. 
Ebenso  gilt  es,  die  antiken  Buchtermini  selbst,  die  ja  noch  unsren 


1)  WachsmQth  im  Rhein.  Mus.  XXXIV  S.  38  ff. 


—  Aufgabe.  —  9 

Sprachgebrauch  massgebend  beeinflussen,  nacb  ibrer  Grundbedeutung 
und  nacb  ibrer  Anwendiing  einer  genaueren  Prûfung  zu  unterzieben, 
nm  BO  aoB  ibrer  Selbstaussage  zu  entnebmen,  ob  sie  aus  dem  Rollen- 
princip  bervorgingen ,  yor  allem,  ob  sie  aucb  dauemd  mit  ibm  ver- 
biinden  blieben. 

Ans  den  Einzelerwâgungen ,  die  den  Inbalt  der  nacbstfolgenden 
Blâtter  ausmacben  sollen,  ergiebt  sicb  als  unzweif elbaft  : 

dass  das  antike  Bucbtbeilungsprincip  mit  seiner  Terminologie 
in  der  Tbat  allein  aus  dem  Fapyrusbucbwesen  beryorging  und  von 
ibm  yerstanden  wurde; 

und  dass  dièses  Papyrusbucbwesen  bis  zimi  Ende  des  eigent- 
licben  classiscben  Altertbums  oder  bis  tief  in  das  dritte  cbristlicbe 
Sâcolum  die  alleinige  Form  fur  die  Edition  litterariscber  Werke 
gewesen  ist. 

Wir  werden  dadurcb  angebalten,  die  Bûcber  unsrer  clas- 
siscben Texte  durcbgângig  fur  die  Rollen  der  antiken 
Bibliotbeken  zu  nebmen. 

Man  begreift,  diesen  ibren  rein  raumlicben  Cbarakter  sicber  zu 
stellen  ist  nicbt  bedeutungslos.  Uns  weist  sicb  damit  der  Weg  fur 
eine  weitere  Wûrdigung  des  Bucbbegriffs.  War  es  nicbt  môglicb^ 
das  Werk  eines  Liyius  oder  aucb  nur  das  eines  Strabo,  eines  Corni- 
ficius  in  eine  einzige  Rolle  aufzunebmen,  so  muss  eine  Maximal- 
grenze  fur  den  Rollenumfang,  so  muss  einRaumzwang  existirt  baben, 
dem  die  Autoren  scbon  bei  der  Conception  ibrer  Werke  selbst  und 
wâbrend  ail  ibres  Producirens  geborsamten. 

Es  stellt  sicb  also  die  femere  Aufgabe,  die  Maximalgrenze  zu 
ermitteln,  welcbe  dem  Umfang  einer  Bucbrolle  gesteckt  war;  die 
Yergleicbung  yerscbiedener  usueller  Grossenumfânge  kann  uns  als- 
dann  zugleicb  in  den  Stand  setzen,  dem  Gescbmacksurtbeil  der  an- 
tiken Bibliophilen  nacbzugeben  und  uns  den  Eindruck  der  Feinbeit 
imd  Leicbtigkeit  oder  aber  der  Scbwerfalligkeit  und  Ineleganz  zu 


JO  —  Einleitung.  — 

YergegenwârtigeD ,  den  das  Rollenformat  eines  Polybios  oder  aber 
eines  Aelian  auf  das  Publikum  macbte;  wir  werden  endlicb  aucb 
anfangen  kônnen,  die  Principien  und  einzelnen  Motive  zu  errathen, 
nacb  denen  die  Scbriftsteller  fur  bestimmte  Werke  bestimmte  Einzel- 
rollenumfange  dem  Publikum  gegenûber  fur  opportun  hielten. 

Wir  bescbr&nken  unsren  Ueberblick  bierbei  yorlâufig  auf  die 
secbs  bis  sieben  Jabrbunderte,  in  deren  Centrum  das  augusteische 
Zeitalter  stebt.  Die  Nicbtberûcksicbtigung  der  eigentlicb  classiscben 
Yoralexandriniscben  Zeit  muss  ein  spâterer  Zusammenbang  zu  recbt- 
fertigen  versucben.  Ëine  kurze  Cbarakteristik  der  Bucbtermini  aber 
Boll  unsre  nâcbste  Aufgabe  sein. 


ERSTES  KAPITEL. 

Die  Bnchterminologie. 


Uas  Princip  der  Buchtheilung,  das  sâmmtliche  grôsseren  Werke 
der  antiken  Litteratur  beberrscht,  erbte  sicli  zum  Theil  auf  die  ge- 
lehrte  Schriftstellerei  des  Mittelalters  weiter,  auf  diejenige  nâmlich, 
welcbe  aucb  in  der  Form  eine  Anlehnung  an  das  Alterthum  nicht 
aufgab.  In  der  Natur  des  mittelalterlicben  Bucbes,  des  Pergament- 
oder  des  Papiercodex,  war  dasselbe  indess  nicbt  begrûndet;  die 
eigentlichen  Nationalwerke  der  neu  in  die  Cultur  eingetretenen 
Yôlker  ignoriren  es  darum,  iind  erst  die  Renaissance  machte  aucb 
bei  ibnen  jene  Tbeilung  wieder  zu  etwas  Gelâufigem.  Die  Bûcher 
der  Florentiniscben  Geschicbte  Macbiavell^s  oder  des  Schiller^schen 
dreissigjâhrigen  Erieges  entsprechen  auch  râumlich  denen  des  Thuky- 
dides;  die  des  Rasenden  Roland,  des  verlorenen  Paradieses  oder  der 
Messiade  sind  nacb  den  Yergiliscben  abgemessen.  Dièse  Tbeilung  ist 
nicbts  weiter  als  eine  Tbeilung  nacb  dem  Sinn.  Sie  kam  ausserdem 
einem  natûrlicben  Yerlangen  nacb  gelegentlicben  Rubepunkten,  der 
Scheu  Yor  dem  Grenzenlosen  entgegen^). 

Unsre  Terminologie  ist  dadurcb  verwirrt  worden.  Wir  nennen 
jeden  Band  aucb  ein  Bucb;  allein  wir  konnen  aucb  ein  mebr- 
bândiges  Werk  in  eine  Mebrbeit  von  Bûcbem,  und  zwar  so  zerlegen, 
dass    Bucb    und    Band    nicbt    coincidiren.     Jeder    Band    kann    in 


^)  AU  ein  einleuchtendes  Beispiel  unter  vielen  fûr  letzteres  Motiv  mag 
der  liber  sextus  des  Corpus  iuris  canonici  angeftihrt  werden,  der,  von  Bonifaz 
dem  Achten  hintugefQgt,  so  anschwoll,  dass  er  in  fQnf  Bûcher  zerlegi 
worden  ist. 


J2  —  I^>®  Buchterminologie.  — 

Bûcher  zerfallen.  Die  Buchtheilung  kann  die  Bandtheilung  durch- 
kreuzen.  Weit  entfemt  identisch  zu  sein,  entspricht  der  Band  bloss 
râumlicher  Rûcksicht,  das  Buch  einem  logiscben  Ordiiungstriebe  : 
das  letztere  ist  uns  nur  ein  tropiscber  Ausdruck  fur  xsffàXaiOV. 

Dieser  abstracte  Buchbegriff  scbeint  modemisirte  Antike,  aber 
er  ist  zugleicb  missyerstandene  Antike. 

Fur  die  alten  Tbeilbegriffe  fi$fiUop  und  liber  ist  die  nâmlicbe 
Zweiseitigkeit  wie  fur  den  modemen  nicbt  nacbzuweisen.  Sie 
erscbeinen  yielmebr  gleicbwerthig  mit  dem  modemen  Band,  ent- 
sprecben  lediglich  einer  Raumtbeiiung,  imd  es  muss  fur  die  seltsame 
Tbatsache  ibrer  abstracten,  unraumlicben  Auffassung  die  Entstebung 
in  jener  grôssten  Umwâlzung  gesucbt  werden,  welcbe  das  Bucb- 
wesen  jemals  erfabren  bat,  in  jener  Zeit,  als  die  tausendjâbrige  Ge- 
wobnbeit  des  Rollens  Yon  der  gleicb  tausendjâbrigen  des  Heftiens 
abgelost  wurde,  als  der  gerâumige  Pergamentcodex  die  scbmâcbtigen 
Fapyrusvolumina  yerscblang. 

Der  Terminus  codex,  griecbiscb  têtfxoç  kommt  im  classiscben 
Altertbum  fur  litterariscbe  Werke  nicbt  Yor.  Die  frûbesten  Aus- 
nabmen  soUen  besprocben  werden,  wo  Yom  Scbreibmaterial  insbe- 
sondere  gebandelt  wird  ^).  Der  Codex  setzt,  wie  aucb  das  DeminutÎY 
codicillus,  meistens  anderes  Material  als  die  cbarta  papjracea  Yoraus. 
Fur  die  rômiscben  Juristen  war  es  streitig,  ob  ein  Codex  oder  Codicill 
sicb  ûberbaupt  als  liber  bezeicbnen  lasse'). 

Die  bei  weitem  gebrâucblicbste  Benennimg  bei  den  Griecben 
und  zugleicb  die  alteste  ist  fiifiXoç,  womit  das  DeminutiY  fiêfiiSoy 
gleicbwerthig  gebraucbt  wird.  In  dem  hâufig  zu  belegenden  fivfiXoç 
sowie  dem  minder  hâufigen  fivfiUov  ist  ein  altérer  Yocalismus  an- 
zuerkennen  ^.    Die  Etymologie  und  erste  Bedeutung  dièses  wichtigen 


>)  8.  Kap.  II  med. 

')  Von  Ulpian  (Dig.  32,  52)  wird  eine  bejahende  Entscheidung  des  Gaius 
CassiuB  auf  dièse  Frage  angefDlhrt  und  acceptirU 

')  So  urtheilt  schon  Aelius  Dionysius  (Eustath.  z,  Odyss.  p.  765,  38).  Die 
Ueberlieferung  des  Herodot  und  des  Folyb  giebt  ausschliesslich  oder  vorsugs- 
weise  fivfikoç;  vgl.  Schweighftuser,  Lezicon  Herod.;  das  Deminutir  fivfikioy 
steht  où,  in  Kavennas  des  Aristophanes  (vgl.  bes.  VGgel  t.  970  ff.),  bei  Isokrates 
p.  86D    im    Urbinas,    in    den    Herculanensischen    BoUen    (s.  B.  Comparetti, 


—  fiifXoç,    fiêfilioy,     liber.  —  13 

Wortes  ist  nicht  bekannt;  sollte  es  ein  Lehnwort  sein,  so  wâre 
damit  fur  das  Yerstândniss  der  Wortbedeutung  noch  nichts  gewonnen. 
Die  Aegypter  nannien  die  RoUe  tamà  oder  tamaà^)y  ob  nacb  der 
Form,  ob  nacb  dem  Scbreibstofif,  bleibt  fraglicb.  Ausser  Frage  stebt 
aber  jedenfalls  fur  den  griecbischen  Namen  die  s,  dass  er 
bergenommen  ist  von  dem  Schreibstoff,  aus  dem  das 
Bucb  bestand;  das  Material  der  Papyrusstaude  beisst  eben  nicbt 
nur  TcànvQOÇ^t  sondem  ebenso  aucb  fivfiXoç^i  sowie  man  also  die 
Scbiffsseile,  die  aus  den  robesten  Fasem  jener  Staude  gefertigt  wurden, 
fififiloê  nannte,  ganz  ebenso  ist  aucb  das  Bucb  der  Griecben  zu 
seinem  Namen  gekommen. 

Wir  seben  uns  genôtbigt,  gleicb  bier  anzumerken:  wâre  dies 
«Bucb*  nicbts  anderes  als  der  Abscbnitt,  das  Kapitel  eines  Werkes 
gewesen,  so  wûrde  imbegreiflicb  bleiben,  dass  es  seinen  Namen  von 
einem  Scbreibstoff  empfangen  bat. 

Bei  den  Romem  vertritt  liber  den  griecbiscben  Terminus.  Aucb 
liber  ist  kein  Abstractum,  es  bedeutet  wiederum  ein  Material,  freilicb 
eigentlicb  nur  den  Baumbast,  welcber  nacb  der  —  yielleicbt  nur 
bypotbetiscben  —  Darstellung  der  romiscben  Antiquare   einer  un- 


Pap.  Erool.  inedito,  Torino  1875,  Col.  III);  endlich  und  vor  allem  auf  Inschriften 
X.  B.  :  C.  L  6.  3641  b  (Add.)  t.  62  ô  yQa/n/narfvç  r^ç  nolitaç  tlç  fivfilioy;  Ephémer. 
arefaéolog.  d'Athènes  N.  855:  rtav  fivfiXitay  àyâd'iffiy  inoifiaaio  ;  fivfikoç  steht 
CL  6.  13311;  4744  (cf.  Add.  III  8.  1204);  6186;  bybliotheca  Orelli  No.  40. 
—  Nach  Scbanz  (éd.  Plato^  VU  S.  YI)  bat  der  Clarkianus  Platoa  zweimal 
pifiXaç,  Eweimal  fiifiXoç,  dagegen  10  Mal  fiêfikia  und  nur  zweimal  fivfikUt.  Im 
Deminutir  drang  der  lotacismus  leichter  und  frûher  durch  unter  dem  assimi- 
lirenden  Einfluss  der  zweiten  Silbe.  —  Finten  der  Grammatiker,  die  die  Sache 
nieht  treffen,  sind  Unterscheidungen,  wie,  daas  die  Pflanze  mit  v,  das  Bucb 
mit  ft  zu  schreiben  sei  (Bustath.  p.  633,  16),  oder  Etym.  Magn.  p.  216, 40: 
pvfiXioy  liytnu  ro  nyqatpoy  oloy'  ini  ro  fivpXioy  trov  nâyra  yQtxfferat  (Psalm 
138,  5)'  âfiXoyon  âyçafpoy'  fiifikloy  de  yfyqafifAéyoy,  oder,  nach  dem  Dialect, 
Moeris  fiêfiXia  âm  rov  i  (ûç  nXaTtoy  àmxœç,  fivfiXia  toç  Jff/uocS'éyfjç,  xotyôiç; 
dasn  Pearson  aus  einem  andren  Granmiatiker  :  âtà  rov  l  àruxiàç,  dià  de  tov 
V  *l€attSç,  Herodian  (II  482  Lentz)  schreibt  i  vor. 

1)  VgL  Brugsch,  WOrterbuch  8.  1696;  Zeitechr.  f.  &g.  Sprache  XIV  S.  2. 

*)  So  beiHerodot,  II 92,  beiAeBch7losSuppI.761  ;  Theophrast  nennt  dagegen 
daz  Mark  der  Ttânvçot  speciell  fifikoÇf  was  Plinius  getreu  mit  liber  ûbersetzt  (unten 
Kap.  y  init.);  TgL  aucb  Plato,  Polit  288  E:  q^tXXôiy  xai  fiifiktay  xai  â^/noty. 


14  —  I^î®  Buchterminologie.  — 

cultiyirteii  prâhistorisclien  Période  genûgt  batte;  er  gab  nacb  der 
Adoption  des  âgyptiscb-griecbiscben  Bucbwesens  seinen  Namen  an 
die  PapyrusroUe  ab,  deren  Fasergewebe  mit  Bast  doch  nicbts  mehr 
zn  thun  batte.  Man  entging  mit  dieser  Uebertragung  der  Nôtbigung, 
ein  Fremdwort  einzufîibren  fur  einen  Gegenstand  tâglicben  Crebraucbes. 
Aeussere  Aebnlicbkeit  des  Bastes  aber  mit  der  fertigen  cbarta  wird 
anerkennen,  wer  selbst  solcbe  cbarta  antiker  oder  aucb  nur  modemer 
Fabrikation  geseben  bat.  Es  mag  bier  erwâbnt  werden,  dass  in 
einer  alten  Glosse  dièse  Aebnlicbkeit  geradezu  ausgesprocben  ist 
(iptkvQa  (pVToy  sxov  (pXo$oy  fivfiXoii  na7ïVQ[iy](a  5fio$ov,  Pbotius,  ygl. 
Suidas,  s.  t.),  wesbalb  denn  aucb  z.  B.  in  dem  Inventarium  einer 
Bûcbersammlung  Avignon^s  aus  dem  14.  Jabrbundert  ein  unlesbar 
gewordenes  Papyrusdiplom  cbarakterisirt  worden  ist  als  ,,quidam 
rotulus  de  corticibus  arboris,  scriptus  litteris  quasi  illegibilibus'^ ^). 
Mit  Cortex  sind  eben  im  Mittelalter  die  Reste  der  Papjrusband- 
scbriften  bâufig  verwecbselt  worden'). 

Anscbaulicber  redet  das  volumen,  die  Rolle.  Dièse  Bezeicbnung 
ist  von  den  Romem  erfunden  imd  fur  liber  seit  Comifîcius  und  Cicero 
ganz  nacb  Belieben  eingetreten,  sowie  z.  B.  Ovid  seine  funfzebn 
Bûcber  Yerwandlungen  als  dreimal  funf  RoUen  aufPubrt  und  âbn- 
licbes  in  unzâbligen  Beispielen.  Da  die  Yorstellung  des  CreroUten, 
Gewundenen  fiir  das  volumen  im  classiscben  Spracbbewusstsein  nie 
und  nirgends  verloren  ging  (so  spracb  man  ja  aucb  Yon  den  volumina 
der  rollenden  Wellen  oder  einer  aufsteigenden  Raucbsâule  und  nocb 
ein  Sidonius  ApoUinaris*)  von  den  corpora  voluminosa  der  Scblangen), 
so  ist  das  Yorkommen  dièses  Bucbterminus  jedesmal  als  direktes 
Zeugniss  fur  die  classische  Bucbform  anzuseben. 

Ausnabmen  finden  sicb  erst,  als  der  Codex  berrscbte.  Die 
affektirte  Spracbe  Justinians  nennt  die  Gesammtbeit  seiner  Pandekten 
allerdings  statt  codex  gelegentlicb  zur  Abwecbselung  aucb  totum  di- 
gestorutn  volumen  (const.  tanta  8,  ebenso  const.  deo  auctore  2);  so 
wie  wir  weiterbin  im  neunten  Jabrbundert  von  tonU  viginti  m  t?o- 

^)    Inrentar    des    Palatium    apostolicum    vom    Jahr  1366,    bei   Muratori 
Bd.  VI  S.  76;  vgL  Marini  Papiri  diplom.  S.  222. 
')  Wattenbach,  Schriftw.  S.  89  ^ 
«)  Cann.  9,  76. 


—  Volnmen.  —  25 

lumme  (=  codice)  uno  hôren').    Dem  steht  jenes  spâte,  aber  wicb- 

tige  Epigramm   gleich,  ûberliefert  im  Parisinus  13  026  des  neunten 

oder   zc^ten  Jahrbunderts  (Riese  Anth.  Lat.  N.  717)  das  als  £r- 

ôffiiung    einer   Yergilbandscbrift   gedacbt   îst   und    aile  Bucber   des 

Dichters  als  ein  einziges  Yolumen  aufiPûhrt: 

Doctiloqai  earmen  rucUtum  fonte  Maronis 
Bis  senis  nameri  florentes  milibns  expient^ 
Et  super  hos  octingentis  septem  qaadraginta 
VersibuB  adiunctis  concluditur  omne  rolumen. 

So  beisst  aber  auch  scbon  dem  Sidonius  Apollînaris  in  dicbteriscber 

Spracbe  die  Odyssée  Smymae  volumen  (IX  145). 

Dagegen   werden   wir    es  wobl  nocb  als  blosse   Nacblâssigkeit 

oder   Ignoranz    zu    betracbten    baben,    wenn    wir   einmal  in  einem 

Privatbrief  Yom  Jahr  400  n.  Chr.  lesen'):  Sanctus  aUquis  ex  fratribus 

êchedulas    ad  nos    cumadam  (das    ist  Rufini)    detidit,    quae  Origenis 

voiumen  quod  tkqï  a^cov  inscribitur  in   latinum  sermonem  conversum 

tenerent;  des  Origenes  Bucber  nëçl   àqxâv   waren    in    Wirklicbkeit 

Tiere.    Und  aucb  in  der  Vorrede  des  Orosius  zu  den  sieben  Bûcbem 

seiner  Historiae    aus    dem  Jabr  418  ad    Augustinum,    woselbst  es 

beisst:  praeceperas  ergo,  ut  ex  omnibus  . . .  f astis  quaecumque  ...  re- 

perissem,  ordinato  breviter  volurrmds  textu  explicarem  ist  wobl  nicbt 

nôthig  Yon  der  strengen  Wortbedeutung  abzugeben;    denn  Orosius 

giebt  bier  nur  den  von  Augustinus  gewollten  Plan  seines  Gescbicbts- 

werkes;   Augustin  konnte  so  wie  zur  Eûrze,  so  aucb  zu  einer  ein- 

zigen  Bucbrolle  geratben  baben:   was  er  woUte,  war  nur  eine  com- 

pendiôse  Erganzung  zu  dem  bistoriscben  dritten  Bucbe  der  Civitas 

dei.     So  liefert  denn  aucb  Hieronymus,    fur   die   Bucbterminologie 

wobl  der  ausgiebigste  Scbriftsteller,  nocb  kein  sicberes  Beispiel  fur 

Gleicbsetztmg  von  codex  imd  volumen^),   Ulpian  redet  scbarf  genug, 


1)  Mon.  Genn.  SS.  II  8.  297.    Wattenbach  a.  a.  0.  S.  125. 

*)  Ueber  die  Lesung  dieser  Zeile  vgl.  unten  Kap.  IV. 

*)    Brief  des  Pammachius  und  Oceanus  an  Hieronymus  (Hieron.  epist.  83). 

*)  Hieron.  de  Tir.  illustr.  cap.  54  haben  die  Worte  in  unum  congregaret 
[volumen]  Interpolation  erfahren,  wie  der  griechische  Text  zeig^  und  Hand- 
schriften  bestfttigen  (rgl.  éd.  Migne  Tom.  II  S.  666  Note  f).  Die  Stelle  in  der 
sweiten  praefatio  in  librum  Paralipomenon  fin.  darf  nicht  sprachwidrig  gedeutet 
werden,    wo  Hieronymus    an   Domnio    und  Bogatianus  schreibt  (Martianay  I 


Ig  —  Die  Buchterminologie.  — 

nur  Yon  Yolumina,  welcbe  in  cocKcibus  (<L  b.  abscbrîfUicb)  sich  be- 
finden^)  und  bebandelt  die  Bucbform  des  volumen  ûbrigens  als  den 
principiellen  Gregensatz  zu  der  des  codex*).  Wie  anscbaulicb  yerbindet 
dagegen  funfizig  Jabre  firuber  Gellius  beide  Termini  der  Rômer,  wenn 
bel  ibm  ein  starkes  Bucb  ein  Uber  grandi  voluminê  beisst  (N.  A.  JLIV 
6,  1);  nicbt  weniger  anscbaulicb,  als  wenn  Martial  (X,  17)  sicb 
aufbâlt  ûber  die  Lektûre  der  longi  UbdU  memorum,  Yon  einem 
^langen*^  Band  oder  codex  wûrden  wir  nicbt  reden  konnen;  aufge- 
rollt  batten  jene  libeUi  eine  ûbermâssîge  Lângendimension  von  der 
ersten  zur  letzten  pagina.  Und  im  Gegensatz  bierzu  kann  denn  ein 
dûnnes  Bucb  aucb  hrevis  charta  beissen  (Martial  II  1).  So  giebt 
sicb  nocb  des  Rutilius  Namantianus  erstes  Bucb  ans  dem  Jabr  416 
deutlicb  als  Rolle  zu  erkennen,  wenn  es  im  Hinblick  auf  seine  Dfinn- 
beit  als  Uber  non  muîta  volumma  paesue  bezeicbnet  wird*). 

Dass  in  den  Interpretamenta  der  Handscbrift  306  von  Montpellier, 
einexn  Werk,  das  nacb  Boucberie^s  einleucbtender  Combination  auf 
Julius  Pollux  und  etwa  auf  das  Jabr  200  zurûckgebt,  %6V%oç  mit 
volumen  ûbersetzt  werde,  ist  durcbaus  unsicber,  da  an  der  betref- 
fenden  SteUe  offenbar  eine  Yerwirrung  stattgefunden  bat.  Es  folgen 
sicb  (Notices  et  Extr.  des  Mss.  XXTTI  2,  S.  447)  : 

ogd'oata'njç  librarius 

fivfikiOfpOQtop        serenium 

Tsvxoç  arma  volumen 

OtOèXêVTfjÇ  .... 

Ofi<faXoç  umbilicus 

Der    (ftoèxêvt^ç    (elementarius)    stebt,     17    Stellen    frUber,     scbon 


8.  1418):  mm  librum  benevolis  placiturum  ....  Uàicunque  ergo  tuterisoos 
id  est  itellas  ^  radiare  in  hoc  voluminê  videriiis^  ibi  sciatis  de  Hebraeis  ad- 
ditum  guod  in  latinis  codicihus  non  habetur.  Ubi  vero  obelus  . . .,  signatur 
qvid  septuaginta  interprètes  addiderint  ...  licet  in  Hebmeis  voluminibus 
non  legcUur.  Hier  ist  volumina  zur  Abwecbslang  gesetsti  ohne  mit  codices 
identisch  zu  sein.  Auch  die  in  Codiees  enthalteDen  rolumina  liessen  sich  ja 
immer  noch  als  solche  bezeichnen.  Aehnlich  auch  Epist.  119,  12:  quod  m 
laUnis  codicibus  legitur  ...  in  graecis  voluminibus  non  haberi,  — 

^)  Digest.  a.  a.  0. 

^  Ygl.  unten  Kap.  IL 

*)  Ygl.  unten  Kap.  II. 


—  Liber  nnd  Volamen  identisch.  —  \1 

einmal.  Bas  Wort  ift  hier,  nachdem  es  geschrieben  war,  zwischen 
zrrei  Linien  gestellt  und  ohne  Interprétation  geblieben;  eingedrungen 
ist  es  yielleicht  in  Anklang  an  tsvxoç.  Ausserdem  aber  steht 
Ofêgialoç  auf  Rasur  und,  es  stand  hier  anfangs  nach  Boucherie^s 
Zengniss  ein  andres  Wort  Die  Anreihung  des  umbilicus  aber 
erweist  das  fur  das  zweite  Jahrhundert  Selbstverstandliche,  dass  hier 
Rollenbuchwesen  vorausgesetzt  ist  ;  nun  muss  aber  auffallen,  dass  in 
diesem  ganzen  Abschnitt,  der  tïsqI  didatfinaXsiov  handelt,  ailes  an- 
dere,  nur  aber  das  §i§Xiov  selbst  nirgend  verzeichnet  wird!  Anf 
%ëV%oç  arma  —  eine  unerwartete  Uebersetzung*)  —  folgte  gewiss  ur- 
sprunglich  fivfiXiop  volumm,  Ëben  dies  fivfiUop  war  vermuthlich 
anCangs  an  Stelle  von  ofJKpaXoç  geschrieben;  bei  dessen  Tilgung  wurde 
volumen  falschlich  neben  arma  gerûckt. 

Also  volumen  wird  mit  liber  standig  identisch  gesetzt,  und  ein 
dickes  Buch  ist  darum  ein  liber  grandi  volumme,  ein  diînnes  heisst 
hber  non  multa  volumina  passus,  Wir  sind  berechtigt  im  Yerfolg  das 
lateinische  Uber  nach  Belieben  auch  gradezu  mit  „Rolle^  zu  ûber- 
setzen. 

WoUen  wir,  um  dièse  BuchroUe  als  Trâgerin  der  classischen 
Litteraturwerke  nachzuweisen,  auch  das  Hâssliche  nicht  verschmahen, 
so  mag  hier  an  die  zwei  libri  Câsar^s  gegen  Cato  erinnert  sein. 
Dass  es  deren  zwei  waren,  wissen  wir  auch  sonst');  dièse  Bûcher, 
die,  anscheinend  besonders  umfangreich,  noch  dem  Juvenal  vorlagen, 
haben  diesem  Satiriker  VI  338  zu  der  hyperbolischen  Vergleichung 
penem  maiorem  quam  sunt  duo  Caesaris  Anticatones^  dienen  mûssen. 

Deutlich  auch  ist  Plinius  Ëpist.  II  1,  8;  der  alte  Yerginius  Rufus 
ûbt  seine  Stimme  mittelst  lauten  Lesens  zu  rednerischem  Zweck;  zu- 
fiDig  ist  das  Buch,  das  er  sich  zum  Lesen  hatte  geben  lassen,  starker 
und  Bchwerer  als  gewohnlich  (liber  grandior)  ;  es  entgleitet  dem  Ste- 
henden;  dieser  sucht  das  Buch  zusammenzusammeln  (coUigit) 
und  folgt  ihm  zu  diesem  Zweck  nach  (seqiiitur),  wobei  sein  Fuss 
ausgleitet  und  er  hinstûrzt.    Wer  sieht  hier  das  Rouleau  nicht  sich 


^)  8ie  wird  Kap.  II  ihre  Besprechnng  finden. 
>)  Saeton  Caes.  36. 

')  Gemeint  ist  wohl,  wenn  man  aie  aufeinanderstellt. 
BIrt,  BncbweMD.  2 


j[3  —  ^i®  Bnehterminologîe.  — 

auflôsen,  hemiederfliessen ,  mit  seiner  ganzen  Lange  in  wirrer  Un- 
ordnuDg  den  Estrich  bedecken?  Seine  aufgelôsten  Windungen  sind 
es,  denen  der  ,,Sammelnde^  ,,naclifolgt^. 

Die  Rollennatur  der  fivfiXoç  erhellt  z.  B.  auch  ans  Herodot's 
Bericht,  wo  der  âgyptische  Priester  ^um  die  Hôrner*'  des  Opfer- 
thiers  ^ein  Buch  roUt^^).  Es  war  dies  anscheinend  ein  unbeschrie- 
benes. 

Dementsprechend  musste  nun  natûrlich  auch  der  antike  Léser 
statt  des  Aufscblagens  das  Buch  yielmehr  abrollen,  wofôr  die  ûb- 
lichen  Ausdrucke  sind  àpêXkfcfeiv,  ayetlsTy*),  auch  einfaches  éXUHffêp, 
sïleiv  oder  slleîp*),  evolvere,  revolvere,  volvere.  Nach  Lukian's 
Schilderung  (32,  9)  roUt  wâhrend  des  Lesens  die  rechte  Hand  Seite 
fur  Seite  ab,  die  Linke  aber  gleichzeitig  das  Gelesene  wieder  zu- 
sammen:  fitfiiiov  iv  xoXv  x^ço7y  eïx^v  iç  âvo  dvvs^XfHkévov ,  xai 
imx€t  to  (âSp  %h  àpayvùi(f€(fd'a$  avvov,  xo  âè  i^âii  weyyœxéyaê] 
und  zwar  las  man  sitzend  (Xenoph.  Symp.  4,27  ;  Cicero  De  fin.  III  7  ; 
Tacit.  Dial.  3;  Lukian  17,26).  Abbildungen  wie  auf  der  Vase  des 
Duris  (ygl.  Michaelis,  Archâol.  Ztg.  YI  S.  If.,  Tfl.  I)  illustriren  dies 
sehr  schon. 

WoUte  der  Léser  einen  Buchtheil  bei  seiner  Lecture  fiber- 
schlagen,  so  geschah  dies  gleichfails  durch  Abrollen  desselben  und 
WiederzusammenroUen  in  der  linken  Hand:  dies  hiess  convolvere 
partem  kistorioê*).  Hatte  man  ein  Buch  bis  zu  Ende  gelesen,  so 
batte  man  es  bis  zum  Ende  abgeroUt:  dies  nannte  man  revolvere 
Ubrum  ad  extremum^)  oder  aber  Ubrum  explicare,  Jenes  expUdt, 
das  uns  die  mittelalterlichen  EEandschriften  classischer  Texte  an  den 


^)  Herod.  II  38:  afifiaivita^  fivfikifi  tuqI  rà  xtQia  iiliccoiy  xal  inêna 
y^y  oijfÂayTQiâa  inmkaaaç  intfiâiJiêt  roy  âccxrùktoy, 

*)  àytenrvcaë&y  bei  Herod.  I  48  u.  125  scheint  vom  Oeffoen  eines  gefftl- 
teten  Briefes  ftof  Charta  gebraucbt;  vgl.  Herodian  I»  17  1  :  yQttfAfAaxHa  inrvff- 
fàiya;  Evang.  Lucae  4:  ntiÇaç  xai  àyanrviaç. 

')  ikioany  von  einem  Bach  Hesiod's  bei  Marcus  Argentarios  Anth.  Pal. 
IX  61;  ein  Anonymas  ebenda  IX  540:  fàii  raj^vç  ^HgaxUitov  in*  6fA(f>(tkoy 
êXktê  fiifikoy, 

*)  Seneca  contror.  5  (10)  prooem.  8. 

*)  Plin.  epidt.  V  5,  5. 


—  Dm  Aof-  nnd  ZuroUen.     BlxpUcU,  —  19 

Buchschlûssen  zu  notiren  pflegen,  ist  nichts  als  ein  Nachklang  der 
antiken  Gewohnheit,  nach  welcher  der  Buchschluss  ein  AusroUen 
oder  ZuenderoUen  des  Bûches  war.  In  der  Gnindanschauimg  fur 
pUcare  (^biegen^)  liegt  weniger  das  Falten  als  das  Rollen  enthalten^). 
Und  dies  Yerbum  simplex  selbst  finden  wir  daher  zweimal  wie 
oompUcare^)  vnà  repUcare^)  auf  Buchrollen  angewendet.  Beim  Seneca 
(Epist.  95,2)  ist  es  eine  kistoria  ingens,  minutisstme  scripia^  arti^sime 
pUcatay  mit  der  ein  Recitator  yor  sein  Auditorium  tritt.  Es  handelt 
sich  um  das  Origînabnanuscript  des  Autors;  anscheinend  war  dies 
eine  PapyrasroUe;  sie  war  eng  und  straff  um  ihren  Umbilicus  ge- 
wickelt.  Ebenso  lâsst  Martial  (lY  82)  dem  Venuleius  durch  den 
Rnfus  zwei  seiner  Gedichtbûcher  zustellen  und  fûgt  den  Ratb  hinzu, 
ilin  Yoriâufig  nur  eines  lesen  zu  lassen: 

Si  nimis  est,  legisse  duos,  tibi  charta  plicetur 
Altéra.     Divisum  sic  brere  fiet  opus. 

Der  Sinn  ist:  convolvatur  tibi  Uber  aller  oder  convolutus  maneat, 

Ist  Martial  nun  am  Ende  einer  seiner  Buchrollen  angelangt,  so 

ist  sie  damit  ein  Uber  eapUcitus  usque  ad  «ua  comita*);  und  gestrenge 

Philosophen  wie  Demokrit,    Zeno  und  Plato,    die  man  nicht  liest, 

heissen  fur  denselben  Hedoniker  dagegen  inexpUciti^),     So  braucht 

Bchon  Cicero  das  expUcare  volumen^)  wie  spâter  Orosius^).   Martiales 

yierzehntes  Buch  besteht  durchgehends  aus  zweizeiligen  Epigrammen, 

und  er  trôstet  also  seine  ungeduldigen  Léser  damit,  sie  kônnten  nach 

jeder  zweiten  Zeile  einen  Werkschluss  oder  das  Ende  des  Abrollens 

ansetzen  ^  : 


>)  Die  Schlange  bei  Vergil  Aen.  V  279:  plicans  se  in  sua  membra^  so 
wie  bei  Plin.  X  72  dracones  in  se  canvoluti,  Vgl.  Lncrez  VI  1085:  anelli» 
heanisque  plicata.  Daher  Cicero  im  Bilde  De  offic.  III  76:  complicatam  notio- 
nem  amnU  evolvere, 

^  Cum  cwnplicarem  epistulam  Cic.  ad  Qu.  fratr.  lii  1,  5. 

')  RepUcare  historias  veteres  annalesque  Hieronym.  Prolog,  ad  Dextrum 
(IV>  98  Mart.). 

*)  Martial  XI  108. 

»)  Martial  IX  47. 

^  Cic.  pro  Kosc.  Amer.  101  :  veniat  modo^  explicet  suum  volumen  illud, 

^)  Oroa.  V  fin.  :  Explicui  adiuvante  Ckristo. 

«)  Martial  XIV  1  B. 

2* 


20  —  I^io  Buchterminologie.  — 

Quo  vis  canque  loco  potes  hune  fin  ire  libellum. 
Versibus  explicitum  est  omne  daobns  opus. 

Der   Grammatik  bleibt  die  Entscheidung  anheimgegeben,   ob  jenes 

Buchschluss   anzeigende   explicit  der   mittelalterlichen  Handschriffcen 

(zuerst  erwâhnt  bei  Hîeron)inus  epist.  138)    durch    standige  abge- 

kilrzte  Schreibung  aus  diesem   von  Martial  so  typisch  yerweDdeten 

Particip  hervorging  (vgl.  z.  B.  die  Unterscbrift  unter  Priscian^s  achtem 

Bûche:  liber  VIII  de  verbo  explicitus  felicitery)  oder,  ob  expUcare  ein 

intransitives  expHcere  wie  fugare  einfugere  neben  sich  batte*).   Jeden- 

falls  îst  dasselbe  als  ein  Rest  ait  classiscben  Spracbgebraucbes  un- 

seren  Satz,  dass  das  Bucb  als  Werktheil  RoUe  war,  scbon  fur  sich 

allein  zu  erweisen  geeignet'). 

Indess  kann  nun  ^$§Xiov  auch  den  Brief  bezeichnen,  obschon 

derselbe  nicht  nur  gerollt,  sondem  auch  unter  einem  Siegel  gefaltet  sein 

konnte;   dies  erklârt  sich  leicht  genug,  da  ja  in  dem  Worte  eben 

nicht  die  Bedeutung  einer  bestimmten  Buchform,  sondem  nur  die 

eines  bestimmten  Materiales  liegt.     £s  ist  somit  fivfiUoif  nur  der 

Brief,  der  auf  Charta  geschrieben  wurde;    weiter  aber  konnte  auch 

jedwedes  Blatt   dieser  Charta  den  gleichen  Namen  fuhren,   das   zu 

sonstigen  Schreibzwecken,  wie  zu  Kaufcontrakten ,  zum  Conte  u.  a. 

yerwendet  wurde.    Durch  die  âgyptischen  Papyrusfunde,  wie  die  des 

Serapeum's  zu  Memphis,  werden  uns  dièse  Art  von  fi$fiUa  im  Dienste 

der  Privatskriptur  vergegenwârtigt.    £s  bat  den  Anschein,  als  ob  auf 

sie,   abgesehen  von  der  Dichterstelle  Aeschyl.  Suppl.  947,  nur  das 

Deminutiv,  nicht  aber  die  Form  fivfiloç  angewendet  worden  wâre. 

Ja,  Herodot's  Sprachgebrauch  sondert  fitfiXiop  als  Brief  (I  123 — 125; 

m  40;  42;  128;  V  14;  VI  4)  planvoU  von  fivfiXoç,  das  an  keiner 

Stelle  anders  denn  als  yollstândige  Buchrolle  verstanden  zu  werden 


^)  Ein  Faar  andere  Beispiele  fùr  explicitus  bei  Du  Cange  s.  ▼.,  auch  bei 
Brissonius  de  verb.  sig^îf.  s.  v.  Die  Form  expliciurU  wûrde  danach  wesentUch 
jÛDger  und  miBBTerst&ndliche  Analogiebildung  sein. 

')  So  Bûcheler  mQndlich. 

')  Einmal  scheint  Martial  dasselbe  Yerbum  auch  auf  tabulae  oder  codi- 
cilli  EU  fibertragen,  VIII  44:  centum  explicentur  paginae  calendarum;  dass 
auch  hier  indess  an  eine  Rolle  zu  denken  ist,  seheinen  die  Termini  bei  Seneca 
Epist.  87,  7  :  nmgnus  kalendarii  liber  volvitur  zn  erweisen. 


—  Der  Brief  fitfikiov,  nicht  liber,  —  21 

braucht  (Il  38;  200;  V  58).  Daber  wird  beim  Suidas  definîrt  ^i^lXov* 
il  inunoXij.  Dabingegen  sind  nicbt  aucb  Scbreibereien  auf  anderem 
Material,  wie  auf  Wacbstafeln  fivfiUoif  genannt  worden;  wenîgstens 
ist  mir  ein  Beispiel  dafûr  nicbt  bekannt;  beim  Demostbenes  S.  1283 
ist  das  fitfiUâtov  (juxqop  ndvv^),  da  es  vom  yçafifiatsiâtov  unter- 
acbiedeu  wird,  mit  Sicberbeit  von  einem  oder  mebreren  Papyrus- 
blâttem  zu  versteben. 

Nocb  weniger  als  fivfiloç  scbeint  liber  fur  den  Brief  gebraucbt. 
Das  ^scbwere  Bucb^  beim  Nepos  (VI  4,  2),  das  Pbamabazos  auf 
Bitten  Lysander^s  an  die  Ëpboren  ^^mit  yielen  Worten^  scbreibt,  soll 
eine  ganze  Eriegsbescbreibung  enthalten  und  ist  als  complètes  Bucb 
gedacbt,  welcbes  als  Privatzuscbrift  allerdings  zugleicb  versiegelt 
werden  muss*).  Lebrreicber  sind  jene  ,,Bûcber  von  Originalbriefen**, 
aos  denen  sicb  Cicero  (Yerrin.  m  167)  einen  Brief  des  Vettius  an 
Carpinatius  aussucbt:  Utteras  . . .  quas  ego  Syractma  apud  Carpinatium 
in  Utterarum  aUaiarum  Ubris,  Bornas  in  litterarum  missarum  . . .  inveni. 
Hier  beisst  nicbt  etwa  der  Einzelbrief  liber,  sondem  viele  empfangene 
Brief e  wurden  offenbar  zu  mebreren  Ubri  zusammengelegt;  d.  b.  man 
pflegte  offenbar  die  Briefe  in  den  Privatarcbiven  zur  Aufbewabrung 
in  Conyolute  zusammenzubinden ,  wie  es  aucb  wobl  nocb  beut  ge- 
scbiebt,  und  lU>er  lâsst  sicb  nur  als  solcbes  Conyolut  ûbersetzen. 
Ganz  ebenso  bat  Cicero  (ad  Att.  IX  10,  4)  ein  volumen  epistulamm 
des  Atticus  beisammen  und  sub  signo;  ein  nocb  bezeicbnenderer 
Ausdruck  dafur  ist  ,,Bûndel^,  fasdculus:  es  sind  Briefe  Verscbiedener, 
die,  Yon  Cicero  zu  einem  solcben  fasciculus  zusammengebunden,  ge- 
meinsam  durcb  Nasse  bescbadigt  werden  ad  Quint,  fr.  II  12,  4.  — 
Kaiserlicbe  Reskripte  endlicb  waren  in  ibrer  Form  nicbt  Brief,  sondem 
RoUenbucb;  daber  kann  ein  solcbes  liber  beissen;  dasselbe  wurde 
wobl  gamicbt  oder  nur  in  bescbrankter  Anzabl  yervielfôltigt  und 
kam  keinesfalls  in  den  Bucbbandel  (vgl.  Plin.  epist.  Y  13,  8). 

Der  Rômer  beliebte  aber  ausserdem  aucb  eine  deminutive  Be- 


1)  Vgl.  dftmit  Polyb.  24,  2,  5. 

*)  Es  heisst  hier:  petiit  a  Pkcarnabazo  ut  ad  ephoros  sibi  testimonium 
daret  quanta  sanctitate  bellum  gessisset  .  .  .  deque  ea  re  accurate  scriberet  .  . . 
Huic  ille  liberaliter  pollicetur;  librum  gravera  multis  verbis  conscripsit  eqs. 


22  —  ï^>®  Buchterminologio.  — 

zeicImuDg  des  Bûches,  zugleich  dem  fiifiUoy  uod  dem  fiifiXiâêoy 
entsprecbend.  Das  Wort  UbelJus  ist  aJlerdings  besonders  ausserhalb 
des  Gebietes  der  Litteratur  ûblicb  gewesen,  und  bezeichnet  hier 
technisch  ohne  jeden  nâher  bestimmenden  Zusatz  Chirographa  ver- 
schiedener  Art,  die  Elageschrift,  die  Supplik,  die  amtliche  Bekannlr 
machung  durch  Anschlag  oderVertheiJung  (vgl.  z.  B.  Sueton.  Caes.  41). 
Die  Wahl  des  Deminutivums  ist  von  der  kleinen  Buchform  resp. 
Blattform  herzuleiten,  die  hier  in  Anwendung  kam,  sei  es  eine  ein- 
zebie  Papjrusplagula,  sei  es  Wachstafe]  oder  Codicill. 

Aber  auch  litterarische  Erzeugnisse  konnten  in  demselben  Sinn 
als  Schriftstûcke  geringen  Umfangs  Libelle  heissen.  Zunâchst  heissen 
so  Pasquille  als  fliegende  Blâtter  schmâhenden  Inhaltes  und  meist  in 
metrischer  Form,  Monobibla  minimalen  Umfanges,  wie  man  sie  z.  B. 
anonjm  oder  unter  falschem  Namen  gegen  Octavian  richtete  und  in 
der  Curie  verbreitete,  auf  deren  Widerlegung  der  Angegriffene  sich 
einliess,  zugleich  aber  verfugend:  cognoscendum  posthac  de  iis  qui 
liheUos  aut  carmina  ctd  mfamxam  cuitispiam  sub  aHeno  nomme  edant 
(Suet.  Aug.  55). 

Endlich  ist  der  Terminus  auch  innerhalb  der  regulâren  Litte- 
ratur in  seinem  natûrlichen  Wortsinne  zur  Anwendung  gelangt.  Hier 
ist  ^libellus^  die  kleine  Buchrolle  und  darum  Yor  allem  das  6e- 
dichtbuch  (hieruber  vgl.  Cap.  VII). 

Es  verlohnt  eine  Reihe  von  Stellen  beizubringen.  Fur  Ovid 
sind  seine  Fasten  sechs  libelli  (Fast.  II  549),  seine  Tristien  fûnf 
libelli  (Trist.  V  1,  1);  derselbe  batte  die  uns  vorliegenden  drei  Bûcher 
Amores  vorher  in  fônf  libelli  edirt  (Amor.  epigr.  init.)  ;  er  bezeichnet 
als  libellus  ferner  seine  Ibis  (Ib.  v.  51  u.  641),  seine  Medicamina 
(Art.  am.  III  206),  seine  Remédia  (Rem.  v.  1),  als  drei  libelli  seine 
Ars  (Trist.  Il  1  u.  245  f.;  vgl.  Art.  III  47),  als  funfzehn  seine  Meta- 
morphosen  (Trist.  1 7,  19  u.  33).  'OXop  fiêfiUop  (vgl.  Cap.  Uî  fin.)  heisst 
daher  libeUm  totus  Trist.  I  11,  1.  V  1,  65;  vgl.  m  Hbellis  crescunt  pa- 
ginae  Trist.  V  9,  3.  Dieselbe  Bedeutung  bat  das  Wort  unstreitig  ex 
Ponto  IV,  22,  ebenso  Amor.  UI  12,  7.  Trist.  I,  1,  9.  UI  1,  71.  14  fin. 
rV  1,  1  u.  35.  V  1,  47.  7,  59.  9,  23.  ex  Ponto  I  5,  71.  8,  9.  IH  8,  21. 
IV  12,  25.  13,  9. 

Auch  bei  CatuU  ist  der  von  Calvus  geschickte  libellus  14,  12  ein 


—  Libellas.  —  23 

complètes  Gredichtbuch.  Die  Priapeen  fiîhreii  sich  ein  unter  dem- 
selben  Namen  (2,  1).  Properz  wiU  nach  seinem  Tode  mit  seinen 
très  HbdU  vor  die  Proserpina  treten  (vgl.  unten  Cap.  VIII).  Constant 
ist  dieser  Wortgebrauch  beim  Martial^);  auch  Statius  kennt  ihn 
(Silv.  IV  9  init.). 

Boch  ist  die  Identification  des  liber  und  Ubellus  gleichwohl  auch 
in  die  Prosa  eingedrungen.  Hieronymus  verwendet  beides  unter- 
schiedslosy  ebenso  schon  Pomponius  De  origine  iuris.  Wenîger  £Edlen 
uns  bei  einem  Dichter  wie  Martial  die  UbelU  mensorum  auf  (X  17); 
Tgl.  bei  Plinius  z.  B.  Epist.  VU  30,  5;  VIH  13.  In  altérer  Zeit  ist 
die  Bezeichnung  des  Prosabuchs  aie  libellas  anscheinend  eine  Selten- 
heit;  nur  ausnahmsweise  spricht  Cicero  (pro  Arch.  poeta  26)  von 
den  Ubeili  der  Philosophen  quos  de  contemnenda  gloria  scrihunt  und 
Ton  den  très  libeUi  de  iure  civiU  des  Brutus  (De  orat.  II  223).  Wahr- 
scheinlich  beabsichtigt  Cicero  hier  yerâchtlichen  Ton.  Unverkennbar 
ist  dieser  verachtliche  Ton  beim  Livius  XXEX  19,  12,  wo  dem 
Scipio  seine  griechische  Bildung  und  unter  anderm  die  Beschâfd- 
gung  mit  den  Bûchem  der  Graeculi  vorgeworfen  wird,  Ubeîlis  eum 
palaestraeque  operam  dare,  und  in  dem  Vortrag  des  Antonius  bei 
Cicero  De  orat.  I  94,  der  seine  Schrift  De  ratione  dicendi  ebenso 
nennt;  es  war  in  der  That  ein  Uber  sane  exilis  (Cic.  Brut.  163)'). 
Auch  das  Zwolftafelgesetz  las  man  als  Buch  oder  Bûchlein; 
offenbar  will  Cicero  auf  die  Eleinheit  desselben  hinweisen,  wenn  er 
rhetorisch  ausruft:  bibliothecas  meherctde  omnium  phUosophorum  unus 
mUd   videtur  XII  tabvlarum  Ubellus  .  .  .  superare    (De  or.  I  195); 


>)  Mit  Unrecht  wird  in  Martiftlis  liber  primas  éd.  Flach  (TQbingen  1881) 
gleich  in  der  ersten  Note  ftngemerkt:  „in  mets  libellis  eerte  de  carminibus  in- 
tellegendam,  non  de  libris'*  nnd  dann  viole  Martialstellen  ebenso  gedeutet;  sicher 
ist  die  Buchrolle  in  violon  Stellon  Martial's  gemeint  wie  II  6,  10;  IV  86,  2; 
89,  1;  n  48,  3;  X  17;  III  2,  1;  VII  12,  1  u.  8;  VIII  praef.  fin.;  VIÏI  72,  3; 
X  2,  1;  104, 1;  Il  23;  XII  1;  Xï  108;  VII  90,  1;  V  6, 19;  IV  10,  1;  XI  16,  3 
n.  s.  H  Von  diesen  Stellon  ans  kônnen  wir  das  Wort  bei  Martial  ûberall  als 
Bach  Torstehen,  wo  kein  dentliches  Indicium  dagogen  spricht,  sowohl  I  4,  1 
als  I  1,  3  (rgl.  Friedl&nder,  Sittengesch.  Roms  III  S.  376). 

')  Wenn  auf  dièse  Stelle  Hieronymus  in  seinen  Briefen  anspielt  (IV  S.  229 
éd.  Mart.),  so  scheint  er  bemerkenswerther  Weise  libellas  dasolbst  mit  brefje 
et  solum  vohtmen  wiedergegeben  En  haben. 


24  —  ^î®  Buchterminologie.  — 

yielleicbt  dûrfen  die  zehn  libeîU  des  Scaevola  de  inre  ciyili  (ebenda 
I  242)  ebenso  verstanden  werden. 

Aus  der  Hauptbedeutung  des  Deminutivs,  jedes  Chirographum 
gerîngen  Umfanges  betreffend,  erklârt  sicb  endlicb  aber,  dass  in  einem 
Sammelbuche  kleinerer  Gedichte  auch  das  Ëinzelgedicht  damit  be- 
zeichnet  wird.  Conséquent  ist  Statius  in  diesem  Gebrauch.  Die 
fonf  Bûcher  seiner  Silven  heissen  in  den  Prâfationen  stets  ^libri*', 
die  Einzelgedichte  zum  Unterschied  stets  ^libelli^.  Dièse  Ausdrucks- 
weise  ist  eine  uneigentliche;  denn  jedem  libellus  eignet  râumliche 
Selbststandigkeit;  es  wird  hier  fingirt,  dass  jeder  Libell  im  Uber  fur 
sich  an  die  Adressaten  abgehe.  Dies  kann  nichts  so  verdeutlicben, 
als  Martiales  Epigramm  X  1: 

Si  nimioB  rideor  aerftqne  coronide  longas 
Esse  liber,  legito  paaca,  libellus  ero. 
Terque  quaterqae  mihi  finitar  carminé  parvo 
Pagina:  fac  tibi  me  quam  cupis  esse  brevem. 

Das  Paradoxon  des  Witzes  liegt  hier  eben  darin,  dass  der  libellus 
in  Wirklichkeit  nicht  Raumtheil  eines  liber  sein  kann;  dem  Léser 
fallt  die  Aufgabe  zu,  die  Theile,  die  er  nicht  lesen  mag,  als  Luft 
anzusehen. 

Die  cylindrische  RoUenform  brachten  die  Griechen  ursprung- 
lich  nicht  zum  Ausdruck.  Um  so  wichtiger  ist  eine  Stelle  des 
Diogenes  Laertius  (X,  26),  wo  er  von  den  gegen  dreihundert  Biichem 
des  Epikur  die  sechsundachzig  besten  sich  anschickt  namhafb  zu 
machen:  yéyoys  âè  7wlvyQa(p(ûTatoç  o  ^EnlxovQOç  nccyzaç  vtuq- 
fiaX6fi€P0ç  nl^d'€$  fi^fiXiav'  xvltvÔQOt  fièp  yciQ  fiQOç  vovç 
TQiaxoaiovç  elal  xtX.  Dies  ist,  so  viel  ich  sehe^  das  einzige  Mai, 
wo  im  Zusammenhang  mit  aiten  Bûchercatalogen  zugleich  so  an- 
schaulich  geredet  wird. 

Eine  andere  sehr  affectirte,  aber  nicht  minder  anschauliche  Be- 
zeichnung  ist  die  des  Bûches  als  Speer-  oder  Stabtrâgers.  Lukian 
(25,  16)  erzâhlt  yon  einem  gewissen  Litteraten  mit  Namen  Kalli- 
morphos,  er  habe  die  Bûcher  seines  dûrren  Geschichtscompendiums 
in  folgender  hochtrabenden  Fassung  betitelt:  KaiJUfjbOQfpov  latQOv 
T^ç  xdv  xoptO(p6QO)p  IxTij^ç  itnoQiùûP  UaQd'ixùiv]  hier  scheint  xoyro- 
(pOQOt  eben  eine  dichterische  Umschreibung  fur  fivfiJiot  zu  sein,  „die 


—  Kvltvâçoç,  xovrotipoçoç,  iviiXij^a,  rôfjtoç.  —  25 

den  Omphalos  oder  RoUenschaft  tragenden^,  und  damit  wird  sich 
das  spâte  xovtaxtov  yergleichen  lassen. 

Erst  als  Nachahmiing  des  Yolumen  der  Rômer  erscheint  dagegen 
das  seltene  ipsiX^gàa,  das  in  den  Alterthûmem  des  Josephus  zuerst 
auftaucht  (XII  2,  10)  nnd  nie  eigentlich  fester  Terminus  geworden 
ist,  ingleichen  das  spâte  slXijTdQêOP  xaqxAov  (z.  B.  Sexta  Synod. 
Gonstantînopol.  Act.  14  zweimal). 

Nach  dem  Aeusseren  der  Mâche  aber  heisst  das  Buch  auch 
tOfAOÇ  „der  Schnitt^,  und  zwar  nacliweislich  erst  seit  der  alexandri- 
nischen  2^it.  Frûbester  Beleg  mag  der  Antistheneskatalog  beim 
Diogenes  sein  (YI  15  f.),  der  ohne  Frage  alexandrinischen  Yerzeicb- 
nissen  entiebnt  ist  und  auf  den  wir  in  unsrem  letzten  Capitel  zu- 
rûckkommen  werden.  So  wie  die  Papierscheere  xaqiOTOikOÇ  ist  (Gloss. 
Stepb.  =  aïkiXot)  und  ein  Papierscbnitzel  xaqxôxoikov  (Scbol.  A  zu 
nias  15,  389),  so  ist  aucb  der  einfache  TOfAOç  immer  nur  aïs  abge- 
schnittene  char  ta  papyracea  gemeint:  Hesych  und  Suidas  er- 
klâren  ihn  mit  ô  xâQtijç,  Ammonius  mit  b  TS^vôiksvoç  xdqTfiç, 
und  nicht  anders  braucht  ihn  Martial  I  67.  Wenn  hiemach  nun  das 
Litteraturbuch  benannt  wurde,  so  wird  uns  dasselbe  damit  als  ein 
dorch  Theilen  oder  Zerschneiden  isolirtes  Stuck  Charta  dargestellt; 
d.  h.  rofioç  bezeichnet  das  Buch  als  Werktheil.  Das  Wort 
tritt  indess  bibliothekarisch  nur  gelegentlich  fur  fitfiXiop  ein,  sowohl 
in  Buchinscriptionen  der  Handschrifben  (wie  beim  Rhetor  Hermogenes) 
als  auch  in  bibliographischen  Angaben,  wie  oben  ûber  Antisthenes 
oder  wie  bei  Suidas  z.  B.  im  Apolinarius-Artikel  :  syçaips  xara- 
Xoyaôfiv  xazà  UoQîpvQiov  roi  âvtftfefiovç  t6[aovç  X.  Auch  Euse- 
biu8  nennt  also  seine  Bûcher  (Hist.  eccles.  X  init.),  und  Marc  Aurel 
«rzàhlt  bei  Fronto  (ad  M.  Caes.  2, 13):  feci  excerpta  ex  Ubris  sexaginta 
in  quinque  tonds,  Deminutiv  dazu  ist  TOfAciçiov  (Conc.  Cp.  lU  act.  14 
p.  978)  wie  zu  fiifiXlop  fitfihâccQiov;  wie  sich  dazu  ifi^/t^a  verhâlt 
(vgl.  z.  B.  Photios  Bibl.  cod.  69:  âtaïQsïtat  to  (înovâaafia  elç  TfMJ- 
fàcna  1$  Yom  Hesychios  Milesius),  kann  hier  noch  nicht  erortert 
werden.  —  Uebrigens  scheint  die  Anwendung  dièses  Terminus  erst  in 
spâterer  Zeit  \md  zwar,  wie  man  vermuthen  môchte,  erst  im  Gegen- 
satz  zum  tsvxoç,  dessen  Gebrauch  sich  immer  mehr  ausdehnte, 
hâufiger  geworden  zu  sein.    Denn  es  ist  hervorzuheben,  dass  gerade 


26  —  Die'Bnchtenninologie.  — 

er  klarer  und   schârfer  als  aile  anderen  die  Papyrusrolle  iind  nur 
aie  allein  bezeichnete  ^). 

Fur  dièse  Thatsache  ist  nichts  instruktiver,  als  die  Bûcherschau 
mitzumachen ,  die  im  spâten,  neunten  christlichen  Jabrhandert  der 
Patriarch  Photios  ûber  die  griechische  Litteratur  hielt.  Sie  lag  ihin 
vor  in  280  Codices.  Unstatigkeit  im  Gebrauch  der  antiken  Ter- 
minologie mûsseu  wir  hier  also  gewartigen.  Derselbe  stellt  sich  nun 
folgendermassen  heraus:  têvxoç  ist  fur  Photios  lediglich  Raumbegriff 
und  bezeichnet  nie  ein  Werk  als  solches,  sondem  stets  nur  den 
(Pergament-)  Codex,  der  eine  Mehrzahl  Ton  antiken  Bûchem,  àbet 
auch  eine  Mehrzahl  von  antiken  Werken  aufzunehmen  im  Stande  ist: 
wie  z.  B.  die  Hypotyposeis ,  die  Stromata  und  der  Paidagogos  des 
Glemens  Alexandrinus  drei  t€vxV  ^^^^^^  (<^od.  109),  wie  aber  andrer- 
seits  in  ein  und  demselben  têvxoç  ein  Baethos,  Pausanias,  Borotheus 
und  Moeris  sich  zusammenfinden  (cod.  154 — 157).  Dagegen  ist  der 
Begriff  fitfiXiop  fur  Photios  zweiseitig,  ja  dreiseitig  entwickelt  und 
heisst  bald  im  antiken  Sinne  das  Einzelbuch  (so  z.  B.  cod.  58  Arrian^s 
Parthica  fiipXioiç  i$';  cod.  77  beide  ixôôasiç  des  Eunap  èv  fitfiUoêÇ 
»(f  zu  je  einem  tetfxoç]  cod.  62  stehn  fiifiUa  und  Xôyoê  identisch 
u.  s.  f.),  bald  heisst  so  das  Werk  als  Ganzes  (so  steht  cod.  70  Diodor^s 
§t§Uov  IcnoQucop  iv  /a'  JloVoiç;  cod.  15  nqaxvhxov  t^ç  nqtivffç 
avvoâov  èv  y  tdfAOïç.  rslaffiov  âè  sipèQS  to  fi^fiUop  iruyQaç^y^ 
cod.  28  ^  filfiloç  iv  TOfAOïç  $';  vgl.  noch  cod.  38  u.  a.;  am  deut- 
lichsten  aber  cod.  72  §i^Uov  Ktijalov  tov  Kvidiov  %à  JIsQaêiui  iv 
fitfiUoiç  xy,  Ja,  cod.  34  zerfallt  des  Aûicanus  l(noQtxov  als  fiêfiXiav 
sogar  in  funf  TeiixfiY),  bald  endlich  steht  pifiUov  aber  auch  als 
neuer  Raumbegriff  geradezu  fur  têvxoç  (so  heisst  cod.  40  die  Kirchen- 
geschichte   des  Philostorgos    âi    évoç  fitfiXiov   TOfAOïç   1$   CVfinXfi- 

QOVflévtl). 


*)  Ganz  irrig  sftgt  Bergk  Litter.  Gesch.  S.  230  Note:  „'rôf*oç  enthielt  immer 
mehrere  kleinere  Schrlften  oder  ein  aus  mehreren  Bûchern  bestehendes  Werk!^ 
£r  bringt  nar  zwei  Beispiele  fRr  diesen,  durch  daa  Obige  widerlegten  Satz^ 
und  dièse  sind  voralexandrinisch  :  Ëpicharm  und  Antisthenes.  Vgl.  darûber 
den  letzten  Abschnitt. 

')  Nach  dem  dyiyt'oiad-ij  wird  fitfikioy  bisweilen  weggelassen,  und  danaeh 
mu88  Cod.  37  gelesen  werden:  tù  dHckêyô/mya  iiçayoy  nçôctana. 


—  Tomus.  —  27 

Man  sieht:  der  grosse  UmfoQg  des  Lexicon  des  Suidas  hinderte 
nicht,  dass  yod  ihm  im  Hinblick  auf  den  nipal^  râv  iv  jmidfiq 
ovoïkatti&v  des  Hesych  gesagt  werden  konote:  oif  irurofuj  i0t» 
%ovro  TO  fitfiUop^).  Wie  viel  aus  dem  Suidas-Artikel  ^InTtoxqdTfiç 
Kmoç  dem  Hesychios  Milesius  angehôrt,  îst  durchaus  unsicher;  die 
Yerwendung  von  fiifiXoç  fur  eine  SammluDg  mehrerer  Bûcher  yindi- 
cirt  seine  Fassung  yielmehr  dem  Suidas'). 

Dahingegen  steht  nun  aber  tofioç  beim  Photios  niemals  fur 
têvxoç;  niemals  auch  steht  es,  um  ein  ganzes  Werk  zu  bezeichnen; 
sondem  stets  bleibt  rofjboç  die  antike  Rolle  oder  das  Ëinzelbuch,  als 
TheilbegrifF  eines  Gesammtwerkes  (vgl.  ausser  den  schon  im  Obigen 
mitgetheilten  Beispielen  noch  cod.  15,  21,  27,  29,  28,  41,  88»),  95, 
116,  117,  118,  163;  110  zerfallt  ein  tsvxoç  in  drei  to/ao»;  Tgl. 
cod.  152,  wo  TOfAOê  und  Xoyoi  gleichstehen. 

Eine  Papjrusrolle  ist  denn  auch  noch  unter  dem  thomus  carti- 
cmeui  iam  ex  magna  parte  vetuatate  consuntue  zu  verstehen,  der  in 
Marini's  Papiri  diplomatici  (N.  XIII  fin.)  erwâhnt  wird,  wozu  Marini 
fur  den  Sprachgebrauch  jener  Zeiten  anmerkt  (S.  221):  tomi,  tomuU 
earticmei,  e  earUcei  e  PrivUegj  carHcei  e  forse  anche  tond  ânhûç  dice- 
vansi  .  .  .  t  rotuii,  stXfitaQiaj  di  Papiro,  né*  qtudi  erano  scritte  Boîle, 
diplond  ed  altro  per  distinguerli  dai  libri  e  codici  u.  s.  w.  Noch  Gre- 
gor  von  Tours  (X  cap.  19)  erwâhnt  in  diesem  Sinn  chartarum  tomoa^). 
Den  Namen  Tomochartae  bringt  Marini  bei  noch  fur  die  Zeit  Gre- 
gor's  Vn  und  Ludwig  des  Frommen. 


M  Bernhardy  p.  LV  und  O.  Schneider  Callim.  II  S.  23  halten  dièse  Worte 
mit  Unrecht  fur  interpolirt.  Naeke  De  Choerilis  S.  35,  Volkmann  De  Suidae 
biognphicid  II  S.  729,  Nietsache  Rh.  Muh.  22,  S.  193  giauben,  dass  die  er- 
haltene  Epitome  des  He.^ych  hiermit  bezeichnet  sei.  Lehrs  Rh.  Mus.  17,  S.  453 
und  Wachnmuth  Symbola  philol.  fionnensium  S.  138  nehmen  sie  mit  Recht  fQr 
echte  Worte  des  Suidas  und  verstehen  fitfikioy  von  dem  Lexicon,  soweit  es 
„Gclehrtenlexicon'*  ist. 

')  Nicht  YoUkommen  ricbtig  beurtheilt  also  Flach  dieaen  Artikel  im  Rhein. 
Mas.  XXXV  213. 

*)  Tofjiot  ai  TO  fi^filiov  TQilç  ist  hier  gesagt  wie  cod.  163:  rôfÂOi'  âé  fia&y 
lô  fiifiXioy  $fi\ 

*)  Du-Cange,  Charpentier  s.  v.  erkl&ren  sie  mit  Regesta,  Scrinia,  in  quibus 
plnres  chartae  continebantnr. 


28  —  ^>®  Baehterminologie.    - 

Wo  immer  uns  der  Tomus  begegoet,  werden  wir  also  eiaen  Hin- 
weis  auf  die  antike  Rollenform  erkennen.  Uebrigens  scheint  der 
Ausdruck  nicht  eigentlich  von  Monobibla  gebraucht  worden  zu  sein 
—  dièse  sind  einheitlicb  und  also  einem  ^Schnitt^  nicht  ausgesetzt  ^, 
sondem  meist  bei  mehrbûcherigen  Werken.  Baraus  mag  sich  erklâren, 
dasB  Origenes,  um  seine  vielbûcherigen  Commentare  zur  heiligen 
Scbrift  Yon  den  einfachen  Homilien  zu  unterscheiden ,  in  denen  er 
die  Scbrift  populâr  ausgelegt  batte,  die  ersteren  schlecbthin  als  tond 
diesen  Homilien  entgegensetzte.  Hieronymus  berichtet  Ton  ibm'): 
Mille  et  eo  amplius  trtictatus  .  .  .  ediéHt;  rnnumerabilea  praeterea  corn- 
mentarios  quos  ipse  appellat  TOfJtovç,  Anderswo  theilt  Hieronymus  des 
Origenes  Werke  in  axô^^cc,  ofultaxà  und  tof^ot*).  Und  so  erklârt 
sicb  die  Art,  wie  derselbe  Autor  sonst  auf  die  Commentare  Bezug 
nimmt,  handelnd  yon  der  Zulâssigkeit  eingehenderer  Kritik  des  Bibel- 
textes*):  De  AdamanHo  autem  sileo:  cutus  nomen  .  .  .  tneo  nomme  in- 
vidiosius  est:  qui  cum  in  HomilUs  suis  quas  ad  vulgtim  loquitur  com- 
munem  editionem  seqiuitur:  in  tonus,  id  est  in  disputatione  mcdori  hebraiea 
veritate  stipatus  ....  interdum  Unguae  peregrinae  quaerit  auxiUa, 

Zu  téfjboç  bildet  Xôyoç  gewissermassen  den  Gegensatz.  Indess 
sel  dieser  Terminus  hier  nur  im  Yorbeigeben  beruhrt,  da  er  fur 
unseren  besonderen  Zweck  nichts  austragt.  Auch  Jiôyoç  heisst  Buch, 
und  ein  grôsseres  Werk  setzt  sich  aus  mebreren  loyoê  zusammen. 
Hâufig  ist  der  Name  wiederum  beim  Photios  anzutreffen;  schon  im 
Yoraufgehenden  sind  Beispiele  aus  ihm  aufgefûhrt,  die  sich  leicht 
yermehren  liessen.  Es  ist  kein  Zweifel,  dass  Photios  auch  hierin 
einen  altclassischen  Sprachgebrauch  fortsetzt.  So  werden  denn  in 
der  handschriftlichen  Tradition  die  Bûcher  als  Xéyoi  inskribirt  beim 
Xenophon  yon  Ephesos,  beim  Quintus  Smyrnaeus,  in  den  Sibyllini- 
schen  Bûchem,  bei  Pausanias,  beim  Plutarch  tisqI  tijç  ^Ale^ccpâ^v 


1)  Epiai,  ftd  Pammachiam  et  Oceanum  IV  S.  346  Mart.  (Epist.  83  VaiL); 
Ygl.  auch  S.  405:  HomUias  dus  transtuli  et  nonnulla  de  tamis. 

')  Praef.  interpret.  Ëzechiel. 

')  praef.  in  librum  Hebraic.  quacstionum  in  Genesin  (II  S.  506  Mart.). 
So  eitirt  denn  Hieronymus  auch  entsprechend  die  Commentare  nach  tomi: 
Origenes  in  quarto  Pauli  ad  Romanos  i^tjyi^attay  xôfAt^  de  circuincisione  magni- 
fiée disputavit  (Brief  35). 


—  loyoç  (evyyQafAfia,  avyrayfta).  —  29 

Tvx^Çj  in  des  Lukian  ^AXtj&fjç  Ufroçlay  im  Jûdiscben  Krieg  des 
Josephos.  So  kann  schon  Galen  ein  siebentes  Bucb  als  ifiâofiov 
Juiyov  citiren*).  —  Wâhrend  %6ikOç  das  Buch  als  The  il  eines  grosseren 
Ganzen  hinsteUte,  so  wird  es  dorcli  Xôyoç  umgekehrt  verselbstandigt 
and  zwar  oft  mehr,  als  sein  Inhalt  berechtigt.  Ob  wir  Xé^oç  als 
^Erzâhlung^,  ob  als  ^Auseinandersetzung^  fassen,  immer  liegt  die  Vor- 
stellung  eines  sacblich  Abgeschlossenen  darin,  was  von  vielen  Bûchem 
in  Wirklichkeit  nicht  eigentlich  gelten  konnte.  Die  râumiiche  Selb- 
stândigkeit  des  Bûches  scheint  dies  yeranlasst  zu  haben.  —  Termine- 
logisch  merke  ich  an,  dass  zwar  wohl  gelegentlich  mebrere  Xôyoh 
als  y^Reden^  in  einem  fiifiUov  Platz  haben  konnen,  dass  auch  ûber- 
haupt  jedes  grôssere  Exposé  pluralisch  Xôyoê  heissen  kann  (Herodot 
1 184  und  ôfter),  dass  aber  meines  Wissens  nie  nmgekehrt  ein  mehr- 
bûcheriges  Werk  singularisch  Xoyoç  heisst:  mit  der  Buchtheilung 
irird  der  Xoyoç  zu  Xoyoï. 

Das  Griechenthum  der  spâteren  Kaiserzeit  schritt  sodann  zu 
einer  analogen  terminologischen  Neuerung  weiter.  Nun  hiess  das 
Einzeibuch  einer  Pragmateia  nicht  nur  Xoyoç,  sondem  sogar  (fvy" 
yQafifUX,  avvrayfjta,  sogar  T^ayfiaréia,  Schon  Origenes  spricht  so 
und  erôffnet  sein  siebentes  Buch  contra  Celsum:  ccQXùifMÔ'a  xal  ifi- 
ôofAOV  (rvyyQdfAfÀatoç,  Sextus  Empiricus  schliesst  das  erste  Buch  der 
nvqqtivuoi  VTiOTvnaiaetç  mit  anagvil^ofMV  rà  nQ&tov  x&v  viïotvn. 
Cvvrayika  und  entsprechend  das  zweite  und  dritte.  Der  griechische 
Horapollo  bricht  das  erste  Buch  seiner  Hieroglyphica  als  nqâtov 
{fvyyQafifjta  ab  und  erôffnet  das  zweite  als  TtQayfAatsia  âevréça. 
Aehnliche  Stellen  aus  Theodoret,  Euseb  u.  a.  sind  kurzlich  von 
Neumann  zu  seinem  Julian  zusammengestellt  worden'). 

Hiem&chst  sei  an  eine  andere  Thatsache  erinnert.  Wir  sahen: 
fur  einen  Photios  war  der  Buchbegriff  so  yieldeutig  geworden,  dass 
er  Yon  einem  fiifiXiop  iv  fitfiXioiç  xy  reden  konnte.  Sonstige  byzan- 
tinische  Schriftsteller  machen  es  nicht  anders,  wie  Bassus  im  zehnten 
Jahrhundert,  wenn  er  das  Sammelwerk  der  Geoponica  in  zwanzig 


^)  Vgl.  Stephanas  Thesanr.  s.  r. 

*)  Neumann,  Joliani  imper,  librorum  contra  Christ,  qaae  supers.     Leipi. 
1880  S.  99. 


30  —  ^^®  Bachterminologie.  — 

Bûchem  mit  der  Bemerkung  einleitet:    Ta  duzq>6qoiç  . . .  àl^ikiva 

0vXk£^aç  elç   iy  tovxï  to  fiêfiXiov  ^yté&suta  (praef.  inît.).     Im 

Alterthum    selbst   war   dles   anders.     Bas    moderne    grÔBsere  Werk 

zerfallt    in    Bande,    und    es    selbst    heisst    alsdann    nie    „Band^: 

ebenso  zerfiel  das  grossere  antike  Werk  in  Bûcher,  das  Gesammt- 

werk  aber  hiess  alsdann  niemals  „Buch^.     Bie  Persica  des  Ktesias 

fur  ein  fiifiXiov  zu  nehmen  wâre  in  der  Zeit  des  August  oder  Trajan 

ebenso  lâcherlich  gewesen  wie  ein  Uber  ab  urbe  condUa  als  Hinter- 

lassenschaft  des  Livius.     Nur  der  Gebrauch    des   Plural    war    hier 

môglich. 

Biese  Thatsache  ist  allgemein  anerkannt.    Ber  FûUe  yon  Gram- 

matikercitaten  yerdanken  wir,  dass  auf  diesem  Grebiet  nichts  so  sicher 

garantirt  ist  als  sie;  und  wenn  uns  Citate  aufistossen  wie  z.  B.  fur 

den  Chrysipp  iv  tA  nsQÏ  xaXov  xai  ^âoyijç  (Athenaeus  S.  9  C)  oder 

auch  ip  %û  nsQÏ  xaXoi  (Athen.  S.  1 58  B),  wâhrend  das  Werk  sonst 

entweder  pluralisch  iv  totç  tkqï  vov  xaXov  oder  mit  Buchzahl  bis 

zum  siebenten  citirt  wird'),  so  wissen  wir,  dass  in  obigen  FâUen  die 

Buchzahl    ausgefallen.     Nur  auf  ein  Paar  weitere  Yersehen  in  der 

Ueberlieferung  sei  hier  noch  au&nerksam  gemacht    So  bat  Yopiscus 

(Tac.  c.  10)  die  Annalen  des  Tacitus  nicht  als  liber  einfuhren  kônnen; 

dièse  corrupte  Stelle  wird  in  einem  anderen  Zusammenhange  zu  be- 

sprechen  sein  (Cap.  VU).  So  konnte  Ovid  betreffs  seiner  Metamorphosen 

nicht  schreiben  (Trist.  I  7,  33)  : 

Ho8  quoque  Bex  versus,  in  primft  fronte  libelli 
Si  prAeponendos  esse  putabis,  habe. 

£s  ist  entweder  prinU  oder  wahrscheinlicher  libellis  herzustellen. 
So  konnte  Cbarisius  S.  113  K.  Yarro^s  dreibûcherige  Schrift  De 
poematis  nicht  fur  ein  Buch  nehmen,  wenn  er,  handelnd  von  der 
Bildung  des  Ablativus,  bemerkt:  poematis,  quamviê  roHo  poematHme 
faciat.  Nom  sic  inscribit  Varro  libro  suo  de  poematis.  Gharisius  wird 
hier  Ubros  suas  geschrieben  haben.  Wenn  Apuleius  Be  nota  aspira- 
tionis  S.  107  éd.  Os.  Varro  in  libro  de  origine  Unguae  latinae  citirt 
haben  soU,  so  ist  hier  imi  so  gewisser  die  Buchzahl  ausgefallen  oder 
tn  Ubris  herzustellen,  da  Be  diphthongis  S.  125  richtig  pluralisch  m 


')  Vgl.  Birt  De  Halieut.  S.  86. 


—  Dm  Gesamiiitwerk  heisat  nicht  ^fiuch*'.  —  31 

Ubriê  de  origine  Unguae  lat  citirt  wird.  Gellius  erzahlt  yon  den 
lateinischen  Annaleii  des  Fabius,  die  er  in  einem  Bucbladen  gefunden 
habe:  der  Bucbbândier  bebauptete,  das  Werk  sei  von  Abscbreiber- 
Tersehen  gâozlich  firei  und  ein  zugezogener  Grammaticus  habe  da- 
^gen  ein  solcbes  Yerseben  im  yierten  Bûche  nachgewiesen  :  osten- 
débat  grammaticus  ita  scriptum  in  libro  quarto  eqs.  Dièse  Bucbzahl 
beweist,  dass  es  von  diesem  Grammatiker  bei  Gellius  nicht  zugleich 
heissen  konnte:  repperisse  unum  in  tibro  mendum  dicebat;  es  muss 
entweder  uno  in  Ubro  oder  unum  in  libris  geschrieben  werden  oder 
die  Zabi  JV  ist  von  dem  M  von  mendum  verschlungen  worden. 
Weniger  sicher  lâsst  sicb  ûber  ein  Citât  des  Servius  zur  Aeneis  1 368 
lutheilen:  eine  Besprechung  der  Stadtanlage  Cartbago's  wird  hier 
aaf  Cornélius  Nepos  zurûckgefuhrt,  und  zwar  m  eo  Ubro  qui  vita 
iBustrium  inscribitur,  Der  Titel  ist  jedenfalls  incorrekt;  er  musste 
entweder  heissen  de  vita  iUustr.  vir,  (so  giebt  Nepos  selbst  wenigstens 
den  Specialtitel  in  der  praefatio  des  erhaltenen  Bûches:  liber  de 
vita  exceUentium  imperatorum)  oder  aber  vielmehr  einfach  illustrium 
virorum.  Das  betreffende  Werk  zerfiel  mindestens  in  sechzehn  Bûcher, 
fietrachten  wir  die  sonstige  Citirweise,  so  steht  entweder  ein  Special- 
titel des  Einzelbuches:  so  der  eben  aus  Nepos  selbst  gegebene  oder 
De  historicis  graeds  (Nepos  Dio  3),  De  Metoricis  laUnis  (cod.  Guelferb. 
Gudianus  278);  andrenfalls  heisst  es  —  und  zwar  immer  ohne  vita  — 
entweder  De  viris  iîlustr,  XIII  (Gell.  8,  1),  De  vir,  Ul.  secundo 
(Charis.  S.  220  K.)  oder  genitivisch:  Corn,  Nepos  inlustrium  virorum 
Ubro  XVI  (Charis.  S.  141),  Corn.  Nep.  inlustrium  XV  (Charis.  S.  141) 
und  jedenfalls  ursprûnglich  ebenso  bei  Diomedes  (S.  410  E.)  :  Nepos 
inlustri  [um  . . .].  Dies  fôhrt  dahin,  beim  Servius  fur  vita  eine  Zabi 
(wie  VIIII)  zu  vermuthen  oder  anzunehmen,  dass  Servius  bei  Ueber- 
nahme  dièses  Citats  aus  einem  ihm  unbekannten  Werke  ungenau 
veifEihren  ist^). 

Richtig  steht  dagegen  der  Singular  im  48.  Briefe  des  Hierony- 


')  Bitschl  bat  in  eber  beilftufigen  Bemerkung,  Opuscl.  III  S.  454  Note, 
in  gewifls  unzoliasiger  Wei^e,  entgegen  dem  sonstigen  Consensus  der  Sprache 
ans  mehreren  der  angef&hrteQ  Stellen  dem  liber  der  Bômer  auch  die  Bedeu- 
toDg  «GeBammtwerk"  zn  yindiciren  versncht. 


32  —  l^i®  Buchterminologie.  — 

mus  (§11:  per  omnem  îibrum;  §  20:  m  libro  nostro;  §  15:  dûimuê 
in  eodem  volumine)  ;  es  handelt  sich  in  dieser  Selbstrertheidigung  zwar 
um  seine  zweibûcherige  Schrifb  adversus  Jovianum,  in  Wirklichkeit 
aber  speciell  nur  um  das  erste  Buch  derselben  Qber  die  Ehe,  das 
allein  Anstoss  erregt  batte  ^).  Ëbenso  bereinigt  sich  eine  Schwierig- 
keit  beim  Commodian,  dessen  Instructiones  zwei  Bûcher  umfassen, 
wâhrend  doch  Gennadius  nur  einen  liber  quctsi  versu  adversus  paganos 
von  ihm  anfiihrt;  das  erste  Buch  der  Instructiones  ging  eben  unter 
diesem  SondertiteP). 

Der  Terminus  JU^^xoV  fur  lexikalische  Werke,  zu  dem  fi&fiXiay 
zu  ergânzen  ist,  ist  nicht  antik  ').  Die  Xé^€$ç  des  Alterthums  waren 
eben  meistens  so  umfangreich,  dass  sie  Yon  einer  Yielheit  yen  Rollen 
aufgenommen  werden  mussten. 

Und  warum,  fragen  wir  nun,  war  es  ûberhaupt  nicht  môglich, 
eine  solche  Yielheit  auch  singularisch  als  Gesammtwerk  unter  dem 
Namen  fitfiUov  zusammenzufassen?     0£fenbar   eben  deshalb,    weil 


^)  Im  cweiten  Buch  adr.  Jorianum  batte  Hieronymus  die  Thesen  wider- 
leg^:  1)  dass,  wer  getauft  und  wiederg^boren  sei,  nicbt  mehr  yeraucht  werden 
kOnne;  2)  daas  Enthaltsamkeit  in  den  Speisen  keiDen  besonderen  Werth  habe; 
3)  dass  aile,  qui  baptisma  suum  serTaverint,  im  Himmel  imterscbiedloa  belohnt 
wûrden. 

*)  Vgl.  Gennad.  de  script,  écoles.  15.  Die  Herstellung  der  swei  Bflcher 
wird  Oehler  yerdankt;  aber  nur  das  erste  (Acrost.  1 — 46)  ricbtet  sich  gegen 
die  Heiden;  das  cweite  vielmehr  an  die  Christen.  Ebert,  Gesoh.  der  Litterat. 
des  Mittelalters  I  S.  87  erkl&rt  fthnlich.  Jedenfalls  ist  nicht  das  carmen  Apo- 
logeticum  des  Commodian  gemeint.  Vgl.  noch  denselben  Ebert  AbhdL  s&elis. 
Ges.  Wiss.  V  S.  387  ff. 

>)  Das  Wort  ké^ixôy  (fiifikioy)  ist  sp&t  und  unsprachgem&ss  Ton  jU|k 
abg^Ieitet,  wocu  das  cug^horige  Adjektiv  correkt  vielmehr  léxiucoç  laateta, 
wie  ditxnxtaç  su  dii^tç,  raxnxà  zu  râÇêç,  Zuerst  steht  es  yielleicht  im  EtymoL 
Magn.  S.  221,  33,  wo  erw&hnt  wird,  Epaphroditos  habe  iy  vnofAytjfuxn  9'* 
'iXtaâàç  als  Zeugen  angef&hrt  KUitaqxoy  Aiytyqnjy  kiiêxoyQâff-oy,  Dem  Ver- 
fasser  des  Etymologicum  (swischen  Photios  und  Eustath)  ist  hier  das  Wort  lor 
Last  su  legen,  das  Epaphroditos  schwerlich  sohon  so  verwenden  konnte.  Sonst 
scheint  sich  der  Titel  ktÇtxoy  filr  Xi^iiç  ûberall  als  sp&t  su  erweisen  (b.  Bekker 
Anecd.  8.  1094  wird  dem  Porphyrio  ein  liiixoy  -my  iyâUt^irmy  yça^pw 
sugeschrieben,  gewiss  nicbt  mit  genauer  Titelnennung,  so  wie  Eustath  8.  ISST,  4 
von  ^tjTOQ^xà  kë^txâ  redet;  ebenso  auch  Photios). 


—  UÇtxôy  nieht  antik.     BoUenbQndel.  —  33 

fi$fiXiov,  ein  RaumbegrifP,  ausschliesslich  nur  die  einzelne  RoIIe  be« 
dentete. 

Wodurch  wurde  nun  die  Einheit  antiker  Werke  als  solche  in 
technischer  Sprache  ausgedrûckt?  Zunâchst  nur  durch  ihre  Sachtitel 
wie  Xé^siç  îtfTOQtat  atmaies  u.  a.  Indices.  XJnd  die  sonstigen  Be- 
zeichnungen  wie  opus  optLSCulum  scriptum  nolt^tfêÇj  nolfiy^a^  ^YYQ^^» 
(fvyyçafàfMc,  nQayfkaxëia  waren  um  nichts  concreter  als  sie.  Fur 
RoUen,  deren  jede  fur  sich  um  eînen  Stab  gewickelt  war,  konnte  es 
nicht  sehr  zutrâglich  sein  noch  weiter  unter  sich  verbunden  zu 
werden.  Die  einzige  Môglichkeit  war  namlich,  dass  man  sie  mit  Band 
zu  Fasces-âhnlichen  Bûndeln  zusammenband,  und  dies  ist  in  der  That 
ofter  geschehen;  auf  den  Bildem  zur  Notitia  dignitatum  sieht  man 
solche  Bûndel;  sonst  erfahren  wir  einmal  beim  Aristoteles  von  Schriften 
des  Isokrates  iv  âetffbaïç^);  Gellius,  von  Griechenland  rûckkehrend, 
findet  in  Brundisium  einen  Buchkramer,  der  solche  Bûndel  ausstellte 
(1X4):  fasces  Ubrorum  expositos  vicUmus;  der  Erzâhler  fugt  hinzu, 
die  Rollen  seien  von  langem  Liegen  schmutzig  und  widerwârtig  an- 
zusehen  gewesen;  vielleicht  war  die  Art  der  AufbeWahrung  daran 
mit  Schuld;  das  zarte  Material  musste  durch  sie  leicht  verbogen  und 
grôblich  verdorben  werden;  ich  erinnere  nur  an  jenen  Protest  beim 
Petronius  (c.  102):  lebendige  Menschen  dûrften  nicht  packetweise 
eingewickelt  werden:  das  thue  man  ja  nicht  einmal  bei  guten  Klei- 
dem,  weil  sie  Falten  bekommen,  noch  auch  beim  Buchpapier,  ^das 
zusammeogebunden  seine  Form  verliert^:  chartae  aUigatae  mutant 
figuram'^).    Die  ideelle  Zusammengehôrigkeit  der  Bûcher  scheint  zur 


*)  VgL  unten  Cap.  IX. 

^  Dass  die  /ocra*  ayQa(poê  in  S&cken  transportirt  worden  seien ,  ist 
danim  gewiss  schwer  su  glauben,  obschon  ein  Theopompfragment  (125  Mûller) 
anf  solche  Annahme  su  fdhren  scheint.  Unter  einer  Beihe  yieler  Geschenke, 
welehe  Aegypten  dem  PerserkOnig  bei  seinem  Eincug  entgegenbringt,  wird 
hier  nach  der  Ueberlieferung  bei  Pseadolongrin  nfçi  vi^ovg  43,  2  auch  aufge« 
s&hlt  xttl  noXXol  fjiày  aQtvfJiâjtav  fjiéâtfAvoh  noXXol  de  d-vkaxoi  xcei  trâxxoi  xal 
jfo^nr*  pvfiXitoy  xai  niy  âU.(ay  anâynoy  XQ'J^^f*^^»  toaavra  ai  xçia  xtL 
Qende  dièse  Worte  Theopomp's  sind  es,  ûber  die  sich  der  Eritiker  ITêçi  vtpovç 
nn  Nachfolg^nden  besenders  anfh&lt,  ohne  doch  dabei  speciell  auf  die  fivfiXkc 
snrfleksakommen.  Die  Stelle  ist  sicher  yerderbt;  denn  der  Genitir  nov  akX(ûy 
ànâynay  x^ffoifÀtay  bat  nicht,  woron  er  abh&ngen  kSnnte;  der  Conjektur  des 
Birt,  Buchwefen.  3 


34  —  l^i®  Buchterminologie.  — 

râumlichen  gemeinhin  nur  durch  die  gemeinsame  capsa  oder  cista, 
den  nidu8,  die  loculi,  das  scrinium  oder  endlich  durch  die  Bibliothek 
Belbst  ge-worden  zu  sein,  die  in  kleineren  Privathâusem  auszufullen 
ja  schon  der  eine  Livius  hinreichte.  Vor  ailem  war  sie  aus  der 
Uebereinstimmung  der  numerirten  tituli,  etwa  auch  noch  aus  dem 
gleichfôrmigen  Charakter  der  Emballage  zu  entnehmen. 

Musste  sich  der  Buchinteressent  gewisse  Werke  nun  gar  aus 
fûnfzig  oder  huudert  oder  mehr  Einzelrollen  zusammensetzen  —  denn 
fur  den  Benutzer  zerfalJt  ein  Werk  nicht  in  Bûcher,  es  summirt  sich 
ihm  erst  aus  solchen  — ,  so  liess  sich  in  dem  Chaos  so  vieler  gleich- 
artiger  Rouleaux  schwer  controliren,  ob  nicht  das  eine  oder  andere 
fehle,  es  Hess  sich  schwer  Unordnung  und  eine  Stôrung  ihrer  Reihen- 
folge  Yom  ersten  bis  zum  hundertsten  Stiîck  yerhiîten,  und  so  war 
es  verstandig,  etwa  je  zehn  oder  je  funf  von  ihnen  zu  XJntergruppen 
zu  vereinigen,  durch  deren  Vermittlung  ein  XJeberblick  iiber  das  viel- 
theilige  Ganze  ermôglicht  wurde.  So  zerûelen  z.  B.  die  achtzig 
Biicher  rômischer  Geschichte   des  Dio  Cassius  in  Dekaden^),  die 


Toupius  /i;rça»  fioXfiwv  wird  man  ungern  an  Stelle  der  /Açra»  fivfikitav  Raum 
geben,  die  doch  grade  als  Geschenk  fQr  Aegypten  bo  charakieristisch  sind. 
Athenaeos  bringt  nun  S.  67  Ë  dieselben  Theopompvrorte  verkQrct:  noXXol  fiiv 
ftQTVfÂi'tTtay ,  TtokXoi  dt  atéxxot  xitl  d-vkaxoi  fiifi)Ua}y  xai  Tiay  ttXXtûy  imàyrtav 
rctfK  XQ*J^^^^^  nçoç  roy  fiioy;  bier  ist  zwar  offenbar  fitdifiyoê  auagefallen, 
jenem  grammatiscben  Anstoss  scheint  bier  dagegen  glflcklich  abgeholfen,  und 
wir  mOssten  also  xai  j^cv^rn»  bei  Pseudolongin  ffir  interpolirt  nebmen,  wenn 
wirklicb  crnxxo»  ^tfikiojy  sachlich  glaublich  wAren.  So  scheint  es  vielmehr  ge- 
ratben,  sich  nach  einer  anderen  Abbûlfe  umzuseben;  eine  gute  Redefolge  er* 
giebt  folgende  Umstellung:  xttl  nokkol  ^tv  àqrvfifcnav  fiédifÀVOi,  Ttollot  cfé 
xai  Tioy  aXXvjy  unuynay  /çiycr/^wv  S-vktcxot  xai  aôxxoi  xai  /açrai  ^v^kiioy, 
Tocavra  di  xgéa  xrk.  Dièse  Restitution  bat  sur  Voraussetzung,  dass  die  irrig^ 
Wortrerstellang  scbon  in  der  gemeinsamen  Vorlnge  des  Athenaeos  und  Pseu- 
dolongin Plate  batte;  aber  aucb  wer  dem  Emendationsweg  des  Toupius  folgt, 
bat  fQr  die  Verscbreibung  so  weit  zurQckeugeben.  —  Noch  sei  erinnert,  dass 
aucb  in  den  Interpretamenta  des  Montepessulanus  als  Gegenstand  beim  ludus 
iitterarius  der  saccus  erw&bnt  wird.  Hier  wird  man  doch  wobl  nicht  an  BQcher- 
tascho  oder  ^Scbulmappe**  denken  dûrfen,  sondern  an  das  marsupium,  in 
welcbem  etwa  der  Scbûler  dem  Lehrer  das  Lebrgeld  brachte. 

^)  Suidas  8.  V.    Jitjy  ô  Kaaa&oç  :tyQaipi  '^PiûfÂfàxijv  laioçiay  iv  fii^ioêç 
n,  dM^çovytat  di  xccrà  déxndaç. 


—  Dekaden,  Pentaden.     aùvra^iç.  —  35 

zweite  AuBgabe  der  Argolica  des  Binias  in  AbtheilungeD  Yon  etwa 
gleichem  Umfange*).  Fur  Liyius  selbst  zerfiel  sein  grosses  "Werk  in 
Sachtheile  (partes  smgulat  tanU  operis  praef.  XXXI;  so  Theil  I  die 
altère  Geschichte,  Theil  II  die  punischen  Kriege),  wie  er  denn  sein 
Werk  in  Theilen  hinter  einander  erscheinen  liess;  Buch  CEX  bis  CXVI 
existirten  als  Geschichte  des  Bûrgerkrieges  mit  selbstândiger  Buch- 
zâhlung  noch  spâter.  XJebrigens  aber  wurden  beim  Livius,  gewiss 
schon  frûh,  auch  die  âusserlichen  Dekaden  beliebt,  wozu  das  Werk 
znm  Theil  selbst  einlud^);  und  eben  in  Dekaden  sind  seine  Reste 
auf  uns  gekommen.  XJeberlieferung  der  BuchroUen  nach  Pentaden 
lâsst  sich  auch  fur  Diodor's  Bibliothek  aus  seinen  Resten  mit  Sicher- 
heit  erschliessen.  Ueber  die  Hexaden  und  Triaden  des  Varro  vgl. 
unsren  dritten  Abschnitt. 

Wir  erhalten  fur  den  Ordnungsbegriff  avt^va^irÇ  (oder  (fvPTayfia) 
drei  Funktionen.  Einmal  ist  er  die  Untergruppe  eines  grôsseren 
Werkes  wie  bei  dem  soeben  erwâhnten  Dinias.  Zweitens  lag  es 
aber  auch  im  Interesse  der  bibliothekarischen  Contrôle  bei  einem 
Polygraphen  wie  Chrysipp  seine  Gesammtwerke  verschiedenen  Inhalts 
ab  solche  gruppenweise  anzuordnen,  und  CVPtal^tç  begreift  hier  also 
umgekehrt  eine  Mehrheit  gleichartiger  Werke  von  geringer  RoUen- 
zahl,  so  z.  B.  die  zweite  avpra^tç  seiues  tÔttoç  koyixoç  vierzehn 
Bûcher  in  acht  Werken,  die  zweite  seines  xànoç  loytxoç  ngoç  tovç 
lôyovç  xai  tovç  tgonovç  siebzehn  Bûcher  in  zehnen.  Aus  dem- 
selben  Gesichtspunkt  vereinigte  Porphyrios  die  vierundfûnfzig  selb- 
gtandigen  Monographien  ungleicher  Lange  seines  Meisters  Plotin  zu 
neungliederigen  Abtheilungen  oder  Enneaden.  Endlich  aber  ist  avp- 
ra^êç  auch  die  Einheit  eines  grossen  und  vieltheiligen  Einzelwerkes 
selber  (vgl.  Polyb.  I  3,  2;  Diodor  I  3,  woselbst  auch  avptccyfba, 
XTV  117,  XV  95;  Plut,  n  1043  Wytt;  to  avyrayfAa  Ttjç  ïfnoglaç 
^IxTVOÇ,  Suid.  ;  avytayfia  als  Gegensatz  zu  ybOVÔfiifiXoç  bei  Suidas  s. 


^)  Die  Theile  hiessen  auvra^nç,  waren  numerirt  und  der  erste  Theil 
hatte  mindestens  neun  Bûcher:  vgl.  Schol.  Ëurip.  Or.  870:  Jt^viaç  iv  9-'  t^ç 
nçârtiç  cvym^ttaç,  ixdôciœç  de  divrégaç.  Vgl,  Valkenaer  in  Schol.  Phoen.  7. 
Schneider  in  ZAW  1843  S.  430.  974.     C.  Mûller  F 11  G.  II!  S.  24. 

'  Vgl.  ûber  Livius  die  einleuchtenden  Auseinandersetsungen  Ton  Nissen 
Rh.  Mus.  27  8.  541  ff. 

3* 


36  —  ^î®  Buehterminologie.  — 

0iXâyQtoç),  und  das  Abfassen  eines  solchen  heisst  avyvdatfsiv 
TTQayfJtaTêlap,  laToglaç  *ai  Xoyovçy  pifiXoy  (ygl.  Dîod.  I  3.  Plutarch 
Cat.  maj.  25  und  ôfter.  Polyb.  I  3,  8.  Dionys.  Halic.  iud.  Lysiae  14. 
vgl.  Suid.  8.  V.  0lJU<XTOç). 

Ob  Yfh  nun  also  Plutarch^s  Biographien  als  eînheitliclies  Werk 
oder  ob  wîr  es  als  Sammlung  yieler  selbstândiger  Theile  auffassen 
wollen:  in  jedem  Fall  konnte  in  dem  Ëinleitungsbrief  der  wahr- 
scheinlich  unechten  Plutarchschrift  Begum  et  imperatorum  apophtkegmata 
sehr  wohl  auf  dieselben  aïs  ein  (fvvzayfjba  mit  den  Worten  verwiesen 
werden:  xalzot  xai  fiiovg  sxst  xà  avvTayiJka  %&v  è7uq>avëaxdxfov 
TïaQci  T€  ^Pùùfiaioiç  xai  naç*  'EXXi^a$p  ^yefAOVCùV  xai  vofboô-srœv  xai 
avtoxQazÔQfùP  *). 

Ist  aber  das  Gesammtwerk  nichts  als  eine  ^Zusanimenordnung^, 
60  'werden  seine  Bestandtheile  damit  als  so  selbstândig  voransgesetzt, 
dass  sie  einer  solchen  bedurfen:  nicht  anders  wie  spâter  eine  Mehr- 
heit  von  Codices,  die  sacblich  zusammenhângen  und  zusammen  zu 
benutzen  sind,  ein  (Svvxayyka  bilden  (vgl.  Phot.  cod.  152). 

Wenden  wir  uns  zu  dem  Tropus  corpus,  (Xœp^,  crcoffrairfov.  £r 
steht  der  avptalS$ç  ungefahr  gleich.  Nacb  Ëpiktet  (II  17) ,  wo  er 
von  den  vielen  (Xv^Tcl^stç  xai  (Swayonyai  redet,  auf  welche  die  zàhl- 
losen  Bûcher  des  Chrysipp  sich  vertheilten,  verfielen  einige  Bûcher 
desselben  dagegen  keiner  bestimmten  Gruppe:  sie  sind  C^T^tfêiç  ov 
(fœ^Aatêxai^),  So  kôrperlich  es  klingt,  so  unkôrperlich  war  doch 
auch  dièses  corpus  librorum  gedacht;  es  bedeutete  eine  geschlossene 
Anzahl  yon  Rollen  nicht  anders,  als  das  corpus  militum  ein  Corps 
Soldaten  ist').     £rst   auf   das  Handschriftenwesen  des  Mittelalters 


^)  Mit  Unrecht  nimmt  Yolkmann,  Plutarch  I  S.  21  Anstoss  an  civrayfAa, 
„was  doch  nur  eine  Schrift,  ein  Buch,  niemals  aber  ein  corpus  von  Bûchem 
bezeichnet*^  ! 

')  So  waren  vier  BQcher  nfçl  fikoy  eine  Syntaxis  (Diog.  Laert.  Vil  188). 

')  Beispiele  fur  diesen  Klassenbegriff  corpus  ans  Livius  und  Justin  giebt 
Drakenborg  zu  Lir.  I  17,  2.  So  heisst  der  gesammte  menschliche  Sprachaua- 
druck  To  aiàfAa  ttjç  ké^naç  (Longin  bei  Walz  Rh.  gr.  IX  560,  10);  so  spricht 
man  philosophisch  vom  corpus  rerum  ncUurae,  to  aw^a  tov  navrôç  u.  a.  Cicero 
giebt  eine  gute  Analogie  im  Brutus  §  208,  wo  er  die  Sitte  tadelt,  nach  welcher 
die  Vertheidigung  Angeklagter  nicht  von  einem  Redner  gefûhrt,  sondem  an 
drei  vertheilt  wird:  nihil  vitiosius  quam^  cum  unum  corpus  debeai  esse  de- 


—  Corpus,  aiafAtt,  dafjiànov,  —  37 

ûbertragen  gelaDgt  es  dazu,  auch  mit  einer  Raumeinheit  zusammen- 
zufiaUen;  doch  ist  auch  dies  nicht  nothwendig  gewesen.  Der  Ter- 
minus txitt  ungefalir  zuerst  in  dem  Briefe  Cicero's  an  Lucceius  auf 
des  Jahres  56  v.  Chr.  (ad  famil.  V,  12);  es  heisst  hier,  Lucceius  soUe 
die  Catdlinarische  Yerschwôrung  nicht  blos  als  Theil  einer  allgemeinen 
Zeitgeschichte ,  sondem  selbstândig  fur  sich  beschreiben;  was  den 
TJmfang  betrifft,  so  werde  auch  so  das  Werk  ziemlich  gross  ausfallen 
kônnen:  aprmdpio  enim  convarationis  usque  ad  recUtum  nostrum  videtur 
ndhi  modicum  quoddam  corpus  confici  posée  (§  4).  Ëine  bestimmte 
Buchform  ist  hier  keineswegs  angedeutet.  In  welcher  Weise  sich 
corpus  und  Uher  unterschieden ,  wird  durch  den  Brief  Cicero's  ad 
Attîcum  n  1  aus  dem  Jahre  60  schon  klarer  gestellt.  Cicero 
schickt  zehn  seiner  Reden  und  ausserdem  noch  zwei  kûrzere  Stûcke 
qwisi  ànofSndfSiiaTa  legis  agrariae  an  die  Bûcherei  des  Atticus:  aile 
zusammen  aber  nennt  er  corpus:  hoc  totum  (SÔiJka  curabo  ut  habeas; 
dahiugegen  jeden  Einzelbestandtheil  des  corpus  nennt  er  fortfahrend 
liber:  et  quoniam  te  cum  scripta  tum  res  meae  délectant:  tisdem  ex 
Itbris  perspides  et  quae  gesserim  et  qaas  direrim. 

Mit  hinreichender  Anschaiilichkeit  redet  sodann  eine  weitere 
Stelle  beîm  Seneca.  Der  Ëifer  des  Philosophen  richtet  sich  De 
tranquilL  vitae  9,  6  wider  den  BibHomanen,  welchem  nur  die  Viel- 
heit  der  Bûcher,  die  er  besitzt,  und  dut  ihre  Aussenseite  von  Wich- 
tigkeit  scheine:  ein  solcher  suche  sich  Corp  or  a  auf  von  ganz 
obskuren  und  schlechten  Autoren:  er  bringe  auf  dièse  Weise  viele 
tausend  Bûcher  zusammen,  er  ergôtze  sich  aber  nur  an  den  Randern 
und  den  Aufschriften  der  Rollen.  Von  Rand  und  Aufschrift  eines 
€k>rpus  wird  nicht  geredet.  Wir  lesen:  cur  ignoscas  hommi  armariu 
cUro  atque  ébore  captanti,  corpora  conquirenti  aut  ignotorum  auctorum 
aut  inprobatorum  et  inter  tôt  rrûHa  îibrorum  oscitanti;  eut  voluminum 
suorum  frontes  maxime  placent  tituUquel  Man  sieht,  in  den  Armarien 
sind  es  nicht  die  Corpora,  sondem  ihre  Bestandtheile,  die  yielen 
tausend  Rollen,  deren  Anblick  den  Besitzer  erfreut.    Nur,  je  nachdem 


fensionis^  nasci  de  intégra  causam  cum  git  ab  altero  perorata.  Omnium 
enim  causarum  unum  est  naturale  prtncipium^  una  peroratio;  reliquae  partes 
quasi  membra  . .  .  suam  et  vim  et  dignitatem  tenent.  Die  Bildlichkeit  des 
Aosdnicks  wird  hier  mit  membra  noch  weiter  durchgei'Qhrt. 


38  —  ^î®  Buchteiminologie.  — 

ihre  tituli  dies  indiziren,  fallen  sie  zu  diesem  imd  jenem  Corpus 
auseinander. 

Besonders  scharf  giebt  denselben  Begriff  im  dritten  Jahrhundert 
eine  Rechtsentscheidung  beim  Ulpian.  £s  fragt  sich,  was  geschehen 
soll,  wenn  ein  Vennâchtniss  auf  aile  48  Bûcher  Homer's  lautet,  aber 
einige  Bûcher  davon  abhanden  gekommen  sind.  Der  Jurîst  ent- 
scheidet:  man  verabfolge  yon  dem  Homère  or  pus,  was  noch  ûbrig 
ist  (Dig.  XXXn  leg.  52):  Si  H  orner  i  corpus  sit  U^atum  et  non  sit 
plénum,  quantaecunque  rhapsodiae  inveniantur  debentur.  Es  erhellt, 
dass  fur  Ulpian  corpus  noch  nicht  den  Codex  bedeutet,  sondem  in 
derselben  Weise  incomplet  sein  kann,  wie  bei  uns  ein  mehrbândiges 
Werk.     Jede  Rhapsodie  bildete  eine  Rolle. 

So  erklârt  sich  auch  Cicero's  Ausdrucks weise  in  dem  Brief  ad 
Quintum  fratrem  II  13  aus  dem  Jahr  54.  Cicero  erinnert  sich,  der 
Adressât  lèse  den  Philistos*):  sed  utros  eius  (namlich  Philistt)  habueris 
lihros  —  duo  enim  sunt  corpora  —  an  utrosque,  nesdo.  Me 
magis  „de  Dionysio^  deUctat,  Es  handelt  sich  um  Philistos'  zwei  Werke 
^ixfAixa  in  elf  Bûchem  und  nsQÏ  Jiovvclov  tov  jvqdvvov  in  sechseo. 
Wâre  corpus  ein  Tevxoç,  so  hâtte  Cicero  kûrzer  schreiben  kônnen: 
sed  uirum  eius  habueris  corpus  an  utrumque  nescio,  Seine  umstand- 
lichere  Parenthèse  deutet  vielmehr  an,  dass  corpus  statt  libri  als 
technische  Bezeichnung  des  mehrbûcherigen  Werks  nicht  eigentlich 
fixirt  war. 

So  also  auch  und  nicht  anders  kann  nur  das  (ïcùficiTêoy  der 
nias  gemeint  sein  bei  Pseudo-Longin  nsQÏ  vijjovç  (9,  13)  in  der  Zeit 
des  Nero,  dasselbe  vielleicht  auch  noch  beim  Hesych  (sub  IXidç) 
und  bei  Schol.  II.  S.  I  4  Bekk.,  wo  das  acùficcuov  der  Odyssée  hinzu- 
kommt:  denn  der  Wortlaut  beider  Stellen  kann  sehr  wohl  auf  alte 
Zeit  zurûckgehen.  Entsprechend  wird  auch  bei  Marins  Victorinus 
(S.  68,  15  K.)  von  den  zwei  corpuscula  des  Homer  geredet,  und 
Ausonius  Epist.  18,  28  reiht  an  Krates  und  Aristarch  einen  dritten 
Homerdiorthoten,  nach  Wolf *)  den  Zenodot,  mit  folgendem  Verse  an: 

Quique  sacri  lacerum  collegit  corpus  Homeri. 


*)  te  video  volutatum  wohl  in  Anklang  an  das  volvere  und  convofvere  der 
Tolumina  gesagt. 

»)  Wolf,  Frol.  Hom.  S.  200. 


—  Corpus,  aw/na,  aœfidnoy.  —  39 

Nicht  anders  auch  meint  es  Sueton,  wenn  er  de  grammaticis 
c.  6  ûber  den  Aurelius  Opillus  berichtet:  composvitque  variae  eruditioim 
àUquot  volundna,  ex  quilms  novem  unius  corporis;  quae  (qui  codd.) 
quia  êcriptores  ac  poetas  sub  cUentda  Musarum  iudicaret,  non  absurde 
et  fecisse  et  inscripsiêse  (scripmse  codd.)  se  ait  ex  numéro  divarum  et 
appeUatione,  Die  Worte  sind  sorgsam  gewâblt:  fecisse  erbâlt  durch 
numéro  und  inscripsisse  durch  appeUatione  seine  nâhere  Bestimmung. 
Es  batte  also  Opillus  neun  Rollen  auf  die  Museu  vertbeilt,  und  deren 
Ëinbeit  war  so  ideell  wie  die  der  Musen  des  Herodot  oder  der  gleicb- 
falls  joniscben  Musen,  als  welcbe  die  neun  Bûcher  navzoâanâp  iato- 
QUûV  des  Kephalion  unter  Hadrian  erschienen  (Phot.  cod.  68)  oder 
wie  der  Bund  der  Charitinnen,  nach  denen  Leonidas  von  Alexandria 
die  Dreibeit  seiner  Biicher  bezeichnete  (Anthol.  Pal.  VI  328)  ^).  Auch 
Plutarcb  bat  seine  Symposiaca  nach  denselben  neun  Musen  disponirt. 

Und  nicht  weniger  verstandlicb  ist  Plinius'  Brief  II  10.  Ein 
gewisser  Octayius  Rufus  batte  seine  Gedichte  einzeln  aus  der  Hand 
gegeben;  Plinius  râtb  ibm,  lieber  daraus  eine  ^editio^  zu  machen, 
îind  zwar:  hos  (versus  tuos)  nisi  retrahis  in  corpus,  quandoque  ut 
erronés  aliqaem  cuius  dicantur  inventent;  wie  viele  Bûcher  die  Edition 
geben  wûrde,  bleibt  unbestimmt;  corpus  aber  ist  die  Einheit  eines 
regelrecht  edirten  Werkes. 

Wollen  wir  nach   weiteren  Beispielen  suchen,  so  nannte  Ovid 

seine  Ars  amandi  corpus  meum  (Trist.  UI  14,  8);  so  heisst  die  Aeneis 

in  den  Pseudo-ovidischen  Epigrammen  ein  Corpus  (Ribbeck  Prolegg. 

Verg.  S.  369;  Riese  Anthol.  lat.  N.  IflF.): 

Bis  qaînos  feci  legerent  quos  carminé  versus 
Aeneidos  totum  corpus  ut  esse  putent. 

Die  vierundfunfzig  Monobibla  verschiedenen  Umfangs  des  Plotin 
gruppirte  Porphyrios  nicht  nur  zu  je  sechs  Enneaden,  sondern  die 
drei  ersten  Neunheiten  wiederum  zu  einem  (TcûfJbccrtop  zusammen;  die 
zwei  folgenden  Enneaden  machten  sodann  ein  zweites  acûfAcluor  aus; 
die  letzte  war  ein  (jcùfACcuov  fur  sich*).    Macrob  spielt  mit  dem  Ter- 


^)  Nicht  vollkommen  analog  sind  die  Musen  und  Chariten  des  Aeschines. 

')  Vgl.  Porph.  TÎta  Plotini  §  25  :  ravraç  mç  rçilç  hvèdâuç  ^/lkIç  iy  M 
etofinriti»  là^avxiç  xanaxfvaatt^sy  xtX.  Es  wird  spâter  gesagt  werden,  dass 
Porphyrios  hier  mOglicherweise  die  OiOfAana  schon  als  Codices  gedacht  hat. 


40  —  ^î®  Buehterminologie.  — 

minus,  wenn  er  seine  Satumalien  ein  corpus  der  verschiedensten  ^e- 
lehrten  Dinge  und  dessen  Bestandtheile  membra  nennt  (Macr.  I  praef.): 
variarum  rerum  disparUitas  ....  ita  in  quoddam  congesta  corpus  e$t, 
ut  quae  indistincte  ....  adnotaveramus ,  in  ordinem  instar  membrorum 
cohaerentia  convenirent.  Von  einem  Corpus  zu  Tier  Bûchem  redet 
Rufin  (bei  Hieronym.  éd.  Martian.  lY.  S.  374).  Ein  Corpus  nennt 
sich  im  Codex  Bemensis  der  lateinische  Josephus  des  Ëgesippus 
(ygl.  die  Ausgabe  yon  Weber  und  Caesar).  Und  daran  mag  auch 
Justin  gedacht  haben,  wenn  er  in  seinem  Yorwort  die  yierundvierzig 
Yolumina  der  historiae  des  Pompeius  Trogus  preist  als  eine  res  magm 
et  arwm  et  corporis.  Zu  tadeln  ist  die  Spracbe  Justin^s,  wenn  er 
seine  eigene  Epitome  dann  ebendaselbst  mit  der  Charakteristik  brève 
veluii  florum  corpusctUum  belegt.  Weder  lâsst  sich  aus  der  Bildlich- 
keit  des  florum  dafur,  noch  aus  der  Raumlichkeit  des  brève  dagegen 
ein  emstbafter  Schluss  ziehen,  dass  (fcofAccTtov  die  bisherige  Bedeutung 
auch  hier  bewahrt  habe;  und  doch  wâre  gerade  hier  Deutlichkeit 
Yon  Nutzen  gewesen^).  Ganz  abstrakt  hat  dagegen  Columella  yiel- 
mehr  die  blosse  Sacheinheit  im  Auge,  indem  er  vom  Celsus  schreibt 
(I  1, 14):  totum  corpus  disciplinae  (se.  rerum  rusticarum)  quinque  Hbris 
complexus  est 

Ganz  exceptionell  findet  sich  corpus  auch  einmal  fur  ein  Einzel- 
buch:  in  jenem  seltsamen  Epigramm  des  Probus,  das  dem  Cornélius 
Nepos  fast  sein  Eigenthumsrecht  auf  das  einzige  seiner  erhaltenen 
Bûcher  gekostet  hâtte  ').  Das  schlechte  Gedicht  steht  in  den  Hand- 
schriften  des  Nepos  hinter  dem  Hannibal.  Es  ist  geschrieben  in  der 
Zeit  des  Theodosius  und  scheint  Papyrusbuchwesen  vorauszusetzen*). 
Hier  wird  dem  Theodosius  ein  Einzelbuch  dedicirt  (  Vade  Uber  noster 
V.  1),  und  von  diesem  heisst  es  dann: 

Corpore  in  hoc  manus  est  genitoris  avique  meaque. 
Das  Buch,  das  Probus  dem  Kaiser  sandte,  war  ûbrigens  ein  Gedicht- 
buch*)  und  hatte  aiso  mit  den  Feldhermyiten  des  Nepos  nichts  zu  thun. 


»)  VgL  unten  Cap.  VIII. 

')  Nepos  éd.  Both  S.  146;  éd.  Halm  S.  111.    Biese  AnthoL  lat.  N.  783. 
')  In  den  Worten  :  ornentur  stériles  fragili  tectura  libelli. 
*)  Probus  sagt  dies  uncweideutig,  und  so  haben  es  Lachmann  und  O.  Jahn 
richtig  TersUnden  (Verhandl.  u.  s&chs.  Ges.  III  1851  S.  343).    Sein  Bueh  hat 


—  Corpus,  etSfuc,  otafÂunoy,  —  41 

In  die  Zeit  des  Theodosius  scheint  etwa  der  endgûltige  Sieg 
der  groBsen  Pergamenthandschriften  zu  fallen.  Solche  Handscbriften 
Termocbten  nun  den  Inhalt  yieler  gerollten  Bûcher  in  sich  zu  ver- 
eînigen:  di%s%a^  to  CœfAanoy  nâ<xav  ygcctp^v  (Macarius  homil.  26 
p.  340).  Und  fur  das  ideelle  Corpus  war  damit  wirklich  ein  Leîb 
gefunden. 

Im  funften  Jahrliundert  erschîen  als  Codex  Theodosianus  die  erste 
grosse  kaiserliche  Rechtssammlung;  sie  batte  ibren  Yorlaufer  im 
Codex  Qregorianus  und  im  Hermogenianus  desselben  Jabrbunderts. 
Auf  sie  wurde  aucb  die  Bezeicbnung  corpus  angewendet^).  Aber  nur 
im  Griecbiscben  scheint  sie  sich  als  Buchterminus  wirklich  fixirt  zu 
baben.  Weil  zu  den  %€V%fi  Gharta  selten  verwendet  wurde,  so  bildet 
Yon  nun  an  in  griecbiscber  Sprache  aoufAcirtoy  als  Pergamentbuch 
zom  Papyrus  einen  direkten  Gegensatz.  Eine  Entgegenstellung  wie 
die  folgende  aus  den  Briefen  des  Basilios  (Epist.  395)  bat  in  den 
21eiten  Cicero^s  oder  Sueton's  nicht  gemacht  werden  konnen:  to  nsQÏ 


nicht  gl&nzenden  Blinband^  der  leicht  Schaden  nimmt;  einen  solchen  mOgen 
Bûcher  schlechten  Inhalts  anlegen;  seinOedichtbuch  wîrd  auch  ohne  Schmuck 
gefallen  (r.  7  t)  : 

Omentor  stériles  fragili  tectnra  llbelli: 
Thendosio  et  doctis  carmina  nada  placent. 

Mothmasalich  fiog  das  Qedichtbuch  selbst  aber  mit  einem  Acrostichon  an;  denn 
Proboa  f&hrt  fort: 

Si  rogat  aaetorexn,  panlatim  detege  nostnun 
Tune  Domino  n  o  xn  e  n  :  me  sciât  esse  Probnm. 

Nicht  das  Epigramm,  sondem  der  liber  selbst  wird  hier  beaufiragt,  allm&h- 
lieh  den  Namen  Probus  erkennen  eu  lassen!  —  Das  Epigramm  muss  an's 
Ende  des  Neposbuches  als  Reminiscenz  gekommen  sein;  und  die  Nennung 
seines  Verfassers  gerieth  dann  durch  Versehen  mit  der  subscriptio  zusammen: 
Aem.  Probi  de  excell,  dttcilntê  eqs. 

'}  Z.  B.  Conlatio  cp.  9  init.  :  ex  corpore  Hermogeniani,  Vgl.  Ed.  BOcking 
Pandekten  d.  rOm.  Priratrechts  P  Bonn  1853  S.  51  ff.  Uebrigens  scheint  dièse 
Beseichnung  selten;  das  Ueblicbe  war,  mit  ^ Codex''  su  citiren  (so  die  Digesten 
meistens);  die  fragmenta  Vaticanana  citiren  nach  Bfichern.  Der  Hermogenianus 
wird  immer  nur  nach  Titeln  citirt  und  scheint  den  Umfang  ein  es  Bûches  gar 
nicht  ûbersohritten  zu  haben.  Zumal  da  auch  Justinian  seinen  Codex  nicht 
geradezn  corpus  nennt,  so  wird  dies  Wort  hier  nichts  andres  als  ^Sammlung** 
bedenten,  nftmlich  constitutionum. 


42  —  ^î®  Buchterminologie.  — 

%ov  nvsvfjbawç  fiifiXlov  yé^gamai  fjkip  ^fiXv  xal  i^êiçyattraê,  éç 
avTOç  oldaç'  àjtoaxsïXaè  âè  èv  X^Q'^fl  yêyQafjbfképoy  ixoilv(knf 
fis  ol  (ast"  ifAOV  àdsXtpoi,  sînôvtsç  Ttaçà  tfjç  si/eviaç  (fov  ivvoXàç 
6%SiV  iv  fïcùfiaTlù}  'ygcc^at.  Der  Angeredete  wûnscht  also  des 
Basilios'  Buch  Tugi  tov  nvsvykatoç  nicht  auf  Charta,  sondern  h 
(XCùfiatla),  das  heisst  also  als  PergameDthandsclirîft  geschrieben  zu 
sehen;  fur  die  Charta  wird  Rollenfonn  vorausgesetzt.  Hierzu  ver- 
gleiche  man  Stellen  wie  Conc.  VI  Oecum.  act  10  und  act.  14,  wo- 
selbst  das  siXt^tccçtov  zu  den  (fcùfAaia  in  Gegensatz  gestellt  wird, 
oder  Epist.  Constantini  10,  sowie  Ëuseb^s  vita  Gonst.  IV  36  betre£feiid 
funfzig  acù flâna  iv  âêtpâ'éQatç,  mit  denen  daselbst  tevxtl  synonjm 
steht.  Weisses  Pergament  wird  gerûhmt  in  dem  atûfid-nov  XevxowëQOV 
X^ovoç  (Act.  SS.  ed  Maius  Y  S.  3250).  Eustathius,  dessen  Zeit  die 
Rollen  nicbt  mehr  kannte  (ygl.  zu  Odyss.  S.  1913),  dacbte  wohl  an 
codices  cbartacei,  wenn  er  aus  dem  Papyrus  coifiata  fabriciit 
werden  lâsst^). 

Die  grosse  Recbtssammiung  Justinian's  aus  dem  secbsten  Jahr- 
hundert  fûhrt  den  Namen  corpus  iuris  civiîis  standig  erst  seit  der 
Ausgabe  des  Dionysius  Gothofredus,  die  Lyon  1589  erscbien*);  aber 
auch  bei  den  Glossatoren  des  Mittelalters  und  in  der  Rechtsscbule 
zu  Bologna  war  er  scbon  Eunstausdruck,  indess  nicbt  etwa  in  dem 
Sinne  der  Raumeinbeit  einer  Handscbrift').  So  batte  ja  scbon  Livius 
einst  die  zwolf  Gesetzestafeln  velut  corpus  omnis  Romani  iuris  genannt 
(III  34,  7).  Bei  Justinian  selbst  lesen  wir  dagegen  omne  corpus  iuris 
(God.  Just.  y  13  init.)  nur  Yon  der  gesammten  Recbtswissenscbaft 
in  abstracto;  die  Gonstitutio  onmem  nennt  eine  Summe  yon  zwolf 
Biicbern  corpus  (1)  und  die  Institutionen  Justinian's  beissen  ex  omni 
paene  veterum  institMtionum  corpore  elimatae  (2).  Dieselben  Institutionen 
lebren  (II  1,  33):  Si  in  chartis  membranisve  tuis  carmen  vel  historiam 


^)  Ëu8t.  S.  1913,  36:  ^/é»  17  fivfiloç  iytàdéç  n  ^  ov  tîxoç  ywtc^t  ctôfAtera 
cuvtikovyTa  fiç  yça(fttç.  S.  421,  30:  iyivtrô  non  rà  rcuK  j^açTaçUay  Cùi/naiu 
ix  g^viov, 

^  B5cking,  a.  a.  O.  Ânhang  S.  12. 

>)  Savigny,  Gesch.  d.  rOm.  Rechts  III  S.  517  Note:  s.  B.  totum  corpus 
iuris  in  duobus  voluminibus  und  daneben:  totum  corpus  iuris  civilis  quod  corpus 
est  unus  codex. 


—  Corpus.     Monobiblos.  —  43 

re/  orationem  lïtius  scripserit,  huius  corporis  non  Tithis,  sed  tu  dominas 
esse  iudiceris,  Sonst  scheînt  Justinîan  den  Terminus  blos  fur  das 
dritte  seiner  Werke,  fur  seinen  Codex,  nach  Analogie  des  codex  Gre- 
gorianus  und  Hermogenianus,  yerwendet  zu  haben,  doch  auch  dies 
nur  in  der  Verbindung  corpus  codicis  *).  OflFenbar  ist  dem  "Worte  im 
Lateinischen  seine  abstrakte  Bedeutung  ^Sammlung^  oder  ^Gesammt- 
heit"  (nâmlîch  constitutionum)  auch  hier  verblieben. 

WoUte  die  classische  Zeit  endlich  diesen  corpora  librorum  gegen- 
ûber  eine  Monographie  charakterisiren ,  die  in  einer  Rolle  Platz 
fand,  80  nannte  sie  sie  fioyôpifiXoç  oder  (loyofi^pXov^).  Aus  Schriften- 
Terzeichnissen  wie  denen  beim  Suidas  ist  uns  der  Name  besonders 
gelâufig.  Sie  geben  ohne  Frage  den  Spracbgebrauch  antiker  Biblio- 
thekscataloge  wieder.  Mit  demselben  Namen  belegte  noch  Justinian 
seine  einbûcherige  novelîarum  constitutionum  coUectio^);  unter  dem- 
selben erschien  auch  schon  ein  Elegienbuch  des  Properz  im  Buch- 
handel  und  bewahrte  durch  ibn  fur  immer  den  ûbrigen  Elegienbûchem 
des  Dichters  gegenûber  seine  Selbstandigkeit^).  Gezâhlt  kônnen 
monobibla  natûrlich  nur  werden,  falls  mehrere  von  ihnen  unter  eine 
Gattung  fallen,  z.  B.  cvyrcc^aç  ^i^Xia  îaTQêxdj  gjbovéptpXa  ykiv  o\ 
cvvxàyyMxa  âè  itëça  ovx  oUya  (Suid.  s.  y.  O^XciYQiOç),  dagegen 
ist  in  dem  Aristotelischen  Titel  nsql  fiaaiXelaç  eyçaipev  èp  \bvÏ\ 
[AOPofilfiXu)  (Ammon.  vita  Arist.  S.  401  "Westerm.)  Abschreiberver- 
sehen  und  woU  einfache  Dittographie  anzuerkennen.  —  Das  Adjektiv 
war  so  zum  Appellativ  verselbstândigt;  ein  <xvyyça(p^,  resp.  (SvyYQ^" 
fàfHi  hinzuzusetzen  ist  anscheinend  nie  beliebt  worden.  Selten  nun 
bat  sich  auch  bei    mehrbûcherigen   avvrcc^êtç  das  Bedûrfniss  nach 


^)  Vorwort  sur  zweiten  Au-^gabe  tit.  2:  constitutiones  .  .  .  extra  corpus 
eiuêdem  codicis  divagabantur  und  tit.  4:  nulla  alla  extra  corpus  eiusdem  codicis 
constitutione  legenda.  Freier  noch  heisst  es  zu  Anfang:  constitutioneSy  quae  .  .  . 
taciUahant^  in  unum  corpus  colUgere  .  .  .  propo8uimus. 

')  Die  Form  ^ovôfiifiXou  (besonders  pluralisch)  hSlufig  in  Catalogen  wie 
deoen  beim  Suidas;  ygl.  auch  Morell.  Bibl.  Ms.  S.  295.  Schol.  Aristot.  PI.  321. 
Betrefia  der  Form  fiovô^i^koç  vgl.  auch  Reitz  zu  Theophilus  Bd.  II  S.  1287, 
der  auch  fAOvofiipkMV  aus  den  Basiliken  belegt. 

3)  Nach  Theophanes  (Kedreno^)  Ygl.  Du  Cange  bei  Stephanus  Thésaurus  s.  t. 

^)  DarQber  ist  unten  Cap.  VIII  ausfÛhrlich  gehandelt. 


44  —  ^i®  Buehterminologie.  — 

einer  entsprechenden  Composition  eingestellt^);  wir  lesen  einmal  von 
einer  i^dfiêfiXoç  T^ayfAareia  beim  Erotian  (S.  7)  oder  yon  einem 
Tnvxiov  éTnccfitfiXov  beim  Psellus  (Sjnops.  20);  substantivirt  stebt 
17  nsvTccfiipXoç  80  wie  Pentateuchos  bei  Ëuseb  (Chron.  S.  70); 
hie  und  da  aber  hat  man  bei  Werken  manigfachen  Inhaltes  in 
Ermanglung  eines  Sachnamens  eine  Bildung  nach  dieser  Analogie 
geradezu  zum  Titel  erhoben:  xsTQct^i^Xoç  war  so  der  Rufname  einer 
astronomischen  Schrift  des  Ptolemaeos  ;  als  ^E^fjxovTâfi^fiXoç  liess  sicli 
eine  Summe  yerschiedenartiger  Biîcher  des  Hippokrates  zusammen- 
fassen.  Die  Chronographie  des  Sextus  Julius  Africanus  hiess  dagegen 
Yollstandig  Jlsvxà^^fiXov  xqovoXoy^^Ôv y  sowie  unter  der  Lektûre  des 
Photios  des  heiligen  Athanasios  TUVxci^i^Xoç  xarà  \4Q8iov  (cod.  140), 
des  Euseb  rezQclfitpXoç  iyxiûfA$a(fTM^  €Îç  Kovdvavifivov  (cod.  127) 
erscheinen. 

Das  Fragen  nach  der  Namengebung  sei  hiemit  abgeschlossen. 
Es  ist  nicht  erfolglos  gewesen.  Die  unzweideutige  Antwort  kônnen 
wir  mit  einem  neueu  Zeugnisse  in  der  Fassung  der  Origines  des 
Isidorus  hier  an  den  Schluss  setzen«  Denn  dièse  schon  mittelalter- 
liche  Encyclopâdie  antiken  Bildungsmateriales  definirt  in  unserem 
Fall  folgendermassen  :  ^Ein  Codex  begreifb  eine  Yielheit  Yon  Bûchem, 
je  ein  Buch  begreift  eine  Rolle":  codex  multorum  librorum  est,  Uber 
unùis  voluminis  (Isid.  Origg.  VI  13)*). 

Wie  Vergil  ein  einzelnes  Buch  Eclogen,  wie  Horaz  ein  Bach 
Briefe,  Properz  ein  Buch  Elegien  séparât  publicirten,  so  sind  aucb 
die  sâmmtlichen  Bûcher  des  Martial  getrennt  von  einander  nicht  nur 
verfasst,  sondem  in  den  Buchlâden  Rom's  aufgeiegt  und  yerkaufb 
worden.  "Wer  sein  zweites  kâuft  und  das  erste  nicht  hat,  dem  rath 
der  Dichter  einfach  auf  dem  Titel  die  Zahl  II  in  eine  I  zu  yerândem  : 

Primus  ubi  est»  inquis,  cum  sit  liber  iste  aecundas? 

Quid  faciam  si  plus  ille  pudoris  habet! 
Tu  tamen  bunc  fieri  si  mavis,  Regfule,  primum, 

Unum  de  titulo  tollere  iota  potes  (Il  fin.). 

^)  nokvfitfikoç  findet  sich  Pbot.  cod.  146,  aber  schon  Athenaeos  S.  249  A 
Ton  den  hundertundTierundvierzig  Bflchern  des  Nikolaos  Yon  Damascus. 

3)  Vgl.  ReifTerscheid,  Suet.  RcU.  S.  134.  Eine  direkte  ZurOckHlbrung 
des  Satzes  auf  das  Pratum  Sueton's  ist  natfirlich  schon  wegen  der  Voranstel- 
lung  des  codex  ganz  unwahrschcinlich. 


—  Bûcher  einselD  gekauft  und  gelesen.  —  45 

De  Sacheinheit  bildeten  dièse  Epigrammenbûcher  ja  ohnedies  nicht. 
>€r  auch  von  âlteren  Werken  wie  von  der  Vergilischen  Aeneîde 
ieben  die  Bûcher  einzeln  kâuflich:  ein  Grammatiker  der  Antoninen- 
it  Fidius  Optatus  zeigt  um  einer  Schreibung  willen  dem  Gellius 
r  zweites  allein  vor,  ein  selir  altes  Exemplar,  das  er  darum  im 
iden  anch  theuer  genug  mit  zwanzig  aurei  bat  bezahlen  mûssen; 
bekam  ausserdem  die  Einbildung  in  den  Kanf,  ein  Buch  vom 
-iginabnanuskript  des  Dichters  erworben  zu  haben^).  So  vnrd  das 
sbente  Buch  der  Annalen  des  Ennius  bei  Gellius  XYDI  5,  11  ohne 
e  ûbrigen  herbeigeschafffc,  so  nimmt  man  und  liest  die  zweite 
lapsodie  des  Homer  bei  Lukian  (58,  7;  vgl.  25, 12),  um  vieler  anderer 
inlicher  Fâlle  zu  goschweigen,  welche  das  Résultat  dièses  Kapitels 
id  den  obigen  Satz  Isidor^s  zu  veranschaulichen  geeignet  sind. 

Fâlle,  die  mit  diesem  Endresultat  in  Widerstreit  stehen  oder  zu 
ehen  scheinen,  mûssen  doch  nothwendig  von  ihm  aus  beurtheilt 
erden.  Derartige  scheinbare  Ausnahmen,  im  rechten  Zusammen- 
knge  betrachtet,  werden  fur  die  Regel  nichts  anderes  als  eine  Be- 
fttîguDg  ergeben  kônnen.  Sie  sind  darum  einem  anderen  Zusammen- 
ing  vorbehalten  (vgl.  Kap.  VI  und  IX). 

Grûnden  sich  nun  die  bis  hierher  gewonnenen  Yorstellungen 
isschliesslich  auf  die  Yoraussetzung  des  Papyrusbuchwesens,  so 
ird  eine  Sonderbetrachtung  des  antiken  Buchmateriales  dazu  dienen, 
eselben  zu  detailliren  nicht  nur,  sondem  auch  schârfer  zu  umgrenzen. 


')  GelL  II  3:  Fidium  optatum  . . .  oatendisse  mihi  librum  Aeneidos  «e- 
mdwn^  nUrandae  vetustaHs^  emptum  in  gigillariis  viginti  aureis,  quem  vpsius 
ergUifuUse  credelxUur.  Das  LeUtere  ist  wohl  Schwindel.  Définitive  Fassung 
td  also  aueh  Bucliform  bekam  die  Aeneis  ja  erst  durch  die  Herausgeber. 
in  ftr  die  Herausgabe  nieht  bestimmtes  Manuskript  aber,  wie  das  echte  Ver- 
lisehe  sein  musste,  konnte  nicht  wohl  in  den  Buchhandel  kommen.  Vgl. 
lien  flber  Cicero's  Manuskripte  Cap.  VII. 


ZWEITES  KAPITEL. 

Das  Pergament 


JJer  griechische  Yolksstamm  trat  ein  halbes  Jahrtausend  frûher 
als  der  romische  und  fast  zwei  Jahrtausende  fruher  als  der  germa- 
nische  in  die  Cultur  und  in  die  Geschichte  ein.  Dièses  Ereigniss 
bedeutete  viel:  unter  anderem  bereicherte  es  die  Menschheit  mit 
einer  Litteratur,  d.  h.  mit  deijenigen  Nationallitteratur,  die,  in  sich 
Yollkommen  und  scheinbar  durch  keine  Yorzeit  bedingt,  fur  den 
Fortgang  verwandter  Bestrebungen  in  aller  Folgezeit  direkt  oder 
indirekt  erste  Grundlage  bleiben  soUte.  Das  Bild  des  Griecbenthums 
ist  fur  uns  darum  so  schôn  durch  seine  innere  Jugend  wie  es  durch 
sein  âusseres  Alter  ehrwûrdig  ist.  Doch  aber  gewahren  wir,  noch 
ehrwûrdiger,  in  der  Yergangenheit  hinter  ihm  die  grossen  Zeitrâume 
der  phônizischen,  der  ass}Tischen,  der  âgyptischen  Cultur.  Wenn 
nun  erst  durch  Schrift  und  Buch  eine  Yolkspoesie  zur  National- 
litteratur  erhoben  werden  kann,  so  mag  die  Litteratur  der  Griechen 
nach  Inhalt  und  Kunstform  fur  so  selbstandig  wie  môglich  gelten: 
die  Yorbedingung  der  Schrift  haben  sie  von  den  Phôniziem,  die 
Yorbedingung  des  Bûches  haben  sie  von  den  Aegyptem  ererbt. 

Dass  die  Schrift  den  Phôniziem  abgelemt  war,  dessen  war  sich 
das  Alterthum  selbst  bewusst  (vgl.  z.  B.  Herodot  Y  58)  und  machte 
den  sagenhaften  Kadmus  zum  Uebermittler  ;  ob  dann  weiter  die 
phônizische  Schrift  auf  âg}'ptisches  Yorbild  zurûckging,  wie  schon 
bei  Tacitus  Annal.  XI  14   statuirt  wird,   mag  controvers  bleiben^). 


^)  Vgl.  dagegen  Deeke,  Ztachr.  der  Deutschen  Morgenl&nd.  Gea.  XXXI 
8.  102  ff. 


—  Frfthe  Einftlhrang  des  Papyrasbuchs.  —  47 

Viel  nnwichtiger  dagegen  schien  die  Frage  nach  dem  Trâger  der 
Schrift,  dem  Bûche,  zu  sein;  die  griechische  Tradition  schweigt  von 
ihm,  und  wir  sind  auf  eigene  Schlussfolgerung  angewiesen. 

Der  Grieche  nannte  sein  Buch  fiiifiXoç  oder  fivfiXlov  nach  dem 
Material,  ans  dem  es  gefertigt  wurde.  BvfiXoç  aber  war  die  âgyp- 
tische  Papyrasstaude  ^).  Das  classische  Buchwesen  beruhte  auf  dem 
Papyrus,  einem  importirten  Material. 

Griechenland  selbst  gab  dem  Griechen  kein  Buch.  Die  That- 
sache  ist  yrohl  geeignet  uns  nachdenklich  zu  machen.  Das  Yolk, 
dessen  hauptsâchliche  Culturmission  es  gewesen  ist,  sich  in  seiner 
Litteratur  auszulcben  imd  gleichsam  fur  die  Nachwelt  abzubilden, 
hat  die  erste  matérielle  Yorbedingung  fur  seine  Mission  von  einem 
fremden  Land  erborgen  mûssen. 

Herodot  schon  bespricht  die  Papyruspflanze  als  Merkwûrdigkeit 
Aegyptens^),  findet  aber  nur  den  Umstand  erwâhnenswerth,  dass  der 
untere  Theil  ihres  Schaftes  gegessen  wurde,  ûbrigens  rà  avœ  àrto- 
tâfêvovreç  iç  àXXo  t$  TQânovffê.  Herodot  scheut  sich  hier  gleich- 
sam noch  das  Papyrusbuch  selbst  zu  nennen,  durch  das  doch  sein 
eigenes  Werk  erst  môglich  wurde.  Erst  Theophrast')  findet  es  der 
Mûhe  werth,  indem  er  den  mannigfaltigen  Nutzen  der  Pflanze  fur 
den  Aegypter  rubricirt,  kurz  einzufugen:  sie  sei  ausserhalb  Aegyptens 
am  bekanntesten  durch  die  Bûcher.  Derselbe  Herodot  setzt  aber 
an  einer  andem  Stelle*)  fivfiXoi  als  ait  en  Besitz  der  jonischen 
Griechen  voraus  ;  es  herrsche  der  falsche  Sprachgebrauch  die  fivfiXoi 
als  „Leder^  (âitp&éQaê)  zu  bezeichnen;  und  dièse  Uebertragung  er- 
klâre  sich  daraus,  dass  bei  diesen  Joniem  in  alter  Zeit  einmal  aus 
Mangel  an  Papyrusbûchem  (iv  ûnàvi  P^pXlcûv)  Ziegen-  und  Schaffell 
zum  Schreiben  gebraucht  worden  sei,  wie  das  bei  Barbaren  noch 
jetzt  Yorkomme.  Ganz  fern  liegt  also  dem  Herodot  die  Vorstellung, 
dass  es  eine  Zeit  gegeben  haben  kônnte,  in  der  die  pvfiXoç  den 
Griechen   ganz   unbekannt  ware,   imd  so  wird  denn  die  Einfiihrung 


0  Vgl.  ob.  Cap.  I  S.  13. 
>)  Herod.  II  92. 

*)  Hist.   plant.   IV  8,  3:   xai  ifjL(f>avécTctta  d^  Tolç  l|o>   rà  p^fiXia.    Vgl, 
iiDten  Cap.  V  init-. 

*)  Herod.  V  68. 


48  —  ^M  PergamenL  — 

derselben  in  die  Yorzeit  betrachtlich  hinaufreichen.  Seile  aus  fivfil^ç 
kennt  ja  schon  das  Homerische  Epos^).  Neben  diesem  hâufigsten 
Buchnamen  bezeichnete  6  x^Q'^^Ç  ^^  S^^  ^  ^^^'  ^®  nachalexandxî- 
nischer  Zeît  vorzûglîch  das  unbeschrîebene  Papyrusmaterîal,  vofur 
die  âvo  x^Q"^^^  ^^  ^^^  attiscben  Inschrift  aus  dem  Jahre  407  y.  Chr.*) 
wobi  der  âlteste  Beleg  sind').  Der  Eomiker  Plato  brauchte  die 
xdQtctt  dann  anch  einmal  ûbertragen  vom  beschriebenen  Bûche  ^). 
Die  Form  dieser  plfiXoi  endlich  war  schon  damais  die  Rollenform; 
dies  wird  z.  B.  angedeutet,  wenn  wir  beim  Xenophon*)  von  dem 
Rollen,  éXiaceiv^  eînes  Schriftwerkes  lesen;  im  Uebrîgen  yergleicbe 
man  hierfûr  das  im  yorigen  Abschnitt  Gesagte. 

Dièse  Papyrusrolle  aber  war  Originalerfindung  der  Aegypter  und 
als  solche  uralt.  Sie  hat  sich  aus  Grabem  in  zahbreichen  Beispielen, 
die  in  die  grossen  Bibliotheken  und  Museen  Europa^s  ûbergegangen 
sind,  aufgefùnden,  Exemplare  yon  sehr  yerschiedener  Gûte  im  Matenal, 
zum  Theil  yon  grossem  Yolumen  und  bald  hieratisch,  bald  demotisch, 
bald  aber  auch  mit  hieroglyphischer  Schrift  beschrieben.  Die  Buch- 
roUe,  mit  einem  geknoteten  Faden  zusammengehalten,  war  dem 
Aegypter  eine  so  gelâufige  und  charakteristische  Anschauung,  dass 
sie  auch  neben  Schlangen,  Geiem,  Lôwen  u.  s.  f.  als  hieroglyphisches 
Schriftzeichen  figurirt.  Ihre  erste  Anwendung  aber  yerliert  sich  in 
unmessbare  Vergangenheit.  „Das  âlteste  Buch  der  Welt**  liefert 
Aegypten  in  jenem  Papyrus  Prisse  •),  welchen  F.  Chabas')  datiit 
d'un  règne  encore  peu  distant  de  la  fondation  du  gouyeme- 
ment  royal  en  Egypte.  Es  ist  eine  ûberaus  schôn  gearbeitete,  ùbri- 
gens  am  Anfang  yerstûmmelte  Mischrolle  yon  achtzehn  Seiten, 
deren  letzte  yierzehn  einen  selbstândigen  Traktat  geben.     Derselbe 


^)  Odyss.  21,  391,  wo  Eustath  nicht  an  Papynis,  sondern  an  Banmbast 
oder  an  Hanf  gedacht  wissen  will. 

*)  Rangabé  Antiquités  helléniques  N.  56  ff.     C.  J.  A.  I  S.  824. 

')  Denn  ein  Apophthegma  des  Sokrates  bei  Stobaeos,  das  j^a^rm  nennt, 
ist  ohne  Verlass. 

«)  Plato  Corn.  II  684,  10  Meineke;  (11  S.  257  Bothe). 

^)  Xenoph.  Memor.  I  6,  14. 

^)  Vgl.  Prisse  d'Arernes,  Fac-similé  d'un  papyrus  égyptien  Paris  1847. 

^)  Chabas  in  der  Berue  archéol.  XV  S.  1  ff. 


—  Dm  Bach  der  Aegypter,  Juden,  Perser.  —  49 

Bckliesst  mit  der  redaktorischen  Bemerkung  :  „  C'est  fini  de  son 
commencement  à  sa  fin  comme  on  le  trouve  dans  l'écriture^, 
iind  erweist  sich  damit  offenkuudîg  aïs  blosses  apographum^).  Nicht 
nur  Abscliriftenwesen,  sondem  auch  Buchhandel  lemen  wir  fur 
Aegjpten  kennen  aus  einem  von  H.  Brugsch  edirten  Wiener  hiera- 
tischen  Papyrusfragment').  Zur  Aufbewahrung  der  RoUen  dienen 
hier  Krûge,  die  je  neun  Stûck  fassen.  Femer  bat  es  den  Anscbein, 
aïs  ob  hier  auch  schon  verschiedene  RoUenformate  unterschieden 
wQrden'). 

Das  Buchwesen  der  Phonizier  werden  wir  nach  dem  jûdischen 
beurtheilen  konnen,  das  im  Alten  Testament  yorliegt  Rollenform 
herrschte  hier  gleichfalls,  allein  an  Stelle  der  Cbarta  diente  das  Leder, 
die  Membrane,  in  yerschiedener  Zubereitung  als  Material*).  Dem 
stehen  die  dnfd'éqat  fia<fi]Uxai  der  Perser  muthmasslich  gleich*). 
Dies  also  sind  jene  barbariscben  âKpâ'éQa&j  Yon  denen  Herodot  meldet, 


*)  Vgl.  Chabas  a.  a.  0. 

>)  Ztsch.  f.  &g.  Sprache  XIV  S.  l  f. 

*)  Die  Bl&tter  bieten  einen  Bûcherkatalog  von  15  (oder  18)  Schriftstflck- 
BoUen,  die  sich  Terschlossen  in  xweien  Krûgen  (qeb)  befanden.  Es  wird  be- 
richtet,  dass  dièse  Bollen  gegen  Baarzahlung  „den  Leuten  des  Landes^  abge- 
kanft  and  ron  einem  Amonpriester  einer  n&heren  Inspektion  unterworfen  seien. 
Der  ureite  Krug  enthielt  neun  Urkunden,  aus  dem  ersten  Kruge  dagegen 
werden  aufnotîrt: 

1)  „die  Denkschriften  des  [Hauses]  EOnigs  Râ-user-maât  meri  Amon  in 
der  Amonstadt. 

2)  die  andere  Bolle^  auf  welcber  sich  eine  Abscbrift  jener  Denkschrifien 
befindet. 

3)  die  rier  kleinen  Bollen^  auf  denen  sich  die  Denkschriften  befinden*'. 
Hieraos  wird  dann  seltsamer  Weise  zusammen  addirt:  „Die  Summa  der  Bollen, 
welche  sich  in  dem  Kmge  befanden,  der  die  SchrifUtflcke  enthielt,  neun.^ 
BrugBch  schliessty  dass  die  „Denkschriflben''  unter  No.  1  aus  vier  Theilen,  d.  h. 
RoUen  bestanden  haben  mflssen.  Wenn  dann  aber  Ton  diesen  rier,  nicht  als 
Bolche  bezeichneten  Bollen  die  yier  „ kleinen''  unterschieden  werden,  so  gab 
es  anscheinend  zwei  Terschiedene  Formate,  Ton  denen  das  erstere  „  nicht  kleine^ 
gesses  oder  normales  Mass  batte. 

^  VgL    bes.    Ch.  G.  Schneider,    disput.  tertia   de   oraamentis  librorum. 
1711.     Saalschfits,  Arch&ologie  der  Hebr&er  I  S.  356  ff. 
»)  Etesias  bei  Diodor  U  32. 
Blrt,  Buchwesen.  4 


50  —  ^'^  Pergament.  — 

dass  sie  bei  den  Grîechen  periodisch  schon  frûh  grossen  Einflnss 
gewonnen  hatten  um  dann  durcb  die  fivfikoç  Ton  neuem  yerdriuigt 
zu  werden,  die  aber  in  Urzeiten  sogar  in  dem  Heimathland  des  Pir 
pyrus,  in  Aegypten  selbst,  benutzt  worden  waren^). 

Eine  Uebermittelung  des  Papyrusbuchs  durch  die  Ph5nizier  an 
die  Griechen  wird  man  also  nicht  anzunebmen  haben.  Der  griecliische 
Import  selbst  war  es,  der  den  Schriftstellem  Ioniens,  Grossgriechen- 
lands,  Siciliens,  Athens  in  frûhen  Jahrhunderten  das  Material  zoge- 
fuhrt  bat,  durcb  das  eine  angemessene  Fixirung  und  Conservirong 
ibrer  Werke  erst  ermoglicbt  wurde. 

Es  ist  nun  biemacb  einer  der  seltsamsten  Irrtbûmer  der  sp&teren 
Arcbâologie,  wenn  uns  Plinius*),  nacb  Yarro,  zu  belebren  weiss,  die 
Ërfindung  der  Papyrusbûcber  sei  ërst  in  Alexandria  gemacbt!  Ob 
Yarro  in  der  Scbrift  De  bibliotbecis,  ob  in  der  Scbrift  De  antiquitate 
litterarum  biervon  bandelte,  bleibt  zweifelbaft;  das  Excerpt  des  Fli- 
nius  lautet  kurz  dabin:  am  Anfang  der  Cultur  sei  auf  Palmblattem 
gescbrieben  worden,  dann  anf  Baumbast,  bemacb  aucb  in  geroUten 
Bleiplatten  fur  offentlicbe  Zwecke,  fur  Privatzwecke  in  leinenen.  oder 
aber  auf  Wacbs;  Wacbstafeln  kenne  scbon  Homer,  nicbt  aber  der- 
selbe  die  Cbarta.  Die  Cbarta  sei  nacb  der  Grundung  Alexandriens 
erfunden  (reperta).  Nacbdem  sodann  Eumenes  seine  pergameniscbe 
Bibliotbek  in  Concurrenz  mit  der  Alexandriniscben  gegrûndet,  sei 
durcb  Ptolemaeos  aus  Eifersucbt  der  Papyrusexport  sistirt  worden, 
und  dies  ward  Anlass,   dass  man   in  Pergamum   zur  Ausbûlfe  die 


^)  Ebersy  Aegypten  u.  die  Bûcher  Moses  S.  12. 

«)  PUn.  XIII  68  ff.: 

Et  hanc  (se  chartam)  Alexandri  Victoria  repertam  auctor  ut 
M,  Varro  condiia  in  Aegypto  Alexandria.  Antea  non  fuisse  char- 
tarum  usum.  In  palmarum  foUis  primo  scriptUatum^  dein  gttarundam 
arborvm  libris,  Postea  publica  monumenta  plumbeis  volummiIntSj 
mox  et  privata  linteis  confici  coepta  aut  ceris:  pugillarium  emm 
usum  fuisse  etiam  ante  Troiana  tempora  invenimus  apud  Homerum; 
illo  veto  prodente  ne  terram  quidem  ipsam  quae  nunc  Aegyptus  m- 
tellegitur  ....  Max  aemulatione  circa  bibliothecas  regum  Ptoiemaei 
et  Eumenis  supprimente  chartas  Ptolemaeo  idem  Varro  membranas 
Pergami  tradit  repertas. 


—  Erfindong  des  Pergaments.  —  51 

Membrane  erfand  (reperta),  Hieronymus  ^)  erzâhlt  ungefahr  das 
nâmliche,  nennt  aber  Attalos  statt  des  Eumenes.  UDiichtige  und 
halbrichtige  historische  Daten  sind  hier  zu  einem  einheitlichen  Yor- 
gang  fast  anecdotenhaft  combinirt  worden. 

SoUte  Yarro  ûber  den  Papyrus  so  ganz  obne  Orîentirung  in  den 
Tag  binein  geredet  haben?  Da  er  gelehrten  Apparat  anwendet,  wâre 
wohl  ebenso  denkbar,  dass  er  oder  dass  seine  Yorlage  eine  Erwâh- 
nung  des  Papyrus  in  der  voralexandrinischen  Litteratur  yermisst 
batte  nnd  einen  Scbluss  ex  silentio  sogleich  zur  Thatsache  erhob. 
So  wûrd  Yarro's  Bericht  denn  auch  beim  Plinius^)  zwar  bestritten, 
aber  nur  durch  mârchenhafte  Zeugnisse  widerlegt:  dass  Cassius  He- 
mina  scbon  yon  pytbagorâischen  Bûchern  aus  Charta  erzâhlt  habe, 
die  aus  Numa's  Zeit  stammten;  dass  kurzlich  Mucian  in  Lykien  einen 
Brief  des  Helden  Sarpedon  auf  Charta  gefunden  zu  haben  behaupte; 
und  dass  ausserdem  dem  Tarquinius  Superbus  die  Sibylle  „drei 
Bûcher^  gebracht  habe,  von  denen  sie  zwei  selbst  verbrannte^).  Im 
letzteren  Falle  yergisst  Plinius  hinzuzusetzen  ^aus  Charta^*);  denn 
unter  dem  Terminus  Uber  yerstand  damais  eben  jeder  nur  die  Pa- 
pyroarolle. 

Der  Bericht,  den  uns  weiter  spâte  Autoren  ûber  die  erste  Ein- 
fahmng  yon  Papyrus  imd  Pergament  in  Rom  zu  geben  wissen,  ist 
jenem  Yaironischen  deutlich  nachgebildet:  Ptolemaeos  habe  auf  An- 
raihen  Aristarch's  des  Grammatikers  zuerst  aus  Yerbindlichkeit  Charta 
nach  Rom  gesendet;  aus  Eifersucht  gegcn  Aristarch  liess  dann  der 
Grammatiker  Krates  unter  Attalos  die  Membrane  fertigen  und  gleich- 


^)  Hieron.  Epist.  Vil  ad  Chromatium  etc.  (IV  13  Mari.)  :  chctrtam  defuisse 
non  puiOy  Aegypto  ministrante  commercia  et  si  cdicubi  Ptolemaeus  maria  clau- 
tiuet^  tamen  rex  AUalus  membratias  a  Pergamo  miaerat^  ut  penuria  chaxtae 
peOilms  pensaretur:  unde  et  Pergamenarum  nomen  eqs. 

>)  PliD.  XIII  84  ff. 

>)  Auch  Tibull  II  6,  17  denkt  sich  die  Sibyllinischen  Bûcher  auf  Charta, 
dagegen  Claudian  Bell.  Qet.  232  und  Symmachus  ep.  IV  34  alterthûmlicher 
als  Ubri  lintei,  Varro  selbst  auf  Palmbl&ttem ,  Tgl.  Serr.  Verg.  Aen.  III  444. 
VI  74  and  Niebuhr  B^m.  Gesch.  I  S.  360  ff. 

*)  Plin.  XIII  88:  inter  omnes  vero  convenity  Sibyllam  ad  Tarquinium 
Swperbum  très  libros  atttdisse  ex  quibus  tint  duo  cremoH  ab  ipsa^  tertius  cum 
Capitoliû  Sullanis  temporibus.    Praeterea  Muciantu  eqs. 


52  —  ^*^  PergamenL  — 

falls  nach  Rom  senden,  wesshalb  die  letztere  eben  bei  den  Rômem 
nêçyafAtjvai  heisse'). 

Der  Name  Pergamena  ist  in  Wirkiichkeit  aber  weder  dem  Vairo 
noch  dem  Plinius  bekannt,  sondern  erst  in  spâter  Zeit  gelegentlich 
angewendet  worden  (zuerst  vielleîcht  nachzuweisen  in  Diocletian^s 
Edikt  de  pretiis  rerum  yenalium  vom  Jahre  301,  sodann  bei  Hiero- 
nymus  im  Jahre  366')),  ohne  Frage  in  Anknûpfung  eben  an  dièse 
Tradition,  die  auf  Varro  zurûckging.  Das  Wort  charta  aber  lasst 
sich  fur  Rom  nicht  etwa  zuerst  au  s  Varro  belegen  oder  aus  Lucres 
VI  112  ff.,  wie  neuerdings  notirt  worden*),  sondern  sclion  fur  den 
Cassius  Hemina  bezeugt  es  Plinius  (s.  o.),  und  der  Satiriker  Lucilins 
bildete  nach  griecbischer  Weise  das  Masculin  Socratici  charti*)y  dn 
Beweis,  dass  das  Wort  damais  noch  nicht  eigentlich  recipirt  und 
latinisirt  war. 

Wir  sehen  uns  hiemit  nun  aber  durch  Plinius  selbst  unmittelbar 
in  die  wichtigste  Voruntersuchung  eingefuhrt,  die  uns  obliegt,  ûber 
die  Concurrenz  yon  Papyrus  und  Membrane  im  Alterthum. 

Die  zwei  Nachrichten,  dass  die  Charta  in  Alexandria  und  dass 
die  Membrane  in  Pergamum  erfunden  sei,  werden  von  Varro  in 
einen  sachlicben  und  causalen  Zusammenhang  gebracht.  Die  Falsch- 
heit  der  einen  legt  also  fur  die  Richtigkeit  der  anderen  schlechtes 
Zeugniss  ab.  Von  einer  „Erfindimg^  der  ÔHp&éçaê  kann  schon  nach 
dem,  was  wir  aus  Herodot  anfûhrten,  jedenfalls  nicht  die  Rede  sein, 
sondern  hôchstens  yon  einer  Einfuhrung  des  Gebrauchs  in  die  grie- 
chische  Litteratur,  vielleicht  auch  von  einer  qualitativen  Aufbesse- 
rimg.    Und  in  der  That  sehen  wir  die  Athener  des  Jahres  407  v.  Chr. 


^)  Boissonade  Anecd.  I  8.  420  (rgl.  du  Fresne,  Olossar.  graecam  s.  t. 
fii^fiQttyoç)  :  on  ol  «ç/aîo»  Iv  Ttàç  cayiciv  fyçaffov  ....  o  ai,  JltolêfAàiaç 
fXf*>y  UQÎCTttQXoy  yçtt/LifAttnxoy  cvfâfiovlivcâfityoy  avT^  ànécrrult  TïïçaiToç  X^9^^ 
iiç  ^PtifAtjy  xtti  myuny  avnvç,  ^i^^yiicaç  ai  rçï  UçHnccQXV  KçaTtiç  o  yçafi- 
fnanxoç  vnoQXtoy  fAnà  ^Artàkov  tov  nt^afitjyov  Ix  âiç/utTuty  ïxafAt  fHfÂpçâvaç 
xai  fnoitjci  roy  "Arraloy  ànocnîXai  avràç  iiç  *Piâ^tjy,  o^^ty  .  .  .  ntQYafAtiyàç 
ràç  f4ififiçâyaç  xakovc^y,  Vgl.  Lydus  De  mens.  S.  29.  Tzetses  Chiliad. 
XU  347  f. 

*)  Hieron.  epist.  VII,  vgL  rorige  Seite,  Anmerkung  1. 

')  BlQmner  Tccbnologio  und  Tcrminol.  der  Gew.  u.  Kûnste  I  S.  308  Note. 

^)  V.  640  Lachm.;  deraelbe  ausserdem  den  Ablatir  chartis  r.  904  a.  905. 


—  Erfindung  des  Pergaments.  —  53 

fâr  ihre  Rechnungsbûcher  beschrânkt  auf  Holztafeln  und  Papyrus^). 
Die  Kunstgeschichte  des  Plinius^)  weîss  freilich  schon  von  Skizzen 
oder  Umrisszeichniingen  des  Parrhasîos,  eines  ungefahren  Aequalen 
des  Sokrates*),  zu  berichten,  die  sich  nicht  nur  auf  Wachstafeln,  son- 
dem  aucb  auf  Membranen  befanden  und  mit  Nutzen  yon  jungeren 
KûDstlern  studirt  wurden.  Mao  wird  aber  yermuthen  dûrfen,  dass 
den  Ërzâhler  bier  die  Gewobnbeit  seiner  eigenen  Zeit  zu  einer  IJn- 
genauigkeit  verleitet  babe.  Haben  wir  nun  wirkiicb  yon  der  Perga- 
meniscben  Bibliotbek  anzunebmen,  dass  sie  aus  Papynismangel  auf 
Membrane  umgescbrieben  worden  sei?  Dies  konnte  entweder  so 
gescbehen,  dass  man  die  Pergamentblâtter  in  Nacbabmung  der  Wacbs- 
tafehi  faltete  und  beftete  und  so  den  Codex  der  spâteren  Zeit  ein- 
fûbrte,  oder  aber  so,  dass  man  im  Anscbluss  an  die  bis  dabin  ûblicbe 
Bucbform  bei  Membranrollen  steben  blieb.  Die  Notizen,  die  uns 
ûber  dièse  Bibliotbek  zu  Tbeil  werden,  yerlautbaren  indess  auffâlliger 
Weise  gar  nicbts  ûber  eine  so  gauz  extraordinâre  Bescbaffenbeit  ;  sie 
scbeinen  ganz  auf  denselben  Yoraussetzungen  zn  beruben,  wie  die- 
jenigen  ûber  aile  anderen,  yor  allem  ûber  die  alexandriniscbe  Bi- 
bliotbek; aucb  lâsst  sicb  keine  Spur  yon  einer  abweicbenden  Termino- 
logie, wie  sie  bei  einer  so  wesentlicben  Yerânderung  docb  fiEkst 
notbwendig  eintreten  musste,  entdecken*);  wenn  wir  aber  ferner 
erfabren,  dass  bei  ibrer  Aufhebung  der  Gesammtbestand  der  Perga- 
meniscben  Bibliotbek  zweibunderttausend  fitfiXia  ànXa  gewesen  sei'), 
so  lâsst  sicb  dieser  alexandriniscbe  Bucbterminus  scbwerlicb  anders 
als  von  Papyrusrollen  versteben*),  und  wir  seben  uns  genôtbigt  die 


^)  Vgl.  die  oben  S.  48  angeftihrte  Inschrift. 

*)  Plin.  XXXV  68:  et  alia  muita  graplddis  vestigia  exstant  in  tabulis 
ac  membranis  eius  ex  quibus  proficere  dicuntur  artifices. 

>)  YgL  MûUer,  Handbuch  der  Archâol.  {  318;  Quintilian  XII  10.  Fast 
liiindert  Jahre  spâter  fiel  er  freilich  nach  Seneca  controv.  V  10. 

*)  Die  wenigen  Nachrichten  ûber  dièse  Bibliothek  der  Attaliden  sebe 
man  bei  Serin  (Mém.  de  l'acad.  des  inscr.  XII  S.  238)  und  Wegener  De  aula 
AUalica  literarum  fautrice  Havniae  1836  P.  I. 

^)  Plutarch  Anton.  58. 

^  Der  Terminus  fivfikoç  ist  in  classischer  Zeit  ebenso  wenig  fûr  codex 
naehweisbar  wie  fÛr  Pergamentrollen.  Ilierfôr  bringt  der  Gang  unserer  Unter- 
rachnng  die  Beweise.    Ueber  die  fiifilo^  ànltû  Aloxandria's  aber  Tgl.  Kap.  IX. 


54  —  ^'^B  PergamenL  — 

Thatsâchlichkeit  jener  gemuthmassten  Urnschreibung  aaf  Pergament 
zu  bestreiten. 

So  viel  aber  freilich  dûrfen  wir  wohl  mit  Sicherheit  ans  dem 
Yarronischen  Bericht  entnehmen,  dass  die  Einfuhrung  des  PergamenU 
in  das  griechische  Schriftwesen  speciell  Pergamum  Yerdankt  wuide 
und  dass  seine  Fabrikation  nnd  sein  Export  gerade  besonders  dieser 
Stadt  angehorte,  so  wie  den  Nilmûndungen  Fabrikation  nnd  Export 
der  Charta.  Welchen  Zweck  Pergamum  mit  seinem  Fabiikat  itt- 
band,  l&sst  sich  sodann  erst  aus  dem  Raum,  der  ihm  im  spate- 
ren  Schriftwesen  zugewîesen  erscheint,  fur  uns  entnehmeiL 
Und  so  erheben  wir  die  Frage:  welche  Arten  der  Verwendung  siad 
fur  die  Membrane  in  den  ersten  vîer  oder  funf  Jahrbunderten  ntch 
der  Grûndung  des  Attalidenreîchs  nacbweisbar?  Blieb  sie  auf  PrÎTat- 
skripturen  beschrankt?  oder  trat  sie  auch  in  den  Dienst  des  Buch- 
bandels  und  der  Litteratur  selbst?  Und,  geschah  dies:  innerhalb 
welcher  Grenze  ist  es  gescheben? 

Denn  so  schnell  und  bereitwillig  fur  taglicbe  private  Zwecke  ein 
neues  zweckmâssiges  Scbreibmaterial  recipirt  werden  musste,  so 
widerwillig  musste  die  lang  und  weit  herrscbende  Tradition  des 
Lesebucbs  gegen  die  Môglichkeit  einer  so  grûndlichen  Neuerung  Te^ 
barren.  Die  alten  Autorcn,  auf  deren  gclcgentlicbe  Zeugnisse  wir 
angewiesen  sind,  redcn  uns  nun  an  vielen  Stellen  bald  von  ihren 
publicirten  Werken,  bald  aber  auch  von  ihren  Vorarbeiten;  es 
entspricht  einer  einfachen  kritischen  Forderung,  wenn  wir  im  Fol- 
genden,  neben  anderen  Unterscheidungen,  yor  allem  auch  Brouillon 
und  edirtes  Buch  streng  gesondert  halten. 

Plinius  selbst  ist  es,  und  zwar  im  selbigen  Kapitel,  von  dom 
wir  sogleich  auf  unsere  Frage  in  aller  Kûrze  die  entscheidendste 
Antwort  erhalten,  eine  Antwort,  die  somit  fur  die  fast  drei  Jahi^ 
hunderte  gilt,  welche  den  Zeitgenossen  Yespasian's  von  jenen  Ptole- 
mâern  und  Attaliden  trennen.  Seine  breiten  Auseinandersetzungen 
ûber  den  Papyrus  leitet  Plinius  mit  der  Begrûndung  ein*):  papyri 
natura  dicetur,  cu7n  chartae  usu  majcime  humanitas  vitae  constet,  cerU 
memoria.     Dieser  Satz    ist    identisch    mit   folgender  Umschreibung: 


>)  Plin.  XIII  68. 


—  Bedeatang  des  Pergaments  ftr  die  Litteratar.  —  55 

^auf  der  Litteratur  beruht  Tor  allem  (maxime)  die  menschliche 
Bildung,  jedenfalls  (certe)  beruht  doch  auf  ihr  aile  historische  IJeber- 
lieferung  (vitae  memoriay,  Plinius  hat  hier  fur  den  Begriff  der 
Litteratur  geradezu  den  usus  chartae  eiugesetzt,  und  er  kennt 
also  nur  die  Gbarta  als  das  Material,  auf  dem  Bûcber  der  Litteratur 
edirt  und  tradirt  wurden.  Ganz  ebenso  unbedingt  aber  spricbt  Pli- 
nius dasselbe  abscbliessend  noch  einmal  aus'):  „die  Sperre  der  Aus- 
fubr  des  Papyrus  wurde  Ton  den  Ptolemâem  wieder  aufgeboben, 
eines  Gegenstandes,  obne  den  die  Gescbichte  der  Menscbheit  der 
Yergessenheit  verfiele^:  prosmiscue  repatmt^)  ustis  rei  qua  constat 
immortalitas  hominum.  Sowohl  die  immortaUtas  hommum  als  die 
vitae  memoria  kann  nur  von  der  Verewigung  durch  die  Litteratur 
gemeint  sein. 

Durch  dièse  Aeussenmgen  bebt  Plinius  die  Bedentsamkeit  des 
Papyrus  unmittelbar  da  benror,  wo  er  zugleicb  auch  yon  der  Mem- 
brane redet;  letztere  trug  also  damais  noch  gar  nichts  zur  memoria 
yitae  bei. 

Fur  das  Urtbeil  dessen,  der  genau  interpretirt,  ist  ûber  die  an- 
geregte  Frage  die  Entscheidung  schon  hiedurch  gegeben.  Zu  ihrer 
Bestâtigung  mûssen  wir  uns  vorerst  mit  dem  allgemeinen  Hinweis 
begnûgen,  dass  ja  sowohl  die  agyptischen  Grâber*)  als  das  Grab 
Herculaneum's  nur  PapyrusroUen  und  keine  Pergamenthandschriften 
zu  Tage  gefordert  haben;  wir  mûssen  uns  begnûgen  im  Allgemeinen 
zu  erinnem,  dass  aile  classischen  Autoren  der  yor- wie  auch  noch 
der  nachplinianischen  Classicitat  sich  ihre  Werke  lediglich  als  Charta 
oder  in  PapyrusroUenform  in  der  Hand  des  Publikums  denken.  Un- 
gezâhlte  und  unzàhlbare  Belegstellen  wird  der  weitere  Gang  unserer 
Besprechung  mit  sich  fuhren.    Im  Yorubergehen  seien  hier  nur  etwa 


1)  PUn.  XIII  70. 

*)  repatuit  hat  allein  der  ftlteste  und  zurerUssigste  Codez  des  Monens 
erhalten  (rgl.  fiber  ihn  éd.  Sillig.  tom.  YI  1855).  Erst  dnrch  dièse  Lesung 
wird  die  Deutung  des  Satzes  auf  den  Papyrus  gesichert. 

')  Und  die  sonstigen  agyptischen  Fundst&tten.  Die  im  Fayyûm  gefun- 
denen  Papyri  sind  sehr  sp&t  :  Tgl.  den  Fundbericht  in  Jahrbb.  der  Kgl.  preuss. 
Knnstsammlungen  I  1880  S.  XXX  f.;  die  jCtngsten  Stûcke  sind  aus  dem  8.  Jahr- 
hnndert. 


5g  —  Dm  Pergament.  — 

jene  chartae  très  des  Cornélius  Nepos  herausgegriffen ,  das  sind  des 
Nepos  drei  Bûcher  Chronîcon ^) ;  oder  das  erste  Buch  der  Tristien 
Orid^Sy  das  fur  eine  charta  gilt*);  oder  jener  iuvenum  ctdtor  beim 
Persius'),  der  bleicb  selbst  die  Nâcbte  ûber  den  Bûchem  zubringt: 
quem  impallescere  iuvat  chartis  noctumis;  oder  eine  der  yielen  MartuJ- 
stellen,  wo  es  die  chartae  statt  ihres  Inhaltes  sind,  denen  der  Dichter 
ewiges  Leben  zuspricht*);  oder  unter  den  Spâteren  Apuleius,  der 
die  elf  Bûcher  seiner  Metamorphosen  in  seiner  umstandlichen  Art 
Tinter  anderm  mit  folgender  Bemerkung  einleitet:  at  ego  tUn  sermoM 
isto  Milesio  varias  fabulas  conseram  ....  modo  si  papyrum  Aegypûa 
argutia  J^Uotici  calami  inscriptam  non  spreveris  mspicere.  Se  stehen 
beim  Aristides  *)  die  RoUen  im  iufitûT$oy  zusammen  und,  wer  zu  lesen 
Lust  bat,  nimmt  imd  roUt  auf  nach  Belieben.  Bekannt  ist,  dass  im 
dritten  Jahrhimdert  der  Prâtendent  Firmus,  âgyptischer  Kaufmann 
und  Fabrikant,  lediglich  durch  den  Besitz  seiner  Papyrusfabriken  so 
reich  war,  dass  er  mit  ihrem  Ertrag  ein  Heer  imterhalten  konnte*). 
Noch  in  des  Symmachus  und  Cassiodorus  ^)  Zeit  webt  Aegypten  seine 
PapyrusroUen  fur  Rom's  Bibliotheken  imd  fur  Rom^s  Forum.  Am 
lehrreichsten  môchte  fur  das  dritte  Jahrhundert  das  Zeugniss  eines 
Mannes  sein,  in  dessen  Beruf  es  lag  den  herrschenden  Sprachgebrauch 
genau  zu  observiren:  Ulpian  yersichert  uns,  dass  man  im  tâg- 
lichen  Sprachgebrauche  fur  Buch  schlechthin  charta  zu 
sagen  pflege^). 

So  zuverlâssig  Belege  dieser  Art  sind,  so  wenig  kann  natûrlich 
fur  die  Zeiten  des  Yerfalls  die  blosse  Fortdauer  der  Buchtheilung 
selbst,  deren  Entstehung  wir  allerdings  auf  reines  Papyrusbuchwesen 
zurûckfuhren,  als  ein  Erkennungszeichen  des  classischen  Buch- 
materiales  benutzt  werden.    Denn  jene  jahrhundertelange  Grewohn- 


ï)  CatuU.  1. 

î)  Orid  Trîst.  Il,  4. 

«)  Pers.  V  62. 

«)  Martial  X  2. 

>)  Aristid.  léQoi  Xôyo^  I  S.  285. 

<)  VgL  Burckhardt,  Zeit  ConsUntiD'B  S.  146. 

^  Symmach.  ep.  IV  28  und  Cassiodor  Varia  XI  ep.  38,  rgl.  nnten. 

8)  Ulp.  Dig.  XXXII  62,  4:  in  usu  plerique  libres  chartas  <^ellani* 


—  Notizen,  Brouillons  auf  Pergament.  —  57 

heit  hôrte  ja  keineswegs  ziigleich  mit  ihrem  Zweck  auf;  aucb  als 
die  ' Autoren  ihre  Werke  fur  Codices  zu  componiren  begannen,  ahm- 
ten  sie,  bis  tief  in  das  Mittelalter,  die  bucbweis  gegliederte  Textform 
der  alten  Vorbilder  uacb.  Das  Buch,  das  Rolle  war,  wurde  jetzt 
zum  Eapitel,  und  nur  an  seinen  gelegentlicben  unclassiscben  Grôssen- 
massen  lâsst  sicb  das  Aufbôren  seiner  ursprûnglicben  Bedeutung 
erkennen.  Darûber  wurde  eine  genaue  Statistdk  den  Nacbweis  zu 
fubren  haben. 

Yerfolgen  wir  daber  vielmebr  das  Pergament  und  seine  allmâb- 
licb  sicb  ausdebnende  Yerwendung  im  Scbriftwesen.  Es  kommt 
bierbei  yor  allem  darauf  an,  nacb  Môglichkeit  die  yerscbiedenen 
Zeitlâufte  aus  einander  zu  balten.  Fiir  das  vorangestellte  Plinius- 
zeogniss  wird  sicb  die  Bestatigung  dadurcb  am  leicbtesten  ergeben. 

Die  Yerwendung  des  Pergaments  war  zunâcbst  eine  vierfacbe. 

Erstlicb  trat  es  als  Scbreibmaterîal  in  Wirklicbkeit  nicbt  eigent- 
licb  mit  dem  Papyrus,  sondern  yielmebr  mit  der  Wacbstafel  in  Con- 
currenz.  Es  tbeilte  mit  der  Wacbstafel  eine  Haupteigenscbaft:  war 
das  Gescbriebene  wertblos  geworden,  so  liess  es  sicb  bier  wie  dort 
kicbt  und  bequem  wieder  austilgen,  und  so  war  wiederbolte  Be- 
nutzung  ermôglicbt.  Dieser  fur  Priyatscbreibereien  jeder  Art  nicbt 
zu  yeracbtende  Yortbeil  ging  dem  Papyrus  fast  gânzlicb  ab,  obscbon 
wir  gelegentlicb  aucb  yon  Palimpsesten  auf  Cbarta  bôren^)  und  im 
ludus  litterarius  aucb  charta  deleticia  zur  Anwendung  kommt').  So 
erklârt  sicb,  dass  der  Eaufmann  sein  Conto  scbon  frub  auf  Mem- 
brane eintrâgt;  denn  scbon  Scaeyola  setzt  cbirograpba  debitorum 
auf  membrana  oder  membranula  yoraus^). 

Fiir  irgendwelcbe  Notizen  dient  aucb  die  Membrane,  die  Martial 


')  Vgl.  den  Brief,  auf  welchen  Cicero  ad  fam.  VII  18,  2  antwortet, 
worflber  gleich  hemach.  Wenn  Plutarch  Cum  principibus  phil.  p.  779  C  den 
Tjrannen  Dionysios  mit  einem  fitfikiov  naUipfjarov  yergleicht,  sofern  er  rjâti 
fdoktHf/bitjy  àyànliotç  sei  und  rijv  fatf-r^v  ovx  ày&tiç  tfjç  Tvçayyidoç  âfvaonoMv 
ovcay  xai  âvçéxnltrrop,  so  ist  auch  hier  die  Deutung  auf  Membrane  min- 
destens  unsicber. 

*)  Oder  /â^T^  àntxltriToç,  ànfiX^fAfAtvoç ,  Notices  et  Extr.  des  mss. 
XXm  2,  S.  448. 

»)  Digest.  XXXII  102. 


58  —  ^M  Pergament  — 

als  siebentes  Apophoreton  Terschenken  lâsst;  es  sind  pugillares 
membranei;  und  der  Dichter  fugt  die  Gebraucbsanweiflimg  bei: 
^Nimm  sie  fur  Wacbstafeln;  denn  aucb  auf  ibnen  kannst  du,  so  oft 
du  Neues  schreiben  willst,  das  Alte  austilgen^: 

Delebifl  quotiens  seripta  norare  voles. 

Zu  solcben  Notizen  gehôrt  aber  insbesondere  auch  das  Brouillon 
des  meditirenden  Redners  oder  Dicbters,  von  dem  wir  besonden 
haufig  erfahren. 

Quintilian ,  wo  er  vom  Schriftstellem  und  Schreiben  handelt*), 

empfiehlt  fur  dièse  Thâtdgkeit  zunâcbst  Einsamkeit,   will    ûbrigens 

aber,   dass  man  sicb  auch  in  Gesellschaften,  ja  selbst  im  Strassen- 

gedrange   seine  Gedanken   aufzusetzen  ûbe;   und  zwar  empfiehlt  er 

dafûr  die  cerae  aïs  das  geeignetste  Schreibmaterial,  weil  bei  ihnen 

die  ratio  scribendi  besonders  angenehm  sei;  Membrane  erst  in  zweiter 

Linie;   sie  sei  fur  den  Kurzsichtigen  zu  empfehlen;   ûbrigens  bringe 

bei   ihr  das  h&ufige  Eintauchen   des  calamus  Yerzôgerung,  die  den 

Gredankenfluss  l&hmt.     Dass  Quintilian  hier  nur  an  Brouillons  denkt, 

liegt  auf  der  Hand.     Zur  ^eiteren   Erklârung  braucht  wohl  kaum 

hinzugefûgt  zu  werden,   dass   man  in  den  dunklen  Wacbstafeln  die 

Schriftzoichen  nur  leicht  einritzte,  bis  der  belle  Grund  durchschim- 

merte.     Auf  dem  hellen  Pergament,  ebenso  wie  auf  Elfenbein,  stan- 

den  sio  dagegen  schwarz  gemalt;  darum  also  sind  die  pergamentnen 

Pugillares  ebenso  wie  die  eborei,  yon  denen  Martial  aussagt'): 

Languida  ne  tristes  obscurent  lamina  cerae, 
Nigra  tibi  niveum  littera  pingat  ebur 

besonders  fiir  schwachsichtige  Leute  bestimmt.  Denn  der  Farben- 
contrast  war  hier  in  demselben  Grade  der  schârfere,  je  mehr  die 
gemalten  Buchstabeu  die  geritzten  an  Starke  iibertreffen  mussten. 

Was  den  Rhetoren  dient,  dient  auch  den  Dichtem.  Das  re/erre 
in  palimpsestum  wird  schon  bei  Catull  mit  einem  tU  fit  begleitet*). 
Die  poetischen  Entwùrfe,  von  denen  Horaz  in   der  Ars  poetica*) 


0  Quintilian  X  3,31. 

«)  Martial  XIV  5. 

')  Catull  c.  22,  worûber  unten  ausfûhrlicber. 

*)  Hor.  Ars  y.  388  f. 


—  Brouillons.  —  59 

sein  nonumque  prematur  in  annum  brauchte,  befinden  sich  gleichfallB 

noch  anf  den  membranis  intus  posiiis;  als  Yortheil  hierbei  wird  her- 

Torgehoben,  dass,  was  noch  nicht  die  Form  der  Publikadon  ange- 

nommen,  sich  noch  tilgen  oder  durch  Besseres  ersetzen  lâsst:  ddere 

Kcebity  (iuod  non  edideris.    Diesen  Dienst  leistet  eben  der  Palimpsest. 

So  fullt  sich  beîm  Juvenal^)  iinter  der  Hand  des  Dichtenden   die 

Membrane  in  krokusfarbenem  Diptychon    (crocea  membrana   tabeUa 

Impktur):  aber  der  Satinker  will,  das  Poem  soll  unedirt  bleiben,  ein 

Opfer  entweder  dem  Yulkan  oder  den  Motten  im  Pult  des  Dichters. 

Zu  Anfang  seines  Gesprâchs  mit  Damasipp  aber  giebt  uns  Horaz  in 

seine  eigene  Art  zu  dichten  flûchtigen  Einblick.     Selbstyerstandlich 

erschienen  des  Horaz*  Werke  auf  Papyrus;  dies  bezeugt  er  uns  zum 

Ueberfluss  ausdriîcklich  fur  seine  Satiren'),  ebenso  fur  seine  Epoden*) 

und  fur  seine  Oden,    die    als    volumma   und  gravis  sarcina  chartae 

dem  Yinius  anvertraut  werden^).     Wenn  mm  Damasipp  gegen  den 

Dichter  den  Vorwurf  erhebt: 

Sic  raro  scribis,  ut  toto  non  quater  anno 
Membranam  poscas^) 

so  bat  nur  fliichtige  Lektiîre  zu  der  Meinung  fuhren  kônnen,  hier 
wiîrden  fur  des  Horaz  Zeit  Bûcher  in  Pergament  Torausgesetzt. 
Yielmehr  geht  die  Anklage  ofifenbar  dahin:  Horaz  versuche  kaum 
Tiermal  im  Jahre  ein  Gedicht  zu  machen,  zu  entwerfen;  die  Mem- 
brane thut  gute  Dienste  dabei;  er  kann  auf  ihr  wieder  tilgen,  so  viel 
er  will.    Erst  so  erhalten  die  gleich  angefûgten  Worte 

scriptoram  quaeque  retexens 

ihren  Sinn.  Horaz  ^ûberarbeitet^  auf  der  Membrane  fast  ailes 
^wieder  von  neuem**,  was  er  yorher  geschrieben.  Schrieb  er  doch 
auch  Anderen  vor:  Saepe  stilum  vertas,  iterum,  quae  digna  îegi  sint, 
Scripturus.  l 


1)  Juvenal  Vil  24. 

>)  Hor.  Serm.  I  5,  104. 

>)  Ëpod.  14,  8: 

Detu,  deui  nam  me  vetat 

Inceptos  oUm  promimiin  carmen,  iamboa 

Ad  nmbilicam  addacere. 
*)  Horaa  Epist.  I  13. 
^)  Hor.  Serm.  Il,  3,  1  ff. 


go  —  ^<^  Porgament.  — 

Der  Dichter  Eumolpus  beim  Petron  tragt,  entsprecliend  seiner 
ungeheuren  Schreibseligkeit,  eine  ungeheure  Membrane  mit  sich  hermn; 
beim  Schiffbruch  rettet  er  sie,  und  ist  noch  nicht  eimnal  in  Sicher- 
heit  gebracht,  als  man  ihn  schon  daranf  schreibend  findet^).  Wenn 
Eumolpus  sein  Gedicht  Tom  Bûrgerkrieg  Tortragt,  so  thut  er  dies 
gleichfalls  nur  nach  seinen  Brouillons'). 

Hieran  reiht  sich  eine  Stelle  des  Persius*),  die   zxur  Membrane 

ein  auffâlliges  Pradikat,  ûbrigens  aber  terminologische  Schwierigkeiten 

bringt:  denn  hier  greift,  wer  ^studiren^^)  will,  gleichzeitig  zu  Uber, 

membrana  und  charta,  wenn  es  heisst: 

Jam  liber  et  positis  bicolor  membrana  capUlis 
Inque  manas  chartae  nodosaque  yenit  hanindo. 

Was  die  Membrane  selbst  anbetrifFt,  so  hat  man  das  htcohr  gemein- 
hin  im  Anschluss  an  das  Scholion  z.  St.  fur  eine  zweifache,  kûnst- 
liche  Fârbung  dessclben  genommen.  Dann  musste  wohl  ein  (paêvôlffi 
gemeint  sein'),  der  doch  in  den  Apparat  eines  Studirenden  wenig 
passte,  ûbrigens  aber,  so  viel  wir  sonst  wissen,  unicolor  zu  sein 
pflegte.  Yerlassen  wir  dagegen  die  Autoritât  des  Scholiasten,  so 
scheint  der  Ablativ  positis  capiUis  ein  besseres  Yerstandniss  zu  er- 
môglichen.  Denn  am  natûrlichsten  ist  er  nâhere  Bestimmung  zu 
bicolor:  das  Pergament  ist  zweifarbig  dadurch,  dass  die  Haarseite 
des  Leders  geglâttet  worden  ist.  Und  hiemach  wâre  somit  das  Per- 
gament des  ersten  Jahrhunderts  schon  ebenso  beschaffen  gewesen, 
wie  das  gleichfalls  an  Aussen-  und  Innenseite  verschieden  gefarbte 
italienische  des  Mittelalters '). 

Macht  nun  der  Studirende  auf  diesem  zweifarbigen  Pergament 
seine  Notizen  oder  Entwûrfe,  so  scheint  es  schwer,  zu  unterscheiden, 
wozu  ihm  sowohl  liber  als  chartae  dienen  sollen.  Beim  Seneca 
(epist.  15,  6)  benutzt  er  nur  „Buch  oder  Schreibtafel**  und  offenbar 
nur  letztere  zum  Schreiben.     Sind  etwa  chartae  das  leere  Papier  zur 

')  Petron  115  init.:  membranœque  ingenti  versus  ingerentcm. 
')  Cap.  118  fin:  nondum  recepit  ultimam  manum. 
»)  Persius  III  10. 

*)  Vgl.  y.  19  An  tali  studeam  calamof 
*)  DarQber  ygl.  unten  S.  64  f. 

^)  fiei  Urkanden  ist  die  Aussenseite  gelb  und  rauh,  die  Innenseite  weiss 
und  glatt;  man  nennt  daher  die  leUtere  album;  ygl.  Wattenbach  a.  a.  O.  S.  96. 


—  Briefe  nicht  auf  Pergament.  —  61 

Reinschrîfty  liber  das  Lesebuch,  aus  dem  die  Notizen  genommen 
werden?  Man  wird  hier  ungern  von  eiser  Inschrift  absehen,  welche 
ganz  die  nâmliche  Abundanz  der  Termini  darbietet.  Wir  lesen^): 
mç  jïaQa(Sfiikêiùi(Ssiç  ....  xàç  iv  xaïç  xov  rafi^slov  Tcc^stf^p 
ànofkêfuyfixviaç  iv  fitfiXloiç  ^  xaï  ÔKpd'éQaKfi  xal  x^Q" 
TaêCê  ^  ^  olçâ^noT^  ovv  yçafifiazeiotç  evô-éfûç  sic  %6  (STçarône- 
âay  ànotnaXfivcu.  Indess  scheinen  hier  so  diif d'égal  wie  %oiQxa^ 
das  nicht  in  die  Form  des  Litteraturbuches  gebrachte,  ungeheftete 
und  ungerollte,  Material  zu  sein,  wozu  die  Litteraturbûcher,  fiifiUa, 
eînen  Gegensatz  bilden. 

Wir  fragen  hiemach  zweitens  nach  der  Briefstellerei,  iind 
zwar  80  weit  sie  Privatskriptur  war  und  nicht  kûnsUerische  iind 
litterarische  Zwecke  yerfolgte.  Briefe  sandte  man  sich  hâufig  auf 
WachstafeLi,  hâufiger  yielleicht  noch  auf  Papyrus;  Briefe  auf 
Membrane  sind  dagegen  fur  die  bessere  Zeit  nicht  nach- 
weisbar.  Allerdings  richten  einmal  die  Juden  einen  Brief  auf 
âuf&éçat  an  Ptolemaeos  Philadelphos,  imd  eben  solchen  ein  anderes 
Mal  die  Inder  an  den  Augustus;  aber  Josephus^)  und  Strabo^),  die 
uns  dies  erzâhlen,  halten  es  eben  fur  nothig,  dabei  das  iv  âig)&éQa^ 
besonders  zu  erwâhnen.  Dièse  Fâlle  sind  um  so  weniger  als  Belege 
zu  benutzen,  da  sie  ja  gar  nicht  die  griechisch-rômische  Gultur  an- 
gehen.  Wir  constatiren,  dass,  so  wie  der  zweite  Johannesbrief  des 
neuen  Testamentes  ursprunglich  auf  x^Q'^V^  ^^  Cyria  geschickt  ge- 
wesen  ist*),  so  auch  der  ganze  Briefwechsel  des  Cicero  vom  Perga- 
ment nichts  zu  wissen  scheint'),  ingleichen  weiterhin  der  des  Seneca 
und  der  des  Plinius,  soweit  dièse  namlich  ihrer  epistolographischen 
Schrîftstellerei  den  echten  Charakter  des  Gelegenheitsbriefes  noch 
belassen  haben.     Auf  Papyrus  schrieb   auch  Caesar  seine  Briefe^. 


')  Ephémeride  archéologique  d'Athènes  N.  520;  ygl.  Egger,  Mém.  d'hist. 
anc  8.  137. 

^  Joseph.  Antiquit.  XII  2. 

>)  Strabo  S.  719.    Ygl.  Wattenbach  a.  a.  O.  S.  92. 

*)  Ep.  Johann.  II  12:  noXXà  ïj(ù)v  yQn(fiêv  olx  ifiovkij^v  âêu  xâçTov 
xtti  fÂÎlayoç,  ygl.  UI  13:  noXkà  êl^oy  yqâîftèv  {yqûipa^  oo&  Sinait.)  àXX*  où 
O'éXaf  âùt  fÂtljuvoç  xai  xald/nov  aot  yçaipat, 

»)  Ygl.  Gcero  ad  famiL  YII 18.  ad  Qu.  fratr.  II  15. 

<)  Sneton  Caes.  56. 


g2  —  Das  Pergament.  — 

Unter  den  Satumaliengeschenken  beim  Martial  erscbeinen  nur  chartae 
epistolares^),  keine  membranae  epistolares. 

Das  Briefpapier  oder  die  charta  epistolaris  wird  Ton  Martial 
mit  dieser  tecimischen  Bezeiclinung  von  der  gewohnliclien  Charta 
augenscheinlich  nach  allgemeinem  Sprachgebrauch  abgesondert.  Be> 
sondera  gutes  Briefpapier  lehrt  uns  der  altère  Plinius  als  charta 
Augusta  kennen*).  £ine  einzige  Selis  pflegte  zu  diesem  Zwecke  zn 
genûgen  in  der  Art  jener  Briefe  auf  Papyrus,  wie  sie  sich  in  dea 
âgyptischen  Grabem  so  zahlreich  vorgefunden  haben.  Seneca,  der 
solche  Kûrze  als  Tugend  des  Briefes  hinstellt,  bricht  einen  der  sei- 
nigen  mit  der  Bemerkung  ab:  damit  er  das  Raummass  nicht  ûber- 
schreite,  wolle  er  lieber  morgen  fortfahren:  denn  es  dûrfe  ein  Bnd 
die  linke  Hand  des  Lesers  nicht  fullen').  Das  AufroUen  eines  Yolu- 
men  Ton  mebreren  Scheden  wûrde  sie  gefullt  haben:  aine  einzige 
konnte  in  der  Rechten  allein  gehalten  werden.  So  manche  der  Briefe 
Seneca's,  wie  z.  B.  XY  2,  widerstreiten  fireilich  dieser  Yorschrift 
Heisst  dagegen  ein  Brief  ein  volumen,  so  ist  damit  etwas  Abnormes 
gesagt;  so  hat  Cicero  (ad  &mil.  ÏR  7,  2)  Ton  Appius  Pulcer  eine 
epistula  erhalten,  die  er,  augenscheinlich  aus  Indignation  ûbertreibend, 
als  volumen  bezeichnet  plénum  querellae  iniquissimae.  Umgekehrt  ist 
der  Brief wechsel  mit  Gomificius  dem  Cicero  so  lieb,  dass  er  ihm 
„nicht  Briefe,  sondem  Rollen^  schreiben  zu  kônnen  wûnscht  (fam. 
Xn  30,  1). 

Erst  beim  Hieronymus  fuiden  wir  die  Angabe,  dass  man  zum 
Briefe  Membrane  nimmt,  und  zwar  „wenn  es  an  Charta  fehlt^  *).  Eben 
darauf  weist  der  Brief  als  Palimpsest,  von  dem  Ammianus  Marcellinus 
orzâhlt'):  Und  Augustin  schreibt*):  Non  haec  epistola  sic  inopiam 
ehartae  indicat,  ut  membrancLS  scUtem  abundare  testetur,  Tabellas  ebur» 
neas  quas  haheo  avunculo  tuo  cum  ïitteris  misi.  Tu  enim  huic  pelHculaê 
faciUuê  ignosces  eqs. 


1)  Martial  XIV  11. 

«)  Vgl.  unt.  Cap.  V. 

*)  Qtioe  non  débet  ginisiram  numum  legentis  implere.    Epist  45. 

*)  Hieron.  epist.  VII  ad  Chromatiam  Joyinum  et  Eusebium  (IV  S.  13  Mart.)* 

5)  XV  5,  12. 

«)  Opéra  éd.  Maur.  II  19,  Brief  15. 


—  Briofe  nicht  auf  Pergament.  —  g3 

Yom  PalimpseBt  redet  auch  eine  Stelle  der  Ciceronischen  Briefe^); 
illein  dass  auch  fur  Briefe  Pergament  benutzt  worden  sei,  ist  hieraus 
aoch  nicht  zu  entnehmen.  Trebatius,  mit  dem  Cicero  gelegentlich 
m  scherzhaft  scheltendem  Ton  zu  reden  liebt,  hat  ibm  seinen  Brief 
anf  einer  Chartula  geschickt,  die  vorher  schon  beschrieben  gewesen 
war:  der  frûhere  Inhalt  ist  getilgt;  Cicero  argwohnt  darunter  sein 
eigenes  Toraufgehendes  Schreiben,  imd  er  bekomme  also  auf  dem- 
selben  Papier,  das  er  geschickt  hatte,  die  Antwort  zuruck.  Er  wittert 
danmter  Malice;  denn  Sparsamkeit  kônne  der  Grund  nicht  sein; 
sie  ûbe  man  nur,  wenn  man  in  die  Lage  komme,  Palimpsest  zu 
brauchen:  Sed  ut  ad  epistulas  tuas  redeam,  cetera  belle:  iUud  rmror: 
quiê  solet  eodem  exemple  pluree  dare  qui  sua  manu  scribiti  Nam  quod 
m  palimpseste,  laudo  equidem  parsmoniam;  sed  miror  quid  in  iUa 
ehartula  Juerit,  quod  delere  malueris  quam  haec  in  nova  sctibere^), 
JSisi  forte  tuas  formulas:  non  enim  puto  te  meas  epistulas  delere  ut 
rtponas  tuas!  Aus  dem  Gregensatz,  in  den  hier  chartula  und  paUm- 
psestus  gestellt  sind,  erhellt,  dass  Cicero  wie  Catull')  unter  letzterem 
Membrane  yerstand.  Dass  aber  ein  Brief  als  Palimpsest  auf  Mem- 
brane môglich  sei,  will  er  durchaus  nicht  zugestehen,  sondem  lobt, 
dass  man  spare  und  schon  einmal  beschriebenes  Material  noch  einmal 
beschreibe,  falls  man  in  die  Lage  kommt  Palimpsest  zu  brauchen, 
d.  h.  Mb  man  Brouillons  und  Notizen  macht. 

Eannte  die  classische  Zeit  nicht  einmal  Briefe  auf  Pergament, 
so  wird  man  auf  die  Beispiele,  wo  es  litterarische  Monumente  tragen 
soll,  neugierig  sein.  Es  sei  zuerst  an  jene  Familienchroniken  erinnert, 
die  in  den  Darstellungen  der  Anfange  der  rômischen  Litteratur  auf- 
gefuhrt  zn  werden  pflegen.  Plinius  hebt  hervor  (XXXY  7),  dass  die 
aJten  Rômer  in  ihren  Atrien  die  Wachsbilder  der  Ahnen  nebst 
Stemmata  anzubringen  pflegten,  ausserdem  aber  in  Archiven  Codices 
anfbewahrten,  in  welchen  die  von  den  Familiengliedcm  im  Amt  ver- 
richteten  Thaten  verzeichnet  standen:    tabulina  codicibus  inplebantur 


1)  Cic  ad  fam.  VII  18,  2. 

^  So  oder  in  alia  scribere  muss  gelesen  werden;  haec  non  scribere  valg.; 
haec  scribere  geben  die  Codd. 
')  VgL  unten. 


g4  —  ^<^  Pergament  — 

et  monimentis  rerum  in  magistratu  gestarum.  Es  sieht  indess  jeder, 
dass  dies  mit  dem,  was  wir  Litteratar  nennen,  nîcbts  zn  tiiun  hat 
Es  handelt  sich  um  einmalige  Eintragung  von  cbronikartigen  Notizen, 
ohne  Yervielfaltîgung,  fur  das  Familienarchiv.  Es  ist  zudem  doich 
nichts  ausgeschlossen  jene  Codices  fur  Wachstafeln  zu  nebmeu. 

Wirklich  trat  die  Membrane  aber  — r  drittens  —  gelegentlicb  anch 
in  den  Dienst  des  eigentlicben  Litteraturbucbes.    Waren  die  Bûcher 
Papyrusrollen,  so  war  sie  es,  die  als  deren  Umbûllung  dieote. 
Die   leicbt   zerreissbaren  wurden  durcb  das  feste  Stuck  Pergament, 
das   sie  umgab,   so  gescbûtzt,  wie  die  Papierblâtter  der   modemen 
Bûcber  durcb  den  Papp-  und  Ledereinband.     Dasselbe  gab  zugleich 
Gelegenbeit  den  Léser  durcb  eine  angenebme  Aussenseite  imd  Ele- 
ganz  der  Ausstattung  anzuzieben:   denn  bei  besseren  BQcbem^), 
insbesondere  bei  denen  der  Poésie  war  dièse  Membrane  puipurfarben 
oder  orange  gebalten.     Rotb  war  das  gewobnlicbe:  so  in  der  Bucb* 
sammlung  des  ungebildeten  Bibliomanen  Lukian^s');  Ovid  will  seinen 
Tristien  die  rotbe  Farbe  versagen,  die  sich  zur  Trauer  niebt  schickt 
(Trist.  I  1,  5);  in  Rotb  aucb  erscbienen  die  RoUen  Martiales,  wie  ans 
dem  nondum  murice  ctdtus  YUI  72  zu  entnebmen;  insbesondere  sein 
drittes  (vgl.  lU  2,  10  purpura  deUcata),     Ebenso  aucb  die  Gedicbt- 
sammlung  der  Sabina,  die  bei  Martial  X  93  ihre  „Purpurtoga^  eben 
erst  erhalten  bat  und  darum  nocb  nicbt  im  Publikum,  sondem  allei^ 
neueste  Novitat  ist.    Ungenauer  beisst  daber  beim  Statius  der  ganze 
libellus  purpureus^).     Orange  dagegen  wili  Lygdamus  im  Handel  ^- 


^)  Kur  xûkkKna  fi^fiUa  Lakian  thqI  rtav  int  /lurdvy  cvy.  41.  comptiim 
opus  Lygdam.  1,  14. 

^)  Lukian  niçi  Ttày  inî  /lucB-^  cw,  41:  roiç  xakXUrroiç  roérotç  fitfiXioêç 
(oy  xçvaoî  /néy  ol  ofÀtfiakoi,  noçfpvQa  dl  ixto&êy  ^  d&ffd-ÎQa,  rà  d*  fydoy 
rj  Svtfrnjç  iart  xtX.  Dass  B.  Fôrater  (in  seiner  Recension  Gardthausen'sy  Fleekeîs. 
Ibb.  121  S.  49  fF.)  hier  an  codices  auf  Parpurpergament  denken  konnte,  ist 
wanderbar.  Er  hat  wohl  die  Erw&hnung  der  o/Ln^aXoi  fibersehen.  UngUubUch 
ist  ûbrigens,  dass  bei  einem  Bûche  das  Material  im  Gegensatz  zum  Inhalte 
ixTod-iy  heissen  kOnne!  Dasselbe  gilt  aber  Ton  dem  Buch,  ûber  das  Lokîan 
nçoç  roy  ànaid,  7  sagt:   noçffVQay  /ufy  ij^oy  rijy  dufS^iqay,  XQWfovy  dà  toy 

*)  Statius  Silr.  IV  9,  7  :  (libellus)  noster  purpureus  novusque  charta  Et 
binis  decoratus  umbiltcis. 


scheinen^).  Bas  Tropische  jener  ^Purpurtoga"  der  Sabina  erklârt  sich 
EUS  einem  Sprachgebrauch,  der  im  griechischen  Buchwesen  aufge- 
bracbt  zn  sein  scbeînt,  nacb  welchem  der  Membraneinband  verglichen 
wird  mit  der  paenula,  einem  Reisekleid,  das  die  meDSchliche  Gestalt 
ganz  einhûllte  bis  auf  Kopf  mid  Fusse  und  oftmals  aus  Leder  war 
(Martial  XIY  130):  das  Etymologicum  magnum  erklârt  uns  (paivoXfjç 
als  êlX^TiXQioy  fjufifiçciïvop,  ebenso  Hesych  (sub  cpaMvfiç),  Cyrill 
(Ducange  61.  gr.  p.  1657)  und  das  Lexikon  bei  Montfaucon  Bibl.  Coisl. 
S.  476,  und  zwar  sagt  letzteres  genauer  sîX'^ov  TOfAccçioy  fkefAfiQccîvoy. 
Nothwendig  scheint  anzunebmen,  dass  auch  Martiales  elftes  Buch 
nicht  anders  ausgestattet  war,  wenn  der  Dicbter  auf  der  ersten  Seite 
desselben  von  dem  „nicht  alltâglichen  Musellin*'  redet,  „worin  das 
noch  UnaufgeroUte  gekleidet  gehe^  ^).  Aehnlich  nennt  Martial  XIII  1 
das  Dûtenpapier,  worin  man  beim  Ejrâmer  Thunfisch  und  Oliven 
einwickelt,  toga  und  paenula.  Dieselben  Glossare  fugen  beilâufig  zum 
^cuvoXfiç  noch  die  andere  Erklârung  hinzu  :  Ç  yXiû(f(f6no(ioVj  „Eiste, 
Futteral^.  An  dièse  Bedeutung  wird  in  einer  Stelle  des  Neuen 
Testamentes  zu  denken  sein,  wenn  wir  II  ad  Timoth.  4,  13  lesen: 
%ày  fpsXovfiv  ov  ànéhnov  ....  èQxàfisvoç  (péçe  xaï  m  fiifiUa; 
denn  ipsXéviiç  kann  hier  wohl  nur  den  gemeinsamen  Behalter  der 
fiêfiUa  bedeuten*). 

£in  wichtiger  Unterschied  besteht  nun  aber  zwischen  dieser 
paenida  und  dem  modemen  Bucheinband.  Ohne  den  Einband  ist 
das  moderne  Buch  incomplet;  er  gehort  mit  zum  Buchbegriff.  Keines- 
wegs  kann  dies  auch  vom  antiken  Membranumschlag  gegolten  haben. 
Die  Bûcher,  die  der  Aegypter  seinen  Todten  in  das  Grab  legte, 
pflegen  desselben  so  zu  entbehren*),  wie  die  Bûcher  Herculaneums. 


»)  TibuU  III  1,9. 

*}  Mart.  XI  1  cultuê  sidone  (so,  ohne  n,  auch  Mari.  IV  19,  12)  non  coti- 
diana*    Dièse  Art  der  Einkleidung  steht  flbrigens  allein. 

*)  Vgl.  nnten  S.  88. 

*)  Ueber  einen  serfetzten  Papyrus,  im  Jahre  1861  zu  Theben  ron  A.  Yon 
Bougemont  yon  der  Schadau  gekauft,  berichtet  Zûndel  Bbein.  Mus.  1866  S.  437: 
„Die  Fragmente  sind  um  einen  kurzen  Stab  gewickelt,  aus  Schiifbl&ttem,  die 
an  beiden  Enden  mit  rothem  Thonsiegel  yerbunden  sind.  Auf  beiden  Siegeln 
steht  der  Name  Menterra.  Um  dièse  Bolle  war  ein  schmaler  Streif  Mumien- 
Birt,  Buchwesen.  5 


gg  —  Das  Pergament  — 

£r  scheint  nur  gelegentlicb  zu  Luxuszwecken  in  Anwendung  ge- 
kommen  zu  sein.  Und  wir  dûrfen  also  wohl  annehmen,  dass,  wenn 
Bûcher  (libri)  testamentarisch  vermacbt  wurden,  dieser  Einband  von 
Juristen  wie  Sabinus  und  C.  Cassius  zu  denjenigen  Dingen  gezâUt 
worden  ist  in  quihus  libri  conduntur  und  in  dem  Vermacbtniss  ebenso 
wenig  wie  die  bibliotbeca  selbst  oder  die  annaria  und  scrinia  mit 
einbegriffen  wurde^). 

An  der  gescblossenen  Rolle  war  sodann  —  yiertens  —  auswendig 
Yerfasser  und  Titel  auf  einem  sogenannten  diXv^oç  angebracbt,  der 
lateiniscb  bald  titulus  genannt  wird,  bald  index.  Aucb  dieser  index 
bestand  aus  einer  membranula,  welcbe  sicb  Tom  Atticus  Cicero  beîm 
Ordnen  seiner  Bibliothek  erbittet  ad  Att.  lY  4.  Aucb  aie  wurde  bis- 
weilen  purpur-  oder  scbarlacbroth  gefarbt,  nacb  Martial  m  2,  11  und 
Ovid  Trist.  I  1,  7.  Und  zwar  denkt  Ovid,  wenn  er  hier  die  eharta 
um  titulus  in  einen  rbetoriscben  Gegensatz  stellt: 

Nec  titulas  minio,  née  cedro  eharta  notetor 

bei  dem  titulus   offenbar  an  ein  anderes  Material  als  Charta,  d.  h. 

eben  an  dîeselbe  membranula  Cicero^s.     Hesych  bestâtigt  dies  eben- 

falls,  wenn  er  glossirt:  iïiXXvfiov'  .  •  • .  xai  %âv  fiéfiiSaty  ta  déQficna, 

Ein  clJiXvfioç  aus  Papyrus,   aussen   an  der  Rolle   angebracht,  wire 

wenig  dauerhaft,  ein  Fârben  dièses  Papyrus  seiner  Natur  wohl  wenig 

entsprechend  gewesen;   die  Annahme  eines  solchen  sillybus  papynir 

ceus  wird  aber  meines  Wissens  nur  einer  Gonjektur  yerdankt,  welche 

W.  A.  Becker  zuerst  in  seiner  Schrift  ûber  die  rômische  Ëlegie  ge- 

macht,  in   seinem  Grallus')  wiederholt  bat.     E.  Bâhrens  bat  sie  als 

seine   eigene  in  den  Text  aufgeDommen  beim  Lygdamus*},  wo  die 

Beschreibung  eines  libellus  also  gegeben  wird: 

Lutea  sed  nÎTeum  inTolrat  membrana  libeUam, 
Pumex  et  eanas  tondeat  ante  eomas, 
Summaque  praetexat  tenais  fastigia  ehartae 
Indieet  ut  nomen  littera  facta  taum 
Atque  inter  geminas  pingantur  eornua  frontea. 

leinwand."     SelbstTerst&ndlich  sind  dièse  Fragmente  erst  Yon  den  Findem  so 
zosammengefasst  worden. 

')  Sabinas  und  Cassius  bei  Ulpian  Digest.  XXXII  52,  3. 

«)  II»  S.  381. 

»)  Tibull  III  1,  11. 


—  ciXXvpoç,  titalas,  index.  —  g  7 

Das  zweite  Distîchon  redet  Tom  Sillybos;  fasUgia  und  frontes  sind 

identisch  und  bedeuten  den  Querdurchschnitt  des  Papyruscylinders 

an  seinen  zwei  Ënden.     Ein  sachlicher  Ânstoss  lâge  also  nicht  vor, 

ivenn  wir  den  Satz  construirten  :  littera,  facta  ut  nomen  tuum  incUcêi, 

tununa  chartae  fastigia  praetexdt    Die  sachliche  Nôthigung,  welche 

Becker  fand,  durch  die  Herstellung  yon  charta  ein  anderes  Subjekt 

zu  gewinnen,  ist  irrthûmlicb.    Aucb  war  es  spracblicb  nicbt  unmog- 

lich,  mit  littera  eben  die  bescbriebene   membranula  zu  bezeichnen. 

IfîssfaUen  erregt  hingegen  die  minder  naturliche  Wortstellung;  und 

80  ist  prcttexere  zwar  eine  gute  Bezeicbnung  fur  das  Eleben,  nicht 

g^t  aber  wird  es  begrifBiich  mit  den  Buchstaben  selbst  (Uttera  prae- 

texat)    yerbunden.     Die  ûberlieferte  Lesung   unterliegt   also  in  der 

That  sprachlicben  Bedenken.     Den  Nominatiy  charta  einzusetzen  ist 

indess  sachlicb  unstatthafb,  und  da  andererseits  tennis  abundirt,  so 

mochte  eine  Emendation  an  letzterem  Punkte  einzusetzen  baben  und 

ich  yermuthe,  der  echte  Wortlaut  war: 

SniniDAqae  praetexat  titulus  faatigia  chartae 
Indicet  ai  nomen  littera  facta  tuam^). 

Endlich  muss  hier  noch  des  Suffenus  gedacht  werden,  ûber  dessen 
Schreibwuth  sich  die  Skazonten  Catull^s  (c.  22)  ereifem.  Die  Stelle 
ist  mehrfach,  zuletzt  wohl  yon  £.  Benoist  in  der  Reyue  de  phil.  III 
S.  26  behandelt.  Suffenus,  sonst  doch  ein  Mann  yon  Lebensart  und 
Witz,  ist  trotzdem  so  geschmacklos  Poet  zu  sein  und  zwar  ein 
hôchst  firuchtbarer;  was  seine  Yerse  betrifft: 

Pnto  esse  ego  illi  milia  aut  decem  aut  plura 
Perscripta,  née  sic  ut  fit  in  palimpseston 
Relata:  chartae  regiae,  nori  libri, 
Nori  ambilici,  lora  rubra,  membrana 
Directa  plumbo  et  pumice  omnia  aeqaata. 

So  edirte  M.  Haupt.  Die  zuyerlassige  Ueberlieferung  giebt  m  pal- 
nnsepto,  sodann  carte  régie  nove  Hbri,  femer  membrane  und  endlich 
Détecta  plumbo, 

Sachlich  finden  wir  hier  nicht  wenig  zu  fragen.     Suffenus  hait 


^)  Fur  den  Oebrauch  yon  titulus  yerweise  ich  aaf  Martial  XII  3,  Orid 
Trist.  I  1>  7  ond  aaf  Plinius  Ep.  VII:  patere  me  vider e  titulum  tuum, 

5* 


gg  —  Das  Pergament.  — 

seine  Poesien  fur  so  werthyoll,  dass  er  aie  Dicht,  wie  viele  andere, 
auf  einfacher  Membrane  im  Palimpsest  steben  lâsst,  sondem  Reîn- 
scbriften  macbt  oder  macben  lâsst  auf  dem  tbeuersten  Material  for 
Ëditionen,  der  cbarta  régla;  die  Umbilici  an  den  Enden  seiner  Bûcber 
sind  neu;  ailes  ist  scbôn  mit  Bimmstein  geglattet:  das  heisst  natûr- 
licb,  aller  Papyrus,  so  weit  er  bescbrieben  ist  oder  werden  solL  Es 
sind  zwei  Hauptscbwierigkeiten,  die  sicb  bier  darbieten:  die  Appo- 
sition der  novi  libri  zu  chartae  regùie  mag  bingeben^);  die  hra  rubra 
aber  sind  fur  unsere  Kenntniss  des  antiken  RoUenwesens  neu  und 
befremdlicb.  Und  was  ist  gar  jene  membrcma  plumbo  cUrecta^  ^Wt 
dem  Bleilineal  gericbtet  werden*'  kann  wobi  die  Scbrift,  docb  aber 
nicbt  das  Scbreibmaterial  selbst 

Man  bat  sicb  also  mit  Recbt  entscblossen,  membrana  (oder  memr 
hranae  im  Plural)  und  lora  nibra  als  Glieder  der  Aufizâblung  jedes 
fur  sicb  zu  nebmen.  Ersteres  kann  alsdann  nur  die  paenula  bedeuten 
sollen,  scbwerlicb  dagegen  den  Sillybus,  der  vielmebr  eine  membre- 
nula  war  und  sonst  irgendwie  als  solcber  durcb  Zusatz  kenntlich 
gemacbt  werden  musste').  Unter  lora  aber  pflegt  man  Bindgam  zu 
yersteben,  womit  die  Bucbrolle  zusammengebunden  sel.  Belege  fur 
dièses  Binden  der  Rollen  aus  classiscber  Zeit  feblen  nicbt');  dass 
es  indess  zur  Opulenz  der  Ausstattung  mitgewirkt  batte,  ist  nicbt 
begreiflicb.  Ovid,  besonders  aber  Lygdamus  und  Martial,  sind  in 
der  Nambaftmacbung  der  schmîîckenden  Zutbaten  des  Bucbes  so 
detaillirt  wie  moglicb;  dass  sie  yon  solcbem  Gam  nicbt  reden^), 
muss  uns  bedenklicb  macben.  Selbstyerstandlicb  war  aber,  sollte 
die  zarte  Relie  nicbt  leiden,  fur  diesen  Zweck  nur  feinster  Faden 
anwendbar,    und    die  Bezeicbnung  desselben  als   „Riemen^    scbeint 


^)  Denn  nur  Apposition  kônnte  es  sein.  Eine  Unterscheidung  swischen 
neu  en  Bûchem  und  Charte  (die  fibrigens  auch  neu  sein  musste)  ist  hier  ii 
dem  Apparat  des  Schreibenden  nicht  denkbar.  EUlis,  z.  B.,  bringt  VermuthuDgeii, 
die  eines  antiquarischen  Anhaltes  entbehren. 

^  Eben  darum  l&sst  sich  auch  schwerlich  lora  rubra  membranae  yerbinden 
and  als  der,  ans  Abbildungen  bekannte,  Bindfaden  yersteben,  mit  welchem  die 
membranula  des  Sillybos  an  die  frons  der  BoUe  gefestigt  wurde. 

*)  Vgl.  oben  Seite  33  u.  48. 

«)  Vgl.  Becker  GaUus  II  S.  379. 


—  Catull  c.  22.  —  69 

denn  doch  eîn  etwas  handfester  Tropus  zu  sein.  Ich  wage  die  Lesung 
hra  in  Zweifel  zu  ziehen.  Wenn  nach  Nennung  des  Umbilicus  von 
rother  Farbe  die  Rede  ist,  so  erwarten  wir  nach  Analogie  der  Aus- 
folirungen  der  genannten  Dichter  und  des  Lukian  yor  Allem  Ton 
der  paenula  zu  hôren.  Hiernach  vermuthe  ich,  indem  ich  zugleich 
die  ûberlieferten  Casusendungen  môglichst  conservire,  dass  Catull 
schrieb: 

nec  sic  ut  fit  in  palimpsesto 
*Relata:  chartae  regiae  norae  libri; 
Noyi  umbilici;  coria  mbra  membranae; 
£t  recta  plambo  et  pumice  omnia  aeqaata. 

Schrieb  Suffenus  zehntausend  Yerse  oder  mehr,  so  musste  er  etwa 
zehn  Bûcher  fûllen;  dièse  Bûcher  sind  yon  neuestem  frischem  Pracht- 
papier  (ygl.  Statius  Sily.  IV  9,  7:  Itbellus  novus  charia)^  jedes  mit 
neuem  Umbilicus,  der  Membranlederumschlag  ist  purpum  gefarbt; 
ailes  aber  (im  Text)  sowohl  auf  Linien  gestellt  als  mit  Bimstein 
glatt  gemacht.  Die  nova  charta  steht  zum  Palimpsest  in  offenbarem 
Gegensatz^). 

Soyiel  yon  den  Hauptzwecken,  die  die  classische  Zeit  des  Alter- 
thums  mit  ihrem  Pergament  verbunden  hat.  Das  bis  hieher  ge- 
ivonnene  Résultat  wird  manchem  yielleicht  ûberraschend  sein.     Um 


')  Bel  coria  ist  die  Arsis  aufgelôst  wie  im  V.  19  desselben  Gedichtes. 
£St  reda  and  nicht  Derecta  schien  vorsuziehen,  am  die  Nacbstellung  des  amnia 
sa  erleichtem.  Was  Catull  in  der  ersten  Zeile  scbrieb,  bleibt  unsicher.  Den 
grieehischen  Accusatir  palvmpseston  konnte  Catull  bier  nicbt  anwenden;  pa- 
Umpéestum  aber  entfemt   sicb  zu  weit  tod  der  Ueberlieferung.     Sollte  Catull 

TÎelleicht  gescbrieben  baben: 

Pnto  esM  ego  illl  mil  la  aat  decem  ant  plara 

Pericripta,  née  sic  ut  fit  in  palimpsesto 

Celata:  chartae  regiae  norae  llbri  eqs. 
Soffenus  l&sat  die  Verse  nicbt  bQbscb  im  Fuite  liegen  und  b&lt  sie  als  Brouillon 
Terborgen,  membranis  intus  positis,  eondem  sorgt  sofort  f^r  scbleunige  Rein- 
aehrift  in  Editionsexemplaren  ron  beater  Ausstattung.  Hierf&r  liesse  sicb  nocb 
spraehlicb  anfQbren,  dass  ja  relata  neben  perscripta  rollstftndig  ûberflQssig  ist, 
sachlicby  dass  erst  nun  die  Vorstellung  beseitigt  ist,  als  ob  der  Dicbter  sicb 
ein  einzelnes  Handexemplar  so  gl&nzend  berstellte;  yielmehr  weisen  aile  auf- 
gesàhlten  Charakteristica  des  Bucbs  auf  Edition;  dies  wird  aber  erst  klar 
dnreh  den  Qegensatz  celata  (vgl.  Kap.  VII). 


70  —  ^»"  Pergament,  — 

Yon  dem  Nebensâchlichen ,  das  sich  auf  Titel  und  Umschlag  be- 
scbrânkt,  ganz  abzusehen:  das  Pergament  als  Schreibstoff  nimmt 
unter  seinesgleichen  augenscheinlich  die  yerachtetste  Stelltmg  ein; 
es  steht  noch  Tor  der  Wachstafel  zurûck;  es  ist  kaum  gut  genug^ 
Trâger  dessen  zu  sein,  was  durch  den  nâchsten  besseren  Einfidl 
wieder  getilgt  wird:  auch  als  Palimpsest  fur  Notizen  und  Brouilloiui 
steht  es  erst  an  der  zweiten  Stelle^).  Bas  Pergament  bat  zwar 
zum  Scbreiben,  es  bat  nicbt  aber  auch  zum  Lesen  gedient. 
Unmôglich  schien  es,  einem  Anderen  eine  Lektûre  auf  schlechter 
Membrane  zuztimuthen.  Daher  nur  erklârt  sich  das  AufEiallende,  dass 
man  nîcht  einmal  bei  Prîyatbriefen  und  Billets  zur  Membrane  griff. 
Wie  viel  mehr  musste  dies  wohl  fur  das  Lesebuch  der  Litterator 
gelten  ! 

Wir  besitzen  zwar  keine  comparativen  Preisangaben;  aber  es 
liegt  in  der  Natur  der  Sache,  es  erklârt  sich  aus  der  Complicirtheit 
seiner  Fabrikation,  dass  der  Papyrus  um  Yieles  theurer  und  kost- 
barer  als  die  Membrane  war.  Sie  ist  das  Négligé,  das  die  Schrift- 
werke  abwerfen,  sobald  sie  sich  unter  Menschen  sehen  lassen. 

Gleichwohl  begegnen  uns  nun,  wenn  auch  anfangs  nur  ganz  yer- 
einzelt,  schon  in  classischer  Zeit  Beispiele  f ûr  Umschrift  litte- 
rarischer  Werke  auf  Pergament.  Es  sind  dies  die  ersten  schûcb- 
temen  Yersuche,  die  der  Herrschafb  des  mittelalterlichen  Codex  um 
fast  ein  halbes  Jahrtausend  vorbahnend  yoraufgingen.  Um  sie  zu 
wurdigen,  gilt  es,  des  bisher  Festgestellten  eingedenk  zu  bleiben. 
Unmôglich  kônnen  danach  in  der  Zeit  etwa  des  Martial,  dem  wir 
gerade  die  Hauptkenntniss  von  der  Praxis  des  RoUenbuchwesens  ver- 
danken,  Abschriften  auf  Membrane  mit  der  herrschenden  Rollenform 
auch  nur  entfemt  fur  gleichwerthig  gegolten  haben.  Nehmen  wir 
uns  die  Zeit,  die  ersten  Erwâhnungen  derselben  einmal  etwas  schârfer 
in's  Auge  zu  fassen.  Sie  scheinen  selbst  geeignet,  ûber  den  Zweok 
solcber  Abschriften,  îîber  ihre  Werthschâtzung  im  Publilnim  und 
ûber  ihre  Bedeutung  fur  die  producirenden  Autoren  hinreichenden 
Aufschluss  zu  ertheilen. 

Yoranzustellen  ist  ein  Curiosum,  das  schon  Cicero  irgendwo  in 


^)  Vgl.  bes.  die  angefllhrte  Quintilianstelle. 


— <  Ente  Beispiele  des  Lesebachs  anf  Membrane.  —  71 

semen  Scliriiten  erwahnt  hatte.  Es  ist  dies  ein  Miniaturexemplar 
der  ganzen  Homerischen  Iliade,  das  in  einer  Nuss  auf  bewahrt  wurde 
und  auf  Membrane  geschrieben  war.  Plinins  bringt  dies  bei  als  fast 
unglaubliches  Beispiel  fur  menschliche  Augenschârfe^).  Selbstver- 
stândlich  muss  Notenschrift  in  Anwendung  gekommen  sein,  um  dièse 
Spielerei  zu  ermôgliclien:  eine  Thatsache,  die  fur  die  Ansicht  derer 
in's  Grewicht  fallt,  welche  die  Tachygraphie  fur  eine  griechische,  vor- 
tironische  Erfindung  halten*).  Das  in  membrana  scriptum  aber  wird 
bierbei  als  abnorm  besonders  erwâhnt;  wer  sich  die  Kleinheit  der 
Bucbstaben  vorstellt,  die  hier  nôtbig  war,  begreift,  dass  sicb  der 
faserîge  Papyrus  dafur  nicbt  eignete. 

Aucb  die  funf  weiteren  Beispiele,  die  wir  bier  anreiben,  tragen 
in  etwas  nocb  den  Cbarakter  des  Curiosums,  obne  dass  aber  damit 
etwa  die  Vorstellung  des  Wertbvollen  verbunden  wâre.  Die  betref- 
fenden  funf  Exemplare  —  ein  Homer,  ein  Vergil,  ein  Cicero,  ein 
Liyius  und  Oyid's  Metamorpbosen  —  dienen  als  Festgescbenke  und 
finden  sich  mit  vielen  anderen  Gescbenken  aufgefuhrt  im  yierzebnten 
Bucbe  des  Martial.  Wir  kônneu  nicbt  umhin,  von  diesem  Bûche 
genaue  Kenntniss  zu  nehmen;  scheint  die  Abschweifung  anfangs  in*s 
Ziellose  zu  yerlaufen,  so  muss  sie  sich  durch  ihr  Ergebniss  zu  recht- 
fertigen  yersuchen. 

Sein  yierzehntes  Buch  bat  Martial  mit  zweihunderteinundzwanzig 
Distichen  angefûllt,  deren  ungefâhr  jedes  den  Namen  eines  Festge- 
gchenks  erklarend  begleitet;  durch  den  Titel  Apophoreta  sowie  durch 
die  Einleitung  wird  speciell  an  das  Schenkfest  der  Satumalien  als 
Gelegenheit  angeknûpft.  Dièse  Distichen  sind  also  als  tÙ  ènï  totç 
âmQOêç  Isyôfkêva  gedacht  oder  als  die  kurzen  Begleitzettel ,  die, 
nach  Lukian's  SatumaliengesetzgebuDg,  jeder  Schenkende  mit  Sach- 
und  Werthangabe  dem  Gegenstand  beigeben  soll').  Als  Empfanger 
werden  fiast  nur  Mânner  Torausgesetzt^);   darum  nennt  Martial  das 


1)  PUn.  Nat.  hist.  VII  85. 

S)  Gardthausen  Pal&ogr.  S.  213;  freilich  scheint  Oardthausen  mit  seiner 
Thèse  bei  den  fachm&nnischen  Beurtheilern  nicht  durchgedrangen. 

')  Lnkian  Kronosolon  15. 

^)  Gani  besonders  in  N.  59  und  56.  Ausnabmen  scheinen  freilich  die  crines 
nnd  pectines^  jedenfalls  das  mamillarej  die  fasda^  das  amictorium  und  die  zonci. 


72  —  ^^  Pergament.  — 

Fnuenfest  der  Kalenden  des  M&rz  eînmal  im  Gegensatz  die  Satwr- 
naUa  feminarum^),  Und  so  bedachte  auch  Yespasian  nach  Sueton") 
an  den  Matronalien  die  Frauenwelt,  die  Mânner  an  den  Saturoalien 
mit  Apophoreta.  Wir  haben  hier  gewissermassen  eine  Anslese 
passender  Weihnachtsgeschenke  vor  nos.  Es  schenkt,  wer  Lust  hat, 
Tom  Kaiser  und  Senator  herab  bis  zum  Proletarier  der  Stadt  und 
zur  Hetâre.  Motiy  dabei  ist  lediglich  die  Aufmerksamkeit*);  darum 
genûgen  in  yielen  F&llen  BagateUen  und  Dinge,  die  es  yermeiden, 
Eostbarkeiten  zu  sein,  derlei  nur  der  Reiche  aufzuwenden  yermag. 
Aber  auch  der  Reiche  bemisst  den  Werth  seiner  Graben  nach  dem 
Ansehen  des  Empfangers.  Augustus  selbst  schenkte  zwar  ôfters 
Gold-  und  Silbersachen,  Zeuge,  Geldstûcke  jeder  Art,  daneben  aber 
auch  so  Werthloses,  wie  Matten  aus  Ziegenhaar  (ctKcia),  Schwamme, 
Feuerstocher  (rutabula),  Zangen  €Uque  cUia  id  genus,  tituHs  obseuriê 
et  ambiguis*),  Elagen  ûber  die  Winzigkeit  der  Geschenke  waren 
darum  fur  den  Epigrammatiker  ein  dankbarer  Cregenstand;  dahin  ge- 
horen  eben  solche  Erbârmlichkeiten  wie  Servietten,  Wachskerzen, 
Lôffel  und  Papyrus')  und  jener  ganze  Catalog  Ton  Siebensachon  im 
Werth  yoQ  kaum  zwei  Thalern:  12  tripUces,  7  dentisccUpiay  spongioy 
mappa,  calix,  semodms  fabae,  vimen  Hcmarum,  mgra  lagona  sapas 
Laietanae,  parva  cottana,  pruni  cani,  gravis  testa  fici  Ldbycae^).  Der 
Dichter  richtet  hierûber  seine  Beschwerde  an  die  Munificenz  des 
Kaisers  selbst^:  wogegen  Lukian  sein  Gesetz  erlâsst:  àjtétrrm  de 
xal  %âv  lafAfiayoPTCûp  fA€(iipt(jtOéQia  xaï  to  nsiHpd'èv  onotoy  iv 
^,  Ikiya  ôoxsiTCû^),  Das  Schenken  war  Leistung  und  GregenleistuDg 
und  das  Fragen  nach  dem  Preise  darum  um  so  natûrlicher.  Der- 
selbe  Gesichtspunkt  ist  auch  im  yierzehnten  Bûche  nicht  yergessen. 
In  diesem  Bazar  yon  den   yerschiedensten  Dingen  des  Luxus  und 


1)  Martial  V  84, 

^  Vespas.  19. 

*)  Dicere  te  passes  ut  meminisse  met  Mart.  IV  88,  8. 

*)  Sueton  Aug.  75. 

»)  Martial  V  18. 

«)  Martial  Vil  53;  Tgl.  auch  IV  88;  Statius  Sily.  IV  9,  24  ff. 

T)  Martial  V  19. 

^)  Lukian  Kronosol.  16  init. 


—  Die  ApophoreU  MartiaPs.  —  73 

des  Nutzens,  wo  neben  Marmorstatuen,  Eôchen  imd  Tânzerinnen  die 

leidigen  ZahnBtocher ,   Ohrlôffel  und  Federhalter  sich  anpreisen,  ist 

die  Yerscbiedenlieit  des  Werthes  besonders  aufPallig  gemacht. 

Martial  selbst  giebt  in  der  Einleitung  eine  f5rmliche  Disposition 

seines  Bnchs  in  diesem  Sinne,  auf  die  Ton  den  Editoren  bisher  nicbt 

genûgend  Rûcksicht  genommen  ist.    Wir  lesen: 

SynthesibuB  dam  gaudet  eqnes  dominusque  senator 
Dumque  deeent  nostnim  pilea  sompta  lovem  eqs. 
Diritifl  alternas  et  pauperis  accipe  sortes. 
Praemia  convivae  dent  sua  quisque  suo. 

Es  sind  also  mit  ganz  der  nâmlicben  strengen  Sonderung,  die  aucb 
Lnldan  seiner  Satumalienschriffc  zu  Grunde  gelegt  bat,  theils  Reicbe, 
theils  Arme  als  Geber  gedacht;  und  durch  das  Buch  sollen  ab- 
wechselnd  (aitemae  sortes)  die  reicberen  und  die  dûrftigen 
Gaben  sich  folgen.  Die  Gaben  gruppiren  sich  also  paarweise,  imd 
jedes  Paar  begreift  dem  Geldwerthe  nacb  zwei  Gegensâtze.  Es  gilt, 
dièse  Disposition  durch  aile  Nummern  zu  yerfolgen.  Dadurch  werden 
wir  zugleich  mit  der  Werthschâtzimg  der  Gegenstande  in  yorzûg- 
licher  Weise  bekannt  gemacht,  einer  Schâtzung,  die  in  vielen  Fâllen 
leicht  genug  zu  begreifen  ist.  Yerfolgen  wir  also  mit  leichter  Mûhe, 
wie  der  Satumaliendichter  sein  Arrangement  durchfuhrt.  Die  Paare 
hat  er  gem  so  componirt,  dass  beide  Theile  auf  einander  Bezug 
nehmen.  Der  Reiche  schenkt  denselben  Gegenstand  aus  werthyoUe- 
rem  Matenal,  als  der  Arme  :  ein  Paar  Eâsten,  der  eine  aus  Elfenbein, 
der  andere  aus  Holz,  12  und  13;  zwei  Candelaber  yon  Corinthischem 
Metall  oder  yon  Holz,  43  und  44  ;  zwei  Latemen,  die  eine  aus  Hom, 
die  andere  de  yesica,  61  und  62;  eine  Toga  (dazu  zwei  Distichen) 
oder  nur  ein  Dûfiel  (endronUs,  ausdrûcklich  als  pauperis  munus  be- 
zeichnet^))  124  f.  126;  Originalbecher  des  Mentor  imd  plebejische 
Glâser,  93  und  94;  eine  câlirte  guldene  Phiala  und  gemeine  Bêcher 
(viUa  monmenta  Vatmi  sutoris),  95  und  96;  Schreibtafeln  aus  Elfen- 
bein und  gewôhnliche  cerae  {vilia  dona),  5  und  6  ;  Schreibtafeln  yom 
Holze  des  kostbaren  Citrusbaumes  neben  einfachen  funftheiligen  cerae 
3,  4;  ein  Tisch  aus  demselben  Citrus  neben  einem  anderen  aus 
Ahom  89,  90.    Hieher  gehoren  femer  die  Paare: 


1)  Vgl.  anch  Mart.  IV  19. 


74  —  ^M  Pergament.  — 

7,  8  (=  9):  pugillares  membranei  und  J^tteUiani  (letztere  besonden 
klein). 

10,  11:  chartes  mcâores  und  chartae  epistolares, 

39,  40:  lucema  cubicidaris  und  candela, 

41,  42:  lucema  polymyxos  und  ctfreu«. 

45,  46:  pila  pagattica^)  und  j[>i/a  trigonaUs, 

47,  48:  /o//w  und  harpasta^. 

79,  80:  flagra  und  fervlae, 

97,  98:  ton€««  chrysendetae  und  rcMa  Arretma  (fictiHa;  ne  spemoi), 

99,  100:  bascanda  (vent  de  Britannis)  und  panaca  (VeroneMÎs), 

103,  104:   co/um  nwarium  und  saams  nwarius  (letzteres  „fur  den 
schlechteren  Wein''). 

105,  106:  urceoîi  mmistratorii  und  urceus  fictilis  (letzterer  for  den 
Stoiker). 
Und  es  ist  weiter  ebenso  gedacht,  wenn  der  Reiche  das  Ross,  der 
Arme  nur  eînen  Windhund  (199  und  200),  der  Reiche  die  seltenen 
mulae  pumilae,  der  Arme  nur  eine  catella  gaUicana  (197,  198),  der 
Reiche  einen  Vogelkâfig  aus  Elfenbein,  der  Arme  ein  elfenbeinemes 
Schminkkâstchen  (77  und  78),  nicht  anders  auch,  wenn  der  eine  den 
Papagei  giebt,  der  andere  blos  den  Raben  (73  und  74),  dieser  Philo- 
mele,  die  Nachtigall,  jener  die  schwâtzende  Elster  (75  und  76).  So 
auch  steht  als  Gegensatz  zum  kostbaren  bunten  Citrusbett  der  Sattel 
(85  und  86).  Oft  aber  lâsst  auch  Martial  die  geringere  Gabe  zu  der 
vorangestellten  grosseren  eine  Art  Ergânzung  bilden:  goldene  Ringe 
stehen  yoran,  der  Arme  liefert  dazu  den  Easten,  die  Daktyliothek 
(122  und  123);  derselbe  liefert  die  Cymbeln  fur  die  verfuhre- 
rische  Tânzerin  des  Reichen  (203  und  204),  den  Liebesgûrtel  (206) 
fur  den  Liebesknaben  des  Reichen  (205)  ;  der  sehr  kostbare 
Hauskoch  wird  geschenkt:   der  Arme  gibt  den  Rost  fur  die  Eûche 


')  turget  difficili  pluma;  minus  laxa  folle,,  minus  arta  quam  pila,  TgL 
ûbrigens  Mart.  VII  32. 

^  Die  Tersohiedene  Werthsch&tzung  fûr  dièse  Balle  lernen  wir  erat 
hieraus;  wenn  es  fbnf  Sorten  gab  (Oribasias  Vol.  I  S.  529  Dar.),  eine  fuacça, 
fjityâlti,  fAèffti,  év/uéyé&tjç  und  xéytj ,  so  mtkg  follis  die  /Luyâhj  sein,  pagamca 
die  ivf4iyi&^ç,  dagegen  liarpasta  und  trigonalis  /uix^â  oder  /uétni  und  xêyi; 
vgl.  Marquardt,  Priv.  Alterth.  V,  2  S.  421. 


—  Die  ÂpophoreU  Martial's.  —  75 

(320  iind  221);  ein  Bâcker:  er  gibt  das  Schmalzgebackene  (222  und 
223).  Ganz  ebenso  ergânzen  sich  auch  der  pumilus  und  dazu  die 
parma  pumilioniê  (212  und  213),  der  GeBchwindschreiber  und  die  Papier 
glâttende  Muschel  (208  und  209),  der  Bûcherschrein  und  das  Bûndei 
Federhalter  (37  und  38).  In  einer  Reihe  Ton  Beispielen  bat  sich 
Martial  endlich  begnûgt,  einfach  einen  werthyolleren  Gegenstand  mit 
einem  wertbloseren  zu  Terbinden. 

Dass  dièse  paarweise  Anordnung  vom  Dichter  durchgefuhrt  war, 
wQrde  schon  durch  die  zahlreichen  soeben  mitgetheilten  Belege  zur 
bSchsten  Wahrscheinlichkeit  erhoben  werden,  selbst  wenn  er  dies 
Altemiren  seîner  Apophoreta  nicht  ausdrûcklich  als  seine  Absicht 
bezeichnet  hâtte.  In  dem  uns  yorliegenden  Text  macht  ihre  weitere 
Dorchfulirung  geiegentUch  die  eine  und  andere  Richtigstellung  er- 
forderlich,  die  einer  weiteren  Empfehlung  nicht  bedarf,  zumal  uns 
meistens  handschriftliche  Zeugnisse  selbst  dabei  zu  Hûlfe  kommen.  In 
diesem  Martialbuch  ist  uns  also  einmal  durch  die  Disposition  eine 
sichere  Contrôle  gegeben  um  zu  constatiren,  in  welchem  Grade  bei 
der  Textverderbung  lateinischer  Dichter  Yersyersetzungen  mitgespielt 
haben.  Auch  Ausfôlle  Ton  Distichen  haben  an  einigen  Stellen  sicher 
stattgelunden. 

Nâchst  den  funf  Anfangspaaren  haben  wir  zu  verbinden: 

tali  ebumei  und  tesserae,  14,  15. 

die  turricula  und  die  tabula  lusoria,  16,  17. 

die  calculi  (miles  gemmeus)  und  die  nuces  (aléa  parvà)  20  und  18. 

die  theca  libraria  (thecam  calams  armare  mémento)  und  das  graphi- 
arium  19,  21  (so,  20,  18,  19,  21  ordnen  in  der  That  der 
Thuaneus  und  der  Palatinus  optimus  P). 

dentiscalpium  und  auriscalpium  22,  23. 

acus  aurea  und  pectines  24,  25. 

crines  (Teutonict)  und  sapo  (die  Haare  zu  farben)  26,  27  (die 
Reihenfolge  im  Thuaneus:  acus  aurea  crines,  sapo  pectines 
kann  nicht  wohl  richtig  sein). 

ombella  und  causia  (beides  gegen  die  Sonne)  28,  29. 

yenabula  and  culter  yenatorius  30,  31. 

parazonium  (arma  tribunicium  cingere  digna  lotus)  und  pugio  32,  33. 

fialx  und  securicula  (ofifenbar  spottend  wegen  der  Werthlosigkeit 


76  —  ^*«  Pergmonent.  — 

wird  hinzugesetzt:   haec  quadringenUê  nuUbus  empta  fuit;  m 
steht  im  ersten  Palat  P.  an  ganz  yerkehrtem  Platze)  34,  35. 
Die  sechs  Paare  N.  37  bis  48  sind  schon  besprochen;  Yor  oder  nach 
N.  36  ist  eine  Nummer  ausgefallen,  die  zu  dem  Rasierzeag  das  Pen- 
dant bildete.     Weiter  sodann: 
haltères  und  galericulum  49,  50i 

strigiles  ans  Pergamum  und  der  Salbenguss  gnttus  comeus  51,  52'); 

das  nâchste  deutliche  Paar  ist  N.  61  und  62  (latema  cornes 

und  latema  de  vesica);  gehen  wir  yon  da  aus  rûckwârts,  so 

erhalten  wir  als  Gregensâtze: 

Balsam  (opobalsama)  und  eine  Art  Seife  oder  Salbe  (lomeotum') 

59,  60. 
Arabischen  Balsam  (myrobalanum*)  und  das  grôbere  aphronitrom*) 
57,  58. 
Zweifelhaft  bleibt,  ob  die  vier  Nummem  53  bis  56  rhinocéros,  crépi- 
tacillum,  flagellum  und  dentifiricium  wirklich  zwei  Paare  ausmachten 
oder  ob   hier  nicht  yielmehr  Ausfall   anzunehmen  ist;    Sistra  und 
Peitsche  mogen  zusammen  gehôren;    ich  vernûsse  die  Pendants  zu 
N.  53  und  56.    Sodann  ordnete  Martial  die  primitive  gemeine  fistula 
(quid  me  rides  f)  hinter  die  kostbareren  tibiae  64,  63  (so  hat  wirkHch 
cod.  P,  sowie  die  Ausgabe  von  1471);  es  iolgen: 
soleae  lanatae  und  mammillare  65,  Q6, 
muscarium  payoninum  und   eng  damit  zu  yerbinden   muscarium 

bubulum  67,  71. 
copta  Rhodia  und  Priapus  siligineus,  zwei  Esssachen  68,  69. 
£in   ganzes  Schwein   und   eine  Wurst,   porcus  und  botulus,  als 
Satumalienspeise  70,  72   (dièse  Herstellung   67,  71,   68,  69, 
70,  72  wird  wiederum  durch  den  Thuaneus  bestâtigt;  ahnlich 
oder  ebenso  P). 
N.  73  bis  80  geben  yier  schon  besprochene  Paare;  zu  einander  passen 
hiemach  : 


')  Es  scheint  eu  lesen:  Oestavit  modo  fronte  me  iuvencus:  Vemm  rhino- 
cerota  eum  putabcis;  denn  das  ûberlieferte  ist  schlechterdings  nnTerstândlich. 
*)  Vgl.  Mart.  III  62:  rugcu  hmento  condere. 
»)  VgL  Plin.  XII  100  und  103. 
*)  Vgl.  Plin.  XXXI  112  und  113. 


—  Die  Apophoreta  Martial's.  —  77 

pera  iind  scopae  81,  82. 

Ëine  Eratzhand  gegen  Flohstich,  scalptorium  (de/endat  manus  haec 
scapulas  eqs.),  und  ein  Buchhalter  zum  Lesen,  àraloysToy, 
manuale  lectorium,  83,  84,  scheinen  ganz  zufâllig  zusammen- 
zustehen;  allein  auch  das  scalptorium  ist  ja  ein  manuale;  der  Be- 
griff  der  manus  scheint  das  Gremeinsame^).  Femer,  nach  85,  86: 
die  stibadia  fur  acht  Personen  und  das  gustatorium  87,  88;  und 

weiter,  nach  89,  90; 
die  Elephantenzâhne  und  die  Messstange,  das  Quinquepedal  91,  92. 
Sodann,   mit  Uebergehung  der  besprochenen  sechs  Paare  93 
bis  100  und  103  bis  106: 
boletaria  (nobiïe  nomen,  gewiss  aus  Metall)  und  calices  (non  viU  de 
pulvere,  aber  eben  docb  irden  und  nichts  Besonderes)  Surren- 
tini  101,  102; 
zu  den  calathi  N.  107  scheint  das  Nebengeschenk  ausgefallen;  denn 

es  sind  zusammen  zu  ordnen 
calices  gemmati  und  Saguntini  109,  108  (letztere  Nmnmer  feblt  im 

Thuaneus). 
ampuUa  potoria  (gemmata)  und  crystallina  110,  111. 
nimbus  yiteus  und  murrina  112,  113. 
patella  Cumana  und  calices  vitrei  114,  115. 
lagona  niyaria  und  matella  fictilis  116  (bis  118),  119. 
ligula  argentea  und  cocbleare  120,  121. 
Es  folgen  nach  122,  123  Eleidungsstûcke,  die  sich  von  selbst  ord- 
nen :   y  on  dem  Wohlhabenderen  wird  toga,   canusinae   (se.  paenulae) 
fdscae   und  rufae,  lacemae  coccineae  und  Baeticae,    die    cenatoria, 
lacemae  albae  und  farbige  Capuchons  geschenkt,  von  den  Aermeren 
die  Endromis  (pauperis  est  munus),  der  bardocucullus  (cercopitJiecorum 
nuper  erat),  eine  paenula  aus  Leder,  ein  pileum  (als  bescheidene  Gabe 
eiiarakterisirt),  Brustbinde,  rauhe  zottige  laena,  Handtuch,  Striimpfe 
aus  Bockshaaren:  124  bis  140.    Aber  auch  durch  die  folgenden  Num- 
mem  141  bis  169  setzen  sich  die  Eleidimgsstûcke  noch  fort;  am  klar- 
sten  paart  sich  zusammen: 


^)  VgL  ttvaXoyiov  manuale  lectorium  in  den  Interpretamenta,  Notices  et 
extr.  des  mss.  XXill  2,  8.  447. 


78  —  I^*>  Pergament.  — 

Schwanfederpolster  und  Heu  161,  162. 

Cithara  und  plectrum  165  (==  166),  167. 

Zwei  tomenta  159,  160,  deren  zweites  fur  ârmere  Leute  bestimmt 
heisst. 
Ob  die  Schelle  N.  163  und  der  discus  164  (splendida  pondéra  dUd 
Spartani)  zusammenpassen,  ist  zweîfelhaft;  jedenfalls  fehlt  zum  trochas 
(in  zwei  Distichen  168,  169)  das  Nebengeschenk,  und  es  scheint 
sacbgemâsser,  trochus  und  discus  durch  Umstellung  zu  verbinden 
und  Yor  N.  163  einen  Ausfall  anzunebmen.  Im  Yorau^ehenden  ge- 
bôren  zusammen: 

lana  ametbystina  und  weisse  italieniscbe,  154,  155, 

lana  Tyria  und  scbwarze  Pollentinische  WoUe  156,  157  (=  158). 

sjntbeseis^)  und  focale  141,  14S. 

Pataviniscbes  WoUzeug  und  spongia  143,  144. 

paenula  gausapina')  und  cerrical  145,  146. 

Zu  den  kostbaren  Friesdecken  147  ist  das  Pendant  ausgefaUen. 

lodices  und  linnenes  amictorium  148,  149. 

âgyptiscbe  Teppicbe  und  Frauengûrtel  150,  151. 

gausapum  quadratum  und  das  semicinctium,  welcbes  als  Gabe 
eines  Mittellosen  ausdrûcklicb  bezeicbnet  wird,  152,  153. 
Fur  die  ganze  Schlusspartie  der  Apopboreta  von  N.  197  ab  ist  die  paar- 
weise  Gruppirung  zum  grossen  Tbeil  scbon  oben  nacbgewiesen  (namlich 
197,  198;  199,  200;  203,  204;  205,  206  und  207;  208,  209;  212,  213; 
220,  221;  222,  223);  binzuzufugen  sind  bier  nur  nocb  folgende: 

ein  PalâstraTorsteher  und  ein  simius  bastas  emissas  elndere  doctns 
201,  202. 

morio  und  caput  vervecinum  210,  211. 

die  pueri  comoedi  und  die  fibula  comoedorum  214,  215. 

der  accipiter  als  Mittel  zum  Yogelfang  und  die  calami  aucupatorii 
216,218. 

opsonator  und  cor  bululum  217,  219. 

Hiemacb  ist  es  Zeit,  uns  endlich  aucb  nacb  den  Bûcbern  um- 
zuseben,  wie  sie  Martial  den  Armen  und  den  Reicben  an  den  Satur- 


^)  Vgl.  Martial  V  79,  2. 
>)  Vgl.  Martial  VI  69. 


—  Die  Apophoreta  Martiales.  —  79 

oalien  yerschenken  lâsst,  eine  Art  von  Festgabe,  die  schon  dem 
CSatolI  (c.  14)  bekannt  nnd  die  auch  Statius  als  ûblich  yoraussetzt: 
Mif  des  Statius  Zusendung,  eine  prâchtig  ausgestattete  BuchroUe, 
erlanbt  sich  der  jnnge  Plotius  den  Scberz  mit  einer  ganz  alten,  Ter- 
dorbenen  zu  antworten,  dazu  des  langweiligsten  Inbaltes  {Bruti  senis 
oêcitationes),  gut  genug  fur  Kâsepapier,  worûber  sich  ein  ganzes 
Carmen  in  Hendekasjllaben  ereifert^).  Lukian  aber  in  seiner  Satur- 
oalienfestordnung^)  gibt  genaue  Yorschriften  :  der  Arme  soll  sich 
darauf  beschrânken  Erânze  zu  schenken  oder  âhnliches  Bagatell  ;  bat 
er  aber  Bildung,  so  wâhle  er  ein  Buch,  entweder  aus  der  âlteren 
Litteratur  (fitfiUov  x&v  naXamv)  —  also  etwa  eine  Rhapsodie  des 
Eomer  —  oder  auch  ein  selbstverfasstes.  Der  Reiche  ist  dagegen 
rerpflichtet  es  mit  freundlichem  Gesicht  anzunehmen  und  es  sofort 
EU  lesen.  Die  betreffenden  litterarischen  Apophoreten  beim  Martial 
werden  aber  noch  durch  andere  Dinge  schongeistiger  Art  yorbereitet 
und  eingefuhrt,  Gegenstande  der  bildenden  Eimst,  deren  yerschiedene 
Werthschâtzimg  wir  bei  dieser  Gelegenheit  zugleich  nicht  ohne  Inte- 
resse yerzeichnen.  Wir  begreifen,  dass  dem  Reichen  die  goldene 
Victoria  {aureum  wird  besonders  durch  den  Thuaneus  sicher  gestellt), 
dem  Armen  dagegen  das  fictile  Bçoviov  natdiov  zuertheilt  ist  (170, 
171);  jenem  der  Hercules  Corinthius,  diesem  der  Hercules  fictilis 
(177,  178);  jenem  ein  Leander  in  Marmor,  dem  anderen  ein  SigiUum 
gibberi  fictile  (181,  182).  In  dasselbe  Yerhâltniss  werden  aber  auch 
Gemâlde  zu  den  Marmor-  und  Bronzestatuen  gestellt:  nicht  der 
Sauroctonos  Corinthius,  sondem  der  Hyacinthus  in  tabula  pictus 
(172,  173);  nicht  der  Hermaphroditus  marmoreus,  sondem  die  Danae 


^)  Statius  Silr.  IV  9.  Etwas  Anderes  ist  es  hingegen,  wenn  Leonidas 
Ton  Tarent  dem  Nero  eine  Schrift  (yçâ/Aina,  rielleicht  nur  ein  Epigramm?) 
■mn  Gebartstag  schenkt  und  fur  den  n&chsten  mehr'  verspricht  (Anthol.  PaL 
TI  321)  oder  wenn  derselbe  Diohter  an  Agrippina's  Oeburtstag»  indess  Andere 
Glmsger&th,  Silbersachen  oder  Topase  schenken,  wiederum  nur  mit  einem  Epi- 
gramm aofwartet. 

')  Lukian  Eronosolon  16:  èvTmtfinàTia  dt  o  nértjç  i^  nlovcUit  o  fAtv 
ntnaèâévfÀivoç  fiifilioy  rày  nakanay  et  n  tvqfi/ÀOV  xat  cv/LtnoTueôv,  tj  avtov 
cvyyQa^^a  onoîoy  àv  âvvtirat  xal  tovto  kafi^avéro)  6  nkovc&oç  nâvv  (pa^dg^ 
rf  TiQoçiânfp  xai  lafitjy  àyayyyyœcxÎTù}  év&vç.  ijy  di  àncj&^rat  ^  ànoççi^fj, 
Unw  j^  1^  Sçnriç  ctn€&k^  ïvoj^oç  ây  xay  néfA^p  oca  iXQ^^' 


go  —  Dm  Pergmment.  — 

picta  (174,  175);  nicht  die  Minerva  argentea,  sondern  die  Europa 
picta^)  (179,  180)  ist  auf  den  Armen  zu  beziehen.  Nach  N.  175  irt 
eine  Kostbarkeit  der  plastiscben  Eiinst  ausgefallen,  zu  welcher  die 
persona  fictilis  176  das  Gegenstûck  war. 

Auf  das  sigillum  gibberi  fictile  (N.  182)  folgen  non  endHch  die 
Bûcber  folgendermassen  : 

183:       Homeri  batracbomyomacbia. 

184:  Homerus  in  pugillaribus  membranis. 

185:       Vergili  Culex. 

186:  Yergilius  in  membranis. 

187:       MsvàvÔQOV  &dïç. 

188:  Cicero  in  membranis. 

189:       Monobiblos  Properti. 

190:  Titus  Liyius  in  membranis. 

191:       Sallustius. 

192:  ÛTidi  Metamorpbosis  in  membranis. 

193;       Tibullus. 

194:  Lucanus. 

195:       Catullus. 

196:  Calvi  de  aquae  frigidae  usu. 
Wir  lemen  manches  aus  diesem  Elatalog.  Durch  die  Reihenfolge  der 
Yoraufgeheoden  imd  der  oacbfolgenden  Apophoreta  stebt  es  fest,  dass 
hier  Ton  Martial  der  grôssere  Sach-  und  Geldwerth  denjenigen  Stucken 
beigemessen  worden  ist,  die  im  Drucke  eingerûckt  steben. 
Ferner  ist  bei  allen  Titeln  ohne  Zusatz  selbstverstandlich  nur  ao 
Papyrusrollen  zu  denken.  Mit  der  monobiblos  Properti  ist  das  ente 
Cjnthiabuch  gemeint,  das  dem  ûbrigen  Properz  gegenûber  am  selb- 
stândigsten  steht  und  auch  in  unserer  handschriftlichen  Ueberliefenmg 
den  Separattitel  monobiblos  fuhrt.  Bei  den  anderen  Automamen 
haben  wir  jedenfalls  an  die  Gesammtheit  ihrer  Bûcher  zu  denken: 
die  Pharsalia  des  Lucan  wurde  also  complet  geschenkt,  ebenso  aile 
Catullbûcher  ^),  yom  Sallust  moglicherweise  nur  das  Hauptwerk,  die 


^)  Das  picta  ist  nur  in  T  weggefallen. 

')  Ueber  die  ÀDEahl  der  Catullrollen  soll  im  Cap.  VIII  eine  Yermothang 
gegeben  werden. 


—  Die  Apophorets  Martiales.  —  31 

ffistorien,  an  welches  Martial  jedenfalls  yorzûglich  denkt,  wenn  er 

schieibt: 

Hic  erit,  ut  perhibent  doetonim  corda  viromm, 
Primns  Bomana  Crispas  in  historia. 

Aucb  beim  Tibull  meint  Martial  gewiss  beide  Bûcber;   wenigstens 

nimmt  er  in  den  Worten 

Ussifc  amatorem  Nemisis  laseira  Tibnllam 
In  tota  iurit  quem  nihil  esse  domo. 

den  Namen  der  Greliebten  ans  dem  zweiten  Bucbe,  ahmt  aber  zu- 

gleicb  einen  Vers  des  ersten  nacb;   denn  von  der  Délia  heisst  es 

beim  Tibull  I  5,  29  f.  : 

Illa  reg^  eunetos,  illi  sint  omnia  corae. 
Ah,  invet  in  tota  me  nihil  esse  domo. 

Merkwûrdig  ist  es  nun  zunâcbst  zu  seben  —  um  Yon  den  vier 

letzten  Buchtiteln  obne  Zusatz  auszugeben  — ,  welch  geringenWertb  die 

zehn  Rollen  des  Lucaniscben  Epos  etwa  flin£zig  Jahre  nacb  ibrem  Er- 

scbeinen  besessen  haben  soUen  im  Yergleicb  zu  den  zweien,  aber  raren 

des  Augusteers  Tibull  !    Martial  verscbweigt  nicbt,  dass  er  den  kûnst- 

leriscben  Wertb  des  Lucan  gering  anscblâgt,  wenn  er  ibn  sagen  lasst: 

Sont  quidam  qui  me  dicant  non  esse  pœtam; 
Sed,  qui  me  rendit,  bibliopola  putat. 

Es  ist  aber  nicbt  glanblicb,  dass  der  Bucbpreis  selbst  durcb  ein 
solcbes  Eunsturtbeil  berabgesetzt  worden  sei;  im  Gregentheil  sagt 
uns  Martial,  dass  der  Buchbândler,  resp.  Yerleger  den  Lucan  ^als 
Dichter*',  d.  b.  fur  den  Preis  yerkaufte,  der  auf  Gedicbtbûchem  stand. 
Dass  dieser  Bucbhandler  die  Pbarsalia  nicbt  fiîr  ein  Prosawerk  nabm, 
war  âosserlicb  schon  an  der  Art  der  Ausstattung  der  Exemplare  nnd 
an  dem  Um&ng  zu  constatiren,  den  er  dem  Einzelbucb  zubemass^). 
Yom  inbaltlichen  Wertb  oder  Unwertb  ibrer  Waare  vrissen  die 
Bncherrerkaufer  selbst  nicbt  das  &eringste,  sondem  sind  imgebildet 
wie  Barbaren,  nacb  Lukian*).  An  dem  Pbilosopben  Hermeias,  einem 
sebr  rechtlichen  Manne,  wird  gerubmt,  dass  er  den  Xlnverstand  dieser 
Lente  nicbt  zu  seinem  Yortbeil  ausnutzte.    Taxirte  der  Yerkâufer, 


^)  Ueber  dîesen  Umfang  s.  Cap.  YL 
*)  Lukian  58,  4. 
BIrt,  Boehwoaen. 


g2  —  Bas  Pergiment.  — 

der  nichts  davon  yerstand  (MiMf^ç  cSv)^  ein  Bucli  zu  niedrig,  80 
berichtîgte  Hermeias  den  Irrthum  und  zahlte  die  voile  Suxnine^). 

Yielmelir  war  es  das  Alter,  was  den  Tibull  werthYoUer  machte  als 
den  Lucan.  Fanden  keine  Wiederauflagen  statt,  so  musste  ein  Antor 
gelbstvcrstandlich  mit  der  Zeit  selten  werden.  So  constatirt  Pompo- 
nius  bel  seinem  Ueberblick  ûber  die  juristische  Lîtteratur  betreffs  der 
yorhandenen  Schriften  des  Cascellius  und  Trebatius:  Caêcdln  scripta 
non  exstant  niêi  unus  liber  bene  dUctorum,  Trebatii  plureSy  sed  minus  fré- 
quent antur*).  Die  Exemplare  des  Trebatius  waren  also  selten  ge- 
worden,  und  Pomponius  war  im  Stande  dies  zu  constatîren;  dies 
konnte  er  nur  durch  Hûlfe  der  Buchhândler.  Die  Seltenheit  steigerte 
sodann  die  Preise  naturgemâss  :  das  Exemplar  eines  yergriffenen 
Autors  wurde  zur  Eostbarkeit.  £ben  dies  belegt  uns  Lukian*),  wenn 
er  einmal  den  werthlosen  Bûchem  die  naXa&à  xai  noXiov  o|me 
fitfiUa  entgegensetzt.  Und  so  vrirà  denn  bei  demselben  Lukian 
(60,  30)  einmal  fur  ein  gefalschtes  Exemplar  der  Rhetorik  des  Tisias 
die  énorme  Summe  von  750  Denaren,  d.  i.  652,50  deutsche  KM., 
ausgegeben  *).  Wenn  uns  nun  Martial  hier  die  beiden  Tibullbûcher 
als  Eostbarkeit  Torfuhrt,  so  steht  zu  vermuthen,  dass  eine  Wieder- 
auflage  dièses  Dichters  seit  der  augusteischen  Zeit  nicht  stattge- 
funden  batte. 

Andererseits  vrâre  nicbt  undenkbar,  dass  die  Bibliopolen  der 
Eaiserzeit  bei  der  Unzahl  schlechter  Dicbter,  denen  sie  dienten,  fur 
das  erste  Erscheinen  eines  Werkes  wie  der  Pharsalia  zunâchst  in 
der  Wabl  der  Papyrussorte  niedrig  griffen  und  etwa  erst,  wenn 
ein  Werk  litterarisch  durchschlug,  verlangt  wurde  und  breiteren 
Absatz  fand,  auch  gute  Exemplare,  das  ist  solche  lieferten,  wie  sie 
von  den  offentlicben  Bibliotheken  begehrt  und  als  normal  anerkannt 
waren  ^).  Das  zur  Herstellung  eines  Martialbuches  verwendete  Papier 
war  tomus  vilis  und  kostete,  wie  es  scheint  nur  6  oder  bochstens 


^)  Damascias  bei  Phot.  bibl.  S.  341  Bekk.  und  Suid.  s.  n. 

*)  Pompon.  Dig.  I  2,  2,  45;  zu  frequentantur  vgl.  frequentatus, 

3)  68,  1. 

♦)  Vgl.  K.  P.  Hermann,  Philol.  II  S.  245. 

*)  Ueber  dièse  Sorten  s.  Cap.  V. 


-♦  Bachpreise.  —  83 

10  Sesterz^),  d.  L  în  modeniem  Gelde  1,30  oder  2,17  RM.  Die 
Freisangaben  fur  die  Bûcher,  die  wir  gelegentlich  erhalten,  sind  durch- 
ans  iingenûgend  und  lassen  eine  rechte  Vergleichiing  der  Werthe 
nicht  zu.  Yon  Origenes  wird  uns  berichtet*),  dass  er  seine  ganze 
reichhaltige  Bibliothek  Terkaufte  und  dafûr  von  dem  Eâufer  eine 
Lebensrente  von  taglich  4  Obolen  erbielt.  Des  Chrysippos  Schrift 
nsçl  OQjrijç  war  ungefahr  um  die  Zeit  des  Martial  fur  5  Denare  oder 
4,35  RM.  kâuflich  zu  haben;  frâgt  man,  auf  wie  viele  RoUen  sich 
der  Preis  veitheilte,  so  ist  sicher  zu  antworten:  auf  eine'). 

Das  Buch,  welches  Statius  an  den  Satumalien  in  Purpur-Mem- 
brane  und  mit  doppeltem  Umbilicus  seinem  Freunde  schenkt,  ein 
Eînzelbuch  (JibeUus;  etwa  ein  Buch  der  Silvae  selbst?),  batte  den 
IHchter  nur  einen  Decussis  (etwa  2y,  Sesterz  =s  55  Pfennig^))  gekostet, 
ungerechnet  den  geschriebenen  Inhalt:  denn  dieser  scheint  von  des 
Bichters  eigener  Hand  gewesen  zu  sein: 

praeter  mo  mihi  constitit  decussi. 

Das  Gregengeschenk,  ein  verdorbenes  abgebrauchtes  Exemplar  von 
yBruti  senis  oscitationes^  taxirt  Statius  auf  praeter  propter  einen  As  und 
zwar  einen  as  Oaianus.  Beide  Preisangaben  werden  Scherzes  halber 
nach  schlechter  Eupfermûnze  gegeben  sein.  Mit  dem  billigen  Schrift- 
stûck  jenes  Brutus  lasst  sich  aber  vielleicht  das  fur  uns  nicht  minder 
obskure  vergleichen,  welches  Martial  imter  seineu  Apophoreten  dem 
Catull  entgegensetzt:  CcUvi  de  aquae  frigidae  usw,  man  stelle  dazu 
etwa  noch  den  libellus  de  cura  capUhrum,  den  Domitian  schrieb^), 
und  ahnliche,  besonders  medicinische  Eintagslitteratur. 

Das  erste  Gedichtbuch  Martiales  kostete  dagegen,  wie  das  Buch 
Chrysippos,  im  Laden  des  Atrectus  5  Denare*);  hiernach  bemessen  war 
also  die  Pharsalia  fur  deren  50  zu  haben,  d.  h.  etwa  fur  43,50 
deutsche  Reichsmark^).    Yiel  billiger  war  aber  Martiales  anderer  Ver- 


^)  VgL  hierûber  unten  Cap.  IV. 
')  EasebiuB,  hist.  eccL  YI  3. 
*)  Epictet  dissert.  I  4,  6  olov  p^piiov, 
*)  Ein  Sesters  ist  ein  urçaccâçiov, 
»)  Sueton  Domit  18. 
«)  Mart.  I,  117,  17. 

^  Der  Denar  zu  8,7  Sgr.  gerechnet;  TgL  FriedL  Sg.  B.  III  315. 

6* 


34  —  Du  PergamenU  — 

léger  Tryphon:  er  yerkaufte  Martiales  Xenien  fur  einen  Denar  (eir 
kônnte  es  auch  fOr  einen  halben  thun  und  doch  noch  seinen  Profit 
haben,  wie  Martial^)  hinzufugt).  Dieser  Tryphon  hâtte  also  das  erste 
Martialbuch,  das  etwa  doppelt  so  dick  als  die  Xenien  ist,  statt  fôr 
5  fur  2  Denare  geliefert,  und  ein  Scbenklustiger  wûrde  den  Lucan 
bei  ihm  somit  um  17,40  Mark  haben  ersteben  konnen.  Tibull  aber, 
den  Martial  mit  Lucan  zun&chst  in  Gegensatz  stellt,  muas  jedenBidls, 
nach  der  Analogie  der  sonstigen  Gegensâtze  zu  schliessen,  mindestens 
das  Doppelte,  er  kann  das  Fûnffache,  das  Zebnfache  gekostet  haben. 

Lucan  stebt  somit  an  Wertb  zurûck,  weil  er  jûnger,  Galvus,  yt&l 
sein  Inbalt  ûberdies  geringfûgig  ist.  Nicht  hieraus,  sondem  ans  der 
Qualitat  des  Materials  muss  sicb  der  Preisunterschied  dagegen  bei 
den  ûbrigen  funf  Paaren  (S.  80)  erklâren.  Jedes  dieser  Paare  besteht  ans 
einem  Werk  auf  Cbarta  und  einem  auf  Pergament;  jedesmal  steht  dis 
pergamentene  an  der  zweiten  Stelle;  die  Membranhandschrift  ist  damit 
durchgângig  als  dûrfkige  Gabe  gegenîiber  den  werthvolleren  regelrecbt 
gescbriebenen  Werken  gestempelt.  In  einer  solcben,  wie  wir  aie  hier 
kennen  lemen,  fand  sicb  der  ganze  Epiker  Ovid  oder  Homer  oder  Vergfl, 
fand  sicb  —  so  scbeint  es  —  der  ganze  Cicero,  der  ganze  Li^ins 
zusammen.  Dass  Sallust  ûber  den  Metamorphosen  steht ,  ist  nicht 
eben  bemerkenswertb.  Aber  der  ganze  Gicero  (yielleicht  haben  wir  nnr 
an  die  Reden  zu  denken?)  ist  nicbts  gegen  eine  einzige  Menandiische 
Komôdie;  Livius  nicbts  gegen  das  eine  Properzbucb;  die  £pen  Ho- 
mer's  nicbts  gegen  das  Homeriscbe  Parergon,  das  als  Jugendwerk  gah! 

Wir  werden  das  ûber  Tibull  Gesagte  auch  auf  dièse  Fâlle  aos- 
dehnen.  Des  Properz  ^Monobiblos^,  das  Erstlingswerk  des  Dichteis, 
konnte  sicb  gegenûber  seinen  ûbrigen  Bûcbem  unter  diesem  auf- 
fallenden,  ungewobnten  Sondertitel  bis  zu  Martiales  Zeit  nur  dann 
selbstandig  halten,  wenn  seine  erste  Edition,  die  nocb  keine  weitere 
Bûcberfolge  voraussetzte,  die  einzige  geblieben  war;  hâtte  eine  er- 
neute  Edition  des  Dicbters  stattgefunden,  so  wâre  es  zwecklos  ge- 
wesen,  dies  Buch  nicht  einfach  in  die  Gesammtzâhlung  mit  aufzu- 
nehmen^);  also  auch  dies  Buch  war  nimmebr,  buchhândlerisch 
betrachtet,  eine  Antiquitat  und  Raritât  geworden. 

»)  XIII  3. 

*)  Vgl  hierûber  unten  Cap.  VIII. 


—  Geringer  Werth  der  Abschriften  auf  Membrane.  —  g5 

Dasselbe  aber  galt  von  dem  griechischen  Bûhnenstûck;  dasselbe 
Ton  dem  Froscbmâuseler  Homer^s,  der  im  Yergleich  zu  Dias  und 
Odyssée  gewiss  ungemein  selten  Abschriften  erfuhr.  Und  so  sah 
man  neben  den  abgegrîffenen  Meisterwerken  des  romiscben  alter 
Homems  in  dem  CuJex,  den  man  fur  einen  Jugendversucb  des  noch 
onreifen  gottlicben  Sângers  hielt,  einen  litterariscben  Leckerbissen, 
den  es  sich  mit  Geld  aufzawiegen  yerlobnte. 

Und  die  Membranbandscbrifben?  Seben  wir  zuerst  nacb  ibrer 
ânsseren  Beschaffenbeit.  Trotz  ibres  starken  Inbaltes,  den  Martial 
selbst  als  Merkwûrdigkeit  bervorbebt,  mûssen  sie  in  Hôbe  und  Breite 
Idein  und  den  sonstigen  Scbreibtafeln ,  den  pugillares  oder  ^Hand- 
bûchem*',  gleicb  gewesen  sein.  Nur  die  Yielbeit  der  Blâtter  und 
Lagen,  also  die  Dicke  macbte  die  grosse  Receptionsfabigkeit  môglicb. 
IJeber  Orid's  Metamorpbosen  sagt  der  Dicbter: 

Haec  tibi  mnltiplici  qaae  structa  est  massa  tabella; 
also  zabbreicbe  tabellae  von  Pergament  dienen  dazu,  um  ein  Ganzes 
herzurichten,  das  als  massa  „ein  massig  scbwerer  Complex'^  bezeicbnet 
wîrd.  Wenn  bei  dem  ersten  der  funf  Exemplare  im  Titel  hinzu- 
gefugt  wird:  in  puçillarïbus  membranis,  so  wird  aucb  fiir  die  folgenden 
Ideraus  zu  in  membranis  das  pugUlaribus  binzuzudenken  sein;  ûbrigens 
aber  wûrde  bier  pugillaris  nur  Adjectiv  sein  kônnen  und  wir  bâtten 
seltsamerweise  zu  ûbersetzen:  ^in  faustgrossen  Pergamentblâttern^. 
Dieser  Wortlaut  stûtzt  sicb  auf  den  Codex  Tbuaneus:  der  Spracb- 
gebraucb  lâsst  aber  yiebnebr  durcbaus  in  pugUlaribus  memhraneis  er- 
irarten;  dies  oder  vielmebr  m  membraneis  pugill,  bat  in  der  Tbat 
Bongarsius  aus  jener  vorzûglicben  Handscbrift  aufnotirt,  die  er  fur 
das  13.  und  14.  Martialbucb  verglicb^),  und,  im  Anscbluss  an  dièse 
Lesung,  nebmen  wir  viehnebr  an,  dass  jener  pergamentne  Homeros 
fur  Martial  nicbts  anderes  als  ein  stark  verdicktes  „Scbreib-  oder 
Notizbeft^  war,  in  dessen  zablreicbe  Membranblâtter  sowobl  Dias  als 
Odyssée  sicb  bargen: 

Multîplici  pariter  condita  pelle  latent. 

Zu  der  geringen  Hôbe  und  Breite  stimmt,  dass  der  Cicero  in  mem- 
branis sogar  als  Reiselektûre  gedacbt  ist;  es  musste  also  ein  bequem 
transportabler  Codex  sein: 


')  Schneidewin  in  prolegg.  S.  72. 


g  g  —  Du  Pergament.  — 

Si  cornes  Uu  tibi  fîierit  membrana,  putato 
Carpere  te  longas  cam  Cicérone  rias. 

Durch  die  loDgitudo  viarum  ist  hier  die  Grosse  des  Inkaltes  ange* 
deutet:  „deine  Reise  kann  lang  sein,  bevor  du  dièses  Heft  ausge- 
lesen  haben  wirst.^  Weiter  sehen  wir  die  Eleinheit  der  Exemplare 
in  folgendem  Ausrufe  besonders  hervorgehoben: 

Quam  brevis  immensum  cepit  membrana  Maronem 

und  in  dem  anderen: 

Pellibus  exiguis  artatur  Lirias  ingens. 

Wenn  beim  Cicero  auch  yielleicht  nur  die  Reden  gemeint  sind,  80 
ist  doch  dieser  Livius  mit  seinen  140  Rollen  complet  gedacht.  Es 
Bcheint  hiemach  unumgânglich,  fur  aile  oder  doch  fôr  dièse  zwei  Fille 
Notenschrift  eines  Tachygraphen  und  als  Motiy  âhnliche  Spiele- 
reien  anzunehmen,  wie  bei  jenem  Homerus  in  nuce  des  Cicero. 
Den  Yergil  in  membranls  zierte  ûbrigens  ein  Titelbild: 
Ipsius  en  rultus  prima  tabella  gerit'). 

Dies  war  indess  nur  Nachahmung  eines  im  Papyrusbuchwesen  hâu- 
figen  Schmuckes,  ûber  den  uns  Seneca  (de  tranqu.  9,  7)  Zeuge  ist 
Haben  wir  richtig  auf  Notenschrift  geschlossen  und  ailes  sonst 
liber  den  Gebrauch  der  Membrane  Gresagte  nicht  yergessen,  so  lasst 
sich  nicht  entfernt  glaublich  machen,  dass  die  fraglichen  funf  Exem- 
plare einer  Edition  der  betreffenden  Autoren  auf  Pergament  an- 
gehort  hâtten.  Sondem  es  sind  Einzelabschriften,  welche  die 
Schenkenden  nach  einem  —  etwa  entlehnten  —  Exemplar  erst  rer- 
anlasst  oder  die  sie  wahrscheinlicher  selbst  erst  hergestellt  haben. 
Die  pauperes  setzen  an  die  Stelle  des  Geldes,  das  sie  zu  Einkâufen 
nicht  ûbrig  haben,  ihren  Fleiss  und  erzeigen  beim  Schenkfest  ihre 
Aufmerksamkeit  durch  eigene  Handarbeit,  die  sie  nichts  kostet  als 
das  billigste  imd  ordinârste  der  Schreibmaterialien').  Den  materiellen 
Werth  der  Gabe  ersetzt  das  Originelle  des  Arrangements.  Wie  sehr 
dièses  Arrangement  Curiosum  war,  erhellt  eben  aus  unseres  Autors 


^)  Denn  dièse  Lesung  liegt,  wie  ich  glaabe,  der  Ueberlieferung  des  Bon- 
garsius  Ipsius  et  vultus  su  Grande;  rulgo:  Ipsius  vultus. 

')  Da,  wo  Tom  bibliopola  die  Rede  ist,  beim  Lacan,  fehlt  der  Znsatz  »• 
mmbranis. 


—  Dm  Lesebueh  aof  Membrane  dient  den  Âermeren.  —  37 

Darstellung  selbst;  yielleicht  sind  als  Schenkende  gerade  notarii  von 
Bemf  gemeint. 

Femer  beachte  man  wohl,  dass  Martial  txotz  des  standigen  m 
mtmbranis  nîrgends  fOr  oôthig  hait,  zu  den  Werken  auf  Papyrus  m 
charta  hinzuzusetzen.  Dies  beweist,  dass  fur  ihn  bei  einfacher  Neii«> 
nung  eines  Werkes  eine  andere  YorsteUung  als  die  der  Rollenform 
durchauB  aosgescblossen  war.  Die  Yerwendung  der  Membrane  muss 
dagegen  als  sonderbar  ausdrucklicb  notirt  werden. 

Zu  dieser  Sonderbarkeit  war  Sparsamkeit  der  Anlass.  Es  war 
jener  névfiç  nsnatâsvfAivoÇj  den  der  Kronosolon  Lukian's  be- 
donders  classificirt  und  so  besonders  begûnstigt,  es  war  dermittel- 
lose  Gebildete,  welchem  die  erste  gelegentliche  und  noch 
ganz  private  Ausnutzung  des  gemeinen  Codex  zu  Lese- 
zwecken  yerdankt  wird. 

Was  den  Geldwertb  aDgebt,  so  wùrde  uns  die  Analogie  von 
Lucanes  Pharsalia,  die  auf  Charta  nacb  unserer  obigen  Schâtzung 
20  Denare,  ja  50  Denare  werth  sein  konnte,  aucb  fur  die  funf  pu- 
gillares  einen  nicht  geringeren'  Preisansatz  freistellen.  Allein  wenn 
dièse  noch  nicht  Gegenstand  regelmâssiger  und  berufsmâssiger  Technik 
und  noch  nicht  Verkaufsgegenstand  waren,  so  muss  fur  solches  6e- 
schenk  auch  noch  eine  bestimmte  Taxe  seines  Gesammtwerthes  gefehlt 
baben^). 

Verlassen  wir  endlich  Martiales  Apophoreten  und  fragen  wir  die 
fibrige  Litteratur  fOr  das  soeben  Bestimmte  nach  weiteren  Analogien. 

Schon  die  Juristen  Sabinus  und  Cassius  redeten  allerdings  von 
beschriebener  Membrane.  Ulpian  referirt  folgendermassen  (Big.  XXXII 
52,  3):  libris  autem  legatis  bihUoihecas  non  contmeri  Sabinus  scrilnt 
—  idem  et  Cassms  — ;  ait  evàm  membranas  quae  scriptae  sint 
contineri,  deknde  adiecit  neque  armaria  neque  scrinia  neque  cetera  in 
gtdbus  Ubri  conduntur  deberi,  Q^od  tamen  Cassius  de  membranis  puris 
seripsit  verum  est;  nam  nec  chartae  purae  debentur  libris  legatis  nec  eqs. 
Hier  werden  also  membranae  scriptae  erst  durch  eine  ausdrûckliche 
juristische  Ëntscheidung   unter  den  Begriff  liber  gestellt;   die  Mem- 


')  Diocleiiaii'B  Edikt  De  pretiis   rerzeichnete  Membrane   (VII  38),    die 
PreisaDgabe  daselbst  iat  aber  verloren  gegangen. 


88  —  Da«  PggMiwt,  — 

bnmen  sind  abo  eigentKdi  keine  wîiklidien  ^Bûcher*^);  nnbeschiie- 
bene  Membrane  war  Ton  Cassius  dagegen  aosgenommen'):  mit  dem- 
selben  Recht  wie  imbeacluriebene  Chaita.  Hier  ist  kein  Anlaas,  bei 
den  membranae  an  anderen  Gebranch  als  den  aUtiglichen  m  denken. 
Selir  bemeikensweith  ist  hier  ûbrigens  noch,  dass  Ulpian  Ton  der 
eharta  nondmm  perscripta  und  Ton  der  membrana  nondum  pernerific 
weiterbin  die  Ubri  nondum  perscripH  nnterscbeidet:  denn  ûber  letstore 
hebt  er  in  §  5  neu  zn  fragen  an;  das  heisst,  nicbt  nur  nnter  Memr 
brana,  sondem  ancb  unter  Gharta  Terstand  man,  wenn  man  den 
Ansdmck  streng  fi^ste,  kein  wirkliches  Bnch,  sondem  nur  loees 
Schreibmaterial.  Zngleicb  begegnen  wir  hier  dem  ersten  Beleg  dafor^ 
dass  die  ganzen  Bûcher  oder  BoUen  yerfertigt  zu  werden  pflegten, 
bevor  die  einzehien  Selides  beschiieben  waren,  und  also  fertig,  aber 
leer  auf  einen  Textinhalt  warteten*). 

Wenn  dagegen  der  Apostel  Paulns  (oder  wer  sonst  der  Verfasser 
sei)  am  Schlnsse  des  zweiten  Briefes  an  Timotheus^)  unter  anderen 
Auftrâgen  privater  Natur  auch  den  folgenden  giebt:  %oy  ipëXoyiir 
w  aTiéhnov  iv  Tqwiôk  jtaqà  KiÎQTm  iQXÔfèsyoç  q>éQ€  »ai  ta 
fiifiXia,  ikàXuna  ôè  zàç  ikëik^qdvaç,  so  ware  es  allerdings  gramma- 
tîsch  Yollkommen  zulâssig,  zu  fuH^na  tmy  fi^fiUiay  zu  erg&nzen: 

^)  Wenn  Ulpûm  ebenda  su  Anfang  ebenfalls  aussagt:  et  Qaius  Caswha 
scribit  deberi  et  membranas  libriè  legatày  so  beweist  dieser  WorUaut  das- 
selbe;  die  Membranen  sind  keine  wirklichen  ^Bûcher*'.  Uebrigens  wftrde  ûck 
Platarchy  Cum  princip.  philosoph.  fin.,  dieser  ungenaaeren  Terminologie  gleick- 
falls  bedienen,  wenn  er  wirklich  daselbst  bei  dem  fitfikioy,  das  Palimpsest  ist, 
an  Membrane  denkt;  ygl.  oben  S.  57  Anmerkang. 

*)  Man  wird  bemerken,  dass  der  Wortlaat  in  der  ftberlieferten  Lesnng 
unklar  ist.  Es  wird  ans  Cassius  referirt  son&chst  die  Entseheidung  ûber 
membranae  scriptae,  dass  sie  libri  sein  soUen;  nicht  sum  Bach  gehdren  dagegen 
scrinia  und  armaria:  es  wird  fortgefahren  :  i,was  Cassius  hingegen  ûber  mem- 
branae non  scrtptae  entscheidet,  ist  richtig;  denn  auch  eharta  non  scripta  ist 
kein  Buch"  etc.;  es  musste  aber  vielmehr  fortgefahren  werden:  „das8  Cassius 
hingegen  membranae  non  scriptae  vom  „Buch''  ebenso  ausschliesst,  wie  die 
serinia,  ist  richtig;  denn  auch  eharta  pura  ist  kein  Buch"  etc.  Dièse  einûg 
natûrliche  Fortftihrang  der  Rede  erlangt  man  durch  eine  sehr  leichte  Aendenmg: 
(iuod  tamen  Cassius  [idem]  de  membranis  scripsit^  verum  est  eqs.  Ueber  das 
idem  wurde  su  dem  folgenden  dem  hinweggelesen. 

*)  VgL  unten  Cap.  V. 

«)  Paul.  II  ad  Thimoth.  4,  13. 


—  n^aç.  —  89 

Paulus  hfitte  danach  in  Troas  Bûcherkasten  und  Bûcher  yergessen, 

Ton  den  letzteren  die  auf  Membrane  for  die  wichtigsten  gehalten, 

und  BO  hatte  die  Bibliothek   eines  Paulus  schon  zu  einem  grossen 

Tkeîl   ans  pugillares  membranei  bestanden,  gleich  denen  Martiales. 

Indeaa   haben   wir  nach  Massgabe   der   sonstigen  Verhâltnisse   die 

andere  grammatîsch  gleich  môgliche  Interprétation  yorzuziehen,  wo- 

nach  das  fuiX&(fia  auch  zum  fpeXôpfjç  in  Gegensatz  tritt.     „Buch- 

kasten^)  undBollen  bringe  mir  nach,  Yor  allem  aber  das  Wichtigste, 

die  Membranen,  das  heisst:  meine  eigenen  Brouillons  oder  Notizhefte 

oder  Rechnungsbûcher.'' 

Hiemach  erûbrigt  nor  noch   ein  Beispîel.     Wir   lesen   in    der 

Piilzer  Anthologie  folgendes  Epigramm  des  Erinagoras  ^)  : 

BvfiXmv  fi  yXvKtQfi  Xvq^x^p  iv  T€vj(iï  Tfpdi 

mvràç  à/utfiiittay  ïqya  (féçtt  Xaqirtav, 

jiytKXQsœy  xàd*  6  Tti'ioç 

fidvç  nçiafivç  iyçaipiv  $ 

naç'  olyov  ri  avy  Ifiégoêç. 

dàçoy  d*  fiç  iêQ^y  lAyrùtyip  vptofAfy  ^cu 

xâkUvç  xal  itQignidiûy  i^o^'  iyiyxafÀtyp. 

Des  Epigramm  richtet  sich  an  Antonia,  die  Nichte  des  Augustus, 

Tochter  des  Antonius  Ton  der  Octaida,  welche  Erinagoras,   Zeitge- 

nosse  des  cantabrischen  Krieges  imd  der  germanischen  Feldzûge  des 

Drusus  und  Tiber,  auch  sonst  in  den  Ereis  seiner  Poésie  zog.    Es 

aind  funf  Biîcher  des  Anakreon,  die  ihr  hier  zu  fruher  Morgenstunde 

ûberreicht  werden.    Also  auch  hier  ein  litterarisch  werthvolles  Ge- 

schenk,  vielleicht,  analog  den  Apophoreten  MartiaPs,  an  den  Ealenden 

des  Mârz  dargebracht.  Yereinigt  sind  die  Bûcher  nun  aber  in  einem 

têvxoç*    Bedeutet  i€vxoç  den  Codex,  so  ist  hiermit  ein  Yorlâufer  fur 

die  ptigillares  membranei  Martiales  gegeben  aus  betrâchtlich  ârûher  Zeit. 

Ein  Anakreoncodex  zur  Zeit  des  Augustus  !    Ein  Zweifel  an  ihm 

^)  ^Sfl*  ^^^^  dièse  UeberseUung  oben  S.  65. 

')  AnthoL  Pal.  IX  239.  Das  Epigpramm  wird  von  einem  daktylischen 
Distîchon  erOfinet  und  abgeschlossen.  Was  dazwischen  steht,  hatte  offenbar 
anderes  Metnim.     Der  Codex  aelbst  giebt: 

'AyaxQiioyjoç  uç  o  Diioç  ^dvç  nçécfivç 
Pyçttipiy  $  nuQ*  olvoy  ri  ahy  'ifiiçotç, 
Man  wird  mit  leiser  Aenderung  beliebte  melîsche  Formen,  zwei  Glyconeen  und 
«nen  Dimeter,  hersustellen  haben. 


90  —  I^  Pergament.  — 

scheint  nicht  môglich;  aber  er  ist  geeignet,  uns  zu  yeidutzen,  ein 
Rabe  im  Taubenschwarm,  dieser  einsame  Codex  unter  den  DichterroUen 
seiner  Zeit!  Sehen  wir  nâher  zu,  so  mîndert  sîch  die  Analogie  mit 
den  funf  pugillares  Martiales  alsbald  bedentend  berab.  Wen  denkt 
Martial  als  Empfânger  fur  aie  pauperis  sortes  wie  Wacb&stock,  Hea 
fur's  Lager,  sigillum  fictile  u.  8.  £.?  Gewiss  in  erster  Linie  die  Ar  m  en 
selbst;  denn  er  neont  &ie  eben  „Loose  des  Armen^.  In  den  pauperit 
sortes  haben  wir  diejenigen  nûtzlichen  und  angenebmen  Gegenstâode 
beisammen,  mit  denen  ein  Mann  von  einfachen  Bedûrfiiissen  und  be- 
8cbrânkten  Mitteln  damais  sein  Leben  umgab.  Ebensowohi  wartete 
man  aber  gewiss  auch  den  reicben  Patronen  mit  derlei  Gaben  auf^  als 
geringen  Zeicben  guteo  WiUens;  so  also  auch  mit  jenen  dicken,  ûbe^ 
fullten  MembranbQcbem.  Allein  dièse  Membranen  gebôren  doch  eben 
durchaus  dem  Bedûrfnisskreise  des  Armen  an  und  scbeinen  in  dem 
Torliegenden  Falle  des  Krinagoras  vôllig  undenkbar.  Denn  er  schickt 
den  Anakreon  an  die  Nichte  des  Kaisers,  an  die  zweityomehmste 
Dame  der  damaligen  Welt!  £r  batte  sich  fur  eine  so  ungewohnte, 
schlechte,  plebejische  Ausstattung  angelegentlicbst  zu  entscbuldigen 
gebabt.  —  Femer  wird  man  bemerken,  dass  Martial  uns  just  die  funf 
allgelesenen,  landlâufigsten  Autoren  seiner  Zeit  nennt:  von  den 
griechiscben  nur  den  Homer,  ûbrigens  Yergil,  Cicero,  Livius  und 
Ovid,  die  Lektûre  der  Kinder-  und  Rbetorenschulen  und  jedes,  der 
lesen  gelemt  batte.  Der  kleine  Mann  wird  damab  in  Rom  seine 
litterariscben  Genûsse  eben  hierauf  bescbrânkt  haben«  Dagegen  wird 
fur  die  rômischen  Elegiker,  fur  den  Menander,  fur  die  selten  gelé- 
senen  Epyllien  YergiFs  und  Homer^s  beim  Martial  an  eine  Umschrift 
auf  Pergament  nicbt  gedacbt.  Und  Anakreon?  dièse  gewiss  schon 
damais  kostbaren,  seltenen  Bûcher  auf  Pergament?  Antonia  hâtte 
Recht  gebabt,  ein  solches  Geschenk  des  doch  sonst  verstândigen 
Krinagoras  als  absurd  zurûckzuschicken. 

Indess,  solche  Ueberlegungen  halten  noch  nicht  Stich.  Es  ver- 
lohnt  der  Mûhe,  sich  nach  der  Wortbedeutung  von  tévxoç  in  dem 
Griechisch  der  Zeit,  von  der  wir  handein,  umzusehen. 

Freilich  wird  unser  Krinagorasepigramm  in  den  Wôrterbûchem 
als  erster  Beleg  fur  die  Bezeichnung  einer  Buchform  als  tsvxoç 
aufgefûhrt.    Man  wird  indessen  gut  thun,  vorerst  fur  die  Bestimmung 


—  nvxoç.  —  91 

der  Wortbedeutuûg  den  mittelalterlichen  Sprachgebrauch  yon  dem 
des  augustisch  -  tiberischen  Zeîtalters  sorgfaltîg  zu  sondera.  Die 
Autoren  des  classischen  Alterthums^)  kennen  das  Wort  ausschliess- 
lich  DUT  in  den  Bedeutungen  «Gefass,  Bebâiter,  Eiste,  Topf^,  daneben 
auch  ^Krug^  und  ^IJrae^,  die  aile  unter  einander  nabe  yerwandt 
sind.  Auch  das  Lexikon  des  Suidas  interpretirt  demgemâss  nur 
%svxoç*  àyystoy.  Da  fur  Augustus^  Zeit  und  ûberbaupt  fur  die 
classische  Zeit  bis  in^s  dritte  Jahrbundert  die  Bedeutung  Codex  nicht 
nacbweisbar  ist,  so  seben  wir  uns  zunâcbst  genotbigt,  die  Worte  des 
Krinagoras  iy  %€V%bÏ  %&ôs  vielrnebr  mit  m  hoc  capsa,  in  armario  hoc 
zu  ûbersetzen^. 

Und  fur  dièse  Geltung  des  tevxoç  im  Bucbwesen  als  capsa 
glaube  icb  nun  ûberdies  einen  direkten  Beleg  beibringen  zu  konnen. 
Das  scbon  mehrfacb  angezogene  griecbiscb-lateiniscbe  Glossar  des 
Montepessulanus  306')  bietet  einen  besonderen  Abscbnitt  de  ludo 
Utterario  {tuqI  â^âaaxaJieiov)  ;  derselbe  setzt  durcbaus  das  Papyrus- 
bucbwesen  Yoraus^);  die  Terminologie  ist  nocb  durcbaus  antik;  kein 
Geringerer  als  Julius  Pollux  ist,  nacb  Boucberie's  einleucbtender 
Combination,  Urheber  dieser  quotidiana  locutio,  und  sie  datirt  sich 
um  200  n.  Cbr.  Das  bezeicbnete  Eapitel  ist  sachlicb  disponirt  und 
die  Wôrter  steben  nicht  obne  Ordnung:  voran  15  nomina  personalia*), 
sodann  wird  im  IJnterricbt  erst  gel  es  en;  dazu  geboren  die  nâcbsten 


^)  Abgesehen  Ton  den  Epikern  und  Tragikern,  die  im  Plural  die  Eriegs- 
rûstung  daninter  Terstehen.    Ueber  das  jfldisch-christliche  nv^oç  s.  S.  107  N.  4. 

*)  Ein  anderes  Beispiel  ftir  nv^oç  in  Bezug  auf  Bucbwesen,  das  ange- 
fUbrt  su  werden  pflegt,  gehOrt  dem  Agathias  und  damit  der  sweiten  H&lfte 
des  sechsten  Jahrhnnderts  an;  ygl.  dessen  ProOm  in  Anthol.  Pal.  IV  4,  9: 

okfiêot  iav  f^yiifÀtj  ntyvrwy  iyl  nv^fat  filfiktay 
àlk*  ovx  iç  xéyiàç  iixoyaç  iyâtân. 
Hier  Lit  der  nachklassische  Buchterminus  allerdings  und  selbstverst&ndlich  an- 
saerkennen. 

')  Notices  et  extr.  des  mss.  XXIII  2;  vgl.  bes.  S.  447  if. 

^)  Die  Rollenform  wird  durch  Erw&hnung  des  ofxtfaloç  garantirt;  ftïr 
Charta  sind  sécha  yerschiedene  Lemmata,  fûr  d^j^d-tçat  nur  eines. 

*)  yQtt/4/LiaTodnJaaxttkoç  etc;  na^âiia  und  naiç  wird  sur  Erkl&rung  des 
ntudayioyoç  eingef&gt;  der  èçd^arartiç  ist  Ton  diesen  personalia  nur  durch 
das  àyaXoyttoy  abgetrennt;  die  ursprQngliche  Folge  war  gewiss:  naKheyayyôç, 
oQ^ocnxTtiç,  àyaloyûoy  xrA. 


92  -^^ 

Wôrter  àyaJUfcléir*)  firfiiMfiçêW  tfix^ç  ÇfivfiUar)^  Ofà^paUç. 
Sodann  folgt  das  Rcdmen  und  SchieibeD,  emgefuhrt  mit  ^(ffÇwr^Mç') 
CttUulatiOr  mvjrQopfÊiç  praacriphim,  Sfulia  dietatum;  hienn  reîheii 
sich  die  SchreibnuOeiûlieii  seibst:   &éXto^,  TuroMidsç,  rrvSs  ^n^# 

^fxf  :  «fofJUç;  mfiçêop:  xâç^r^ç,  ZO^ifC  arO^'^V^»  Z«Ç*^Ç  «w- 
lijnoç,  ^a^Tfç  àmiiâfÊiàévoç,  ni|ioç  z^*it^^^s  ima&^zQaipoy',  hîet- 
oach  einnudiges  âi^f^éçcui  dann  xaymy,  gêiXêfioç,  fêôXêfiôoç^  tuHa- 
/êoç,  xala§iOç  (eannà);  nwr  dus  nichste  scheint  nicht  nach  der 
Ordnimg  zn  steben:  ira/Qâfàfêata ,  môfày^fèa,  tfHfàvStay,  hif^ç, 
xàyydfiaQiÇ,  t/^ijifoç,  fâiXQCÎTnoyj  fàdçffimç').  Endlick  sind  noch  funf 
Yerba  angehingt^ 

Zu  tëVXPÇ  lesen  wir  nun  die  Uebersetsung  anma  valumen,  Jhm 
unmittelbar  voiauf  geht  fivfiXuHfô^v  Bcrimum.  Dasa  voJumen  durdi 
Irrtham  hier  eindrang,  ist  aus  der  abnonnen  Beschaffenheît  dear 
ganzen  Stelle  seibst  firûber  dargethan  worden*).  Wir  constatîren  hier 
erstlich  :  Tëv%oç  ist  von  Pollux  jedenûdls  nicht  mit  codex  interprétât 
worden.  Sodann  firagen  wir:  was  soll  ixrma  bedeuten?  «Werkzeuge* 
im  Allgemeinen  kônnten  doch  nnr  gemeint  sein,  wenn  wir  «ztfxf 
lasen;  dièse  Bedeutung  aber  wûrde  schlecht  zu  den  umstebenden 
WÔrtem  passen.  Man  wird  wohi  nicht  mnhin  kônnen,  zu  ergânzen: 
TiV%oç  armarium.  Dièse  Ergânzung  wird  durch  das  benachbarte 
^v^iÀOffàq^ov  noch  ganz  besonders  empfohlen.  Vielleicht  ist  der  Ab- 
Êdl  der  Ëndung  durch  das  Eindringen  des  voJumen  yeranlasst  worden. 

Haben  wir  aber  das  antike  Glossar  richtig  yerstanden,  so  folgte 


')  Boucherie  «ccentoirt  irrig  àvaXôyMy, 

^  CTo^x^vriiç  ist  hier  fiUschlich  eingedning^n  und  darum  ohne  Interpré- 
tation geblieben,  wogegen  fur  das  lat,  volumen  das  griechiscke  Lemma  ansfiel; 
darflber  ygl.  oben  S.  16. 

')  Cod.  ^'ijS^fiôç;  Boucherie  t/'tjtfaofioç,  Auch  Hippolyt.  de  aatichrist. 
c.  59  brancht  ^tjtfa/ÀOÇ. 

^)  nfçiyçttffoç  praeducta  muss  eine  Art  yqat^iov  sein. 

^)  Dies  offenbar  um  swei  Stellen  abgesprengt  Tom  noÇidêoy, 

^  Wir  erwarten  etwa:  ipifxv^iov,  xêyyâfiaçêç,  fAOçffimoy,  fui^tnoç,  int' 
yçâfÂ/Ltara,  vnôfiytjfia,  kôyoç,  ^^(foç, 

^  àyayyyycioxity,  yçâtfny,  ftay^yny,  fnXitay,  ipilonovHy, 

8)  Oben  S.  16. 


—  rtvxoç.  —  93 

Krinagoras  abo  nur  der  xa&fifUQiv^  ofAtlia,  wenn  er  die  Bûcher- 
kiste  des  Anakreon  ein  tsvxoç  nannte. 

Und  wie  bat  die  spâtere  griechische  Sprache  ûberhaupt  dazu 
kommen  kônnon,  den  Codex  oder  die  gehefkete  Membranhandschrift 
alfl  einen  ^Easten^  zu  bezeichnen?  Fehit  fur  dièse  Thatsache  bisher 
eine  Erklarung  und  auch  nur  ein  Erklârungsyersucb,  so  scheint  der 
Bedeutungsûbergang  nunmehr  durchaus  yerstandlich.  Ein  Werk  in 
Tielen  Rollen  gewann  eine  Raumeinbeit  nur  durch  das  armarium^); 
dieselbe  Raumeinbeit  gewann  es  spâter  im  Codex:  der  Codex  mit 
Inhalt  trat  an  die  Stelle  des  vollen  Rollenbebâlters;  er 
ûbernabm  zugleicb  seinen  Namen.  Darum  aucb  tbeilte  tevxoç 
keineswegs  aile  Bedeutungen  des  codex  der  Rômer  (S.  95),  sondem  nur 
dièse  eine,  abgeleitete  des  grossen  Litteraturbucbes. 

Treten  wir  biemacb  in  das  zweite  Jabrbundert  ein,  und  moge 
der  weitere  Gang  des  Sucbens  dem  betbeiligten  Léser  nicbt  allzu 
bescbwerlicb  scbeinen.  Die  Gefabr  an  bedeutsamen  Einzelmomenten 
Torbeizugeben  ist  gross  und  yielleicbt  unentrinnbar;  um  so  weniger 
werden  wir  den  folgenden  Wabmebmungen  unsere  Acbtsamkeit  ent- 
zieben  dûrfen.  Tinter  den  juristiscben  Scbriftstellem  der  Trajaniscben 
Aéra  erregt  Neratius  Priscus,  der  Freund  und  intendirte  Nachfolger') 
des  Kaisers,  unsere  Aufmerksamkeit.  Die  Digesten  excerpiren  Yon 
ibm  ein  Werk  Begularum  in  funfzebn  Bûcbem,  ein  anderes  BesponsO' 
rum  in  dreien,  Yor  allem  aber  sieben  Bûcher  unter  dem  Titel  Mem- 
br€auMe^,  Der  Inhalt  war  durch  nichts  Ton  der  ûblichen  Art  der 
juristiscben  Werke  wesentlich  unterschieden.  Es  enthielt  miscellan- 
weise  eine  Reibe  Ton  Einzelentscheidungen  des  Autors,  de  furtis,  de 
ture  dotmm,  de  damno  in/ecto,  de  usu  fructu  u.  s.  f.  Zimmem  sagt 
znm  Titel,  sehr  richtig:  „ein  ofiPenbar  Yom  StofiP,  worauf  geschrieben 
wurde,  entlehnter  Name^^).    Nur  bragt  es  sich,  ob  das  Werk  des 


1)  Vgl.  oben  S.  33  f. 

*)  Spart.  Hadr.  c.  4.  Vgl.  ftberhaupt  ûber  diesen  Juristen  J.  C.  Sickel, 
de  Neratio  Priaco  Icto,  Leips.  1788. 

*)  Die  Excerpte  findet  man  susammen  bei  C.  F.  Hommel^  Palingenesia 
Iflnr.  iur.  reL  I  S.  501  ff. 

^)  Gesch.  des  rOm.  PrÎTatrechts  I  326  Note,  yerweisend  auf  Bertrand 
fiioê  yofjuKmv,  Toul.  1617,  und  Nenber,  Die  jurist.  Classiker,  Berl.  1806. 


94  —  ^^  PerguneiK.  — 

Neratius  in  seiner  Yemelfiltigung  selbst  -wirklich  auf  ihm  geschrie- 
ben  war.  Yerfiel  der  vomehine  Mann  wirklich  auf  daa  sehr  nnge- 
wôlmliche  Yorhaben  einer  solchen  Edition  auf  Membrane,  80  irai  e» 
doch  noch  sonderbarer,  ein  Werk  emsthafter  Er5rterung  nach  diesem 
StofiP  betiteln  zu  wollen,  annahernd  so  befremdlich,  wîe  wenn  mu 
modemer  Yerfasser  seine  Untersuchungen  „einen  Band  Druckpapier* 
betitebi  wollte.  Titel  wie  7dyà§  und  iyxê^iôia  geben  doch  immer 
einen  Hinweis  auf  Inhalt  und  Zweck  des  Werks;  solche  wie  fiifiho- 
&i^xfl  oder  nayâéxtai^)  wollen  auf  das  Umfassende  seiner  Anlage 
hinweisen;  solche  endlich  wie  des  Origenes  tàfjkoi*)  oder  die  xoïkdQUt 
des  Arîstonymos  verzichten  gleichfalls  auf  eine  Inhaltsbestimmang,  ch»- 
rakterisiren  doch  aber  die  Disposition  des  Werkes  aie  einer  -Einheit  in 
yielen  Theilen.  —  Das  Einzelbuch  des  Neratius  heisst  nun  liber  («eewi- 
àusy  tertius  etc.)  membranarum*);  man  wird  fHhlen,  dass  dies  f&r 
Uber  membraneus  oder  membran€u:eu8  eine  keineswegs  natûrliche  Be- 
zeichnung  sein  wûrde.  Eine  andere,  inhaltliche  Deutung  liegt  non 
nicht  fem.  Membranae  sind  die  ûblichen  Trâger  der  Notizen,  Brouillons, 
vmgjvy^fàata,  sie  sind  Privatskripturen  wie  die  Briefe.  So  wie  ako 
epistularum  Ubri  edirt  wurden  —  und  auch  Neratius  selbst  edirte 
solche^)  — ,  ebenso  giebt  Neratius  dem  Pubiikum  hier  seine  ,,Notizen* 
preis;  und  es  liegt  darin  wohi  eine  feine  Bescheidenheit^  eine  Bitte 
um  Nachsicht:  ^eigentlich  waren  dièse  Yersuche  ftbr  kein  fremdes 
Auge  berechnet*'. 


')  Ueber  aile  dièse  Titel  sîehe  Plin.  Nat.  hist.  praef.  §  24;  rgL  Dîodor'B 
^Bibliothek^y  Pomponius'  iy^nçid^oy  (in  2  Bûchern)  und  Paulus'  manualia  (3  Bb.). 
Sehr  BchOn  liesse  sich  der  Titel  xtjçia  rergleichen,  den  Gellius  (Noct.  Att. 
praef.  6)  aufft\hrt,  wenn  wir  daninter  wirklich  Wachatafeln  (ygl.  AnthoL  PaL 
IX  191)  und  nicht  vielmehr  genauer  „Honigwaben*'  su  yeratehen  hâtten,  d.  b. 
ein  gelehrtes  Werk  voll  Sûssigkeit  und  mit  Bienenfleiss  susammengetragen,  rgL 
Macrob  Satam.  I  praef.  5:  apes  enim  quodammodo  debemus  imUari  quae  va- 
gantur  et  floreè  carpunt,,  deinde  quidquid  attulere  dispomtnt  ac  per  favof 
ditidunt  eqs.  Der  Titel  Diptyckon  beim  Prudentius  ist  l&ngst  beseitigt,  die 
ûberlieferte  Schreibung  dtmxaloy  (vg!.  Gennad.  vir.  illustr.  13)  aber  noch 
nicht  hiDl&nglich  erkl&rt. 

>)  Vgl.  oben  S.  28. 

')  So  wird  meistens  citirt,  dreimal  auch  Neratius  libris  membranarum. 

^)  liber  quartus  epistularum  citirt  in  Digest.  33,  7,  12  (%  35  u.  43). 


—  Neratîos'  Membruiae.     Codex,  codicillas.  —  95 

In  der  That,  Edition  in  Pergamenthandschriffcen  ist  noch  fiir 
jan^s  Zeit  so  gut  wie  unmoglich  gewesen.    Dies  ergiebt  sicli,  wenn 

fortechreitend  den  Gebrauch  der  Schreibmaterialien  im  dritten 
irhundert  in  Betracht  ziehen. 

Reprâsentant  der  ersten  Hâlfte  des  dritten  Jahrhunderts  ist  uns 
>ian,  in  seinem  schon  mehrfach  angezogenen  Titulus  ûber  Bûcher- 
ite.  Er  ist  der  erste,  bei  dem  wir  im  Zusammenhang  des  Buch- 
lens  den  Terminus  codex  antrefiPen;  und  es  ist  an  der  Zeit,  kurz 
Herkunft  imd  ursprûnglichen  BegrifiP  desselben  zu  erinnem. 
Der  Codex  im  Sinne  der  mittelalterlicben  Handscbrifb  entstand 

ein&cher  Erweiterung  der  Schreibtafebi,  der  cerae  oder  pugillares 
mbranei.  Die  Définition  Isidor^s^)  codex  multorum  librorum  est 
8t  schon  auf  die  funf  Beispiele,  die  Martial  uns  fur  solcbe  Erwei- 
ing  kennen  lehrte.  Seneca')  giebt  die  antiquariscbe  Notiz:  pubUcae 
ulae  codices  dicuntur,  und  zwar  quia  plurium  tabtUarum  contextus 
dex  apud  antiquos  vocatur,  Seneca  scbeint  sich  auf  Yarro  zu 
iehen,  der  dieselbe  im  dritten  Buch  seiner  Schrift  de  vita  populi 
nom  gegeben  batte').     Besonders  blieb  codicillua  gebrauchlich  fur 

Wachstafeln,   die  bald  als  Brief^),   bald  auch  den  Dichtem  fur 

Brouillon  dienen.  Man  erinnert  sich  der  Scène  bei  Seneca,  wo 
id^s  Freunde  bitten  aus  den  Werken  des  Dichters  drei  Verse  tilgen 
dûrfen;  Orid  wûnscht  selbst  drei  Verse  zu  tilgen:  beide  Parteien 
xren  sodann  ihre  drei  Verse  in  codicilli  imd  die  Vergleicbxmg 
iebt,  dass  beide  dieselben  notirt  haben  ').  Die  moecha  putida  bei 
mil  hat  sich  mehrere  seiner  noch  unedirt  auf  Tafeln  geschriebenen 
dichtchen  angeeignet  und  nun  ruft  sie  der  Dichter  an:  redde  codi- 
7ê  •).  Femer  bleibt  das  Wort  fur  die  Rechnungsbûcher  gebrâuch- 
I,  die  ein  Geschafbsmann,  insbesondere  der  Argentarius  fûhrt:  nach 


1)  hidor  Orig.  VI  13,  1  ;  ygl.  oben  S.  44  Note. 

*}  De  brer.  TÎtae  13. 

^  Nonins  S.  535,  20. 

^  de.  ad  famil.  IV  12,  2,  VI  18,  1;  ad  Quintum  fr.  II  11,  1. 

^)  Es  muBB  Seneca  Controv.  II  2,  12  gelesen  werden:  rogcUus  aliquando 
ttmiciê  «uû,  ut  tollere  liceret  [namlich  amicis]  très  versus,  invicem  petiit 
ipse  ires  exciperet  in  quos  nikil  illis  liceret, 

^  CatoU  c  42. 


96  —  Dm  PergAment.  — 

Gaîus^)  braucht  er  dieselben  in  einem  Rechtsstreit  niclit  ganz,  soih 
dern  nur,  soweit  es  fur  den  Fall  in  Betracht  kommt,  znr  Einsidit 
Yorzulegen  :  Edi  autem  ratio  ita  inteUegitur  si  a  capite  edatur  .... 
sciUcet  ut  non  totum  cuique  codicem  totasqtiemembranasinspicieiià 
dtscrïbendique  potestas  fiât,  sed  ut  ea  tcmtum  pars  ratUmum  quae  ad 
mstruendum  aliquem  pertineat  inspiciatur  et  describatur, 

Femer  gilt  der  Codicill  fur  Diplôme  und  Ehrenbriefe*)  oder  ftr 
die  Tafeln,  auf  denen  der  letzte  Wille  statt  Testamentes  aofgesetst 
wurde^).  Auch  die  tabulae  des  Testaments  endlich  sind  ein  codais 
wenn  sie  sicli  nicht  gar  auf  mehrere  Codices  yertheilten  ^). 

In  Yerbindung  mit  litterarischen  Dingen  ist  der  Terminas  di- 
gegen  nicbt  nachweisbar  bis  in  die  Zeit  des  Ulpian  hinab.  Freilidi, 
wenn  die  Tabemen  der  Bibliopolen  scbon  in  Cicero's  Zeit  eodkm 
yerkauften,  so  wâre  dies  fur  unseren  Satz  eine  bedenklicbe  An»- 
nahme:  denn  dann  wâren  also  schon  damais  Texte  in  dieser  Foim 
im  Buchbandel  geweseni  Wir  erfahren  durch  Asconius^):  die  Leiehe 
des  Demagogen  P.  CJodius  wurde  vom  Volk  in  der  Curie  Rom's  t«^ 
brannt  und  das  Feuer  genabrt  subsdUis  et  tribunalibus  et  mensis  A 
codidbus  librariorum  :  hiemach  hat  man  yermuthet,  dass  es  am  Forum 
bei  der  Curie  Buchlâden  gab,  gleich  den  sonst  erwâbnten  Buchlâdea 
um  das  Argiletum  bei  Martial,  denen  in  Sandalario  oder  in  Sigil- 
lanis  ').  Allein,  der  Unterschied  ist  erheblich  ;  denn  aile  die  letzteren 
handeln  eben,  so  yiel  wir  hôren,  nur  mit  Ubri,  volumma;  sie  handeln 


1)  Dig.  II,  13,  10. 

')  Vgl.  Epictet  III  7,  oder  Tacîtus,  der  in  seinem  Dialog  7,  10  folgender- 
massen  schrieb  :  hahere^  quod  si  non  cUioqmn  {in  alto  die  Hdschir.)  oritur^  née 
codicillis  datur  nec  cum  gratia  ventt. 

')  Vgl.  Plin.  Epist.  II  16  die  codicilli  Aciliani  testamento  non  confirmatL 

^)  Vgl.  Ulpian  Dig.  42,  5,  3:  Si  tabulae  in  pluribus  codicibus  scriptae 
êint  omnes  interdicto  isto  continentur,  quia  unum  testamentum  est, 

^)  Ascon.  in  Milon.  p.  29  éd.  Kiessling-SchoU  :  Populaa  duce  Sex,  Clodio 
scriba  corpus  P,  Clodi  in  curiam  intulit  cremavitque  subselUis  et  tribunoHbus 
et  mensis  et  codicibus  librariorum:  quo  igné  et  ipsa  curia /iagratfit  eqs. 

^)  Bein  in  Becker's  Gallus  II  S.  387;  A.  Schmidt,  Gesch.  der  Denk-  nnd 
GUnbensfreiheit  S.  122,  der  den  Ascon  nicht  selbst  eingeaehen  hat,  wenn  er 
ihn  mit  Glossem  citirt:  codicibus  librariorum,  qui  nimirum  iuxta  curiam  et  ad 
Forum  ad  manum  erant! 


—  Codîces  seit  Ulpian.  —  97 

niemals  mit  codices.  Ënthielt  jene  Tabeme  ad  curiam  aber  ausser 
jenen  Codices  auch  PapyrusroUeD  (wie  doch  nothwendig  war!),  warum 
war  das  Yolk  so  unpraktisch  dièse  RoUen  unbenutzt  liegen  zu  lassen? 
Denn  es  ist  bekannt,  dass  gerade  der  Papyrus  fur  Scheiterhaufen  als 
Brennmaterial  im  Gebrauche  war^).  Nun  findet  das  Yolk  die  drei 
âbrigen  Gegenstande ,  Tribunalien,  Sessel  und  Tische,  jedenfalls  in 
ier  Curie  selbst  Tor;  die  Tische  in  der  Curie  dienen  wohl  fur  die 
Assistirenden  Schreiber;  dass  auch  Codicille  dieser  Scbreiber,  be- 
scbriebene  wie  unbeschriebene,  in  dem  Lokal  der  Senatssitzungen 
sicb  Yorfanden,  ist  nicbt  nur  natûrlich,  sondem  war  nothwendig. 
Die  librarii  mûssen  hier  also  die  Senatssekretâre,  scriptores  librarii, 
sein  (Horaz  Ars  poet.  354). 

Lesen  wir  hiemach  den  schon  mehrfach  angezogenen  Abschnitt 
des  Ulpian  im  Zusammenhange,  den  uns  die  Digesten  de  legatis  et 
&deicommissis')  ûberliefem:  Librorum  appellatione  continentur  omma 
volumina,  tsive  in  charta  swe  in  membrana  sint  sive  in  qnavis  aUa 
materia;  sed  et  si  in  pMyra  aut  in  tHia  (ut  nonnvlU  conficiunt)  aut 
m  quo  aUo  corio,  idem  erit  dicendum,  —  Quod  si  in  codicibus  sint  mem- 
braneis  vd  chartaceis  vel  etiam  eboreis  vel  alterius  materias  vel  in  ceratis 
codicilUs,  an  debeantur  videamus.  Et  Gaius  Cassius  sctibit  deberi 
et  membranas  libris  legatis  :  consequenter  igitur  cetera  quoque  debebuntur 
ri  non  adversetur  voluntas  testatoris,  —  Si  cui  centum  libri  sint  legati, 
eentum  volumina  ei  dabimus,  non  centum,  quae  qvis  ingemo  suo  metitus 
est,  qui  (quasi  scr.)  ad  Ubri  scripturam  sufficerent:  utputa  cum  haberet 
Homerum  totum  in  uno  volumme,  non  quadraginta  octo  libros  compu- 
tamus,  sed  unum  Homeri  volumen  pro  Ubro  accipiendum  est. 

Dièse  imd  die  folgenden  Ausfuhrungen  standen  in  Ulpian^s  Tier- 
undzwanzigstem  Buch  ad  Sabinum,  Wenn  schon  die  Digesten  ims 
den  Wordaut  der  Originalstellen  nicht  YoUkommen  sicher  garantirent), 
so  fehlt  doch  ein  Anzeichen,  um  hier  irgendwie  Zweifel  zu  hegen. 


1)  Martial  X,  97: 

Cam  levls  arsura  straitnr  Libitina  papjro, 
and  Vm  44,  14: 

Fartas  papyro  dam  tibi  toros  crescit. 
S)  Dig.  32,  52. 

*)  Kach  JuBiinian  selbst,  De  confirm.  digestorom  §  10. 
Blrt,  BoehweMn.  7 


98  ---  ^M  Pergament.  — 

Wir  bemerken  sogleich,  dass  Ulpian  noch  auf  dem  Stftndpnnkt 
aller  frûheren  steht.  Sind  libri  GegeDstand  eines  Légats,  so  unter- 
scheidet  er  Yor  allem  und  principiell  zwischen  den  zwei  Tenchie- 
denen  For  m  en  fur  Schriftstûcke,  volumina  und  codices.  Darans  folgt 
unweigerlich,  dass  auch  noch  Ulpian  nicht  im  Stande  irar,  bei  einem 
volumen  an  anderes  als  an  wirkliche  Rollen  zu  denken,  eine  That- 
sache,  die  uns  spater  betrefifis  des  unum  vohunen  Homeri  gute  Dienste 
leisten  wird.  Und  weiter  sind  es  auch  fur  ihn  nur  die  voUimma,  die 
zweifellos  unter  den  BegrifiP  Buch  fallen  und  also  legirt  sind,  seien  aie 
nun  aus  Charta  oder  aus  Membrane;  der  YoUstândigkeit  halber 
werden  noch  Rollen  aus  Lindenbast  hinzugefugt,  mit  UUa  wird  pMfra 
noch  einmal  rein  lateinisch  ausgedrûckt^)  und  aile  Môglichkeiten  mit 
m  quo  aiio  corio  erschôpft').  Dahingegen  ist  es  f&r  Ulpian  noch 
ebenso  firaglich,  wie  fur  Gassius  und  Sabinus  im  ersten  Jahrhundert, 
ob  auch  Codices  ^Bûcher''  seien;  Ulpian  adoptirt  eben  die  Entscheî- 
dung  jener  alten  Autoritaten.  Codices  sind  auch  hier  noch,  was  sie 
bisher  waren;  codices  eborei  und  codicilli  cerati  stehen  damit  noch 
auf  einer  Linie. 

Und  dièse  Anschauung  kommt  bei  Ulpian  im  Folgenden  noch 
einmal  zur  Geltung').  Es  ist  entschieden  worden,  dass  unbe- 
schriebene  Bûcher  von  den  libri  legati  ausgeschlossen  seien;  ei 
folgt:  sed  perscripti  libri  nondutn  malleati  vd  omati  continebuntwr 
(se.  Ubris  legatis):  proinde  et  nondutn  conglutinaii  vd  emendati  (xmUne- 
buntur.  Sed  et  membranae  nondum  consutae  continebuntur.  Also 
membranae  sind  kein  Buch  ;  denn  sie  stehen  zu  liber  erg&nzend,  gegen- 
sâtzlich;  ^Buch"  ist  noch  Papyrusrolle. 


^)  Uebor  die  tiliae  pugillares  vgl.  bos.  Marquardt,  Bdm.  FrÎTaulterth. 
y  2,  382,  der  ohne  Noth  annimmt,  dass  Ulpian  tilia  und  philyra  antencheide. 

')  Vgl.  z.  B.  die  plumbea  charta  bei  Saeton  Nero  20.  Aehnlîche  Sorg- 
fait  wendet  Ulpian  an  Dig.  37,  11,  1  fûr  den  Begriff  tabula:  tabuias  tettamenti 
accipere  debemus  omnetn  materiae  figuram:  sive  igitur  tabulae  sint  ligneae 
sive  cuiuscunque  cUterius  fnateriae:  sive  chartae  sive  membranae  sint  vd  êi  corio 
[alicuius  animaliê]^  tabulae  recte  dicentur;  zu  den  chartae  und  membrana/e  rgL 
den  ausdrûcklichen  Vermerk  in  Paullus'  Sententiae  IV  7:  tabularum  amUm 
appellatione  chartae  quoque  et  membranae  continentur^  n&mlich  bei  Testamenten; 
es  sind  damit  codices  chartacei  und  membranei  gemeint. 

')  Daselbst  %  5. 


—  Codices  im  3.  Jahrhundert.  —  99 

Und  nun,  nach  dieser  Einzelinterpretation  des  Abschnittes  ûber 
Qcherlegate,  îst  noch  auf  eine  weitere  Thatsacbe  aller  Nacbdruck 
1  legen,  die  das  Scbriftwesen  dieser  Zeit  in  das  bellste  Licbt  stellt. 
^r  Môglichkeiten  eines  Legates  Scbriftwerke  betrefiPend  kennt  der 
urist  des  dritten  Jabrhunderts  nicbt  mebr  als  vier:  entweder  es 
atet  auf  libri  îegoH:  fur  sie  sind  Ulpian's  Ëntscbeidungen  soeben 
dtgetbeilt.  Oder  es  lautet  zweitens  auf  chartae  legatae:  bierunter 
Simen  streng  genommen  keine  Bûcber,  sondem  nur  das  Scbreib- 
wterial  yerstanden  werden;  ist  es  freilicb  ein  Gelebrter,  der  einem 
relebrten  (studioaus  studioso)  yermacbt  ^chartas  meas  universas^  und 
esitzt  er  keine  cbarta  ausser  in  seinen  Bûcbem,  so  wird  niemand 
weîfebi,  dièse  Bûcber  darunter  zu  yersteben;  ferner  ist  bei  diesem 
«gat  ausgeschlossen  das  robe  papyrum  selbst  ad  char  tas  paratum 
>wie  aucb  die  chartae  nondum  perfectae,  Oder  drittens  konnen  legirt 
^erden  chartae  purae:  dann  sind  ausgescblossen  sowobl  membranae 
'.  ceterae  ad  scribendum  materiae  als  aucb  libri  scribi  coepti,  Oder 
ddlicb  yiertens  das  Yermâcbtniss  lautet  auf  die  bibîiotheca:  dann 
Ut  es,  wie  Nerra  der  Jurist  entscbied,  festzustellen,  ob  der  Testator 
ilbst  bei  dem  doppelsinnigen  Worte  nur  die  Bûcberscbrânke  oder 
b  er  aucb  ibren  Inbalt  gemeint  batte.  Dièse  vier  Moglicbkeiten  bat 
flpîan  umsicbtig  genug  bebandelt  Dagegen  membranae  legatae  oder 
Tdieeê  legati  werden  von  ibm  nicbt  besonders  besprocben.  Die 
lodices  mit  litterariscbem  Inbalt  mûssen  also  aucb  damais  nocb  so 
siten  imd  bedeutungslos  gewesen  sein,  dass  sie  nicbt  in  Betracbt 
amen:  sie  scbeinen  aucb  damais  nocb  keinen  bestimmten  Wertb 
esessen  zu  baben,  nocb  kein  regelmâssiges  Kaufobjekt  im  Bucb- 
andel  gewesen  zu  sein:  d.  b.  es  gab  keine  Ëditionen  litterariscber 
Verke  auf  Membrane  imd  sie  kamen  aucb  damab  ausscbliesslicb 
or  fur  die  einzelne  Privatabscbrift  in  Anwendung. 

Eine  solcbe  Yerwendimg  fur  Privatabscbrift  aber  ist  in  diesem 
ahrbundert  unzweifelbaft  scbon  betrâcbtlicb  bâufiger  vorgekommen, 
Is  in  den  Zeiten  des  Martial.  Dies  bestatigt  uns  die  obwobl  gleicb- 
eîtige,  docb  zum  Tbeil  stark  abweicbende  Entscbeidung  des  Paullus 
9  îegeOiê  ^).     Wird  ein  fundus  oder  ein  Haus  mit  Einricbtung  legirt, 


1)  PaoU.  Sent.  III  6,  51.  56.  67.  87. 

7* 


2,t*i  —  Dm  F 

iA      _       rite 


i<c«  hC'Itez.  ZA£±  Fsslh»  BôdxT  vnd  Bndierschriiike  einbegriffen  sein; 
ys.  ck  fv/ifu&r  kcTL  so  vird  dabô  an  cipœ  mid  annaria  libronun 
a=.  «rFT«?r  Stic^  çedacht:  sind  endlich  ^Bûcber'  Gegenstaod  des 
Lacs^k.  «•:•  sied  dansâxr  rftarfiip  rohtmima  cW  flmi6nifui«  et  phûitrae 
l'tç^^^z  ar«a-  aacb  cr^dk».  Und  hienu  f<^  non  die  Tom  Ulpian 
pôïcfpâ^II  ab>veÂclK!Dde  lâlim  Bestimmmig:  ,denn  unter  dem 
B«£T:ff  .Bacb^  isl  nicht  nothwendig  eine  Papjrusrolle  zu 
Tersieliec.  socdern  ein  bestimmt  begrinzter  Scbriftum- 
facg.  d.  L  eÎE  Q^ia&tixin  Scbriftzeilen,  das  einen  bestîmmten 
AbscLi^ss  bai*\V  Es  konntoi  wobl  nur  Godices  litterariscben 
Inbaltes  s^in.  di«  den  Panlhis  nôtbigten,  als  erster  den  antîken 
Raornl-etgrifT  f&fr  aafmgeben;  imd  mh  dem  ^bestinimten  Abschloss*'! 
dT2ich  den  die  Bncbgrenze  bier  besdmmt  irird,  ist  augenscbeinlîch 
dasselbe  gemeint.  iras  wîr  als  Bacbsnbscriptionen  in  den  sp&teren 
Handscbriiten  rorfinden.  Ulpian  bestreitet  dagegen  nnd  zwar  in  £ut 
polemiscbem  Tone,  dass  unter  Bncb  der  blosse  Scbriftmnfang  oder 
das  Scbrifbnass  zn  Tersteben  sei  (mon  quae  qms  ingemo  suo  metihu 
eft).  bâlt  Tielmebr  an  seiner  Riumlicbkeît  fest,  beziebt  sicb  dabei 
aber  Tielmebr  anf  BucbroUen  grôsseren  Umâmges,  in  denen  man  aus- 
nabmsweise  gewisse  Scbriftsteller  wie  den  Homer  zn  lesen  pflegte 
mit  allen  seînen  Bûcbem'). 

Sobald  wir  nun  weitergeben  und  das  Tierte  Jabrbundert  betreten, 
stossen  wir  auf  jene  yielcitiite  Nacbricbt  ûber  die  Bibliotbek  des 
Pampbilus  in  Caesarea:  die  Papyrusrollen  dieser  Bibliotbek  waren 
zum  Theil  scbadbaft  geworden;  zwei  Priester,  Acâtcius  und  Euzoius, 
untemabmen  es,  sie   auf  Membrane   zu  emeuem').     Dièses  Um- 


')  Libris  legatU  chartae  volumina  vel  membranae  et  p/àlurae  contÙMntvr; 
codices  quoque  debtntur\  librorum  enim  appdUuione  non  volumina  chartanan, 
èed  scripturae  moduê^  qvi  certo  fint  concluditur^  aeatinuUur. 

'j  Bierûber  Csp.  IX. 

')  Hieron.  epist.  141  (II  S.  711  Mart.)  ad  MarcelUm:  Pamphilus  ...  tune 
maxime  Origenis  libros  impensius  prosequutus  Caesarierm  eocUdae  dedicavit: 
çuam  (se.  hibUothecam)  ex  parte  corruptam  Acacius  dekinc  et  Euzohu  eiusdem 
ecclestae  sacerdotes  in  membranis  instaurare  conati  wnt;  ebenso  corruptam 
bibliothecam  Origenis  et  Pamphili  in  membranis  instaurare  conatus  est^  b«i 
Hier,  de  vir.  ill.  IV'  S.  126  Mart,   ûber  EusoTus. 


—  EditioBen  in  BoUen  bis  zum  6.  Jahrhundert.  —  ]^01 

iben  eioer  ganzen  Buchsammliiiig  scbeint  so  bedeutsam,  zumal 
lazu  das  Motiy,  die  geringe  Dauerhaftîgkeit  der  bisherigen  Form 
s  doch  auch  Symmacbus  ^),  dass  die  facilis  senectus  papyri  scripta 
mpat)y  mit  ûberliefert  wird,  dass  wir  dies  Ëreigniss  typisch  zu 
1  geneigt  sein  kônnten  iind  nach  ihm  das  Jahrhundert  des 
s  des  Christenthums  als  die  Zeit  ansetzen,  in  welcher  der  Codex 
ucbwesen  durchdrang. 

yierdings  ist  die  Gewohnheit  der  Papyrusrolle  fur  die  Publi- 
aen  auch  jetzt  noch  und  noch  weiterhin  im  funften  Jahrhundert 
halten  worden.  Im  AUgemeinen  genûgt  es  fur  die  Dauer  der 
îndung  Yon  Charta  bis  in  das  Mittelalter  auf  Wattenbach's  Zu- 
lenstellungen ')  zu  yerweisen,  die  indess  nur  die  Urkunden  und 
k>dices  chartacei  betreffen  ').  Fur  die  Litteratur  selbst  sei  Fol- 
38  bemerkt:  Symmachus  (350  bis  420)  spricht  scherzend  den 
ich  aus  Briefe  auf  Rinde  schreiben  zu  dûrfen  ;  der  Papyrus  solle 
Çen  der  Litteratur  reservirt  werden ,   epist.  IV  28  :   maUem  .  .  . 

aut    carticibus    scribere;    Aegyptus   papyri   voîumina    bibUothecis 
ue  texuerit;    dies  wurde  schon  friiher  erwâhnt.    Wenn  Symma- 

einem   Freunde    ein    complètes    Exemplar    des   Livius   (totum 

num  opus)  schenken  wiil  (epist.  IX  13),  so  ist  hier  fur  die  Be- 

ning  der  vielbucherigen  Gabe  ein  Yector  nothig.    Neben  einander 

chnet  derselbe  (III 1 1)  ein  ToUendetes  (edirtes)  "Werk  als  volumen, 

lOch  unvollendetes  als  codex*).     £benso  aber  stand  es  mit  des 

Qachus  Zeitgenossen  Ausonius  (310 — 390).     Ausonius  setzt  fur 

Werke  noch  nirgends  Codices,  ûberall  die  alte  Buchform  voraus; 

hreibt  ad  libellum  (Epigr.  34): 

Si  tineas  cariemve  pati  te  charta  necesse  est 
Incipe  veraiculis  ante  perire  meis, 

wûnscht  seinem  Ëpigrammenbuch  ebendaselbst  das  iuvenescere 
.    Ëbenso  steht  in  seiner  Ëinleituug  zum  Griphus  an  Symmachus  : 


>)  Symmach.  ep.  IV  34. 

*)  Wattenbach  Schriftwesen  ^  S.  84  f.  ;  vgl.  oben  S. 

*)  Vgl.  unteo. 

^)  8o  scbeint  der  Flavianus  bei  Symm.  II  8  auf  Cbarta  zu  publiciren, 

es  heisst,  er  solle  ^auch*^  auf  privater  Charta  sich  beredt  zeigeo:  mémento 

»  familiares  diartas  rigare  facundiae  tuae  copiis. 


102  —  ^^  Pergament  — 

latébat  mter  nugas  meas  lihdlus  ignobtUs  ....  kune  ego  eum  vehU 
goMnaceus  Euclionis  situ  chartei  pulveris  eruissem,  excus9um  rdegi  eqs. 
Im  funften  Brief  (y.  96)  werden  Papyrus  und  Buch  yon  ihm  ^eich 
gesetzt:  Nil  quaero  nisi  quod  Ubris  tenetur  Et  quod  non  opicae  tegtmt 
papyri,  Der  gelehrte  Victorîus  studirt  bei  ihm  nur  alte,  yergilbte 
Bûcher:  exesas  tineis  opicasque  evolvere  chartas  (Professor.  22,  3). 
Und  mit  dem  classischen  Buchschluss,  der  Coronis,  schliesst  Auson 
seine  Professores  ab.  Wenn  also  das  als  Bucherôffiiung  ge&sste 
Ëpigramm  N.  9  des  Auson  in  der  Brusseler  Mischhandschriffc  excerpirt 
steht  mit  der  Ueberschrift  commendatio  codicis,  so  ist  nicht  glaublich, 
dass  dieselbe  auf  Auson  zuruckgeht^).  Ausonius  machte  seine  Werke 
noch  einzeln  und  auf  Charta  bekannt,  und  erst  spatere  sammelten 
sie  im  Codex'). 

Auch  bei  Prudentius  (348  bis  410)  herrscht  die  Yorstellung,  dass 
ein  Schriftwerk  yon  grosser  Lange  sich  auf  einen  Haufen  yen  Rollen 
yertheilt,  der  alsdann  schwer  zu  ordnen  ist.  Am  Schluss  der  Passion 
des  Heiligen  Romanus^),  nachdem  der  Martyrer  endlich  gestorben 
und  seine  Seele  zum  Himmel  erhoben  ist,  yerfasst  der  Prâfekt 
Asclepiades  einen  Bericht  an  den  Kaiser  Galerius  ûber  ailes  6e- 
schehene  :  dieser  Bericht  fûllt  so  yiele  Rollen,  dass  er  die  Reihenfolge 
derselben  besonders  notiren  muss: 

Oesta  intimasse  cuncta  fertur  principi 
Praefectus,  addens  ordinem  rolaminum 
Seriemque  tantae  digerens  tragoediae. 


^)  Peiper,  Die  handschriftliche  Ueberlieferung  des  Ausonius  (1879)  S.  292. 
Âllerdings  giebt  der  Bruxellensis  das  Ëpigramm  anscheinend  in  correkterer 
Fassung  (ebenda  S.  299). 

S)  Vgl.  W.  Brandes,  Fleckeis.  Ibb.  123,  S.  59  f.  Dass  Ausonius  fÙr  TÎde 
Léser  schrieb,  ist  an  sich  selbstverst&ndlich ,  und  wird  Ton  ihm  selbst  roraus* 
gesetzt  z.  B.  epist.  XVII  oder  am  Schluss  des  Cento  nuptialis.  Also  sind  die 
Sachen  auch  edirt  worden.  Wenn  Ausonius  selbst  um  Ëxeniplare  bîttweiBe 
angegangen  wird  (Brandes  S.  59),  so  scheint,  dass  er  wenig^tens  einige  der 
Gedichte  —  nach  modemer  Redeweise  —  im  Selbstverlag  edirte;  er  schickte 
sie  rielen  als  Geschenk  in's  Haus;  daher  Symmachus  (ep.  I  8):  spargcu  Hcet 
volumina  et  me  semper  excipias:  fruemur  tamen  tuo  opère,,  sed  ahorum  be- 
nignitate.    Vgl.  Kap.  VI  ff. 

«)  Prudent.  Peristeph.  X  v.   lUOff. 


—  Editionen  in  Rollen  bia  Eum  6.  Jahrhandert.  —  2()3 

Auch  der  jÛDgere  Palladas  setzt  die  Charta   noch   in   alter  Weise 

Toraus  (Anth.  Pal.  IX  174).    Auch  Martianus  Capella,  schreibend  noch 

Tor  429,  wahrt  die  RoUenform  fur  sein  Werk  in  ostensibler  Weise  ^). 

RutiliuB  Namantianus  (im  Jahr  416)  beginnt  das  zweite  Buch  seines 

Reisegedichtes  mit  dem  Riickblick  auf  das  erste: 

Nondam  longus  erat  nec  malta  volumina  passus. 
Jure  SQO  poterat  longior  esse  liber; 

hier  heissen  volumma  die  Einzelwindungen  der  RoUe;  das  erste  Buch 
war  kurz  gewesen,  es  war  nicht  oft  um  den  Stab  seines  Umbilicus 
geschlungen.  Gassiodor  (c.  480 — 575)  giebt  uns  weiter  einen  sehr 
dankenswerthen  enkomiastischen  Traktat  ûber  das  Papyrusbuch,  bel 
Crelegenheit  einer  Ausschreibung  Yon  chartaSy  und  fQhrt  unter  anderem 
aus,  dass  ein  Autor  die  Charta  immer  zur  Hand  habe:  die  Rollen 
stehen  fertig,  unbeschrieben  da,  bis  er  sie  fôr  Abhandlungen  yon 
grossem  Umfange  aufwickelt,  um  sie  einzutragen^).  Hieraus  folgt, 
dass  Sidonius  Apollinaris  wirklich  noch  das  Rollenbuch  benutzt  haben 
kann,  wenn  er,  in  Ërinnerung  an  den  Anfang  der  ersten  Juvenalsatire, 
schreibt  (ad  Constantinum  ep.  I  7  fin.)  :  iam  copiosum  ni  faîlor  ptUsat 
exemplar;  iam  veniiur  ad  margines  umbiïicorum ;  iam  temptis  est,  ut 
Satyrus  ait,  Orestem  nostrum  vd  supra  terga  finiri, 

Was  die  Art  der  Buchvervielfaltigung  und  -verbreitimg  anbetrifft, 
so  nehmen  wir  noch  im  5.  Jahrhundert  keinen  wesentlichen  Unter- 
schied  Ton  der  classischen  Zeit  wahr.  Rom  bleibt  der  Hauptbûcher- 
markt.  In  seinen  Dialogen')  giebt  uns  Sulpicius  Seyerus  (um  365 
bis  425)  iîber  seine  Yita  S.  Martini  Bericht,  die  Paulinus  aus  Aqui- 
tanien  zum  Zweck  der  Publikation  nach  Rom  brachte:  deinde  cum 
tota  certatim  urbe  raperetur,  exultantes  Ubrarios  vidi,  quod  nihil  ab  kis 
quaestiosius  haberetur,  si  quidem  nihil  iUo  promptius,  nihU  carius  ven- 
deretur,  Den  Bibliopolen,  und  zwar  denen  der  Hauptstadt  Rom,  giebt 
der  Autor  also  auch  hier  noch  sein  Buch  in  Yertrieb,  und  sie  machen 
die   besten  Geschâfte  damit;   es  findet  bei  hohem  Preis  reissenden 


1)  YgL  unten  Kap.  III. 

*)  Gassiodor  Yariae  XI  38;  denn  nar  so  sind  die  Worie  eu  rerstehen: 
haec  enim  (charta)  tergo  niveo  aperit  eloquentibus  catnpum  et  quo  fiât  habilis, 
in  se  [ré\xx>luta  colligitur,  dum  magnis  tractatibus  explicetttr, 

>}  Snlp.  Serer.  Dial.  I  c.  23. 


X04  —  ^'^  Fergament.  — 

Absatz.  Indem  Seyerus  abdann  in  seinen  Dialogen  Ergânzmigeii  zn 
der  Yita  S.  Martini  bringt,  ist  dafur  der  Wunsch  seiner  Léser  im 
Orient  das  Motiv.  Dasselbe  Rom  war  es,  wo  Arator  im  Jahre  544 
yeranlasst  wurde,  sein  Ëpos  De  actis  apostolorum,  ganz  nach  alt- 
classischer  Weise,  ôffentlich  und  zwar  unter  lebhaftestem  Beifall  zu 
recitiren^).  Noch  in  der  ersten  Halfbe  des  siebenten  Jahrhunderts 
bringt  Beda  von  seinen  Rom-Reisen  eine  ^Unzahl  Bûcher^  mit  nach 
England,  die  er  daselbst  theils  kaufweise,  theils  durch  Geschenk 
erwarb;  andere  kaufte  er  auch  in  Vienne').  In  Italien,  insbesondere 
in  Rom,  scheint  allein  im  Mittelalter  der  Buchhandel  fortbestandea 
zu  haben'). 

Von  wem  ist  nun  dagegen  der  Codex  nachweislich  zuerst  als 
originale  Ëditionsform  in  Anwendung  gebracht  worden?  So  wie 
Justinian  seine  CoDstitutionensammlung  Yon  zwôlf  Bûchem  auf  einen 
Codex  einrichtete:  ebenso  setzte  schon  Theodosius  seinen  Codex 
Theodosianus  Yon  sechszehn  Bûchem  zusammen,  der  im  Jahr  438 
Yollendet  war;  ihm  aber  liegt  noch  der  Codex  Hermogenianns 
und  wieder  diesem  der  Codex  Gregorianus  Yoraus,  welche  beide 
Theodosius  als  sein  Yorbild  bezeichnete.  Der  Gregorianus  ist  nicht 
Yor  Diocletian  und  Maximian,  also  etwa  am  Anfange,  der  Hermo- 
genianns nicht  Yor  Yalentinian  II  und  also  etwa  am  Schluss  des 
Yierten  Jahrhunderts  entstanden.  Wâhrend  ersterer  mindestens 
dreizehn  Bûcher  hielt,  entbehrte  der  letztere  dagegen  einer  Buch- 
theilung^)  imd  ûbertraf  also  anscheinend  nicht  den  gewôhnlichen 
Umfang  eines  Einzelbuches. 

Wenn  dagegen  der,  ûbrigens  unbekannte  Papirius  Justus  die 
Constitutionen   der  Kaiser  Marcus  und  Yerus   in   zwanzig  Bûchem 


1)  Ebert  ibid.  I  S.  491. 

')  innumerabilem  Ubrorum  ojnnis  generis  copiam  Beda  0pp.  IV  8.  364 
and  366;  Tgl.  £bert  I  S.  601. 

')  Vgl.  Giesebrecbt,  De  lltterarum  studiis  apud  Italos,  1854.  Wattenbach 
S.  449  f. 

*)  Âuch  die  consaltationes  citiren  stets  nur  nacb  Titeln,  aasser  Cap.  4: 
eodein  corpore  et  Ub,y  wo  Schulting  mit  Recht  tiL  forderte.  Da  daneben  aua 
dem  Gregorianus  stets  mit  Bucbzahlen  citirt  wird,  ist  der  Scbluss,  dass  eine 
Buchtheilung  im  Hermog.  fehlte,  nothwendig. 


—  Ente  Edidonen  im  Codex.  —  205 

zosammengestellt  liatte,  ohne  dass  wir  doch  Yon  einer  Codexform  fur 
aie  erfahren  ^),  so  liegt  dièse  Arbeît  klârlich  dem  Gregorîanus  voraus. 

Was  aber  hier  als  Codices  edirt  wurde'),  unterschied  sich  yon 
der  ûbrigen  Litteratur  doch  noch  wesentlich  nach  Inhalt  und  Zweck. 
Den  Inhalt  bildeten  Normirungen  des  Rechts  hôchster  Autoritât,  die 
zor  Keantniss  jedes  Rîchters  iind  Advokatea  und  der  Rechtsschulen 
gelangen  sollten.  Der  Zweck  war  kein  eigentlich  litterarischer, 
sondem  ein  praktischer.  Es  waren  dies  Rechtshandbûcher,  die 
der  Jurist  hâufig,  wo  nicht  taglich  einzusehen  hatte,  eine  Benutzung, 
die  in  der  That  so  stark  und  so  yerbreitet  war,  dass  der  Hermo- 
genianus,  wie  wir  beilauiig  erfahren^),  nicht  weniger  als  drei  Auf- 
lagen  in  einem  Zeitraum  von  doch  wohl  hôchstens  funfzig  Jahren*) 
eifuhr:  dies  ergâbe  einen  Yerbrauch  yon  etwa  dreitausend  Exem- 
plaren.  Es  lag  somit  im  Zweck  dieser  Rechtsbûcher,  dass  sie  erstlich 
xnôglichst  dauerhaft,  zweitens  aber  auch  durch  niedrigen  Kaufpreis 
for  jeden  môglichst  zugânglich  waren.  Eben  dazu  aber  hat  die  hier 
zuerst  getroffene  Wahl  der  bisher  buchhândlerisch  nicht  anerkannten, 
plebejischen  Buchform  dienen  sollen. 

Zur  Bestatigung  des  Gesagten  kann  uns  besonders  das  Buch- 
wesen  im  Dienst  der  christlichen  Kirche  dienen.  Die  Be- 
trachtung  dièses  christlichen  Buchwesens  wird  zugleich  unsere  Kennt- 
niss  yon  der  Anwendung  der  Codices  fôr  jene  Uebergangszeiten  in 
fiberraschender  Weise  erweitem.  Hieronymus  aber  ist  es,  der  frucht- 
bare  Earchenschriftsteller  des  yierten  Jahrhunderts,  der  uns  in  dièse 
Aeusserlichkeiten  des  litterarischen  Yerkehrs  durch  seine  glûckliche 
Plauderlust  einen  erwûnschten  Einblick  ermôglicht  hat. 

Mit  jenen  yier  grossen  Codices,  die  sich  nach  ihren  Autoren 
nannten  und  der  juristischen  Praxis  als  Handbiîcher  dienten,  steht 


^)  Nach  dem  Index  der  Florentina  hatte  das  Werk  20  Bûcher,  die  Di- 
gesten  ciiiren  es  nar  bis  zum  achten. 

*)  Ueber  die  Art  ihrer  Fublikation  vgl.  Mommsen,  Yerh.  s&chs.  Ges.  d, 
WiM.  1851  S.  378ff. 

')  Sednlius  op.  PaschaL  praef.  Hermogenianum  doctissimum  iuris  latorem 
très  edùiones  sud  operis  fecisse, 

*)  Denn  dass  die  Editionen  noch  nach  dem  Erscheinen  des  Theodosianus 
fortgesetxt  warden,  ist  nicht  glaublich. 


lOg  —  Das  Fergmment.  — 

die  Bibel  der  christlichen  Kirche  YoUkommen  auf  einer  Linie. 
Auch  die  SammluDg  der  canonischen  Bûcher  alten  und  neuen  Testar 
mentes  ist  von  der  Kirche  aDScheiiiend  nie  anders  als  in  Codexfoim 
ausgegeben  worden.  Hieronymus  yerweist  ofbmals  auf  die  Exemplare, 
die  er  seiner  Uebersetzung  zu  Gronde  legt  und  weiter  fur  seiiie 
Commentare  benutzt:  es  sind  stets  codices  latini,  codices  graed  oder 
auch  hehram  codices^),  und  zwar  viele*).  So  war  die  Bibel  aber 
schon  lange  Tor  ihm  benutzt  worden;  denn  alte  Codices  sind  es, 
die  Hicronpnus  Torziiglich  zu  Rathe  ziehf).  Lukian  hatte  fur  Ckm- 
stantinopel,  Hesych  fur  Alexandria  Codices  der  Septuaginta  redigiit, 
wozu  dann  die  Codices  Palaestini  hinzukamen,  ausgearbeitet  tm 
Origenes,  verbreitet  durch  Euseb  und  Pamphilus^).  Pamphilus  er- 
scheint  aïs  Hauptrerbreiter  der  damais  gûltigsteu  Texte  *),  £useb  ab 
sein  Gehûlfe;  der  Sinaiticus  etwa  des  funften  Jahrbunderts  néant 
uns  als  seine  Yorlage  ein  Exemplar  eben  dièses  Pamphilus  am  Schluss 
des  Bûches  Esther  zugleich  mit  Wiedergabe  seiner  subscriptio*); 
ebenso    auch    die   Pariser  Fragmente    der  Paulinischen   Briefe  Tom 


^)  Die  nachfolgenden  Citate  aus  Hieronymas  folgen  grossentheib  der 
Ausgabe  von  Martianay;  wo  der  Text  ton  Yallani  nnd  Maffey  (éd.  Benedtei.) 
benutzt  ist,  wird  dies  besonders  bezeichnet.  Aaf  codices  graeci  und  latim 
oder  noBtri  codices  wird  s.  B.  verwiesen  Ëpist.  ad  Minernnm  et  Alexandmii, 
B.  IV  S.  211  und  220;  fur  das  Neue  Testament,  Ep.  XXV  ad  Mareellam,  IV* 
S.  62;  praef.  in  quattuor  evangelia,  ad  Damasum;  praef.  in  libnim  Hebraic 
quaestionum ,  II  S.  506;  praef.  altéra  in  Faralipomenon ,  I  S.  1418;  femer 
Ep.  20  Vall.  29,  1  Vall.  106,  30  VaU.  119,  7  und  12  Vall.  Codices  graeci  et 
hehraei  des  alten  Testamentes  z.  B.  Epist.  104  Vall.  (des  Augustinus).  Die 
EinzelbQcber  des  Codex  werden  dann  nicht  nur  libri,  sondem  auch  Tolanûiia 
genannt,  vgl.  z.  B.  sacra  volumina  in  der  Altercatio  Luciferiani  et  Orthodoxi, 
IV  S.  292  Mart. 

^)  Vgl.  Praef.  interpreu  Judith  :  multorum  codicum  varietaiem  vitiosimmam 
amputavi;  Epist.  IV  ad  Florentium,  IV*  S.  6:  quoniam  ktrgiente  Domino  mulA 
sacrae  bihliothecae  codicibus  ahundamus. 

')  Auf  veteres  codices  beruft  er  sich  z.  B.  praef.  in  quattuor  BTangelia. 

*)  Hieron.  praef.  in  Paralipomenon  ;  rgl.  praef.  in  quattuor  Erang.  ad 
Damasum:  praetermitto  eos  codices^  quos  a  Luciano  et  Hesgchio  Witècupaiot 
paucorum  hominum  asi^erit  perversa  contentio, 

^)  Euseb  bei  Hieron.  Apologiae  adv.  Rufinum  I,  Bd.  IV  S.  357. 

^)  Tiscbendorf,   Sinaiticus,   Einleitung  S.  13,   Serapeum  1847  8.6:  fié- 


—  Die  Heiligen  Schriften  im  Codez.  —  107 

Athos');  andere  Handschrîften  nennen  daneben  den  Euseb*).  —  Ein 
codex  legis  war  es  auch,  der  den  Commodian  zum  Chrîstenthum 
bekehrte,  wie  er  im  Jahre  249  meldet').  Ja,  die  griechische  Ueber- 
âetzuiig  der  Bûcher  Mose  existirte  schon  im  ersten  Jahrhunderte  in 
Codices;  denn  schon  Josephus,  schon  der  Aristeasbrief  reden  hier  Yon 
twx^»  vom  ^Pentateuchos***). 

Die  Bibel,  ab  Buch  des  Cultus  Gegenstand  der  Ehrfiircht,  musste 
mSglichst  lange  gegen  Yerderbung  geschûtzt  werden.  Die  Bibel  als 
tiglich  pflichtmâssige  Lektûre  des  Christen  musste  in  ihrer  Ans- 
stattung  starken  Gebrauch  yertragen.  Die  Bibel  als  nothwendiger 
Besitz  jedes  Gemeindegliedes,  es  sei  auch  des  armsten,  musste  billig 
su  haben  sein.  Das  Beispiel  des  Judenthums,  das  seine  heiligen 
Bûcher  auch  nur  auf  Leder  schrieb,  konnte  und  musste  mit  ein- 
wirken.  Die  bis  hieher  betrachteten  litterarischen  Zeugnisse  wurden 
uns  geradezu  anleiten  zu  der  Folgerung,  dass  die  Eirche  den  canoni- 
sirten  Schriftenschatz,  auf  dem  ihr  Glaube  ruhte  und  der  mit  den 
jQdischen  Bûchem  des  alten  Testamentes  anhob,  Ton  vom  herein  und 
princîpiell  dem  Papyrusbuchwesen  entzogen  habe,  wenn  uns  nicht 
die  bildlichen  Monumente  des  damaligen  Christenthums,  im  Gegen- 
fiatz  hierzu  und  fur  unsere  Betrachtung  wesentlich  ergânzend,  yiel- 
mehr  die  Rollenform  hâufig  und  sogar  haufiger  zu  zeigen  pflegten*). 


fifliy^'^  xtu  âioç&ù>^  nçoç  Ta  (^anla  (OQiytyovç  vn  atmv  dtoçS-ûD^fi'a'  ay^ 
tmriroç  ofÂoXoyifnjç  aynfialiy  na/uff&loç  dêoçd'taaa  ro  Tév^oç  tv  nj  (fvkaxtj, 
dka  T^y  rov  S-iov  nolXtjy  xat  X^Q^^  *"*  nXarvGfAoy. 

1)  VgL  Qardthausen,  Qriech.  Palftogr.  S.  374. 

*)  Mootfaacoo  Pal.  graec.  S.  40;  Zeitschr.  d.  D.  Morgenl.  Ges.III  S.  427; 
Oardtliaaseii  a.  a.  0. 

S)  Commodian,  carm.   apolog.  t.  11:    Adgressusgue  fui   tradita   in  co- 

dke  Ugiê. 

*)  Joseph,  adr.  Apionem  I  8.  Aristeas  ad  Philocratem  (éd.  M.  Schmidt, 
Merx'  ArchiT  f.  Erf.  d.  A.  Test.  I  S.  67):  xttd'tàç  â*  dyéyyoia^ij  rà  Tivxn'»  di««« 
Stelle  mOehte  der  ftlteste  Beleg  f&r  rtu^oç  in  diesem  Sinne  sein. 

^)  Nicht  Tollkommen  sicher  ist,  ob  auch  der  Tier-,  sechs-,  siebenfllltige, 
krititch  darchnotirte  Bibeltext  des  Origenes,  die  sog.  Hexapla,  nrsprflnglieh 
nnr  in  Codiees  erschieaeo  ist.  Freilich  lagen  dem  Hieronymus  t^ttnloi  codices 
Tor  (Epist.  106  Vall.).  Und  wenn  Easeb.  hist.  ecd.  VI  16  das  Werk  ein  corpus 
(amiAÙnoy)  nennt,  denkt  er  gewiss  an  dasselbe.  Doch  abstrahirt  Hieronymus 
anderswo  (De  rir.  ill.  IV»  S.  116)  ron  dieser  Porm,  wenn  er  referirt:  QuM 


10g  —  Das  Fergament.  — 

Hochst  unwahrscheinlich  wâre  es  in  diesen  Darstellungen  etwa  Leder- 
rollen  nach  Art  der  jûdischen  erkennen  zu  wollen^). 

Bibeln  môglichst  billig  herzustellen  und  fur  ibre  massenliafte 
Ausstreuimg  Sorge  zu  tragen,  ist  der  Zweck  unserer  heutigen  Bibel- 
gesellschafteu  ;  damit  ist  die  erwâhnte,  anscheinend  tief  einwirkende 
Thâtigkeit  des  Pamphilus  durchaus  yergleichbar,  der  nicbt  scbrift- 
stellerte,  aber  fur  Herstellung  zablreicher  Bibelcodices  Sorge  tmg, 
die  er  dann  unter  das  Yolk  massenhaft  zur  Yertheilung  kommen 
liess,  so  an  Mânner  wie  Frauen').  Auf  solche  billige,  unscheinbare 
Exemplare  war  nicht  nur  der  Mônch  angewiesen  ;  solche  hielt  sich  der 
geistliche  Beamte  gewiss  noch  in  den  hoheren  Stellungen.  Reichere 
Leute  unter  den  Christen  ûbertrugen  allerdings  ihre  Prunkliebe  anch 
auf  sie  ;  man  wandte  purpiurfarbenes  Pergament  auf,  Goldschiift  und 
kostbare  Steine;  die  geistlichen  Autoren  aber  nehmen  Gelegenbeit) 
dièse  Yerweltlichung  herbe  zu  tadehi').  Solche  Prachtbibeln  sind 
uns  in  Resten  noch  erhalten^). 

Weiter  aber  ist  es  nun  sehr  begreiflich,  dass  das  Beispiel  der 


ignorât  ...  ut  , ,  exceptis  aeptuaginta  interpretibiu  alias  quoque  ediUoneê  m 
unum  vo lumen  congregarit,  Aquilae  scilicet  eqs.  Aach  die  gelegentlich  ab- 
weichende  BenennuDg  TèTQaaik*âoy  statt  TiTÇ€tnka,  ebenso  oxraaéltâoy,  ncynr- 
aéhâby  wQrden  wohl  mehr  fûr  Rollenform  sprechen  :  rgl.  C.  Fr.  Bahrdt,  HexapU 
Orig.  praef.  S.  IV. 

»)  Vgl.  unten  S.  122  Note. 

^)  Hieron.  Apolog.  adv.  Rufinum,  IV  S.  357. 

^)  Hieron.  Epiât.  XVIII  ad  Ëustochiam  IV  2,  S.  43,  wo  besondera  die 
reichen  Frauen  aDgekIagt  werden:  inficiuntur  membranae  colore  purpurea, 
aurum  liquescit  in  Utteras^  gemmis  codices  vestiuMur:  et  nudus  aute  foret 
earum  Ckristus  emoriturl  Ëpist.  107, 12  Vall.  ad  Laetam:  divines  codices  omet, 
in  quibus  non  auri  et  pellis  Babylonicae  vermiculata  pictura^  sed  ad  fidem 
placeat  emendata  et  erudita  distinctio;  vgl.  aach  Praef.  io  Job.  Chrjsostomos 
VIII  S.  188  éd.  Bened.:  on  xqvgoIç  Ï)^h  yçâiu/naaty  fyysyça/uiuiyoy.  Ueberall 
hier  iat  von  der  Bibel  die  Rede. 

^)  S.  das  Yerzeichniss  bei  Wattenbach'  S.  109  fiT.,  anhebend  mit  dem 
Codex  argenteus  des  Ulfilas  und  dem  Wiener  Genesiscodex,  nicht  ûber  das 
sechste  Jahrhundert  hinaufreichend.  Dazu  ist  neuerdings  der  Codex  Rossa- 
nensis  JS  hinzugekommen ,  textiich  verwandt  bes.  mit  dem  Purparcodex  N  bd 
Tischendorf;  seine  Miniaturen  nebst  Facâim.  éd.  Gebhardt  u.  Harnack  Leips. 
1880:  auch  er  ist  sicher  nicht  àlter  als  das  sechste  Jahrhundert. 


—  Der  Codex  im  Gebranch  der  Qeisdichkeit,  der  MOnche.  —       109 

Heiligen  Schiift  allmâhlich  auch  die  Buchform  der  Eirchenschrift- 
atelier  beeinâusste.  Freilich  war  noch  die  ganze  Biblîothek  des 
Origenes  und  Pamphilus  zu  Caesarea,  wie  wir  sahen,  Papyrus^).  Auf 
Papyrus  kaufte  sich  noch  Hieronymus  den  Origenes  um  theures 
6eld*).  Allein  eben  m  des  Hieronymus  Zeit  scheint  die  Buchge- 
wohnheit  der  christlichen  Kirche  Ton  der  classischen  schon  fast 
ginzlich  losgelôst. 

Nehmen  wir  zuerst  die  Geistlichen,  Tor  aUem  das  Mônchthum. 
Das  M5ncht;hum  war  bestimmt,  in  den  barbarischen  Zeiten  des  Mittel- 
alters  durcb  seine  Schreibekunst  die  classische  Litteratur  fur  die 
geistîge  Renaissance  Europa's  und  fur  den  Buchdruck  zu  retten. 
Aber  scbon  in  den  ersten  Jahrhunderten  seines  Bestehens  war  dièse 
Schreibekunst  sein  Besitz,  gehorte  das  Bûcherabschreiben  zu  den 
regelmâssigen  Arbeiten,  die  dem  zuruckgezogenen  und  einformigen 
Leben  der  Mônche  den  Charakter  der  Musse  und  Unthâtigkeit  be- 
nehmen  sollten').  Durch  solch  eigenhândiges  Abschreiben 
wurde  der  Buchkauf  umgangen.  Durch  den  Hândefleiss 
der  Mônche,  der  die  Bibliotheken  der  Geistlichen  be- 
schaffte,  wurde  der  antike  Buchhandel  ignorirt  und  fur 
dièse  Kreise  aufgehoben. 

Nicht  nur,  dass  man  sich  altère  Autoren  wie  den  Tertullian  in 
Codexform  hielt*);  auch  die  Neuedition  nahm  fur  dièse  Kreise 
nothwendig  andere  Gestalt  an. 

Des  Hieronymus  Sensationsschrift  de  conservanda  virgimtate  fand 
in   betheiUgten  Kreisen    die    grôsste  Yerbreitimg:    es  geschah   dies 


1)  Oben  S.  100  f. 

*)  Hieron.  epist.  83  Vall.  {IV  S.  343  Mari.):  Legi,  inçuam^  legi  Origenem^ 
ei  n  in  legendo  crimen  uty  fateor.  Et  nostrvm  marsupiwn  Alexandrinae 
cÂartae  evacuarurU.  8%  miki  creditis^  Origenistes  nunquam  fui;  si  non  creditis^ 
mtne  esse  cessavi, 

')  8o  besch&ftigte  sich  auch  Hieronymus  selbst  im  Eremas  mit  Hand- 
•rbeity  Tor  allem  mit  BQcberabschreiben  (rgl.  Ebert  a.  a.  0.  S.  179).  Bei 
CassiAiiiis  de  eoenobiorum  institatis  Y  39  ist  es  ein  MOncb  ans  Italien,  der 
niehta  anderes  Nfltxliches  rersteht  als  Abschreiben  Ton  Bûcbem.  Die  Pseado- 
philonische  Schrift  De  yita  contemplatÎTa  erw&hnt  dièse  Th&tigkeit  auch  ftlr 
die  Therapenten. 

*)  Hieron.  Epist.  Y  Yall. 


WQ  —  Das  Pergament.  — 

aber  nicht  durch  Buchhandel,  sondem  jeder  schrieb  aie  sich  sdbrt 
ab  ^).  So  nimmt  sich  Hieronymus  Copie  von  einem  Buch  des  Hila- 
rius')  iind  schâtzt  sich  glûcklicb,  ein  Origenesexexnplar  Ton  der  Hand 
des  Pamphilus  zu  besitzen').  Hatte  man  selbst  nicht  Zeit,  so  lieu 
man  die  Abschrifb  durch  seinen  librarius  ausfûhren^),  fiills  man  sich 
solchen  hielt*).  Aeussert  ein  Anderer  den  Wunsch  des  Autors  Werira 
zu  besitzen,  so  entleiht  sie  der  Autor  zur  Abschriffc  an  die  librarii 
des  Petenten*).  Ein  Buch,  das  unter  des  Pamphilus  Namen  Yer- 
breitung  gefunden  hatte,  war,  wie  Hieronymus  behauptete,  yon  Rnfin 
gefâlscht:  das  Original  stehe  in  codice  Rufini  und  die  Yerbreitoog 
sei  durch  direkte  Abschrifb  aus  diesem  Codex  geschehen^. 

Denn  die  pugiUares  membranei,  die  herkômmlichen  Trâger  jeder 
priyaten  Schreiberei,  wurden  eben  auch  zu  solchen  PriTatcopien 
kirchlicher  Schriftwerke  £ast  ausschliesslich  in  Dienst  genommen. 
Rufin  sendet  seine  Schrifb  gegen  Hieronymus  seinem  Gegner  ab 
Codex  zu").  Des  Hieronymus  Buch  de  scriptoribus  eeeUsiasUcû  ist 
als  Codex  in  Augustin's  Hânden").     Als  besonderer  Codex  wird  des- 


^)  Rufin  bei  Hieron.  éd.  Mari.  IV  S.  412:  quem  libeilum  omnes  pagm 
et  immici  Dei  . .  certaUm  sihi  de^cribebant. 

>)  Hieron.  Epist.  ad  Flor.,  IV  2,  6. 

»)  Hieron.  IV  S.  121. 

«)  Hieron.  Epist.  ad  Flor.,  IV  2,  6. 

^)  Hieronymus  hat  seine  eigenen  notarii  nnd  librarii  (rgL  dessen  Praet 
ad  libr.  Salom.);  Origenes,  selbst  lu  arm,  liess  sich  sieben  notarii  and  tieben 
librarii  rom  Ambrosius  stellen  (vgl.  Epist.  43  Vall.  ad  Karcellam). 

^)  Hier.  Ep.  71  Vall.  ad  Lucinium  (nîcbt  sicher  ecbt):    0pu9cvla  mea 

quae desiderare  te  dicisy  ad  describendum  haminibus  tuis  dedi  et  deêcnpta 

vidi  in  chartaceis  codicibus*  Vgl.  Ep.  75,  4  ûber  denselben  Ludnias  :  opusada 
nostra  fiagitavit  et  missis  sex  notariiê  (quia  in  hoc  provincia  latim  sermonii 
Bcriptorum  penuria  est)  describi  sibi  fecit  eqs. 

^)  Hieron.  IV  S.  419:  sicut  ego  ostendo  me  ah  his  accepisse  librum  (§€. 
Pamphili)  ^t  de  tuo  codice  transscripserunt^  sic  tu  doce  a  quo  exempiar  acce- 
péris,  Vgl.  Epist.  124  Vall.  ûber  die  OrigenesûbersetEung,  die  Pammachiot 
als  irrgl&ubig  surQckhieIt:  ein  Uebelwollender,  ^ut  acceperat  légendes  (se  Ubras), 
adhibitis  notariis  opus  omne  descripsit  et  tnulto  celerius  quam  promiserat  codieem 
reddidit  eqs. 

^)  Hier.  adr.  Rufinum  III  init.:  gratis  a  me  missum  acc^e  codieem, 

9)  Hier.  Epist.  67  Vall. 


—  Der  Codex  im  Gebrauch  der  Qeistlichkeit.  —  X 1 1 

selben  Uebersetzung  der  yier  Evangelien  dem  Damasus,  wird  Rufin^s 
Uebersetzung  der  Origenesschrift  neçï  açx^y  der  Nachwelt  ûber- 
geben^).  Auch  Optatian  scheint  sein  Lobgedicht  auf  den  Constantin 
dem  Sjûser  im  Jahre  329  als  Prachtcodex  zu  ûbersenden^). 

In  allen  diesen  Fâllen  findet  ein  Zusenden  (mittere)  der  Werke 
statt  ohne  Beihûlfe  des  Bibliopolen.  Der  Autor  selbst  ist  es,  der 
allein  bestimmt,  in  wessen  Hânde  Abschriften  seines  Werkes  gelangen 
sollen'),  er  selbst  trâgt  die  Kosten  der  Herstellung^),  scheint  ûbrigens 
abex   auch   Exemplare   kâuflich   abzugeben').     Dass   dagegen    auch 


^)  Rufin  beschwGrt  um  Schluss  seiner  praefatio  za  diesem  Werk  die  zu- 
kflnfUgen  Abschreiber:  ne  guis  addat  aliquid  huic  scripturae  . . . .,  sed  conférât 
cum  exemplaribuê  unde  scripserit  . . .  et  inemendatum  vel  non  distinctum  codi- 
eem  non  haèeat. 

>)  VgL  die  Verse: 

Ottro  tota  nitena,  argento  aoroque  oonueii 
Seripta  notU,  pioto  limite  dicta  notan«. 
Hieronjmas  Chron.  ad  a.  Abr.  2345  nennt  das  Werk  voltmen. 

')  Dièse  wicbtîge  Thatsache,  die  dem  antiken  Usas  widerspricht,  iUustrirt 
wiedenun  Rafin.  Rufin's  Streitschrift  gegen  Hieronymus  bat  weite  Verbreitung 
in  Bom,  Italien,  den  Dalmatischen  Insein  gefunden.  Dies  macbt  Hieronymus 
dem  Bafin  persOnlich  zum  Yorworf.  Bafin  selbst  behauptet  dagegen  entscbul- 
digend,  er  habe  Exemplare  der  Scbrift  nar  denjenigen  zugestellt,  die  scbon 
ohnedem  Gegner  des  Hieronjmas  waren.  Ygl.  Hieron.  adr.  Ruf.  III  init.  : 
Diciê  te  accusaHonem  meam  ad  eos  tantum  tnisisse  qui  meis  ver  bis  laeH /itérant 
et  non  ad plures ..,.  Et  unde^  oro  te,  librorum  tuorum  ad  me  fama pervenitf 
Quiê  eoê  Rotnae^  guis  in  ItaUa^  quis  per  Dalmatiae  insidas  disaeminavitf 
Ausserdem  bat  Bafin  noch  durcb  Yorlesang  fur  die  Verbreitung  gesorgt:  Id- 
drcone  Céréales  et  Anabasii  tui  per  diversas  provincias  cucurremnt  ut  laudes 
meoê  léger entf  ut  panegyricum  tuum  per  angulos  et  plateas  ac  muliercularum 
textrinaê  recitarentf 

*)  Hieronymus  bat  einige  Homilien  des  Origenes  flber  das  Canticam  Can- 
tkomm  flbersetzt  nnd  schreibt  dazu  einleitend:  die  grOsseren  Werke  des  Ori- 
genee  seien  swar  noch  bedeutender,  er  unternebme  aber  keine  Uebersetzung 
derselben,  weil  es  ihm  sa  riel  Zeit,  zu  yiel  MQbe  und  zu  riel  Geld  kosten 
wftrde:  guia  ingentis  est  otii^  laboris  et  sumptuuniy  tantas  res  tamque  dignum 
opuê  in  kUinum  trans/erre  sermanem. 

*)  So  sagt  Bufin  ironisch,  Hieronymus  wftrde  sicb  den  Codex  der  Bufi- 
nisehen  Inrektiren  gem  um  hoben  Preis  ers  tan  den  baben:  guem  cenm  magno 
cuperes  comparatum  (bei  Hieron.  IV  S.  439);  und  Hieronymus  flber  die  ge- 
iUschte  PampbilosBchrifi  r&th  dem  F&lscher  Bufin  (ebenda  S.  447)  :  in  platea 
ab  ignoto  homine  te  émisse  dicito. 


112  —  ^*"  Pergament.  — 

geistliche  Werke  nach  antiker  Weise  durch  Bibliopolen  publiait 
wurden,  dafur  ist  des  Seyerus  Yita  S.  Martini  ^)  ein  sicheres  BeiapieL 
Ebenso  lâsst  sich  nicht  wegdeuten,  dass  auch  des  Hieronymus  Com- 
mentare  wirklich  fur  Buchrollenform  bestimint  waren  *).  Hieronymns, 
im  Alter  auf  seine  gesammte  Scbriftsteilerei  zurûckblickend,  neimt 
sie  in  bescheidener  Wendung  chartulas*),  Auch  sonst  setzt  er  dw 
Buchrolle  gelegentlich  voraus^).  Jenes  ^Zusenden^,  das  in  der 
schlichten  Pergamentbuchform  der  Bibel  geschah,  wird  also  hiermeh 
lediglich  Privatmittheilung  des  Geistlichen  an  den  Geistlichen 
gewesen  sein.  Und  dayon  unterscbied  sich  auch  noch  damais  dis 
eigentliche   ^Ediren*'*),  durch  das  man  sich   mittelst  Yertrieb  des 


')  Vgl.  obeo  S.  103. 

')  Vor  Allem:  nur  so  Usst  sich  erkl&ren,  wu  Hieronymas  sagt  ProL 
comment.  Ezechiel  libri  Y:  Ne  librortttn  numerus  can/undatur  et  per  kmgti 
temporum  spatia  divisarum  inter  se  voluminum  ordo  vUietur^  praefaJtiuhcuItti 
singuUs  libris  prcuposui:  ut  ex  fronte  titulis  statim  kctor  agnoscat  qvotiu 
siài  liber  legendus  et  guae  nobis  prophetia  explananda  sit,  Ebendafùr  spridit 
auch  Beîne  Schrift  adv.  Pelagianos,  die  er  als  ein  Buch  abgefasst  bat;  aie  iit 
erst  nachtrSglich  in  drei  BQcher  serlegt  (unten  Kap.  IV). 

')  Hier.  Ëpist.  133,  12  Yall.  provoco  adveraarios  ut  omnes  rétro  chartMlat 
ex  integro  discutiant  (gemeint  sind  die  diversa  apuscula^  die  er  ab  adoleteentia 
usque  ad  hanc  aetatem  geschrîeben)  et  si  quid  . . .  vitU  repererint ,  profertmt 
in  médium.  Codices  chartacei  kamen  wohl  nicht  h&nfig  genng  in  Anwendnng,  ali 
dass  hier  an  sie  gedacht  sein  kOnnte.  Uebrigens  sagt  auch  Angoatin,  ali  er 
ein  Werk  Tollendet  hat,  er  kOnne  es  nnr  Eusenden,  si  charta  intérim  no»  de- 
fecerit  (Aug.  Epist.  15,  II  19  éd.  Maur.). 

*)  Eine  Rolle  war  der  brevis  libellus^  welchen  Hieronymas  dem  altea 
Nepotianus  presbyter  auf  rieles  Bitten  geschrieben  batte.  Uns  wird  gresehîldert, 
wie  der  Empfllnger  darin  liest,  ûber  dem  Lesen  einschl&ft  und  wie  ^1^*»» 
das  gelesene  Blatt  herabf&llt  ûber  seine  Brust:  quo  (Hbelio  se.)  stiscepto  Croesi 
opes  , , ,  se  vicisse  iactabat.  Ulum  oculis^  illum  manibus^  iihtm  «mtc,  iilwm  are 
tenebat.  Cumque  in  stratu  fréquenter  evolveret,  saepe  super  pectus  soporati 
dulcis  pagina  decidebat  eqs.  (Hier,  epist.  60,  11  Vall.).  Wenn  wir  lesen:  die 
Terstorbene  Fabiola  kleide  sich  in  die  priesterliche  Umbûllung  eines  Bâches 
des  Hieronymus  (ut  sacerdotalibus  prions  ad  se  tx>luminis  induta  vestUms  . . . 
gaudeat,  Epist.  77,  7  Vall.),  so  war  auch  hier  eine  Rolle  Torgestellt. 

^)  Vgl.  Kap.  VII.  Augustin  bei  Hieron.  Epist.  144  ValL  wagt  nidit,  seÔM 
Traktate  EinEelnen  zususchicken  oder  eu  ediren  :  cuiquam  debere  me  tam  mùtere 
vel  edere  non  videtur;  hier  scheint  edere  ron  mittere  unterschieden. 


—  Die  Fro£uilitteratiir  im  Codez  i.  d.  zweiten  H&lfte  des  8.  Jhds.  —    1X3 

Yerlegers  an  das  weite  Laîenpublikum  wendete.  Sonet  wurden 
die  Laien  auch  durch  Yorlesen  Yon  den  Streitschriften  in  Eenntniss 
gesetzt  (Tgl.  S.  111  N.  3iin.). 

Gleichzeitig  batte  aber  auch  auf  dem  nichtcbristlichen  Litteratur- 
gebiet  der  Codex  nicht  unbedeutende  Fortschritte  gemacht,  wenn  er 
hier  auch  noch  anscheinend  weniger  fur  Neueditionen  als  fur  die 
slten,  allgelesenen  Autoren,  wie  Cicero  oder  Homer,  in  Anwendung 
kam.  Die  Erfindung  der  Goldschrift  und  des  Purpurpergaments,  die 
ihin  den  Charakter  des  Dûrffcîgen  benahm  und  dem  Luxustrieb  Tollauf 
Genûge  tiiat,  empfahl  ihn  auch  den  Yomehmsten  Eoreisen.  Gegen 
das  £nde  des  dritten  Jahrhunderts  erhalten  wir  in  die  kaiserliche 
Hansbibliothek  selbst  Einblick^)  und  fin  den  daselbst  neben  den 
gewôhnlichen  h'bri  und  von  ihnen  unterschieden  auch  Codices,  und 
xwar  schon  alte  Codices  Tor,  fur  deren  Emeuerung  eine  prachtyollere 
Ausstattung  in  Frage  kam').  Einen  solchen  geschmûckten  perga- 
mentnen  Homer  sollte  der  jûngere  Maximin  als  Enabe  auf  der  Schule 


^)  YgL  Acherius,  Spicilegium  III  S.  297  ff.  éd.  altéra.  Es  ist  dies  das 
Schreiben  eines  Bischofs  Theonas  an  einen  hohen  Hofbeamten  Lukian,  das  fftr 
die  Terschiedenen  christlichen  Hofbeamten  des  nicht  christlicben  Kaisers  Yer- 
lialkiiiigsmassregeln  giebt.  Befremdlicb  ist  an  diesem  rerstreut  erhaltenen 
Schriftatflck  (Acherius  empfing  das  Original  Ton  Pascbasius  Quesnel)  nicht  nor, 
dass  Absender  und  Adressât  nicht  n&her  bekannt  sind,  sondem  anch,  dass 
beî  den  mancherlei  Personalien,  die  es  berûhrt,  jede  Namennennnng  fehlt, 
eodass  nicht  sicher  tu  errathen  ist,  welcher  Kaiser  gemeint  sei.  Der  Editor 
rath  auf  Diocletian,  u.  sw.  Tor  seiner  Christenrerfolgung  (303). 

*)  Inhalt  der  Bibliothek  sind  Dichter,  Historiker,  Bedner,  Philosophen, 
Aber  auch  christliche  Bflcher.  Ihr  sukflnfUger  christlicher  Yerwalter  (denn 
noch  fehlt  ein  solcher)  soll  sich  durch  gute  Yerwaltung  ausseichnen:  Sciât 
ergo  iUe  libres  omnes  quos  Princeps  habuerit;  saepe  libros  revolvat  et  suo  or- 
àine  per  indicem  pulchre  dispanat;  ai  vero  ruwos  velveUres  trarucribi  curabit, 
Mtudeai  emendatiêsimos  habere  librctrios,  quod  si  fieri  non  potesty  viros  dodos 
ad  emendandum  disponat  illisque  pro  laboribus  iuste  satis/aciat.  Yon  diesen 
Ubri^  die  geordnet  und  durch  Abschriften  rermehrt  oder  emeuert  werden 
ioUen,  werden  sodann  die  Codices  unterschieden.  Veteres  item  codices  pro 
indigentia  resarciri  procuret  ometque  non  tantum  ad  superstitiosos  sumptas 
quantum  ad  utile  omamentum:  itaçue  scribi  in  purpureis  membranis  et  litteris 
aureis  totos  codices,  nisi  specicUiter  Princeps  demandaverit,  non  qfectet,  Ebenso 
wie  die  libri  reteres,  gilt  es  also  auch  die  codices  reteres  zu  „emeuem^  ;  denn 
dies  und  nidit  etwa  ^ausbessem^  ist  mit  resarcire  gemeint. 

Birt,  Bnchwssen.  8 


114  —  ^'^  Fergmmeni.  — 

benutzt  haben^).  Gegen  Ende  desselben  dritten  Jahrhunderts  ordnete 
P,orphyrîo8  den  Nacblass  des  Plotin  und  £and  znnachst  nSthig,  uch 
alter  Weise  die  54  Bûcher  (meist  Monobibla)  ungleichen  Umfanges 
zu  Gruppen  bestiminter  Rollenzahl  (Enneaden)  zusaxnmemznordiieD, 
ausserdem  vertheilte  er  sie  aber  noch  auf  drei  (f»[kcitêa,  deren  entes 
aus  27,  das  zweite  aus  18,  das  letzte  aus  9  Rollen  bestand.  Dûifm 
wir  tîêùfkâtwy  schon  hier  mit  Codex  fibersetzen'),  so  scheint  des 
Forphyrios  doppeltes  Yerfahren  gerade  den  Uebergang  Ton  Rolle 
und  capsa')  zum  Codex  zu  reprâsendren.  Ein  Homeicodex  scheint 
auch  in  der  Ausonischen  Perioche  als  Yorlage  Toransgesetst^. 
Servius,  der  Commentator  Yergii's,  lebend  um  400*},  bemft  sich  Ter* 
hâltnissmâssig  selten  auf  Handschriften  und  ihre  Yarianten  ;  wenn  er 
Yarianten  anfuhrt,  so  hat  er  die  Handschriften  nicht  selbst  Tergiichen; 
Yon  den  Beispielen,  die  dies  erweisen*),  weichen  nun  aber  drei 
wesentlich  ab,  in  denen  er  sich  auf  „alte  Codices^  beruft,  die  et 
selbst  gesehen  zu  haben  scheint:  zu  Aen.  III  40  vêtus  codex  „audUits*; 
zu  YII  568  antiqui  codices  „horrendus*' ;  zu  Y  871  m  non  nuUis  anti- 
qms  codicibus  sexti  initium  est  „obvertunt  pelage*'.  Yergil  hat  also 
damais  schon  haufig  in  dieser  Form  Torgelegen^. 

Yiel  allgemeiner,  ja,  anscheinend  ganz  ausschliesslich  sehenwir 


*)  Jul.  Copitolinasy  Maxim,  c  4:  Cmn  grammatico  daretur^  çuaedam  pa- 
rens  sua  lUtros  Homericos  omnes  purpureos  dédit,  aureis  litteris  scr^ptoi. 

*)  Vgl.  oben  S.  39  Note. 

')  Vgl.  S.  33  ff.  flber  die  ffvrâÇfêç,  Fentaden,  Dekaden  vu  a. 

^)  Wenn  es  daselbst  flber  die  Ilias  heisst:  Haec  eius  species  (nimlicb 
IJomerum  orsum  ab  iracundia  AcMllis  ad  êepuUuram  Hectoris  XXIV  libroê 
contexuiêêe)  apparet  summatn  cutem  primi  operis  intuerUi^  so  moss  doch  cuti» 
Ton  Fergament  gesagt  sein. 

^}  Vgl  zuleUt  Thilo,  praef.  sa  Serrios  (1881)  S.  LXXI. 

^)  Serrios  sagrt  IX  369  ^regis*'  dicitur  inventum;  lY  348:  quidam  in 
novis  (!)  et  emendatis  libris  . , .  ^demeret^  inventum  asserunt;  III  204: 
hi  versus  circumducti  inventi  dicuntur;  III  157:  hic  versus  variasse  dicitur; 
II  775:  hic  versus  in  plerisque  dicitur  non  fuisse.  Dies  dicitur  fehlt  nor 
m  153  (m  multis  non  invenitur),  III  226  (circumductus  est),  XI  142  (muita 
exemplaria);  rgl.  Ribbeck,  Frolegg.  Yerg.  S.  189. 

^)  Der  Codex  hielt  sich  riel  l&nger  als  die  FapyrusroUe  (rgL  nnten 
Kap.  VII);  Vergilcodices  konnten  daher  viel  leichter  f&r  „alt"  ausgegeben  werden, 
als  Rollen. 


—  Erste  Bibliothek  der  Profanlitteratur  in  Codices.  —  X15 

s<dche  Exemplare  aber  bei  eioem  Mann  der  £irche  wîe  Hieronymus 

im  Grebrauch.   £r  ist  der  erste,  der  uns  fur  eine  ganze  Bibliothek 

heidnischer  Werke  in  Godices  ein  Beispiel  liefert.  Hieronymus,  der 

belesenste  Mann  seiner  Zeit,  verdankte  diesen  Yorzug  seinen  Jugend- 

stadien,  seiner  intensiyen  Neigung  fur  die  heidnisch-classische  Litte- 

ratur:  er  war  halb  Ghristianus,  halb  Ciceronianus.     Als  er  Haus  und 

Famille  yerliess,  nach  Jérusalem  zu  ziehen,  konnte  er  es  nicht  lassen, 

so  erz&hlt  er^),  seine  Bibliothek  mitzunehmen,  die  er  sich  selbst  zu 

Rom  mit  grosser  Mûhe   angefertigt  hatte^).     Plautus')  befand 

sich  daronter  imd  Tuliius.    Als  ihm  aber  darauf  die  strafende  Stimme 

Christi  erscheint  und  er  den  Yorwurf  vemimmt  :  Ciceronianus  es,  non 

CknetianuSy  da  exclamirt  der  geângstigte  Siînder  :  Domine,  si  unquam 

kabuero  codices  saeculares,  si  léger o,  te  negavi.    In  jener  selbstgefer- 

tîglen  Bibliothek  fehlte  also  die  PapyrusroUe.     Auch  Rufin   redet 

dem  entsprechend  vom  codex  Ciceronis*),    £in  christlicher  Hymnus, 

dem  Paulinus  zugeschrieben,  doch  zweifelhafter  Echtheit^),  hebt  an: 

Lqx  festa  sacria  Tult  litari  pagiois. 
Remore  profanos  codices. 

Das  Ghristenthum  war  die  Religion  der  Armen  gewesen,  und 
seine  Kirche  ruhte  noch  inmier  Yomehmlich  auf  den  geringeren 
Schichten  der  Bevôlkerung.  Auch  da  Yomehmheit  und  Reichthum 
sich  zu  ihr  bekannten,  hat  sie  diesen  Charakter  principiell  gewahrt. 
Codex  imd  Piyatabschrift,  die  der  kleine  Mann  fur  sich  im  ersten 
Jahrhundert  erfonden,  sind  besonders  gerade  Yon  den  chnstlichen 
Kreisen  nicht  nur  adoptirt,  sondem  auch  beibehalten  worden.  Das 
Volk  erhielt  seine  Bibel  in  dieser  Form;  der  Monch,  der  Priester, 


')  Hier.  Epiât.  22,  30  Vall.;  die  En&hlang  der  Vision  wiederholt  Rufin 
bei  Hieron.  IV  S.  414  und  419  M.,  wo  es  heisst:  hic  est  qui  Ckristo  dixit:  te 
negaci  tt  vel  habuero  gentUium  codices. 

*)  bibUotheca^  quota  mihi  Romae  summo  siwUo  ac  labore  con/eceram^ 
earere  omnino  non  poteram, 

*)  Die  handschrifUiche  Variante  Piato  ist  gewiss  nnrichtig. 

')  Bafin  adr.  Hier.,  bei  Hier.  IV  S.  416:  in  ilh  ergo  libello  .  .  .  capita 
ùUegra  dictota  ex  codice  Ciceronis  insentit. 

»)  Bartb  Adrersar.  XXXIV  1.    Migne  tom.  LXI  S.  774.    Riese,  Anthol. 

lat.  N.  928. 

8* 


IIQ  —  Das  Pergament  — 

der  Bischof  selbst  zog  es  vor  als  niytjç  Tunaidsvikévoç  in  ihr  seine 
Lektûre  zu  suchen,  in  ihr  weiterhin  sogar  seine  Publikationen  Tor- 
zunelmien.  Das  Gluck  wollte,  dass  die  bescheidenere  Foim  zngleieh 
die  dauemd  praktischere  war.  £s  bat  einen  sachlicben  Znsammen- 
hang,  dass  mit  der  Stârkimg  der  christlichen  Litteratur  und  mit  der 
AusbilduDg  des  Monchthums  gerade  im  yierten  Jahrhundert  der 
Codex  so  sehr  an  Boden  gewann.  Dem  Gedankentrâger  der  Tor- 
cbristlicben  Jahrtausende,  der  Papyrusrolle,  wurde  so  die  Zukunfl 
fur  immer  entzogen. 

Charakteristisch  fur  die  Yerânderung,  die  in  Buchwesen  lud 
-terminologie  Yor  sich  gegangen  war,  ist  beilâufig  die  yerscbiedene 
Art,  gewisse  Textstellen  wie  beim  Jesaias  Vlil  1  griecbisch  wieder- 
zugeben.  Die  Worte  des  Herm  an  den  Jesaias  sind  hier:  hifiê 
(fsaVTÛ  TÔfjkOP  xa^vov  fA€ydXov  xaP  ygâipop  etç  avtày  yQatfiâi 
av&Qùimtv,  So,  rofAOV,  schrieben  die  Septuaginta;  Theodotion  setzte 
dafur  âKp&éQiûfAa  ein,  was  auch  die  Rolle  aus  Leder  bezeichnen 
kann,  Symmachus  hingegen  Tsixoç^)»  Und  abermals  im  Psahn  39,  8 
gaben  die  Septuaginta  iv  xstpaXid^  fit^Xiov,  Andere  lasen  ^i'  tôftn, 
noch  Aquila  iv  sll^fMxu  nm  die  Mitte  des  zweiten  Jahrhunderts, 
Symmachus  aber  setzte  ein:  iv  %A  xstyjiuBi  toi  OQKfftov  (fov. 

Der  Bibelcodex,  weil  eine  Série  Yon  Buchrollen  in  ihm  Anfnahme 
fand,  wurde  bildlich  auch  ^Bibliothek*' ')  genannt;  ganz  ebenso  hiess 
nun  auch  der  Codex,  weil  er  die  zusammengehorigen  RoUen  eines 
armarium  zusammenfasste,  bildlich  Tsixoç*)»  Dièse  Tsvxfj  wareii 
oftmals  geringen  Umfangs  wie  die  Yorhin  aufgefuhrten  des  Rufin, 
Hieronymus  imd  Optatian.  Dasjenige  des  Pamphilus,  dessen  Sub- 
scriptio  wir  noch  im  Sinaiticus  besitzen,  umfasste  nur  die  sieben 
Biicher  Yon   denen  der  Konige   ab    bis    zum  Buch  Esther^).     Yon 


^)  Aquila  Bchrieb  xsfakiâa  /uiyaktjy  nach  Psalm  39,  8. 

^)  So  suerst  Hieron.  ep.  5  Vall.,  ygl.  die  ûbrigen  Nachweise  bel  Watten- 
bach  a.  a.  0.  S.  125  fiP. 

')  Ygl.  oben  S.  93.  Hesych  nv/oç'  fitfikiov,  Moeris  S.  371:  nvxoç  n 
àyytlov,    t6  âè  fiifiUov  Xtyovaty  "Ekkfjyiç. 

^)  Ygl.  oben  S.  106.  Wieviel  in  den  Bibelcodices  enihalten  war,  die 
Hieronymus  benutzte,  sehe  ich  nirgend  angedeutet.  Er  sagt  einmal  adv.  Hel- 
vidium,  lY^  S.  141:  wenn  Helyidius  den  ûbrigen  Inhalt  der  neutestamentlicben 


—  Qeringer  Inhalt  yieler  Codioes.  —  WJ 

Gregor  dem  Grossen  erfahren  wir,  dass  er  seine  Moralîa  zugleicb  auf 
35  Bûcher  und  auf  6  Codices  disponirte^):  ebenso  scheint  es  schon 
des  Theodosius  Zeitgenosse  Cyrill  gemacht  zu  haben,  dessen  20  TOfjkOi 
gegen  Julian  auf  yier  Codices  (fitfiUa)  zu  je  fuuf  t6(mi  vertheilt 
waren');  die  TUtyrodarr^  Unoçia  des  Phavorinus  in  24  Bûchem  ver- 
theilte  man  auf  vier  Codices  zu  je  sechsen').  Das  tsvxoç  ist  hier 
also  als  Theil  des  .Gesammtwerkes  genau  an  die  Stelle  jener  (Wy~ 
TttYlkccta  Yon  ebenmassiger  Rollenzahl  getreten,  in  die  frûher  ein 
Werk  zerfallen  war*)  und  die  im  àrmarium  raumliche  Einheit  ge- 
fiinden  hatten. 

Finden  wir  nun  die  funf  Bûcher  Mose^s  als  ^Pentateuchos^  be- 
zeichnet'),  so  ist  es  unumganglich  anzunehmen,  dass  jedes  dieser 
Bûcher  in  einem  besondereu  Codex  zu  stehen  pflegte,  so  wie  Sophro- 
nius  auch  jedes  der  Eyangelien  als  ein  besonderes  rct^oç  rechnet*). 
Und  nicht  anders  sind  die  analogen  Namen,  wie  Octateuchos'')  und 
Heptateuchos  ^)  ihrem  Ursprunge  nach  zu  erklâren"). 


Codices  tHr  nnecht  halte,  so  wUrde  sich  in  dem  Codex  des  Echten,  an  den  er 
noeh  glanbe,  doch  wenigstens  das  Johanneserangelium  befinden:  ac  ne  fùrte 
de  exemplarwrum  verikUe  causeris^  çma  Hbi  staltissime  persuasisH  graecos 
codicts  esse  fakatos^  ad  Johcmnis  evangelium  provoco  . . .  certe  hoc  in  tuo  co- 
dice  conHnetur,  Dass  indess  das  ganse  neue  Testament  hier  einen  Codez 
bOdet,  ist  nicht  nothwendig  zu  folgern. 

^)  Vgl.  dessen  Brief  an  Leander,  Bischof  von  Seyilla.  Ebert  a.  a.  O. 
S.  623. 

^  Vgl.  hierûber  Neumann,  Juliani  libr.  contra  christianos  S.  38  £r.,  wo 
diase  in  der  Ueberlieferung  vorliegende  and  schon  im  Jahr  680  erw&hnte  Ver- 
theilang  mit  Wahrscheinlichkeit  auf  den  Autor  selbst  znrflckgefûhrt  wird. 

*)  Vgl.  Marressy  de  Favorino  Arelatensi  Uetrecht  1853.  Nietssche,  Rhein. 
Mus.  XXni  649  f. 

«)  Vgl.  oben  S.  34  f. 

^)  Der  Name  17  mymnvxoç  (erg&nze  ffvyyçatf^if)  saerst  bei  Josephos;  TgL 
Origenes  in  Joann.  Tom.  XIII  c.  26;  Tertnllian  adr.  Marc.  I  10;  hemach 
bei  Hieronymns  a.  a. 

^  Sophron.  de  quattnor  Evangelistis  :  ayayyohç  yàq  Mard-aiov  Môçxov 
xai  ^ov2câ  rà  Tiv/fj. 

^)  'OcTttt^ç  iy  TJ  intyQaffo/Ltiyfi  ôxnvTCt;/^  bei  Euseb.  praep.  ev.  I  fin. 

«)  Sidonius  Apoliin.  Epist.  V  15.     Vgl.  Wattenbach  a.  a.  0.  S.  126. 

*)  VgL  oben  S.  43  das  Qber  ftoyôfitfiXoç,  nêyiâfitfiXoç  Gesagte. 


11g  —  Dfts  Pergament.  — 

£in  Codez  minimalen  Umfanges  ist  beispielsweise  auch  fur  den 
Epigrammaton  liber  des  Afrikaners  Luxorius  (Anfang  des  6.  Jaluv 
hunderts)  vorauszusetzen,  der  als  ein  parvus  Ubellus  etwa  700  Zeilen 
h&lt,  aber  selbstandig  und  nicht  als  Theil  einer  Sammelhandscbiift 
in  die  Hâuser  der  nobiles  und  zu  den  scrinia  publiea  fori  ponq>oti 
wandert,  wenn  man  hier  nicht  noch  an  eine  Rolle  denken  wiU;  zu- 
gleich  lemen  wir  auch  den  Yerleger  des  Luxorius  kennen,  der  die 
Publikation  besorgt^).  Auch  konnen  wir  fur  dièse  spâten  Jahrhim- 
derte  dasselbe  constatiren,  was  in  der  classischen  Zeit  nicht  selten 
Yorkam,  dass  grôssere  Werke  nicht  sogleich  als  Ganzes,  sonden 
stûckweise  in  kleinen  Theilen  in  das  Publikum  ausgegeben  wurden; 
auch  hier  ist  es  sehr  zweifelhaft,  ob  noch  an  Rollenform  gedacht 
werden  darf*). 

Ueberblicken  wir  endlich  die  âltesten  Pergamenthandschriften, 
die  uns  erhalten  sind,  so  dienen  sie  dem  bisher  Ausgefuhrten  TolUaf 
zur  Bestâtigung.  Es  giebt  unter  ihnen  nach  der  Schâtzung  der  be- 
sonnensten  und  kundigsten  Urtheiler  nicht  eine,  die  sich  mit  einiger 


1)  Luxorius  in  Riese's  Anth.  lat  N.  289.  Die  Edition  des  BOeblmiis 
geht  80  Tor  sich:  der  Dichter  stellt  seine  Gedichtcfaen  in  ein  Buch  EnsammeB 
(  Versus  ex  variis  locis  deductos  in  parvum  Ubi  conditos  Ubellum  N.  287  r.  6  C), 
schickt  sie  so  an  seinen  Freund  Faustus;  Fmustus  soll  ûber  den  Werth  est- 
scheiden,  und  entweder  einzelne  auswfthlen  und  gesondert  nur  an  die  n&heren 
Bekannten  rertheilen  (si  libehit,  Discretos  titulis,  quibus  tenenhtr^  Per  nattri 
similes  dato  sodales);  gelangt  das  Buch  dagegen  in  die  Il&nde  der  Gelehrten 
und  Vornehmen,  d.  h.  ofTenbar,  wird  es  fôrmlich  edirt,  so  soll  Faustus  dafftr 
die  Verantwortung  mittragen  und  als  Socius  mit  auf  dem  Titel  stehen  (it 
doctiloquis  nimisgue  magnis  Ilaec  tu  credideris  viris  legenda^  Culpae  nos  socm 
notabit  index  :  Tarn  te^  talia  qui  bonis  recenses,  Quam  me  eqs.).  Offenbar  war 
Faustus  der  Yerleger. 

')  Dies  gilt  Ton  den  22  BQchern  der  Civitas  dei,  deren  drei  erste  zuerst 
allein  Ton  Augustin  edirt  und  Ton  Vielen  gelesen  wurden  (Tgl.  Augustin.  Gt. 
dei  V  26:  très  priores  eu  m  edidissem  et  in  multorum  moaiib^is  esse  coepissent)* 
So  erschienen  die  Tierundswanzig  Collaiiones  patrwn  des  Cassianus  nach  eio- 
ander  zu  drei  Abtheilungen,  und  das  Vorwort  der  zweiten  Terspricht  die  dritte 
erst  als  zukQnfUg  {emittenda;  Tgl.  Ëbert  a.  a.  G.  I  S.  336).  Die  neun  Bûcher 
der  Briefe  des  ApoUinaris  Sidonius  erschienen  ebenso,  zun&chst  die  drei  ersten, 
hernach  die  folgenden  zum  Theil  einzeln  (Tgl.  TeufFel  RCm.  Litter.  Gesch. 
§  460,  6).  Von  den  drei  Bûchern  des  Dracontius  De  deo  existirte  das  erste 
(tou  y.  116  ab)  auch  séparât  publicirt  (Tgl.  Ebert  a.  a.  0.  S.  375). 


—  Die  àltesten  erhaltenen  Codices.  —  1X9 

Sicherheit  fruher  ab  in  das  vierte  Jahrhundert  setzen  liesse.  Fur  keine 
Pergamentbandschrifk  lâsst  sich  Niederschrift  im  dritten^),  dagegen 
sof^eich  fur  eine  ganze  Reihe  Niederschrift  im  vierten  erweisen. 
Daas  dies  Zufall  sei,  ist  nicht  denkbar.  Die  Bibliotheken  der 
Kl ô 8 ter  sind  es,  von  denen  wir  dièse  Handschriften  empfaagen, 
imd  eben  die  Z«it  der  Ausbildung  des  Elosterwesens  und  Mônch- 
ihiims  bildet  die  Grenzmarke,  von  der  ab  dies  Pergamentbuchwesen 
eigentlich  anhebt  Nicht  fruher  sind  die  lateinischen  Bibeln^),  nicht 
frûher  die  griechischen  *)  geschrieben,  nicht  fruher  die  Ambrosianische, 
die  sjrrÎBche  Ilias^),  der  Ciceropalimpsest  De  repubUca'),  spâter  noch 
der  Bembinus  des  Terenz^),  der  Graius  in  Yerona^,  der  Plautus  in 
Ifailand*),  der  Dioscorides  in  Wien*),  die  âltesten  Liviushandschriften 
in  Wien  und  Paris"),  der  Mediceus  Vergil's"),  die  Tabula  paschalis 


')  Cicero's  Verrinen  im  Cod.  rescriptus  Vaiicanus  Regin.  2077  sind  am 
der  Orthographie  willen  wohl  keinesfalls  Tor  dem  3.  Jhd.  gescfarieben,  ob  Tor 
dem  TÎerten,  ist  durcfaaus  ungewiss.  Ebenso  unsicher  ist  die  Aniiahme,  dass 
die  Behedae  Vatieanae  und  Berolinenses  des  Verg^  frtlher  als  Constantin  fallen, 
T^  O.  Ribbeck  Prolegom.  Yerg.  S.  233;  Zangemeister  u.  Wattenbach,  Exempla 
eodd.  latt.  litteris  maiosculis  ser.  (1876),  enarratio  tabb.  Dasselbe  muss  gelten 
Ton  den  Schedae  antiquissimae  des  Sallust  (Jordan  Herm.  Y  402)  und  Jurenal 
(Vatic  5760). 

')  Codez  Capitoli  S.  Eusebii  Yercellensis,  4.  Jhd.,  nach  der  Tradition  ron 
der  Haod  des  Easeb.  Ëtwas  sp&ter  Weingartenis  und  Curiensis  (éd.  E«  Ranke, 
Harbg.  1872,  Wien  1868  u.  1874)  und  Fuldensis  (éd.  Ranke,  Marbg.  1860). 

')  Sinaitieusy  nach  Tischendorf  4.  Jhd.,  nach  anderen  6.  oder  5.  Jhd. 
(am  400  Gardthaasen  8.  149);  gleiohen  Alters  der  Yaticanus.  Alezandrinus 
5.  Jhd.  a.  sieben  andere  Uncialhdschrr.,  nach  Tischendorf' s  Ansatz.  In's  6.  Jhd. 
fiUlt  der  Codez  Rossanensis  éd.  Gebhardt  und  Hamack  Lpz.  1880. 

^)  Iliadis  fragmenta  antiquissima  cum  picturis,  éd.  Angelo  Maio^  Mailand 
1819.  Fragments  of  the  lliad  from  a  Syriac  palimpsest,  éd.  W.  Cureton  1851. 
YgL  Hofimann,  das  21.  und  22.  Buch  der  llias  S.  4. 

^)  Yatic  5757,  4.  Jhd.  (Zangemeister). 

^  Yatic.  3226,  4.^5.  Jhd.  (Umpfenbach). 

^  Yeron.  13,  5.  Jhd.  (Studemund). 

«)  4.-5.  Jhd.  (RiUchl). 

*)  um  500  (Gardthausen). 

^^  ans  dem  6.  Jhd.  (Zangemeister). 

'')  Der  Codez  des  Macharius  wurde  494  Tom  Asterius  rerbessert;  der 
Mediceus  hat  eine  Abschrift  der  Subskription  des  Asterius  (vgl.  0.  Jahn,  Ber. 


120  —  ï^*»  Pergament.  — 

in  Berlin^}.  Nicht  vor  400  beginnen  auch  die  datirten  syrischen 
Handschnften  im  British  Musetim'). 

Es  ist  abzuwarten,  ob  sich  fur  die  Reste  Ton  Membranbûchern, 
die  sich  im  Fayyûm  aus  den  Trûmmem  Yon  Erokodilopolia  gefunden 
haben'),  ein  erheblich  altères  Datum  erweisen  lassen  wird;  dne 
Blatthâlfte  feinen  Pergaments,  tragend  ein  Bruchstûck  ans  des  Euii- 
pides  MeXavinmi  âscffHùnç,  wird  Ton  Graux  ^auf  das  vierte  Jahr- 
hundert  oder  eine  noch  firiihere  Zeit^  taxirt^). 

Aber  auch  die  erhaltenen  Godices  chartacei  weisen  nicht  mit 
Sicherheit  in  altère  Zeiten  hinauf,  wie  denn  die  berûhmten  fragmoita 
Pommersfeldensia  der  Digesten  sicher  nicht  Tor  533  âdlen*).  In  da» 
vierte  Jahrhundert  gehôrt  eine  Hilariushandschrift  zu  Wien*).  Dass 
der  âgyptische  chartaceus  in  Unciale  mit  chemischen  Recepten  ilter 
sei,  ist  nicht  gewiss^,  dasselbe  gilt  von  den  gehefteten  Papyms- 
blâttem,  die  Harris  gefunden*).    Andere  sind  betrâchtlich  spiter*). 


B&chs.  Ges.  d.  Wiss.  1851  S.  348.  Ribbeck  a«  a.  O.  S.  222),  k&nn  alao  sehwer- 
lich  aller  als  aie  sein.  Auch  Bomanus  und  Vaiicanas  Palatinas  des  VergQ 
fallen  schwerlich  fîrûher  (Ribbeck). 

^)  Verfasst  447,  etwa  gleichzeitig  gesehrieben  (Mommsen). 

^  Vgl.  Wright,  CaUlogae  of  the  ftjrriao  mss.  of  the  Br.  Mas.  III  8. 12S6: 
die  alteate  aas  dem  Jahre  411  oder  412,  in  Edessa  geschrieben. 

')  Fundbericht  in  Jahrbb.  der  Kgl.  preoss.  Kunstsammlangen  I  1880 
S.  XXX  f.  ;  TgL  Sachau,  Ztachr.  f.  agypt  Sprache  1878  S.  1 14  ;  Blasa,  ebenda  1880, 34. 

«)  Vgl.  Blasa,  Rbein.  Mua.  XXXV  290.  —  Die  Reste  emer  mehrbQche- 
rigen  juriatischen  Schrift  De  iudiciis  datirt  Mommaen  in  das  6.  Jhd.  (AbhdL 
d.  Berl.  Akad.  1879  S.  501);  ygl.  fibrigens  Krflger,  ZUchr.  der  Sarigny-Stiftiuig 
I  S.  93  and  Monataber.  d.  Akad.  1880,  19.  April;  Haachke,  Die  jOngst  gef. 
Bruchatûcke  r5m.  Jariaten,  Lpz.  1880. 

^)  Dig.  éd.  Mommsen  tom.  II  Tafel  1—10;  praef.  8.  XXXX:  „certe  hoc 
effugerant  ut  propter  rationes  palaeographicas  nescio  qaas  antiquiores  saeeulo 
sexto  iudicarentur'^. 

«)  Vindob.  2160. 

^  ReuTons,  Lettres  à  M.  Letronne  S.  65  nahm  3. — 4.  Jbd.  an,  wog^^a 
Gardthausen  S.  164  Zweifel  &uasert. 

^  Journal  of  Claaaieal  and  aacred  philology  1854  S.  264.  Anf  der  einen 
Blattaeite  atehen  Stûcke  der  Iliaa,  auf  der  anderen  Tçwpiûyoç  ré^yti  yçafifio» 
TMi);  dieae  opiathographiache  Vertheilung  acheint  lu  rerrathen,  dass  dies  Heii 
aus  einer  RoUe  hervorging. 

')  So  die  beiden  Genfer  Codices  chartacei  des  6.  Jhds   (Etudes  paléo- 


—  FreqaeniTerh&ltniss  Ton  Rolle  und  Codex  im  4.  u.  5.  Jhd.  —       121 

Von  den  Papyrusrollen  des  vierten  und  fûnften  Jahr- 
hnnderts  dagegen,  die  damais  doch  noch,  im  christlichen 
nnd  nîchtchristlichen  Publikum,  die  gûltigeren  Trâger 
litterarischer  Werke  gewesen  zu  sein  scheinen,  bat  uns 
die  Tradition  der  Elosterbibliotheken  neben  den  Codices 
kein  einziges  Exemplar  erhalten. 

Denn  mindestens  ebenso  gûltige  Trager  waren  die  Rollen  gewiss 
aach  damais  nocb.  Es  wâre  scbwer  und  gewagt,  fur  dièse  wicbtige 
Uebergangszeit  des  vierten  und  fûnften  Jahrhunderts  durch  Scbâtzung 
nach  den  bis  hieher  gesanmielten  Merkmalen  das  Yerhâltniss  der 
Hmifigkeit  von  RolJe  und  Codex  im  Durchschnitt  zu  bestimmen. 
Yielleicht  indess  darf  uns  eine  cbarakteristische  Stelle  bei  einem 
Zeitgenossen  fur  solche  Scbâtzung  Anleitung  geben.  Ich  meine  den 
Martianus  Capella,  Yertreter  der  damalig  profanen  und  Nachkonmien 
der  classischen  Litteratur.  Zu  den  bizarren  und  absurden,  ûbrigens 
aber  nicht  neuen^)  Erfindungen  seiner  Hochzeit  der  Pbilologie  und  des 
Mercur  gehôrt  auch  die,  dass  die  Braut  nicbt  eber  in  den  Himmel 
der  Unsterblichkeit  erhoben  werden  kann,  bevor  sie  nicbt  durcb 
Yomition  die  ganze  Litteratur  von  sicb  gegeben  bat.  Die  so  erzeugte 
Litteratur,  in  der  sicb  dann  die  sieben  Artes  und  Discipiinae  tbeilen, 
tritt  nun  nothwendig  in  Gestalt  von  Bûcbem  in  Erscbeinung.  Fur 
den  Yerdacht,  dass  der  ûbergelehrte  Autor  hier  selbst  bei  der  Auf- 
zâhlung  der  Bucbformen  archaisire,  fehit  in  diesem  Fall  ein  bin- 
linglicbes  Indiz;  auch  steht  seine  DarstelJung  mit  unseren  sonstigen 
Kenntnissen  nicht  in  Widerstreit  (S.  101  ff.).  Die  Litteratur  steUt  sich 
hier  aber  noch  in  erster  Linie  in  PapyrusroUen  dar;  daneben  erscheinen 
zweitens  Schriften  in  Leinenrollen;  drittens  auch  viele  Codices  aus 
Schafaleder;  yiertens  endlich  sebr  wenige  Bûcher  auf  Lindenbast 
(II  136):  cemere  erat  qui  Uhri  quantaque  volumina  qaot  Unguarum 
opéra   ex   are  virgmis  diffluébanti    alia  ex  papyro  qtiae  cedro  perlita 


graphiqaea  et  historiques  sur  des  pap.  du  VI  m«  siècle,  Genève  et  Baie,  1866). 
Ib  das  7.  Jhd.  gehOrt  St.  Gallensis  226  (Scherrer,  Verzeichniss  S.  81).  Hierher 
geh6rt  auch  der  Mail&nder  Josephos  auf  Charta. 

')  Aelian  ers&hlt,  der  Maler  Galaton  habe  den  Homer  Tomirend  darge- 
iteUt  und  die  ûbrigen  Dichter  rà  IfÂtjfAtCfÂéya  sich  aneignend,  so  wie  es  bei 
Kartianns  die  Artes  und  Discipiinae  thun. 


122  "—  ^»»  Pergament  — 

fuerat  videbantur,  alia  carh<mnU  volumnilms  impliccOi  Ubri,  ex  oviUii 
rmdti  qtwqtie  tergoribus,  rari  vero  in  philyrae  cortice  subnotati. 

Und  die  gleichzeitigen  bildlichen  Monumente,  Yor  aUen  die 
christlichen,  die  als  Attribut  einzelner  Personen  oder  auch  nur  aïs 
Omament  nicht  selten  Bûcher  zeigen,  sind  geeignet  dieselbe  An- 
schauuDg  zu  befestigen.  Die  Rollenform  wiegt  auch  hier  noch  Tor, 
der  Codex  aber  ist  daneben  schon  sehr  hâufig  ihr  Yertreter^). 


^)  Der  Gûte  des  Herrn  Prof.  Heinrici  rerdanke  ich  den  Hinweia  aaf  die 
folgenden   Beispiele.     Christliche  Sarkophagkunst   (blflbend  om   die  Mitte  dis 
▼ierten  Jahrhunderts;   rgl.  Kraus,  Roma  sotterranea,  S.  350'):    Sarkophag»  im 
Museo  christiaoo  im  Lateran,  collection  of  M.  J.  H.  Parker  N.  2900:  Ckristas 
mit  geschlossener  Belle;  eine  sweite  Figur,  unter  einem  Baum  sitsend,  mit 
oifener  RoUe.    Viele  Sarkophage  wie  Coll.  Parker  N.  2931,  2921,  2923  seigen 
Christus  mit  der  geschlossenen  Rolle,   die   sein  Charakteristicum  ist;    wieder- 
kohrend  z.  B.   zweimal  auf  dem  Sarkophag  aus  S.  Paolo  fuori  le  mura  (TgL 
Schultze,  Arch&ol.  Stud.  ûber  altehristl.  Mon.  1880  S.  145).    —   Freaken  der 
Katakomben:   besonders   ait   die  sitzende  Figur  mit  weit  aufgeroUter  BoUe  in 
d.  Sakramentskapelle  v.  S.  Callisto  (um   230).     Se   auch  bei  Garmcci,  storia 
délia  arte  cbristiana  Vol.  II  Tfl.  81:   ftltestes  Madonnenbild  :   daia  Mann  mît 
RoUe  (1.  Jhd.  nach  de  Rossi).  —  Tfl.  83,  1:  Christus  mit  offener  BoUe,  iwei 
jQnger  mit   geschlossenen.  —  Tfl.  21:  Figur  mit  Belle.   —   Tfl.  32:  Christus 
mit  halbofTener  BoUe.    —    Tfl.  100:   Paulus  und  Laurentius   mit  BoUen.  — 
Tfl.  87,  2  u.  3:  Heilige  mit  Bollen  (sp&t).  —   Bei  den  Bildem  mit  Codices  ist 
nicht  immer  sicher,  ob   ein  Litteraturbuch  (Erangelium)   oder  ein  blesser  Co- 
dicill  gemeint  ist.    Den  Uebergang  zeigen  solche  Bilder,  wo  beide  Buchformea 
nebeneinander  vorkommen;    so  Tf.  105 A:   eine  Figur  mît  Belle,  eine  andere 
mit  offenem  Codex  (Cimitero  dette  di  S.  Severo,  nach  Eraus  iwischen  312  und 
410,  eine  der  jQngsten  Katakomben);  Tfl.  82:  drei  Mânner  mît  codicilli,  Tom 
ein   pluteus   mît  Rollen  (Katak.  des  Hermès,  4.  Jhd.,  zweite  H&lfte);  Tfl   67: 
Christus  mit  aufgeschlagenem  Codex,  zweî  plutei  mît  Rollen  daneben  (Katak. 
der  Agnes,  jung).  —  Endiich  Codices  finden  sich:   Tfl.  105:   die  vier  Eran- 
gelîen  als  vier  Codices  (Cimitero  dî  S.  Gaudioso,  jedenfalls  sehr  jung);  Tfl.  102: 
zweî  oflene  Codices  (Katak.  in  Neapelj;    Tfl.  99,  2:   zwei  offene  Codices,  mit 
BAndem   (Neapel);    Tfl.  89,  3:   Laurentius   mît    ofFenem   Codicill;    Tfl.  58,  1: 
Christus  mit  oflenem  Evangeliencodex  (sehrspAt);  Tfl.  85:  Christus  mit  Pracht- 
codex  (Cimitero  dî  Generosa  in  Rom;  sp&t);  Tfl.  84:  Johannes  mit  Codex.  — 
Auf  Gef^lssen  sehen  irir  die  Relie  noch  hàufig  (Garrucci  III  Tfl.  168,  176,  178, 
179,  182,  183,  184,  187,  189  u.  s.  w.).    Gehen  wir  hinab  bis  zum  Jahr  600,  so 
zeigt  der  Codex  Amiatinus  fast  nur  Codices   (Garrucci  III  Tfl.  126,  127;  nnr 
ein  Engel  huit  ein  Rôllchen)  ;  der  noch  sp&tere  Syriacus  dagegen  noch  h&ufiger 


—  Vermerke  der  Teztesreeensionen  im  Rollenbaehwesen.  —        123 

Die  Bemûhungen  mn  sorgfôltige  Tradition  der  classischen  Texte 
aerten  in  Rom  bis  in  die  letzten  Zeiten  des  Alterthums  fort.  Die 
ibskriptionen  unserer  Handschrifben  mit  ihrem  îegi,  distinxi,  emen- 
wi  legen  dayon  beredtes  Zeugniss  ab^).  Die  Mânner,  welche  sich 
«sen  annahmen,  standen  der  Greistiichkeit  feme;  es  waren  oftmals 
inner  sehr  angesehener  weltlicher  Stellung   (rangirt  doch  Theodo- 

08  U  unter  ihnen,  Kaiser  und  xaXhyQcifpoç  zugleich),  die  sich  noch 

9  direkte  Erben  und  Fortsetzer  des  alten  Rom  fûhlten  und  zum 
lell  wie  die  Nicomachi')  dem  Christentbum  feindselig  gegenûber- 
inden.  Es  frâgt  sich,  wie  ait  die  Sitte  dieser  Subskriptionen  und 
}  8Îe  erst  innerhalb  des  Codexbucbwesens  aufgekommen  ist,  so  wie 
sterius  (Consul  494)  am  Ende  der  Bucolica  YergiPs  allerdings  sagt: 
ji  et  distincxi  codicem  fratris  Macharn  und  wie  Renatus  sein  relegi 

einem  Codex  des  Boethius  unter  die  Buchschlûsse  setzte. 
Die  Sitte  dieser  Subskriptionen  lâsst  sich  bis  in  die  erste  Hâlfte 
»  sechsten  Jahrhunderts  hinab  verfolgen*),  andererseits  ist  sie  aber 
hon  fur  das  erste  oder  doch  fur  das  zweite  Jahrhundert  nach- 
eisbar.  Statilius  Maximus,  unzweifelhaft  ein  Gramatiker  aus  so 
QJier  Zeit  (Charis.  S.  171  f.)  ist  es,  von  dem  schon  fur  die  zweite 
icerorede  De  lege  agraria  die  Unterschrift  vorliegt*)  :  Statilitis  Maximus 
r$u8  emendatn  ad  Tyronem  et  Laetatianum  et  Dorh,  et  alios  veteres. 


9  Bolle  (Tfl.  129,  bes.  131,  132,  133,  134,  135),  daneben  auch  Codex  oder 
idicîll  (135;  136;  137;  139,  2),  der  Vaticanus  giebt  wieder  durchg&ngig 
oase  geschmûckte  Codicea  (Tfl.  144 — 152),  nur  Tfl.  143  wird  oine  grosse,  mît 
ind  Eagebundene  RoUe  ans  dem  Himmel  gereicht.  —  Sp&t  sind  auch  die 
Maiken  (Garrucci  Bd.  IV,  Tfl.  211  nach  dem  vierten  Jhd.;  Tfl.  207  achtes 
id.);  hier  sind  besonders  intéressant  die  sechszehn  Figuren  Tfl.  246;  elf 
.ben  BoUen,  f&nf  Codices;  ebenso  Tfl.  247.  Die  Tier  Erangelien  erscheinen 
I  Tier  Bollen  Tfl.  254,  2;  Tfl.  257  liegt  das  Erangelium  als  RoUe  auf  einem 
isten;  Rollen  zeigen  hier  noch  z.  B.  Tfl.  214;  230;  231  ;  234;  240;  241;  207; 
igegen  Codices  und  Codicille  Tfl.  210;  211;  220,  3;  222,  3;  223;  228;  233; 
^  tu  s.  w.  —  Dasselbe  Schwanken  zeigen  die  Votera  Monum.  Ciampini's. 

^)  Ueber  Subskriptionen  rgl.  O.  Jahn,  Sitzungsbor.  d.  sftchs.  Ges.  1851 
S27.  Haase,  De  latifwrum  codicum  mbscriptionibus^  Ind.  schol.  Breslau 
(GO— 61.     Reifferseid,  Ind.  schol.  Breslau  1872—73. 

>)  Vgl.  Jahn  a.  a.  O.  S.  336. 

*)  Jahn  a.  a.  O.  S.  360. 

«)  Jahn  S.  329. 


124  —  ^^  Perganeat.  — 

Also  hat  dièse  Sitte  schon  djunals,  als  die  Papyrusrolle  noch  ans- 
schliesslich  herrschte,  bestanden.  Und  es  ist  in  hohem  Grade  wahr- 
scheinlich.  dass  sîe  damais  schon  sehr  yerbreitet  war.  Statilius  nennt 
hier  als  seine  Vorlage  Yor  allem  den  Tiro,  den  ersten  Cicerœdîtor, 
in  derselben  Weise,  wie  z.  B.  Nicomachus  Dexter  fur  den  LiTios 
auf  eine  Vorlage  parentis  met  CîemerUiani  yerweist.  Worans  entnaluD 
Statilius  nun,  dass  jenes  Cicerobuchy  das  er  benatzte,  gerade  yom 
Tiro  recensirt  war?  Es  ist  doch  nothwendig,  dass  das  Buch  als 
Tironisch  selbst  irgendwie  iusserlich  bezeichnet  war.  Eine  solehe 
Bezeichnung  konnte  aber  nur  entweder  auf  seinem  Titel  stehen  oder 
bescheidener  im  Innem  der  Rolle  am  Buchschluss.  Auch  Tiro  râd 
also  schon  sein  emendari  an  dieser  Stelle  subskribirt  haben.  Wenn 
es  eine  Vergil-,  eine  Lukrezausgabe  des  Probus  gab,  so  waren  auch 
dièse  als  solehe  unmôglich  zu  erkennen,  es  sei  denn  durch  ihre 
Unterschriften.  Wenn  ein  Harpocration  auf  die  àvmuayà  àyd^Qatfa 
griechischer  Prosaiker  yerweist,  so  waren  die  betreffenden  RoUeD 
wiederum  nothwendig  selbst  als  anuuarâ  gezeichnet').  Yielleicht 
ist  auch  die  Unterschrift  am  Schluss  einer  Herculanensischen  Rolle 
IloCêidâv  avTOç  toi  Bixwvoç  âhnlich  gemeint;  wahrscheinlicher  wird 
man  sie  indess  nur  auf  den  Schreiber  deuten,  der  dièse  eine  Copie 
gefertigt  hatte*) 

Dièse  Sub^criptionen  finden  sich  nun  nicht  blos  am  Schluss 
eines  Werkes,  sondem  pflegen  hinter  jedem  Einzelbuche  wiederholt 
zu  werden,  ein  Yerfahreu,  das  innerhalb  des  Codex  gar  keinen  Sinn 
hatte.  AUerdings  aber  hatte  es  Sinn  bei  der  RoUenfonn.  Hier  war 
es  nothig  gewesen,  jedes  einzelne  Buch  mit  dem  Abzeichen  der 
Recension  besonders  zu  yersehen,  und  dieser  Usus  hat  sich  hemach 
nur  mechanisch  auf  die  Codices  ûbertragen. 

Ohne  Zweifel  yerband  sich  mit  der  Cicerorede  des  Statilius  eine 
Yollstândige  Edition  zu  yielen  Exemplaren  in  der  Art,  wie  etwa 
gleichzeitig  mit  ihm  auch  Fronto  eine  Ciceroausgabe  yorbereitet  hat*); 


1)  Der  Benennang  ^Arttxiavôv  \yoTL  Atticus)  scheint  jenes  Laetatictmm 
(oder  Laecatianum^  Jahn  S.  329)  analog.  SoU  das  etwa  Tielmehr  Lautiannm 
bedeuten  ? 

2)  Vgl.  untcn  Kap.  IV. 

3)  Fronto  ad  amicos,  S.  190  éd.  Nab. 


—  Vermerke  der  Teztesrecensioiien.  —  125 

des  StatiliuB  Unterschrift  wurde  aJsdann  natûrlich  mit  vervielfâltigt. 
Die  Recensionen  des  yierten  Jahrhunderts  aber,  von  denen  wir  auf 
demselben  Wege  erfahren,  dûrfen  wir  uns  woU  gleichfalls  noch  in 
der  nâmlichen  Buchform  denken^  so  den  Martial  des  Torquatus 
Gennadius,  den  Apuleius  des  Crispus  Salustius,  den  Persius  des 
Jumanus  Tryfonianus.  Die  erste  Dekade  des  Livius  besorgte  niclit 
TÎel  spâter  Yictorianus  fur  die  Symmachi  complet,  unter  Mitwirkung 
zweier  Nicomachi;  die  letzteren  aber  schlossen  sich  gegenseitig  aus, 
80  das8  Nicomachus  Dexter  nur  die  dritte,  vierte  und  funfte  Relie, 
Nicomachus  Flavianus  nur  die  sechste,  siebente  und  achte  emendirte. 
Obschon  sodann  das  alte  Editionsverfahren  aufhôrte,  wurde  die  Sitte 
der  Subskription  doch  noch  weiterhin  und  auch  im  Codex  imitirt, 
bis  das  Alterthum  zu  Ende  ging.  Es  lâsst  sich  hiemit  die  Sitte  des 
Btichometrischen  Yermerks  vergleichen,  welche  sich  gleichfalls,  wie 
wir  sehen  werden,  als  Schreiberusus  aus  der  classischen  Zeit  bis  zu 
Justinian  vererbte. 

Erst  dann  gaben  die  Mânner  weltlicher  Stellung  die  Litteratur 
endgûltig  an  die  Greistlichen,  an  die  Elôster  ab.  Hinfort  werden  nur 
noch  Einzelabschriften  gemacht  und  man  emendirt  nîcht  mehr  in  der 
alten  Weise;  jedes  Kloster  lâsst  solche  Abschriften  nur  fur  seine 
Buchsammlung  fertigen.  Die  Fertiger  sind  die  MÔnche.  Daneben 
besteht  allerdings  der  Beruf  der  antiken  notarii  oder  scriptores  weiter, 
die  aber  nur  auf  Bestellung  copiren  und  keinen  Handel  mit  fertigen 
Abschriften  treiben.  Erst  aïs  nach  sechs  Jahrhunderten  das  geistige 
Leben  sich  hob  und  die  Universitâtsgrundungen  in  Italien  und 
Frankreich  begannen,  entstand  auch  wieder  ein  Buchhandel  in  den 
Uniyersitatsstadten ,  wo  sich  die  einzeln  arbeitenden  stationarti  zu 
fÔrmlichen  Abschreiberschulen  zusammenzogen  und  so  unter  Contrôle 
die  Vervielfaltigung  nunmehr  auch  zum  Zweck  des  Yerkaufes  be- 
trieben  ').  Es  bildete  sich  wieder  ein  grôsseres  lesendes  Laienpubli- 
kum;  das  Bedûrfniss  fur  Vervielfaltigung  wuchs  in's  Grosse;  es 
crzeugte  endlich  die  Erfindung  des  Buchdrucks. 

Erst  in  dem  Papiercodex  mit  Druckschrift^  wie  ihn   das  fiinf- 


0  Ygl.  A.  KirchhofF,  Die  Handschriftenh&ndler  des  Mittelalters.    2.  Aufl. 
Leipz.  1853.    8.  3  ff. 


zehnte  JahFhund^  er&nd  uod  wie  ilm  nocb  daa  oeonzelmte  bei 
hat  das  stets  uach  Erneuenmg  drSngende  geistige  und  litten 
Leben,  das  geiade  damais  in  nngeahnter  Fûlle  schôpferisch 
eioe  aogemessene  Publik&tionBfbna  medergefiuiden ,  lud  Lit 
and  Bucbverkebr  lebt  und  blûht  seitdem  in  ibr  und  mit  ibiei 
nun  schon  bald  ein  halbes  JabrtauBend,  daa  ist  &st  ao  lang 
dae  Rollenbucbweaen  seit  den  Ptoiemaeem  bis  auf  Constanti 
Grosseo  geblûbt  bat. 

Wir  wûrden  den  Sieg  des  Codex  ûber  dk  RoUe  beklagen, 
er  uns  ntcbt  dies  nnser  gedrucktes  Bacb  gegeben  hâtte. 


DRITTES  KAPITEL. 


Das  Bnch  als  Trftger  der  Schriftwerke. 


U  nsere  Er5rterung  darf  sich  nunmehr  endgûltig  auf  die  Papynis- 
roUe  beschrânken,  die  fur  die  litterarischen  Editionen  de8  Alterthums, 
deren  Erben  wir  sind,  bis  tief  in  das  dritte  Jahrhundert  der  alleinige 
Trâger  gewesen  ist. 

Wir    wenden    uns   zur    Litteratur    selbst,    die    uns    in    Buch- 

theilungen  vorliegt     Nebmen  wir  die  modernen  Drucke  zur  Hand, 

80  ûbersteigt  keiner  der  classiscben  Texte  in  ihnen  leicbt  den  Um- 

fang  Yon  vier  Bogen  Oktav,  ohne  seine  Einbeitlicbkeit  einzubûssen. 

Denn  wir  sehen  sie  alsdann  regehnâssig  in  Abschnitte  bestdmmten 

UmfiELDgs  zerfallen.     In  dem  einen,  sebr  bequemen  Klein -Oktayband 

Yon  38  Bogen  der  Bekker'schen  Ausgabe  wird  so   die  Greschichts- 

erzahlung  Herodot's,  die  er  bequem  aufiiinimt,  achtmal  zu  neun  Ab- 

schnitten  unterbrochen.     Dièse  Abscbnitte  fubren  den  Namen  Bucb 

nnd  Rolle.    Die  Beobachtung  der  Terminologie  lebrte  uns,  dass  Bach 

nnd  Rolle  identisch  und  dass  jene  Abschnitte  also  als  Rollen  in  der 

Hand  des  antiken  Lesers  zu  denken  sind  ;  am  bûndigsten  formulirte 

uns  dies  eine  ausdrûcklicbe  Définition  beim  Isidor,  wonach  ein  Codex 

Yiele  Bûcher  umfasse,  das  Einzelbuch  aber  der  Inhalt  einer  Rolle  sei 

(oben  S.  44).     Die   erhaltenen   Herculanensischen   Rollen   bestâtigen 

dies  YoUstandig,  sofern   sie  in  ihren   Subskriptionen   als  Bûcher 

betitelt   und  numerirt  sind;   dasselbe   illustriren  auch  die  in  figyp- 

tischen  Grâbem  gefundenen.     So  complète  Rollen  fireilich  wie  die 

kleine  Evôo^ov  réx^fj  Yon  zwanzig  Schriftcolumnen  sind  eine  Selten- 

heit.     Brandschaden   und  Yerkohlung  hat  bci  denen  Herculaneums 


128  —  ^^  B"^  *^  Triger  der  Schriftwerke.  — 

duTchweg  die  Anssenseiten  oder  die  BochftofaDge  yernichtet^).  Ebenso 
sind  aus  den  igrptischen  Gribem  die  RoUen  in  den  Besitz  eioes 
Europiers  meist  nicht  gelmngt,  ohne  dus  sie  zuTor,  darch  XJDglfick 
oder  aber  meistentheils  durch  die  Gewinnsncht  und  Barbarei  ihrer 
Finder.  zenissen  oder  zerschnitten  worden  wâren.  Dies  Schicksal 
hat  aoch  die  besten  Stûeke  getroffen,  Tor  allem  auch  die  RoUen  der 
griechischen  Redner  und  die  Homerpapjri:  denn  nicht  nur  der  Tcm 
Harrîs*),  welcher  mit  llias  J?  t.  311  anhebt  nnd  das  Bnch  mit  Sub- 
skriptioD  zu  Ende  (uhrt,  sondem  ebenso  ist  auch  der  berûhmte 
Papyrus  yod  Elephantine,  der  Bankesianus,  incomplet,  anhebend  mit 
Dias  i2  Y.  127  und  das  Buch  gleich&lls  mit  der  ûblichen  Subskription 
am  Schluss  zu  Ende  fuhrend  ;  Ton  ihm  sind  die  ersten  yier  pagiuae, 
aiso  ein  Fûnftel  des  Ganzen  abgerissen  und  Yerloren^.    Beide  Homer- 


>)  VgL  Comparetd,  ReUsione  sni  Pmp.  Ercolmneû,  1880  (Reftle  Acad. 
dei  Lincei)  S.  12:  „noii  abbUmo  ottenuto  che  firammenti  più  o  meno  efteti..i 
il  principio  di  ogni  Tolame,  anche  intiero,  per  noi  è  da  eonaiderani  cône 
perduto."  Eins  der  BOcher  der  Philodemischen  Rhetorik  (Pap.  N.  1674,  VoL 
Herc.  IP  S.  46  ff.)  liegt  nnr  mit  2450  Zeilen  Tor  anf  siebaîg  Golomneo,  wlli- 
rend  die  Subskription  ihm  4200  Verse  TÎndidrt;  dies  beweist  (gegen  BîtscU 
Op.  I  8.  101 1),  dass  auch  dieser  Papyrus  incomplet  ist.  Vgl.  noeh  CSomparetd 
ebenda  S.  1 1  :  ^anche  perè  quoi  rolnmi  che  si  trorarono  intieri  e  si  presero  a 
sTolgere  come  tali,  diedero  on  prodotto  frammentoso**  ;  daher  sind  die  69  Budi- 
titel^  die  erhalten  sind,  s&nmitlich  Subskriptionen  des  E^chatokoU  (ebenda  8. 12). 

')  Athenaeum  N.  1141  S.  917  (rgl  Arch&ol.  Ans.  BerL  1849  8.  93),  ge- 
funden  in  der  Hand  einer  Mumie  su  Manfalout:  „the  man  who  sold  me  tbu 
papyrus  déclares  that  he  has  delivered  ail  that  he  found  ezcept  a  few  broken 
pièces  which  he  did  not  con^ider  to  be  of  any  money  raloe.  If  this  be  tme, 
I  fear  that  he  has  thrown  away  half  the  book^  (Harris).  Es  sind  7  Seiten 
EU  ca.  44  Versen;  deren  letzte  mit  tkêaâoç  S  subskribirt.  Verloren  sind  also 
die  7  ersten  Seiten,  ausserdem  als  achte  die  Titelcolnmne.  Da  seine  Gesammt- 
lânge  jetzt  3  engl.  Fuss,  so  betrug  sie  ursprûnglich  etwas  Ober  6  Fuaa. 

')  Einziger,  wenig  genûgender  Bericht  ûber  diesen  „  codex  antiqnas*  bt 
der  Ton  Cornewall  Lewis  gegebene,  Philological  Mus.  I  S.  177  f.  Das  Stfick 
wird  meist  ftïr  complet  gehalten;  dass  es  incomplet  ist,  folgt  nothwendig  au 
Zweck  und  Bedeutung  der  Buchrolle.  Die  Untersuchung  der  BeschafienbMt 
der  R&nder  dièses  Papyrus  kOnnte  auch  im  besten  Falle  noch  nicht  f  Q  r  Com- 
pletheit  den  Beweis  liefern;  rollkommene  Garantie  daftïr  w&re  nnr,  wenn  er 
an  Bankes  zugleich,  dem  antiken  Buchgebrauch  gem&ss,  in  membranener  paenula 
und  mit  dem  ciXlv^oç  kam,  was  nicht  der  Fall  ist    Zu  untersnchen  bleibt,  ob 


—  Die  meisten  erhaltenen  BuchroUen  unyollst&iidig.  —  \29 

roUen  bezeugen  aber  durch  ihre  Subskription  unzweideutig,  dass  sie 
die  Trâger  der  Rhapsodie  $X$adoç  2  und  der  Rhapsodie  iXtadoç  Sa 
gewesen  sind. 

Schon  eine  flûchtige  BeobachtuDg  lehrt,  dass  die  Papyrusrolle 
der  Alten  nicht  unbegrenzt  gross  sein  konnte.  In  der  Théorie  liesse 
tie  sich  freilich  durch   unausgesetztes   Ankleben  von  Einzelblâttem 


àm  Wegfall  durch  Abreissen  oder  Schneiden  entstanden  ist.  Nun  ist  aber, 
laat  LewÎB  S.  179,  gerade  die  erste  der  erhaltenen  Seiten  besonders  zerfeUt 
and  anleâerlich;  aie  enthftlt  n&mlich  die  27  ^rersus  mutili''  127—138,  144—157 
and  169,  wfthrend  die  acht  folgenden  Seiten  tîoI  weniger  schadhafte  Verse 
aofweisen  (susammen  35);  Lewis  selbst  bemerkt  hiersu:  „iniuriae  magis  ob- 
norinm  papyri  principium  erat  utpote  eztremam  voluminis  partem  conficiens.*' 
Dies  ist  ein  deutlicbes  Anzeichen,  dass  die  Rolle  an  der  Aussenseite  nicbt  un- 
TerleUt  geblieben  ist.  Das  Erhaltene  umfasst  16  Columnen  zu  je  ca.  43  Versen; 
die  fehlenden  126  Anfangsverse  fûllten  just  3  Columnen  zu  42  Versen;  ausserdem 
ist  dann  ftlr  den  Titel  poch  eine  Seite  zu  berechnen.  Hat  die  Rolle  jetzt 
ca.  8  engl.  Fuss  L&nge,  so  betrug  sie  also  ursprflnglich  deren  10.  Bei  Ge- 
legenheît  eines  Pariser  Homerpapyrus  giebt  Brunet  de  Presle  (Not.  et  Ërtr. 
d.  Mon.  XVIII  S.  120  f.)  auch  Reste  eîner  Rolle,  die  nacbweislich  auf  der 
Eweiten  Seite  mit  den  ersten  Versen  des  secbsten  Iliasbuches  richtig  anhob, 
deren  erstes  Blatt  ausserdem  aber  auch  noch  als  Titelblatt  erkennbar  ist:  es 
tnig  in  grfisserer  Schrifl  den  Titel  [i/iiAJ]01[Z],  Nach  dieser  Analogie  muss 
aach  ûber  das  Homerbuch  von  Ëlepbantine  geurtheilt  werden.  Und  nun  flQge 
n>an  die  allgemeine  £rw&gung  hinzu,  wie  unklug  doch  im  Qrunde  der  alte 
Bochachreiber  oder  sein  Auftraggeber  gewesen  sein  mfisste,  wenn  er  bei  An- 
fertignng  eines  Iliasezemplares  gerade  bei  Vers  £1  127  auf  eine  neue  Rolle 
ûberg^ng,  mitten  im  Satz,  mit  den  Worten:  x^^Q^  ^  ê*^^  xatéçs^êy  fnoç  f 
Içot'  ix  f  ovôfdaÇiy,  wozu  das  Subjekt  im  t.  126  ^  de  fiâk*  ay^*  avroîo 
Ma^tCtto  norvut  fÀij-njQ  am  Schliiss  der  anderen  BucbroUe  gestanden  h&tte! 
Zirisehen  t.  126  und  r.  127  h&tte  der  Homerleser  erst  die  eine  Rolle  zusammen- 
znroUen  und  die  neue  zu  ôffnen  gehabt,  Zeit  genug  um  den  Zusammenhang 
ra  Tergessen.  Man  h&tte  denn  doch  wenigstens  mit  t.  126  oder  aber  besser 
mît  T.  120  anheben  soUen!  Und  nun  denke  man  sich  dièse  Vertheilung  der 
Ilias  durch gefûhrt:  ans  Buch  Si  st&nden  alsdann  die  letzten  678  Verse  in 
einer  Rolle  zusanmien:  die  vorige  gleich  grosse  Rolle  fasste  also  etwa 
q' T.  345  —  897  und  SI  1^126,  die  ihr  voraufgehende  X  181  —  505  und 
1'  1  —  344  u.  s.  f.!  Nun  halten  aber  eine  Reihe  Ton  Iliasbûchem  ja  riel  we- 
niger als  678  Verse,  und  die  Gesammt-IIias  von  15693  Versen  wûrde  sich  nach 
dîe«em  Princip  mit  ihren  24  Bûchem  auf  23  RoUen  zu  je  682  Versen  vertfaeilt 
haben!  Warum  trennte  man  Rollenanfang  Ton  Buchanfang?  Es  w&re  die 
flonderbarste  Caprice  gewesen. 

Birt,  BncbweMn.  9 


130  "  ^^  ^^^^  ^  Tr&ger  der  Sehrifiwerke.  — 

bis  in  das  Unendliche  Terlângert  denken  und  kônnte  so  auch  deo 
lângsten  Text  aufzunehmen  im  Stande  sein.     Die  Grûnde,  wamm 
nian  gewisse  Grenzen  setzte,  sind  naheliegend.     Die  Rollen,  die  auf 
bildlichen  Darstellungen  vorkommen,  liegen,  wofem  zusammengerollt, 
aile  leicht  iind  nicht  lastend  in  der  Hand  des  Haltenden,  von  einem 
Umfange,  d^n  die  Hand  bequem  umfasst,  wahrend  die  Hôhe  der 
Lange  des  Unterarmes  gleichkommt.    Aufgerollt  betragt  die  Gesammt- 
lange  der  kleiuen  téx^fj  Evâô^ov  nur  zwei  Meter  (1",96),  die  voU- 
stândige  Homerrolle  yon  Elephantine   betrug  3  Meter,   eine   unYoU- 
standige   Philodemrolle  ^)    berechnet    sich    fur   ihren    gegenwârtigeo 
Bestand  auf  etwa  6  Meter.    Als  sonstige  Rollenlângen  notire  ich  hier 

Berliner  Papyrus*) 1,569  Meter 

Griech.  Pap.  des  Britisch.  Muséum  N.  Il')  .     .  1,45       „ 

Aegj-ptischer  Pap.  des  Vatican*) 2,23       „ 

do.  do.       ») 2,41       ^ 

do.  do.       •) 3,684     „ 

do.  do.        (Fragment)')     .  3,88       „ 

do.  do.       8) 4,79       y, 

Papyrus  von  Casati  N.  P) 5,00       „ 

Ganz  andere  Grossen  aber  geben  andere  Rollen;  so  jene  âgyptische, 
deren  Inhalt  eine  Mârchenerzâhlung,  die  auf  gegen  72  engl.  Fass, 
d.  i.  21  Meter,  gescbatzt  wird  *°).  Setzen  wir  versuchsweise  nur  etwa 
12  Meter  als  Maximum  der  classischen  Buchrolle  an,  so  greifen  w 
gewiss  nicht  zu  nicdrig,  gewiss  aber  auch  nicht  zu  hoch  :  der  Durch- 


ï)  Vol.  Ilercul.  ÎV  S.  46-116. 

^  ButtmaDn,  Abhdl.  der  Berl.  Akad.  1824  S.  89  f.:  fûnf  Fum  Uoig. 
^)  ^Depth  12  i.,  width  4f.  972**  ^^  sieben  Colomnen. 
*)  VgL  Aeg^.  Papp.  der  Yat.  BibL,  beschrieben  t.  A.  Mai,  Ûbersetxt  ▼. 
Bachmann,  Rahmen  III;  10  Palm. 

^)  Ebenda  Rahmen  I;  10  P.  97,  Z. 

S)  Ebenda  Rahmen  II  (hieratisch)  ;   167,  P. 

7)  Ebenda  Rahmen  YIII;  17  P.  47,  Z. 

8)  Ebenda  Rahmen  XIV  (hieratisch);  21  P.  57,  Z. 

^)  St.  Martin,  Joum.  d.  Savants  1822  S.  555  f.;  er  ist  geschriebeo 
113  V.  Chr.     Lange  167,  F. 

'^)  Von  Madame  d*Orbiney  nach  Europa  gebracht;  Ebers,  Âegypten  a.  d. 
Bûcher  Mose't»,  S.  13. 


—  L&nge  der  Bûcher.  —  131 

messer  des  Cylinderdurchschnitts  der  Rolle  braucht  dann  nur  etwa 
9  Centâmeter  betragen  zu  haben  und  sie  war  also  auch  dann  noch 
sicher  und  bequem  zu  halten.  Das  grossie  Papyrusbuch  aber,  von 
dem  ich  Kenntniss  habe,  geht  noch  weit  ûber  diesen  Ansatz  hinaus; 
es  ist  der  von  Harris  in  Theben  gekaufte  complète  hieratische 
Papyrus,  dessen  Gresammtlânge  aufgerollt  auf  nicht  weniger  als  144 
en^  Fuss  angegeben  wird,  das  sind  fast  4373  Meter^).  Er  wûrde 
im  Stande  sein  die  gesammte  Odyssée  aufzunehmen^.  £in 
solcher  Umfang  war  indess  in  denjenigen  Zeiten  des  Alterthums,  von 
denen  wir  reden,  augenscheinlich  eine  Seltenheit. 

Bestand  non  aber  wirklich  eine  Grenze  des  Moglichen  oder  des 
Ueblichen  fur  den  Rollenumfang,  so  war  dieselbe  fur  grôssere  Werke 
nothwendig  ein  Anlass  zur  Theilung;  in  den  mittelalterlichen  Ab- 
schriften  aber  werden  uns  dièse  Werke  eben  in  der  bekannten 
Buchtheilung  \orgelegt;  es  wâre  danach  in  der  That  schwer  Tor- 
stellbar,  dass  bel  der  ersten  Edition  der  Werke  von  dieser  Buch- 
theilung die  Rollentheilung  verschieden  gewesen  sein,  neben  ihr 
hergegangen  sein,  sie  durchkreuzt  haben  soUte.  Die  Bedenken  wûrden 
sehr  gewichtig  sein  mûssen,  die  ims  hindem  kônnten,  fur  die  Zeiten, 
welche  sich  uns  im  vongen  Eapitel  abgegrenzt  haben,  der  Anweisung 
der  Terminologie  streng  folgend,  fiifiXloy  und  liber  durchgângig  als 
Rolle  zu  yerstehen  mit  allen  den  Consequenzen,  die  sich  hieraus 
ergeben. 

Nur  ein  Einwand  ist  es,  der  sich  dem  achtsamen  Bewimderer 
der  alten  Litteratur  sogleich  erheben  wird:  jene  Bûcher,  die  wlr 
lesen,  stellen  sich  uns  nicht  wirklich  als  âusserliche  Raumeinschnitte 
dar:  es  scheinen  Sachtheile  zu  sein,  organisch  zusammenwirkende 
Glieder  eines  Ganzen,  das  Résultat  eines  Dispositionsvermogens,  an 
dessen  yorbildlicher  Yortrefflichkeit  sich  die  ganze  nachclassische 
Schriftstellerei  nachahmend  geûbt  hat  imd  weiter  ûbt.  Sollen  wir 
uns  in  unserer  Yorstellung  dièse  Sinnabschnitte  so  verâusserlichen  ? 


*)  VgL  Chabas,  Papyrus  magique  HarrU  S.  2.  Parthey,  ÂbhdL  Berl. 
Akad.  ISeô  S.  110.     Ebers  a.  a.  O. 

*)  Auf  der  Geaammtl&nge  43  m  46  liessen  sich  310  Columnen  zu  je 
14  Centimeter  Breite  schreiben,  jede  za  40  Zeilen;  dies  erg&be  12  400  Zeilen: 
die  Odyisee  aber  h&lt  deren  12  110.  —  Mehr  L&ngenmasse  s.  Kap.  IX. 

9* 


232  —  ^'^  ^^^^  '^  Tr&ger  der  Schriftwerke.  — 

Und  konnten  sîe  wirklich  einer  so  âusserlichen  NothiguBg  ihre  £nt- 
stehung  verdanken? 

Nicht  ausreichend,  um  uns  Ton  onserer  Yoraussetzang  abzn- 
bringen,  îst  dieser  £inwurf  dagegen  sehr  geeignet,  uns  das  Yerdienst 
der  Dispositîonskunst  der  Alten  in  noch  deutlicherem  und  glanzen- 
derem  Lichte  zu  zeigen. 

Die  Papierfabriken   lieferten   den  Griechen  und   Rômem  nicht 
nur,  wie  die  unsrigen,  lose  Blâtter  oder  Bôgen,   sondem   die  toII- 
standigen  Buchrollen  selbst^),  die  also  fix  und  fertig,   doch  unbe- 
schrieben  auf  den  Inhalt  harrten,  den  der  Autor  fur  sie  bestimmen 
wûrde.     Nach  dem  Maximalumfang  der  Rollen,  wie  sie  die  Fabriken 
lieferten,  musste  sich  somit  jeder  Autor  richten,  und  an  denjenigen, 
welcher  mehr  ediren  wollte  als  eine   Monographie,    trat  in   dieser 
Gestalt  der  Zwang  der  Raumtbeilung  nothwendig  heran.     Der  Be- 
handlung  dièses  Zwanges  war  keineswegs  jeder  i^  gleichem  Grade 
gewachsen.    Jedes  Werk,  das  auch  nur  einen  geringen  Ansprucb  «if 
Yerdienst,  den  auf  Lesbarkeit  erheben  wollte,  musste  seinem  Léser 
den  Uebergang  von  einer  Rolle  zur  anderen  moglichst  zu  erleicbtem 
sucben.     War  eine  Rolle  zu  Ende,  so  musste  sich  der  Léser  nicht 
mitten  in   einem  Gegenstand  unterbrochen  sehen,  griff  er  zu  einer 
neuen,  so  musste,  um  ihn  in  die  Fortsetzung  des  Gregenstandes  eiu- 
zufûhren,    seinem   Gedâchtnisse    moglichst    wenig    zugemuthet  sein. 
Die  Ruhepunkte  oder  Hôhepunkte  der  ErzâhluDg,  die  Ergebnisse  der 
Erôrtenmg  gehôrten  nach  Môglichkeit  an  jedes  Buchende;  die  Bûcher 
mussten,  zu  untergeordueten  Eiuheiten  erhoben,  nach  Môglichkeit  den 
Charakter  des  Insicbgcschlosseneu  tragen.     Dièse  Aufgabe  war  um 
so  schwerer,  falls,  wie  sich  im  Yerlaufe  zeigen  wird,   der  Rollen* 
umfaog  diesseits  des  ûberhaupt  môglichen  Maximums  nicht,  so,  wie 
es  in  jedem  Fall  passte,  beliebig  klein  oder  beliebig  gross  angesetzt 


^)  Dies  ergiebt  sich  Yor  allem  aus  dem  Fabrikalionsberichte  des  Plinios, 
ûber  den  unten  das  Kapitel  V  ausfQhrlich  handeln  wird.  Es  sind  dies  die 
libri  nondum  perscriptif  Ûber  die  &U  Gegenstand  eines  Legates  Ulpian  redet 
(Dig.  XXXII  52,  5),  neben  die  er  dann  die  libri  scribi  coepti,  endlich  die  libri 
perscripti  nondam  malleati  vel  omati  stellt  (s.  S.  38).  Auch  Cassiodor  redet 
80  von  leeren  volumina  (oben  S.  103).  Dies  sind  die  ckartae  regitte  novae 
libri  des  Suffenus  (S.  69). 


—  Die  Disposition  nach  Bûchera.  —  J33 

srden  konnte.  Die  Aufgabe  war  somit  speciell  dem  kûnstlerîschen 
erstande  des  Autors  gestellt,  und  sie  bestand  darin,  worin  ûber- 
upt  das  Wesen  der  Kunst  liegt,  gegebene  âussere  Umstânde  aus 
lem  Hindemiss  in  Zweckdienlichkeit  und  Yortheil  zu  verwandeln 
id  ihrer  Zufalligkeit  den  Gegenstand  in  der  Weise  zu  accomodiren, 
sSy  wer  das  Werk  vollendet  sieht,  den  Eindruck  des  Nothwen- 
gen  erhâlt 

Frontin  stellte  in  seinen  drei  Bûchem  Strategemata  Kriegslisten 
n  Feldherren  zusammen:  die  Beispiele  des  ersten  Bûches  sind  auf 
e  Yorbereitung  der  Schlacht  bezûglich,  die  des  zweiten  dagegen 
f  Schlacht  und  Friedensschluss,  die  des  dritten  auf  Belagerung; 
ese  Disposition  giebt  Frontin  selber,  und  er  fingirt  dabei  sogar, 
s  Buchtheilung  nur  um  des  Sachunterschiedes  willen  Yorzunehmen: 
o  magis  autem  discreta  (se.  exemplà)  ad  rerum  varietatem  apte  coUo- 
rentur,  in  très  lïbros  ea  diduximits.  in  primo  erunt  exempla  quae  eqs. 
ier  war  also  die  Stoffvertheilung  noch  leichte  Arbeit;  leicht  auch 
nss  sich  dem  Plinius  fur  seine  Naturgeschichte  das  Material  gnip- 
ct  haben:  so  handelt  eine  Rolle  von  der  Natur  des  Menschen  (VII), 
ne  von  den  Landthieren  (VIEI),  eine  andere  von  den  Fischen, 
.eder  eine  von  den  Vôgeln,  eine  vom  Ackerbau  u.  s.  f.  ;  mitunter 
iilich,  wie  bei  der  Géographie,  welche  vier  Bûcher  fiillt  (IH — VI), 
irde  es  nothig  von  diesem  einfachen  Verfahren  abzusehen  ;  bei  den 
«i  Rollen  der  medicinae  ex  animalibus  XXVm,  XXIX  und  XXX 
ird  der  Léser  durch  abschweifende  Proômien  ausgesôhnt.  Besonders 
ir  Varro  ein  Meister  dieser  Dispositionskunst.  So  zerfielen  seine 
ntiqwtatea  in  25  Bûcher  rerum  humanarum  und  in  16  Bûcher  rerum 
vmarum:  erstere  theilten  sich  wieder  in  vier  Hexaden  gesonderten 
haltes,  die  letzteren  in  fûnf  Triaden,  wozu  hier  wie  dort  noch  je 
a  Einleitungsbuch  hinzukam:  aber  auch  jedes  Einzelbuch  dieser 
eineren  Gruppen  hatte  wieder  seinen  abgesonderten  Inhalt,  und  die 
»  Rollen  der  res  divinae  waren  also,  um  ein  Beispiel  zu  geben,  nach 
Igendem  Schéma  angefûllt  ^)  :  Erste  Trias  De  haminibus  (Buch  1  de 
mtificibuSy  2  de  auguribus,  3  de  quindecim  viris),  zweite  Trias  De 
m   (Buch  4  de  saceUis,   5  de  sacris  aedibuB,  6  de  hcis  reUgiom)^ 


^)  Aagastinus  De  cirit.  dei  VI  4. 


134  —  ^^^  ^^^  ^  Trftger  der  Schriftwerke.  — 

dritte  Trias  De  temporibus  (Buch  7  de  feriùy  8  de  ïudis  circengibuê, 
9  de  scaenicis),  vierte  Trias  De  sacris  (Buch  10  de  consecratiomibui, 
\l  de  sacris  privatis,  12  de  sacris  pttblicis)^  endlicb  fânfte  Trias  De 
diie  (Buch  13  de  dHs  certis,  14  incertiSy  15  praecipuis  atque  seiectis), 
Ganz  in  derselben  Weise  brachte  Yarro  auch  in  seinem  Werk  de  Hngua 
latina  die  einzelnen  Bûcher,  indem  er  sie  ausserdem  symmetrisch  zn 
Untergruppen  zusammenordnete,  zu  selbstândiger  Greltung.  Bie  ângst- 
liche  Sorgfalt,  mit  der  Yarro  selbst  in  diesen  Bûchem  wieder  und 
wieder  auf  die  Gesammtdisposition  hinweist  (vgl.  Y  1;  VI  97;  YII  5; 
Yn  110;  Yin  24),  zeigt  an,  dass  die  Yerselbstândigung  derselben  so 
gut  gelungen  war,  dass  an  ibren  Zweck  als  Theile  erinnert  werden 
musste. 

Yor  allem  mussten  sicb  zu  solchem  Yerselbstândigen  der  Bûcher 
Schriften  systematisch  lehrhaften  Charakters  eignen.     Die  Enge  der 
Rolle  konnte  dann  freilich  fur  gewisse  Theile  Auslassungen  oder  eine 
grossere  Enappheit  der  Fassung  herrorrufen,  als  sachgemâss  scheint 
Reichte  umgekehrt   der  Stoff  nicht,   so  halfen  Excurse.     So  zerfallt 
die    epikureische    Lehre    beim   Lukrez   in    sechs  Eapitel    zu   sechs 
Bûchem,   gewiss   nicht  erst  nach  der  Eintheilung  Cicero's,   der  die 
Textesanordnung  dieser  Bûcher  besorgte  :  das  erste  distinguirt  Materie 
und  leeren  Raum,  das  zweite  zerlegt  die  Materie  in  die  Atome,  das 
dritte  giebt  die  materialistische  Psychologie,  das  vierte  die  Erkennt- 
nisslehre,  das  fûnfte  die  Eosmologie  bis  zum  Menschen  herab,  das 
letzte  fugt  eine  Besprechung  des  Naturwidrigen  und  der  mirabilia  an. 
Scheint  dièse  Darstellung  ôfters  aphoristisch,  so  war  dazu  vornehm- 
lich    der   Raumzwang   Anlass.     Yier   Theile    der    Landwirthschait, 
Ackerbau,  Baumzucht,  Yiehzucht,  Bienenzucht,  gab  Yergil   in  vier 
leichten  Rollen*  gleicher  Grosse   seinen  Rômem   zu  lesen;    mit  der 
Gallus-  oder  Orpheusepisode  half  er  in  der  vierten  dem  mangelnden 
Lehrstoff  nach.   Glûcklich  auch  war  Cicero,  wenn  er  „ûber  die  Gôtter** 
handelnd  die  Lehren  des  Kepos,  der  Stoa  und  der  Akademie  auf 
drei  Rollen  vertheilte,  wenn  seine  drei  Rollen  „Yom  Redner^  die  drei 
Aufgaben  der  Yorbereitung  des  Redners,  der  Stoff behandlung  und 
des  kûnstlerischen  Yortrages  unterscheiden;  so  giebt  derselbe  Cicero 
fur  seine  funf  Tuskulanen   ûber   die  res  ad  béate  vivendum  maxime 
necessariae  gelegentlich  selbst  die  Disposition  an,  De  divin.  Il  2  ;   es 


—  Disposition  systematiscber,  historischer  Schriften.  —  J35 

haadeln  I  de  cantemnenda  morte,  H  de  tolerando  doïore,  III  de  aegri- 
tudine  îenienda,  FV  de  reUguis  anhni  perturbationibu8 ,  V  virtuteni  se 
^ia  esse  eontentam. 

Fût  Bolche  Sachtheile,  wie  die  besprochenen,  war  die  râuinlicbe 
Separirung  geradezu  ein  Yortbeil.  Nicht  in  dernselben  Grade  kam 
die  Buchform  der  rein  erzahlenden  Schriftstellerei  zu  gute.  Die 
Continuitât  der  Ereignisse,  eine  Mebrbeit  von  Endpunkten  aus- 
8chlie8send,  ergab  hochstens  hie  und  da  Ruhepunkte  in  der  Erzâh- 
Jung.  Eine  solche  Vertheilung,  wie  in  der  Bibliothek  des  Diodor, 
wo  die  Gescbichte  Aegypten's,  die  Asien's,  die  Afrika's,  die  der  Insein 
u.  s.  f.  je  einer  Rolle  zufallt,  bot  sicb  nicbt  immer  und  es  bat  ibre 
Ausfubrung  dem  Diodor  nicbt  einmal  ganz  gelingen  wollen  (ygl. 
unten  Kap.VI).  Dies  Princip  xarà  /époç  bezeicbnet  er  ausdrucklicb 
im  Yorwort  des  fiînften  Bucbes  als  dem  Epboros  entnommen;  bei- 
spielshalber  yerdient  bier  die  tecbniscbe  Erwâgung  Diodor's  zu  Anfang 
eeînes  secbzebnten  Bucbes  angefûbrt  zu  werden:  er  will  in  diesem 
Einzelbucb  die  Gescbicbte  des  Pbilippos  complet  geben  und  be- 
grûndet  dies  folgendermassen:  „es  geziemt  sicb  in  allen  Gescbicbts- 
werken,  dass  die  Yerfasser  in  den  Bûcbern  die  Aktionen  der 
Staaten  oder  der  Eônige  vollstândig  Yon  Anfang  bis  Ende  um- 
fasaen  :  denn  so  wird  die  Erzâblung  fur  die  Léser  sicb  am  leicbtesten 
einprigen  imd  am  klarsten  sein:  denn  Biîcber  mit  balbfertigen 
Aktionen,  bei  denen  zu  dem  Anfang  die  weitere  Fortsetzung  feblt, 
unterbrecben  die  Begierde  des  Lesers  mitten  im  Eifer,  diejenigen 
dagegen,  welcbe  den  Bericbt  zusammenbângend  bis  zum  Scbluss 
nmfiasBen,  geben  Yon  den  Aktionen  eine  voUstândige  Darstellung. 
Wenn  die  Natur  des  Gegenstandes  bierbei  die  Scbriftsteller  aber 
nocb  besonders  begûnstigt,  alsdann  dûrfen  sie  um  so  weniger  von 
dieser  Aufgabe  ablassen.  Darum  wollen  denn  aucb  wir,  indem  wir 
zn  den  Aktionen  Pbilipp^s  gelangen,  seine  Tbaten  in  diesem  Bucbe 
zusammenfassen^  ^). 


^)  Diod.  16  init.:  iv  nricatç  fiiv  ralç  Unoçtxaiç  nçocy/Ltimiaiç  xa&^xit 
toèç  cvyyçatpêïç  Tuçtka/nfiâyity  iv  laîç  fiifikoiç  $  nôlitay  fj  fiaatXétay  nçâ^uç 
aètotêkiïç  éin'  àçx^ç  fiixQ^  ^ov  riXovç'  otmo  yàç  fÂCtlêCra  dtaXa/upâyofÀêy 
jijy  Unoçiay  tvfivfifAÔyivroy  xaî  aaqrt  ytvio^ah  rolç  àyayêyyœ<ncowr$y'  al  /nèy 
yttQ  iifitTtXâïç  nçâ^itç*  ovx  fy^vaat  (rvyi/èç  tuÏç  «qx^îç  to  nÎQaç,  /maokafiovc 


136  ~~  ^**  ^^^^  <^^  Trhger  der  Schriftwerke.  — 

Das  Vorzûglichste  hat  in  dieser  Art  yielleicht  Appian  in  semer 
romischen  Geschichte  geleistet:  in  jedem  Bnch  ist  es  ein  anderef 
Yolk,  desBen  Unterwerfung  hier  erzâhlt  wurde,  yier  weitere  gaben 
die  vier  Burgerkriege,  das  letzte  sollte  die  Anfirichtung  des  Eaiser- 
thumes  entbalten;  doch  wurde  der  Plan  nachtrâglich  noch  erweitert^). 

Polybios  befolgt  dagegen  nachweislich  kein  Prînzip,  es  sei  denn 
das  âusserlicbe,  vom  Buch  YII  ab  je  zwei  Jahre  in  einem  Bûche 
zu  absolviren,  d.  h.  je  eine  Olympiade  in  deren  zweien,  und  nor 
die  Oljmpiadenanfange  (B.  IX,  XI,  XTN^  erhalten  hier  besondere 
Proomien^).  Auf  das  Riesenwerk  des  Livius  war  nicht  einmal  dièses 
Princip.  anwendbar;  die  Bûcher  desselben  umfEtôsen  sehr  yerschiedene 
Zeitrâume.  Es  entstand  in  mehreren  Absatzen,  nnd  sein  Yerfiasser 
sah  selbst  nicht  voraus,  wie  viel  Rollen  er  fur  einen  kûnftigen  Theil 
nothig  haben  wurde;  denn  er  yerwundert  sich,  dass  ihm  die  drei- 
undsechzig  Jahre  Yom  ersten  bis  zum  zweiten  pimischen  Eriege 
ebenso  viele  Rollen  eingenonimen  haben,  als  die  yierhundertsîeben- 
undachtzig  Jahre  der  Yoraufgehenden  Zeit  und  erschrickt  Yor  dem 
noch  unbestimmbaren  Umfang  des  nun  Folgenden  (XXXI,  1,  3). 
Innerhalb  der  einzelnen  Stoffmassen  hat  LIyIus  nach  den  schonen 
Nachweisungen  Nissen's')   in  der  StofFvertheilung  ein  hohes  kûnst- 


rrjv  irn^vfAiav  rtay  (ftXayayyfûOTOvyTœy,  ai  dt  to  r^  ditiy^ftoç  cvyêXH  TifQt» 
Xit^fiâyovaaê  f^fXQ^  ^^^  Tékêvj^ç,  ilntjQuafÂéytjy  r^y  rtoy  nQa^ëiay  fj^ovatr 
dnayyikiay.  oray  â*  fj  (pvctç  avnj  này  7iQaj(d'iyTa}y  cvyfçyg  roîç  cvyyçaifêvin, 
TOT*  r,âfi  naynkfSç  ovx  ànocxarioy  ravtfjç  i^  ngoa^çécuaç,  dtàneç  xai  ^fiéiç 
naçoyriç  im  mç  *PiUnnov  rov  ^AfAvyiou  nçâ^itç  TiiêQaaôfÂêd'a  rovrfi  r^ 
fiaatXil  Ta  riQu^d-éyra  n€ç$kafiêly  iy  ravrp  rg  fiifil^.  Die  notirte  Stelle 
acheint  verderbt;  man  erwartet  fiifikot  ala  Subjekt;  jetzt  sind  im  zweiten  Sati- 
tbeil  zu  ai  dt  auch  die  nçû^êtç  zu  erg&nzen,  die  dann  aber  717^  n5y  ngâ^êoiv 
ànayyiliay  enthalten  sollen.  Man  erwartet:  ai  fiiy  yàç  i/n$nlêïç  nça^aç 
ïlj(ovca&  fiifikot  ovx  fj(ovcat  <s,  r.  a.  70  niqaç  fiêcokapovm  xrk, 

^)  Vgl.  den  Plan  bei  Appian  prooem.  14  und  Sckweigh&user,  Op.  mcad. 
II  S.  15  f.;  Hannak,  Appian  u.  s.  Quellen,  S.  2  f.;  Mendelaohn  éd.  App. 
I  8.  V  f. 

^  Nissen,  Rhein.  Mus.  26  S.  260,  der  daseibst  S.  280  den  Gesamint- 
inhalt  auf  die  40  Bflcber  Tertheilt.  Ausnahmen  sind  Buch  XIV  mit  nur  emem 
Jabr,  ebenso  XV;  XII  bandelt  niçt  Icroçiaç,  XXXIV  ist  geog^pbisch,  XL  ent- 
hielt  nach  Nissen  einen  Generalindez. 

3)  Xissen,  Rhein.  Mus.  27  S.  548  ff. 


—  Polybios,  Livias,  Tacitus.  —  137 

leriscbes  Talent  bekundet;  als  Glieder  dieser  Dispositioiieû  reichten 
aber  Einzebrollen  meist  nicht  aus,  sondem  sie  bestehen  ôfter  aus 
BucbtriadeDy  -tetraden,  -pentaden  oder  -dekaden,  innerhalb  deren  die 
£inzebx)lle  keîne  Selbstandigkeit  gewinnt  (ygl.  Liy.  X  31:  Samnitium 
beOa,  quae  continua  per  quartum  iam  volumen  , . .  agimus),  auch  nîcbt 
ehunal  mit  dem  Jahresscbluss  scbliesst^).  Auffallend  ist  dabei  be- 
•onders  der  Yon  Nissen  wabrgenommene  ganz  scbematische  Parallelis- 
muSy  mit  welcbem  Livius  in  Rollen,  deren  Bezifferung  zu  einander 
stimmte,  die  Laudationen  seiner  Helden  anscheinend  sicb  entsprecben 
liess').  Tacitus  bat  dagegen  die  selbstândige  Geltung  des  Einzel- 
bacbes  zu  beben  gewusst:  die  Bûcbereinscbnitte  sind  bei  ihm  nicbt 
auf  die  Jabresanfânge,  sondem  auf  entscbeidende  Wendepunkte  und 
grosse  Elatastropben  gelegt,  so  dass  die  Bûcber  in  sicb  organiscbe 
Ganze  bilden  imd  der  Léser,  die  Rolle  schliessend,  sicb  yon  einem 
gewaltigen  Eindruck  zur  Rube  und  Sammlung  zurûckziebt  um  ibn 
ganz  auszuempfinden  und  seine  Empfânglicbkeit  fur  das  folgende 
Bucb  zu  emeuen.  So  scbliesst  das  elfte  mit  dem  Tode  Messalina^s, 
daa  zwôlfte  mit  dem  des  Claudius;   das  vierzebnte  stellt  die   ent- 


')  Nissen  S.  551  :  „yielmehr  werden  (in  diesen  Gruppen)  die  fiûcher  Ausser- 
lich  wîe  Glieder  einer  Kette  dadarch  zusammengeschloasen,  dass  die  Jahre  von 
dem  einen  in  das  andere  flbergreifen." 

')  Nissen  8.  554:  ^Philippos,  der  feindliche,  an  seinen  Kindern  so 
forehibar  heimgesucbte  KOnig,  dem  es  weder  rergOnnt  war,  die  Erftkliung  seiner 
Pline  zn  sehauen,  nocb  su  sQhnen,  was  er  verbrocben,  stirbt  XL;  10  Bûcher 
sp&ter  Massinissa,  der  treue  Verbûndete,  dem  seine  Tugenden  Xindersegen 
und  aller  Wûnsehe  Vollendang  verliehen  hatten.  Die  Cbarakteriatik  der  drei 
grOssten  M&nner  ihrer  Zeit,  die  aile  drei  einen  Tod  fanden,  welcher  ihren 
Verdiensten  nicht  entsprach,  steht  XXXIX;  20  BQcher  sp&ter  wird  der  zweite 
Sdpio  Africanos  dnrch  Mencheimord  dahingerafiFt.  C.  Gracchns,  der  démo- 
kratîsehe  Reyolution&r,  welcher  die  Bûrger  zur  Gewalt  trieb  gegen  ihre  Mit- 
bûrger,  flUlt  LXI,  Livius  Drusus,  der  conserTatire  Revolutionâr,  der  den  Bundes- 
genossenkrieg  entfachte,  zugleich  der  Sohn  von  C.  Gracchus'  Gegner,  LXXI. 
Ifaiios  stirbt  LXXX,  SuUa  XC.  Die  letzten  Republikaner  stfirzen  in's  eigene 
Schwert:  Cato  CXIV,  Brutus  CXXIV.  Der  Tod  ron  Sertorius  XCVI,  Crassus 
CVIy  C&sar  CXVI  bietet  zahlreiche  Vergleichungspunkte  dar.  Wenn  Pompeius 
CXII  am  Agyptischen  Strand  rerblutet,  so  mochte  Mancher  wohl  zurfickdenken 
an  das  Ende  des  geftlrchteten  GrosskOnigs  Mithridat,  den  jener  geb&ndigt, 
imd  solches  war  Cil  zu  lesen." 


138  —  ^*>  Bach  als  Trhg»  der  8chrîftw«rke.  — 

scheideDde  Wendung  in  Nero^s  Leben  dar,  anbebend  mit  dem  Mutter^ 
mord,  abschliessend  mit  dem  Mord  der  Gattin;  das  fun£Eehnte  endet 
mit  der  Pisoniscben  Yerscbwonmg,  das  secbzehnte  schloss  das  Ganxe 
mit  Nero's  UntergaDg').  So  setzte  Tacitus  im  sechsten  Bach  ab 
Dach  Tiberius^  Tod,  im  fûnften  ^ohl  ohne  Zweifel  nach  dem  Ston 
Sejan's  ').  Dasselbe  intendirten  dann  auch  weiter  des  Tacitus  Nach- 
folger,  doch  oftmals  mit  geringerem  Gluck,  so  Ytie  beim  Orofliui 
der  Uebergang  von  Buch  Y  zu  YI  eine  Zerreissung  des  Stoffes  mit 
sich  fuhrte*). 

Fur  den  epischen  Dicbter  stellte  sich  die  Aufgabe  nicht  anden 
als  fur  den  Historiker.     Auch  Silius,  auch  Lucan  erzâhlen  rômisdie 
Geschichte;  auch  sie  begnûgen  sich  im  besten  Fall,   die  Handlang 
am    Buchschluss    einen   nôhepimkt   erreichen    zu    lassen,    wie  mit 
Pompeius'  Tod  im  achteu  Buch  der  Pharsalia*).     Ovid   hatte  dies 
fur  die  fûnfzehn  Rolleu  seiuer  „Yerwandlungen"  am  wenigsten  nôthig, 
da    ein    zielloser,    unerschôpflicher  Fluss  des  Erzâhlens    yod  einer 
Fabel    zur   anderen    der   Hauptreiz    des   wundervollen    Werkes  ist 
Yergil  hat,  indem  er  in  sechs  Bûchem  die  Odyssée,  in  gleich  Tieles 
die  Dias  nachahmte^),  eine  zweckmâssige  Theilung  erreicht  und  den 
Einzelbûchem  durch  Schildbeschreibung,  Truppenkatalog  (YIII  U.VII) 
oder  durch  den  Tod  eines  Helden  (lY,  Dido;  X,  Lausus  und  Me- 
zentius;  XII  Turnus)  oder  durch  das  Einsetzen  der  Nacht  (XI)  guten 
Abschluss  verliehen;  fast  monobiblischen  Werth  hat  sein  zweites  a- 
reicht,   demnâchst  auch  das  vierte  und  sechste.     Apuleius  liebt  es, 
in  seinen  „Yerwandlungen"  mit  dem  Eintritt  der  Nacht  von  seinem 
Léser    Abschied    zu    nehmen.      Dahingegen    leidet    ein    minder  ge- 
schickter  Schriftsteller  wie  Juvencus  noch  sichtlich  unter  dem  Z'wang 
der  Buchtheilung"). 

Yerrâth  sich  hiemach  allerdings  schon  in  der  erzâhlenden  Litte- 


^)  Gegeben  nach  Nipperdey,  Tac.  Annal.  Einl.  S.  XXXV. 

^  Nipperdey  «u  Annal.  V  2. 

')  Ygl.  Ebert,  Litt.  des  Mittelalters  I  S.  325. 

^)  Silius  hat   B.  X  den  Tod   des  Panllus  nicht  &hnHch  sa  nntxen  rer- 
standen. 

*)  Vgl,  Seryius  Aen.  VII  init. 

^)  Vgl.  Ebers,  Gesch.  d.  Litteratur  des  Mittelalters  I  S.  214. 


—  Die  Buchtheîlung  ein  ftusserlicher  Zwang.  —  ]39 

ntar  die  Bucbtheilung  vielfach  als  ein  âusserlicher  Zwang,  so  ist 
dieser  Zwang  noch  besonders  leicbt  an  manchen  der  lebrbaften  Werke 
wahrznnehmen.  Drei  Dialoge  giebt  Cicero  in  seiner  Scbrift  De  finibus: 
âber  nur  fur  den  dritten  (Bucb  Y)  reicbte  er  ans  mit  einem  Bucbe. 
Zweitbeilig  ist^  erst  an  Mânner,  dann  an  Frauen  gericbtet,  des  Ovid 
An  amatoria:  aber  der  Dicbter  batte  den  Mânner d  zu  yiel  zu  sagen, 
imd  80  braucbte  er  drei  Rollen  statt  zweier.  Haben  allerdings  in 
des  Celsus  Medicina  die  meisten  Bûcber  selbstândige  Aufgaben,  so  sind 
dagegen  Bucb  UL  und  lY  inbaltlicb  eins.  Die  Disposition,  die  Quin- 
tilian  selbst  (I  prooem.  21)  fur  seine  Institutio  oratoria  giebt,  bedingte 
lachlicb  nicbt  wirklicb  zwolf,  sondern  nur  fiînf  Bûcber.  In  Strabo's 
Srdbescbreibung  gelingt  es  nur  wie  zufâllig,  ein  Land  in  einem  Bucb 
sa  isoliren  (III  Spanien),  sonst  werden  mebrere  Gebiete  vereinigt 
(so  rV,  VII,  XVII),  oder  aber  ein  Gebiet  auf  mebrere  Bûcber  ver- 
theilt  (Italien  V  und  VI,  Griecbenland  VHI,  EX  und  X,  Eleinasien 
Xn,  Xin,  XIV).  Besser  glûckte  dem  Pausanias  seine  Periegese 
durch  Griecbenland;  es  gelang  ibm,  acbt  Landscbaften  in  acbt  Bûcbern 
Jkbzohandeln;  allein  die  zu  umfangreicben  eliscben  Altertbûmer  bat 
er  in  einem  Bucb  beisammenzulassen  nicbt  yermocht. 

Am  allerwenigsten  aber  entspricbt  Abtbeiluug  in  Bûcher  wobl 
dem  Charakter  einer  Rede!  Wenn  Cicero  wider  den  Verres  fûnf 
Rollen  bindurcb  spricbt,  so  ist  die  Bucbeinbeit  bier  gewiss  am 
sllerwenigstens  au  s  sacblicber  Notbigung  aufgegeben. 

Solcber  Falle  liessen  sicb  nocb  mancbe  anreiben.  Aber  wie 
kÔnnte  hier  im  Vorûbergehen  auch  nur  versucht  werden  ein  Thema 
su  erschôpfen,  das  unerschopflich  ist?  Mochte  man  nur  sicb  ûber- 
xeugt  haben,  dass  es  zur  wirklicbcn  Wûrdigung  jedes  einzelnen 
Autors  erstes  Augenmerk  sein  muss,  den  Arbeitsaufwand  nachzu- 
weisen,  den  er  auf  die  Anbequemung  seines  Stoffes  an  die  so  râum- 
licb  beschrankte,  antike  Bucbform  verwandt  bat.  Uns  kommt  es 
hier  lediglicb  darauf  an,  das  antike  Bucb  selbst  in  seiner  râumlichen 
Natur  an  seinen  Wirkungen  zu  erkennen,  imd  wir  fragen:  was  anders 
hat  in  allen  denjenigen  Fâllen,  wo  die  Bucbtheilung  nicht  aus  der 
Disposition  organisch  bervorging,  zu  diesen  Tbeilungen  der  Anlass 
sein  kônnen,  aïs  die  âusserlichste  Raumnoth,  die  dem  Schreibenden 
den  Buchschluss  abnôthigte? 


140  —  ^'^  ^"^^  "^  Trftger  der  Schriftwerke.  — 

Den  einleuchtendsten  Beleg  geben  hierfûr  ûbrîgens  noch  die- 
jenigen  Schriftwerke,  die  nicht  eigentlich  selbst  mehr  zur  Littentar 
gehôren  iind  in  deren  Wesen  es  liegt,  dass  sie  einer  Disposition 
entbehren  massen:  jene  Commentare,  in  denen  DidymoB  und  seines 
gleicben  durcb  viele  Bûcher  hindurch  den  Text  berûhmter  Wcrke 
.  der  Litteratur  durcherklârten.  Zu  dem  einen  Buch  der  Cantica  cantî- 
corum  zog  sich  se  des  Origenes  Commentar  dorch  zehn*),  znm 
Johanneseyangelium  durch  ûber  dreissig,  zum  Matthaeus  durch  vier- 
undzwanzig  Volumina^,  der  des  Hieronymus  zum  Ezechiel,  zun 
Jesaias  durch  deren  yierzehn  und  achtzehn  u.  s.  f. 

Und  die  alphabetisch  anordnende  Lexikographie  war  womôgiich 
noch  âusserlicher  zu  verfahren  gezwungen:  etwa  sechzig  Rollea 
brauchte  Stephanos  von  Byzanz  fur  seine  Sammlung  der  ^Eâvm, 
Zopyrion  und  Pamphilos  brauchten  funfundneunzig');  wenn  sich  die 
mittelalterliche  Epitome  des  Festus  einfach  nach  den  neunzehn  Buch- 
staben  in  neunzehn  sehr  ungleiche  Bûcher  eintheilt,  se  hebt  Festos 
selbst  dagegen  z.  B.  mitten  im  Buchstaben  M  sein  dreizehntes  Bach 
an,  innerhalb  des  siebzehnten  macht  er  den  Uebergang  Yom  Q  zum  B, 
und  beim  Yerrius  Flaccus  zerfiel  ein  einzelner  Buchstabe  wie  das  F 
auf  mindestens  fûnf  Yolumina,  so  dass  die  Gesammtbuchzahl  seiner 
Sammlung  môglicherweise  hoch  genug  stieg  um  dem  Pamphilos  sein 
Vorbild  zu  geben*). 

So  viel  Yorlâufig  ûber  das  Buch  der  Alten  in  seinem  Yerhâltoiss 
zum  Gesammtwerk.  Der  fleissige  Léser,  der  Yon  einem  zum  andern 
weiter  griff,  konnte  sich  ûber  die  Reihenfolge  der  Rollen  hinlânglich 
durch  die  Aufschrift  der  aiXXvfiot  Yersichem.  Solch  hâufiger  Bucb- 
wechsel  aber  mit  der  nothwendig  ablenkenden  Lesepause,  die  er  mit 
sich  brachte,  war  fur  die  Lektiire  nachtheilig;  die  zu  £nde  gelesene 
RoUe  woUte  fest  gerollt,   geschlossen  und  sorgsam  bei  Seite  gelcgt 


^)  Vgl.  Hieron.  praef.  in  Homiiiaa  Origenid. 

^)  Hieron.  comm.  Matth.  praef.  Hieronymus  selbst  braucht  hier  4  Bûcher. 
Zu  dem  einen  Qalaterbrief  schrieb  Origenes  5  Yolumina  (Hieron.  comnL 
Gaiat.  prol.). 

')  Suidas  s.  nafiffhkoç  \  s.  J&oy€yuty6ç  ht  die  Zahl  405  doch  wohl  oormpt. 

*)  Der  Husserliche  Charakter  der  Buchtheiiung  der  Xé^tç  ist  Ton  H.  Weber 
Philol.  III.  Supplementband,  1867,  S.  47ôf.  nicht  genflgend  in  Betracht  getogeo. 


—  ProOmien  der  RoUen.  —  3141 

un  y  beyor  man  die  folgende  aus  dem  Bord  ziehen,  ihres  Mantels 
Btledigen  und  aufblâttem  konnte,  wobei  immerhin  ein  Sklave  be- 
ilflich  gewesen  sein  mag.  Ueberdies  war  es  wûnschenswerth,  dass 
în  Buch  gelegentlich  auch,  aus  den  umstehenden  herausgegriffen, 
ich  selbstandig  lesen  Hess  und  yerstândlich  blieb.  Darum  lag  den 
Ichriftstellem  Yor  Allem  eine  Fassung  der  Buchanfânge  am  Herzen, 
lie  jeden  Léser  zu  verstândigen  geeignet  war. 

Ein  Werk  mit  rein  wissenschaftlichem  Zweck  wie  das  Strabo's 
bat  dafûr  freilich  nichts,  in  Anlebnung  an  die  yoralexandriniscben, 
rat  nachtraglicb  in  Bûcber  gespaltenen^)  Texte,  und  fahrt  lakonisch 
!a  zu  dociren  fort,  wo  es  aufgebôrt  batte.  Bei  Anderen  finden  wir 
agegen  die  Sitte  des  Proômium^s  ausgebildet,  zunâcbst  ganz 
chmucklos  nur  zu  dem  praktiscben  Zweck  der  Orientirung:  der 
ohalt  der  vorigen  Rolle  wird  im  Résumé  nocb  einmal  mebr  oder 
reniger  kurz  in  Erinnerung  gebracbt,  imd  die  zunâcbst  zu  beban- 
iebide  Aufgabe  angegeben.  Peinlicb  genau  ist  bierbei  aus  der  âlteren 
^it  gelegentlicb  Polybios;  eine  seiner  nqoYQCtfpai  resumirt  acbt- 
;liedrig  in  nicbt  weniger  als  siebzebn  Zeilen:  iv  (Jbèv  r^  nço  tavtfiç 
\vpi'fip  dtêCaipfiiSafkév ,  note  ^Pœfjbatoi  ....  jotç  ixtôç  èyx^^Qstv 
\ç^av%o  îtQciyfAatfiy,  înl  âè  tovtotç  nâç  . . .  xal  â^'  aç  ahiaç  , , ,, 
tëtà  âè  raina  note  nQùiioy  .  .  .  xaï  Ta  aufifiâvra  .  .  .,  é^ijç 
^è  tovTOiç  insfiaXéyiisd'a  kèysiv  nœç  . . .  xai  fiéxQ^  rlvoç  nçov^fj . .  . 
«i  %iva  dU^oôov  skafie  ,  . ,,  worauf  kurz  in  zwei  Zeilen  binzuge- 
ugt  wird:  wvi  âè  %à  cvpexîj  rovrotç  nstqaaoïisd'a  âijXovy  xetpa- 
laMttdcSç  ixccavœv  iTUXfjavovvêç  xarà  Tfjy  i^  ^QX^Ç  nçod-stf^v, 
Sweck  dieser  nQoyqaqial  ist,  wie  Polybios  (XI  prooem.)  bemerkens- 
rerther  Weise  angiebt  „die  Leselustigen  zu  orientiren,  aber  aucb 
len,  der  zufallig  an  das  Bucb  kommt,  zum  Lesen  zu  ermuntern,  end- 
ich  denjenigen,  der  nur  etwas  nacbscblagen  will,  schnell 
lurecbtzuweisen".  Die  Proômien  Diodor's  kommen  jener  um- 
tandlicben  Art  wobi  am  nâcbsten.  Bei  Yarro  yereinfacben  sie  sicb 
laneben  aucb  scbon  zu  einem  so  scblicbten  Yermerk  wie  De  lingua 
at.  YI  înit.:  origines  verborum  quae  mit  locorum  et  ea  quae  in  kis,  in 
more  Ubro  scripsi,  in  hoc  dicam  ds  vocabvlis  temporum  . . . ,  mit  dem 


*)  Ueber  dièse  Thatsache  wird  das  Eapitel  IX  besonders  handeln. 


142  —  ^**  ®"®^  *^*  Trâger  der  Schriftwerke.  — 

Zusatz  :  atqui  si  qua  erunt  ex  diverso  génère  adiuncta,  potius  cognationi 
verborum  quam  auditori  càlumnianti  geremm  morem,  Sehr  breit  resii- 
mirt  und  disponirt  aucb  Lukrez  am  Anfang  seiner  Bûcher,  anhebend 
gewôbnlich  mit  einem  Et  quonmm  docxii  (III,  31  f.,  IV  26  f.,  VI  43  f.), 
eimnal  durcb  voile  25  Verse  (V  56—81).  Wie  viel  eleganter  ver- 
fabrt  doch  aucb  hierin  sein  Nacbfolger  im  Lebrgedicht,  Vergil,  der 
den  Weiubau  mit  einem  Hactenm  arvorum  cultus  et  sidéra  caeïi,  nune 
te  Bacche  canam  eqs.,  die  Bienenzucht  mit  einem  Protinus  aerei  meUis 
caelestia  dona  exsequar  eqs.  kurz  erôffnet.  Doch  sehen  wîr  jene 
Breite  aucb  noch  bei  Spâteren,  wie  in  den  Traumbiichem  des  Artemi- 
doros  wiederkehren.  Nun  aber  ist  zu  bemerken,  dass  dièse  Avis  an 
den  Léser  bisweilen  ausser  Zusammenhang  mit  dem  vnrklichen  Buch- 
text,  d.  h.  augenscheinlich  nur  an  der  Aussenseite  der  Relie 
angebracbt  wurden;  dies  gilt  zunâchst  sicher  von  den  7ïqoYQ€Uf(ù 
der  ersten  sechs  Bûcher  des  Polybios^),  von  den  praefationes  des 
Hieronymus  ^),  es  scheint  aucb  von  denen  Martiales  zu  gelten*). 

£in  geschmackvollerer  Skribent,  vor  allem  ein  Dichter,  konnte 
sich  mit  so  nîichtemen  Vermerken  indess  nicht  begnûgen.  Er  bil- 
dete   die  blos  index- gebenden  Proômien  zu  proômiirenden   Ex- 


^)  Polyb  XI  proem.  sagt,  nur  seine  ersten  sechs  Bftcher  h&tten  nçoyçmfm, 
die  folgenden  dagegen  vielmehr  TtQOixB-écèiç  vor  jeder  neuen  Olympiade;  beide 
Arten  Ton  Vorwort  haben  nach  scinen  Angaben  gleichartigen  Zweck;  ihr  Unter- 
schied  ist,  dass  die  nçoyçurfai  durch  Unfall  rerschiedenster  Art  leicht  Schaden 
nehmen  (âui  nokXciç  airUtç  xai  mç  rv^ovisaç  oXiyoiQovfÂtvov  xcel  q&€&ç6ju(vov)t 
wâhrend  die  nçoéxd-écêiç  einen  sichereren  Plats  haben,  eng  mit  dem  Werke 
verflochten  (j^oiçav  ix^vfftjç  àcffaXèoriQcw  dtà  ro  cvfÂn€nlij(d'at  ij  nçay^infia)* 
Zu  Buch  V  ist  denn  auch  wirklich  eine  nçoyçaffij  nicht  erhalten.  —  Dass  die 
Anfangtfworte  dieser  excerpirten  Stelle  nicht  richUg  sind,  iât  schon  bemerkt 
worden;  man  completire  sie  etwa:  îcojç  dé  r^yiç  inê^firovat  nàç  ^/nflç  où  nço- 
yç(t(f((ç  iy  TavTp  rjj  fivpk<p  (xttt  iv  tcùç  7t{to  Tavirjç),  xa&ânêç  oi  nço  i/nmy, 
(ikkà  xat  JiQoêxd-éciiç  x.  L  ok,  -ntitoirixafièy  xtX, 

*)  Hieronymus  comm.  Ëzech.  V  praef.:  Ne  librorum  numerus  canfundatur 
et  per  longa  temporutn  spatia  divisorum  inter  se  voluminum  ordo  vitie^tr, 
praefatiunculas  singulis  libris  praeposui:  ut  ex  f  route  tituU  statim  lector 
agnoscat  guotus  sibi  liber  legendus  et  quae  nobis  prophetia  explananda  sit. 

')  MartiaPs  (und  Statius')  Vorreden  stehen  ausserhalb  des  eigentlichen 
Bûches:  IX  init,  steht  sie  extra  ordinem  paginarum^  VIII  init.  in  ipso  libelH 
huiuB  limifie;  auch  II  init.  steht  sie  vor  der  pagina  prima» 


—  ProOmien  der  BoUen.  —  143 

eu r 8 en  um.  Jeder  Eintritt  in  eine  nene  RoUe  ist  eine  neue 
Aufforderong  zu  wicbtigem  Gesprâch  und  gemeinsamer  Arbeit  an 
den  Léser:  es  er&ischt,  hierbei  Yon  einem  allgemeîneren  Gedanken 
anszugehen;  zngleîcb  maskirt  der  Autor,  indem  er  erst  von  Gleicb- 
gûltigerem  spricht,  seînen  Sacbelfer  dadnrcb  auf  angenebme  Weise. 
Die  Schwelle  jeder  Rolle  ist  wie  die  eines  gastlicben  Hanses:  die 
Mahlzeit  darf  nicht  sogleicb  binter  dem  Yestibulum  gedeckt  bereit- 
stehen.  Lukrez  selbst  lenkt  die  Aufmerksamkeit  des  Memmius,  bevor 
cr  disponirt  und  vortrâgt,  planvoU  auf  irgend  einen  prâparativen 
Gemeinplatz  ab,  der  ein  viertel  oder  ein  halbes  Hundert  Verse  fullen 
kann,  meistens  so  aucb  Yergil  den  Mâcenas,  nachdem  er  kurz  den 
Inhah  des  Bucbes  angegeben  (Georg.  I  5— 42,  II  4— 8,  III  3  —  48). 
Auch  Diodor  geht  ôfter  in  der  Weise  des  Lukrez  entweder  von 
technischen  Erôrterungen  oder  yod  allgemein  betracbtenden  Gedanken 
au8,  um  erst  an  sie  —  einmal  geradezu  mit  einem  à(fé(A€VOt  TtQO- 
Ifyëtv  (XIX,  1,  9)  —  Résumé  und  Disposition  anzuknupfen  (so  IV, 
V,  XIV,  XV,  XVIII,  XIX).  In  demselben  Sinn  Yerfabren  aucb  Oppian 
und  Manilius,  welcber  letztere  in  seiner  Sterukunde  nocb  extravagantcr 
ab  Lukrez  abscbweift  (U  y.  1—149,  III  1—95,  IV  1—121,  V  1—31). 
Und  auch  Cicero  bekennt  eben  dies  als  sein  Princip:  in  smgulis  libris 
utor  prooenms  (ad  Att.  IV  6,  2).  Leicbt  ist  zu  seben,  wie  âusserlicb 
dièse  Stûcke  in  den  Cicerobûcbem  Yorne  augefugt  sind;  sie  Yerratben 
ihren  Zweck  besonders  deutlicb.  Er  selbst  scbreibt  daruber  einmal 
an  Atticus  die  sebr  instniktive  Bemerkimg  (XVI  6,  4):  „icb  babe 
dir  mein  eines  Buch  De  gloria  geschickt;  allein  es  bat  ein  falscbes 
Proomium  bekommen,  welcbes  scbon  im  dritten  Bucb  der  Academica 
angebracbt  ist.  Icb  batte,  als  icb  auf  dem  Tusculanum  war,  nicbt 
gegcnwârtig,  dass  icb  es  scbon  einmal  benutzt;  bernacb  auf  dem 
Schiff  las  icb  meine  Academica  und  entdeckte  den  Scbaden.  Sofort 
habe  icb  ein  neues  fôr  De  gloria  zu  Papier  gebracbt;  es  erfolgt  bei- 
liegend;  du  musst  das  alte  wegscbneiden  und  dies  dafur  ankleben 
(tUud  diêsecabis,  hoc  agglutinahisY ,  Aber  aucb  den  âusseren  Anlass 
zu  diesem  Irrtbum  Yertraut  Cicero  dem  Atticus:  „es  kommt  daber, 
weil  icb  eine  eigene  Rolle  yoU  Proômien  zusammeDgescbrieben  babe; 
ans  denen  pflege  icb  auszusucben,  wenn  icb  ein  avyyQa(jbfAa  Yerfertige^. 
Ganz   besonders   âusserlicb  ist  einmal  Plinius  Yerfabren.     Die  medi- 


J44  —  ^^  ^^^^  '^^^  Tr&g^r  der  Sehriftwerke.  — 

dnae  ex  animalihus  liessen  sich  nicht,  wie  sonst  die  meisten  Kapitel 
seiner  encyclopâdischen  Lebrschrift,  in  einem  Bucb  be'wâltigen;  ob- 
gleicb  nun  Plinius  eigentlicbe  Proomien  sonst  yermeidet,  unterbricht 
er  die  drei  Bûcber  der  medicinae  ex  ammdHbuB  am  Anfang  des  zweiten 
(XXIX)  durcb  Vorscbiebung  einer  kurzen  Gescbicbte  der  Medicm, 
am  Anfang  des  dritten  (XXX)  durcb  Vorscbiebung  einer  gleichen  der 
Magie.  Dem  Lesenden  sollte  der  Eingang  in  die  Monotonie  dieser 
Receptenbûcber  wobl  biedurcb  versusst  werden.  Nocb  planloser  aber 
verfubr  Plinius,  indem  er  dem  Bucb  der  medicmae  ex  aquatûibus 
(XXXII)  sowobl  vom  wie  binten  abscbweifende  Traktate  ankleben 
liess  *). 

Erzâblende  Werke  yermeiden  Proomien  dagegen  wie  gnmdsâtz- 
licb.  Metamorpbosen,  Aeneide,  Lukian^s  wabre  Gescbicbte,  der  Roman 
des  Longos  und  dergleicben  wâren  dadurcb  bôcblicbst  beeintrâchtigt 
worden.  Die  Anrufungen  der  Muse  bel  Apollonius  Rbodius  lU  init 
und  IV  init.  sind  nicbt  als  Bucberôffiiungen ,  sondem  als  Eroifnung 
neuer  Sacbtbeile  gedacbt;  daber  eben  feblt  bei  ibm  eine  solcbe  Ân- 
rufung  n  init.').  Die  nçosutd-iaeiç  des  Diodor  bezwecken  dagegen 
geradezu,  das  Einzelbucb  zu  isoliren,  und  Yon  ibnen  sind,  nacb  der 
Terminologie  des  Polyb*),  die  nQoyqaipai  principiell  yerscbieden,  die, 
wie  Yorbin  erwâbnt,  nur  aussen  an  der  RoUe  angebracbt  waren  und 
also  den  Text  selbst  gar  nicbt  unterbracben;  des  Polybios  erste 
Hexade  batte  nur  solcbe  nQoyQaq)alj  und  darum  berrscbte  in  ibr,  nach 
Polyb  VI  init.,  das  avvâTtvëtv  xai  nçoçnd'éyai  to  ovvsxiç  ^^Ç 
difj/ijasùûç  von  Bucb  zu  Bucb.  Gewiss  sind  aucb  die  Proomien  der 
Xenopbontiscben  Auabasis  nur  solcbe  nçoyçcctpai  gewesen;  auf  sie 
gebt  das  xad-ânsQ  ol  ngo  fifiùiy  Polyb.  XI  init. 

Und  nur  bei  solcben  proômienlosen  Werken  war  ein  textlicbes 
Scbwanken  môglicb,  wie  wir  es  einmal  fur  den  Vergil  erfabren.  Das 
secbste  Bucb  seiner  Aeneis  bebt  nacb  der  berrscbenden  Tradition  an 
mit  den  Versen  Sic  fatur  lacrimans  clnssique  mmittit  habenaé  Et 
tandem  Euboicis  Cumarum  aâlabitur  oris.     Die  Ueberlieferung   beim 


^)  Dies  ist  n&her  ausgefûhrt  De  Halieuticis  S.  1 59  ff. 

')  Quintilian's  Bemerkung  IV  prooem.  4  gilt  auch  hierron. 

3)  Siehe  oben  S.  142  Note  1. 


—  fietngnahme  aaf  den  Toraofgehenden  fiuclisehluBS.  —  145 

Senrios  (zu  V  fin.  und  YI  init.)  lehrt  aber,  dass  dies  von  den  Editoren 
Tncca  und  Varias  so  angeordnet  worden  sei,  wâhrend  Vergil  selbst 
die  Verse  viebnehr  fur  das  fûnfte  Buchende  bestimmt  babe,  und  dass 
sodann  „Probus  und  Andere^  die  Anordnung  des  Vergil  wieder  her- 
stellten.    Zu  Gunsten  derselben  konnte  angefûbrt  werden,  dass  auch 
bei  Homer  einmal  mç  stpavo  xXaiov<îa  am  Bucbende  stebt  (II.  23  fin.). 
£în  praktiscbes,  wenn  gleicb  unscbeinbares  Mittel  gab  es,  bei 
proômienlosen  Werken  dem  Gedâchtnisse  des  Lesers,  der  von  einer 
Rolle  zur  anderen  ûberging,  in  etwas  nachzuhelfen.    Man  trug  Sorge, 
dass  der  Schlusssatz  eines  Bûches  zu  Anfang  des  folgenden  einfach 
aoch  einmal   geschrieben  wurde,   entweder  genau   ûbereinstimmend 
oder  in  leichter  Verwandlung;    es  sind  meist  Sâtzchen,  die   einen 
Uebergang  ausdrûcken;  so  heisst  es  nach  dem  Zeugniss  der  besten 
Handschriiten  ^)  bei  Strabo  m  fin.   xal  ttsqI  f^èv  ^I^fiqiaç  xai  t&v 
iïQO*êiikiv(ùV  y^(f(ûy  taira,  itpe^ijç  â*  icûv  17  imiq  tâv  ^AXîuœv 
KeXnxij  und  IV  beginnt:  itps^ijç  (T  itniv  ^  i.  t.  Vi.  KsXuxij]  ebenso 
schliesst  IV  totravra  xai  n€Ql  xâv  oq&v  sxof^y  léyety  %&v  ^AX- 
ns^v&v,  fA€%à  di  t^p  vmiqsiav  t&v  ^AXnsfùv  àqxii  tijç  vvv  ^Italiaç, 
und  V  beginnt  :  ikêtà  âè  t^v  vndiqBtav  u.  s.  w.     Ebenso  stehen  die 
Anfangsworte  von  VI:  ikstà  di  to  atéfiM  tov  SiXccQêâoç  Asvxavia 
xal  %6  t^ç  'Hqaç  Uqbv  tijç  ^Açyiûaç,  ^idaovoç  lâgv/Aa   zugleich 
auch  V  un,,  der  yierzeilige   Einleitungssatz    yon  Vil  (bis  tQÔnoy) 
zugleich  auch  VI  fin.     Prâparativ  sagt  Plinius  Vil  Nat.  hist.  fin.: 
mmc   revertemur   ad  reliqua   anmalia  primumque   terrestria,    ebenso 
Vin  init.:    ctd  reliqua  transeamus  antmaUa  et  primum  terreatria;  prâ- 
parativ IX  fin.  :  hinc  voïucrum  naturae  dicentur,  ebenso  X  init.  :  seqwtur 
natura  avium.     Eusebios  setzt  an*s  Ende  des  zweiten  Buchs   seiner 
Kircbengeschichte  xai  ta  fj^iv  xatà  ^iovâaiovç  iv  tovto^ç  ^j  mit 
denselben  Worten  ohne  xal  beginnt  das  dritte;   dasselbe  geschieht 
beim  Uebergang  von  Buch  IV  zu  V;   das  zweite  seiner  praeparatio 


')  Dies  besengt  der  Mediceus  B  f&r  aile  yier  Buchschlûsse,  Parisinus  C 
fiir  m  fin.  und  IV  fin.,  Mediceaa  k  ftïr  V  fin.  und  Vl  fin.;  wenn  im  letzten 
Fall  B  die  Worte  nicht,  wie  k,  bis  rçônoy,  sondern  nur  bis  ^IraXtxaiy  giebt, 
M>  sckeint  eine  Weglassung  in  B  wahrscheinlicher  als  eine  Erweiterung  in  k. 
Auf  dièse  in  unseren  Texten  unterdrûckten  Buohschlflsse  Strabo's  werde  ich 
durch  Pro£  Niese  aufmerksam  gemacht 

Birt,  Bachweien.  10 


246  —  I^  Baeh  aU  Triger  der  Sehrifiwerke.  — 

eTangelica  beginnt  mit  den  Schlussworten  des  ersten:   tÙ  [kiy  %ov 

nQOft^làéyoy  mQêéxfè  xQomy  u.  s.  w.^).    Ygl.  auch  die  Wiederauf- 

Dakme  des  dto  bei  Porphjrios  de  abstinentia  II  init  aus  I  fin.    Auch 

auf  Toralexandrinische  Texte  wurde   dies  aogewandt  wie  auf  Theo- 

phrast's  Pflanzengeschichte   (TU  fin.  gleich  Vlll  init.).     Wir  haben 

hierin  einen  Kunstgriff  Tielleicfat  weniger  des  Autors  selbst,  als  seines 

Verlegexs  anzuerkennen. 

Lehrreicher  noch  als  am  Bachan£ange  ist  nun  aber  das  Yerhalten 

mancher  Autoren  am  Buckscb lusse,  bei  dem  wir  jetzt  noch  kurz 

Tenreilen.     Schon  Polvb,  als  attester,  pflegt  davon  zu  reden,  dass 

das  Buch   zu   £nde   geht    (Il  fin.  UI  ûa.  Y  fin.);    ûbrigens    waren 

solche  Ankûndigungen  des  Scblusses  wie  bei  Yergil  Greorg.  Il  fin.: 

S«d  nos  iomensom  spatiLs  eoafeeimiu  aeqaor 
Et  iam  tempos  eqiiom  fammntia  solrere  eolla 

wiederum  nur  im  Lehrgediclit  angebracht;  auf  lehrbafte  Werke  sind 

wir  darum  auch  jetzt  wieder  Tomehmlich  angewiesen.     Nicht  selten 

wiid  mit  solcher  Schhissankûndigung  ein  Yerweis  auf  die  n&chste 

RoUe  zu  Terbinden  beliebt  und  dabei  deren  Inhalt  kurz  angedeutet 

So  schloss  Philodem  seine  eifte  RoUe  ngçi  fvcs^  mit  dem  Hinweis: 

iv  àè  ïïéfç  ix^làéyoiç  nsgi  rdy  fuifmçmy  tovtmy  €u  Tt^çsxvixâç 

iaoifêêr:  eine  Chrysipprolle  schliesst:  ^^tfmu  ai  in  ruQÏ  zotittùy 

mal  iv  foTç  i%oikévoiç^).     Ebenso  hatte  Panaetios  am  £nde   seines 

dritten  Buchs  iuqï  tov  nQOçrpcovioç  gesagt,  dass  er  ûber  den  letzten 

Theil  seiner  Disposition  im  folgenden  Buch  reden  werde;  allein,  ob 

gleich  er  noch   dreissig  Jahre   lebte,    gab  er  ein  Tiertes  Buch  nie 

heraus').     Das  âltestc  Beispiel  hierfur  giebt  einmal  Polybios  Y  fin. 

Beim  Cicero  findet  sich  dies   selten*).     Unter  den  Dichtem  ist  vor 

allem  Ovid's  Ars  amatoria  anzufuhren  II  fin.  (vgl.  auch  I  fin.): 

£cce  rogant  tenerae,  sibi  dem  praecepta,  puellae. 
Vos  eritis  chartae  prozima  cura  meae. 


')  Ueber  dièse  ErscheinuDg  bei  Ëuseb  vgl.  Heinichen's  Ezcurs  XV  lu 
£u8eb*s  Kirchengeschichte,  Bd.  III  8.  445. 

')  Vgl.  Vol.  Hercul.  II  i  S.  72. 

2)  Cicero  de  off.  III  8  f. 

*)  Cic.  de  off.  II  fin.:  utilitatem  de  qua  hoc  libro  disputatum  est.  Reliqua 
deinceps  persequemur. 


—  Der  Buchschlass  und  seine  Motire.  —  147 

Sonst  liessen  sicb  die  Beispiele  hierfur  sehr  leicht  Yermehren; 
doch  kommt  es  uns  an  dieser  Stelle  vielmehr  auf  eine  andere  Art 
Ton  SchlussYermerken  an,  auf  diejenîgen  nâmlich,  in  denen  ein 
Autor  sich  herbeilâsst,  das  Abbrechen  seiner  Mittheilungen  zu  moti- 
yiren,  wo  wir  somit  auch  die  Grûnde  fur  den  Eintritt  des  Buch- 
scfalusses  erfahren.  Dièse  Aeusserungen  sind  fur  das  Yerstandniss 
des  antiken  Buchbegriffs  von  principieller  Wicbtigkeit.  Es  wird  uns 
in  ihnen  von  der  alten  Litteratur  geradezu  eîngestanden,  das  s  ibr 
Bucb  ein  bestimmtes  Raummass  war,  das  sicb  jedweder 
einzubalten  genotbigt  sab.  Dies  Raummass  war  vor  allem 
durcb  eine  nicbt  ûberscbreitbare  Maximalgrenze,  docb  aber 
zugleicb  aucb  durcb  eine  Minimalgrenze  bestimmt.  Dies 
ist,  was  Augustin  den  modus  voluminis  nennt*).  Es  kann  allerdings 
nur  fur  ein  Zeicben  tecbniscber  Ungewandtbeit  oder  aber  geringen 
kûnstleriscben  Ebrgeizes  gelten,  wenn  sicb  ein  Autor  fur  seine  Bucb- 
scblûsse  zu  einer  so  âusserlicben  Begriindung  aus  der  Bucbform  zu 
greifen  entscbliesst;  besonders  da,  wo  derselbè  eine  der  beiden  ge- 
steckten  Grenzen  wirklicb  zu  yerletzen  im  Begrifif  war,  miissen  sicb 
seiche  Begrîîndungen  am  leicbtesten  eingestellt  baben. 

Es  sind  allerdings  nicbt  Autoren  bester  Zeit  und  besten  Namens, 
die  sich  hier  zuerst  einstellen.  Einem  Orosius,  einem  Porpbyrios  ist 
es  unmoglicb,  den  Stoff  im  selben  Bucbe  fortzusetzen :  et  quoniam 
ubtr  dicendi  materia  est,  quae  nequaquam  hoc  concludi  Ubro  potest,  hic 
praesentis  volumms  finis  ait  ut  in  subseqventibus  cetera  persequamur 
(Oros.  II  fin.);  âio  fAaxQov  ôeofÂ^vœy  Xoyov  tiqoç  rijy  ôhdXviSiv 
àvf  aXXfiç  aQXiiç  ^à  nsQÏ  %âv  &v<îi(ay  dtaXtjméov  (Porpb.  de 
abstin.  I  fin.).  Macrobius,  gezwungen  seine  Erklarung  des  Somnium 
Scipionis  in  zwei  Bûcher  zu  zerlegen,  spricbt  weniger  deutlich  von 
einer  mkibita  continuatio  (I  fin.).  Origenes,  das  Jobanneseyangelium 
commentirend,  beginnt  sein  dreizebntes  Bucb  an  den  Ambrosius  mit 
der  Bemerkimg  :  es  séi  zwar  zu  wûnscben,  dass  die  Besprecbung  der 
Samariterin  nicbt  balb  in  der  zwôlften,  balb  in  der  dreizebnten  Rolle 


')  Augustin,  civ.  dei  IV  fin.  :  quod  sequitur  in  volumine  sequenti  ridendom 
est  et  hic  dandas  buius  proHzitatîs  modus;  Y  fin.:  hic  itaque  modus  sit  huius 
rolnminis  ut  deinceps  disposita  ab  alio  sumamus  exordio;  II  fin.:  ...  deinceps 
Tidebimus,  ut  hic  sit  huius  Yoluminis  modus. 

10* 


(48  —  I>at  Bach  aïs  Triger  der  Sdinftwerke.  — 

stûnde,  idlein  die   zwôlfte   hàbCy  nie  er  sehe,  die  gehorige  Grosse 

erreicht:  Utêêç  fêiy  Sr  iâo^é  ftùê  %w  juq\  i%  2af$aQ€irtâoç  Xàyov 

§»^  duEsonfroi  tSçis  fiéçoç  fier  »  arvov  êlvcu  iv  ra  »/^  t6fmf 

ta  ai  ë^tfç  iy  tm  i/*  àlÂ*  àmi  émçêifuy  ahtaQxii  nêçtyçaç^v 

àlhi^lkéyou  xov  i/f  tmv  i^^jnfnnmy,  êâo^ëy  ^fiîy  MazaXij^cu  xtl,^). 

Dièse  nf^jrQaqij  airrâç^ç  muss  einem  Tollkommenen  Zwang  gleich- 

gekomineii  sein;   sonst  ist  ein  solches  Zerreissen  des  Stoffes  unbe- 

greiflich.    Denselben  Terminus  hringt  derselbe  Origenes  z.  B.  auch 

XXXn  fin.  desselben  Commentars,  femer  contra  Celsum  VU  fin.  lud 

TI  fin.  als  Motiy  fur  den  Buchabscbluss   und   einen   sehr  âhnlicben 

Sextus  Empiricus  nçiç  âoyfàot.  I  fin.:  §Aét g oy  âè  S/pyroç  avtaq- 

xfç  Tov  vnogAyij§»aioç  ano  aiJiijç  àgj^ç  miça(f6fà€&a  xtL    Ein 

anderer,  gleichwerthiger,  das  lx€xyoy  filptoç,    bezeichnet   fur  Athe- 

naeos  das  Motiy,  seine  Excerptcnsammlung  lieber  in  einem  anderen 

Bûche  fortzusetzen  :  irA  voviOfç  réloç  èxétm  ^âë  17  fiifiXoç  Ixayov 

ëiXt^qvîa  fi^oç  (IY  fin.)  oder:  insl  êi  ëîç  hcayoy  §a^oç  ngorpii 

(YI  fin.).    Einmal  aber,  wo  das  Buch  besonders  dick  ausgefallen,  heisst 

es  begûtigend  beim  Athenaeos  (Vlli  fin.),  er  glaube  ein  zéXoç  olm  àvag- 

lioctov  gewonnen  zu  haben.    Auch  Clemens  Alexandrinus  weist  so 

auf  „die  Zabi  und  den  Um^g  seiner  xëtfdXaia^  bin,  Strom.  Il  fin.  : 

TTëQiyëyQciff&w  xal  6  âëVTëQOç  ^fity  iy&âds   (nQœfuxtëvç   âtà  to 

fiijxoç  T€  xal  n^dvç  xstfaXaUùv. 

Allein  wir  k5unon  uns  zu  Schriftstellem  besserer  und  bester  Zeit 
wenden,  um  âhnlich  yerwiesen  zu  werden.  Cicero  in  seinem  offen- 
bar  flûchtig  gearbeiteten  Jugendwerk  De  inventione  ist  im  ent- 
sprechenden  Falle  niebt  wâbleriscber.  Wenn  dem  Clemens  Umfang 
und  Zabi  der  Kapitel  binreicbend  zu  sein  scbien,  so  spricbt  Cicero 
statt  dessen  von  den  Bucbstaben,  deren  nun  genug  in  diesem  Bûche 
beisammen  stûnden,  Il  fin.  :  . . .  satis  dictvm  videtur,  Quare  quoniam 
et  una  pars  ad  exitum  . . .  perducia  est  et  hic  liber  non  parum  continet 
Utterarum,  quae  restant  in  reliquis  dicemus.  Seine  erste  Rolle  aber 
ist,  wie  er  sagt,  eigentlich  scbon  zu  dick  geworden,  I  fin.:  sed  quo- 
niam et  satis  videmur  .  .  .  dixisse  et  huius  voluminis  magnitudo  longius 
processit,  quae  sequuntur  demceps  in  secundo  Uhro  dicemus. 


^)  Origen.  éd.  Lommatzscb  Bd.  IL 


—  Der  BacbschluBA  ein  ZwsDg.  —  149 

Cicero  hat  den  Comificius  sogar  hierin  Dachgeahmt.  Auch  Corni- 
ficîus  redete  dem  Herennius  am  Schluss  des  ersten  Bûches  sowohl 
Ton  der  Vielheit  der  Buchstaben  wie  von  der  Grosse  der  RoUe: 
quoniam  satis  hwus  voîuminM  magnitudo  crevit,  commodhts  est  in  àUero 
Ubro  de  ceteris  rébus  demceps  exponere,  ne  qaa  propter  mtUtitudinem 
Htterarum  possit  aninum  tuum  defaiigatio  retardare.  Dièse  Aeusserung 
hat  wiederum  begûtigenden  Zweck;  das  erste  Buch  ad  Herennium 
ist  in  Wirklichkeit  neben  den  ûbrigen  ungebûhrlich  kurz  ausgefallen  ; 
es  war  die  Disposition,  die  abzubrechen  zwang. 

Dionys  von  Halicarnass  hat  sein  iudicium  de  Thucydide,  be- 
sonders  auch  durch  Ausschreiben  Yon  Textstellen,  sehr  Yoluminôs 
gemacht;  er  schliesst  darum,  obschon  er  noch  vicies  Weitere  vor- 
bringen  konnte,  îya  (jtij  iiaxqôxsqoç  rov  ôéovxoç  6  Xoyoç  yéyono 
l^ot  (cap.  55). 

Auch  dem  Yarro  De  lingua  latina  ist  dièses  to  ôiov  bewusst. 
Zwar  VII  109  meint  er  nur,  eine  solche  Aehrenlese  von  Exempeln 
gethan  zu  haben,  dass  niemandem  eine  ^achlese  bleibe,  weswegen 
es  scheine  potius  iam  reprmendum  quam  procudendum  ^)  esse  volumen, 
Anders  beim  funften  Buch;  hier  glaubt  er  zwar  auch  der  Sache  ge- 
sûgt  zu  haben,  zweitens  aber  wûrde  es  die  Rolle  selbst  gar 
sicht  dulden,  dass  er  fortfahre:  satis  arhitror  dicta,  quod  neque 
parum  multa  sunt  aperta  neque,  si  amplitis  velimus,  volumen 
patietur.  Dièses  non  pati  ist  in  der  That  so  unverblûmt  wie  môg- 
lich  gesagt. 

Durch  die  Fûlle  des  Gegenstandes  hat  sich  Quintilian  verleiten 
lassen  sein  neuntes  Buch  mehr  als  die  ûbrigen  auszudehnen:  er 
schliesst  es  darum  nicht  ab,  ohne,  wiederum  begutigend,  diesen  Um- 
stand  hervorzuheben:  finem  imponere  egresso  destinatum  modum  volu- 


^')  Dies  procudere  ist  gesagt  statt  porro  describere;  man  yergleiche  Hie- 
roDjmas  Comm.  Elzech.  VII  praef.:  ûita  quœ  notariorum  stylo  cudimus;  comm. 
Jes.  XIII  praef.:  iam  tertius  decimus  liber  cuditur  qui  necdum  pervenit  ad 
calcem.  Et  intérim^  donec  . . .  Dominus  . . .  reddat  pristinam  sanitatem,  hanc 
praefatiuncukun  tumultuario  sermone  dictavi  ut  quœ  habentur  in  schedulis 
deècribantur  et  plena  emendatio  lectoris  iudicio  reservetur;  hier  ist  cudi  soTiel 
wie  describi;  comm.  Ezecb.  VU  praef.:  ista  quae  notariorum  stylo  cudimus; 
comm.  Osée  III  praef.:  me  duodecim  prophetarum  opus  cudere. 


X50  —  ^^  Bnek  aU  Tr&ger  der  Schriftwerke.  — 

mmi  festinabo»     Derselbe  brîcht  Y  fin.  mit  den  Worten  ab:  hic  tanun 
habenduê  istis  modus,  ut  sint  omamento  non  impedimenta. 

Besonders  anschaulich  bei  aller  Affektation  redet  der  spâte  Mar- 
tianus  Capella,  gleichsam  als  wolle  er  darauf  aufmerksam  machen, 
dass  er  noch  die  classîsche  Rollenform  benutzt.  Er  ist  der  gelahrte 
Mann,  dessen  Weisheit  schwer  ein  £nde  findet.  £r  hat  lukubrîrt, 
die  Nacht  ist  durchwacht,  die  Sonne  geht  schon  auf:  sonst  wûrde 
er  noch  eine  weitere  Seite  ankleben:  fabula  morosis  mplicata  duct&m 
lucemam  cœgit  palpitare  tenui  lumine;  ac  ni  aurora  . . .  fenestrcts  disse- 
caret  îumine,  adkuc  iugata  compararet  pagina  quocumque  ducta  largio- 
rein  circulum.  Nunc  ergo  mythus  temdnaiur,  infiunt  artes  libelU  qui 
sequentes  asserent;  so  heisst  es  II  219  f.  Offener  redet  der  siebente 
Buchschiuss  §  802:  „der  Raum  mahnt*':  Me  spaOum  admonuit  iam 
cUmdere  fatibus  orsa.  Das  funfte  Buch  aber  ist  so  dick  geschwollen 
und  so  Yollgeschrieben  bis  an's  Ende,  dass  die  letzte  Seite  kaum 
noch  Platz  lâsst  um  den  Umbilicus  anzunahen:  Tandem  loquadt 
terminata  paginae  asserta  cursim,  quae  tamen  voluminiê  vix  umbilicum 
multa  opertum  fascea  turgore  pinguis  insuit  rubeUnlunu 

Besonders  bekannt  ist  eine  ahnliche  Aeusserung  Martiales.  Fur 
ihn  lag,  anders  aïs  far  die  meisten  ûbrigen,  die  Schwierigkeit  darin, 
die  Minimal grenze  des  Buchs  nicht  zu  verletzen.  Martial  muss 
erst  yiele  Epigramme  zusammendichten,  bevor  er  damit  eine  Rolle 
fullen  kanD:  facile  est  epigrammata  belle  scribere,  sed  librum  scribere 
difficile  est  (VII  85);  viele  sind  darum  nur  als  FùUsel  entstanden;  er 
bekennt  I  16  dem  Stertinius  Avitus,  das  Buch  halte  Gutes  imd 
Mittelmâssiges,  mehr  aber  noch  Schlechtes;  denn  anders  hâtte  er 
es  nicht  gefûllt.  Das  siebente  taxirt  er  dementsprechend  selbst  auf 
30  gute,  30  mittelmâssige,  30  schlechte  Gedichte  (Vil  81).  Die  Kùrze 
seiner  Bûcher  betont  Martial  besonders  gem  als  empfehlenden  Um- 
stand  (vgl.  II  1  ;  X  1  u.  a.)  ^).     Und  mit  Freude  eilt  er  darum  auch 


^)  Es  liesse  sich  fragen,  in  welcher  Weise  die  Epigramme  eingetragen 
wurden.  Stand  etwa  jedes  auf  einer  Seite  f&r  sich  allein?  Diea  scheint  sicher 
Ton  dem  Epigramm  I  53  an  den  Fidentius  zu  gelten,  mit  nnr  12  Versen;  es 
besagt:  mit  diesem  Gedicht,  das  icb  an  dich  richte,  ist  eine  Seite  meines 
Buchâ  die  deinige  (pagina  tua  v.  1  und  12).  III  57  fin.  war  jedenfalls  ein 
Seitenende,  denn  III  58  stand  auf  einer  inneren  Seite  (intenora)*    Indess  h&tte 


—  Gleichmass  der  Bucbgrôasen  :  aToxâCé<f^€eê  r^ç  av/a/LttTQiaç.  —     151 

zum  Abschluss  :  der  Umbilicus  ist  erreicht,  Léser  und  Buchschreiber 
freuen  sich  mit  ihm  (IV  89)  :  Oke,  iam  satis  est,  ohe,  libelle,  iam  per- 
venimus  usque  ad  umbilicos.  Tu  procedere  adhuc  et  ire  quaeris  nec 
sutnma  potes  in  scheda  teneril  .  .  .  Jiaw  lector  queriturqtie  deficitque, 
iam  librarius  hoc  et  ipse  dicit:  ohe  iam  satis  est,  ohe  libelle. 

Endlich  aber  ist  es  Yon  Belang,  Ton  einigen  Bemerkungen  des 
Kirchenvaters  HieroDjmus  Notiz  genommen  zu  haben,  welcber  im 
Lauf  der  Jabre  eine  grosse  Anzabl  Bûcher  zusammeDScbrieb,  in  denen 
er  die  beiligen  Scbrifben  fur  die  befreundete  yirgo  Ghristi  Eustocbium 
an  der  Hand  des  Origenes  durcbinterpretirte.  Jedes  dieser  Bûcher 
wird  durch  ein  Vorwort  an  Eustocbium  erôfifnet.  Hier  kommt  nun 
zur  Aussprache,  was  in  den  bisberigen  Fâllen  nur  stillschweigende 
Yoraussetzimg  war,  dass  das  Augenmèrk  der  Schriftsteller  sich  bei 
der  Stoffvertheilung  besonders  darauf  richtete,  die  Einzelbûcher  nicht 
Terschieden  gross  werden  zu  lassen:  ihre  Um fange  mussten  sich 
môglichstgleichen.  Denn  es  blieb  eben  zwischen  der  Maximal- 
und  Minimalgrenze  doch  noch  ein  nicht  unbetrâchtlicher  Spieb:a.um. 
Dies  ist  also  genauer  mit  dem  modas  destinatus  gemeint,  dies  ist  das 
fê^oç  \xav6vj  die  neQ^yga^^  avtccQxtjç.  Solches  Streben  nach 
Gleichmass  findet  sich  sonst  bisweilen  als  iStoxd^sfSd-ah  t^ç  aQf/boytaç 
tov  ffvyyQcifAfèaroç  oder  (WyrdyfèaToç  geltend  gemacht,  besonders 
um  Prâteritionen  und  Wegfall  von  Material  zu  begrûnden^):  so  bei 
Diog.  Laert.  YII  160,  wo  aber  in  Wirklichkeit  schon  gegen  das 
Gleichmass  gefehlt  ist;  ygl.  sonst  Clem.  Alexandr.  Paed.  Il  1  ;  Porphyr. 
de  abstin.  II  4  ;  fur  Diodor  141  wird  es  sogar  der  Anlass,  ein  Buch 
noch  nachtrâglich  in  zwei  Rollen  zu  zerlegen,  ûber  welche  Erschei- 
nung  spâter  zu  reden  sein  wird.  Auch  Hieronymus  sieht  sich  nun 
genothigt  fur  seine  Bûcher  certa  spatia  einzubalten,  ibn  belâstigt  die 


darch  solche  Baamyerscbwendung  die  Rolle  Tiel  dicker  ausfallen  mQssen,  als 
Martial  selbat  anzadeuten  pflegt.  Auch  spricht  I  44  geradezu  dagegen,  wo 
iwei  Oedichte  aU  eine  charta  minor  and  maior  anterschieden  werden:  die 
erstere  ist  das  kttrzere  Epîgramm  I  14,  die  letztere  das  grOssere  I  104;  hier- 
nach  nabmen  also  Oedichte  ron  yerscbiedener  GrOsse  aacb  Platx  Ton  rer- 
•chîedener  Grosse  ein. 

')  So  Terwendet  es  aucb  Pseudoplutarcb  Consol.  ad.  AppoUon.  S.  114  C 
vnd  108E  ftatr  das  Gleichmass  der  Tbeile  in  einer  monobibliscben  Scbrift. 


152  ^  ^^  ^^^^  <^  Triger  der  Schriftwerke.  «- 

volummis  anffuêtia.  Im  Yorwort  zum  yierten  Ezechielcommentar  hôren 
wir  ihn  klagen,  er  wûnsche  so  sehr,  je  eîne  Prophétie  in  je  einem 
Bûche  abzumachen;  allein  wie  solle  er  das  erreichen,  da  die  eine 
kurz,  die  andere  lang  sei,  so  dass  ihn  die  Nothwendigkeit  zwinge, 
bald  mebrere  in  ein  Buch  znsammenzufassen ,  bald  aber  auch  eine 
auf  mchrere  Bûcher  zu  yertheilen:  veUem  . . .  expUmationes  in  Ezeehie- 
lem  per  smgulos  Ubros  proprus  texere  prophetm  , . .,  ut  fadUor  esset 
cursus  dictantis  pariter  et  legentis,  longumque  . . .  explanaUonis  iter  certis 
spatiis  separare,  ut  quasi  titviis  et  mdicibus  et  argummtis  ostenderem 
guid  libri  singuli  conOnerent.  Sed  quid  fadam^  cum  aliae  prophetioê 
brèves  sint,  aliae  longae,  ut  saepe  necessitate  eogamur  et  phires  in  unum 
librum  coarctare  et  unam  in  multos  dividerel  Unde  et  nunc  „cantra 
prophetas^  et  „prophetias  et  seniores  . .  .**  et  „ad  terram  supra  guam 

m 

inducuntur  quattuor  plagae*^  et  de  Ugno  vitis,  catalogum  etiam  vitiontm 
Jérusalem  volumus  quarto  libro  comprehendere,  Quem  (n&mlich  cata- 
logum vitiorum)  quia  unius  voluminis  non  patitur  angustia,  dite- 
ram  partem  eius  quinto  volummi  reservamus,  Dies  ist  eben  das  non 
patitur  Varro's. 

Trotzdem  aber  gelang  es  dem  Hieronymus  nicht  immer,  die 
Buchumfange  anszugleichen.  So  ist  sein  18.  Buch  zum  Jesaias  zu 
gross  gerathen.  Das  Yorwort  entschuldigt  dies  folgendermassen: 
Tempus  est  ut  finem  imponam  volumini  ...  m  cuius  expositione  si  pro- 
Uxior  solito  fuero,  extremis  partibus  concedendum  est,  quas  dividere  nolui 
ne  Ubrorum  numerus  augeretur.  Der  Autor  hâtte  den  Uebelstand 
yermeiden  kônnen,  wenn  er  (wie  Diodor)  den  Inhalt  dièses  Bûches 
auf  zwei  Rollen  vertheilt  hâtte;  in  der  That  hâtten  die  zwei  so  ent- 
standenen  Rollen  dem  kJeinsten  Bûche  dièses  Commentars^  dem 
yierten,  noch  nicht  nachgestanden.  Allein  er  scheut  sich,  nachtrâg- 
lich  die  Zahl  der  Bûcher  noch  zu  yermehren.  In  anderen  FâUen 
constatirt  Hieronymus  das  Plus  oder  Minus  des  Umfanges  bemerkens- 
Werther  Weise  nicht,  wie  Glemens  oder  Cicero,  nach  den  Kapitehi 
oder  Buchstaben,  sondem  nach  der  Zeilenzahl.  So  wird  fur  das 
zehnte  Buch  zum  Jesaias  constatirt:  decimus  liber  quem  nunc  habemus 
in  manibus  nono  et  undecimo  minor  erit  numéro  versuum;  und  yom 
yierten  desselben  Commentars  heisst  es  mit  genauer  Angabe  des 
IJnterschiedes,  dasselbe  sei  um  ein  Drittel  der  Zeilenzahl  kleiner 


—  Gleichmass  der  BuchgrOssen.  —  153 

als  das  drîtte,  das  funfte  habe  dagegen  doppelt  so  yiel  Zeilen 
(TV  praef.):  maequales  dictamus  îihros  et  pro  diversitate  visionum 
oc  sensuum  aîius  contrahitur,  aîius  extenditur.  Itaque  fimto  tertio 
volumme  trarmmus  ad  qaartum  qui  tertio  mensura  versuum 
priore  minor  est:  praesertim  cum  quintus  ...  historicae  explanationis 
«Y  et  paene  duplicem  numerum  (se.  versuum)  habeat.  Dura  enim 
nohtmus  coniuncta  dividere  et  olim  rnterpretata  transite ,  quasi  inter 
duas  maris  Pontici  symplega^as  navicviam  nostram  direximus.  Eine 
âhnliche  MotiviruDg  findet  man  auch  Comment.  Ezech.  VU  praef.  ^). 
Die  YerhâltDisszahlen  sind  Yon  Hieronymus  durchaus  genau  ge- 
geben;  rechnen  wir  nach,  so  ist  Buch  lY  mit  54717  Buchstaben 
(1563  Zeilen)  in  der  That  zwei  Drittel  des  Buchs  III  mit  81  374  Buchst. 
(2325  Z.);  und  V  mit  112240  Buchst.  (3207  Z.)  ist  in  der  Tbat 
doppelt  80  gross  als  lY,  es  ist  das  grôsste  dièses  Commentars,  nocb 
grosser  als  XVlll  und  war  mrspriînglich  séparât  erscbienen'). 

Hieronymus  bat  uns  in  diesen  Praefationen  in  erwiinscbter  Weise 
die  Ueberlegungen  ausgeplaudert,  deren  jeder  Autor  des  Altertbums 
ebenso  wie  er  bat  pflegen  mûssen.  Jeder  Autor  scbwamm  so  wie 
er  zwiscben  der  Scylla  und  Cbarybdis  zweier  missliebiger  Moglicb- 
keiten,  der  Zerreissung  zusammengeborigeu  Stoffs  und  der  Bucb» 
ûberfullung. 

Da  sicb  die  Tradition  der  classiscben  Litteratur  und  des  clas- 
sischen  Scbriftwesens  nocb  bis  in  das  secbste  Jabrbundert  direkt 
fortsetzte,  so  kann  uns  nicbt  Wunder  nebmen,  dass  aucb  nacb  dem 
Uebergang  in  das  Godexbucbwesen  die  alten  Regeln  unverânderte 
Gûltigkeit  bebielten.  Spâte  Skribenten,  wie  der  angefubrte  Orosius 
oder  Macrob^  fallen  vielleiobt  mit  ibrem  Werk  scbon  nacb  diesen 
Uebergang.  Aber  aucb  nocb  Justinian  sagt  (De  conf.  dig.),  dass  fur 
die  Herstellung  seiner  funfzig  Digestenbûcber  Acbt  gegeben  sei  auf 
die  natura  numerorum  (^  rciy  àqid'ikAv  aQfioria)  et  consentanea 
dwisio  partium. 


*)  Si  librorum  brevitas  vel  longitudo  inter  se  fuerint  inaequales,  visionum 
immo  vno^ictiûv  brevitati  imputes  ac  hngitudini,  dum  et  iuncta  nolumus  sepa- 
rare  et  dissonantia  in  unam  coarctare  congeriem, 

')  Vgl.  V  praef.:  qui  quondcm  solus  editus. 


]54  —  ^^  ^^<^^  <^  Trftger  der  Sohriftwerke.  — 

Die   meisten  der   bisher  aufgefuhrten   Autoren    haben  uns  nur 
belehrt,  dass  sie  ein  Maximalmass  des  Buchs  zu  respectiren  hatten. 
y  or  Allem  Hieronymus  bat  stets  nur  dafûr  Entschuldigungen,  wexm 
eine  RoUe  zu  gross  ist;  die  exceptionelle  Kleinheit  der  yierten  zum 
Jesaias  scheint  ihm  schon  an  und  fQr  sicli  gerechtfertigt,  und  er  hilt 
es  fur  moglicb,  auch  das  Buch  XVin  in  zwei  ebenso  kleine  zu  zer- 
legen.     Da  die  leeren  RoUen  indess  nicht  Tom  Autor  und  Yerleger, 
sondern  in  den  Papierfabriken  gefertigt  wurden,  so  war  damit  fur  die 
Autoren  zugleich  auch  ein  Minîmalmass  des  Buchs  gegeben;  denn 
etwa  einfach  das  letzte  Drittel  einer  Rolle  unbeschrieben  zu  lassen, 
musste  unschon   und  unzweckmâssig  scheinen.     So  sahen  wir  denn 
MartiaPs  Fleiss   in  der  That  darauf  gerichtet,   sie  ganz  auszufûllen; 
und  Comificius  gestand  uns  einmal  (I  fin.),  dass  er  das  kleinste  môg- 
liche  Mass  noch  mit  genauer  Noth  ausgefuUt  habe.     Bestand  dieser 
Raumzwang  nicht,    so   hâtte  Martial  in  der  That   mit  Weglassung 
ailes  Schlechten  und  Mittelmâssigen  das  Ganze  auf  ein  Drittel  redu- 
ciren  konnen.     Dagegen  erhebt  er  vielmehr  die  ârgerliche  Frage^): 
„Wa8  niîtzt  mir  die  Kûrze  der  Epigramme,  wenn  sie  doch  ein  Buch 
fuUen?"  qiUd  prodest  hrevitas,  die  mihi,  si  Uher  est?     In  sehr  erfreu- 
licher  Weise  werden  uns  nun  noch  durch  das  Schlussepigramm  des 
eiften  Martialbuchs  die  Forderungen  des  Buchs  an   den  Autor  zur 
Anschauung  gebracht.    Schon  im  vorauffolgenden  Gedichte  war  darauf 
hingedeutet,  dass  das  Buch  zu  Ende  sei;  jetzt  heisst  es,  c.  108: 

Qaamvis  tam  longo  posais  satur  esse  libelle 
Lector,  adhuc  a  me  disticha  paaca  petis. 
Sed  —  Lupus  usuram  puerique  diaria  posennt. 
Lector,  solve.     Taces  dissimulasque?    Vale. 

Dièse  Worte  lassen  sich  nur  so  verstehen  :  der  Dichter  hat  schon 
geschlossen,  es  ist  aber  noch  ein  Platz  am  Buchende,  die  Schluss- 
seite  der  Rolle,  leer  geblieben.  Der  Léser,  als  ihr  Eâufer,  ist  es, 
der  vom  Dichter  noch  ein  paar  Distichen  zu  fordem  hat,  nur  so 
viele,  dass  die  Seite  nicht  leer  steht.  Der  Dichter  hilft  sich  launig 
80,  dass  er  den  Nothstand  selbst  zum  Gegenstand  seines  Nothgedichtes 
macht;  das  giebt  glûcklich  zwei  Zeilen  —  und  nun  „Leser,  Adieu. 


1)  Mart.  VIII  29. 


—  Die  MinimalgrOsse  :  oloy  fiêfilioy.  —  ]55 

Du  hast  ja  doch  seibst  dringende  Pflichten;  du  hast  deine  Zinsen 
noch  nicht  bezahlt,  deine  Ski  aven  noch  nîcht  bekostigt.  Scbweigst 
du?  und  willst  es  verlâugnen?^^)  Damît  ist  denn  die  letzte  Seite 
glûcklich  angebrochen. 

£îne  weitere  Dlustration  giebt  der  altère  Seneca  in  seinem  liber 
«uasoriarum.  Sechs  Suasorien  sind  den  drei  Sohnen  Novatus,  Seneca 
und  Mêla  mitgetheilt;  der  Yater  denkt  hiermit  aufzuhoren;  alLein: 
si  Me  desiero ,  sdo  futurum  ut  vos  illo  loco  desinatis  légère  quo  ego  a 
schoUuiicis  recessi;  ergo  ut  Uhrum  velitis  usque  ad  umhiUcum  revolvere, 
adieiam  suasoriam  proximae  similem  (6,  27).  Seneca  befurchtet,  die 
Sohne  hôren  zu  lesen  auf,  sobald  er  fur  sie  zu  schreiben  aufhort; 
also  will  er  noch  ein  siebentes  Stuck  geben  —  nun  aber  nicht, 
^damit  ihr  noch  mehr  zu  lesen  habet'',  sondern  anschaulicher  ,,damit 
ihr  die  Rolle  bis  auf  die  letzte  Seite  und  bis  zum  Bûcherstab  auf- 
roUen  môget^.  Zwischen  dem  Umbilicus  und  der  sechsten  Suasorie 
wûrde  also  ohne  die  Eintragung  der  siebenten  eine  Reihe  leerer 
Seiten  geblieben  sein. 

Damit  gewinnen  wir  aber  endlich  fur  einen  Terminus  Verstândniss, 
der  sich  von  solchen  eiibiîcherigen  Schriften,  wie  die  Suasorien 
sind,  hie  und  da  gebraucht  findet.  So  heisst  es  Yon  Boethos  von  Sidon, 
dem  Freund  Strabo's,  er  schrieb  ttsqI  tov  ttqoç  u  xaï  nQOç  xt  nœç 
ixovxoç  oloy  fitfiXlov^),  Ovid  dichtet  totos  libellos  voll  Elegien  (s. 
S.  22).  Ein  ôXov  fitfiUoy  heissen  ganz  ebenso  die  antcfia  des  Palaepha- 
tos*),  80  auch  ein  Buch  Ghrysipp's  (s.  S.  83).   Galen  spricht  von  einem 


>)  Unricbtig  scbeint  eine  Interprétation,  wie  ich  sie  in  Bekker's  Oallus 
II'  S.  390  und  sonst  Torgetragen  finde,  dass  der  Dicbter  sein  Bucb  zu 
•chliessen  erkUre,  weil  er  Oeld  branche.  Der  Lupus  und  die  pueri  stellen 
Dire  Forderungen  Tielmehr  an  den  lector:  denn  sonst  b&tte  ja  die  Frage: 
taceê  dissmukugue'i  keinen  Sinn.  Der  Léser  kann  doch  nicht  dissimuliren, 
dass  der  Dichter  Schulden  hat  oder  Oeld  braucht.  V.  4  schwankt  die  Ueber- 
liefemng  swischen  salve  und  salve.  Ersteres  wQrde  neben  vale  wenig  Zweck 
haben;  solve  besagt  dagegen:  ^besahP  erst  deine  Schulden,  bevor  du  mich 
mahnst,  dass  ich  dir  noch  ein  paar  Verse  schulde'*.  Auch  steht  solve  in  den 
besseren  Handschriften  (Puteaneus,  Palatinus  optimus  u.  a.) 

')  Simplicius  in  Arist.  categ.  S.  61  B. 

*)  Théo,  progymn.  c.  6 :  17.  r^  JliQinaniTtXM  icrtv  oXoy  fiêfiUoy  nsçê  rmy 
inicrwy  intyQafpofÀtyoy,  so  wie  es  uns  Torliegt. 


156  —  ^^  ^°^^  ^  Tr&ger  der  8chriftwerke.  — 

ôXop  fiifiJdov  des  Hippokrates,  das  einen  bestimmten  medicinischen 
Gegenstand  traktire^).  Epikur  hat  nach  Cicero*)  den  Timokrates  toû» 
voluminibtts  yerunglimpft  Noch  JuBtînian  braucht  denselben  Terminus 
entsprechend').  Wozu  aber  war  in  allen  diesen  Fâllen  zu  der  Mono- 
biblos  nôthig  hinzuzusetzen ,  dass  aie  ein  voiles  Buch  sei?  Der 
Terminus  batte  fur  das  Papyrusbucb  nur  Sinn,  wenn  anch  fiifiUa 
fi^  pXa  „nicbt  ausgefullte  Bûcber^  yorkamen.  Beispiele  hierfûr  ynid 
uns  unser  siebenter  Absclinitt  in  grosser  Anzahl  vorfubren  ;  hier  môge 
ein  anderes  Platz  finden. 

Unerhort  ist  im  Ereise  der  ganzen  Litteratur  bei  mehrbûcberigen 
Werken  ein  so  winziges  Ëinzelbucb  wie  das  in  Aristoteles'  Meta- 
physik  als  ro  sXaCfSov  A  bezeicbnete;  n\ir  abnormen  Yerbâltnissen 
konnte  es  seine  Entstebung  verdanken;  Alexander  Apbrodisiensis*) 
aber  bat  nicht  yersâumt  beryorzubeben ,  dass  dies  „kein  yoUstSn- 
diges^  Bucb  sei;  er  sagt:  &i%i  ai  fiéQOç  fitfiUov,  àXX*  ov  fiifiUoy 
oXoxXtiQOP. 

Indem  also  Seneca  seine  siebente  Suasorie  binzufugte,  bat  er  ein 
fiifiiiop  (i^  oXôxXtjQoy  vermeiden  wollen. 

Und  nicht  anders  spâter  Ausonius.  Dieser  Dichter  hat  seine 
Professores  mit  572  Yersen  absolyirt;  es  ist  aber  auch  hier  noch 
Platz  im  Bûche  und  darum  fugt  auch  er  seine  Epitaphia  her<mm 
hinzu  :  ut  tel  vanum  opusctdum  materiae  congruentis  absolverem  et  UbéQo 
epitaphia  subnecterem,     So  erhâlt  er  715  Verse'). 

So  viel  genûge  ûber  das  Ëinzelbucb  in  seinem  Yerbâltmss  zum 
Werkganzen.  Das  Yerhalten  der  Schriftsteller  hat  uns  seine  Raum- 
natur  bestâtigt.  Es  hat  ein  Maximalmass  und  ein  Minimalmass  der 
antiken  BuchroUe  gegeben,  nach  dem  die  Autoren  sich  richteten. 
Wir  haben  nunmehr  dièse  Masse  zu  bestimmen.  Doch  muss  zuyor 
die  Masseinheit  festgestellt  werden,  nach  der  wir  zu  messen  haben 
werden. 


')  GaleDi  methodus  med.  VI  c  5. 

^  Cicero  de  nat.  deor.  I  93. 

')  Dig.  const.  Jiâmxtv  6. 

^)  Alex,  schol.  Metaph.  zu  diesem  Buch,  init. 

^)  Die  Ueberschriften  als  Zeilen  mitgez&hlt. 


VTERTES  KAPITEL. 

Die  Buchzeîle. 


Wenn  wir  das  Alterthum  fragen,  womit  es  den  Umfang  seincr 
Bûcher  ausmisst,  so  lautet  seine  Antwort  fast  einmûthig:  die  Zeile. 
Gelegentliche  abweichende  Bestimmungen  sind  im  Yergleich  damit 
leicht  als  bedeutungslos  zu  erkennen. 

Clemens  schâtzt,  wie  wir  sahen  (S.  148),  die  Buchgrosse  nach  „Zabl 
and  nachUmfaDg  der  Kapitel^  ab.  Hieraus  erhellt  schon,  dass  die 
Grosse  der  Kapitel  selbst  eîne  schwankende  war.  Sie  liessen  sich 
somit  auch  nicht  als  comparativer  Massstab  Yerwenden.  Auch  scheint 
der  Begriff  des  Kapitels  nicht  sehr  ait  zu  sein.  Dem  Photios  ist 
dièse  Texteintheilung  freilich  gelâufig,  so  wie  den  Scholiasten  des 
Arîstoteles  und  Hippokrates,  wo  sie  mit  tfk^fMX  abwechselt^).  Hand- 
schriftlich  liegen  Kapiteliîberschriften  yielleicht  zuerst  Yor  in  dem 
Papyrus  chemicus  N.  66  des  Leydener  Muséums;  sie  erscheinen  hier 
aber  vielmehr  nebengescbrieben').  Symmachus  liest  Seneca  in  Ea- 
piteln'),  Cassiodor  den  Josephus  in  Titebi^).  Des  Hieronymus 
Commentare  lagen   dem  Rufin  in  nicht  numerirten  Eapitein  vor'). 


')  Dieu,  Schol.  Hippokr.  II  3.    Vgl.  Bergk  Or.  Litterat.  I  S.  233. 

')  Vgl.  LeemsDs,  Ilorapollo  S.  XXII. 

«)  Symm.  ep.  X  27. 

*)  Cassiodor  arithm.  l:  Josephus  in  libro  I  antiquitatum  tituîo  IX, 

^)  So  citirt  Rufin  (Hier.  IV  S.  378  éd.  Mari.)  in  tertio  commentariorum 
(se.  ad  Ephesios)  libro  . . .  sub  eo  capitulo  ubi  scriptum  est  „Qui  uxorem''  eqs. 
post  aliguanta  sic  ait;  wSre  das  betreffende  Kapitel  numerirt  gewesen,  so  h&tte 
es  Rufin  einfacber  mit  der  Zabi  citirt  ;  ebenso  weiterbin  (S.  380)  :   de  eo  capi- 


158  —  ^®  Bachxeile.  — 

Aus  dem  Jahr  114  n.  Chr.  lemen  wir  inschriftlicli^)  das  Stadtjoumal 
oder  Tageblatt')  der  Landstadt  Caere  kennen,  das  in  kapita  zerfiel; 
es  batte  sowohl  Kapitel-  aïs  auch  Seitenzâblung;  worin  hier  die 
Eapitel  ibre  Einbeit  fanden,  ist  unklar;  jedeD&lls  aber  waren  sie 
raumlicb  uDgleicb').  Aucb  Testamente  tbeilte  man  so,  und  ein  Kaput 
ex  testamento  M,  Megonii  M,  F.  Cor.  Leonis  wird  gleicbâdls  inscbrift- 
licb  mitgetbeilt^).  Auf  Kapiteltbeilung  angelegt  war  das  Bucb  der 
Paradoxa  Gicero^s,  womit  man  die  vier  X6yo&  nagadd^œy  des  Damas- 
kios  yergleicbe,  die  xsîpalatiââeiç  waren,  der  erste  zu  352  xstfcilcua 
(Pbot.  cod.  130).  Docb  ist  als  erster  vielmebr  Ëpapbroditos  (unter 
Nero)  anzufubren,  welcber  die  Bûcber  der  Odyssée  xetpdXoHz  naxinte, 
eine  Tbatsacbe,  die  erst  in  anderem  Zusammenbang  biiureicbende 
ËrklâruDg  finden  kann'). 

Ein  anderer  TernÛDUs  ist  damit  verwandt  und  vielleicbt  identisch, 
pars  libri  und  fiéQOç  fiifiXiov.  Wenn  Hieronymus  scbreibt*)  :  undeci- 
mus  liber  .  .  .  facilior  erit  in  principHs  et  usque  ad  duos  sut  partes 
reliqua  simili  more  dictanda  sunt,  so  setzt  dies  voraus,  dass  auf  die 
zwei  partes  seines  Bucbs  nocb  mebrere  folgten  und  dass  jede  pars 


tulo  uhi  dicit  apostolus  ^Sicut  elegit"  eqs.  ita  ait;  Tgl.  ebenda  S.  402;  endHeh 
S.  405  :  longvm  est  si  velim  . . .  proposiHs  capitulis  ad  singula  reqtondere, 

1)  Mommsen,  IRN.  6828  (Orelli  3787;  Grater  S.  214):  Q.  Ninnio  Hasta 
P.  Manilio  Vopisco  cos. 

*)  Commentarium  cottidianum  mumcipi  Caeritum. 

3)  Ulpius  Vesbinns  hat  dem  Municip  Caere  ein  phetrium  (<iQ€eTçtoy)  baaen 
lassen;  die  Inschrift  tbeilt  erstlich  die  Erlaubniss  des  Magistrates  der  Stadi 
mit,  descriptum  et  recognitum  factum  ...  ex  commentario  quem  iussit  profenri 
Cuperius  Hostilianus  per  T,  Rustium  Lysiponum  scriham^  a.  aw.  aus  ihm  iwie 
pagina  XXVII  Kapite  VI;  folgt  der  Permiss  an  Vesbinus;  darauf  Abscbrift 
eines  zweiten  Dokuments,  Anfrago  des  Magistrats  an  den  Curiatius  Cosannp, 
ob  er  gegon  den  Bau  nicbts  einzuwenden  hat;  dies  stand  sichtlich  frfiber: 
inde  pagina  altéra  capite  primo;  drittens  endlîch  folgt  die  Zasage  des  Cosanos, 
sie  stand  pagina  VIII  kapite  primo.  AUo  das  erste  Kapitel  nmfasste  die 
ersten  acht  Seiten  oder  mehr;  auf  Seite  XXVII  stand  man  im  Kapitel  VI:  aaf 
den  achtzehn  Seiten,  die  zwiscben  S.  VIII  und  XXVII  lagen,  waren  also  mm- 
destcns  vier  Kapitel  absolvirt,  jedes  h()chsten3  zu  47^  Seiten. 

*)  Fleetwood,  inscr.  ant.  sylloge  (1691)  S.  75. 

*)  Vgl.  unten  Kap.  IX. 

^)  Hieron.  comni.  Jesai.  XI  praef. 


—  Kapîtel.     Buchtheile.     Seiten.  —  XÔ9 

dem  Léser  sichtlich  abgegrenzt  erschien,  muthmasslich  durch  Absatz 
im  Contexte.  Aelmlich  theilte  sich  fur  Galen*)  eîn  Buch  des  Hippo- 
krates:  zovzov  xov  fitfiUov  ro  ikèv  xatà  to  tv  ygdfifka  iiéqoç  tb 
nqAtov  êîç  Cfi  Ciixovç  i^^xet,  Auch  der  „Theil^  bedeutet  also 
keinen  bestimmten  Raumumfang,  denn  seine  Stichenzahl  muss  erst 
taxirt  werden.  Beîm  Hippokrates  waren  ûbrigens  die  (ligil  ver- 
scbiedene  unzusammenhângende  Traktate.  Nach  solchen  ^Theilen^ 
citirt  nun  Asconius  wenigstens  eine  der  Reden  Cicero^s,  die  Scauriana; 
sein  erstes  Citât  ans  ihr  steht  zwar  circa  ver,  (a)  prim,  XXXX,  die 
nâchsten  ibidem,  das  vierte  aber  circa  tertiam  partein  a  primo  y  das 
folgende  mit  statim  ist  interpolirt,  dann  steht  paulo  post,  dann  circa 
médium,  dann  post  duos  partes  orationis,  post  très  jiartea  orationis  a 
primo,  endlich  ver.  a  nov.  . .  und  ver.  a  novis.  CLX,  Auch  hier  sind 
die  paries  also  nicht  von  gleicher  Grosse^).  Sie  mûssen  um  so  mehr 
irgendwie  graphisch  ausgezeichnet  gewesen  sein,  da  hier  die  ûbliche 
Citirweise  nach  Zeilen  nebenhergeht. 

Ein  Raummass  dagegen  ist  die  Seite,  asXlÇj  pagina.  Die  Buch- 
grôsse  nach  der  Seitenzahl  zu  bestimmen  scheint  naheliegend,  und 
in  der  That  sind  in  dem  angefuhrten  commentarius  der  Stadt  Caere 
die  Seiten  numerirt  gewesen,  so  dass  geradezu  nach  ihnen  citirt  wird. 
Dies  geschah  hier  indess  wohl  nur,  weil  Verszâhlung  in  einer  Mis- 
cellanskriptur  wie  dieser  nicht  wohl  môglich  war.  Denn  sonst  citirte 
man  —  wenn  schon  seiten  —  nur  nach  Versen,  und  das  Zâhlen  der 
Seiten  scheint  ûberhaupt  niemals  wirklich  zum  Usus  geworden  zu  sein. 
Es  l&sst  sich  dafûr  Tor  allem  die  vierte  Philodemrolle  tisqI  ^tiroQtxl^ç 
anfuhren'),  deren  Schriftcolumnen  von  Blatt  VIII  ab*)  unten  mit 
Zahlen  versehen  sind:  P^iZ  steht  auf  Bl.  VIII,  P^0  auf  XI,  weiter 
PMj  PMA  u.  s.  f.  bis  PMZ  auf  Blatt  XIX;  die  Rolle  bestand  also 
anscheinend  ans  147  Seiten.    Hâufiger  finden  wir  die  Zahl  der  Selides 


')  Oalen  in  Hippokr.  de  nat.  hom.  XV  S.  9. 

';  Die  zweite  HAlfle  der  Rede  nach  dem  médium  fasst  den  Rest  von 
pars  II  und  pars  III  und  IV ;  danach  muas  pars  I  mit  einem  Theil  von 
pars  II  die  ganse  erste  Hftlfte  gef&llt  haben;  darum  ist  mir  das  circa  tertiam 
partem  a  primo  unverstllndlich,  man  erwartet  circa  alteram, 

»)  Vol.  Hercul.  Xeap.  XP  S.  1  ff. 

*)  Blatt  I  biâ  VII  sind  unten  abgeri^sen. 


IQQ  —  Die  Bachieile.  -— 

am  Buchende  subskribirt;  dies  geschah  meistena  auf  dem  Eschatocoll 
unterhalb  der  ^dchtigeren  Stichenzahl,  wie  in  den  Herculanensischen 
Rollen  N.  105,  106,  109,  111,  115  des  unten  folgenden  Btichometri- 
schen  YerzeichnisBes,  womit  N.  103  zu  vergleichen  ist.  Gelegentlich 
sind  in  ihnen  aber  auch  nur  die  Selides  yerzeiclmet:  so  Yol.  Herc 
éd.  Ozon.  index  N.  1414:  0tXoâijfAOV  TïïiQi  xdqnoç,  noXX^iMta 
C€AIOH^).  Indess  finden  sie  sich  nie,  wie  die  Sticben,  mit  dea 
alten  dekadischen  Zahlenzeichen  gescbrieben  und  îhre  Zâhlung  erweist 
sich  dadurch  als  von  der  Stichenzâhlung  principiell  Terschieden,  aïs 
nicht  eigentlich  zum  bibliometrischen  Usus  gebôrig.  —  Elin  griechisches 
Epigramm  bezeichnet  endlich  einmal  entsprechend  eine  unbestimmte 
Masse  von  poetischen  Bûchem  als  fiVQKxâsç  fivfihay£y  <fëiJiômv% 
âhnlich  wie  es  von  den  Historikern  beim  JuTenal  (VU  100)  heisst: 
^idlo  quippe  modo  millesima  pagina  surgit  omnibus.  Yon  hundeit 
paginae  redet  einmal  Martial  (YIII  44).  Dass  die  Seite  Ton  den 
Alten  trotzdem  zur  Bestinmiung  der  Buchumfange  nicbt  gewâhlt 
worden  ist,  lâsst  sich  nur  aus  dem  Zweck  erklâren,  den  solcbe  Be- 
stimmungen  fur  sie  hatten  und  der  eine  nocb  grossere  Genauigkeit 
wûnschenswerth  erscheinen  Hess,  als  jene  leisten  konnte:  denn  in  der 
That  war  die  Lange  der  Schriftcolumnen  inconstant  und  konnte  Ton 
20  bis  50  Zeilen  halten'). 

Auders  als  bei  Clemens  fanden  wir  beim  Comificius  und  Cicero 
die  Grosse  eines  Buchs  vielmehr  nach  der  Yielheit  der  Bucbstaben 
bemessen,  die  es  enthalt  (S.  148  f.).  Yergleichen  liesse  sich  damit  etwa, 
wenn  Marc  Aurel  eine  Rede  Frontons  mit  eigener  Hand  copirt  bat  und 
Fronto  ausruft:  „so  viele  Bucbstaben  du  gescbrieben,  so  yiele  £bren 
sind  mein^  (S.  20  éd.  Nab.).  Bei  Pappus  Alexandrinus  wird,  ûreilich 
zu  ganz  anderem  Zweck,  der  Yers  ^Aqxéinôoç  xlsîte  XQcitoç  s^oxoy 


')  Was  Spengel  und  danach  auch  Cobot  mit  Becht  als  78  Selidea  lesen 
{ail.  oij'  oder  aber  TÎelIeicbt  aili.  oi/), 

')  Julianuâ  Aegyptius  auf  Theodorus,  AnthoL  Pal.  VII  594. 

')  Constanz  iat  allerdings  innerbalb  einea  Einzelbuchea  wahnunehmen, 
wie  im  Bankosianus  zu  circa  43  Zeilen.  Pbilodem  niçl  xaxmy  (éd.  Oxford) 
Bcbwankt  zwiscben  36,  37,  38;  daselbst  freilich  S.  83 — 105  zwiacben  37  und  46. 
Vol.  Oxon.  II  S.  1  —  45  bat  25  —  27,  S.  46—116  vielmebr  35  (vgL  Cobet 
Mnemos.  1878  S.  262). 


—  Z&hlen  der  Seiten,  der  Bachstaben  und  Silben.  -^  JgX 

iwêa  Movgaê  wirkiicli  abgez&hlt  (insï  ovv  ygccfi^aTa  iffnv  Xf(  toi 
ifdxov  n  17  fin.  YgL  II  23).  Merkwûrdiger  sind  jene  zwôlf  Trimeter, 
die  anf  der  Rûckseite  des  astronomischen  Lehrbuchs  des  Eudoxos 
binzngefûgt  stehen;  sie  tragen  nicht  nur  den  Titel  Evâé^ov  réxyfj 
als  Akrostichon,  sondem  es  ist  hier  in  der  Eunst  oder  Spielerei  yiel 
"weiter  gegangen;  auch  der  Buchstabeninhalt  der  Zeilen  ist  abgezâblt: 
sie  enthalten  zusammen  gerade  365  Bucbstaben ,  d.  i.  so  viele, 
sIb  Tage  im  Jahr  sind,  jeder  Trimeter  aber  als  Yertreter  eines 
Monata  genau  deren  30  und  nur  der  letzte  35:  das  Gedicbt 
•elbflt  giebt  darûber  Aufscbluss:  6  fiiv  (nixoç  fMt^  iifti,  yQccfkfia 

Hiermit  ist  nun  allerdings  auf  die  letzten,  kleÎDsten  Bestandtheile, 
es  ist  aber  zugleicb  auf  eine  wirklicb  constante  Grosse  zuruckge- 
griffen;  und,  lag  Exaktheit  im  Zweck,  so  musste  in  der  That  der 
Bachstabe  die  Grundiage  aller  Messungen  des  Bucbumfangs  bilden. 
Indess  ^re  ein  Abzâhlen  des  Buchstabeninbaltes  ganzer  Rollen 
nun  freilicb  ein  lâcherlicher,  unverhâltnissmâssiger  Mûhaufwand  ge- 
wesen.  Weder  Cicero  noch  Comificîus  konnten  glauben  machen, 
dass  sie  ihn  wirklicb  abgezahlt  Eine  zweite  constante  Grosse 
"war  nothig,  die  Termittelnd  eine  gewisse  Bucbstabenanzabl  reprâ- 
aentirte. 

Als  solcbe  Grôssen  lebrt  uns  ein  Pliniusbrief  —  ausser  der  Brief- 
seite  —  die  Silbe  kennen  und  die  Zeile.  Plinius  bat  lY  11  einen 
langen  Brief  gescbrieben,  der  etyras  ûber  zwei  Seiten  fQllen  mocbte; 
abscbliessend  fordert  er  einen  gleicb  langen  Gegenbrief,  und  die  Lange 
desselben  will  er  durcb  Nacbzablen  genau  controliren:  ego  non  pa- 
gmoê  tantum  sed  versus  etiam  syUabasque  numerabo:  d.  b.  aucb  dieser 
Brief  soll  zwei  Seiten  balten  und  auf  der  dritten  Seite  nocb  x  yoUe 
Zeilen  nebst  einer  Halbzeile  zu  x  Silben.  Die  Bucbstaben  selbst  zu 
zâblen  aber  fallt  bier  dem  Plinius  nicbt  bei. 

Die  Silbe  nun  kônnen  wir  iibergeben;  ein  spâterer  Zusammen- 
hang  wird  uns  fur  dièses  Zâblen  der  Silben  als  kleinsten  Raum- 
masses  einen  weiteren  und  lebrreichen  Beleg  ans  dem  Galen  bringen 
(S.  214);  man  zâblte  sie  statt  der  Bucbstaben,  weil  man  eben  nicbt, 


^)  YgL  Brnnet  de  Presle,  Notices  et  extr.  XVIII  S.  45  f. 
Birt,  BoehweMii.  11 


1Q2  —  Dîe  Bachseile.  — > 

wie  wir,  gewohnt  war,  die  geschriebene  von  der  gesprochenen  Eede 
zu  scheiden.  Der  versus  oder  (nixoç  der  Alten  wird  uns  dagegen 
um  80  eingehender  beschâftigen  mûssen.  So  selbstverstandlîcb  con- 
stant er  in  der  Poésie  war,  und  so  nabe  es  darom  liegen  mochte 
ibre  Verse  zu  zâblen,  so  aufîallig  und  fragwûrdig  scbeint,  dass 
man  dasselbe  aucb  auf  die  Prosa  ûbertrug. 

Scbon  im  Yoraufgebenden  gab  Hieronymus  uns  biervon  Beispiele; 
seine  Taxinmg  yon  Prosabucbgrossen  nacb  Yersen  erwies  sicb  als 
80  exakt,  dass  fur  die  dabei  in  Betracbt  kommenden  Bûcber  der 
Vers  notbwendig  ein  Fixum  gewesen  sein  muss  (S.  152  f.).  Die  ganze 
Bucbkunde  der  Alten  nun  aber  bat  dem  entsprecbend  den  Inbalt 
ibrer  Biîcber  nicbt  nacb  Eapitebi  oder  Seiten,  sondem  nacb  Zeilen 
berccbnet.  Dies  ist  die  sogenannte  Sticbometrie,  welcber  an- 
scbeinend  kein  Werk  sicb  entzogen  bat.  Durcb  einen  Ueberblick 
ûber  dièse  Sticbometrie  soll  sicb  uns  nunmebr  der  Begriff  der  an- 
tiken  Zeile  nâber  bestinimen ,  damit  wir  unsere  Hauptaufgabe, 
die  Bestimmung  der  Grossenmasse  des  antiken  Bucbes  bemacb 
eben  mit  Hûlfe  der  antiken  Masseinbeit  selbst  zu  lôsen  Tersucbeo 
kônnen. 

Sebr  seiten  kam  ein  Autor  auf  den  Einfall,  die  Yerszabl  selbst 
zu  nennen;  dies  tbat  Josepbos  am  Ënde  seiner  Altertbûmer  und 
Justinian  bei  Erôfifnung  seiner  Digesten  zum  Zweck  der  Contrôle, 
Tbeopomp  aus  Rubmredigkeit,  Ausonius  zu  scberzbaftem  Endzweck: 

1.  Josepbos  Antiqu.  XX  fin.:  xaTartavcw  t^v  agxaêoXoyUxy 
piploiç  fièy  €Ïxo(ft  7r€Qi€ti,Xij(AéytjPj  1$  âè  (iVQKxcïi  attxfày:  60  000 
Verse  in  20  Bûcbem. 

2.  Justinian  de  confirm.  dig.  1  (vgl.  ad  antecess.  1):  in  quinqua- 
ffinta  ïibros  omne  quod  utilissimum  erat  coUectum  est , . .  nomenque  libris 
imposuimus  Digestorum  seu  Pandectarum  ...  m  cerUum  quinquagmta 
paene  milia  versuum  totum  opus  consummantes  (entsprecbend  aucb 
griecbiscb  gefasst):  fast  150  000  Verse  in  50  Bûcbem. 

3.  Tbeopomp  (Phot.  cod.  176,  S.  120  b  30  B.):  .  .  .  avrà 
âpnnoiovfiévœ  %&v  nQœreiœyj  oix  ilaTréyoùy  fkèy  ^  ÔKffàVQiwy 
imiy  tovç  intâsixnxovç  rây  Xoyœy  (WyyQatpafjbéyœ ,  nXsiovç  âè 
Ç  w'  (jkVQiââaç  iy  olç  tccç  t€  t&y  ^EXXijycùy  xal  fiaQficcQtov  Ttgàiëiç 
fiéxQt  vvy  ànayrsXlofAiyaç  b<sh  Xafisty  ....  Tovta  avTOÇ  nêçl 


—  Stichometrie.  —  lg3 

av%ov  Xéytùv  9nX,:   20  000  Verse  (c/n;)  in  epideiktischen  Reden, 

150  000  in  70  Geschiclitsbachern  ^). 

4.   Ausonius  Griphus  y.  89  f.: 

Hio  qaoque  ne  ludas  numéro  transcurrat  inerti 
Ter  decies  temos  habeat  decîesye  noyenos. 

SoDst  fanden  die  Yerszahlen  bei  der  Edition  vielmehr  als  redak- 
toiische  Notiz  in  der  Subskription  jedes  Bûches  ihren  bescheidenen 
Platz;  Herodian  thut  dieser  Zahlen  einmal  Erwâhnung,  ^die  wir  bei 
Schrifbwerken  an  den  Enden  der  Bûcher  sehen^'),  aber  auch  wohl 
Lnkian,  ûber  einen  Compendienschreiber  spottend,  der  sein  dûrres 
Werk  pathetisch  in  folgender  Weise  betitelte:  KaXhiMQfpov  lazqov 
Tifç  jwy  xovTOîféqoav  hn^ç  îcnoç^œp  Jlaqd'ixâv  und  jede  Rolle 
subskribirte  mit  dem  âçê&f^ôç  ').  Ben  Endseiten  der  Rollen  wurden 
die  ZifTem  aber  ferner  Yon  den  Bibliothekaren  entnonimen  und  zur 
Contrôle  gleichfalls  genau  in  die  Bibliothekskataloge  eingetragen. 
Aus  beiden  Quellen  haben  wir  nun,  als  Subskriptionen  und  als  Eatalog- 
angaben,  eine  Reihe  solcher  Zeilensummen  erhalten,  welche,  Yon 
Ritschl  zuerst,  doch  ohne  Ordnung  zusammengestellt,  hierorts  ge- 
ordnet  und  Yermehrt  zum  Zweck  unserer  Betrachtung  einen  Platz 
finden  soUen. 

Wir  stellen  die  nicht  als  Subskriptionen  erhaltenen  Angaben 
Toran  und  gehen  Yon  der  griechischen  Litteratur  aus.  Hier  war  es 
bekanntlich  der  alezandrinische  Bibliothekar  am  Bruchium  Ealli- 
machos,  welcher  den  denkwûrdigen  Plan  zu  grossartiger  Ausfuhrung 
brachte,  die  in  Alexandria  ûberreich  zusammenfliessenden  Bûcher- 
massen  nicht  zu  ordnen  und  aufzustellen  ohne  sich  ûber  jede  Rolle 


^)  Der  Titel  'Elliituoy  xat  fia^fiaçaip  nça^nç  passt  sachlich  auf  beide 
Werke  Theopomp's;  die  Hellenica,  an  die  er  anklingt,  waren  zu  kurz  um  hier 
mlleîn  gemeini  eu  sein;  die  Hellenica  auszuschliessen  aber  wird  durch  nichto 
indicirty  also  Terstehe  ich  beide  Werke  Theopomp's ,  was  zu  einem  solchen 
Gesammtûberblick  am  besten  passt. 

*)  Herodian  mçi  rwy  àçt&inôiy,  Steph.  Thesaur.  éd.  Dindorf,  append.  VIII 
S.  345y  ûber  das  altère  griechische  Zahlens jstem  :  xat  yàç  ravra  (se  oj/ukc) 
fy  n  ràêç  yçatpàiç  rwy  fiifiXiiay  M  toIç  néçacày  oçaifÀiy  yçarpofiiya  xtL 

*)  Lnkian  XXV  16:  ovnoç  inéyçaipi  ta  fiifikia  TQayêxânçoy  ....  ^JCoJUU- 
fêôç<f>ov  xrjt."  xat  vniyéyçtKnto  ixâcrp  o  àçèd-fioç,  Dass  die  Subskription  jedes 
Buchs  bloe  die  ,,Buobsahl'*  trug,  w&re  doch  wohl  nicht  erw&hnenswerth  gewesen. 

11* 


154  —  l)îo  Bnebieile.  — 

und  jeden  Autorennamen  litterarhistorisch  zu  yergewisseni,  die  Echt- 
heit  zu  prûfen,  Yor  allem  auch  nach  der  YoUstandigkeit  des  Buch- 
bestandes  zu  sehen.  Die  Ulvaitêç,  in  welchen  Eallimachos  dièse 
fur  die  Litteraturgescbichte  so  grundlegenden  Notizen  zusammen- 
ordnete,  rubricirten  die  Autoren,  yorzûglich  nach  den  Stilgattungeo, 
in  yerscbiedenen  Gruppen,  und  gaben  von  jedem  ibrer  Werke  consé- 
quent den  Yollstândigen  Titel,  die  Bucbzabl,  die  Anfangsworte  und 
endlicb  den  Zeileninbalt.  Von  den  Zeileninhalten  wurden  bei  Ver- 
fassem  mebrerer  Werke  die  Gesammtsumme  ausgerechnet.  Die 
^enigen  Zahlen,  die  wir  aus  diesen  Ilivaiuç  des  KaUimaclios  direkt 
erbalten,  mûssen  besonderen  Wertb  beansprucben  (N.  54  f.);  ûbrigens 
bot  sicb  der  sp&teren  Litteraturbetrachtung  in  diesem  Werk  eine 
Fundgrube  dar,  aus  der  sicb  bestes  Material  in  Fûlle  schopfen  liess; 
aucb  yiele  der  Sticbenangaben  bei  spâteren  Autoren  dûrfen  auf  sie 
zurûckgefubrt  werden;  oftmals  wird,  zumal  bei  Nennung  der  Ge- 
sammtzeilensummen  eines  Schriftsteliers,  der  Trieb  zur  Yereinfacbung 
scbwerfalliger  Zablen  oder  auch  einfacbe  Irrung  in  dieser  indirekten 
Ueberlieferung  die  ursprunglicben  Daten  yerfalscht  haben. 

Wir  stellen  die  Angaben  Yoran,  die  auf  poetische  Werke 
Bezug  haben;  sie  betreffen  meist  Yorkallimacheische  Werke: 

5.  Ilias  (Cert  Hom.  et  Hes.  19  N.):  15  000  Itiç.  Es  sind  viel- 
mehr  15  693  Verse,  Ygl.  N.  6. 

6.  Odyssée  (ebenda):  12  500  «Vrjy.  Es  sind  nur  12110.  Es 
ist  hier  wohl  ein  ç)  Yerstellt  und  wir  baben  fur  die  Bias  iji&v  fJt^^fpj 
fur  die  Odyssée  fj,^^'  zu  lesen. 

7.  Danaides  (tbl.  Biaca  G.  I.  G.  6129;  Jahn,  Gr.  Bilderchroniken 
Tfl.  VI)  :  6500  sn^. 

8.  Werk  unbestimmten  Titels  (tbl.  Biac.)*):  9100  ôny. 

9.  Werk  unbestimmten  Titels  (ebenda)*):  6600  «rç.  VieUeicht 
ist  die  Oedipodia  gemeint. 


^)  Man  liest:  . . .  ytoy  M^lfictov  kéyovmv  in(5y  ovra  fi^*\  der  Titel 
muss  neutralen  Geschlechts  wie  Kvnçta  gewesen  sein;  dazn  oyra,  Staainns 
war  Kyprier,  Milesier  war  Arktinus,  an  den  also  hier  etwa  su  denken  isL 

^)  •  •  W'7»'  OldèTïodfwy  T^y  vno  Kvyaid^iûvoç  tdD  . . . 
. .     .  71  fç  iniày  ovaay  ^ç^  vno^^cofAey  Srj^aiâa  .  . . 
Noch  oine  andere  titellose  Zabi  scheint  zwei  Zeilen  danach  su  stehen. 


—  Stichometrie  »aa  Katalogen  (Dichter).  —  lg5 

10.  Thebais  (Cert  Hom.  Hes.):  7000  «imy. 

11.  Epigonoi  (Cert.  Hom.  Hes.):  7000  «rç.  —  Fur  Kypria, 
Aethiopis,  Dias  mikra,  Iliupersis,  Nostoi,  Telegonia  erhalten  wir  nur 
BuchzableD,  ebenso  ftir  Hesiod. 

12.  Pindar  (Eustath.  comm.  Pind.  S.  24  Schneidewin)  inêplx^o^i 
migef&hr  4000  (nixo^^)- 

13.  Erinna  (Soid.  s.  n.,  ebenso  Anthol.  Pal.  IX  190)  *HXaxdt^i 
300  in^. 

14.  Xenophanes  (Diog.  La.  IX  20),  sîç  ^EXéav  t^ç  *ItaXlaç 
anoêXiCf^éç:  2000  eTn/.  Yielleicht  ist  die  KoXog>apoç  xtUfêç  in  der 
Zahl  mit  einbegriffen. 

15.  Empedokles  (Diog.  La.  Vlli  77)  tuqï  (fV(t€fûç  imd  xad'a^ 
§âot:  gegen  5000  sTnj. 

16.  Empedokles  (Suid.  s.  n.)  Ttsçi  çvifeùûç  allein:  ungefahr 
2000  imi  in  3  Bûchem. 

17.  Empedokles  (Diog.  a.  a.  0.)  larq^oç  Xôyoç:  gegen  600  87nj. 

18.  Panyasis  (Suid.  s.  n.)  ^HQaxlêêciç:  gegen  9000  lim/. 

19.  Theognis  (Suid.  s.  n.)  ypcifuxê  ôh  ilsyeiaç:  gegen  2800  Stt^ 
(d.  h.  ûber  2750)»). 

20.  Timotheos  (Steph.  Byz.  s.  y.  MiXfizoç)  v6fM)$  xtd'aqfûdixoii 
gegen  8000  inti  in  18  Bûchera. 


^)  Die  Stelle  laatet:  tîal  ât  nataviç  â$&vça/nfio$  nqoçôâka  naçd^éyHx  .... 
uno^X^fÀora  iyxœ/ma  d^ç^yo*  xal  inhvixèOè  (xarà  r^y  Umçiay  éçtt  Tcrçoxiç- 
jf«JUo«)  o*vç  xai  bnyixovç  TiTQaavXkapaç  qaaiy.  L&se  man  sUtt  Ictoqiay  TÎel- 
mehr  cn[x\o\jAêT\qiay,  so  w&re  jeder  Anstoss  beseitigt.  Bergk  Pindar^  S.  367 
Note  sneht  dièse  Zahl  mit  Unrecht  za  yerd&chtigen.  Derselbe  yermuthet 
beim  Suidas  s.  niyâaqoç  statt  des  schliessenden  inèxà  mit  Recht  gleich- 
falls  eine  Zahl.  Gegen  die  Schreibung  1*7117  ^,^  macht  er  selbst  gegprftndete 
Bedenken  geUend.  Dièse  Verschreibung  ist  mit  N.  19,  32  susammen  tu  be- 
handeln. 

*)  Suidas  giebt  zweimal  eine  Zahl:  ïyçaipty  iliyiiay  tiç  tovç  ctod-éyraç 
vSy  SvQoxociwy  iy  7^  noltoçxiç,  yyuifÀaç  â*  iliyiiaç  tîç  in>i  fiu))  dieselben 
Qnomen  werden  sodann  noch  einmal  in  etwas  genauerer  Fassung  aufgeftlhrt, 
die  ich  ftlr  Dittographie  halte:  xai  nçoç  Kvçyoy  roy  atmv  içtô/Liiyoy  yyafAO' 
Xoyiay  âê'  iXêyiiiûy  xai  iriQaç  imo&^xaç,  naçaiyinxâç,  rà  nâyra  ^inèxmç;  Trir 
haben  demnach  auch  hier  gewiss  ta  nâyra  inrj  fita  sa  lesen.  Dilthey  jer- 
mnthet  Rhein.  Mas.  18,  160,  rà  navra  ^d^txôiç,  doch  ygL  No.  12  and  32. 


Jgg  —  Die  Badueile.  — 


21.  Timotheos  (ebenda)  nçovàfJMx  avXôiy:   1000  J/nj  ist  nn- 
siclier  *). 

22.  Antimaclios    Yon   Heliopolis    (Suid.  s.  n.)    itotSiumoUal 
3700  irtfi. 

23.  Mari  an  08  scholasticos  (Suid.  s.  n.):  Metaphrase  des  Theo- 
krit:  3150  ïafjkfiot. 

24.  Marianos  (ebenda)  Metaphrase  der  Argonautika  des  Apol- 
lonius: 5608  ïagAfioi. 

25.  Marianos  (ebenda)  Metaphrase  der  Hekale,  Hymnœ,  Aitia 
und  Epigrammata  des  Eallimachos  :  6810  ïafifioê. 

26.  Marianos  (ebenda),  Metaphrase  des  Arat:  1140  ïafAfioi. 

27.  Marianos  (ebenda),  Metaphrase  der  Theriaka  (und  Alexi- 
pharmaka)^  des  Nikander:  1370  Xafifioê. 

28.  Amphilochios  episcopus  (subskribirte  Verse;  Tgl.  Orelli, 
op.  gr.  sent,  et  mor.  U  S.  412)  epistula  ad  Seleucum:  333  ïa[Afio&. 

Titel,  die  moglicherweise  auf  Erfindung  beruhen,  darum 
aber  nicht  weniger  fur  die  Gewohnheit  der  Stichometrie  Zeugniss 
ablegen,  sind: 

29.  Arion  (Suid.  s.  n.);  Ço/iara^  TTQOoifua:  gegen  2000  sfEij^. 

30.  Orpheus  (Suid.  s,  n.),  0P0fAa<ntx6y:  1200  «hç*). 

31.  Orpheus  (a.  a.  0.),  &€oyovia:  1200  irn/. 

32.  Orpheus  (a.  a.  0.):  àaxqovoitlaj  âfAOXonia,  &vij7wXix6vj 
wodvuxà  ^  taocxontxd:  statt  der  Zahl  folgt  hier  JtiuccSç;  man  lèse 
etwa  ênij  fica'^), 

Zweifellos  fingirt  sind  folgende  Zahlen  aus  Lobon's  des 
Argiver's  Schrift  ncQÏ  noifiiûv^): 


^)  Stephanos  sagt:  oç  inoi>j<rt  v6/Li(ay  Xi&açtpdiXtav  fiifilovç  àxrutxaiâtxa 
fîç  Inmv  oxrax^x^^^^^  ^^'^  àçid^fioy ,  xaî  TiQovôfÂMt  avltoy  j|f*il»a.  Man  er- 
wartet,  dass  auch  die  zweite  Zahl  Stichen  gebe;  also  mûssten  wir  lesen:  n^th- 
vofjiiîûv  avkiàv  )^iha  (se.  (ntj),     Etwas  anders  Bitschl  I  S.  89. 

')  Die  GrOsse  der  Zahl  beweist,  wenn  man  dea  Umfang  der  Metaphrasen 
des  Arat  und  des  ApoUonios  rergleicht,  dass  hier  bei  Suidas  xaî  jilsÇHfccçfÂâxtoy 
ausgefallen  sein  muss;  rgl.  Bitschl  1  8.  112. 

')  „Numeru8  ut  opiner  vitium  contraxit^,  Bemhardy. 

^)  ^Titulus  commenticius'^  Bernhardy. 

^)  Vgl.  Lobeck  Aglaoph.  S.  355. 

6)  Vgl.  E.  HiUer,  Bhein.  Mus.  33,  S.  518  ff. 


—  Stiehometrie  aas  Katalogen  (Dichter).  —  lg7 

33.  Thaïes  (Diog.  La.  I  34),  xà  yeygafAfAéya:  gegen  200  Smj. 

34.  Chilon  (ebenda  68)  iXêyêta:  gegen  200  irtf}. 

35.  Pittakos  (ebenda  79;  ygl.  Suid.  s.  n.)  iXsystai  600  fiTi^. 

36.  Bias  (ebenda  85)  juçi  ^laviaç  ziva  (AcclKna  àv  tqônov 
evâa&fMPoifi:  gegen  2000  Sntj. 

37.  Kleobulos  (ebenda  89;  ygl.  Suid.  s.  n.)  qafiaza  und  yQÎçon 
gegen  3000  sn^. 

38.  Periander  (ebenda  97,  Suid.  s.  n.)  vno^xa$  €Îç  rov  àv~ 
&Qm7uiov  filoy:  3000  iinj, 

39.  Sol  on  (ebenda  61):  yéyQa(p€  ai  â^Xop  (Jkip  Su  tovç  v6fM)VÇ 
M€xi  â^fAtjyoQiaç  Kai  eîç  éavtov  vno&^xaç  iXsyiXa  —  xaï  xà  7uq\ 
JSalafAÏyoç  xai  tijç  *A&^vaiœp  noXiTstaç,  snij  nsvxaxkçxiX^a, 
»al  IccfA^ovç  xai  intaôovç.  Die  Zabi  5000  sTtf^  stebt  hier  unordentr 
lich  zwischen  den  Titeln  innen,  deren  erste  zwei  schwindelhaft  sind. 
Um  der  voraufgehenden  gleichartigen  Zahlen  willen  ist  auch  dièse 
hochverdâchtig. 

40.  Epimenides  (Diog.  La.  I  111)^)  KovQ^toav  xai  KoQvfidp- 
Tmv  yéyeoiç  xai  â'soyoyia:  5000  Stu^. 

41.  Epimenides,  ^Aqyovç  vavnfiyia  xai  ^Idtfopoç  bIç  KôXxovç 
mwTïXovç:  6500  inri. 

Ebenso  sind  sicher  oder  wahrscheinlich  fingirt'): 

42.  Thamyras  (Suid.  s.  n.),  &€o3ioyia:  gegen  3000  sTnj. 

43.  Thamyras  (Tzetzes  Chil.  Vil  92),  xo^ikorovia:  5000  otç. 

44.  Palaephatos  (Suid.  s.  n.),  xoCfionotia :  gegen  5000  ënt). 

45.  Palaephatos, l^n:oJU(WOç  xai ^AQxéfAiâoç  yovai:  SOOOfihiif. 

46.  Palaephatos,  ^AçQûâir^ç  xai  ^Eqùûxoç  qxavai  xai  XéyoU 
5000  in^. 

47.  Palaephatos,  *A^vàç  eg^ç  xai  HoCSêôùipoÇ'   1000  êjn/. 

48.  Eumolpos^)  (Suid.  s.  n.),  xelstai  Ji^fi^QOÇ  xai  ^  bIç 
KeXêOV  àîpilètç  xai  t^  x&v  fAVtfx^gicûP  naQdôoCkÇ  17  xaXç  &vyaxQdffêp 
avTOV  yêPOfAép^:  im  Ganzen  3000  iVn^.  Also  3  Epenbûcher  zu 
1000  Versen. 


^)  VieUeicht  auch  nach  Lobon,  Tgl.  Hiller  S.  525. 
>)  VgL  Bergk,  Gr.  Litt.-Ge8ch.  I  S.  404  f. 
^  VgL  HiUer  a.  a.  0.  S.  622. 


Igg  —  Die  BadiMJto.  — 

49.  Anacharsis  (Biog.  La.  1 101;  Soid.  s.  n.),  réfufka  Sxv&utà 
ÔC  imiy.    TgL  anten  N.  53. 

50.  Xenophanes  (Diog.  La.  IX  20):  Koloq>myoç  xvUnç  luû  o 
ëlç  ^EXàay  rçç  ^ItaJSaç  oTWuuogtoç:  2000  £nnf. 

Hieran  reihen  wir  die  Yenzalilen  der  Prosa.  Anch  hier  unter- 
Bcheiden  aich  die  fiDgirten  Xitel  leicht  Ton  den  echten.  Es  sind 
folgende  : 

51.  Epimenides  (Diog.  La.  1111):  Mamlajrdâiiy  nsQÏ  &viU&v 
»al  xTfi  iv  Kq^^  mhttiaç  Mal  nfqi  Miyuk  xeà  'Paâafêciy^voç: 
gegea  4000  £rrf . 

52.  Aristeas  (Snid.  s.  n.)  xautXa/ââ^y  ô'soyoyta:  gegea 
1000  imj. 

53.  Anacharsis.  Suidas  s.  n.  giebt:  iygaîpê  yofUfjka  Sxvd'ixà 
ôh  hniy,  nBQÏ  siftëXéiaç  xAv  sic  toy  ày&qmmyov  fiioy,  stoi  nciyia 
oarraxcMna.  Also  werden  die  yofufka  jedenfalls  als  Poésie,  das  Fol- 
gende als  Prosa  fingirt.  Dagegen  spriefat  nicht  die  Fassung  bei 
Diog.  1 101  :  oimç  irtoUjCs  %iy  xs  Ttagà  xoîç  Sxvâvtç  yofjUfu$y  xal 
xAy  nagà  'ElXfiC^y^  etç  évxéleêay  filov,  xal  xà  xaxà  xoy  nolefêoy^ 
infi  oxxaxôcia.    Prosa  und  Poésie  znsammen  ergeben  800  £nf • 

Auf  wirkiich  existirende  Werke  neLmen  die  folgenden  Angaben 
Bezug,  deren  erste  zwei  direkt  den  JUiyaxfç  des  Kallimachos  ent- 
stammen: 

54.  Chairephon,  (Eallimaclios  bei  Athenaeos  S.  244  A)  ^éP- 
jtyoyi  375  Stichen. 

55.  Gnathaina  (Kallimachos  bei  Athenaeos  S.  585  B)  rofAoç 
avaaixtxôç:  323  Stichen. 

56.  Xenokrates.  Fur  seinen  Gesammtnacfalass,  den  poetischen 
{sTtfi)  mit  einbegriffen,  erscheinen  bei  Diog.  La.  lY  14  im  cod.  Lau- 
rentianus  plut.  69,  13  ç*  fkô.  ifi.  cX&,  das  ist  220  239  Stichen. 
Vulgatlesung  ist  224  239  (die  besten  Codd.  geben  nur  34  239)*). 

57.  Xenokrates'  d'éaetç  (Biog.  IV  13)  yky  oder  fi,  das  sind 
entweder  30  000  oder  13  000  Stichen  «)  in  20  Bûchem. 


1)  Ritschl  Op.  1  191  ff.,  830  ff.,   der  auch  betreffs  der  folgenden  Zahlen 
zu  Tergleichen  ist.    fia  ist  ohne  Frage  AbkQrzung  ftlr  /nvçtâdêç. 
3)  Ritechl  Op.  I  S.  100  Note,  831. 


—  Stichomeirie  ans  Katalogen  (Prosaiker).  —  ]g9 

58.  Xenokrates'  nga^fiateia  nsql  rot  âiaXéyèa&aê  hat  im  cod. 
Burb.  u.  Laiir.  pL  69, 35  ^filpfi,  das  ist  12  740  Stichen,  in  14  B&chem. 

59.  Speusippos  hat  bei  Diog.  lY 5  nacb  Laurentianus  69, 13  im 
Gesammtnachlass  [in fi.  âoë  Stichen,  das  ist  wohl  fiâ.  xfi'j  dos  = 
324  075. 

60.  Aristoteles  (Diog.  V  27)  445  270  Stichen. 

61.  Theophrastos  hat  bei  Diog.  Y  50  im  Gresammtnachlass 
12  850  Stichen  (/t*^  §(av  im  Laur.  69, 13;  dies  ergabe  fOr  jedes  Buch  30 
bis  40  Stichen)  oder  richtiger  .232  850  (MxyBœH  im  Arundelianus, 
BAt/,  fiœy  im  Laur.  69, 35)  in  circa  390  Bûchera. 

62.  Demetrius  Phalereus  (Diog.  Y  80):  er  ûbertraf  fast  aile 
ûbiigen  Peripatetiker  an  Zahl  der  Stichen. 

63.  Erantor  (Diog.  lY  24),  vnofiv^fiata:  gegen  30  000  Stichen. 

64.  Straton.  Seine  GeBammteiimme  ist  bei  Diog.  Y  60  im  Borb. 
fêarfiyx]  ersetzen  wir  die  yorletzte  verderbte  Chiffer  y  durch  v  aus 
Laur.  69, 35,  so  bleibt  die  Auswahl  von  12  420  bis  zu  32  420  Stichen. 
Dièse  Summe  ist  aber  zu  klein.  Zwischen  f»  und  af  (?)  scheint 
eine  hôhere  Myriadenbezeichnung  ausgefallen. 

65.  Timon  Phliasius:  nach  Erwâhnung  von  in^,  ÔQCcfMxta, 
cUiXoê  und  xtpaiâoê  desselben  folgen  bei  Diog.  La.  IX  111  auch 
McnaXoyddiiy  fitfilia,  mit  gegen  20000fi7n7. 

66.  Herillos  Chalcedonius  (Diog.  YII  165),  Tïsqi  à(fx^(fswç, 
nêçi  nadtiy  u.  s.  w.,  13  Monobibla,  die  6X$y6(ntxcc  waren,  aber 
âvya[A€ùiÇ  (Aêtnd. 

67.  Theodektes  (Steph.  Byz.  s.  y.  0cc<fiiX$ç):  mit  50  Tragôdien 
werden  Prosastûcke,  téxpcct  ^tizoQtxai  und  X6yo$  ^tjTOQtxol  verbunden, 
xusammen  inwp  icû.  Die  Zahl  ist  yerderbt  ;  ich  yermuthe  {M)%s, 
das  ist  25  Myriaden.  Die  Tragôdien  allein  mussten  mindestens 
50000  Yerse  betragen. 

68.  Zenon  (Diog.  YII  33),  Dolmia:  den  200sten  Yers  {xaxà 
tovç  âuxxociovç  (fiixovç)  citirte  Cassius  Scepticus. 

69.  Chrysippos.  Sein  drittes  Buch  tïsqI  ôixaiov  fasste  min- 
destens 1000  Stichen;  bei  Diogenes  YII  188  wird  eine  Stelle  aus  ihm 
tonà  TOVÇ  x^^^^Ç  ailxovç  citirt. 

70.  Chrysippos  avyyQa[A[Âa  juqI  %âv  àçxcclcùy  q)v<rtoX6yœy 
batte  ùber  600  Stichen  (soweit  citirt  b.  Diog.  YII  187). 


170  —  ^1«  Boehseae.  ^ 

71.  Thnkydides.  Fur  Theile  seines  Werkes  erhalten  w 
Sticbenzahlen  bei  Dionys  im  Judicium  de  Thuc.  S.  834,  840,  854, 
856,  893  :  so  werden  fur  das  nQootfAtoy  ^gegen  500  Stichen^  angege- 
ben,  fur  andere  Theile  ,)gegen  2000^,  „weniger  als  500^,  ^mebr  als 
300",  „weniger  als  50**,  „gegen  100  Stichen**.   ffierûber  unten  S.  198. 

Folgende  Daten  geben  dagegen  keinenfalls  auf  alexandriniscbe 
Messungen  zuruck,  sondern  sind  jûnger: 

72.  Demostbenes.  Dionys  von  Halicamass  (de  adm.  yi 
S.  1126)  erwâbnt  in  rbetoriscber  Weise,  man  finde  in  ibm  gewisse 
tadelnswertbe  Wôrter  nicht,  obscbon  er  docb  50  000  bis  60000 
Stichen  hinterlassen  babe. 

73.  Hermippos  (Plin.  bist.  nat  30,  1),  Uebersetzung  des 
Zoroaster:  200  000  versus. 

74.  Hippokrates  (Galen  XY  S.  9  und  106):  eine  Sammel- 
rolle  (avyyQa[AfAa)  desselben  bâlt  600  Sticben  Ç  fiQ<xxv  f*  ^[ttov, 
sie  zerfâllt  in  yerscbiedene  kleine  Scbriften  (yçcc^AfiaTa);  die  erste 
Scbrift  De  natura  bomiDum,  to  xarà  iy  ygcc^Afia  [légoç  to  nqmxov, 
bat  nicbt  voile  300  (S.  106)  oder  genauer  240  Sticben  (S.  9).  Ein 
zebnzeiliger  Traktat  tuqI  iyx€(p(i3iov  stebt  am  Scbluss  â$à  Ctixmv 
foq  âéxa.     Siebe  UDten  S.  202. 

75.  Einzelbucb  eines  Ungenannten  (Lukian  25,  19);  Inbalt; 
Gescbicbte  der  Lânder  Arménien,  Syrien,  Mesopotamien ,  Medien, 
von  Anfang  bis  zur  Gegenwart,  in  nicbt  vollen  500  sTnj. 

76.  Das  Volk  der  Turditaner  und  Turduler  in  Iberien  bcsitzt 
nacb  Strabo  S.  139  eine  Litteratur  ((TvyyQâfifAata,  TWi^iikaTa^  vofAOVç 
i[A[ÀéTQOVç)  von  6000  Versen  (incop  Niebubr  f.  itùip). 

77.  Scbrift  ((fvyyQafjLfAa)  eines  Mediciners  Lykos  anscbeinend 
aus  der  Zeit  des  Galen  (Galen  II  S.  227  K.)  :  beinabe  (/Jtixgov  ôétv) 
5000  Sticben.     Die  Bûcberzabl  wird  nicbt  genannt. 

78.  Herodian  (Job.  Pbiloponos,  Tov^xà  naQayyéXfi.,  praef.), 
ij  xa^ôXov  nQaçœdia:  60  000  Verse ^).    Das  Werk  batte  20  Bûcber. 

79.  Jobannes,  Brief  II  und  III,  wenigerals  100  Sticben,  d.  L 
offenbar  ,)mebr  als  50",  nacb  Origenes  comm.  Ecclesiast.  tom.  Y  c.  3 


^)  oTiêç  iy  f|  fivçMCiy  ^Hçoiâ^av^   nênçay/LiaTêveTttà,     Ohne  Zwelfel  ist 
CTixfàv  zu  ergânzen;  vgl.  Graux,  Revue  de  phil.  1878  S.  124. 


—  Stichometrische  Angaben  in  der  Litteratar.  —  J7J 

0VK  sl0ê  itvix(ov  àfAg>6T€Qo&  ixazov.     Die   beiden  Briefe    enthalten 
67  Zeilen  zn  35  Bucbstaben. 

80.  Epboros  (Euseb.  praep.  ev.  S.  464  éd.  Col.):  er  nabm  in 
seine  24  Bûcber  juçi  èya&£y  xai  xax&v  mehr  als  einmal  Ab« 
schnitte  zu  yoUen  3000  Sticben  aus  Daïmacbos  ruqi  swsefislaç  u.  a.: 
ti  yÙq  *Eq>6qov  Xdiov  ix   xwv  Jaïficcxov  xaï  KaXha^évovç  xa\ 

\iya^$fAépovç  avvatç  Xé^ea^p   scny   ors  TQiax^Uovç  SXovç  [istcc^ 
%ê&éytoç  Cttxovç; 

81.  Origenes  (Hieron.  de  vir.  illustr.  75):  i^f^y^ifsêç  elç  tovç 
ôtidëxa  nçocp^raç  in  25  Volumina  mit  tôt  milia  versuum, 

82.  Origenes  (Hieron.  praef.  in  bomil.  Origenis),  10  Volumina 
zu  Cantica  Canticorum:  gelangt  bis  zu  (usque  ad)  20  000  versus. 

83.  Origenes  (Hieron.  comm.  Micbaeae  II  praef.)  in  Psalmos: 
&8t  40  000  versus,  die  von  Hilarius  ad  sensum  iîbersetzt  wurden. 

84.  Basilides  (Acta  Arcbelai  et  Manetis  c.  55).  Bas  dreizehnte 
Bucb  seiner  ^tjyfinxd  hielt  iiber  500  Verse:  es  wird  nach  Versen 
dtirt:  sed  ad  rem  rediens  Basilides  interiectis  plus  minus  vd  quingeniis 
versibus  ait  eqs. 

85.  Metbodios,  Ëusebios  und  Apollinarios  (Hieron.  praef. 
in  libres  Salom.,  ebenso  aucb  epist.  48,  13  ValL):  scbrieben  gegen 
Oelsus  und  Porphyrius  multa  milia  versuum. 

86.  Metbodios  (Hieron.  epist.  70,  3  Vall.):  gegen  Porphyrius: 
gegen  10  000  versus. 

87.  Ëusebios  (Hieron.  epist.  84  fin.) :  aus  dem  secbsten  Bucb 
seiner  Scbrift  super  Origene  i?nirde  der  Anfang,  sicb  belaufend  auf 
fast  1000  versus,  in  einer  Pseudopampbiliscben  Apologie  wiederbolt. 

88.  Gregor  von  Nazianz  (Hieron.  de  vir.  ill.  117)  scbrieb 
gegen  (ad)  30  000  versus. 

89.  Ambrosios  Alexandrinus  (Hieron.  de  vir.  ill.  76)  xazà 
^jérnUéyaçlov*  ein  volumen  multorum  versuum^). 

Wenden  wir  uns  zu  den  Werken  lateiniscber  Spracbe,  so 
muss  uns  auffallen,  wie  viel  T^eniger  sticbometriscbe  Notizen  sicb 
fur  sie  verzeicbnen  lassen.     Dieselben  reieben  nur  eben  aus  zu  be- 


*)  Dieser  onbekannte  Ambrosios  schrieb  gewisa  \rie  sein  Lehrer  DidymoB 
in  griechischer  Sprache. 


172  ^  ^^  BnehieOe.  — 

weisen,  dass  der  tctsus  der  Rômer  in  der  That  dem  ifrixoç  e&t- 
sprach.  Dieser  Umstand  muas  als  ein  krasser  BeweU  dafur  gelten, 
wie  yiel  unausgebildeter  als  die  griechische  die  Litteraturwissenschaft 
der  Rômer  gewesen  ist  und  wie  yiel  weniger  es  hier  dem  Bibliotheks- 
wesen  gelang,  nach  der  Weise  der  alexandrinischen  Kataloge  und 
gelehrten  Bûcherkunde  Grammatik  und  Philologie  anzoregen  und 
zu  bceinflussen.  Folgende  £rwâhnungen  geben  keine  bestimmte 
Verszahl  : 

90.  Hieronymus,  der,  wie  oben  S.  152  f.  gezeigt,  von  dem Vers- 
gehalt  seiner  exegetischen  Bûcher  redet  und  die  verschiedene  Grosse 
derselben  nach  ibm  vergleicht  Auch  die  Schnelligkeit  seines  Diktats 
schâtzt  er  nach  Yersen  ab  (praef.  Il  ad  Ephes.):  ut  sdatis  me  . . . 
interdum  per  singulos  dies  usque  ad  numerum  mille  vereuum  pervenire. 

91.  Die  Apokalypse  citirt  Hieronymus  nach  Yersen:  ante  deeem 
circiter  versiculos  (Epist.  46  V.). 

92.  Paulinus  Nolae  Campaniae  episcopus  (Gennad.  Tir.  ill.  48): 
seine  zahlreichen  Gedichte  hatten  geringen  Yersgehalt:  versu  bremoy 
sed  multa  (es  folgt  ein  Eatalog  der  Werke). 

93.  Cicero's  Brutus  besteht  nach  Quintilian  YIQ  1,  37  aus 
vielen  tausend  Yersen  {tôt  rniUa  versuum). 

94.  Ein  kurzes  Buch  heisst  bei  Seneca  Uber  paucarum  versuum 
(Epist.  93,  11);  ygl.  damit  das  oXiy6<nêXOÇ  in  N.  66.  So  braucht 
Photios  hâufiger  noXvCt^X'^Çj  bes.  von  lexikalischen  Werken  grossen 
Umfanges. 

95.  Ein  Brief  wird  von  Plinius  nach  Yersen  abgezâhlt  (oben 
S.  161). 

Die  Verszahlen,  die  wir  erhalten,  sind,  in  verkehrter  Zeitfolge, 
dièse  : 

96.  Ueber  die  juristische  Litteratur  wurde  zu  Justinian^s 
Digesten  ein  yorlâufiges^)  Quellenregister  gemacht,   welches  sich  in 


^)  Dass  dieser  Index  das  zu  benutxende  Material  nur  vorl&ofig  sasammen- 
stellte,  wird  wohl  allgemein  angenommen.  Bei  der  Aasftihrung  der  Digesten 
ist  nachweialich  mehrfach  von  ihm  abgegangen.  Es  fehlen  im  Index  sowohl 
des  Ulpian  wie  des  Paulus  libri  ad  Ed.  aediiium  curuliam,  Modestin's  wenigstens 
31  Bûcher  ad  Q.  Mucium.  Anderes  Yerzeichnete  ist  in  den  Digesten  nicbt 
benutzt. 


—  Stichometrie  bei  den  ROmern.  —  J73 

der  Florentina  erhalten  bat.  Es  umfasst  1539  Bûcher^),  und  ihm 
hat  der  Urheber  desselben  die  Gesammtsticbensumme  aller  aufge- 
fûhrten  Bûcber  subskribbrt.  Davon  ist  indess  nicbts  mebr  lesbar  als 
êxovffê  (n&x  oJi.  Es  feblt  nicbt  mebr  als  secbs  Bucbstaben.  Mommsen 
fûllt  aus:  SxovCk  Ciixonv  oX\aç\  Jk  (d.  i.  fAVQiââaç  ^:Q^axociaç).  Denn 
JuBtinian  bericbtet  selbst  (De  conf.  dig.  1;  ygl.  ad  antecess.  1),  fast 
2000  Bûcber  seien  in  den  Digesten  benutzt,  deren  Gesammtyerszabl 
300000  sei.  Aus  dieser  sticbometriscben  Summe  ergiebt  sicb  uns 
fur  die  gesammte  juristiscbe  Litteratur,  dass  ibre  Bûcber  Sticben- 
Termerke  besessen  baben  mûssen,  die  bier  addirt  erscbeinen. 

97.  Die  benutzte  juristiscbe  Litteratur  Yor  Justinian^s 
Digesten  (ygl.  ad  antecess.  1  fin.)  belief  sicb  auf  kaum  60  000 
yersus. 

98.  Ausonius  (Sapientes,  Cbilon  y.  4),  ûbertreibend :  unam 
sententiam  trecentis  versibus  pereffit 

99.  Plinius  giebt  im  ersten  Bucb  seiner  Naturalis  bistoria  ein 
Inbaltsyerzeicbniss  seines  Werks  von  Bucb  zu  Bucb;  bierbei  nennt 
er  fur  die  Gegenstânde  jedes  Bucbes  Zablensummen;  dass  dieselben 
mit  der  Sticbometrie  zusammenbângen ,  wb:d  spâter  (Kap.  YI)  ver- 
mutbet  werden. 

100.  Zu  Yergirs  Aeneis,  Georgica  und  Eclogen  giebt  der  Codex 
Parisinus  13  026  des  neunten  oder  zebnten  Jabrbunderts  ein  Epigramm 
(Antb.  lat.  Ries.  N.  717),  das  folgendermassen  anbebt: 

Doctiloqni  carmen  ructaium  fonte  Maronis 

Bis  senis  numeri  florens  se  milibus  explet 

Et  super  hos  octingentis  septem  quadraginta 

Yorsibus  adiunctis  concluditar  omne  Tolumen  eqs.'). 


')  Das  régulation  p^piiov  tv  des  Paulus  îst  nur  einmal  gez&hlt.  Ritschl 
S.  93  giebt  1478  als  Bachsumme.  Justinian  selbst  sagt  in  runder  Summe,  es 
MÎen  fast  2000  Bflcher  benutzt  (De  confirm.  dig.  1). 

')  Dîes  Epigramm  ist  in  Nebenpunkten  leicht  verderbu  Fur  numeri 
scbeint  mir  nieht  numéro  eu  jerbessern,  sondem  yielmehr  das  Nachfolgende 
Terschrieben;  denn  zu  milibus  ist  versuum  zu  erg&nzen  unbequem;  auch  steht 
forens  za  isolirt  und  neben  ructatum  recht  unpassend;  man  woUe  lesen: 

Doctiloqoi  Carmen  mctatam  fonte  Maronis 
Bis  aenU  numeri  florentes  milibns  expient  eqa. 

Dem  T.  8  ist   durch  Interpunktion  aufzubelfen.     Die  Aeneis  wird  im  Beferat 


174  —  ^î®  Bachieile.  — 

Das  offenbar  fur  einen  Yergilcodex  gemachte  Gedicht  schatzt  also 
die  drei  Werke  zusammen  auf  12  847  Verse.  Unsere  Texte  geben 
uns  dagegen  12  913 ,  also  66  Verse  mehr^).  An  ein  Versehen  daif 
wohl  nicbt  gedacbt  werden.  Die  bedeutende  Differenz  lasst  sich  so 
erklâren:  das  betreffende  Vergilexemplar  besass  erstlich  eine  Reflie 
interpolirter  Verse  nicht,  die  auch  in  unseren  gaten  Vergilhand- 
scbriften  feblen;  solche  sind  Aen.  IX  121  (om.  F  MF  R^^b  c*),  IX  529 
(om.  YMTyhcmtpy  non  legit  Servius),  IX  29  (om.  M  P  R  ^  b  c  m  tp), 
XII612U.  613  (om.  MPR/b),  X  872  (om.  UFRyh;  exstat  in  c; 
m.  rec.  in  mg.  ^ri  non  interpretatur  Servius),  Georg.  IV  338  (om. 
MPR/lb;  m.  rec.  in  mg.  add.  y;  babet  c),  Aen.  VI  242  (oul 
F  M  P  c  m,  sed  in  M  post  241  intra  lineas  minio  picta  est  nota,  qoae 
spectat  ad  versum  quendam  ima  pagina  additum,  cnios  erasi  non 
apparebant  nisi  incertissima  yestigia  quae  cum  y.  242  pamm  concor- 
dant; babent  R  b  /)  oder  als  acbter  X  278  (om.  M  P  ;^  m,  non  inter- 
pretatur Servius;  babent  Rbc)  oder  rV273  (om.  MP;  m.  2  add.  in 
mg.  y;  m.  rec.  in  ras.  b;  m.  rec.  inter  lin.  add.  a;  babet  c).  Rechnen 
v^r  dièse  8  Verse  ab,  so  differirt  die  Summe  des  Epigramms  nur 
um  58  von  unserer  Vulgatzâblung.  Die  Aeneis  entbâlt  aber  bekannt- 
licb  viele  unvollstândige  Verse.  Es  sind  dies  eben  58  an  der  ZahL 
Man  môchte  daber  glauben,  dass  die  unvollst&ndigen  Verse 
sticbometriscb  nicbt  mit  in  Verrecbnung  kamen*).     Fur  die 


in  ihre  zwei  H&lflen  serlegt,  deren  sweite  mit  posi  anhebt:   tx)lumeny  Quod 

cecinit  quondam  . . . 

Naufraglam  fluninM  errorea  vulnera  lodoi 
Tartara;  post  Latlum  sic:  Teacros  bella  firementes 

Ascanium  proelia  post  reditum  Camillam  derictam  Tumam  conubia  eedentem. 

^)  Die  yier  interpolirten  ËinleitungsTerse  der  Aeneis  Tor  dem  Arma  vi- 
rumque  canOj  deren  frflheste  Zeugen  Pompeius  und  Priscian  sind,  Habe  idi  in 
beiden  Summen  nicht  jerrechnet. 

^  Ich  referire  der  Kflrze  halber  die  Adnotatio  Ribbeck's. 

')  Die  wenigen  Verse,  bei  denen  die  Ueberiieferung  sonst  noch  achwankt, 
wQrde  jener  Codex  abo  enthalten  haben:  Aen.  II  76  (cm.  F  y  h),  Georg.  Il  434 
(om.  M;  non  interpretatur  Servius;  habent  PB/bc)  Il  775  (jon  dem  nur 
Serrius  sagt:  hic  versus  dicitur  in  plerisque  non  fuisse)^  so  auch  die  clausola 
y  695  und  gewiss  die  Vershamen  Vl  164,  165  (rgl.  Donat  rit.  p.  62  Beiit 
Serr.  s.  St);  ganz   sicher   fehlten  ihm   auch  nicht  Verse  wie  Georg.  II  129, 


—  Stichomeirie  b.  d.  B^^merQ,     (Htate  nach  Venen.  —  175 

Bedeutang  des  antiken  Sticbos  wûrde  dies  besonders  bezeichnend 
sein,  und  icb  werde  darum  auf  dièse  Yermuthung  wiederbolt  zurûck- 
kommen.  Sie  setzt  allerdings  voraus,  dass  die  22  Verse  Aen.  Il 
Ô67 — 588  bei  jener  Summe  mit  in  Recbnung  gebracbt  sind^). 

101.  Suffenus  bat  nacb  Catull  10  000  Yerse  oder  mebr  ge« 
dicbtet  (Catull  c  XXII). 

102.  Cicero.  Aus  den  Citaten  nacb  der  Yerszabl,  die  Asconius 
âQwendete,  ergiebt  sicb,  dass  unter  seinen  Reden  die  Pisoniana  min- 
destens  1800')  versus  bielt,  die  Scauriana  mindestens  320,  die  Milo- 
niana  mindestens  400,  die  Comeliana  mindestens  2020.  Dièse  Zablen 
kommen  nur  im  ersten  und  letzten  Fall  dem  wirklicben  Zeilenbestand 
nahe.  Betracbten  wir  aber  die  Citirweise  des  Asconius  etwas  ge- 
nauer,  so  entbebrt  sie  innerbalb  imserer  Kenntniss  einer  Analogie 
und  bedarf  einer  besonderen  Ërklârung. 

Das  Citiren  einer  Stelle  nacb  der  Yerszabl  ist  ûberbaupt 
selten.  £s  setzt  yoraus,  dass  in  dem  Texte  des  betreffenden  Autors 
die  Zeilen  durcbgezâblt  und  in  Abstânden  numerirt  waren.  Als  Aus- 
nabme  steht  der  Bankesianus  des  Homer  da,  in  welcbem  wirklich 
jede  bundertste  Zeile  mit  ibrer  Zabi  yerseben  ist;  dem  entspricbt, 
dass  spât  Ëutbab'us  in  seiner  Ausgabe  der  Briefe  des  Paulus,  wie  er 
selbst  aussagt  (Eutbal.  720  B.  Migne),  durcb  das  ganze  Bucb  nacb 
jeden  50  Sticben  die  Yerszabl  eintrug,  so  wie  femer  in  einem  £xem- 
plar  des  Deuteronomium  jeder  bundertste  Yers  notirt  ist').  Weil 
dies  so  selten  war,  so  ist  begreiflicb,  dass  Atbenaeos  und  seines- 
gleicben,  dass  Grammatiker  wie  Scboliasten  das  bequeme  Yerfabren 
des  Yerscitates  nie  angewendet  baben.  Ausnabmen  bilden  drei,  oben 
N.  68,  69,  70  aufgefubrte  Fâlle,  wo  in  dieser  Form  citirt  wird: 
Mazà  Tovç  s^axodovç  (îxlxovç  u.  s.  f.:    aile    drei    Citate   betreffen 


Aen.  I  711,  IIl  230,  Ed.  5,  49,  Ecl.  10,  17.  JedenfalU  sUnd  er  danAch 
unaeren  âltesten  Textesceugen  (bes.  F  und  M)  sehr  nahe. 

^)  Dièse  sind  ja  jedenfalU  antik  und  Semas  hftlt  aie  ftir  original,  wenii 
er  Bagt,  Tncca  und  Yarius  haben  sie  ausgelassen;  keinenfalls  mOchte  sich  die 
firagliche  Differenz  66  mit  ihrer  HQlfe  ausgleichen  lassen. 

')  Ascon.  éd.  Kiessling-SchOll  S.  11  Z.  18  ist  nothwendig  mit  Bûcheler 
DCCCC  tu  lesen. 

')  Cereani,  mon.  sacra  et  prof.  III  p.  XII  ûber  den  cod.  Ambros. 


]76  »  Dm  BadiMJto.  — 

stoische  Lehischriften  und  stammen  nMck  Waehsmuih^s  Yenniitiimig') 
Yon  Isidoros  dem  Pergamener.  Es  war  also  «ach  hier  wobl  Z&Uimg 
am  Rand  beliebt  wordeo*).  Damit  ût  noeh  der  apâtere  Fall  in 
N.  84  zu  Yergleichen.  Wenn  sodaim  Dionys  (N.  71)  gewisse  Thnkj- 
didesabschnitte  auf  2000  Verse  oder  500  oder  100  oder  ^woiiger 
als  50^  angiebt,  so  scheint  dies  auf  dieselbe  Annahme  sn  fuhren, 
so  aber,  dass  hier  jeder  fanfingste  Yesn  notirt  wurde,  fur  welche 
Notûrung  TÎelleicht  auch  die  Yersgmppeii  des  Hîppokrates  bel  Gaies 
N.  74  sprechen;  des  Hieronymns  Yorschrift^  man  solle  tSglicli  einen 
Jixus  cersuum  numeruê  in  den  heiligen  Schriften  lesen  (epist  54,  II) 
koniite  durch  sîe  sehr  erleichtert  werden. 

Der  Cicero  des  Asconius  aber  war  sogar  in  Abstinden  su  j« 
10  Zeilen  numerirt:  denn  es  heisst  hier  nicht  nur  „nm  den  508te!i, 
OOOsten,  850  8ten  Yers^,  sondem  auch  ^um  den  SOsten,  dOsten, 
270sten,  IGOsten**;  wenn  wir  dagegen  bei  ihm  sogar  lesen  ver.  a 
primo  ctrct.  CLXI  und  ver.  [a  primo]  dr,  oo  XI,  so  beweist  das  bei- 
stehende  circiter,  dass  der  Einer  yerkehrt  ist;  man  hat  ihn  sa  tdlgen 
oder  in  X  oder  L  abzuandem. 

Am  auffalligsten  ist  nun  aber,  dass  die  YerszahloDg  in  den 
Ciceroreden  nicht,  wie  wir  erwarten,  yon  Anfang  bis  zn  Ende  durch- 
geht;  Asconius  zahlt  anfangs  die  Yerse  Yom  Yers  1  an:  ctr.  ver.  a 
primo  CCCXX  u.  s.  f.,  bis  er  in  die  Mitte  des  Buchs  gelangt;  hier 
citirt  er  ohne  Yerszahl  drca  medrum;  Yon  da  weitergehend  z&hlt  er 
seltsamer  Weise  vielmehr  yom  letzten  Yerse  an:  ctr.  ver.  a  novùwno 


1)  BheÎD.  Mus.  34  S.  39. 

')  Die  ËrkIâruDg,  die  Wachsmuth  a.  a.  0.  S.  43  fftr  die  Gleiohartigkeit 
der  drei  Citate  aufatellt,  scheint  nicht  wohl  glaublich.  Vom  Steiker  Athenodoros 
erfahren  wir  aus  Isidor  bei  Diog.  VU  33,  er  habe  in  den  Pergamener  Biblio- 
theksexemplaren  stoischer  Schriften  eine  Beihe  anstOssiger  Stellen  au^ge- 
Bchnitten  ;  hernach,  als  der  Schaden  entdeckt  wurde,  seien  aie  wieder  eingeftgt 
worden.  Obige  drei  Stellen  sind  in  der  That  incriminirte,  und  Isidor  ist  es, 
der  sie  zu  geben  scheint.  Also  soU  Isidor  gerade  die  wieder  erg&nsten  Bi- 
bliotheksexemplare  benutxt  und  in  ihnen  einen  Vermerk  flber  den  Defekt  and 
s  einen  Ersatz  nebst  Stichenangabe  Torgefunden  haben.  Aber  es  wird  doch 
niemand  ein  Verscitat  machen,  wenn  er  nicht  auch  in  der  Hand  des  Lesen, 
ffir  den  er  schreibt,  Exemplare  weiss,  die  dieselben  Stichenbeaeichnungen 
enthalten. 


—  CScero  aie  OpUthograph.  —  177 

DCCCXX  u.  8.  f.  Es  ist  klar,  dass  Yor  und  nach  der  Mitte  des  die 
Rede  trageoden  Bûches  gleich  yiel  Verse  standen,  femer  klar,  dass 
das  Mittelblatt  desselben  sichtbar  gekennzeichnet  sein  musste.  Ja, 
da  dièse  Mitte  die  natûrliche  Yerszâhlung  so  zn  unterbrechen  im 
Stande  war,  so  erwarten  wir,  dass  sie  sehr  auffallend  kenntlich  und 
80  geartet  gewesen  sei,  dass  das  stichometrische  Yerfabren  eben  durch 
aie  stark  beeinflusst  werden  konnte;  es  kann  keine  willkurlich  an- 
gesetzte,  es  muss  eine  in  der  raumlichen  Natur  des  Bûches  begrûn- 
dete  Mitte  gewesen  sein.  £s  bietet  sicb  hierfur  nur  eine  ErklSrung, 
die  unseren  sonstigen  Eenntnissen  nicht  widerstreitet,  aber  sie  erganzen 
kann,  dass  die  Cicerorollen  des  Asconius  Opistbographa  gewesen 
sind.  Die  Verse  wurden  gezâhlt,  bis  die  Oberseite  der  Rolle  zu  Ende 
war  {circa  médium);  auf  der  Rûckseite  wiederholte  man  einfach  die 
ZaUung  so,  dass  die  50  letzten  Verse  der  Rede  auf  dem  Rûcken 
der  50  ersten  standen  u.  s.  f.  Sehr  gut  erklârt  sich  so  auch,  dass 
in  der  Scauriana  nach  dem  médium  zwar  die  Verse  a  novissimo,  da- 
gegen  aie  partes,  wie  yor  dem  médium,  a  primo  citîrt  werden.  Opistho- 
grapha  waren  keineswegs  eine  Seltenheit  ausser  etwa  bei  Dichtem; 
PUnius  setzt  sie  al  s  sehr  gebrauchlich  voraus;  die  Gûte  der  besten 
Pi^iersorten  entschied  sich  eben  danach,  ob  dieselben  zum  Schreiben 
auf  beiden  Seiten  tauglich  seien  (s.  unten  Eap.  V). 

Durchaus  unhaltbar,  weil  undenkbar  scheint  mm  aber  die  An- 
nahme^),  dass  sich  dièse  Zeilencitate  des  Asconius  so  gut  wie  des 
Dionys  und  Isidor  nur  auf  ein  einziges,  ein  „zu  diesem  Zweck 
eigens  hergerichtetes^  Exemplar  des  betreffenden  Schriftsteliers  be- 
xiehen  soUen.  Als  ob  ein  antiker  Autor  fur  sich  und  nicht  yielmehr 
eben  so  gut  wie  der  moderne,  fur  Léser  schriebel  Was  sollte  der 
Léser  des  Ascon  mit  Zahlen,  deren  Zweck  er  nicht  errathen  konnte 
und  die  auch  allerdings  zwecklos  waren?  Wozu  mûht  sich  ein 
Autor  mit  genauen  Stelienverweisen,  wenn  er  niemanden  hat  als  sich 
selbst,  den  er  yerweist?  Es  ist  ganz  nothwendig,  dass  nicht  nur 
das  Exemplar  des  Aelius  Tubero,  an  den  sich  Dionys  zunâchst  wendet, 
sondem  sâmmtliche  Exemplare  des  Thukydides,  die  es  damais  gab, 
soweit  sie   ein-  uud   derselben  Edition   angehôrten,  jene  Zeilenein- 


1)  S.  Ritochl  I  S.  99.    Wachsmuth  a.  a.  0.  S.  39. 
Birt,  Buchweten.  12 


178  —  ^^  Baehicae.  — 

theOuDg  hatten,  auf  die  sa  recurriren  aIjujahw  nahe  lag.  Wie 
oft  Ton  Cicero^8  Redeo,  deren  Lektûre  doch  so  verbreitet  sein 
muBste  wie  die  Rhetorik,  Neaeditionen  oder  Wiederabschriften  io 
Masse  bis  in  Asconius*  Zeit  Torgekominen  sein  mSgen,  ist  nicht 
zu  errathen;  eine  der  Editionen  aber  batte  die  ZeilenaShlung  des 
Ascon. 

Schon  ailes  bis  bieber  Yorgetragene  seugt  mit   eindrisgender 
Deutlicbkeit  dafur,  dass  die  Zeile  des  antiken  Litteraturbuclu  ein 
Raumbegriff  und  als  solcher  stets  sicb  gleicb  gewesen  sein  muss, 
ein  Langenmass  so  gut  wie  ZoU  und  Meter,  nacb   dem   die  LSoge, 
oder,  wenn  man  Torzieht,  ein  Hoblmass  wie  Liter  und  Scbeffel,  oftch 
dem  der  Bucbstabengebalt  des  Buchs  abgemessen  wird,  indem  es 
selbst  eine  fest  bestimmte  Anzabl   Buchstaben  repr&sentirt    Dièse 
Bedeutung  des  Verses  ist  darum  auch  vor  AQem  von  Ritscbl  und 
Graux  in  ihren  einscblâgigen  Untersucbungen  anir  Geltung  gebracM 
und  Ton  Vielen  anerkannt  worden.    Die  Mehrzabl  der  bisber  gege- 
benen  Zablen   betrifft   nun   nicbt    erbaltene  Werke;    aber  auch  za 
erbaltenen  Texten  bat  uns  die  bandscbrifUicbe  Tradition  die  zuge- 
bôrigen   sticbometriscben  Angaben  gerettet:   sie  sind  es,  bei  denen 
sicb   mittelst  DiTision  der  Bucbstabensumme  des  Textes   durcb  die 
SticheDzabl  sebr  einfach  die  Probe  darauf  macben  l&sst,  ob  der  Sticbos 
Raummass  war  oder  nicbt. 

Bevor  wir  indess  zu  diesen  bandscbriftlicben  Zeugnissen  fort- 
scbreiten,  muss  zu  einer  principiell  abweicbenden  AufTassung  des 
Stichos  Stellung  genommen  werden,  welcbe  Ton  Blass  yertreten  und 
wiederholt  vertheidigt  worden  ist^).  £r  soll  eine  Sinnzeile  gewesen 
sein,  einzelne  Satzglieder  gefasst,  der  Satzgliederung  und  Eolometrie 
der  Rede  zum  raumlicben  Ausdruck  gedient  baben.  Die  dafur  an- 
gefûhrten  Grûnde  scbeinen  mir  indess  nicbt  auszureicben  und  sogar 
auf  eine  andere  Yorstellung  hinzufubren.  Aber  scbon  der  Umstand 
sprâche  dagegen,  dass  Kola  ja  sebr  yerscbiedene  Lange  baben  und 
dass  es  also  nicht  wohl  zur  Gewohnheit  werden  konnte,  Buch inhalte 
nach  so  ungleichen  Prosazeilen  wie: 


1)  Zaletst  im  Rhein.  Mus.  XXXIV  S.  214  ff. 


—  Kolometrie.  —  179 

àJilà  Tovç  yôfdovç  xai  ny  OQXoy 

Iv  ^  nQoç  nnack  toiç  aXXo&ç  âêxaiotç  xai  rovio  yiyQmnviê 
n  ofAoitaç  â/Âtpoiy  ascçoacec&a* 
lom  (T  icriy 

ov  fioyoy  td  ^7  nqoxanyyiaxéyat  fAijdéy 
oder  gar  wie: 

hiane  qui  mortoi  sunt  anhis  quibus  moriendum? 

atrisque 

est  misemm  igitur  quoniam  malum 

certe 

Ërgoethi  quibuB  erenit  uaa  ni  morerentur  et  hi  quibus  erentumm  est  miseri 

genau    in  Yerrechnung   zu   bringen;    dies    konnte   hôchstens   ein 

Euthalius  thun,  eine  frûhere  zweckmâssige  Gewohnheit  missdeutend^). 

Unter  unseren  Beispielen  fûhrte  uns  N.  100  darauf,  dass  in  der  Stdcho- 

metrie  des  Alterthums  nicht  voile  Zeilen  yielmehr  gar  nicht  mit- 

zahlten.     Weiter  aber  ist  schwer  begreiflich,  wie  sich  solche  Eolen- 

tfaeilung  treu   erhalten   sollte;   die  Zeilenschlûsse  hingen  hier  doch 

allzu  betrâchtlich  von   subjektivem  Ermessen  ab;  und  in  der  That 

theilen  ja  die  alten  Rhetoren  selbst  verschieden;  Blass  selbst  weist 

nach,  dass  Eastor  nnd  dass  Hermogenes  die  Kola  des  Demosthenes 

unrichtig'),  dass  Dionys  ein  und  dieselbe  Stelle  verschieden  getheilt 

hat*).    In  der  Handschriffc,  die  Dionys  benutzte,  fand  sich  indess  ja 

Stichentheilung  (s.  N.  72);  wie  also  konnte  er  schwanken?  wie  sich 

irren?  wie  das  Theilen  der  Kola  oder  Stdchoi  ûberhaupt  noch  zum 

Lehrgegenstand  machen?    Endlich  ware  es  dann  doch  auch  unum- 

g&nglich,  den  Stichos  als  Sinnzeile  durchweg  zu  nehmen,  und  da 

die  Stichometrie  nach  Ausweis  unseres  Verzeichnisses  aile  Gebiete 

der  Litteratur    beherrschte,    so    hâtte   auch   ein  Yielschreiber   wie 

Chrysîpp  seine  Schriften  in  so  mûhseliger  Weise  nach  Yorder-  und 

Nachsatz  zergliedert,  so  wâre  unpassender  Weise  gar  der  notizen- 

hafte  Hippokrates  in  derselben  tiftelich  rhetorischen  Fonn  gelesen 

worden,  und  dann  wohl  wie  er  auch  Euklid,  wie  Hieronymus  auch 

Didymos  der  fitfiXtoXci-d'aç  u.  s.  f. 


^)  Aile  erhaltenen  Beispiele  fÙr  Schreibung  in  Sinnzeilen  (daa  Kaiser- 
reakript  anf  Papyrus  u.  s.  f.)  ergeben  grOsste  Ungleicbm&ssigkeit. 

>)  a.  a.  0.  S.  233. 

')  Das  xweite  Kolon  im  ProOm  der  Kranzrede  theilt  er  anders  S.  119  B.» 
anders  S.  205  R.    Wie  abc  ûberlieferte  seine  Demostheneshandschrift? 

12' 


JgO  —  Die  Bachseîle.  — 

Die  Sache  selbst  fordert,  dass  wir  die  Zeiten  und  die  Litteratur- 
gebiete  auseinanderhalten.  Au8  der  Behandlung  der  heiligen  Texte 
kann  auf  den  Usus  des  classischen  Bûcbermarktea  nur  mit  grôsster 
Yorsicht  ein  Schluss  gezogen  werden.  Die  Bibel  war  etwas  anderes 
als  das  Buch  des  romischen  Buchladens.  Uebertrugen  die  Kircben- 
Tâter  auf  aie  den  classiscben  Usus,  so  ist  es  môglich,  dass  der  so 
eigenartige  Text  zu  seiner  Modification  Anlass  geben  konnte.  Dièse 
principiell  séparât  zu  stellenden  heiligen  Schriften  sînd  aber  keines- 
wegs  Yon  Torn  herein  kolometrisch  geschrieben  worden.  Erst  Ori- 
gènes  war  es,  der  dies  einfûhrte  —  und  dies  ist  das  alteste  Zeugniss 
fur  kolometrische  Schreibung,  das  wir  ûberhaupt  besitzen  — y  nicht 
aber  etwa  durchweg,  sondem  nur  in  den  poetischen  Bûchem  der 
Septuaginta,  bes.  den  Psabnen  (Euseb.  hist.  ecd.  YI  16);  sein  Zweck 
war  dabei  ofifenbar,  wie  auch  Hieronymus  voraussetzt  (praef.  Jes.  I), 
ihren  poetischen  Charakter  dadurch  kenntlich  zu  machen;  wenn  aber 
die  Prosalitteratur  damais  ebenso  schrieb,  so  wâre  dieser  Zweck  doch 
schlecht  erreicht  gewesen!  Die  Septuaginta  vor  Origenes  bediente 
sich  also  einer  anderen  als  der  Sinnzeile;  auch  jene  ^Stichen' 
der  prosaischen  Johannesbriefe  (Nr.  79),  die  Origenes  las, 
waren  keine  Sinnzeilen.  —  Erst  Hieronymus  ging  sodann  weiter, 
indem  er  auf  altes  wie  neues  Testament  imd  auch  auf  die  nicht 
poetischen  Bûcher  jenes  Yerfahren  ûbertrug  (praef.  Jes.  I;  vgl.  Cas- 
siodor  De  instit.  divin,  litter.  praef.).  Er  sieht  sich  genôthigt  dies 
zu  motiviren  und  sagt,  er  woUe  die  Propheten  durch  dièse  Schreibung 
nicht  etwa  als  Dichter  kennzeichnen;  denn  er  thue  damit  nur  quod 
in  Demosthene  et  Tullio  solet  fieri,  ut  per  cola  scribantur  et  commatcu 
Also  fur  die  Redner,  die  in  den  Rhetorenschulen  die  textliche  Grund- 
lage  bildeten,  gab  es  in  der  zweiten  Hâlfte  des  4.  Jahrhunderts  die 
Gewohnheit  nach  Sinnzeilen  abzutheilen,  wodurch  offenbar  zu  rheto- 
rischem  Lehrzweck  die  Satzglieder  deutlicher  abgehoben  und  ihre 
Symmetrie  veranschaulicht  wurde,  eine  gewiss  zweckdienliche  Erfin- 
dung,  die  indess  auf  die  handschriftliche  Tradition  der  Redner  keinen 
Einfluss  gewonnen  hat^).     Es  folgt  aber  aus  dieser  Hieronymusstelle 


^)  Fâlschlich  hat  man  den  cod.  Parisinus  Lat.  6332  als  Beleg  angefllkrt; 
der.^elbo  giebt  nicht  entfernt  eine  Darstellung  der  Kola  in  Zeilen;  Proben  ans 


—  Beschr&nkte  Anwendang  der  Kolometrie.  —  |g]^ 

zugleich,  dass  dièse  Erfindung  keîneswegs  ein  aUgemeinerer  Usus 
^wurde  oder  gar  ein  soicher,  der  die  Textfonn  damais  beherrschte; 
sondem  er  beschrânkte  sich  auf  die  des  Cicero  und  Demosthencs, 
^wozu  wir  uns  den  einen  oder  anderen  zu  gleichem  Zweck  brauch- 
baren  Autor  yielleicht  werden  hinzudenken  dûrfen^):  denn  wâren 
auch  ein  Sallust  und  Euseb,  ein  Yarro  und  Aristoteies  und  aile 
ûbrigen  in  soicher  Fassung  umgegangen,  so  batte  es  ja  gar  keinen 
Sinn,  dass  Hieronymus  sich  noch  rechtfertigte  und  dass  er  dann 
gerade  nur  die  zwei  Namen  nannte.  Wir  haben  es  mit  einer  Schreib- 
manier  zu  thun  von  nur  auf  den  rhetorischen  Zweck  beschrânkter 
Anwendung.  Dieser  Zweck  betraf  das  Lautlesen.  Beim  liturgischen 
Yorlesen  der  Bibel  in  den  Elirchen  so  gut  wie  beim  profanen  redne- 
rischen  Yortrag  erleichterte  sich  so  die  richtige  Gliederung  der 
Sâtze').  So  zeigen  denn  auch  kaiserliche  Reskripte  ihre  Bestimmung, 
verlesen  zu  werden,  eben  durch  dièse  Schreibweise  an,  fur  die  uns 
zwei  auf  Papyrus  zu  Leyden  und  Paris  erhaltene  Reskripte  einen  sehr 
schônen  Beleg  geben').  Besonders  wichtig  war  aber  ein  sicher  ge- 
gliederter  Yortrag  fur  die  hebrâische  Poésie  mit  ihren  Parallelsâtzen 
und  darum  machte  Origenes  bei  ihr  den  Anfang. 

Wir  kônnen  auch  so  argumentiren.  Wir  sahen,  dass  auch  des 
Hieronymus  Commentare  selbst  stichometrisch  behandelt  wurden 
(N.  90).  Die  Yerse  wurden  auch  hier  gezâhlt  wie  ilberall,  und  dieser 
▼ersus  beim  Hieronymus  sieht  dem  versus  des  Quintilian  und  Seneca, 
dem  Stichos  des  Galen,  Dionys  und  Kallimachos  yollkommen  gleich. 
Wâre  er  nun  trotzdem  Sinnzeile  gewesen,  so  wâren  also  auch  die 
Commentare  selbst  per  cola  und  commata  geschrieben  worden,  und 


ihm  sind  oben  S.  179  and  unten  Eap.  IV  fin.  nach  Oraux  gegeben.  Zeilenabttats 
ist  hier  nnr,  wo  im  Dialog  die  Rede  wechselt,  ausserdem  am  Schluss  jeder 
gansen  Période,  nie  aber  am  Schluss  eines  Kolon.  Die  Zeilen  sind  Raunt- 
seilen,  rgL  unten. 

')  Lachares  (nach  Kastor  b.  Wak  III  S.  721)  behandelte  die  eingelegten 
Beden  beim  Thukjrdides  ebenso. 

3)  VgL  Gardthauson,  PalAogr.  S.  128  f. 

*}  Aus  dem  6.  Jhd.  Natalis  de  Wallis,  mém.  de  l'inst.  royal  de  France 
XV  (1842)  S.  399  ff.  mit  Facsim.  (Mommsen,  Jb.  d.  gem.  dentschen  Rechts  VI 
S.  404  ff.) 


Ig2  —  !>>•  Bnekieile.  — 

80  begriffe  man  nicht,  dass  Seronymos  als  Analogie  fur  die  Eolo- 
metrie  der  Propheten  statt  auf  Gicero  niclit  emfiusli  auf  seine  eigene 
Gewohnheit  yerwies.    Hieronymus  aber  beforchtet  gar,  die  Propheten 
kônnten  fur  Dichter  gehalten  werden:  hâtte  er  fur  seine  Commentare 
in   kolometrischer    Gestalt    nicht   dasselbe   fOrchten    mûssen?     Die 
Hieronymnsstelle    ergiebt   also   yiebnehr,    dass    die   Raumzeile  dis 
ûbliche  war,  dass  Eolazeilen  Tor  Hieronymos  nur  aufgekommen  waren 
beî  den  Poesien  des  alten  Testaments  und  bei  den  TextesTorlagen 
der  Rhetorenschulen,  dass  beides  als  Ausnahme  empfùnden  wurde 
iind   dass  es   eine  Sonderbarkeit  war,  auch  auf  sonstîge  Prosaiker 
ausser  Demosthenes  und  Gicero  wie  auf  die  Propheten  das  nimliche 
anzu'wenden. 

In  der  Rhetorenschule  erhielt  die  Sitte  gelegentlich  aucb  weiteibin 
Einfluss  auf  den  Text.     In  der  zweiten  Hâlfte  des  fûnften  Jahrbim- 
derts  theilte  so  Lachares  von  Athen   des  Demosthenes  Eranzrede, 
wie  uns  Eastor  (jagï  gjkétQœy  ^tjtOQtxoiy  Walz   Rhet.  gr.  m  721) 
bezeugt.     E^astor  selbst  aber,  ein  Rhetor  des  sechsten  Jahrhunderts, 
sagt  in  Bezug  auf  die  Demosthenesrede  ttqoç  tipf  ijaavoXijy  merk- 
wûrdigerweise:  er  wolle  sie  per  cola  in  so  viele  Zeilen  zerlegen,  dass 
er  die  in  alten  Exemplaren  Qberlieferte  Stichenzahl  erreiche,  und  z^wai 
so,   wie  Demosthenes   selbst  seine   Eola   abgemessen   batte:  tovtov 
Toy  Xoyov  atl^ofisy  xarà  x&Xov  xarayT^aarrêç  stç  Tfjy  noaôitita 
%(ûy  xtûXiûy  xarà   roy   àQi&fioy  %oy  ijrxélfAsyoy  iy  roTç  dçxccio^ç 
fit^Xhiç   (ûç  ifiéTQtiaey  avroç  6  JfjfAoad-éyfjç  toy   ïâioy  kôyoy^y 
Es  ist  wichtig,   dièse   Aeussening   sorglich   zu   priifen.     Ob   Eastor 
meint,  auch  Demosthenes  habe  in  Eolazeilen  geschrieben ,  ist  nicht 
sicher,   denn  er  sagt  nicht  (ûç  scri^sy  avvoç  o  ^fjfA*,   sondem  œç 
ifiSTQtjasy,  was  das  Eolon  auch   unrâumlich  als  Summe  Ton  Silben 
bezeichnen  kann.     Eastor  will  hier  nun  die  Eola  des  Demosthenes 
als  Stichen  genau  nach  der  Stichen summe  eintheilen,  die  er  in 
alten  Exemplaren  verzeichnet  fand.    Was  folgt  bieraus?    Etwa, 
dass  schon  jene  alten  Exemplare,  etwa  gar  altère  aïs  aus  Hieronymus' 
Zeit,   die  Eolometrie   gleichfalls   aufzeigten  und    nach    ihr    rech- 


*)  Ich  interpretire  dièse  Stelle    mit  Blasa  a.  a.  0.   S.  224,    andera    als 
Wachsmuth  Rhein.  Mus.  XXXIV  S.  46. 


—  Die  Kola  nicht  Bummirt.  —  2g3 

net  en?     Gewiss  nicht.     Die  Yorlagen  selbst,   nach  denen  Elastor 

arbeitete,  eDtbehrten  der  Eolometrie  offenbar;   denn  sonst  brauchte 

er  das  (TtiC^iy  nicht  erst  vorzunehmen.     Sie  waren  ait  und  Eastor 

&nd  in  ihnen  den  ccQt&fAOç  verzeichnet.    Bezeichnete  dieser  àçt^fiôç 

in  ihnen  nun  etwa  dennoch  die  Summe  der  Kola,  obschon  die  Kola 

in  ihnen  gamicht  zeilenweise  stand  en?    Das  ist  nicht  denkbar.    Oder 

jbum  der  àq^ikoç  iv  agxalotç  fitfiUoiç  etwa  etwas  anderes  als  die 

subskribirte  Summe  gewesen  sein  der  Art,  wie  wir  sie  gleich  weiterhin 

in  vielen  handschrifblichen  Beispielen  kennen  lemen  werden?    Ich 

finde  keine  Môglîchkeit.   Offenbar  fand  Kastor  unter  der  Rede  nçoç  tvy 

dnHTToX^y  die  sehr  lakonische  Unterschrift  àçtd'fè.  nt^AAAArlI. 

^ie   gewôhnlich,  war   ati%oi   wohl   nicht  einmal  hinzugesetzt.     In 

eeiner   Zeit  war  aber  mit   dem  antiken  Buchwesen  auch  die  alte 

Stichometrie   in    praxi   abgekommen,   und    er   wusste   nicht    mehr, 

'was   dièse  Unterschrift  bedeutete.     Er  deutete  sie  irrig  auf  Kola, 

wozu  ihn  der  biblische  Gebrauch  die  Eolen  zu  zâhlen  verleitet  haben 

kann.     Elastor  las  hier  also  nur  den  nâmlichen  àQèd-fjkOç,  der  noch 

jetzt  wirklich  im  Parisinus  2  unter  dieser  Briefrede  steht,  sein  Miss- 

Terstândniss  aber  fuhrte  ihn  nicht  nur  dazu,  die  Kola  dieser  Rede 

als  Stichen  zu  zâhlen,   sondem  auch  ihre  Eintheilung  selbst  an  die 

ûberlieferte  Anzahl  der  Raumzeilen  anzugleichen. 

Denn  in  den  Profanskriptoren  sind  weder  die  Kolen  noch  auch 
die  Kolazeilen  nachweislich  je  gezâhlt  und  summirt  worden:  ein 
Beweis,  dass  dièse  Schreibweise  bei  ihnen  hervorragende  Bedeutung 
nie  erlangt  hat.  Anders,  so  scheint  es,  in  den  heiligen  Schriften. 
Hier  konnte  sie  dem  hochwichtigen  gottesdienstlichen  Gebrauch  tâg- 
liche  Dieuste  leisten;  hier  scheint  darum  statt  oder  neben  der 
Stichenzâhlung  auch  wirkliche  Koleuzâhlung  nôthig  geworden  zu 
sein.  Um  die  Mitte  des  fiinften  Jabrhunderts  (458 — 462)  schrieb 
der  Alexandrinische  Diaconus  Euthalius^)  die  Briefe  des  Paulus,  die 
Apostelgeschichte  und  dië  katholischen  Briefe  nicht  allein  auxt^dôv. 


1)  Migne,  Pairolog.  LXXXV,  629  und  633;  Zacagni,  collectanea  retemm 
moiiiimeDtorum,  Bom  1698,  S.  404  a.  409.  EuthaliuB  Bcheint  das  Z&hlen  der 
Kola  dann  auch  auf  seine  eigenen  seinen  Âusgaben  beigegebenen  Notixen  an- 
gewandt  zu  haben,  eine  Spielerei,  die  von  Blass  S.  222  freUich  nicht  toII- 
kommen  erwiesen  ist. 


184  —  Dm  BnehMÎlo.  — 

ine  er  sich  aosdrûckt,  sondem  brachte  die  Sinnzeilen  auch  in  ZSUth 
lung.  Ob  dies  auch  schon  sein  Syrischer  Yorganger^)  gethan,  steht 
dahin.  So  scheint  Blass  auch  den  Tielen  subskribirten  aQê&ftoi  in 
unseren  âltesten  Bibelhandschriften  um  ihres  Schwankena  willen  wohl 
mit  Recht  dieselbe  Bedeutung  zuzuerkennen'). 

Wann  die  kolometrische  Schreibart  bei  den  Rednem  zuent  auf- 
kam,  ist  unsicher,  nur  dass  Cicero  und  aeine  Zeit  aie  jedenfalls  noeh 
nicht  gekannt  hat*).     Die  Hercuianensischen  RoUen  zeigen  Ton  ihr 

1)  VgL  Zacagni  S.  LIX  a.  536  Note. 

>)  Ich  meine  der  Haaptsache  nach  BUss  folgend,  a.  a.  O.,  8.  221:  Ifu 
theilte  hie  and  da  andera  ab  und  x&hlte  non  Ton  neuem;  denn  aach  Andert 
glaabten  so  gui  wie  Enthalios  and  Hieronymas  das  Beeht  ra  haben,  naeh 
ihrem  Geschmack  and  Urtheil  das  Neae  Testament  in  Kola  so  theilen;  weu 
man  dagegen  mît  dem  festen  Mass  einer  bestimmten  Raomzeile  mais,  wober 
dann  die  h&afigen  Zahlenabweichangen?  Sind  Varianten  wie  ftkr  den  BOiner- 
brief  905  oder  920  oder  911,  fîkr  den  Galaterbrief  203,  312,  392,  350, 
293  Stichen  aU  Corraptel  hinUngUch  erkl&rt? 

')  Die  xwXa  oder  membra^  in  die  die  Knnstprosa  ihre  Sâtze  xerlegte, 
werden  Ton  Cicero  gelegentlich  versus  genannt  (Œe.  Orator  222:  fus  singuUs 
versibiu;  223:  ex  duobus  versibus  id  est  membris);  erst  die  Rhetorik  der 
Kaiserxeit  sagt  daitlr  cn^t^ç  (Tgl.  Joannes  Sie.  b.  Walx  Bhet.  gr.  VI  127; 
Saidas  s.  xôiXoy):  gemeint  ist  die  rythmisirte,  insbes.  die  epiache  Zeile.  Wenn 
Cicero  a.  a.  O.  schreibt:  E  quattuor  igitur  quasi  hexametrorum  instar  ver- 
suum  quod  sit  (?),  constat  /ère  plena  œmprehensio;  his  igitur  singulis  tfersibns 
quasi  nodi  apparent  continuationis^  quos  in  ambitu  coniungimus^  so  ist  remis 
hexametri  offenbar  eine  umst&ndliche  Uebersetzung  Ton  ïnti,  Hîeninter  Ter- 
stebt  nun  aber  Cicero  nicht  etwa  r&amliche  Zeilen:  denn  h&tte  ein  Kolon 
wirklich  eine  Zeile  aasgemacht,  so  batte  es  keinen  Sinn,  sowobl  das  instar 
wie  das  quasi  binxusuftlgen  ;  wir  mQssten  lesen:  E  quattuor  iffitur  versibus 
constat  eq8.  Cicero's  Âusdrucksweise  zeigt  hier  deutlich  an,  dass  die  Beseidi- 
nang  des  Kolons  als  Vers  nar  ein  Qleichniss  war.  Also  bedeaten  Imi  die- 
jenigen  Satxtheile,  die  einen  rythmischen  Abschlass  haben  and  so  f^r  das  Ohr 
Terselbst&ndigt  sind.  Anderswo  schliesst  Cicero  aber,  wie  mir  scheint,  aoi- 
drûcklich  eine  nicht  gleichnissweise  Auffassung  ans,  wenn  er  schreibt  De  Or. 
III  173:  versus  enim  veteres  illi  in  hac  soluta  oratione  propemodum^  hoc  eit 
numéros  quos  dam  nobis  esse  adhibendos  putaverunt:  hier  will  Gcero,  wie 
ich  glaube,  geradeza  einem  MissTerst&ndniss  Torbeugen,  indem  er  dareh  be- 
sonderen  Zusats  erinnert,  dass  anter  versus  nicht  Zeilen,  sondem  der  rythmisebs 
Versfall  {numeri  quidam)  zu  rerstehen  ist,  d.  h.  es  soil  ein  Vers  nor  fftr 
das  Ohr,  nicht  (ûr  das  Auge  sein. 

Cicero  giebt  fùr  colometrische  Theilung  aach  Beispiele.  Von  dem  Orat  224 


—  Kolometrische  Schreibung  jQDger  aU  Cicero.  —  X35 

keine  Spur.  Weil  aber  die  Zciten  von  Kallimachos  bis  Claudius  fur 
das  Bach-  und  Bibliothekswesen  die  massgebenden  waren,  so  ist  vor 
âUem  nach  ihnen  die  Stichometrie  der  Alten  zu  beurtheilen. 


^n^fîlhrteii:  Depressam  caecam  iacentem  domum  pïurù  quam  te  et  qucan  for^ 
^"i^u  tucu  aestinuuti  aagt  Blasa  a.  a.  O.  S.  235:  „jedenfalls  eine  sweigliederige 
'  ^xiode"  und  seUt  den  Einschnitt  nach  pluris,  Cicero  meint  aie  dooh  aber 
^^lit  sweigliederig;  denn  sonst  h&tten  'wir  ja  auch  hier  wieder  zwei  Kola  und 
^^o  dem  bei  Cicero  Toraufgehenden  Beiapiel  in  zwei  Kola  gegenQber  incurristi 
'"ler»  in  columnas^  in  aliénas  insanus  imanisti  nichts  Neues.  Cicero  setst 
^xiea  Beiapiel  ja  vielmehr  zu  diesem  in  Gegenaatz.  Der  Satz  zu  einem  Kolon 
'^^t  aber  G8  Buchataben  und  konnte  in  einer  Raumzeile  Bchwerlich  Platz  finden. 

Beaaaa  Cicero'a  Zeii  kein  Mittel,  daa  Ënde  des  Kolon  auch  f&r  daa  Auge 
^arzustellen?  Cicero  schreibt  nnch  Aristotelea  Orat.  228:  hanc  igitur  sive 
^ompositionem  sive  perfectionem  sive  numerum  vocari  placet^  (et)  adhibere  necesse 
Ut  si  ormite  velis  dicere^  non  solum  —  quod  ait  Aristoteles  et  Theopkrastus  — 
«le  infinité  feratur  ut  flumen  oratio^  quae  non  aut  spiritu  pronuntiantis  aut 
interductu  librarii^  sed  numéro  (d.  h.  versibus)  coacta  débet  insistere; 
verum  etiam  quod  eqs.  Durch  den  Rythmua  vor  allem  (nufnero)  und  nicht 
nor  durch  ein  Ausseres  sinuf^lliges  Zeichen  aoll  der  Einachnitt  zum  Auadruck 
kommen;  aolcher  auaaerlicher  Zeichen  kennt  Cicero  zwei:  den  apiritua  beim 
Sprechen,  den  interductua  in  der  Schrift.  Cicero  gebrauchte  in  der  Schrift 
also  die  Veraelbat&ndigung  der  Kola  zu  Zeilen  offenbar  noch  nicht,  aondem 
nor  den  trennenden  Strich  zwiachen  zwei  WOrtern  innerhalb  einer  Zeile.  Diea 
iat  ein  nothwendiger  Schluas  ex  ailentio.  —  Betrachten  wir  die  entsprechende 
Stelle  in  AriatoteW  Rhetorik  S.  1409  A  20:  àkXà  déï  ...  dikfjy  tluat  njv 
'nXâtn^v  (ac.  i^ç  mqhoâov  oder  jov  xiakou)  /nij  dtà  roy  yQatpétt  /Litjdè  dtà 
r^y  na^ayçaffuiy,  àXX»  dtà  roy  ^vd-fÀoy.  Fehlt  hier  die  Erw^lhnung  dea 
spirituel  ao  acheint  dagegen  die  naqctyqtttffi  —  eigentlich  freUich  mehr  daa 
Beigeachriebene,  ala  daa  Zwischengeschriebene  —  dem  interductus  zu  cnt- 
fprechen.  Blasa  fîr&gt  nun  S.  231:  „Was  bedeutet  daneben  dut  roy  yçajéa? 
leh  denke  doch,  die  bestimmtere  Art,  daa  Ende  zu  bezeichnen,  indem  man 
dio  Zeile  achlieaat;  diea  muaate  der  Schreiber  aelbat  thun,  wfthrend  die  naça^ 
YQ€t«ffl  und  ebenao  aonatige  Interpunktion  auch  Ton  einem  Anderen  nachtrftg- 
lieh  lugef&gt  werden  konnte."  Damit  w&re  doch  zu  viel  zwiachen  den  Zeilen 
geleaen.  Warum  aagte  Aristotelea  alsdann  nicht  einfach:  ^7  dia  njy  rcJUvr^v 
tov  etixov?  Ich  erkenne  aber  den  Pleonasmus  dea  Ausdrucka  als  auff^llig  an. 
Man  erwartet  atatt  yçaiféa  eine  Wiedergabe  des  spiritus;  eine  aolche  herzn- 
■tellen,  will  mir  nicht  gelingen;  achrieb  Ariatotelea  etwa:  ^^  duc  roy  yçatfiéa 
fâtgàè  dêà  lip^  nqoff-oqày? 

Bei  Ariatotelea'  Worten  S.  1409  B  17:  dii  àè  rt/y  mqiodoy  xaî  i^  dtayoi^ 
rëXittkf^tti  aubatituirt  Blaaa  S.  231  fùr  nèçiodoç  daa  Kolon.    Aber  rom  Kolon  iat 


Igg  —  Die  BadiMae.  — 

Wir  schreiten  nnnmehr  zu  den  Handschiiften  selbst  nnd  ihien 
stichometrischen  Angaben  weiter.  Sie  sînd  es,  die  den  riomUchen 
Werth  des  Stichos  zu  erweisen  ermôglichen,  und  dieser  Nachweis 
ist  Ton  Ch.  Graux  gefuhrt  in  einem  Aufsatz,  der  einen  sehr  wesent- 
lichen  Fortschritt  in  der  Erkenntniss  des  alten  Buchwesens  bezeidmet: 
Nouvelles  recherches  sur  la  stichométrie  (Revue  de  philol.  Il  1878 
S.  97  £F.).  Graux  bestimmt  den  Stichos  fur  eine  Reihe  von  Bûchem 
aus  den  subskribirten  Zahlen  durch  Division  derselben  in  den  6e- 
sammtbuchstabeninhalt  eines  jeden  Bûches.  Indem  ich  seine  Berech- 
nungen  hier  wiederhole,  sehe  ich  dabei  gleichwohl  ab  von  der 
Stichométrie  des  Alten  und  Neuen  Testamentes.  Das  Schwanken  in 
ihren  Zahlen  ist  entweder  aus  Corruptelen  oder  es  ist  aus  der  ab- 
weichenden  Gewohnheit  der  Eolenzâhlung  zu  erklâren:  in  keinem 
beider  Fâlle  beeintrâchtigt  sie  die  Gûltigkeit  des  Folgenden,  in  dem 
ersteren  wûrde  sie  dieselbe  noch  verstarken.  Zu  unserem  Zweck 
genûgt  die  Beschrânkung  auf  die  profane  Litteratur. 

Als  âlteste  Handschriften  stellen  sich  die  Herculanensischen 
Rollen  vorau.  Wie  schon  fruher  bemerkt,  ist  keine  derselben  voll- 
stândig.  Der  Stichos  lâsst  sich  bei  ihnen  also  nicht  ermitteln.  Yon 
keiner  derselben  ist  das  Protokoll  mit  dem  Titel,  von  vielen  das 
Eschatokoli  mit  der  Subskription  erhalten.  Nicht  allen  Subskriptioneii 
ist  ein  àQi&fiôç  hinzugefugt.     Wir  finden^): 

Vol.  Hercul.  éd.  Oxon.  Index: 

103.  N.  1674.  OIAOAHMot;  tuq^  çfitOPiKHC.  N K. 

XXXXHH.  4200  Verse. 

104.  N.  207:  OdoâfjfAOV  TisQh  nottifMXTCoy  APIO.  XXIA.  Ein 


doch  noch  nicht  hier,  sondem  erst  Ton  S.  1409  B  23  ah  die  Rede.    Dass  neh 
Aristoteles  nun  aber   die   ganzen  Perioden  in  einer  Zeile  geschrieben  denken 
konnte,  ist  nicht  môglich  ;  der  Sinn  dieser  Stelle  muss  rielmehr  sein  :  der  ryth- 
mische  Fall   der  Rede   wirkt  auf  die  Sinnlichkeit  so  stark,  dass,  wo  derselbe 
aufh<}rt,  die  Période  beendet  scheint;  insbesondere  ist  es  ihr  Schluss,  der  doreb 
ihn  markirt  za  werden  pflegt;  also  kann  es  kommen,  dass  eine  Période  rrtli- 
misch  schon  schliesst,  w&hrend  der  g^ammatische  Satz  noch  nicht  sa  Ende  is^ 
und  dies  wird  an  obiger  Stelle  yerpônt. 

1)  Ygl.  Bitschl  a.  a.  0.     Cobet  Mnemos.  1878  S.  259  ff.,  der  Bitschl's 
berûhmte  Abhandlung  yollst&ndig  ignorirt. 


—  Stichometrische  Sabskriptionen.  —  J37 

nach  O  scheint  nicht  ausgefallen.  Was  b«deutet  das  Yorletzte 
icben?  Man  kann  ândem  XX AA^  2020  Verse,  oder  XXX A^ 
10,  oder  XXHA^  2110;  letzteres  am  leicbtesten.  Oder  ist  die 
iil  2009  hier  nach  lateinischer  Art  (IX)  mit  Subtraktîon  ausge- 
ûckt?  Einfluss  des  Lateinischen  scheint  auch  N.  1 10  zu  Terrathen. 

105.  N.  1151.  E7t$xovQOV  71€q&  (f'Vasfùç  lE.    aq^.  XXXHH 

00  Verse. 

106.  N.  1389.  OiXoâfiikov T  aPI0  . .  HHHAAA  . .  . 

III.  Dies  lâsst  yier  Ergânzungen  zu:  aPIGju;cHHHAAAAAA 
IIL  1368  Verse.  «PIGxxHHH  A  A  A  A  A  Anill ,  2368  Verse. 
'IGxi^HHHAAAAAAnill,  U68  Verse.  aPIGi^i^HHHAAA 
AAnill^  568  Verse.  Die  zweite  und  dritte  Ergânzung  hat  am 
iisten  Wahrscheinlichkeit,  die  letzte  am  wenigsten. 

Vol.  Herc.  éd.  Neap.  coll.  prior: 

107.  IV  S.  1.  «lAOAHMoi;  nCPIPHTOPIKiyç  API0MOC 

D.  1200  Verse.  So  lèse  ich.  Das  Facsimile  giebt  dagegen  X€  imd 
r  italienische  Editor  und  Ritschl   S.  182  interpretirt  1005*).   — 

1  Oxforder  Index  wird  ausserdem  gelesen  N.  1426:  OtXodfjfiov  nsQê 
UTOPIKçç  API0M.  XXX0.  3009  Verse.  —  Wâhrend  so  Titel  und 
^fàôç  auf  dem  EschatokoU  fur  sich  stehen,  findet  sich  hier  die 
lideszahl  auf  der  letzten  Textseite;  dièse  Seite  hat  nur  87^  Zeilen 
ixt,  dann  im  Abstand  von  etwa  20 — 24  Zeilen  ganz  unten  nOC6l* 

tJNAYTOC  TOY  BITtONtOC  CCAOS. 

Ritschl  liest  CA^   Spengel  und  Cobet  OA^    der   italienische 
srausgeber  AA. 

108.  vm  1.  OlAoAHMot;  nePI  TOY  KA0  Of^y^ON  u.  s.  f. 

Pl&.  XX,  kann  sowohl  zu  APl&fiXX,  2000  Verse,  als  auch  zu 
PI^XX^  3000  Verse  erganzt  werden.  0  (Cobet)  fehlt  im  Facsimile. 

109.  IX 1.  «lAOAHMOY  nepi  QAN^^Ov  Â  ^Qé&fk.(?) 

.HA...  C€i#d«CeKATON  AeKaOKTtO.  UeberllOZeUen. 

110.  X  1.    0IAOAHMOY   nePI   XAPITOC   API0M. 

tDCH  XAçHMATA  CEAlAeC  ZA.  Nach  àç^^fè.  scheint 
lin  X  weggefallen.     Die  Zahl  ist  nicht  sicher  zu   deuten,  muth- 


1)  An  Bîtflchl's  Vorschlag  XGTTH   ist  nicht  zu   denken.     Es  wird  nicht 
uhaI  arixot  hinzngesetzt,  wie  viel  weniger  intj. 


Igg  —  Die  Baehsefle.  — 

masslich  ist  0C  nach  lateiniscber  Weise  (DCC)  zu  ÛMsen')  und  zn 
Terstehen:  1708  Verse  auf  61  Selides.  Alsdann  ist  jede  Selis  genau 
zu  28  Yersen  berechnet  Darum  môchte  ich  nicht  glauben,  dass 
fur  C  etwa  O  herzustellen  sei.  Jedenfalls  ist  hier  die  alte  dekadische 
Zahlenschrift  verletzt  —  Das  zwischen  Stichen  und  Selides  gestellte 
XccQ^fAava  ist  rathselhaft'). 

Vol.  Herc.  éd.  Neap.  coll.  altéra: 

111.  I  1.  0IAOAHMOY  nePI   KAKICJN   KAI  T(i)N 
avwx6IMeNtON    APeTtON     KAI    t(ON6NOIC€ICI    KAI 

P€^^  â.  APIO  . .  XX  ...  Es  konnte  in  der  Lûcke  nicht  mér 
als  ein  X  stehen,  das  yiel  wahrscheinlicher  zu  ergânzen  ist  als  M. 
Also  3000  Verse  oder  mehr. 

112.  Il  6.  OiloâHfiov  mçi  OPfHC  agi».  XXfHHIAM. 

(Vgl.  Gompertz,  Philodem  nsçi  ogr^ç  1864.)    2830  Verse. 

113.  Ul.  0IAOAHMOY  nePI  eYC6B€IAC  API0MOC 

+  X  . . .  C6AIA6C  ....  Vom  X  ist  aber  nur  die  erste  Hilfte 
zu  lesen.  Die  Zahl  wird  also  ûber  2000  gewesen  sein.  Columnea 
sind  158  erhalten. 

114.  m  1.  0IAOAHMOY  nePI  PHTOPIKHC  YHO- 

MNHMATIKON  APIGXXXHJ^  ....  Das  letzte  Zeichen  kaim 
nur  Rest  aines  H  oder  A  oder  PI  sein;  am  wahrscheinlichsten  das 
erstere.  Dies  lesen  wir  denn  auch  éd.  Oxon.  index  N.  1506.  Âlso 
mehr  als  3200  Verse.     Columnen  sind  71  erhalten. 

115.  V26.  0IAOAHMOY  nePI  PHTOPIKHC  YRO- 
MNHMATtO  ...  A    APXXXACe \Z.    Vom  dritten  X 

ist  die  erste  Hâlfbe  undeutlich.    Fur  das  folgende  A  ist  Tielleicht  A 


1)  Vgl.  unten  N.  104.     Cobet  a.  a.  0.  S.  262  verstehi  600  (<I>P). 

^)  Die  £rkl&ning  des  italienischen  Editors  aU  Specialtitel  der  Rolie 
(=  x^^Q/LiaTa)  itft  bed.  aus  zwei  GrQnden  bedenklich;  deraelbe  muMte  entlich 
Tiëçi  x^Qtj/Liânay  heissen  und  tweitens  nicht  nach,  sondem  Tor  dem  àçkd^^aç 
stehen;  ûberdies  ist  j(âQ>j/Lia  ein  kaum  belegbares  Wort,  und  der  Inhalt  der 
Rolle  trifft  garnicht  wirklich  auf  j^âç/nara  zu.  Die  Lesung  des  P  ist  ziemlich 
sicher.  Die  Stellung  lUsst  auch  hier  vielmehr  einen  bibliothekarischen  Vermerk 
erwarten,  etwa  ^a  ^rjfjittxal  Ueber  ^r^fxa  vgl.  Ritschl  S.  88;  freilich  mQssta 
es  hier  von  der  Zeile  rerschieden  sein  und  den  Satz  bedeuten  im  Umfang  von 
ea.  3  Stichen. 


-     —  Stichometritche  Subskriptionen.  —  289 

0  lesen.  Das  vorletzte  Zeichen  scheint  A.  Also  3001  oder  3010 
'ene  auf  17  bis  87  Selides;  es  kônnen  aber  auch  117  Selides  ge- 
resen  sein  (PIZ).  In  letzterem  Fall  batte  jede  Selis  ungefabr 
6  Verse. 

116.  V176.  «lAOAHMOY  nePI  OMIAIAC C. 

as  letzte  Zeicben  scbeint  Rest  eines  X. 

117.  V  182.  KAPNeiCKOY  <|)IAICTA  R  APIOXXXHH 

k^Anill.  Ed.  OxoD.  ind.  N.  1027  lautet  die  BuchzaU  B. 
!38  Verse. 

118.  VI 8.  eniKOYPOY  n€Pi  <dyc€(oc  ia  — x..< 

iHNA  I  rrriC  ....  NC  .  .  .  Die  Stlcbenzabl  erscbeint,  wie  in 
•  110  z.  Tb.  in  jûngerer  Zablenscbrift;  wir  baben  abo  wobl 
(X]XrHHNA  zu  lesen.  Gompertz  (Z.  f.  ôstr.  Gymn.  1867  S.  210) 
S8t  statt  A  ein  M^  scblâgt  aber  daneben  statt  NA  vor:  HA; 
an  kônnte  auch  AA  vermuthen.  Wir  versteben  am  sicbersten 
\5é  Yerse.  Dass  sicb  in  der  folgenden  Zeile  ein  tiqoç  und  ein 
genname  wie  etwa  oNOfMxtnoy,  also  eine  Widmung  verbirgt, 
ithmasst  Gompertz;  docb  war  deren  Platz  scbwerlicb  unter  dem 
\ê^lk6ç.  Ist  etwa  nilCfil.  çN€  zu  lesen,  d.  b.  155  Selides,  so 
88  die  Zabi  7  aus  der  vorigen  Zeile  bierber  verstellt  wâre? 

119.  Y  25.  xPYCinnoY  nepi  hponoiac  b  x  . . . 

>ber  1000  Verse. 

120.  vn  24.  eniKOYPOY  nepi  «Ycetoc  le  xxxhh 

^AXY.  3200  Verse.  Was  die  letzten  Zeicben  sollten,  ist  unklar'). 
Es  frâgt  sicb  nun,  ob  sicb  dièse  subskribirten  Verssummen  auf 
8  Exemplar  bezieben,  in  dem  wir  sie  yorfinden,  oder  vielmebr  auf 
le  Vorlage,  Ton  der  dies  nur  Abscbriften  sind;  d.  b.  sind  dies 
rklicb  Exemplare  einer  Originalausgabe,  oder  sind  es  nur  —  viel- 
cht  scblecbtere  —  Abscbriften  aus  solcben,  welcbe  die  Verssummen 
schaniscb  mitûbemabmen  obne  sicb  docb  nacb  denselben  zu  ricbten? 
nés  ist  so  gut  denkbar  wie  das  andere,  und  eine  sicbere  Beant- 
>xtung  môcbte  sicb  scbwerlicb  geben  lassen.  Die  Rollen  sind 
complet  und  gestatten  kein  Nacbzâblen.  Wenn  man  sicb  einen 
igendermassen  edirten  Titel  betracbtet  (coll.  Neap.  prior  II  S.  30): 


^)  Ist  CMA  Terlesen  fur  (C)€AiA  und  folgte  eine  sweistellige  Zabi? 


^'^ 


-Oî 


sa 


190  —  Dm  Badiufle.  — 

eniKOYPOY 
nepi  4>YC€(i)c 

lA 
API0- 

80  kônnte  man  wegen  der  fehlenden  Zahl  anf  die  Yermathung  ?e^ 
âJlen,  dass  der  Schreibery  der  dies  Exemplar  eben  gefertigt  batte, 
den  aQê&iàOÇ  nachzuzahlen  beabsichtigte,  aber  ihn  sn  subakribiien 
au8  irgend  einem  Grunde  vergass:  dies  wûrde  Toraussetzen,  din 
eben  die  Zeilen  der  Herculanensisclien  Rollen  seibst  gegeben  werdeo. 
Yiel  wahrscheinliclier  ist  aber,  dass  unsere  italienischen  Editoren  la 
dieser  Stelle  die  Zahl  uiileserlicli  gefimden  und  fortgekssen  babes. 
Yielleicht  lâsst  uns  folgende  Ueberlegung  ein  Urtheil  gewîimeii.  Ancb 
Selideszahlen  finden  sich  notirt;  dies  geschiéht  entweder  als  ExsiU 
fur  die  fehlende  Stichenzahl  (so  in  mçl  xo^^voç^  ygl.  oben  S.  160), 
oder  zweitens,  beide  Zahlenangaben  treten  in  der  Sabskription  nebea 
einander.    Betracbten  wir  dièse  Fâlle,  so  stehen  Selides  und  Yerse 
in  ibnen  in  normalem  Yerhaltniss  zu  einander,  so  dass  sich  fur  dÎ9 
einzelne  Selis  eine  angemessene  Yerszahl  ergiebt:  so  fidlen  auf  û^ 
in  N.  115  yielleicht  26  Yerse,  in  N.  118  yieUeicht  30 ,  vor  allem  bo- 
N.  1 10  richtig  genau  28.    Nun  finden  wir  aber  noch  eine  dritte  Ait^ 
die  Selides  zu  notiren,  in  N.  107  :  hier  stehen  sie  nicht  mit  auf  dem^-- 
Eschatokoll,  sondern  unten  auf  dem  letzten  Textblatt,  mit  der  Yers — 
zahl  unyerbunden,  und  gerade  hier  ist  es  nun,  wo  sich  —  das  einzige^^ 
Mal,   dass  dies  ûberhaupt  geschiéht^)  —  der  Schreiber  der  BoUe^^ 
seibst  nennt:    Iloosiô&v   aînoç   toi  BlTœvoçl     Man   kann   nicht:::^' 
zweifeln:    hier  sind  jedenfalls  die  Selides  der  yorliegenden  yon  Po— -^ 
seidon  geschriebenen  Rolle  gemeint.     Sollte  es  nnn  ZufBJl  sein, 
gerade,  wo  sich  der  Schreiber  nennt,  Yerszahl  imd  Seitenzahl  gege 
die  Gewohnheit  getrennt  stehen?    Ich  glaube  nicht.     Man  môcht^^ 
darum  yermuthen,   dass  die  Seliszahl,  wie  sie  hier  yon  der  gegen^ — 
wârtigen  Rolle   giit,   so   in  den   ûbrigen  Fâllen,  wo   sie  mit  de^" 
Stichenzahl  auf  dem  EschatokoU  steht,   yielmehr  aus  der  Original— 


^)  Bei  Philodem  m^i  d-avarw  (N.  109)  stehen  unterhalb  der  Selidessabl 
noch  tiefer  die  Buchstaben  AlC.  Dies  aof  einen  Kigennamen  sa  deuten  wM 
Jtoywfèoç  ist  ganc  unsicher. 


—  Die  HereolAiiensischeii  BQcher.  —  191 

olle  mit  copirt  ist,  die  dem  Poséidon  oder  seinesgleichen  als  Yor- 
ige  diente.  Es  spricht  nicht  dagegen,  dass  jene  Philodemrolle, 
eren  Seiten  paginirt  Torliegen  (oben  S.  159)  die  Gesammtsuinine  ihrer 
eiten  gerade  nicht  subskribirt  (coll.  Neap.  XI^  S.  1  £F.).  Prûfen  wir 
adlich  die  Zahlen  selbst  in  N.  107,  so  fallt,  wie  immer  man  lèse, 
le  Stichenzahl  fur  die  Selis  zu  gering  ans');  Cobet  will  die  Stichen 
bniin  Ton  XC  zu  XXC  vermehren.  Yielleicht  ist  es  richtiger  an- 
merkennen,  dass  hier  Tielmehr  die  Seitenzahl  fur  die  Abschrift,  die 
UàltDZBhl  fur  deren  Yorlage  gilt  Die  Zeilen  der  Yorlage  mûssen 
Itnn  aber  yiel  langer,  ihre  Columnen  yiel  breiter  als  die  des  Poséidon 
gewesen  sein;  weil  Poséidon  in  kûrzeren  Zeilen  schrieb,  brauchte  er 
cben  mehr  Selides.    Rechnen  wir  auf  die  Seite  nur  27  Zeilen,  so 

fcitte  das  Original  44%  (^)  oder  37  {^)  Seiten,  und  die  Ab- 

Mhrift  branchte  deren  also  entweder  fOnfoial  (CA)  oder  wahrschein- 
Kcher  doppelt  (OA)  so  Tiele. 

Wo  deutliche  Eriterîen  fehlen,  muss  man  sich  mit  zweideutigen 
^  behelfen  suchen.  Doch  wird  man  ihnen  grosseres  Yertrauen 
i^enken  bei  Betrachtung  des  Textes  selbst,  den  die  Bûcher  Hercu- 
'*Deums  darbieten.  Die  argen  Comiptelen,  die  ihn  entstellen,  mûssen 
*^  Yerdacht  erwecken,  dass  wir  es  hier  mit  Copien  schlechtester 
^  zu  thun  haben').  Auch  werden  uns  die  nachfolgenden  Betrach- 
(Ingen  die  Annahme  aufdrângen,  dass  die  Originalausgaben  antiker 
^diriftwerke  wesentlich  besser,  d.  h.  besonders  grosszeiliger  als  die 
[erculanensischen  Rollen  gewesen  sein  mûssen,  Normalexemplare, 
tch  denen  sich  ein  Privatmann  auf  schlechterem  Papier  und  mit 
ngloserer  Schrift  billigere  Copien  selbst  fertigen  rsp.  durch  seinen 
brarius  fertigen  lassen  konnte.    Dass  in  ihnen  der  àqk&ikéç  ôfter 


i.   IfOO      _,       lui/    w  M  o  V       1005  __,      ,01/      1*00  «    1006  _       - 

*)  —Tji  g*be  16Vj  Zeile  pr.  Sehs,  -^  g&be  13V,,  -^  nnr  6,  -^  nur  6. 

*)  Ana  Bach  X  mçî  xaxiaiv  (éd.  Neap.  IIP  =  éd.  Ozon.  I  1  ff.),  coL  12 
20:  /avKr  f.  /iav»ç^  t.  37:  natc^au  f.  nruiCfAtaè,  12,  26:  St»  f.  ors, 
9,  22:  ànotvyxdyety ,  23,  23:  fiça/vç  f.  fiqaâvç,  23,  28:  ô/uiJUaiy  f.  ofuUlv, 
3,  34:  j^a*  f.  xai,  24,  15:  ivtoiv  f.  hUav  (vgL  Sauppe,  Phil.  de  Titiis  1853 
•  10).  So  scheînt  bei  Phil.  ntqi  erj^sitoy  xai  erj^iKaCëtay  Col.  36  das  Wort 
rapxêpaa&p  interpolirt  oder  durch  Irrthum  eingedrangen  (rgl.  Oomperti, 
tMhr.  f.  Oaterr.  Gymo.  1866  S.  691  f.)  u.  a.  m. 


192  —  ^^®  Baehsefle.  — 

wegfiel,  ist  alsdann  sehr  begreiflich;  doch  wnrde  er  oft  anch  meclia- 
nisch  mit  ûbemommen,  and  dièse  Falle  sind  es,  in  denen  uns  Hei^ 
culaneum  das  antîke  Rollenbucb  mit  seinen  obligaten  Yennerken, 
wie  es  in  den  Buchlâden  Rom*8  feîl  stand  und  von  den  AlexandriDem 
zuerst  fixirt  zu  sein  scheint,  am  treuesten  Teranschauliclit. 

Uns  ère  ûbrigen  Teztquellen  fur  die  alte  Litterator  stehen 
demnach  mit  den  Herculanensischen  RoUen  dorchaus  anf  gleicher 
Linie.  Auch  sie  sind  direkt  oder  indirekt  Abschriften  der  Origiiul- 
ausgabe.  Und  wenn  anch  sie  uns  nun  sticbometrische  Subskriptionen 
darbieten,  so  dûrfen  wir  annehmen,  dass  aucb  dièse  aus  der  Origioal- 
ausgabe  in  die  Abschriften  des  Mittelalters  mechaniscb  weiter  ge- 
wandert  und  also  als  treue  Zeugnisse  fur  jene  benutzbar  sind.  Nidrt 
applicirbar  auf  die  Handschrift,  in  der  sie  sich  befinden,  setzen  mu 
dièse  Zablen  in  den  Stand,  die  Zeile  des  Papyrusbucbes  gentu 
und  damit  wenigstens  genauer  als  bisher  die  Beschaffen- 
heit  des  Bûches  selber  kennen  zu  lernen. 

Wir  stellen  die  wenigen  Beispiele  aus  der  Poésie  yoran,  die 
fur  unseren  Zweck  nichts  austragen  kônnen. 

121.  In  einem  Anthologion  griechischer  Dichterstellen,  ge- 
schrieben  noch  vor  161  Tor  Chr.,  steht  unter  dem  ersten  Euripides- 
excerpt  ZTIXOI  MA.  Die  ûbrigen  Stûcke  entbehren  solchen 
Yermerks.  Dies  ist  die  al  teste  sticbometrische  Subskription,  die 
existirt  ').    44  Verse. 

122.  Moschos'  Europa  im  Ambros.  99  (f.):  M6(I%ov  Smtêhtiwi 
EvQwntjç  avixoè  q^^*  Dies  Gedicht  war  ursprûnglich  jedenfalls 
Theil  eines  grôsseren  Bûches  (hierûber  s.  Kap.  VDI).    166  Verse. 

123.  Unter  des  Dionysios  Periegese  in  cod.  Ambros.  D.  527 
inf.:  téhiç  dioyvciov  tov  t^y  Tisgi^yijaiy  (fvyyQaipafiépov  ,aQm\ 
1185  Verse. 

124.  Paulus    Silentiarius    ixççaatç   t^    (AsyccXf^ç    ixxkfiifiaÇi 


*)  Papyrusblatt,  publicîrt  toq  Weil  (Extraits  d.  mon.  grecs  p.  p.  VAsbo' 
ciation  etc.  Paris  1 879)  und  danach  yon  Blass  Bhein.  Mus.  35  S.  74  ff.  Die 
StQcke  sind  von  verschiedenen  H&nden  geschrieben.  Blass  rermuthet,  dass 
dies  eine  Art  Schulheft  nei,  worin  verschiedene  Schtller  Abschriften  eintmgeD. 
Oder  Hess  man  sich  auch  damais  von  Verschiedenen  Liebling^verse  gleichsan 
in's  Stammbuch  eintragen,  das  dann  mit  in's  Grab  gelegt  worden  ist? 


^-  Sdchometriflche  Subskriptionen  bei  Dichtern.  —  193 

auB  der  Zeit  Justinian's:  darunter  im  Palatinus  der  griechischen  An- 
thologie zu  Heidelberg:  Ortxoi  0(iov  ^qùùïxoï  ,aa'  .lafifiixoï  qv. 
1200  und  150  Verse. 

125.  Gregor  Yon  Nazianz;   unter  jedem  Gedicht  steht  die 
Stichenzahl  im  cod.  Clarkianus  12^). 

126.  Oppian's  Halieutica.  Am  Schluss  steht  im  Codex  103 
der  Biblioteca  Nacional  zu  Madrid:  ifv  ta  (ftï  xaff.  Ebenso  hinter 
jedem  Buchschluss;  immer  aber  ist  die  Yerszahl  unrichtig.  Die 
Zthlen  der  tpvXXa  passen  nicht  auf  die  Madrider  Handschrift,  stam- 
men  also  aus  altérer  Tradition*). 

127.  Fur  Sophokles   giebt  der  Laurentianus  folgende  Blatt- 

nnd  Zeilenzahlen,  die  dem  vorigen  Beispiel  am  meisten  gleichen: 

Ajax  (fvXXa  h^,  attxovç  ,cr/uf  (1044),  Elektra  ^vX.  t^,  inlxùvç 

jufk    (1040),  Oed.  tyr.  (pvX.  i^,  atlx»  ,a^  (1060),  Antig.  ytîA.  iif, 

cvlx.  ,aQfii'  (1147),  Trachin.  (pvX.  hS ,  attx.  ,açx  (1220),  Philokt 

g>vX*  ês,  ^^X'  é^^^'  (1^0^)>  Oed.  Col.  ytîJl.  x,  tntX'  flX^  (1630). 
Schon  die  Zahlen  der  tfvXht  verrathen,  dass  die  der  Stichen  nicht 
korrekt  sein  kônnen').  Der  Terminus  ^vXkov  scheint  nicht  antik, 
also  wohl  auch  nicht  die  Zahlen. 

128.  Tzetzes,  Chiliaden.     Unter  dem  Gesammtwerk  wird  yer- 
merkt:  mlx^^v  noX$uxù5v  zà  noabv  ,$fiipy&\    12759  Verse. 

Es  folgen  die  Prosawerke.  Stichensummen  subskribiren  zu- 
nâchst  die  Handschriften  des  Herodot,  Isokrates,  Demosthenes.  Bei 
keiner  Zahl  tritt  (frixot  hinzu.  Die  Zahlzeichen  aber  sind  in  der 
alten  dekadischen  Zahlenschrift,  welche  strenge  durchgefuhrt  ist, 
wâhrend  die  der  Herculanensischen  Rollen,  wie  wir  sahen,  gelegent- 


1)  VgL  Graux  a.  a.  0.  S.  124  Note. 

*)  Iriarte,  Regiae  bibl.  Matrit.  codd.  gr.  S.  408.     Graux  a.  a.  0. 

')  Die  kûrzesten  StQcke  Trachinierinnen  und  Antigène  stehen  auf  14  BUt- 
tem;  hatten  14  Bl&tter  1200  Verse,  se  hielten  16  Bl&tter  etwa  1372.  AUo 
Dur  die  Zahl  des  Philoktet  ist  normal,  zu  klein  die  ftlr  Aiax,  Elektra,  Oedipus 
Tjr.,  und  der  Oed.  Col.  musste  wenigstens  1700  halten.  Aenderungsrorschl&ge, 
dem  wirkliohen  Versbestand  entsprechend ,  bat  Ritsobl  S.  175  rorgetragen. 
Doch  scheint  zweifelhaf^,  ob  die  Fehler  durcb  Comiptel  und  nicht  durcb  un- 
genaoe  Taxirung  entstanden,  welcbe  freilioh  im  Altertbum  nicht  Torgekonmien 
sein  wird. 

BIrt,  Boehwesen.  13 


194  —  Die  Badueile.  — 

lich  schon  stillos  die  jfingeren  Zahlzeichen  einmischen;  man  liest 
also  z.  B.  unter  Herodot  IV  die  Summe  XXXf^iii^  imter  dem  Bu- 
siiis  des  Isokiates  :  HHHf^IAAAA  vu  s.  f.    Dass  dièse  alte  Zahlen- 
schrift  hier  wirklich   ûblich   geblieben   war,   bezeugt   aiiadrûddich 
Herodian  (oben  S.  163).    Dièse  Handschriften  geben  also  den  Usos 
der  alexandrinisch-rômischen  Pinakographie  getreuer  wieder  als  jene 
Rollen,  um  yieles  getreuer  yor  allem  auch  als  die  poetischen  Nnm- 
mem  121 — 128.    Wir  mûssen  die  Fassung  der  Nummer  127  (and 
122?)  demnach  jedenfalis  fur  unursprûuglicli  halten.    Denn  erst  bei 
spâteren  Autoren  drang  die  jûngere  Zablenschrift  nachweislich  in  die 
Subskriptionen  ein,  bei  Euseb,  Gregor  Yon  Nazianz,  in  den  Schiiften 
des  Alten  und  Neuen  Testamentes.    Man  Hest  also  z.  B.  unter  des 
Ëusebios  Praeparatio  eTangelica  Buch  II  die  Zabi  ,3^Ynn  u.  s.  w. 
Doch  kann  dies  schon  etwas  frûher  aufgekommen  sein,  wie  beim 
Dionysios  und  Oppian,  N.  123,  126;  ygl.  229.    Die  alte  Zahlenschrift, 
die  in  den  Exemplaren  aller  Yoralexandrinisohen  Autoren  henschte, 
bat  sich  nachweislich  jedenfÎEdls  bis  zu  denen  der  ciceronischen  2eit 
(Philodem)  im  Dienst  der  Subskription  erbalten. 

Wir  geben  nun  in  Folgendem  mit  der  Subskription  zugleich 
auch  die  Grosse  des  Stichos  selbst  nach  der  Anzahl  der 
Buchstaben,  wie  sie  yon  Graux  aus  den  Subskriptionen  be- 
rechnet  ist: 

129—132.   Herodot  (Codd.  A  und  B), 

Buch  IV,  3053  Stichen.  —  Stichos  zu  37,6  Buchst 

-  V,    2200      .         —       .        .   37,5      - 
.  Vm,  2322      -        —       -        .  37,6      - 

-  IX,  220G      -        — .       .        .   37 

133.  Isokrates  (cod.  Urbinas),  Busiris,  390  Stichen.  —  Stichos 
zu  37,4  Buchst. 

134 — 179.  Demosthenes.  Fur  40  seiner  Reden  haben  wir 
Zahlen  im  Paris.  £;  fur  die  18  letzten,  ebenso  fur  die  5  Briefe  ist 
er  einziger  Zeuge,  fur  die  ûbrigen  kommen  Daten  hinzu  im  Bavari- 
cus,  Vaticanus  und  Augustanus  3  imd  Venetus  F.  Dièse  Zeugen 
stimmen  genau  uberein  fur  9  Reden;  bei  anderen  ist  eine  nach  der 
anderen  zu  corrigiren,  bisweilen  liegt  in  allen  offenbar  Irrthum  vor; 
besonders  leicht  ist  die  Zahl  PI  entstellt  worden: 


—  Stiehen  des  Herodot,  Isokrates,  Demosthenes.  —  196 

nsgi  %Ay  iy  XsQQortjaiif,  590  Verse    •    •  Stichos  zu  37,3  Buchst. 

Brief  V,  40  V -  .  36,5  - 

Philippica  I,  460  V -  -  36,4  - 

PhiHppica  m  (nach  Z*  u.  Bav.)  580  V.    .  -  -  36,3  - 

Olynthiaca  m,  325  V •  -  36,6  - 

tkqI  ^Alowfiaw,  345  Y -  -  36,7  - 

Gegen  Androtioii  780  Y •  -  36,3 

nBQÏ  naQttTïQsafiskcç  (nach  Bav.,  gegen  Z), 

3280  V -  -  35,9  - 

ikqI  toi  (ttëtfàvov  (nach  Z)^  2768  V.    .  -  -  35,8 

PhiKppica  lY  (nach  Z),  634  Y -  -  35,8  - 

nsqï  (tvytcéismç,  330  Y -  -  35,8 

Lakritos,  430  Y -  -  35,8  - 

neçi  slQ^Ptiç,  206  Y -  -  35,7  - 

Konon,  460  V.  .  j__.__ -  -  35,7  - 

Midias    (Z    hat  ^^jjj^   y.  Graux  leicht 

corr.),  2101  Y -  -  35,6  - 

Prooemia,  1370  Y -  -  35,6  - 

Leptines,  1608  Y -  -  35,6  - 

Makartatos,  670  Y -  -  35,2  - 

Boeotos  nom.,  380  Y -  -  35,1 

TïïQOç  Ttpf  ifuct.,  196  Y -  -  35,1 

Olynthiaca  U  (nach  Z%  295  Y -  -  35,3  - 

PhiUppica  H  (nach  Bav.),  290  Y.      .     .     .  -  -  35 

Boeotos  dot.,  570  Y -  -  34,8  - 

Olynthiaca  I,  265  Y -  -  34,8  - 

Brief  n,  217  Y -  -  34,7  - 

Gegen  Stephanos,  I,  793  Y -  -  34,6  - 

Leochares,  640  Y -  -  34,5  - 

Brief  lY,  101  Y -  -  34,4  - 

Nausimachos,  270  Y.  ^) -  -  34,4  - 


1)  In  anderen  F&Uen  ist  die  Zahl  Terd&chtig,  wie  nQoç  KôXltTtnoy  (^), 
323  Verse;  diea  erg&be  den  Stichos  su  33,6.  Graux  (S.  116)  &ndert  hier  und 
bestimmt  den  Stichos  auf  34,  6.  Ungewiss  ist  auch  niçt  nty  nçoç  jiXt^aydçoy, 
nach  Graux  277  Stiehen  su  34, 6  Buehstaben;  Neaera,  naoh  Graux  1261  Sticheo 

13* 


196  —  Die  BMhMÎle.  — 

mQê  cvfii^çêmPj  390  Y. Stidioe  za  34    Bacbi 

Onetor  H,  140  V. -        -  33,9      - 

Aphobos  n,  240  V. -        -  33,8      - 

Also  der  Stichos  der  Demostheneshandschriften  des  Alterthmm 
schwmnkte  zwÎBcheii  37,3  imd  33,8  Buclmtabeii.  Sein  Mittel  ist: 
35,5.  Et  differiit  Yon  Isokntes  und  Herodot  um  die  Eleinigkeit 
Ton  ly,  bis  2  Elementen. 

Gehen  wir  zu  Autoren  weiter,  die  am  Ausgang  des  antiken 
Buchwesens  stehen,  so  finden  wir  dièse  stindige  Zeilengrôsse  auch 
bei  ihiien  noch  unTerletst  erhalten.    £s  sind 

180 — 182.  Eusebios  (cod.  Parismus  451  des  Jahres  914),  dessen 
praep.  evang.  U  mit  1483  Yersen      .     .     .  Stichos  au  37,2  Bucbsl 

-  m  mit  1858  V.  .   ^    .     .     .       -        -  36,1      - 

-  I  mit  1553  V.   (Â^Hf  ist 

leicht  yeischrieben) -        -  37,2 

183 — 227.  Gregor  Ton  Nazianz  (cod.  Laorentianus  YII  8  giebt 
fur  aile  Homilien  die  Stichen  aosser  Hom.  13,  35  und  37)^): 

Hom.  Xn,  150  Verse Stichos  zu  37,7  Buclist 

.     Vin,  569  V -        .  37,4     - 

.     XLI,  481 V .        -  37,2     - 

-     m,  142  V.  und  XXTX,  590  V.    .    .       -        -  37 


su  85, 5;  Nikostratos,  nach  Sauppe  301  Verse  su  niir  33,  5.  Mit  mehr  Sieher- 
heit  sind  die  Zahlen  Ton  Sauppe,  Blasa  and  Ghranx  corrige  in  folgenden 
PàUen:  

Aphobos  I  (E:  TRHHAAA,  Biass  T»IHPnAA), 

670  Verse Stichos  su  35,1  Buebt. 

nfQÎ  Tîjç  'Pùd,  lXêv&,,  334  Verse -       -  34,5      - 

ntçî  Tov  em(f>,  tÇç  TQ&tjç.,  207  Verse -       -  34,4 

Eubulides,  690  Verse -       -  34,3      - 

Epitaphios,  357  Verse -       -  36,9      - 

EroticoB,  560  Verse -       -  34,4      - 

Brief  I,  135  Verse -       -  35,1      - 

Brief  III,  370  Verse -       -  35 

nsçl  Miyalonol.,  288  Verse -       -  33,9      - 

^)  Die  Zahlen,  welche  Bandini,  Catal.  codd.  mscr.  bibL  Med.  Laor.  I 

S.  211  giebt,  sind  bei  Graux  nach  neuer  Einsicht  der  Handschrift  s.  Th.  rek- 

tificirt  (s.  S.  119  Note). 


—  Stichen  des  Euseb,  Ghregor  t.  Nas.    Stichos  ca.  35  Buohat.  —      X97 


.   36,6 

-  36,5 
.  36,4 

-  36,2 


Hom.  XXXn,  811  V Stichos  zu  36,9  Buchst. 

-  XV,  430  V.,  XVU,  335  V.  und  XXTT, 

438  V -        .  36,8      - 

-  V,  1042  V -        -  36,7      . 

.     IV,  2458  V.,  XXXÏÏT,  440  V.  und 

XXXVm,  455  V - 

.     XÏX,  417  V.  und  XXXI,  775  V.      .       - 

-  XXVI,  523  V 

.     XXrV,  495  V . 

.     I,  108  V.,  VI,  625  V.,  XI,  209  V., 

XXV,  569  V.,  XL,  1419  V.  und 

XLH,  732  V 

Brief  CI,  340  V - 

Hom.  XLV,  883  V.,  Vm,  569  V.  und  X, 

100  V . 

-  XVm,  1238  V 

-  XXXVI,  333  V 

.     n,  1896  V.  und  XXm,  342  V.    .     . 

-  XVI,  626  V - 

-  Vn,  718  V.  und  XLIV,  295  V.^)      .       - 
Der  Stichos  des  Gregor  schwankt  also  zwischen  37,7  und  35; 

seine  Mitte  ist  36,35;  der  mittlere  Stichos  des  Euseb  ist  36,8. 

Und  der  Stichos  der  alten  Prosaiker  schwankt  somit 
nach  dem  einstimmigen  Zeugniss  der  angefûhrten  fûnf 
Autoren  zwischen  37,7  und  33,8  Buchstaben;  seine  Mitte 
ist  35,75  Buchstaben. 


-  36 

-  36 

-  35,9 

-  35,8 
.  35,5 
.  35,4 
.  35,3 
.  35 


')  Leicht  Terderbt  und  tod  Graux  meistens  ûberseugend  corrigirt  sind 
fdgende  Zablen: 

Hom.  XIV,  1107  Verse  (Lanr.  ^mz) Sticbos  su  36,2  Bacbst. 

„      XXI,  961  V.  (Laur.  ,ap|a)   . 


„  XXVII,  270  V.  (Laur.  CI)    . 

„  XXVin,  959  V.  (Laur.  4>N0) 

„  XXX,  000  V.  (Laur.  4>)  .     . 

.  XXXIV,  299  V.  (Laur.  cj^) 

.  XXXIX,  508  V.  (Laur.  4>N) 

„  XLIII,  2400  V.  (Laur.    K) 

Brief  Cil,  160  V.  (Laur.  P) .    .     . 


-  35,6 

-  36,7 

-  36 

-  36,5 

-  36 

-  36,6 

-  35,6 

-  36,9 


198  ~~  ^®  Boehimle.  —  * 

IJnd  dièse  so  bemessene  Zeile  muss  nun  nothwendig 
inoerhalb  des  alten  Papyrusbuches  gegolten  haben. 

Ihr  Mass  stimint  indess  zu  keinem  der  Papymsbûcher  liitera- 
rischen  Inbalts,  die  uns  erhalten  sind.  Deren  Zeile  ist  Ton  xmstiter 
Grosse,  steigt  dabei  in  den  meisten  Falleo  nicht  ûber  28  Bucbstaben 
hinsos.  Es  ist  daher  wichtig,  die  GlaubwQrdigkeit  der  berechneten 
Normalzeile  als  Papyrosbuchzeile  nocb  weiter  erbârten  zu  kônnen; 
wir  folgen  auch  hierin  znm  Theil  Graux'  Berechnungen. 

Die  nâmliche  Zeile  batte  erstlicb  aucb  das  Tbukydidesexem- 
plar,  das  Dionys  benutzte,  wie  N.  71  unseres  Yerzeiclmisses 
lebrt  Im  Judicium  de  Tbuc.  c.  10  med.  giebt  Dionys  den  Abschnitt 
Thyc.  1 1  bis  I  87  (ta  nsgl  *EnidafAP0V  xal  m  rtêçi  KégxvQov  luà 
m  nxQi  Hotiâsuey  xal  %^  ïlshmowfiiSUûv  fSvvoôoy  êlç  2mqvp 
xal  tovç  ^fi&éytaç  ixflt  xaxà  vi^ç  ^A&^pcUmp  Twlêmç  Xoyov;) 
aof  gegen  2000  Sticben  an.  Dies  ergiebt  einen  Durcbscbnittssticlios 
Yon  35  Bucbstaben  (Graux). 

Das  Prooem  des  Thukydides,  I  1  bis  I  23,  bielt  fur  ibn  (ebenda 
c.  19)  gegen  500  Sticben;  Durcbscbnitt  des  Sticbos  ist  aucb  hier 
35  Bucbst.  (Graux). 

Femer  aber  citirt  er  (c.  13)  slza  avâ'tç  iTwîTQéipaç  hà  ùpf 
àmâofShv  %&v  Bîfsl^fiç,  ânayra . . .  nXsiovç  Ç  TQucxoatovç  crrfx^^ç* 
Das  slra  iind  vor  allem  das  av&iç  beweist,  dass  bier  nicbts  weiteres 
als  der  Abscbnitt  lY  26  bis  lY  39  fin.  (âutp&ccQfiaav)  gemeinst  ist 
Dies  sind  341  Zeilen  zu  35  Bucbst 

Im  ersten  und  vierten  Bucb  des  Tbukydides  war  also  die  Zeilen- 
grosse  gleicb;  aucb  folgendes  Citât  ergiebt  keine  Abweicbung.  Die 
Disposition  am  Ende  des  Proomium  stand  iy  iXdirofShV  ^  7RKT17- 
xoyxa  (Trixoiç  (cp.  19).  Damit  ist  nicbt  etwa  Tbuk.  I  21  bis  I  23 
gemeint^);  denn  sonst  mûsste  um  des  engen  Zusammenbangs  "willeii 
vielmebr  bei  I  20  angeboben  werden.  In  Wirklicbkeit  disponirt  aber 
Eap.  23  nicbt  mehr,  und  Dionys  kann  bier  wobi  nur  Eap.  22  alleio 
meinen*).     Dies  bâlt  aber  24  Zeilen  zu  35  Bucbstaben'). 


1)  So  Graux  S.  113. 

')  Vielleicht  ron  21  fin.  xai  0  nôUfAoç  ùlmç  xrX,  ab. 
')  Da  Dionys  nur  immer  nach  Hunderten  und  Fûn&igem  citirt,  so  liesi 
sicb  dièse  Sunune  ftkr  ttin  nicht  anders  als  mit  ^weniger  als  50**  beseiohnen. 


^  Stiehos  ca.  S5  Bnclut.  bei  Thukydides,  (Scero.  — -  199 

Eodlich  aber  wird  die  Passage  Thuk.  I  88  bis  1 117  bei  ibm  so 
sntnscblagt  (c.  10):  oïç  intxi&ti^h  jà  egya  t^ç  TtoXsœç  ôaa  iksxd 
\y  negaixop  Twlsfiov  iùùç  %ov  IIsXoTvopp^tfêaxov  âienQcl^ayto 
ripaXauùâ&ç  xal  ifnxqoxddfiv  iv  iXdttoaiv  Ç  nsvtaxoaioiç  (frlxo^. 
îer  wûrden  abweicbend  45  Bucbst.  auf  den  Sticbos  kommen.  Solcbe 
îfferenz  im  selben  Bucb  wâre  unbegreif licb  ;  wabrscbeinlicb  ist 
Evraxo(rfoiç  aus  imaxo<ftotç  verscbrieben.  Es  sind  io  der  Tbat 
K)  Zeilen  zu  34,4  Bucbst. 

Dieselbe  Zeile  batte  nun  aber  aucb  der  Cicero,  den  Asconius 
kB,  wie  N.  102  unseres  Yerzeicbnisses  ergiebt.  Wenigstens  die  Milo- 
iana  giebt  uns  ûber  die  versus,  welcbe  Asconius  zâblte,  eine  Con- 
ole.  Der  Satzanfang  §  95  dieser  Rede:  Flehem  et  tnfimam  multitu^ 
mem  qaae  P,  ClocUo  duce  fortunis  vestris  immmebat  eqs.  stand  nacb 
im  versu  a  novissmo  CLX.  Also  Yon  jenen  Worten  an  bis  zum 
cbluss  der  Rede  waren  160  versus;  es  sind  5472  Bucbstaben;  jeder 
ersus  bieit  also  34,2  Bucbst. 

Ëbenda  stand  der  Satzanfang  §  12:  Déclarant  huius  ambusti  tribuni 
lebiê  iUae  intermortuae  contiones  eqs.  fur  Ascon  versu  a  primo  CC; 
abingegen  der  Satzanfang  §  3  :  Unum  genus  est  adversum  in/estumque 
obis  eorum  eqs.  stand  fur  ibn  versu  a  primo  L,  Der  Abscbnitt 
wiscben  beiden  Satzanfangen  betrug  also  fur  ibn  150  versus;  es 
Ind  5130  Bucbst;  der  versus  bieIt  also  aucb  bier  34,2  Bucbst. 

Dazu  stimmt  nicbt  der  Anfang  der  Rede  bis  §  3  unum  genus  eqs., 
er  50  Zeilen  betragen  soll;  seine  1460  Bucbstaben  wûrden  fur  den 
"ers  29,2  Bucbst.  ergeben.  Wir  mûssten  290  Bucbst.  oder  etwa 
y^  Zeilen  des  Orelliscben  Textes  mebr  lesen.  Solcber  Dissens  inner- 
alb  desselben  Bucbs  ist  wiederum  sebr  scbwer  vorstellbar;  viebnebr 
sbeint  uns  Asconius  bier  zu  bezeugen,  dass  sein  Text  vollstândiger 
"ar;  der  unsrige  ist  lûckenbaft.  Eine  scbwere  Bescbâdigung  findet 
cb  offenbar  zu  Anfang  des  §  2;  bier  wird  ein  Ausfall  des  bezeicb- 
eten  TJmfanges  anzusetzen  sein,  dessen  Inbalt  sicb  ungefabr  be- 
!immen  lâsst^)  (eine  andere  Lûcke  findet  sicb  §  33,  eine  andere 
Qcb  §  34). 


^)  Hftchst  sohwierig  ist  der  Sait,  §  2  init.:  Non  emm  corona  consessus 
iêter  cinctus  est  ut  solebat^  non  usisata  freçuentia  stipaH  sumus^  non  illa 


200  —  Die  Baehxeile.  — 

Hiermit  ist  die  Gûltigkeit  der  constanten  Zeile  fur  das  Papyro»- 
buch  Yor  der  Hand  sichergestellt.  Allerdings  publicirte  dagegen 
Justinian  die  Digesten  nach  der  damais  schon  heirschendea 
Buchgewohnheit  als  Codex;  doch  wahrt  auch  er  noch,  wie  sicb  melu<- 


praesidia  guae  pro  ten^lis  omnibus  cemitU^  etsi  contra  vim  ooUata  Mutf,  im 
adferunt  tamen  oratori  aliqtnd,  ut  in  foro  et  in  iudiào^  guamguam  praaidai 
salutaribus  et  necessariis  saepti  sumus,  tamen  ne  non  tmere  qmdem  sine  aHqM 
timoré  possimus.     Von  dem  anaphorischen   non  illa   sag^e  Orelli  mit  Beeki- 
„Tix  tolerari  poterit'';  es  konnte  nur  stehen,  falU  der  Sais  gleichartig  mit  deo»- 
Torigen  weiterging:   non  illa  praesidia^  guae  . . .  cemitis,  cemere  conguevism^* 
Die  alte  Variante  nom  sa  non  (bo  Cod.  Salisburg.  =  Mooae.  Lat.  16  734)  beseng^^ 
wie  frflh  man  hier  Anatoss  nahm.     Becht  ungeschickt  stehen  femer  im  Yor 
liegenden   die   S&tze  mit  etsi  und  quamquam  nebeneinander.     Weiter  erre 
collatOj  zu  praesidia  bezflglioh,  Anstoss;  man  eetzt  seit  Lambin  collocata  dafôr 
indess  scheint  con/erre  an  das  folgende  ad/erre  assoniren  zu  soUen.    Ungemeii 
kOnstlich  erscheint  endlich  die  Construction  mit  doppelter  Négation  und  vt^ 
non  illa  praesidia  ..  non  adferunt  oratori  aliçuid,  ut  ne  non  timere  quidem^ 
sine  aliguo  timoré  possimusl    Seben  wir  nun  auf  den  Inbalt,  ao  bekennt  Cicero 
§  1,  dass  er  sicb  fflrcbte;  als  Grund  dafûr  nennt  er  die  nova  iudicii  forma; 
seine  Augen  yermissen  veterem  consuetudinem  fori;  niobt  das  FrAberyorhandene, 
das  jetct  feblt,  sondem  das  Neubinsugekommene  aber  ist  es,  was  ibn  erscbredst; 
es  war  darum  natflrliob  und   wirkung^roU,    nun   §  2    nicht  blos   negatir  das 
Feblende  zu   nennen,   sondem   ror  allem  die  gefûrcbteten  Soldaten  sa 
scbildern;    tbat  dies  Cicero  bier,   so  wird  das  gleicb  folgende  tanta  vis  ar- 
morum  Terstândlicb,  so  waren  die  Worte  |  3:  Quam  ob  rem  illa  arma  centu- 
riones  cohortes  non  periculum  nobis,  sed  praesidium  denuntiant  wirklicb  das, 
wonacb  sie  ausseben,  ein  Bflckyerweis  auf  dièse  Scbilderung,  die  ans- 
gefallen   ist  und  vielleicbt  so   angeknûpft  war   (man  woUe  den  Versucb  einer 
Ergânzung  mit  Nacbsicbt  aufnebmen)  :  Non  enim  corona  consessus  vester  cinctus 
est  ut  solebat,  non  usitata  frequentia  stipati  sumus,  non  illa  praesidia^  guae 
pro  templis  omnibus  cemitis  ||  disposita,  adhibere  his  sanctissimis  lads  usque  ad 
hune  ipsum  diem  in  consuetudine  fuit;  nom  stipamur  cohortibus,  nam  corona 
cingimur  militari^  nam  undique  dum  circumspicitis  minantia  signa  videtis  et 
ferociam  gladiorum  et  armorum  strepituni  guo  frangitur  vox  dicentis;  denique 
velut  in  castra  forum  Romanum  conversum  est.   Quae  omnia  insignia  violentiae  1 
etsi  contra  vim  collata  sunt^  non  adferunt  tamen  oratori  aliquid:  ut  in  foro 
et  in  iudicio,    quamquam   praesidiis  salutaribus  et  necessariis  saepti  sumuSj 
tamen  ne  non  timere  quidem  sine  aliquo  timoré  possimus.    Die  Pbrase  adferre 
aliquid  c.  Dat.  beisst  „in  etwas  nûtzen"  ;  wir  baben  also  mit  Négation  zu  Qber- 
setzen:    ^sie   scbaden   dem  Redner  in  etwas";    der  Datiy  oratori  kann  darum 
nicbt  entbebrt  werden.   —  Ich  bin  in  der  Ausf&llung  Lucan  I  319  ff.  gefoigt. 


—  Stîchos  ea.  35  Buchst.  bei  Justinian,  Varro.  —  201 

^ch  zeigte,  die  Traditionen  des  Papyrusbuchwesens,  so  unter  anderem 
*^ch  die  alte  Stichometrie.  Die  gesammten  Digesten  taxirte  er 
(ûach  N.  2)  auf  beinahe  150  000  versus,  d.  h.  also  etwa  145  000  oder 
140  000  Verse.  Da  sich  das  Werk  aber  auf  etwa  5  000  000  Buchst. 
berechnet,  so  hielt  der  versus  des  Justinian  etweder  33,4  oder 
5^,6  Buchstaben^). 

228.    Noch  sei  auf  eine  Stelle  des  Yarro  hingewiesen,  welche, 
^ier*  Flexion  handelnd,  zur  Yerdeutlicbung  der  Analogien  die  Formen 
i^arskcligmenartig  auf  verschiedene  Zeilen  vertheilt  De  1.  lat.  X  43  f. 
'«PX'o  scheint  folgendermassen  geschrieben  zu  haben: 

Esto  sic  expositos  esse  numéros  ut 
in  primo  versu  sit    unum     duo         quatuor 
in  secundo  decem    viginti    quadraginta 

in  tertio  centum  ducenti  quadringenti 

In  hac  formula  numerorum  duo  inerunt  quos  dixi 
lôyoê  qui  diversas  faciant  analogias:  unus 
duplex  qui  est  in  obliquis  versibus  quod  est  ut 
unus  ad  duo,  sic  duo  ad  quatuor;  alter  decemplex 
in  derectis  ordinibus')  quod  est  ut  unus  ad  decem, 
sic  decem  ad  centum.  —  Similiter  in  verborum  de- 
clinationibus  est  bivium  quod  et  ab  recto  casu  [de- 


gewiss  an  nnsere  Stelle   dachte,   als   er  schrieb:    guis  castra  iimenti 

U  mixta  forof  gladii  cum  triste  minantes  ludicium  insolita  tre- 

^i«m  c insère  corona,  atque  auso  médias  perrumpere  milite  leges  Pompeiana 

clauserunt  signa   Milonemt     Hier  stehen   die   f&nf  Vokabein   Cicero's 

en:  forum^  iudicium^  {in)solita^  cingi  corona  und  daa  timere, 
')  Berechnet  nach  Mommsen  éd.  minor.  Die  850  regelm&ssig  gedruckten 
haben  mit  Abzng  der  leeren  R&nme  und  leeren  Halbzeilen  114  237 
^^^^Im  la  41%  Buchst.  Dazu  kommen  die  besonders  gerechneten  Seiten  4,  5, 
^»  «,  97,  103,  104,  127,  339,  340,  352—358,  581-684,  789,  801,  die  sus. 
'-T  231  Buchst.  ergeben.  Summa  4  861  231  Buchst.,  woTon  noch  ftlr  den  leeren 
'^^mii  an  den  Buchschlflssen  17  417  Buchst.  abzuziehen;  ergiebt  4  843  814 
''^«hst.  —  Mommsen  Dig.  éd.  maior  S.  XI  bat  den  Inhalt  nach  der  Florentina 
•«Ibet  berechnet,  die  887  folia  zu  4  Seiten  bat,  jede  Seite  zu  44—45  Zeilen, 
J^^e  2eae  su  32  Buchst,  giebt  5  109  120  Buchst.;  dies  wflrden  150  000  Stichen 
^,06  oder  145  000  zu  35,23  oder  140  000  su  36,5  Buchst.  ergeben. 

')  Hier  steht  nicht  versibus;  offenbar   waren  die  Bebpiele   also  in  der 
^"^çebenen  Weise  zeilenweise  neben  und  untereinander  gestellt. 


202  —  I>i«  Budixeile.  — 

clinatur  in  obliquom  et  ab  recto]  in  rectum 
ita  nt  formnlam  similiter  effidant:  qnod  ait 

primo  Ter  su    hic     albns      hnic  albo      liiiius  aibi 
secundo  haec  alba       huic  albae    huius  albae 

tertio  hoc    album    huic  albo      huius  albi 

Itaque  fiunt  per  obliquas  dedinationes 
ex  his  analogiae  hoc  genus: 

Albius  Atrius,  Albio  Atrio;  • 

quae  scilicet  erit 
per  derectas  declinationes  particula  ex  illa 

Albius  Atrius  yicenaria^) 

Albia    Atria  quae  scilicet  centenaria 

formula  analogiarum. 
Hat  Yarro  die  Paradigmen  so  disponirt*),    so  muss    demnach  die 
Raumzeile  in  sein  en  Exemplaren  35  bis  38  Buchstaben  haben  fasaen 
kônnen. 

Und  dièse  Normalzeile  von  c.  35  Buchstaben  hat  also,  wie  die 
bisherigen  Beispiele  ergeben,  Ton  dem  Thukydidesexemplar  des  Dio- 
nysios  bis  zu  Justinian  durch  mindestens  funf  Jahrhunderte  das 
Buchwesen  imverândert  beherrscht.  Sie  hat  bei  den  Romern  ebenso 
gegolten  wie  bei  den  Griechen. 

Doch  wissen  wir  einen  Yoralexandrinischen  Autor,  den  die 
Eaiserzeit  in  grôsseren  Zeilen  las;  es  ist  Hippokrates,  und  es  ergiebt 
sich  dies  aus  den  Citaten  Galen's  in  N.  74.  Die  Schriften  m^ 
(pvtfsœç  àv&QiûTiov  und  nfQÏ  âialnjç  vyta^y^ç  standen  in  einer 
Buchrolle  zusammen;  Gralen  unterscheidet  darum  zwei  f^âQi/  derselben: 
1.  fuçi  q)va€wç  (§  1 — 8),  2.  ein  notxlXoy  f^éçoç,  bestehend  ans 
a)  §  9—11,  b)  §  12,  c)  §  13-16,  d)  jaçl  âuciT^ç  1,  e)  2—5,  f)  6, 
g)  7.  Theil  I  betrug  nim  gegen  240,  d.  h.  wohl  235  Stichen;  es 
sind  ca.  9785  Buchst.;  jeder  Stichos  hielt  41, 5  Bu ch st.    Dem  wid6^ 


^)  binaria  0.  MflUer. 

')  In  Anordoung  des  letzten  Theiles  bin  ich  0.  Millier  gefolgt,  adn.  ta  L 
Nooh  sicherer  scbeint  die  Abtheilung  der  zwei  Toraafgebenden  Paradigmen  der 
Zablen  und  des  Adjektirs  aïbvs;  denn  dass  in  primo  versu^  in  secundo,  M 
tertio  nocb  immer  je  eine  besondere  Zeile  erbielt,  ist  wenig  wahracbeinlicL 
Freilicb  aber  konnten  die  Zablen  als  Zablen  gescbrieben  sein. 


—  Abweichnngen.  —  203 

reitet  die  zweite  Angabe  nicht,  wonach  der  Schluss  tesçI  iyxstpâXov 
lî  etwa  (œç)  10  Stichen  zerfiel;  das  kann  9,  yielleicht  auch 
/,  Sticlieii  bedeuten.  Es  siod  355  Buchst.^),  also  10  Stichen  zn 
'},5  oder  9  zu  39,5  oder  Sy^  zu  41,9  Buchst.  Drittens  aber  hielt 
e  ganze  Rolle  „600  Stichen  oder  ein  geringes  weniger^,  d.  h.  etwa 
)0.  Es  sind  aber  im  Granzen  25  060  Buchst. ,  jeder  Stichos  also 
ielt  42,5. 

An  dieser  etwas  langeren  Hippokrateszeile,  welche  die  des  He- 
>dot  Tind  Isokrates  um  4 — 5  Buchstaben  ûbertrifFt,  lâsst  sich  nicht 
veeifeln,  da  sie  sich  zweimal  ergeben  hat.  Bedenklicher  scheinen 
i^ei  andere  Abweichimgen. 

229.  Der  Plutarch  codex  der  Nationalbibliothek  zu  Madrid 
[.  55  hat  fûi  das  Biographienpaar  Nikias  und  Gras  sus  zwei  Sub- 
kriptionen,  einmal  Nhxiaç  -5-  atlxoh  (fvPccfJKpœ  ,^5ç',  das  andere 
lai:  KQccCaoç  -5-  fntxoi  (fwàikqxù  iSSV*)*  ^^^  dxxfih.  die  Plutar- 
hische  Stichometrie  wie  die  des  Euseb  und  Gregor  bedient  sich 
icht  mehr  der  alterthUmlichen  Zahlenzeichen ,  und  wir  werden 
araus  schliessen  dûrfen,  dass  im  Lauf  des  ersten  Jahrhunderts  n.  Ghr. 
liese  Zeichen  ausser  Gebrauch  gekommen  sind.  Das  cvvàfAipœ  be- 
agt,  dass  die  Sunime  6068  aus  beiden  Biographien  zusammen  (nebst 
^arallele)  gezogen  ist;  daher  lautet  die  Zahl  beidemal  gleich;  dass 
oan  damit  aber  beide  Stiîcke  zu  subskribiren  fur  nothig  befùnden 
lat,  wird  seine  Erklârung  in  anderem  Zusammenhange  finden.  Der 
Itichos  fallt  nun  aber  minimal  aus;  er  berechnet  sich  zu  1977  Buchst^. 
laben  wir  dies  gelten  zu  lassen?  Oder  ist  die  Zahl  aus  /t^' 
'erlesen?     Alsdann  hielt  jeder  Stichos  richtig  34,5  Buchst 

Die  zweite  Abweichung  giebt  Josephos ,  N.  1 ,  mit  seinen  2$ 
WQidâeç  (ntx(oyj  die  er  uns  fur  die  Originalausgabe  seiner  Archâo- 
ogie  giebt.  Dieser  Stichos  des  ersten  Jahrhunderts  hâtte  nur  28 — 29 
buchst.  gehabt  (Graux).  Die  Simime  ist  zu  gross.  Ist  dies  nim  aus 
Hûchtigkeit  zu  erklâren?  hat  Josephos  nur  in  Bausch  und  Bogen 
axirt  und  dabei  zu  hoch  gegriffen?    Es  fallt  schwer,  dies  zu  glauben; 


')  Die  Worte  ti^  àud-çwmp  sind  mitgez&hlt. 

*)  Vgl  Graux  a.  a.  0.  S.  114. 

>)  Das  Ganze  hat  116  118  Buchst,  tazirt  nach  Bekker's  Ausgabe. 


204  —  I^î®  Baehseîle.  — 

Zweck  jeder  UmfangsbestimmuDg  nach  der  Einzelzefle  konnte  ja 
nur  Genauigkeit  sein;  sonst  hatte  aie  keinen  Sinn:  wie  sich  denn 
ja  auch  in  der  That  sanuntliche  ûbrigen  Bestimmungen,  die  wir 
kennen,  als  genau  erweisen.  Wir  werden  also  methodisch  sckliessen 
mûssen  entweder,  dass  die  Zeile  des  Josephos  wirklicli  um  etwa 
sieben  Ëlemente  kûrzer  gewesen  ist,  oder  aber,  dass  Josepboe  fi)l- 
gendermassen  gescbrieben  batte:  fitfiUoiÇ  fi^èp  êîxo(t$  jtSQiêtXmiii^v, 
€  âè  fAVQiccCt  (tvtxf^v.  Dièse  so  leicbte  Aendemng  ergiebt  fur  den 
Vers  wirklicb  34,2  Bucbst.^)  Die  nacbfolgenden  Ueberlegungen 
werden  fur  die  Korrektur  der  ûberlieferten  Zabi  in  den  beiden  letsten 
Fâllen  in^s  Gewicbt  fallen. 

Es  stellt  sicb  nun  die  weitere  und  nabeliegende  Frage:  wiekam 
es,  dass  gerade  die  Summe  von  ca.  35  Elementen  als  Litteratnneile 
beliebt  worden  ist?     Hierfûr  ist  von   Graux  mit  Evidenz  auf  den 
daktyliscben  Hexameter  yerwiesen.   Auch  der  Hezameter  bihbei 
Homer  im  Durcbscbnitt  37,7^,  bei  Yergil  36,9  Buchstaben,  und  zwar 
giebt  Yergil  z.  B.  in  den  Yersen  Aen.  Y  827 — 856  ab  Minimum 
deren  32,  als  Maximum  42.     Wir  folgem  mit  Sicherbeit:  die  pro- 
saiscbe  Normalzeile    war    einfacbe  Nacbabmung    der  poe- 
tiscben,  die  Zeile  des  Prosawerks  war  keine  andere  als  di6 
des  Epos.     Die  alten  Hippokratesexemplare  waren  am  sparsamstef^ 
gescbrieben    und    ibre    Zeile    bielt   sicb    im   Maximum    des   Hexa^ 
meters,  42. 

Und  weil  dem  tbatsâcblicb  so  war,  bat  aucb  die  Terminologie 
davon  beeinflusst  werden  kônnen.  Die  Terminologie  giebt  uns  fû^ 
die  tbatsâcbliche  Geltung  dieser  prosaiscben  Hexameterzeile  ein^ 
weitere  ausdruckliche  Bestatigung.  Denn  STifi  beissen  bisweilen  aucb 
die  Raumzeilen  der  Prosa.  Wurden  Prosawerke  mit  poetiscben  sticbo^ 
metriscb  zu  einer  Gesammtsumme  berecbnet,  wie  es  die  Fiktionei: 
eines  Lobon  thaten  (Yerzeichniss  N.  39,  51,  53;  vgl.  67),  so  gal^ 
€7117  aucb  Yon  den  ersteren  mit;  wir  baben  nun  also  nicbt  nôtbig 
dies  fur  blosse  Ungenauigkeit  zu  nebmen.    Aber  aucb  fur  sicb  stebev 


*)  Die    ganze     Ârch&ologie    bat    Dacb    Gram'    Veranschlagung    eb^ 
ca.  17  100  000  Buchst. 

^)  Ich  folge  hierin  Graux  S.  123;  vgl.  Pappus  oben  S.  160. 


—  Die  Prosazeile  gleich  dem  Ilexameter.  —  205 

If  eines  Prosaikers  N.  75,  52;  Ygl.  65,  76').  Ja,  Lukian  taxirt  sogar 
ach-  oder  Werktheîle  hiemach,  wenn  er  an  gewisseii  Geschichts- 
;lireibem  bald  tadeit,  dass  sie  nur  sieben  eTnj  auf  die  Beschreibiing 
ner  Scblacht,  bald,  dass  sie  viele  Myriaden  inoip  auf  die  eines 
ferdezûgels  yerwendet  batten  (Luk.  25,  28  u.  19). 

Hôchst  wicbtig  aber  fur  uns  ist,  dass  wir  diesen  Gebrauch 
ihon  in  der  voralexandriniscben  Zeit  Yorfinden.  Denn  wir 
iben,  N.  3,  dass  scbon  Theopomp  den  Inhalt  seiner  Werke  nacb 
Tf  taxirt  bat,  und  dem  entspricbt  Yollkommen  die  Aeusserung  seines 
ehrers  Isokrates,  Panatb.  136,  er  wolle  in  seinen  Reden  nicbt  durcb 
Le  Masse  des  Grescbriebenen  den  Hôrem  gefallen,  aucb  nicbt  wenn 
I  sicb  zu  10  000  Hexametem  an  Grosse  ausdebnte:  ovâ*  fjv  iivqiùnv 

Also  aucb  Isokrates,  Tbeopomp,  das  Prosabucb  der  Yoralexan- 
riniscben  Zeit  ûberbaupt  ist  scbon  in  derselben  Normalzeile  ge- 
sbrieben  worden  wie  Cicero  und  Euseb  ;  die  oben  mitgetbeilte  sub- 
bibirte  Summe  des  Busiris  (N.  133)  im  Codex  Urbinas  muss  dem- 
acb  scbon  in  der  Originalausgabe  dieselbe  gewesen  sein,  und  so 
rerden  aucb  die  sticbometriscben  Angaben  des  Dionys  fur  Tbukydides, 
ie  unserer  Handscbriften  fur  Herodot  und  Demostbenes  ebenso  der 
riginalen  Yoralexandriniscben  Textgestalt  selbst  entsprecben. 

Die  Prosa  war  erst  spât  auf  die  Poésie  gefolgt,  die  prosaiscbe 
Irzahlung  aus  der  poetiscben  berYorgegangen.  Das  erste  prosaiscbe 
^erk,  das  das  Griecbentbum  untemabm,  konnte  aber  nur  bei  scbon 
OBgebildetem  Scbriftwesen  intendirt  und  ausgefubrt  werden.  In  dem 
cbriftwesen  der  rein  poetiscben  Litteratur  berrscbte  bisber  der 
[exameter  des  Epos.  Nacb  dieser  Zeile  war  die  Bucbform,  d.  b. 
Lsbesondere  die  Breite  der  Einzelpagina  bisber  eingericbtet. 
iese  Zeilenlânge  und  dièse  Seitenbreite  ist  nun  also  unYerândert  Yon 
er  Prosa  recipirt  worden;  dies  geschab  lange  beYor  ein  Kallimacbos 
as  Bucbwesen  ordnete;  Kiillimacbos  empfing  und  konservirte  dies 
Ls  eine  alte  Gewobnbeit  (N.  54  f.).    Und  sie  bat  sicb  so  uuYerandert 


^)  Ohne  hinreicheDden  Gnind  bat  Wachsmuth  Bhein.  Mus.  34,  483  die 
(«weiskraft  dieser  Zeug^isse  abzaschw&chen  gesucht. 

*}  BlasB  will  hier  intj  als  Kola  verstehen;  doch  widerr&th  dies  die  Ver- 
rleichnng  der  obigen  Beispiele. 


206  —  I>ie  Baehiaile.  — 

Tom  Zeitalter  eines  Hekataeos  bis  su  dem  JustmianiBchen  forteibeii 
kônnen.  Die  Zeilen-  und  Seiteagrôsse,  die  an  der  Schwelle  aller 
klasÙBchen  Litteratur  durch  die  ente  AuÊBeichnong  Homer's  ûmt 
worden  war,  bat  der  Weltlitteratur  fLber  ein  JabrtauBend  bindozcli 
Dienste  getban  und  aie  ibr  ent  an  dem  Ausgange  des  Altezthumi 
selbst  gekûndigt 

Dièses  Raummass  bat  endlicb  aber  aucb  su  einem  Zeitouas 
erboben  werden  kônnen.    Dies  erkl&rt  sicb  leicbt  genug.    Aile  Litte- 
ratur des  Altertbums  war  ja  sur  Deklamation  oder  zur  Voriesong 
bestimmt;  sie  wurde  weit  weniger  als  beute  mit  dem  Auge,  sondem 
Yorzûglicb  mit  dem  Obr  au^efiEtsst    Insbesondere  aber  giit  dies  Yon 
rbetoriscben  Scbriftwerken.    Isokrates  scbreibt  f&r  Hôrer,  aber  er 
spricbt  gleicbwobl,  vie  wir  saben,  yon  einem  nacb  inij  bemessoies 
fMptoç  seiner  Reden.    Hiemit  ist  gleicbzustelien,  wenn  Giceio  im 
Arcbias  sagt  (pro  Arcb.  poeta  8) ,  dass  er  ex  tempore  tnagmm  m- 
merwn  optmorum  versuum  spracb,  und  nocb  yiel  mebr,  wenn  Herodei 
Atticus  sicb  zur  Abmessung  seiner  Yortrfige  eine  Elepsjdra  gebaot 
baben  soU,  derenWasser  gerade  100  Hexameter  langlief  (Pbilastraty 
vitae  sopb.  Il  10)^). 

Warum  aber  zablte  man  nun  diesen  Vers?  Das  moderne 
Bucbwesen,  so  entwickelt  es  ist,  bat  an  eine  so  kleinlicb  genau^ 
Statistik  nicbt  gedacbt.  Die  Zeilen  eines  Frosadrucks  zu  zabled 
wâre  fur  uns  absurd,  und  aucb  in  der  Poésie  bat  uns  die  Pédanterie 
der  Yerszâblung  bisber  zum  Gluck  yerscbont  und  wird  uns  yer" 
scbonen,  bis  etwa  die  moderne  Litteraturwissenscbaft  uns  unsere 
Elassiker  ganz  entfremdet.  Pédanterie  konnte  Urbeberin  des  antikeo 
Gebraucbs  nimmermebr  sein.  Er  muss  der  Praxb  gedient  baben. 
Man  konnte  sicb  denken,  dass  der  sticbometriscbe  Yermerk  ûbei 
die  Completbeit  einer  Rolle  eine  âussere  Contrôle  geben,  dass  sicb 
abo  insbesondere  der  Kâufer  durcb  ibn  des  unverkûrzten  Bucbb^ 
standes  yersicbem  sollte.  Docb  reicbt  dieser  Nutzen  zur  Erklarung 
nicbt  wobl  aus.  Die  Sticbometrie  diente  yielmebr  in  erster  Lini« 
der  Herstellung  der  Texte,  wie  wobl  zuerst  yon  Marquardt'}  be 


*)  ^'achgewiesen  Ton  Wachsmuth,  Rh.  Mus.  34,  483. 
3)  Rôm.  Privatalterth.  II  S.  339. 


—  Zweck  der  Stichometrie.  —  207 

merkt  worden  ist.    Unsere  Drucke  pflegen  die  Bôgen  und  Seiten  yoII 

DrackBchrifb  zu  zahlen  und  zu  numeiiren  und  woUen  damit  nicht  nur 

die  Contrôle  ûber  den  Gesammtumfang  erleichtem,  sondem  danach 

auch  den  Buchpreis  fur  den  Yerkauf  oder  zunachst  nur  das  Honorar 

fur  den  Autor  und  den  Setzerlohn  fur  die  Herstellung  bestimmen; 

nacb  Analogie  dieser  Zâhlungen  wird  die  antike  ZeileDzâhlung  zu  be- 

mtheilen  sein. 

Schreiber  waren  es,  deren  Fleisse  die  Yervielfaltigung  aller  litte- 

xarischen  Publikation  zufiel;  der  librarius,  der  die  Herstellung  einer 

Auflage  zu  etwa  tausend  Exemplaren  ûbemahm,   musste  mit  einer 

jprossen  Sklavenschaft  arbeiten    und  machte  damit  eine  bedeutende 

Xapitalanlage;  woUte  er  dies  sein  Untemelimen  und  die  Arbeit  seiner 

Sklayen  bezahlt  machen,   so  musste  er  einen  dem  Buchumfang  ent- 

sprechenden  Schreiberlohn   ansetzen.     Zahlte  ihm  diesen  Lohn  der 

Autor  selber,  so  edirte  dieser  also  das  Werk  auf  Selbstkosten,  und 

wer  dann   den  Yertrieb   ûberoahm,  bleibt  zweifelhaft.     Uebernahm 

dagegen  der  librarius  als  bibliopola   selbst  den  Yertrieb,   so  konnte 

er  seinen  Schreiberlohn,   statt  vom  Autor,   auch  vom  Publikum  er- 

heben,  und  dies  war  dann  der  Kiiufpreis  der  in  Tabemen  feil  stehenden 

Bûcher,   der  naturgemâss  wiederum  dem  Buchumfange  genau  ange- 

messen  wurde.     Besonders  lehrreich    ist    fur  den  Bezug  der  Yers- 

zahlung  auf  dièse  Buchherstellung  und  den  Buchpreis  ein  Martial- 

epigramm,  II  8: 

Si  qua  yidebuntur  ohartis  tibi»  leotor,  in  istis 

Sive  obscura  nimis  sive  Utina  parum, 

Non  mens  eat  orror:  nocuit  librarius  illis 

Dum  properat  yersas  annnmerare  tibi. 

Quod  si  non  illum,  sed  me  peccasse  pntabis, 

Tune  ego  te  credam  cordis  habere  nibil. 

^Ista  tamen  mala  sunt**.    Quasi  nos  manifesta  negemus. 

Haec  mala  sunt.     Sed  tu  non  meliora  facis. 

-^^  librarius  —  mit  dem  seine  Sklavenschaft  natûrlich  zusammen- 
gedacht  wird  —  ist  es,  den  Martial  hier  fur  schlechtes  Latein  und 
*-*iilclarheiten  in  seinem  Texte  verantwortlich  macht;  denn  derselbe  ist 

*^  eilfertig  dabei,  „dem  Léser  die  Yerse  zuzuzahlen".  Offénbar 
^€t    dem  die  Anschauung  zu  Grunde,   dass  der  Copist  die  Zeilen 

*^    ^u  liefemde  Waare,  indem  er  sie  hinschreibt,  abzâhlt.    Dièses 


208  —  ^î®  Bnohzeile.  — 

hier  Yon  Martial  erwâlinte  Abzfiblen  des  Buchscbreibers 

ist  es  offenbar  und  nicbts  anderes,  wodurch  sEmmtliclie 

sticbometrisclieii  Daten  der  Alten  entstanden  sind^.    Der 

librarius  hat  es  eilig,  denn  je  mebr  Zeîlen  er  axn  Tag  saUt,  desto 

grôsser  wird  der  Yerdienst  ausfallen.    Deijenige  endlich  ab^,  f&r 

den  er  es  abzahlt,  ist  nicht  etwa  der  Dichter,   sondem  der  Léser 

oder  Bachkâufer:  d.  h.  nacb  den  sticbometrischenYermerken 

bestimmte  er  den  Ladenpreis.     Icb  zweîfele  nicbt,  dass,  w«m 

die  Rbetoren  das  allzu  sorgsame  Sprechen  als  ein  onmes  Uttenu  m- 

putare  et  velut  adnumerare  (Quintil.  XI  3,  33)   bezeichnen,  dies 

Gleichniss  von  dem  adnumerare  Utteras  et  versus  der  Schreiber  lle^ 

genommen  ist.     Noch  deutlicher  gebt  auf  dièse  Anschauung  znrôck, 

wenn  Cicero  (De  opt.  g.  or.  14)  die  Behanptung,  er  habe  Aeschines 

nnd  Demosthenes  nicbt  verbum  pro  yerbo ,  sondem  frei  nach  dem 

Sinn  ûbersetzt,  so  ausdrûckt  :  er  meine  die  griecbiscben  Texteswoite 

dem  Léser  nicht  zuzàhlen  zu  mûssen,  sondem  Tielmebr  zuwigen: 

non  enm  ea  me  annumerare  lectori  putavi  opariere,  sed  tamquam  ap- 

pendere^. 

So  wie  die  Copisten    des  Mittelalters   nnd   der  Neuzeit  nadi 

Zeilenquanten  bezahlt  werden,  so  auch  die  des  Alterthums,  ob  aie 

nun  litterarischen  oder  nur  privatèn  geschâftlicben  Zwecken  dienten. 

Die  Bezahlung  der  Abschriften,  und  zwar  nacb  Yersbunderten ,  be- 

stâtigt  uns  das  Edikt  des  Diokletian  ans  dem  Jahre  301  n.  Chr.,  ein 

Tarif  der  Maximalpreise  fur  jene  Zeit,  in  welcbem  wir  unter  anderem 

lesen  (éd.  Waddington  S.  19,  Corp.  inscr.  DI  S.  831): 

Scrîptori  in  scriptura  optima  rersanm  n  centum  .... 

Seq(uenti)s  scriptarae  yersaum  n  centum  J2f  XTj 
Tabellanioni  in  scriptura  libelli  Tel  tabu- 

larum  (ii>  Ter)8ibus  n  centum  *7r  XX  V . 


^)  Adnumerare  heisst  yor  allem  ^Zahlang  leisten'^,  das  Objekt  argentvff^ 
pecuniam  brauebt  nicbt  einmal  binzuzutreten  (Yarro  Re  rust.  Il  2,  16);  es  i^^ 
das  Ëinzeln-z&blen ,   bei  dem  nicbt  das  Eleinste  ûbersehen  wird,   Tgl.  Cicero 
Verr.  Ill  196:  singulos  denarios  adnumerare.    Die  Z&blung,   Summirung  vo^ 
50  Reisetagen  beisst  annumeratio  dierum,  Digest.  27,  113.     Man  kann  al>^^ 
aucb  Waaren  ebenso  in  Recbnung  bringen:  agnos  duos  pro  una  ove  adnuff^^' 
rare^  Varro  R.  ruât.  II  2,  5. 

')  Das  appendere  ist  neu  nacb  Analogie  des  gel&ufigen  annvmerare  gebOcJ-^^ 


—  Besahlang  der  Schreiber  umch  Versqnanten.  —  209 

\9iS  Monument  unterscheidet  hier  wie  ûberall  nur  zwei  Sorten  und 
ezeichnet  die  schlechtere  als  sequens,  Der  Preis  fiir  100  Verse 
ester  Skriptur  ist  niclit  erhalten;  von  ihr  wird  die  schlechtere  zu 
0  Denar  pro  Zeilenhundert  unterschieden.  Gemeint  ist  der  schlechte 
enarius  aereus  jener  Zeit,  dessen  genauer  Werth  schwer  zu  be- 
timmen  ist  Nach  Hultsch^)  entsffricht  jener  Preis  etwa  96  Pfennigen. 
>agegen  erh&lt  der  Notar  fur  Ausfertigung  Ton  Libellen  und  Tafeki 
5  Denar  pro  Hundert,  d.  h.  61  Pfennig. 

Fur  ein  voiles  Buch  zu  700  Yersen  in  schlechterer  Schriftgattung 
»ekam  der  Skriptor  demnach  280  Denar  oder  6,72  Mark,  fur  eines 
'on  3000  Yersen  bekam  er  unter  denselben  Bedingungen  1200  Denar 
Aer  28,8  Mark!  Doch  sind  dies  Maximalpreise.  Sehr  yiel  niedrigere 
bisatze  lemen  wir  dagegen  durch  Martial  kennen  (ygl.  oben  S.  83)  ; 
lenn  ist  nach  ihm  der  Ladenpreis  eines  Bûches  zu  ca.  800  Zeilen 
L,35  Mark,  eines  anderen  zu  ca.  400  Zeilen  gar  nur  0,87  Mark,  so 
sgiebt  sich  nach  Abzug  des  Papierwerthes  und  sonstiger  Unkosten 
edenfalls  ein  sehr  viel  geringerer  Schreiberlohn  ;  und  demgemass  er- 
lalten  wir  in  einem  Martialgedicht  dann  in  der  That  —  nach  der 
irahrscheinlichsten  Interprétation  —  mit  Unterscheidung  2,17  Mark 
ils  Werth  des  Papiers  und  1,30  als  Preis  der  scriptura  —  oder  um- 
i;ekehrt  mit  Chiasmus  1,30  fur  ersteres,  2,17  fur  die  letztere  —  fur 
an  Buch  Yon  800  Zeilen*). 


1)  Hnltoch,  Fleckeis.  Ibb.  Bd.  121  S.  27  (gegen  Borghesi  bel  Bureau  de 
U  Malle,  Economie  pol.  des  Bomains  1  111  f.  und  Mommaen,  AbhdL  s&chs. 
Ges.  1851  S.  56):  der  Denar  Diokletian's  stellt  nur  ^^  des  ursprûnglioben 
Werthes  dar,  also  0,24  Sgr. 

^)  Martial  wendei  sich  I  66  gegen  Jemanden,  der  sich  die  Auiorschaft 
ehies  Martialbncbs  Tindicirte,  indem  er  Abscbriften  daron  unter  eigenem  Namen 
fenigen  liess: 

Erras  meomm  fur  avare  llbrorum, 

Fieri  poetam  posse  qui  putas  tanti 

Scriptnra  quanti  conitat  et  tomna  vilis. 

Non  lex  paratur  aut  decem  sophos  nummia  .... 

Mutare  dominum  non  poteat  liber  notua. 

Sed  pumicata  fronte  al  quia  cat  nondnm 

Keo  umbilicis  cultna  atque  membrana, 

Ifercare. 

Fur  cUe  Herstellung  der  Âbschriften  hatte  man  zweierlei  zu  sahlen,  das  Papier, 
Birt,  Buchweaen.  14 


210  —  ^^  Baehs«ile.  — 

Also  die  Gewohnheit  stichometiischer  Contrôle  der  BuchamfftDge 
hat  ihre  Erklanmg  im  Schreiberwesen  gefimden.     Wir  haben  ans 
nun  aber  im  Yoraufgebenden  einer  Anticipation  schuldig  gemacht, 
indem  wir  von  der  Zeilengrosse  unmittelbar  auch  auf  die  Blattbreite 
einen  Schluss  zogen  und  aucb   dièse  wie  jene  fur  eine  coosUnte 
Grosse  nahmen.     So  selbstverst&ndlich  dieser  Schluss  fur  Gedicht- 
bûcber  ist,  so  wenig  fehlt  es  an  Bedenken  gegen  ihn  fur  das  Pnwi- 
buch.     Nocb  Justinian  taxirte  sein  Werk  in  Godexform  nach  Hexa- 
metern:   hat  er  dasselbe  aber  auch  wirklich  in  solchen  Hezametem 
edirt?    Wer  die  alte  handschriftliche  Ueberlieferung   der  Digesten 
flûchtig  ansieht,  wird  dies  zu  bezweifebi  geneigt  sein.    Oder  hat  der 
Hexameter  hier  nur  als  ein  idéales  Grôssenmass  gedient,  dem  die 
wirkliche  Zeile  nicht  zu  entsprechen  brauchte?   und  haben  wir  die 
Stichometrie  bei  Justinian   und  der  antiken  Prosa  ûberhaupt  uach 
Analogie  der  Schreibertaxe  zu  beurtheilen  ^),  wie  sie  an  den  Uniter- 
sitatsstâdten    des   mittelalterlichen   Italiens    bestand    (vgl.    Savigny, 
Geschichte  d.  rôm.  Rechts  im  Mittelalter  El*  25,  §  579;  Kirchhofi^ 
Buchwesen  im  Mittelalter  S.  20)?    Die  Schriftstûcke    wurden  hier 
nach  Halbquatemionen  (petiae)  bemessen  zu  je  16  Golumnen,  jede 
Columne  zu  62  lineae,  jede  linea  zu  32  litterae;  hiemach  wurde  der 


tomus  vilis^  und  den  Schreiberlohn ,  die  scriptura.  Ebenso  erhalten  wir  noo 
zwei  Preisangaben  :  G  oder  10  Sesterz.  Ich  môchte  nnn  nicht  glaubeo,  wu 
z.  B.  Friedl&nder  aonimoit  (Sitteng.  Roms  III  S.  315),  dus  Martial  nar  (tr 
das  fertige  Exemplar  sweierlei  Ans&tze  sur  Auswahl  geben  will,  die  dano  fitst 
um  das  Doppelte  differiren  wQrden.  NatQrlicber  und  sugleioh  concinner  redete 
Martial,  wenn  er  die  zwei  Preise  den  zwei  soeben  genannten  Kaufobjektta 
entsprechen  liess.  Dass  ein  aut  die  Zablen  yerbindet,  spricht  gewiss  nicht 
dagegen,  zumal  in  einem  negatiren  Satz.  Es  wûrde  zu  einem  Martialbuck 
demnacb  der  Papyrus  6  Sesterz,  der  Schreiberlobn  10  Sesterz  betragen,  oder 
umgekebrt  —  da  der  Dichter  hier  môglicberweise  chiastisch  redet  — ,  die  6e- 
sammtherstellungskosten  des  Buchs  ohne  paenula  also  4  Denare,  wàhrend  der 
Ladenpreis  mit  paenula  zu  5  Denaren  stieg  (Mart.  I  117,  17):  beide  Angibeo 
stimmen,  wie  man  sieht,  sehr  gut  zu  einander,  falls  man  meiner  Interprétation 
folgt.  —  Wenn  Statius  (Silv.  IV  9)  als  den  Preis  oines  Bucbes  unbestimniteD 
Umfanges,  abgerecbnet  die  scriptura,  miteingerechnet  die  paenula  and 
den  umbilicus,  auf  einen  decussis  angiebt,  se  ist  damit  schwerlicb  etwas  ansQ~ 
fangen  ;  Ober  dièse  alte  KupfermQnze  Tgl.  Mommsen,  Rôm.  Mûnzw.  S.  1^86. 38-^ 
^)  Dieser  Vergleich  ist  von  Graux  gemacht  worden  S.  138. 


—  War  die  KormaUeile  nar  ein  idéales  Mass?  —  211 

reis  accordirt,  den  der  Copiât  fur  seine  Arbeit  zu  fordem  batte; 
tes  Regulativ  war  aber  in  Wirklichkeit  ein  idéales;  man  schrieb 
ich  in  abweichenden  Columnengrossen  und  Zeilengrossen  und  be- 
ïchnete  den  Inhalt  alsdann  auf  jene  idéale  Norm  zurûck.  Dièse 
eile  zu  32  Buchstaben  war  aber  z.  B.  die  des  Codex  Florentinus 
er  Digesten^).  Aehnlich  soll  im  heutigen  Indien  der  Abschreiber 
ftch  der  Zabi  der  Sloca  bezahlt  werden,  und  zwar  auch  bei  solchen 
Terken,  die  nicht  wirklich  in  Sloken  geschrieben  sind^).  Ist  aucb 
îr  das  Papyrusbuchwesen  der  Alten  dasselbe  anzunehmen? 

Wer  sich  die  erhaltenen  Papyrusbuchreste  aosieht,  wird  sich 
lelleicht  beeilen  dièse  Frage  zu  bejahen.  Die  Hyperides-  und  De- 
Losthenesabschriften ,  die  aus  âgyptischen  Grâbem  stammen  und 
ich  fur  Exemplare  des  antiken  Litteraturbuchs  ausgeben,  kennen 
och  die  Hexameterzeile  nicht  Die  in  Herculaneum  beisammen 
efimdenen  Rollen  ignoriren  dieselbe  ebenfalls.  Dahingegen  beweisen 
ie  Rollenreste  epischen  Inhaltes,  insbesondere  die  von  Bankes  und 
[arris  angekauften  des  Homer  sowie  die  des  lateinischen  Epos  Yom 
Jdischen  Krieg  unbekannten  Verfassers,  dass  das  Papyrusmaterial 
1  der  That  eine  Colunine  zu  tragen,  resp.  eine  Blattbreite  herzu- 
eben  im  Stande  war,  die  selbst  in  breiter  Majuskel  den  Hezameter 
nfnahm.  Wir  stehen  somit  vor  der  Alternative,  entweder  den 
[ezameter  in  der  Stichometrie  der  Prosa  wirklich  fur  ein  blos 
ieales  Raummass  zu  halten  oder  aber  jene  Rollenreste  prosaischen 
ibalts,  welche  uns  nicht  die  sorgsame  Tradition  in  fur  die  Zukunft 
estinunten  Sammlungen,  sondem  ein  Zufall  an  doch  sehr  unter- 
eordneten  Plâtzeu  erhalten  hat,  nicht  als  vollgûltige  Yertreter  der 
otiken  Prosabuchrolle  anzuerkennen. 

Aus  dem  Reichthuni,  welchen  die  Herculanensische  Villa  verrâtb, 
n  der  die  1806  Buchrollen  gefunden  sind,  kann  ein  Schluss  auf  die 
(^oalitât  derselben  nicht  gezogen  werden.  Personliches  Sachinteresse 
Bcheint    den   Besitzer   veranlasst   zu    haben,   philosophische  Schul- 


^)  Der  italienische  NationalTera,  der  Quinar,  hat  im  Dorchschniti  30,5 
>der  30,7  BachaUben. 

*)  Dieaer  Vergleich  ist  sehr  sohôn  yen  Gardthaasen  gezogen,  nach  einer 
Gttheilimg  50ldeke*B. 

14* 


212  —  Die  Bueliseile.  — 

schriften  in  dieser  Anzahl  und  gar  in  mehrCachen  Duplikaten  zu 
sammeln;  doch  scheint  er  Tielmehr  in  der  Quantîtat  ab  u  der 
Qualitat  luxuriirt  zu  haben^).  Ueber  die  geringe  Gûte  dieser  Ab- 
Bchriften  ist  oben  gesprochen.  Freilich  findet  sich  eine  danmter 
(Pap.  1479),  die  sich  fur  eine  antiquariscbe  Rarit&t  hôchsten  Werthes 
auszugeben  scbeint:  es  ist  das  28.  Buch  Ëpikur^s  tkqï  ^wtstêç, 
dessen  Eschatokoll')  unmittelbar  unter  Titei  und  Buchnummer  dea 

Yermerk  trâgt:  (r)(8v  àfx^^K^^)*  fy(Q)^9V  ^  Nutiov  tav  (i^tià) 
*Av{%i)(pcitfjv,  Also  Olymp.  121,  1  oder  296  v.  Chr.,  in  Epikur'g 
46.  Lebensjabr,  fiel  die  Originaledition  dièses  Bucbs'),  und  eserhielt 
den  Jahresstempel.  Indess  ist  die  vorliegende  RoUe  gewiss  kein 
solcbes  Originalexemplar,  sondem  jQngere  Abschrift,  die  den  altcn 
Stempel  nur  mit  ûbernahm*). 

Es  ist  nun  unbestreitbar,  dass  die  Prosa  wirklich  in  der  sticho- 
xnetrisch  yerrechneten  Normalzeile   gescbrieben  worden  ist    Wenig- 
stens   spricht  eine  Thatsacbe  eindringlich  dafur:    die  Gitate  nach 
der  Zeilenzabl,  die  anders  nicht  wohl  begreiflicb  sein  wurden.  Wenii 
Asconius  den  Ciceroleser  auf  die  620.  Hexameterzeile  von  der  ersten 
ab,   auf  die   90.  von  der  letzten  ab  u.  s.  w.  yerweist,  so  muss  der 
Cicerotext  nothwendig  Allen  in  diesen  Zeilen  selbst  vorgelegen  babeu. 
Dcnn  ein  Zeilencitat  bei  inconstanter  Zeile  wâre  docb  eine  unerhorte 
Zumutbung  an  den  Léser,  wâre  in  jedem  Falle  ein  Nonsens  gewesen. 

Dasselbe  gilt  aber  weiter  von  den  Exemplaren  des  Zenon  und 
Chrysipp;  auch  aus  ibnen  wird  bei  Diogenes  der  Ort  der  Citate 
nach  der  Zeilenzahl  angcgeben  (N.  68,  69,  70). 


^)  Comparetti*8  Yermuthung  (Pompei,  e  la  regione  sotterrata  dal  Tesario 
S.  159  ff.),  dass  Piso,  der  GOnner  Philodem's,  der  Besitser  sei,  ist  ein  ao- 
sprechendes  Phantasma,  doch  wissenschafllich  nicht  yerwendbar. 

^)  So  in  dor  éd.  Neap.  Der  Oxforder  Index  lâsst  f^chlich  die  Sab* 
skription  auf  der  letzten  Textseite  stehen,  was  nie  Torkonimt. 

3)  Vgl.  Gompert*,  Z.  f.  ôstr.  Gymn.  1867,  S.  211. 

*)  Sonst  w&re  dieselbe  i.  J.  79  n.  Chr.  375  Jahre  ait  gewesen,  ftlr  ein  ge* 
brauchtos  Buch  im  Aherthum  gewiss  ein  énormes  Alter  (vgl.  unten  Kap.  VII  fin.}* 
Nun  ist  aber  ihre  Schrifl  im  Vergleich  zu  den  mindestens  250  Jahre  jflngeren 
Philodemrollcn  eher  deutlicher  und  klarer  zu  nennen  als  umgekehrt,  und  tack^ 
sonst  verriith  ihr  Aeusseres  durch  nichts  einen  so  erheblichen  Alter8anter8chi&^ 
Yon  den  letzteren. 


—  Die  Nomudzeile  wirklich  gescbrieben.  —  213 

Denselben  Zweck  batte  gewiss  auch  Dionjs,  wenn  er  die  Thukj- 
dideszeilen  mittheilte  (N.  71;  ygl.  84). 

Auch  das  N.  228  aus  Yarro  angeftihrte  Beispiel  fuhrt  darauf, 
dass  versus  als  wirkliche  Zeile  verstanden  wurde. 

In  diesen  Beispielen  der  Prosa  muss  also  wirklich  die  Blatt- 
breite  etwa  der  im  Papyrus  Bankesianus  gleichgekommen  sein.  Aus 
ihnen  haben  wir  auf  die  ûbrige  Prosa  weiter  zu  schliessen. 

Aus  der  lyrischen  Poésie  sei  hier  auf  das  Jédvxs  fièy  a  (feXâyya 

der  Sappho  hingewiesen.    Die  alte  Tradition  schrieb  dièse  Verse,  wie 

Hephâstion  c.  11  bezeugt,  folgendermassen: 

Jéâimê  fÂtv  à  ailuyya  xai  nXtfiâdtç,  (jUcat  éè 
yvxnç,  naçà  d'  fçx*''*  oiça,  Pyta  ai  fiôva  xad-êvâta, 

Der  Metriker  wundert  sich  mit  Recht^)  ûber  die  unsachgem&sse 
Schreibung,  die  den  Hiat  am  Eolonschiuss  nicht  achtet;  es  sind 
dies  yiehnehr  vier  selbstândlge  Eolen.  Anlass  hierzu  war  offenbar 
nur  die  Blattbreite  und  der  Einfluss  der  obligaten  Zeilenlânge;  man 
erhielt  so  eben  Hexameterzeilen  zu  35  Buchstaben;  Halbzeilen  aber 
wurden,  wie  oben  vermuthet  (N.  100),  nicht  stichometrisch  verrechneti 
d.  h.  nicht  bezahlt. 

Aber  dièse  Baumzeile  und  Columnenbreite  hat  das  Prosabuch 
in  der  That  nicht  einformig  beherrscht.  Aile  die  so  abweichenden 
Textabschriften  aus  Herculaneum  wûrden  sonst  unerkl&rt  bleiben. 
So  gewiss  sich  in  ihnen  die  subskribirten  Stichen  zum  Text  als  blos 
idéales  Mass  verhalten,  welches  aber  doch  fur  ihre  Vorlagen  muth- 
masslich  ein  reaies  war,  so  gewiss  muss  dasselbe  auch  sonst  vorge- 
kommen  sein,  sei  es  auch  nur  bei  untergeordneteren  Werken.  Und 
hierfûr  lâsst  sich  wenigstens  ein  Beleg  beibringen.  Man  betrachte 
die  folgende,  bis  hierher  zuruckgehaltene,  sehr  bedeutsame  Stelle  aus 
dem  Galen,  die  so  unzweideutig  wie  keine  andere  die  Prosa  nach 
Hexametem  misst,  zugleich  aber  gerade  fur  die  Baumzeile  des  Gralen 
selbst  einen  abweichenden  Schluss  aufdr&ngt').  Sie  bilde  die  letzte 
Nummer  unseres  Yerzeichnisses. 


1)  Vgl.  Christ,  Metrik  S.  252. 

^)  Die  Stelle  wird  dem  Nachweis  J.  Bernays^  yerdankt,  ygl.  Wachsmath 
a.  a.  0.  S.  482. 


214  *^  ^>®  Bnebsefle.  — 

230.    Galen  fahrt  De  plac.  Œpp.  et  Plat  (Y  S.  155  E.)  den 
Satz  an:   iy&a  %Av  revguôv  ^  ^QX^s  ivtavâ'a  %i  ^^«f*^  | 
Vixév*    17    d^  àgxii    %&v    vsvqnùv    iv    iyxeq^âXtf    [iad^y). 
ivTav&a  \  aga  zo  ^}^sfêoyêx6y  und  bemerkt  dazu,  dieser  Satz 
(l6}^oç)  sei  irvéa  xai  %Quixùv%a  avlXa^âv,  Snëç  ic%i  âv&tyxd 
^fjLiasùùç    irtâv    é^afiUvQdôy:    es   sind   also   39  Silben,   das  macht 
27^  Hexameter.    Galen  fugt  dann  Doch  einen  zweiten  Ujroç  im  Um- 
fang  von  5  Hexametem  hinzu:   Hsqoç  J*  iaû  névrs  %w  ndnmv 
imiy,  n&mlicli:    iv&a  ta   nà&f^  %^ç  tpvx^ç  inêq>ayé(fvtQa 
xivst  I  ta  fAOQta  xov  acifêatoç,    ivravâ'a  %o  na&iiutov 
T^ç  I  tpvx^iç  i^'^^^»  aXXà  iii^v  ^  xagâta  q>aivs%a^  ikeyi^^] 
i^allayiiv  ixovtta  tijç  x$v^tJ€(aç  iv  &VfêOtç  xal  \  (pôfioiç* 
iv  Tavtfi  aça  ro  naâ'fitêxov  zî/ç  (pvxijç  ^ott^v').    Duq 
bemerkt   er   schliesslich:    el   âè  (fvr&êUjç   dâl   totitovç  tovç  èio 
Xôyùvç,  ov  nXsioveç  %ûv  oxtùi  sl^a^xQfûV  xo  (Tîfjrxslftevoy  i^  ahiv 
nXf&oç  iifuxt,    riysç  oiv  aïuot  tov  tïûvts  fiifiXavç  Yqaqiipfm  mf^ 
Tovvœp  S  dêà  oxtœ  (ftixfoy  ^q(iù$x£v  i7n<fnifMytxiiy  anodêi^iv  cfx^î 
wir  baben  aber  in  dieser  lebrreicben  Stelie  yornebmlicb  zn  beachteo, 
dass  Galen  die  Zeîlenzahl  der  Sâtze  nicht  einfach  abzâblt,  sondem 
sie   indirekt  gewinnt;   er  mtiss  sie  yielmehr  ans  der  Silbenzahl 
erschliessen,  die  allein  er  abzâblt;  also  batte  er  eine  andere  als 
die  Normalzeile  des  Hexameters. 

Hier  darf  vielleicht  erinnert  werden,  dass  Ennius  die  Hexameter- 
zeile  mit  dem  Namen  verstis  longus  belegt  bat*).  Sie  scbien  ihm 
die  lange  Zeile  xax^  i^ox^v  —  im  Gegensatz  scbwerlicb  zu  anderen 
damais  in  Rom  ûblicben  Versgattungen^),  am  wabrscheinlicbsten 
noch  zum  Pentameter;  in  diesem  Sinne  yergleicbe  man  Demetrius 
de  interpretatione  c.  5  :  s^ccfASTQOV  ^qmov  ovofAci^sTat  ano  toi  fài^xovç. 
Jene  Benennnng  erscbeint  aber  dadurcb  nocb  motivirter,  wenn  der 
Hexameter  ûberbaupt  im  Scbriftwesen    die   ISngste    môglicbe  Zeile 


^)  Getilgt  Ton  MûUer. 

^  Vielleicbi  ist  auch  in  diesem  Satz  beîdemal  iarly  interpolirt,  wodareh 
die  Verse  noch  ebenm&ssiger  wûrden,  jeder  za  16  Silben. 

*)  Cicero  de  leg.  II  68  =  Isidor  Or.  I  38. 

^)  Der  Satamier  kam  ihm  an  Bacbstabengebali  gleich,  ebenso  nahera 
der  Senar,  der  Septenar  aber  war  noch  l&nger. 


—  Kflraere  Zçil.en  bet  geringerer  Blattbreite.  —  2t5 

ar.  Das  Schriftwesen  hatte  gewiss  schon  damais  daneben  kleinere 
achzeilen  fixirt  —  zu  denen  eine  geringere  Blattbreite 
>tbigte. 

Denn  —  um  abschliessend  die  Frage  zu  stellen,  die  uns  in  unser 
Ichstes  Eapitel  hinilber  fuhrt  —  was  nur  in  aller  Welt  war  der  Beweg* 
und,  dass  die  Bucbschreiber  Ton  der  Normalzeile  abgingen?  Wàrum 
îeb  die  Columnenbreite  nicbt  einfôrmig  und  nicbt  der  poetiscben 
eich?  Warum  entschloss  man  sicb,  in  den  Rollen,  die 
ocb  den  Homer  oder  das  Epos  Yom  Aktiscben  Erîeg  mit 
irer  Langzeile  tragen  konnten,  die  Prosatexte  nicht 
benso,  sondern  in  kûrzeren  Zeilen  zu  scbreiben,  obscbon 
an  nacb  jener  Langzeile  dièse  Prosa  gleichwobl  zu  ver- 
îchnen  nicbt  aufborte?  Von  blosser  Willkûr  kann  bier  die 
ede  nicbt  sein,  wo  es  sicb  um  Litteraturbiicber  und  nicbt  um 
:iyatskripturen  bandelt.  Fur  einen  solcben  Usus  und  fur  die  Ab- 
eichungen  von  solcbem  Usus  baben  wir  nacb  dem  zureicbenden 
mnde  zu  fragen.  Dieser  Grund  kann  aber  nur  in  der  Bescbaffen- 
iit  der  antiken  Bucbrollen  selber  gelegen  baben. 

Die  Zeilenlânge  oder  die  Columnenbreite  bângt  von 
iv  Blattbreite  ab.  Dieser  Satz  kann,  wenn  scbon  er  bel  nâberer 
îtracbtung  Einscbrankungen  wird  erfabren  miîssen,  doch  als  die 
îgel  fur  das  alte  Rollenbucb  aufgestellt  werden.  Dièse  Blattbreite 
OBS  nun  in  yerschiedenen  RoUen  eine  verscbiedene  gewesen  sein. 
}  ist  eine  natûrliche  Yoraussetzung,  dass  in  den  Papyrusfabriken 
eitere  Selides  mit  mebr  Scbwierigkeit  angefertigt  wurden  als 
hmSlere  und  dass  die  Rollen  mit  breiteren  Selides  aiso  wertbyoller 
§  die  mit  scbmâleren  waren.  Bei  poetiscben  Werken  des  versus 
ùgaB  war  es  nun  unumgânglicb,  ausscbliesslicb  zu  diesen  wertb- 
^Ueren  zu  greifen;  in  der  Prosa  konnte  man  erstlich  dasselbe  tbun 
id  lieferte  alsdann  solcbe  Exemplare,  die  wir  Normalexemplare 
innen,  d.  b.  solcbe  von  grosserer  Blattbreite  und  mit  Normalzeilen, 
le  sie  durcb  die  prosaiscbe  Sticbometrie  Yorausgesetzt  werden. 
och  war  es  fur  eine  Prosaabscbrift,  anders  aïs  in  der  Poésie,  da- 
iben  aucb  môglicb  scbmalere  Blattseiten  anzuwenden;  alsdann  musste 
lerdings  zu  sticbometriscbem  Zweck  das  Yerbaltniss  ibrer  kûrzeren 
elle  zur  Normalzeile  nocb  besonders  berechnet  werden;   die  Her- 


216  *-  '^^  BadiMa«.  ~ 

fltelliing  solcher  Abschriften  auf  schmaleren  Blfittem  in  mînder  gaten 
Rollen  war  aber  nothwendig  billiger  und  empfikhl  aich  desbalb  To^ 
zûglicb  fur  Bolcbe  Werke,  bei  denen  es  auf  g^te  'Ausatattung  nicht 
ankaxn  oder  die  keinen  grossen  bncbbfindleriscben  Absatz  finden 
konnten,  wie  f&r  die  eines  Galen  oder  Philodem  oder  Epikur. 

Wir  sind  also  zu  dem  Scbluss  gdangt,  dass  ee  verscliie- 
dene  Papyrussorten  (oder  Rolleneorten)  zu  yerscbiedeoem 
Wertbe  gab,  und  femer,  dass  ein  Hauptmerkma]  der  Yer- 
schiedenheit  ibres  Wertbes  und  ibrer  6ûte  speciell  in  der 
Breite  der  einzelnen  Selis  bestand.  Der  nachfolgendeo  B^ 
tracbtung  liegt  es  ob,  zur  ErbSrtung  dièses  Satzes  Yon  der  Beschaffen- 
beit  und  der  Fabrikation  des  antiken  Papyrusbuebes,  insbesondere 
seiner  Sel  ides  genauer  Eenntnîss  zu  nehmen.  Wir  werden  in  der 
Tbat  finden,  dass  die  Alton  eine  Reibe  yerscbiedenwertbiger  Papynu- 
sorten  naeb  der  Selisbreite  unterscbieden ,  und  wir  werden  sodann 
ûach  diesem  wesentlicben  Wertbkennzeicben  die  vorbandenen  Papyrufi- 
roUenreste  zu  ordnen  baben.  Erst  so  gelangen  wir  zum  ansieichen- 
den  Yerst&ndniss  der  alten  Sticbometrie. 

Hier  sei  aber  abscbliessend  nocb  eine  ûbeitreibende  Bebauptung 
eingescbrânkt,  die  das  Urtbeil  irre  leiten  kônnte.    Es  ist  nicbt  wahr, 
dass,  wie  wir  kurzweg  sagten,  keiner  der  RoUenreste  Hereulaneum^s, 
ausser  den  poetiscben,  Yon  einem  Normalbucbe  mit  Hexameterzeile 
berstammt     Unter  den  bis  jetzt  facsimilirten  findet  sicb  in  der  That 
aucb  ein  wirklicbes  Normalbucb.     Dièses  wicbtige  Exemplar 
ist  Abscbrift*)  einer  Schrift  des  Pbilodemos  unsicberen  Titels,  welcher 
yon   dem   italieniscben  Editor  Scotti  so   erganzt  ist:    [n\€Qi    [t]^ 
(tci)[v]    (^)[««v    €V(noxov]fkéy[tiç]    âtay<»{/^ç    xavà]    Zl[^ùiva\\ 
sein  Facsimile  stebt  in  der  ersten  Neapler  Sanmilung  Bd.  VI.     Die 
Breite  seiner  Selides  betrâgt  0,1165  Meter  (einmal  aucb  0,114  im 
frg.  I),  ist  also  nocb  um  weniges  geringer  als  die  des  Papyrus  Ban- 
kesianus  zu  etwa  0,152  Meter;  auf  dieser  Blattbreite  aber  stebt  der 
Text  durcbweg  in  Hexameterzeilen  :   complet  erbaltene  ZeOen  sind 


*)  Vermuthungen,  wie  die  Comparetti'd,  relax,  sui  pap.  ercol.,  Roma  1880, 
S.  20,  es  sei  dies  ein  Autograph  Philodem's,  sind  obne  Hait  und  ignoriren 
Yor  allem  den  Weg  antiker  Edition  en. 


—  Belege  Air  Schreibung  der  Normalseile.  —  217 

.  B.  folgende:  Col.  I  y.  5  mit  31  Buchstaben,  Il  v.  14  mit  38,  y.  15 
ait  30,  V.  5  mit  34,  m  v.  16  mit  30,  y.  17  mit  36,  IV  y.  17  mit  33, 
'.  3  mit  30,  V  Y.  43  mit  31,  VH  y.  33  mit  38,  y.  18  mit  42  (leicht 
trg&nzt),  Y.  4  mit  34,  VIII  y.  3  mit  36  und  so  das  ganze  Blatt, 
X  Y  6  mit  35,  y.  7  mit  35,  y.  8  mit  36  und  so  das  ganze  Blatt, 
L  Y.  5  mit  35  u.  s.  f.,  XIII  y.  3  mit  36,  y.  5  mit  39.  Dabei  ent- 
(pricht  auch  die  Blatthôhe  und  die  Zeilenzahl  jedes  Blattes  dem 
Sankesianus  mit  seinen  Blâttem  zu  43  Zeilen^). 

So  auch  lasst  sich  Yermuthen,  dass  die  lateinischen  Rollen,  deren 
sich  etwa  24  in  Herculaneum  Yorgefunden  haben  und  die  zu  einem 
betrâclitlichen  Theil  prosaischen  Inhalts  waren,  gleichfalls  die  Yorzûge 
der  poetischen  Rolle  besassen.  Sie  sind  bis  auf  geringe  Bruchstiicke 
Leider  ganzlich  Yerloren,  doch  wird  Yon  ihnen  ausgesagt,  dass  sie 
dtiTchgangig  Yiel  dicker  als  die  griechischen  waren');  dies  setzt 
iber  bei  durchschnittlich  gleichem  Zeilengehalt  reicheres  Papier 
roraus;  ûberdies  werden  sie  z.  Th.  aïs  Luxusexemplare  geschildert 
in  grosser  tadelloser  Eapitalschrift,  Yon  einer  Schônheit,  die  allen 
griechischen  Exemplaren  fremd  ist,  und  mit  dickerem  Papier').  Die 
winzigen  facsimilirten  Bruchstûcke  lassen  auf  den  Inhalt  kaimi  einen 
Scbluss  zu*). 


^)  Uebrigens  ist  dièse  Rolle  zugleich  auch  dadurcb  merkwûrdig,  dass  sie 
aOeîn  unter  allen  Herculanensbchen  mit  Abbreriaturen  gescbrieben  ist;  auob 
dièse  EigeDthfimlicbkeit  trennt  sie  ron  allen  ûbrigen  principiell;  die  Bflcberei,  in 
der  das  Exemplar  gefertîgt  wnrde,  war  also  wohl  eine  andere  als  diejenigen,  ans 
denen  die  fibrigen  herrorgingen  :  sie  batte  einen  anderen  Schreiberusns,  so  wie 
lie  anderes  Papier  benutzte. 

')  Ciampitti,  Vol.  Herc  éd.  Neap.  IP  S.  VII:  rolnminosiores  quae  latinis 
eharaeteribns  seriptae  fuerunt,  womit  ygl.  Darj  in  d.  folg.  Note. 

^  Comparetti  a.  a.  0.  S.  23.  Ygl.  Dary,  Pbilos.  transaot.  1821  8.  204: 
11m  Roman  MSS. . . .  are  in  gênerai  composed  of  papyrus  of  mucb  thicker 
texture  tban  tbe  Greek  ones  and  the  Roman  characters  are  usuallj  larger  and 
the  roUs  mucb  more  Tolnminous. 

*)  VgL  Davj  a.  a.  0.  Tfl.  XVI  f.;  Wattenbacb  u.  Zangemeister,  Exempla 
eodd.  lat.  1.  maiusc  Tfl.  I — III.  Das  besonders  scbOne  Prosafragment  bei  Wat- 
tenbacb II'  scbeint  ein  Buchanfang,  an  den  Augustus  geriohtet  und  Ton  Land- 
'wirthsebaft  su  bandeln;  icb  lèse  mebr  oder  weniger  unsicber:  t.  1  nosH  (?), 
S  {lo)nffiu$  âges  tu  (?),  3  (pé)rfidam  Auguste,  4  au(t  q)ui  repetam,  et,  6  (tm)tffii 


218  —  Die  BneliMile.  — 

Aber  aucb  in  anderen  Beispielen  liegt  tins  die  antike  Nonnalzdle 
handschriftlich  noch  auf  das  OffeDkundigste  Tor. 

Zunâchst  darf  auf  Papyruareste  bîstorisclien  Inhaltes  ans  denu 
Fajûm  hingewiesen  werden,  die  von  Blasa  ^)  bekanni  gemacht  sind. 
Die  Sclirift  soll  in  das  2.  Jahrhundert  n.  Ghr.  gebôren.    Die  Blatter     ^ 
sind  nicht  gerollt,  sondern  buchartig  gefaltet.     Bergk')  bat  hier  mit 
Sicherbeit  Reste    des  Aristoteles    erkannt   nnd   erg&nzt   einige  de 
ûberall  lûckenhaften  Zeilen  nacb  scbol.  Aristoph.  Wolken  37  so: 

Xovç  riiv  avT^y  ^x^vraç  ittè^élitay  roiç  nço- 
Tiçoy  yavxçâçotç  xai  roitç  â^fiovç  àyri  rmv 
ravxQaçêiSy  inoitja'  nçoç^oçfvai  dé  wy 

Das  sind  36  und  35  und  34  Bucbstaben'). 

Wir  saben,    dass  nocb  Justinian   seine  Digesten    auf  150 
Hexameterzeilen   berechnete.     Ob  die  Digesten   aber  aucb  in  i 
Originaledition  wirklicb  nocb  die  nâmlicben  Zeilen  wie  die 
angefubrte  Bucbrolle    des   Pbilodemos    aufwiesen,   schien   uns 
"wûrdig.    Dûrften  die  Pommersfeldener  Papyrusfiragmente  fur  Zeugesa 
der  Originaledition   gelten,   so  wûrde  die  Frage   zu  vemeinen   sein  r 
denn  ihre  Zeilen  balten  nur  ca.  30  Bucbstaben  ^).    Der  Florentinus  ist 
keinesfalls  ein  direkter  Zeuge  fur  Justinian,  wie  seine  Corruptelen 
erweisen;  docb  nâbert  er  sicb  der  antiken  Gewobnbeit  schon  etwas 
mebr;   âbulicb  wie   in  jener  Pbilodemrolle  und  wie  im  Bankesianns 
hait  jede  Columne  bei  ihm  ca.  44 — 45  Verse;  den  Vers  aber  bildeo 
fast  durchweg  ûber  30  Elemente,  bis  37  aufsteigend,  im  Durchschnitt 
doch  aber  nur  32,2  oder  aber  30,9').     Genau  in  Hexametem  sind 


membrum  eorum,  6  {ept)tomarum  (?)  qui  ter,  7  sictit,  8  a(g)ro  9ata  «i  arvOf 
9  {col)amu{8)  und  arv(à),  10  ne8{cio),  11  (cru)cior  m(ag)iê,  12  ostend(am). 

1)  Hermès  XV  S.  373  ff. 

^  Bergk,  Rhein.  Mus.  XXXVI  S.  91  f.,  gebîlligt  Yon  Blass  Hermès  XVI 42. 

')  Hiernach  sind  s&mmtliche  anderen  Zeilen  aussuftlllen,  was  Bergk  S.  107 
nicht  genOgend  beachtet. 

^)  Ygl.  den  Abdnick  mit  Erg&nsungen  bei  Mommsen  Ed.  I  Additam.  D^^ 
fi-g.  1  T.  22  bat  30  Bucbst.,  v.  17  bat  27,  fr.  P  t.  28  bat  30,  fr.  2»  t.  27  b»* 
29,  fr.  3  T.  10  bat  32,  fr.  3^  t.  3  bat  30  u.  s.  f. 

^)  Berecbnet  nacb  der  Pbotograpbie  bei  Wattenb.-Zangem.  Tfl.  89  ;  in  ^^ 
ToUen  ZeUen  bat  bier  Col.  I  1352,   Col.  II  1298  BucbsUben:   die  Zeilen  à^r 


—  Belege  flir  Schreibnng  der  Normalzeile.  —  219. 

Dnn  aber  durchweg  geschrieben  die  Neapolitaner  Digestenfragmente^). 

Es  sind  8  Seiten  zu  je  32  Zeîlen;  die  Zeilengrosse  ist  bewunderns- 

wûrdig  ebenmâssig:   man  nehme  die  ersten  der  ersten  Columne  mit 

S7,  36,  35,  33,  37,  34,  34  u.  s.  f.  ElementeB,  die  ersten  der  zweiten 

Columne  mit  34,  34,  35,  36  u.  s.  f.  imd  vergleiche  dazu  z.  B.  Col.  m 

▼.  10  mit  34,  Col.  IV  v.  10  mit  36,  Col.  V  v.  10  mit  33,  Col.  VI  v.  10 

xnit  33,  Col.  VII  v.  20  mit  33,  Col.  Vm  v.  10  mit  34;  dièse  Zahlen 

er^eben  einen  Durchschnitt  von  34,18  Elementen  fur  die  Zeile.     Es 

ergiebt  sich,  dass  dies  nur  in  dùrftigen  Resten  erhaJtene  Exemplar 

der   Digesten  die  Stichometrie  Justinian^s   wirklich  zur  Darstellung 

^r&chte,  dass  es  der  Originalausgabe  genau  entsprach,  an  der  die- 

selbe  vorgenommen  worden  war. 

Derartige  Beispiele  aus  alten  Codices  mochten  nicht  viel  weitere 
ftufznweisen  sein;  der  Veronensis  des  Sulpicius  Seyerus  kommt  dem 
ïlorentinus  der  Digesten  gleich*).  Es  wurden  sonst  entweder  ganz 
8chmale  Columnen  beliebt')  oder  die  der  Herculanensischen  Rollen*) 
oder  aber  die  grosse  Blattbreite  veranlasste  eine  solche  Zeilenlânge, 
^e  sie  Galen  in  seinem  Hippokrates  vorfand*). 

Endlich  muss  in  diesem  Zusammenhang  aber  auch  auf  eine 
^eilentheilung  hingewiesen  werden,  die  an  jene  kolometrischen 
Schreibungen  der  Rbetorik  erinnert,  ûber  die  uns  Hieronymus  und 
^^stor  Zeugniss  gaben;  ich  meine  den  merkwûrdigen  Cicerocodex 
^ajrisinus  Lat.  6332  des  Cato  de  senectute  und  der  Tusculanen  aus 
dem  9.  Jahrhundert,  aus  welchem  folgende  Proben  vorliegen  •)  : 

l«txteren  sind  nicht  so  roll,  weil  der  Blattrand  rechts  dr&ngte.  Aucb  nach 
Mommsen  praef.  S.  XXXI  hat  der  Vers  darchachnittlicb  32  Ëlemente,  zwiscben 
27  «nd  38. 

^)  Ygl.  den.  bes.  Abdnick  bei  Mommsen  I  Additam.  S.  3  ff. 
*)  Vgl.  Wattenbach-Zangem.  Tfl.  32:    die   ersten   10  Verse  scbwanken 
f^iseben  28  and  35  Bachst.  und  haben  31,5  im  Durchschnitt. 

*)  Daf&r  sind  ftlteste  Beispiele  Paris.  Lat.  5730  des  Livius,  die  lat.  Bibel 
"**  cod.  Vercellensis  und  Fuldensis. 

*)  Vgl.  den  Vindobonensis  des  Livius  mit  25 — 28  Buchst. 
')  Dahin  gehôrt  der  Gaius  zu  Verona  mit  41 — 43  Buchst.,  die  Turiner 
^^^^ae  rescriptae  des  Cod.  Theodosianus  und  Cod.  Parisin.  Lat.  9643  desselben, 
^*'ks  mit  ca.  42  Buchst.,  des  Breyiarium  Alarici  im  Monacensis;  dem  kommt 
soeh  die  Tabnla  Paschalis  mit  38—42  Buchst.  (Wattenb.-Zangem.  Tfl.  23). 
*)  Ich  folge  hier  den  ron  Graux  S.  126  f.  mitgetheilten  Proben. 


220  —  ^^  Bnehseile.  — 

f*  77  V.,  1.  Columne: 

INCIPIT  LIBER  CATONIS  •  DESENECTUTE- 
0  tite  siquidte  (13) 

adiauero  curamye  leuasso  quae  (26) 
nuncte  coquit  etuersat  inpectorefixa . 
L  icet  emmmihi  uersibus  eisdem  affieuite  attdce  (41) 
quibus  affatur  flamininum  ille  uîr .  haud  (34) 
xnagnacumre  sedplenus  fidei .  quanquam  (32) 
certoscio  nonutflamininum  soUicitari  te  (37) 
tite  .  sic  noctesque  diesque  * 
N  ouienimmoderationemanimitui  etaeqaita  (37) 

tem  .  teque  cognomen  nonsolum  (ab)  Athenis  de  (33—35) 
portasse  .  sed  humanitatem  etprudentiam  (34) 
intellego  * 
E  ttamente  suspicor  eisdemrebus  quibus  me  (36) 
ipsum  interdum  grayius  commoveri* 
f»  2,  r.,  2.  Columne  (Tuscul.  I  5)  : 

E  rgoethi  quibus  evenit  jamutmorerentur  et  hi  (39) 

quibus  euentununest  miseri  *  ? 
M  ihi  ita  yidetur- 
N  emoergo  nonmiser* 
P  rorsus  nemo  • 

E  tquidem  sitibi  constare  uis  omnes  quicumque  (39) 
natisunt  eruntue  .  non  solum  miseri  sedetiam  (37) 
semper  miseri 
N  am  si  solos  eos  diceres  miseros  quibus  morien  (38) 
dumesset  neminem  tuquidem  eorumquiuiue  (35) 
rentexciperes  .  moriendumest  enim  onmibus  .  (36) 
essettamen  miserie  finis  inmorte  * 
Nur  die  Yollstandigen  Perioden  bilden  bier  also  Abs&tze  fur  sicli; 
innerbalb  jedes  Absatzes  aber  wird  nicht  nach  Sinn-,  sondem  nftch 
Raumzeilen  gescbrieben  ;  daher  steht  ofters  Wortbrecbung  am  Zeilen- 
ende.    Dièse  Baumzeile  aber  ist  die  Normaizeile  des  Alterthums,  '^^^ 
32  bis  41  Buchstaben^).    Dass  dièse  Zeilen  niebt  erst  Tom  Schreibtf 


^)  Kur  die  Einleitangszeile  des  Cato  ittt  ohne  eraichtlichen  Ghnmd  eoopîrt 
zn  13  +  26  Buchsuben. 


—  Sehreibang  in  Nornudzeilen,  Inscliriften.  —  221 

«  Parisinus  bergestellt  sind,  wird  durcb  den  Gudianus  der  Tus- 
lanen  sicber  gestellt,  ungefâhr  gleichen  Altéra,  in  welchem  sic  genau 
ederkehren  ^).  Sie  beruhen  auf  Tradition  und  weisen  uns  an  den 
tàken  Usus  selbst  aie  IJrheber. 

Wollen  wir  absehen  von  Schriftmonumenten  litterariscben 
udtes,  80  ist  die  Nomudzeile  auf  den  Papyri  noch  sebr 
ufig  anzutreffen;  dafûr  wird  der  Schiuss  des  folgenden  Eapitels 
ilreiche  Beispiele  bringen.  Aber  nicht  nur  dièse  Papyri  zeigen 
uns:  ein  weiterer  Zeuge  sind  die  Steine.  Die  Inschriften 
«aischer  Fassung  stehen  nicht  selten  in  Zeilen,  die  dem  Hexa- 
ter  genau  gleich  sind.  Das  wird  man  im  Zusammenhang  dieser 
ixachtung  wohl  nicht  fur  zufallig  zu  halten  brauchen;  die  Norm 
1  Schriftwesens,  die  zunâchst  fiir  die  Buchform  fixirt  war,  kann 
h.  weiter  auf  das  Inschriftenwesen  eingewirkt  haben.  Die  Addenda 
;  zweiten  Bandes  der  inscriptiones  graecae  zufallig  durchsehend 
irte  ich  zunâchst  die  Nummern  2416  b,  2465  b,  2477,  2927;  ich 
^  denselben  Band  von  vorne  durch  und  fand  auf  den  ersten  vier- 
udert  Seiten  funfundzwanzig  derartige  Inschriften,  darunter  sehr 
ifangreiche  zu  20,  37,  40,  54,  ja  zu  95  und  104  Normalzeilen,  die 
h  stets  treu  bleiben^);  die  umfangreichste  aber  hait  acht  Tafeln, 
ren  jede  36  bis  40  solcher  Verse  trâgt*). 


^)  Vgl.  Hahn  im  Cicero  éd.  Orelli  IV  ûber  die  rersicali  im  Gadianus: 
me  exstant  in  prima  codicis  pagina;  in  proximis  paginis  librarius  ubi  novus 
'mis  in  cod.  archetypo  erat,  maius  intervallum  in  medus  lineis  reUquit  navi- 
e  versus  initium  littera  maiore  distinxit . . .  Postea  autem  hœc  quoque  inter- 
lia  omisit  et  versiculos  nulla  re  niai  liiteris  maiarièus  distinxit.  Plane  iidem 
\t  atque  ii  quos  habet  codex  Regius  (=  Paris.  Lat.  6332). 

>)  N.  2416;  2060;  2270;  2271;  2058;  2525  b;  dazu  kommen  ferner 
93;  1799;  1840;  1847;  1958;  1967;  2052;  2061;  2087;  2118;  2214;  2285b; 
95;  2306;  2339;  2355;  2357;  2383.  Ausserdem  stehen  sehr  nahe  N.  1800; 
11;  1845;  2023. 

')  N.  2448,  haltend  34 — 40  Buchstaben  p.  Z.  —  Von  sonstigen  Inschriften  sei 
s.  an  das  Monameninm  ancyranum  erinnert,  dessen  griechische  Fassang 
nao  in  Hexametem  (und  zwar  422)  geschrieben  ist;  ûbrigens  habe  ich  mir, 
r  obenhin  bl&ttemd,  aufnotirt  C.  J.  Att.  III  1  N.  77.  129  (halb).  541.  1104, 1. 
08.  C.  J.  L.  VI  1  (urbis  Romae)  130.  154.  214.  266.  323  (halb).  511.  537. 
43.  1444.  1449.  1490.  1492.  1497.  1523.  1549.  1687.  1696.  1736.  1749. 
59.  C.J.L.  n  (Hispaniae)  1180.  2098.  1532.  2129.  2344. 


222  —  Die  Buehseile.  — 

Sehen  wir  nun  zuy  inwieweit  sich  die  Yon  uns  gewonneiie  Unter- 
scheidung  von  besseren  Bûchem  mit  Normalzeile  und  von  schlech- 
teren  und  kurzzeiligeren  Abschriftèn   durch  die  Kenntnisse,  die  wir 
Yon  der  Papyrusrolle  besitzen,  bestatigen  l&sst.     Es  fragt  sich,  ob 
die  xaXaç  sxovxa  àytlyQa(pa,  auf  welche   sich  schon  ein  in  den 
Herculanensischen   Rollen   erbaltener  Autor   fur   eine    schwankeni^e 
Lesart  beruft,  neben  der  sorgsameren  Schnft  nicht  zugleich  und  yoi 
allem  auch  durch  eine  bessere  Ausstattung  gekennzeichnet  waren^^- 


^)  Pap.  1012  fir.  10,  12  und  fir.  15  Uagt  flber  die  schlechten  Schretk»«r 
und  ihre  ànatâivcia,  wodorch  îaçÇç  su  rçotf^^ç  Terlesen  aei  a.  b.  ù    Ein  âht^<t 
sei  ixTtTçfoyfiéyoy,    Ueber  den  Epikureatc  17  nayioç  rov  àXyovmç  wsê^aiçèM^éÇ 
(Diog.  L.  X  118)  wird  g^sagt:   10  /néy  yàç  ^nayroç"  âUlMêioê  xarà  ta  it^'wi' 
yçatpa,  nqoçnd'ifAévov  too  ^nayioç**  iv  nciv ,   iy  di  XHfiy  ^9  nQoçn&ifâé»^0>v, 
Karà  nâyja  âè  xaliàç  Ijfoyra  àyriyça^a   yéyQixTnat'   ^9  lah  àXywyw^ç 
l^aiçta^^f   oh  ^vm^aiçea^ç'^ ,     Verfasser  dieser  Schrift  erweist  sich  Hbri^eni 
als  Aequale  des  Ëpikureera  Zenon  (fr.  17):  YgL  hierftber  Gomperts,  Z.  £  58lr. 
Gymn.  1866,  S.  692. 


FÛNFTES  KAPITEL. 

Die  Bnchseite. 


Die  Papyrusstaude,  zu  den  Halbgrasem  oder  Ojperaceen  gehôrig 
nd  wohl  die  schônste  Vertretung  dieser  Gattung  (Cyperus  Papyrus  Z/.), 
md  nach  der  Unterscheîdung  Parlatore^s  heute  in  zwei  Species  an- 
jetroffen*).  Die  eine  derselben  stammt  ans  Syrien,  wo  sie  schon  im 
Uterthum  wuchs,  und  wurde  gegen  das  zehnte  Jahrhnndert  von  den 
^bem  nach  Sicilien  importirt;  um  die  Mitte  dièses  Jahrhiinderts 
'*  Ibn-Haukal  der  erste,  der  Papyrus  auf  Sicilien  erwâhnt.  Dem 
^^uienreisenden  begegnet  auch  heute  noch  bei  Syracus  in  einem 
^t:«narm  des  Anapus  ûppig  und  dicht,  ein  Wald  auf  dem  "Wasser, 
'^  Schilfgewâchs,  doch  auch  sonst  im  sûdlichen  imd  ostlichen 
'^^Xien.  Die  Alten  kennen  keinen  sicilischen  Papyrus.  Yon  diesem 
^^ru8  Syriacus,  wie  ihn  Parlatore  benennt,  unterscheidet  sich  durch 
^«  Hôhe  u.  a.  Merkmale  derjenige,  den  man  in  Nubien  und  Abys- 
^^n  angetrofifen  hat.    Dieser  gilt  als  der  echte  Nachkomme  jenes 


1)  Vgl.  Parlatore,  Mém.  de  l'acad.  des  sciences  XII  (Paris  1854)  S.  469  ff.; 
^xi,  Calturpflanzen  S.  265.  Von  Qardthausen,  Pal&ogr.  S.  30,  wird  die 
^•^rscheidong  Parlatore's  ohne  hinreichende  Argumente  in  Zweifel  gezogen, 
^  mir  Herr  Prof.  Wiegand  gûtigst  nachweist;  Bôckeler  in  Linnaea  1869/70 
303  ignorirt  sie  ohne  GrQnde  zu  geben;  Steudel  war  im  Jahre  1855  die 
^^^«ndlung  Ton  Parlatore  ohne  Zweifel  noch  nicht  bekannt.  Jedenfalls  ist 
^^  bemerkenswerth ,  dass  seine  Ansicht  ron  den  Botanikem  nicht  allgemein 
S'^Dommen  ist  und  dass  die  Unterschiede  beider  Arten  in  der  That  keine 
^oblichen  sind.  Rosenthal,  Synopsis  plantamm  diaphoricarum  (1862)  S.  77 
^^rscheidet  Cyperus  papyrus  L.  (Sicilien,  Aegypten)  und  Cyperus  Siculus 
***brien,  Sicilien). 


224  —  ^'®  Baehseite.  — 

alten  âgjptischen,  der  einst  im  Gebiet  des  Delta  wuchs  und 
fand  und  ab  der  Trâger  der  classischen  Litteratur  liier  in  £ 
kommt.  Bemerkenswerther  Weise  ist  er  gegenwSrtig  aus  dem 
Aegypten  yoUstândig  yerschwunden  iind  in  den  oberen  Nillauf  : 
gedrângt.  Es  ist  demgemâss  yermuthet  worden,  dass  der  ] 
im  Delta  garnicht  ursprunglich  heimisch  war,  sondem  y( 
Aegyptem  erst  zu  Culturzwecken  aus  Nubien  importirt  wurd< 
dann  mit  dem  Aufhôren  der  Cultur  daselbst  wieder  yersc 
Wenn  schon  dieser  Import  in  altersgraue  Zeit  fallen  muss,  so 
solche  Annahme  doch  nicht  unglaubhaft'). 

In  den  Zeiten  des  classischen  Alterthums  war  der  uni 
£ast  der  einzige  Ort,  an  dem  man  Papyrus  kannte.  Als  einc 
thûmlicbkeit  Aegyptens  wird  er  deshalb  yon  dem  Géographes 
S.  799  f.  sowie  yom  Herodot  II  92,  96  besprochen.  Neben 
Autoren  reden  ûber  den  agyptischen  Papyrus  besonders  eii 
Theophrast  Hist.  plant  lY  8,  3  und  Plinius  Hist.  nat  Xn 
Plinius  fugt  excursiy  zu  den  naturbeschreibenden  Bemerkunge 
phrast^s  noch  einen  hochwichtigen  Bericht  hinzu  ûber  die  Fab 
der  aus  diesem  Papyrus  gewonnenen  Charta.  Es  kann  keinem 
unterliegen,  dass  dieser  Fabrikationsbericht  wenigstens  indir 
alexandrinischen  Papierfabriken  selbst  entnommen  ist;  bel  t 
Autor  Plinius  ihn  fand,  steht  dahin*).  Spater  widmet  noch  G 
in  seinen  Yariae  ep.  35  der  Charta  eine  eingehende  und  li 
Beschreibung,  doch  ohne  auf  die  Fabrikation  selbst  sich  einz 
Theophrast  berichtet:  „Der  Papyrus  wâchst  im  Nil,  bei  n 
tiefem  "Wasser,  von  0,92  Meter  Tiefe  oder  etwas  weniger  i 
n^X^aiv,  èviaxov  âè  xal  iv  iXditovi).  Seine  Wurzel  hat  di 
der  Handwurzel  {xaqnoç  X^^^ôç)  eines  starken  Mannes,  d: 
seiner  "Wurzel  erreicht  4,62  Meter  oder  mehr  {vt^q  âéxa  j 
die  Wurzel  steht  dabei  aus  dem  Erdreich  heraus  imd  lâsst  za 
dûnne  Wurzelfasem  in  den  Schlamm  auslaufen  ;  nach  oben  al 
sendet  sie  Schâfte,  die  nànvQOt  heissen,  dreieckig  sind,  1,8 


^)  Bruce  und  Figari  bei  Parlatore  a.  a.  0.  S.  486. 

')  Vgl.  die  Anwendung  von  Membrane  in  âltester  Zeit,  oben  S 

^)  Ob  in  der  Schrifl  Apion'a  ûber  Aegypten  in  5  Bûchem? 


—  Die  Papyrusstattde.  —  225 

gross  werden  (vstganijx^^Ç)  ^^^  keine  Frucht  tragen,  sondem  einen 
schwachen  haarartigen  Buschel  (xôfjbtj;  xaif^fl  sagt  Strabo;  „wie  ein 
Thyrsus**  fiigt  Plinius  hinzu),  welcher  werthlos  ist.  Die  "Wurzeln 
werden  wie  Holz  zum  Heizen  und  zur  Anfertigung  von  Gerâthen 
yerwendet;  denn  aie  geben  vieles  und  schônes  Holz.  Der  Papyrus 
selbst  ist  zu  sebr  vielen  Dingen  nûtze:  man  macht  Bote  {nijo%a) 
au8  ihm  (d.  h.,  nach  Herodot,  genauer,  nur  ilire  Fugen;  daher  Lucan 
rV  136  conseritur),  und  aus  der  ^ifiXoç  desselben  Segel  (vgl.  Herodot), 
Matten  (Matratzen)  und  eine  Art  Kleider,  Decken,  Taue  und  âhn- 
liches  mehr.  Fur  das  Ausland  (%oXç  l^co)  aber  sind  am  be- 
merkenswerthesten  die  §k§Xia,  Die  meisten  Dienste  aber 
leistet  er  als  Nahrungsmittel.  Aile  Eingeborenen  kauen  den  Papyrus 
80  roh  als  gekocht  als  gebraten,  saugen  den  Saft  aus  und  spucken 
dus  Ausgekaute  wieder  von  sich*)^.  Theopbrast  merkt  endlich  noch 
ao,  dass  auch  in  Syrien  Papyrus  wachse  beim  See  Genesareth,  tuqÏ 
%^  iSfàVflP  iv  ^  xai  0  xdXagAOç  6  svœdijç]  aus  diesem  liess  Anti- 
gonus  seine  Schiffsseile  fertigen. 

Die  Wurzel  {^iJ^a)  ist  also  der  holzartige  unverzweigte  Hauptbe- 
standtheil  des  Schilfgewâcbses;  derselbe  hat  eine  bedeutende  Lange; 
speciell  aber  heissen  TiccnvQOi  nur  die  sich  von  ihr  abzweigenden 
weicheren  Schafte  von  sehr  viel  geringerer  Lange'),  die  allein  fur 
das  Buch  dienen.  Das  Mark  dieser  TiânvQOi  endlich  heisst  filfii^fç 
(Plinius  ûbersetzt  Uber). 

Strabo  lehrt  in  Bezug  auf  die  Oertlichkeit  genauer,  dass  nur  in 
den  unteren   Theilen   des  Delta  der  Papyrus   zahlreich  wachse;   er 


^)  Hier  scheint  beim  Theophrast  ausgefaUen,  was  bei  Plinius  binsugefflgt 
wird  (nuUo)  tuu  eius  alio  quwn  fions  ad  deos  coronandos.  Zahlreiche  Beispiele 
fur  die  Art,  wie  der  Text  des  Aristoteles  (und  Theophrast)  aus  Plinius  su 
eorrigiren  ist,  fiodet  man  De  Halieuticis  cap.  IX. 

')  Hierdurch^  kann  sich  fur  den  ron  mir  Elpides  S.  55  Note  154  be- 
sproehenen  Theokritvers  Idyll.  XXI  13  tfo^fioç  ^^a^vç  êtf^ara  nvcot  die  Emen- 
dation  empfehlen:  (poçfÀOÇ  fiçaj^vç  ii/na  nânvQOê,  Die  Fischer  haben  ihr 
Nahrungsmittel  bei  sich  liegen;  die  Scène  wûrde  dann  eben  in  Aegypten  su 
denken  sein. 

*)  F&lschlich    referirt  man  also,    der  Papyrus    erreiche  eine  Hôhe  Ton 

14  Fuss  (4,36  Meter):   Blûmner,  Technologie  u.  Terminologie  der  Gewerbe  u. 

KOnste  I  8.  309. 

BIrt,  BoehwMen.  15 


226  —  ^®  Bnehimte.  — 

Bpricht  ausserdem  yon  einem  àftut^y  desselben;  damit  ist  aosge- 
sprochen,  was  selbstverst&ndlich  war,  dass  er  nicht  blos  wild  wueb, 
sondem  mit  Sorg&lt  cultivirt  wurde.  Entweder  das  Flussgebiet  irur 
im  Besîtz  yon  Fôyaten,  oder  der  Staat  yerpachtete  dassdbe.  Mu 
wird  nicht  yerfehlt  haben  in  Schonimgen  grossen  Stîles  das  nitSs^ 
liche  Wachsihum  der  Pflanze  yor  Beeintr&chtigang  zu  bewahren  and 
nach  Môglicbkeit  zu  steigem;  man  wird  das  Schneiden  desselben 
regulirt  und  sicb  immer  hinreichenden  jiingen  Nachwuckses  vx- 
sichert  haben.  Gleichwohl  konnten  tmgûnstige  Zeitl&ufte  auch  enunil 
dauernden  Misswachs  bringen,  wie  wir  dies  f&r  die  Zeit  des  Hber 
erfahren  (Plin.  XIII  89),  wo  ein  derartiger  Mangel  (jnopid)  an  Papier 
eintrat,  dass  eine  Senatskonunission  die  Yertheilung  des  wenigen  tor- 
handenen  regulirte  {ut  e  senatu  darentur  arhitri  dispenêandae),  das 
also  yielieicht  yon  ihr  aufgekaufb  wurde;  sonst  wfire  aller  Yerkehr 
in  Yerwirrung  gerathen  {aU<is  in  tumuUu  vita  ercU). 

Es  waren,  nach  Theophrast,  eine  Reihe  yon  GregenstSnden,  die 
der  Grieche  und  die  weiterhin  dann  auch  der  Rômer  dieser  Pflanxe 
des  Delta's  yerdankte.     Zu  jenen  EUeidem  und  Matratzen  liesse  sich 
etwa  noch  hinzufûgen,  dass  man  auch  Kâstchen  aus  Papyrus  flocht^, 
dass  Papyrus  auch  in  griechischen  Eûchenrecepten  als  Ingredieni 
erscheint^,  sowie  in  Medicamenten  *),  dass  seine  Fasem  als  Lampen- 
docht  dienten^)  u.  a.  m.,   yor  allem  aber  jene  Papyrusschuhe  der 
âgyptischen  Priester'),  die  noch  Aristides  kennt*).     Wenn  uns  bei 
der  Hochzeit  der  Philologie  mit  dem  Mercur  Martianus  CapeUa  (Il  115) 
den  Anzug  der  sonderbaren  Braut  mittheilt,   so   erscheint   hier  die 
Chaussure  der  calcei  ex  papyro  textili  gewiss  nicht  ohne  Nebensinn: 
die  Personification  der  Litteratur  hat  in  das  Buchmaterial  ihren  Fitss 
gekleidet. 

Auch  „die  Bûcher^  lieferte  dies  Schil%ewâchs.    Theophrast  hit^ 
dièse  fur  den  Griechen  gewiss  schon  damais  bedeutsamste  Thatsachs 


^)  Hesych  und  Suid.  s.  t.  d'ifitiç. 

*)  Schol.  Aristoph.  Ritter  954. 

>)  Dioscorid.  I  116. 

«)  Anth.  lat.  Kies.  94  f.;  Paulinus  ex  Natal.  III  Felicis. 

^)  vnoâtjfiaTa  fivfiXtua  Herod.  II  37. 

^)  liQ.  kôy,  I  S.  287;  ygl.  fivfihvonidikoç  bei  Ëaatath.  8.  1913,  44. 


—  Die  Papyrasstaude.  —  227 

nicht  ubergangen.  Sîe  entbehrt  in  utiserer  Gegenwart  nicht  yoU- 
kommen  der  Analogien.  Von  den  Grasfelderh  bei  Saida  ik  Noï'd- 
AMka,  aus  deren  Ertrag  u.  a.  Papier  bereitet  wird,  haben  ja  ydr 
kurzem  die  Zeitimgen  geredet.  Und  ein  âhnliclies  Schilfgras  sôU  iiti 
Gapland  zu  gleichem  Zweck  benutzt  werden^). 

Plinius  nun,  ûber  die  Pfianzen  handelnd,  wiederholt  betreffs  des 
papffrum  die  Theophrastische  Darstellung  genau  ').  Betreffs  der  syri- 
Mhen  Papytusseilé  giebt  er  nur  noch  die  Begrûndung  nondum  spàtib 
catmnunicato,  Uebrigéns  aber  fiigt  er  an,  seit  einiger  Zeit  wissë 
man,  dass  aùch  im  Euphrat  bei  Babylon  das  papyrum  gedeihe.  Der 
kurze  Hinweis  auf  die  fitfiiSa  beim  Theophràst  eDdlich  aber  giebt 
ihm  zu  den  technisôhen  Auseinaildérsetzungen  ûber  das  Buch- 
papier  Gelegenbeit,  die  uns  nunmehr  eingehend  beschaftigen  rnûsseu. 

Seit  Guilahdini  dièse  Pliniuskapitel  commentirte,  sind  éië  sehr 
oft  der  Gegenstand  gelehrter  Erorterung  geworden.  Die  hâufigè 
Betraktation  beweîsst  fur  die  Wichtigkeit  des  Gegenstandés  und  wird 
rechtfertigen,  dass  auch  wir  'hier  voti  neuem  eine  genaue  Interpréta- 
tion untemehmen.  Ich  yérweise  hierbei  YOrzûglich  auf  deh  létzteii 
dérartigcn  Yersuch  7on  Bliiihner'),  welcher  die  Fragen  mit  Umsiclit 
und  jedenfalls  im  Negativen  fÔrdemd  bebandelt  bat.  Die  gewaltsaihé 
Kûrze  des  Plinius,  die  sich  ^leichwohl  mit  geschraubtem  Ausdruck 
yerbindet,  und 'die  offenbare  Unordnung,  mit  der  er  seine  Notizeh 
ôfters  gruppirt,  ist  nicht  allein  die  Ursache  der  sich  hier  darbietendeh 
Schwierîgkeiten.  Auch  die  Ueberlieferung  iôt  ohne  Frage  mehrfach 
entetellt.  Der  Plinianische  Bericht  ist  in  dem  Grade  detaillirt,  dass 
er  nur  ybn  einem  Bestunterriûhteten,  nur  yon  einem  Sachkenner 
lierstainmen  kann.  Es  ist  dàrum  nbthwendig,  die  Fâlle,  wo  wir 
8achlich  Unmogliches  lesen,  aus  solcher  Entsteliung  zu  erklaren. 
Bntweder   kann    alsdann    angenommeh   werden,    dàss   Plinius   eine 


^)  Bosenthal  a.  a.  0.  stellt  neben  den  Cjperas  Papyrus  L.  aach  Ojperas 
textiUs,  stechendes  Cjpergras,  und  bemerkt:  die  Stengel  dienen  am  Gap  sti 
Flecbtwerk  und  zur  Anfertigung  Ton  Papier. 

^  Auffallend  ist  die  Wiedergabe  der  xô/Utj  oder  /a^n;  durch  thyrgi  modo 

eacumen;  bezeichnet  werden  soU  der  „Bû8cheI^   am  Schaftende;  moss  Plinius 

^icht  geschrieben  haben:  thyrsi  modo  corum{bi)on  includéns'i 

')  Blûmner  a.  a.  0. 

1R» 


228  —  ^^®  Buolueite.  — 

griechische  Yorlage  falsch  verstand,    oder  auch  dass  seine  eigenen 
Handschriften  verderbt  sind. 

Ich  stelle  eine  kritische  Besprechung  des  FabrikatioDsberichtes 
Yoran,  um  danach  den  Text  selbst  Yorzulegen  und  alsdann  das 
unserem  Zweck  Dienende  herauszubeben. 

Papyrus  heisst  nur  der  Rohstoff  der  Pflanze,  nie  aber  das  aos 
ihm  bereitete  Scbreibmaterial,  die  Charta.  Dièse  Charta  wvirde 
durch  umstandliche  Operationen  bergestellt.  Es  beschâftigten  sich 
damit  Fabriken,  con/ecturae  zu  Alexandria,  Sais  iind  an  anderen 
Orten  des  Nillandes;  zu  Plinius'  Zeit  bestand  eine  einzige  Fabrik 
auch  in  Rom;  in  spâteren  Zeiten  fabricirte  Rom  dagegen  ganiicht, 
wâbrend  Aegypten  alleiniger  Fabrikationsort  heisst^).  Wenn  beim 
Ulpian  papyrum  ad  chartas  parcUum  und  chartae  nondum  perfedae 
als  Gegenstand  eines  Légats  erscheinen  (Dig.  32,  1,  52  §  6),  so  wiid 
hier  gewiss  speciell  an  âgyptische  Fabrikbesitzer  gedacht. 

Was  aber  bergestellt  werden  soll,  ist  erst  in  letzter  Linie  die 
Papyrusrolle  ;  es  handelt  sich  hier  vielmehr  um  das  Einzelblatt, 
die  pagina.  Nur  auf  sie  geht  zunâchst  der  Fabrikationsbericht;  nur 
sie  war  es,  die  Eunst  erforderte.  Die  Rolle  war  hemach  aus  yielen 
paginae  leicht  genug  bergestellt. 

Die  Bereitung  des  Blattes  nennt  Plinius  texere  (Z.  17);  dasseibe 
Verbum  wendet  er  auch  an  auf  die  Bereitung  von  Segeln,  Kleidem 
und  Matten,  ja  von  navigia  aus  Papyrus,  wâbrend  seine  Vorlage 
Theophrast  hier  ohne  Tropus  redet.  Dass  dies  nur  ein  Tropus  ist, 
wird  sich  weiterhin  zeigen;  doch  war  er  ein  verbreiteter,  vgl.  Lucan 
III  222  u.  A.^).  Eben  daher  heisst  auch  das  fertige  Blatt  beim 
Plinius  plagulu  (Z.  22),  das  ist  ^das  Netzchen*  (dtxtvov)j  das  neti- 
artig  gewebte  Zeug. 

Es  ist  nothwendig,  dass  die  Termini  plagula  und  pagina  vod 


^)  Vgl.  Anon.  de  toto  mundo  (Biese,  Geogr.  lat.  minores  S.  113): 
charta  . .  .  ntisquam  nm  in  Alexandria  et  eius  regione  fit.  Die  horrea  char- 
taria  zu  Rom  in  der  vierten  Région  (Preller,  Regionen  d.  St.  Rom  S.  7  u.  102) 
waren  Lagerr&ume  fertiger  Charta. 

^  S.  filQmner  S.  309  Anm.  Aehnlich  braucht  schon  Polybios  das  Bil<i 
III  32,2:  ^ifiXoi'  xa&anéQayéi  xarù  /lUtov  i^vtfac/néym,  doch  yielmehr  io  Besag 
auf  den  Inhalt  der  Bûcher. 


—  Bereitang  des  Bucliblattes  nach  Plinius;  êcMdcte,  —  229 

Hause  aus  dieselbe  Sache  anzeîgten;  letzterer  steht  Z.  34.  Beîde 
meinen  die  Seîte  des  Bûches,  (SêJiiç.  Beîde  an  und  fur  sich 
gleich  passend,  sind  sie  offenbar  von  entgegengesetzten  Gesîchts- 
pnnkten  aus  gewâhlt  worden.  Die  Seite  ist  pagina,  „die  befestigte^ 
a  pangendo  in  ihrem  Yerhâltniss  zum  Gesammtbuch  und  als  Theil 
desselben;  die  nâmliche  heisst  plagula,  „das  Netz*'  selbstândîg  fur 
sich  genommen  und  im  Yerhâltniss  nur  zu  ihren  eigenen  Bestand- 
theilen.  Daher  erklârt  sich,  dass  wir  dem  ersteren  Namen  uberall, 
vo  Tom  Lesebuch  die  Rede  ist,  dem  letzteren  nur  im  Fabrikations- 
bericht  begegnen;  und  femer,  dass  die  pagina  ihre  nothwendig  erste 
Bedeutung  als  ^Blatt*'  allmâhlich  verlieren  und  die  abstraktere  der 
Schriftcolumne  annehmen  konnte  (ygl.  unten). 

Das  Material  war  das  Mark^)  des  Papyrus:  viscera  nivea  viren* 
tkan  herbarum  nach  Cassiodor;  denn,  nach  demselben,  more  pond 
robur  in  cortice  est,  molUties  in  medullis;  es  ist  ein  bibula  tenerititdine 
êpongeum  Ugnum. 

Das  Mark  wurde  zu  Schichten  oder  Streifen  auseinander  ge- 
schnitten.  Dièse  Streifen  des  Marks  sind  es,  die  Plinius  sckidae  nennt 
(Z.  18,  34)*)   „die  Theilchen",  von  (txtCBiv.     Dafur  setzt  er  einmal 


')  F&Uchlich  sprach  man  frfiher  yod  Bast  oder  ron  Pflanzenfasem;   da- 
gegen  Tgl.  Wattenbach  S.  67. 

^  Nnr  bei  den  Rdmern  finden  wir  diesen  griechischen  Terminus.  Sollte 
«r  ursprflnglich  etwa  dem  Alexandrinischen  Dialekt  angeh6rt  (Hesycb  hat 
^ida  und  a^^M  und  mit  dem  ganzen  Buchwesen  ron  da  sich  in  Rom  impor- 
ttrt  baben?  Ausserhalb  der  technischen  Sprache,  die  hier  Plinius  redet,  er- 
hielt  scheda  rielmehr  die  Bedeutung  des  Einzelblattes  wie  bei  Martiid  IV  89 
(TgL  etwa  auch  Theodoret  mçt  nyev/mxTîoy  im  cod.  Ham.  S.  216:  nolvcxtâêlç 
fifilot),  Tor  allem  des  beschriebenen,  und  sodann  weiter  speciell  die  des  Con- 
eeptes,  des  beschriebenen  Zetteb  ohne  Werth;  in  letzterer  Bedeutung  tritt 
bes.  bei  Sp&teren  wie  Hieronymus  gem  das  Deminutiv  schedula^  vgL  GXi^ttQwv, 
an  die  Stelle;  dahin  ist  in  den  Interpret.  Montepessul.  das  onus^oyQatpoy 
Mcheda  su  verstehen,  sowie  die  Erkl&rung  der  Qlossare,  deren  Kenntniss  ich 
der  Gûte  des  Herm  Dr.  Ldwe  verdanke:  scheda  cJtaria  acripta^  Qlossae  'aa% 
ToUstftndiger  in  den  Fassungen  sceda^  charta  acripta;  unde  scedula  sive  sddula^ 
Tat.  1469^.  Cas.  218,  und  sceda  charta  scripta  et  proiecta^  glossae  *abaTus' 
maiorea;  Leid.  67'.  —  Wenn  Cicero  ad  Att.  1  20,  7  schreibt  ut  scida  ne  qua 

depereaij  bo  gilt  hier  vielleicht  noch  die  Wortbedeutung  des  Plinius,  die,  wie 

^e  Etymologie  seigt,  jedenfalls  die  ursprûngliche  ist. 


230  '-  ^î®  Baehseite.  -^ 

4a8  gleichwertbige  lateioische  Wort  scissurae^  (Z.  2).  Solche  sàstura 
l^esasB  einen  festen  Zusammenhalt  und  war  yergleichbar  einerPflaii- 
zenfjBiser;  so  erklirt  es  sich,  dass  sie  gerade^u  ina  genannt  wird,  t^ 
Panli  Fest.  S.  104:  ma  quae  pars  chartae  est  tepuissima,  iind  so  aoch 
9icher  zu  lesen  Fest.  S.  81,  4:  a  temdtate  inarum  quas  Graeei  m  ehart» 
lia  appdlant, 

So  begreiflich  dièses  inae^  so  ganzlich  unbegreiflich  ist  dagegen 
beim  Plinius  Z.  2  die  Bezeichnung  „B«8t^..  und  speciell  „Linden- 
bast^,  phUyrae,   fur    dièse  kleinsten   Theile   des  Papien.     Sehrieb 
Plinius  dies,  so  batte  er  nicht  die  primitivste  Yorstellnng  yod  eioer 
Sacbe,  deren  Hergang  er  docb  genau  und  ûberall  mit  konkreter  An- 
schaulicbkeit   darstellt.     £r  selbs.t  definirt  XYI  65  genau,  iras  er 
unter  pMyrae  verstand:.  es  sind  die  H&ute,  welcbe  gleich  unter  der 
Binde  (cortex)  des  Lindenbaums,  aber  ausserhalb  des  eigentlichen 
Holzes  (tignum)  liegen^).     Das  Papyrusmark,  im  Scbaftinnem  befind- 
lich,  entspricht  ja  nicht  entfemt  diesen  aussen  liegenden  Hauten,  soit- 
dem  yielmebr  dem  Holze  der  Dicotyledonen.    ^Gt  Recht  redet  des- 
balb  Cassiodor  yieh^ebr  von  meâuUae,  Yom  spangeum  Ugnum,    En 
solcber  Irrth\]Li)[i  des  Plinius   scbeint   um  so   weniger  denkbar,  d» 
pMyrae,  wie  Yor  allem  Ulpian^  bezeugt,  als.  ein  selbstfindiges  Schmb- 
material  nebei^  der  Gbarta  im  Gebrauche,  also  als  Yon  der  Chut» 
Yerscbieden  allen  gelâufig  war.     Mit  dem  Namen  des  einen  Schreib- 
stoffes  soUte  Plinius  die  ganz  heterogenen  Bestandtheile  des  anderen 
belegt  baben? 

Es  sind  mithin  tnae  oder  scMdae,  aus  denen  das  Papier  ,,ge- 
webt"  wird;  sie  sind  das  aus  Ulpian  angefûbrte  papyrum  ad  chartas 
paratum, 

Plinius  hebt  nun  an  mit  dem  Satz,  dass  dièse  Fasem  mittelst 
einer  Nadel,  cums,  gewonnen  werden.  Er  fugt  hinzu,  die  Fasem 
miîssen  zugleich  so  dûnn  wie  mÔglich  und  so  breit  wie  môglich  sein; 
femer  sind  die  aus  der  Scbaftmitte  genommenen  die  besten,  sie 
werden  gradweis  schlechter,  je  mehr  man  nach  Aussen  kommt. 


')  Die  Stelle  lautet:  inter  corticem  ac  lignwn  tenues  tunicae  muItipHci 
membranti,  e  qtnbus  vinculae  tiliae  vocantur,  tenuissimae  earum  philyrae. 
^  S.  oben  S.  97  f. 


—  Bereitung  des  BuchbUttes;  das  Kleben.  —  231 

Mit  einer  Nadel  konnte  das  Mark  indess  nicht  zerlegt  werden^). 
Ker  giebt  Piinius  vielleicht  einen  grîechischen  Aaïadruck*)  unzu- 
treffend  wieder. 

Nicht  sehr  passend  unterbricht  er  sich  aber  gleich  hier,  um 
Z.  4 — 16  die  verschiedenen  Sorten  der  fertigen  Charta  aufzuzâhlen 
und  zu  charakterisiren.  Dass  hier  keine  Textverstellung  vorliegt, 
beweist  das  texitur  omnis,  womit  Z.  17  zur  Fabrikation  zuruckgekehrt 
und  auf  aile  dièse  SorteD  zurûckverwiesen  wird. 

Das  Yerbinden    der  Fasern    geschieht    mittelst  gUUina   (Z.  18 

Tgl.  gkUmamenta  Z.  41)  und  geht  auf  einem  Holzbrett  —  tabula  —  vor 

aicb,  welches  nass  gehalten  wird.     Das  dazu  benatzte  Wasser  ist 

l^ilwasser  (Z.  17),    ein  Beweis,   dass  wir  uns   hier  in  âgjptischen 

^àbiiken  befinden.     Von  diesem  Nilwasser  wird  nach  der  Yulgat- 

lesnng  ausgesagt:   turbidus  Uquor  vvm  glutims  praebet;   dies  wird  von 

XJrlichs  u.  a.  dahin  verstanden,  dass  das  schlammige  Nilwasser  selbst 

als  Leim  die n te,   als  ob  dastûnde  Uquor  vicem  glutinorum  praebet 

ZHes  wQrde  richtig  sein,  falls  glutims  Genitiv  wâre;    Piinius  kennt 

«iber  nicht  die  Form  gluten,  sondem  nur  glutinum  (VU  198;  XI  14; 

XI  231;  Xin  81  f.;  XVI  215»);  XVI  226;  XXVI  21;  XXVIH  182; 

.jULVllI  236;  XXXV  43).     Also  darf  glutpm  nur  als  Datdy  gefasst 

irerden.    Geben  wir  nun  also  die  Richtigkeit  der  Schreibung  immer- 

bin  zu,  so  kann  sie  offenbar  nur  dies  besagen:    „das  trûbe  Wasser 

giebt  dem  Eleister  Eraft^.     Es  ist  klar,  dass  hiemit  ein  Eleben 

ohne  Eleister  nicht  entfemt  vorausgesetzt  ware;  der  Satz  wûrde  ja 

anf  aile  Fâlle  das  Vorhandensein,  die  Anwendung  yon  Eleister 

sur  Voraussetziing  haben  mûssen,  weil  ja  sonst  das  Nilwasser  auch 


^)  Die  Versuche  Landolina's  and  Dureau  de  la  Maliens,  Charta  su  fer- 

tigieoy  haben  dies  ergeben.    Daseelbe  best&tigt  mir  Herr  Prof.  Wieg^nd,  weleher 

«ch  mit  gleiohen  Veranchen  besch&fiigt.    Es  war  rielmehr  ein  acharf  achnei* 

dendet  lleuer  nôthig.     Blfimner  l&sat  die  MOglichkeit  offen,  dass  der  Rgyp* 

tiaehe  Papyrus  anders  g^artet  war  als  der  uns  bekannte. 

*)  Etwa  nar  ô{e*  ny*  o^ùvi^l 

')  Anch  hier  muss  in  den  Worten  valvas  in  gluHms  compage  quadrienmo 
^m»ut  der  AblatÎT  anerkannt  werden:  Talrae  in  gludnis  fueront  compage  qna- 
^  wîennio.  Wer  dies  nicht  will,  mflsste  nach  Ausweis  der  angefllhrten  Stellen 
^laltini  oorrigiren. 


232  —  ^>®  Baohseite.  — 

DÎcht  „ihm  Kraft  geben*'  k5nnte.  Das  Wasser  macht  also  den  Eleister 
nicht  etwa  entbehrlich.  Ist  dem  aber  so  imd  dachte  mao  nicht 
daran  nur  blosses  Wasser  anzuwenden,  so  stellt  sich  jener  Satz  tUs 
abenteuerlich  iind  geradezu  absurd  beraus;  denn  wîe  kann,  wer 
Wasser  —  es  mag  nocb  so  yiel  Tbonerde  imd  Alaun  entbalten  • 
zum  mebl-  oder  starkebaltigen  Leim  hinzutbut,  bebanpten,  dieser 
Leim  erhalte  seine  Elebkraft  durcb  das  Wasser^)?  Scbrieb  Pliniu 
dies  wirklicb,  so  bat  er,  der  ja  freilicb  stets  auf  der  Mirabilieiisaclie 
ist,  unpassend  byperboliscb  geredet.  Wir  wûrden  danacb  dann  zn 
folgender  Anscbauxing  gelangen:  die  Fasem  wurden  mit  Sleiater  be- 
stricben;  so  bestricben  wurden  sie  auf  das  Brett  gel^,  das  toU 
Wasser  stand;  dies  Wasser  belebte  alsdann  die  Kraft  des  Kleisters, 
der  inzwiscben  scbon  an  Feucbtigkeit  yerloren  batte,  yen  neuem. 
T)abei  wurde  dann  Pliniu  s  dem  Wasser  byperboliscb  sogar  Steigenmg 
der  £[lebkraft  vindicirt  baben. 

Die  Yulgatlesung  stebt  indess  nicbt  sicber.  Es  ist  darom  môg- 
licb,  dass  Plinius  bier  einfacb  das  scbrieb,  was  wir  erwarten,  dan 
die  Glutina  mit  Nilwasser  angemacbt  wurden  und  dass  dièses  Wasser 
auf  dem  Brett  nur  bestimmt  war,  den  E^leister  flûssig  zu  balten. 

Des  Nâheren  wird  aber  nun  so  verfabren:  erst  (prwio)  wîrd 
eine  schida,  d.  b.  offenbar,  indem  der  Singular  fur  den  Plural  steht, 
eine  einfacbe  Lage  von  schidae,  in  gerader  Ricbtung  (m  rectum)  auf 
das  Brett  geschmiert,  dann  (postea)  eine  zweite  quer  darûber  (trcms- 
versa).  Hiermit  ist  das  Blatt  fertig  (craies  peragit),  d.  b.  das  hin- 
reicbende  Material  fur  ein  Blatt  ist  so  beisammen.  Es  geniigen  somit 
zwei  Lagen.  Indem  beide  quer  ûber  einander  liegen,  erscbeint  das 
Blatt  netz-  oder  gewebeartig.    Daher  sein  Name  ploffula.    Daber  auch 


')  Vielleicht  war  ein  Kleben  mit  blossem  Wuser  mit  Hûlfe  der  Preii* 
nicht  unm6glichy  indess  scheint  dièse  MOglichkeit  nack  dem  besprocheneii 
Wortlaut  der  Stelle  hier  nicht  in  Frage  zu  kommen.  Das  Nilwasser  enth&h 
jedenfalls  nicht  Klebstoffe  in  dem  Grade,  um  im  IJnterschied  vor  anderea 
FlQssen  vim  glutinorvm  zu  haben,  ygl.  BlQmner  S.  312.  Die  ErkUning 
Blflmner's  selbst,  die  an  Lenz,  Botanik  d.  Ch*.  u.  RAm.  S.  276  sich  anschtiessti 
dass  der  Papyrus  selbst  im  Nilwasser  Elebstoff  entwickelt  habe, 
widerspricht  durchaus  der  Darstellung,  wie  sie  Plinius  giebt;  davon  bat  Plionu 
und  gewiss  auch  seine  Vorlage  nichts  gewusst. 


—  Bereitung  des  Buchblattes;  textura.  —  233 

18  tropische  texere.  Dieser  Vergleich  wird  sogar  weiter  ausgefulirt 
1.  32):  die  eîne  Lage  fungirt  als  Einschlâge,  subtemina,  die  andere 
sisst  Unterlage,  statumina;  soUte  man  hierfur  nicht  vielmehr  Zettel, 
aminay  gewârtigen?  Dies  bot  in  der  That  der  Codex  yetus  des 
alecampius;  so  lesen  wir  ^zQta  fivfiXùav  Anthol.  Pal.  IX  350.  Es 
t  nirn  aber  festzuhalten,  was  die  obige  kurze  Beschreibung  sicher- 
ellt  und  die  Betrachtung  der  erhaltenen  Papyrusreste  auf  das 
entlichste  bestatigt,  dass  die  zwei  Faserlagen  nicht  etwa  wirldicb 
rwebt,  dass  sie  nicht  wirklich  durcheinandergeflochten  wurden. 
ielmehr  blieb  jede  fur  sich  liegen.  Der  Vergleichungspunkt  war 
K>  nnr  der  Umstand,  dass  auch  hier  zwei  Schichten  fadenâhnlicher 
ksem  in  kreuzweiser  Lage  irgendwie  verbunden  werden,  sowie 
sh  denn  schliesslich  auch  fur  das  Auge  der  Eindruck  eines  Gewebes 
giebt. 

-  Gewâhlter  noch  scheint  die  Bezeichnung  des  Blattes  als  craies 
•.  20).  Wir  erhalten  damit  die  Vorstellung  des  zaunartig  gefloch- 
nen  Yierecks.  Doch  wird  man  nicht  daran  rûhren  dilrfen,  um 
"wa  das  nâchstliegende  chartas  peragit  einzusetzen. 

Die  erhaltenen  Papyri  geben  nun  zu  diesem  Bericht  eine  Er- 
inzong;  sie  bestehen  in  der  That  meistens  aus  nur  zweien  Faser- 
•Hen  ganz  so,  wie  Plinius  es  darstellt.  Doch  kommen  auch  drei 
aserlagen  vor.  Dies  scheint  besonders  bei  schlechteren,  roheren 
orten  der  Fall,  wo  jene  zwei  nicht  genug  Hait  hatten.  Leemans 
fcgt  so  z.  B.  vom  Pap.  Leyd.  F:  ^structurae  rudioris,  texturae  cras- 
Dris,  primae  sive  inferiori  schedae  rectae  duabus  schedis  transversis 
^positis".  Ebenso  sieht  man  z.  B.  bei  N.  27  der  Berliner  von 
m^hey  edirten  Fragmente,  dass  die  Oberschicht  zweifach  ist,  die 
^terschicht  einfach. 

Weiter  wird  von  Plinius  angemerkt:  die  scinda  der  unteren  Lage 
1  so  lang  wie  môglich  genommen  werden:  longitudme  papyri  quae 
^^Mit  esse  Z.  19.  Der  Genitiv  papyri  abundirt  hier  nicht  etwa,  son- 
B^  es  ist  damit  der  Pflanzenschaft  selbst  bezeichnet:  die  schidae 
^  unteren  Lage  sollen  aus  moglichst  langen  Papyrusschâften  ge- 
^xiitten  werden  —  und  so  selbst  moglichst  lang  sein. 

Femer  sollen  „an  beiden  Seiten  der  unteren  scinda  noch  die 
K^sitzchen  abgeschnitten  werden*';  man  construire  zusammen:  lonffi- 


234 

tudine  papyri  quae  potuit  ette  retegrnmilnu  vtrimquê  <mptUatu.  Du 
utrimqiu  kano  nur  mît  Bezng  auf  die  soeben  geforderte  longitude  Klbtt 
gesagt  seia;  d&rum  kann  nur  Qbereetit  werden:  ,âie  IJuig«  d«t 
unteren  Faser  boU  so  grOHB  sein,  ^  es  nach  Wegachneiden  ia 
Rauheiten  an  den  beiden  LângeeDden  môglîch  ist".  Deshilb  Icuii 
ich  der  kûnstlicherea  Deutung  Blfimner'a  S.  314  nicht  beitntes. 
UeberhinauBrageiide  PaBertheilchen  muBste  es  immer  gebeu.  Sie  m- 
fielen  der  Scbeere.  Mit  Abzug  derselben  bestimint  aicli  die  Lûg* 
der  Faser.  Der  Genitiv  papyri  tritt,  wîe  geaagt,  hinsu,  uni  n  a- 
innem,  dass  die  eben  erst  rob  aus  der  Pflanze  geBcbnittene  Fua 
gemeiot  ist. 

Dagegen  acheint  es  auf  die  Lange  der  Fasem  der  OberMhîeht 
nicht  anzukommen,  da  Flinius,  bemerkenewerther  Weîee,  davon  lieht 
redet.    Dies  erklâit  sicb  leicbt.    Ibre  Lange  brancfale 
ja  DUT  der  Breite  der  unteren  Lage  ^eichiukommoi. 
In  der  That  stimmt  dîea  mit  den  erhaltenen  BoQen 
auf  das  beste,  in  denen  die  Blattbreite  grainger  m 
sein  pflegt  als  die  jener  longiiudo  entsprechende  Blitt- 
h&be.    In's  Grobe  gezeichnet  und,  îndem  vir  die  bà 
der  Fabrikation  unten  Uegenden  Faaem   pimktiieD, 
etgiebt  sicb  etwa  nebenstehendes  Bîld  des  Blatte*. 
So  iat  denn  eine  feete  und   ebene  Massa  aus  kleinsten  Tbeila 
gewounen:   eontintUtas  de  nunutns,  st^  Cassiodor.     Doch  fehlt  mai 
viel,  dass  es  auch  eine  tunctura  nne  rimit,   eine  Êcr^twrabiH»  fada 
aei,  wie  deraelbe  Autor  hinzusetzt.     Der  PUniustext  fEhrt  fort:  prt- 
mitar  dfinde   (ergo  M)  preUs,  et  iieeantar  lole  plaguiae  atgve  inler  « 
iunguntUT  promnantm  semper  bonUatù  demimuioiu  ad  deterrmuu.    Alw 
die  fertigen  GewebstÛcke  oder  Seiten  werden  vom  nassen  Brett  ge- 
lôBt,  koDunen  nass  unter  die  Presse,  trocknen,  so  gepreest,  in  der 
Sonnenwârme  aus,  aJsdann  'wird  zur  Eerstellung  der  Rolle  gescbrîtten. 
durcb  Aneinanderkleben  der  getrockneten.     Hier  giebt  der  SiogulaX 
premitur  neben  dem  pluralischen  ticeantur  Anstoes.     Nicht  plagida^ 
sondem  traversa  tc/ùda  îat  zu  premitur  granunatiscb  das  Subjekt,  nkS 
dem  dann  reeta  schida  zusammen  gedacht  sein  mûsBte.     Das  hets»-'' 
der  Fortgang  der  Rede  in  der  Ueberlieferuiig  ist  hier  spracfalicb  uj^ 
môglich,  und  die  Beobacbtung  einer  natûrlichen  Syntaxe  tSiat  d 


—  BereitQDg  des  Bnchblattes;  Blattscli&den.  —  235 

entweder  premtmtur  zu  schreiben  oder  aber  sich  nach  einer  anderen 
HûHe  lunzusehen. 

Der  Fabrikationsbericht  scbeint  hiemît  abgeschlossen.  Wir  er- 
balten  nur  noch  eine  kurze  Notiz  ûber  den  scapus  (Z.  24),  T^ovon 
nachher.  Daran  schliesst  sich  ein  Traktat  ûber  die  Breite  bei  den 
Terschiedenen  Papyrussorten  (Z.  24  ff.),  woruber  gleichfalls  spâter.  Auf 
ihn  folgen  weiter  (Z.  38  ff.)  BemerkuDgen  ûber  Scbâden  der  Blatt- 
oberflache:  Finden  sich  Unebenheiten,  so  dienen  Zahn  oder  Muschel 
sur  Glâttung,  nur  haftet  dann  die  Dinte  nicht  mehr  so  gut.  Oder 
aach  Feuchtigkeit  hindert  den  Schreibenden,  die  sich  hâlt^  wenn  in 
Bezug  auf  sie  anfangs  nicht  sorglich  genug  verfahren  worden  war; 
man  thut  gut,  ehe  man  schreibt,  sich  ûber  ihr  Yorhandensein  mittelst 
eînes  Hammers  zu  vergewissem  oder  aber  auch,  wenn  grosse  Nach- 
lâssigkeit  Yorlag^),  schon  durch  blossen  Geruch.  Drittens  mit  blossem 
Auge  wahmehmbar  sind  Flecken  (lentigines)  im  Schreibstoff;  dagegen 
erst  beim  Schreiben  selbst  stellt  sich  ein  vierter  Schaden  heraus; 
er  wird  als  taenea  bezeichnet,  die  sich  mitten  in  den  verklebten 
Fasem  yerstecke.  Von  der  Ëntscheidung  ûber  die  Lesung  hângt  das 
Yerstânduiss  dièses  letzten  Schadens  ab*). 

So  sehr  kann  der  Schreibende  also  im  Gebrauch  der  Gharta 
get&uscht  werden:  durch  Rauheit,  durch  Feuchtigkeit,  durch  Flecken, 
durch  taenea.  Der  Ersteren  lâsst  sich  zur  Noth  abhelfen;  in  den 
drei  anderen  Fâllen  aber  muss  die  Gharta,  um  benutzbar  zu  werden, 
noch  einmal  die  Fabrikation  durchmachen  und  wieder  aufgelosst 
werden  in  ihre  Bestandtheile. 

Plinius  hat  aber  soeben  zufallig  von  neuem  berûhrt,  dass  die 

Chaita  durch  EUeben  entstehe  (jghUmamenta  Z.  39),  dabei  fôllt  es  ihm 

non  auch  bei  den  Kleister  selbst  zu  besprechen,  Z.  44  ff.    Die  Rede 

echreitet  hier  nun  folgendermassen  fort  :  Gemeinhin  nimmt  man  zum 

Beben  Mehl  und  heisses  Wasser  mit  etwas  Essig.     Denn  weder 

Gnmmi  noch  Tischlerleim  (glutinum  fabrilé)  taugen  for  den  Zweck: 


')  indiHgerUior,  n&mlich  umor;  das  Wort  ist  pasBirUch  gebrauoht,  wie 
^f^tk  Bonst  bei  Plinios  XIX  57  :  kortus  indiligens,  der  sehlecht  beatellte  Garten. 
')  Âueh  BlQmner's   Ausf&hning  S.  315  f.    ist  nar  im  NegatÎTen  fiber- 
'^aflmid. 


236  —  ^*®  Bachseite.  — 

aie  wûrden  beim  Zaïsammenrollen  des  Buchs  brechen.     Besser  klebt 
aber  noch  weiches  Brot  in  heisses  Wasser  au|gelÔ8t;   denn  es  fuUt 
am  T^enigsten  und  îst  am  T^eichsten.     Solcher  Eleister  muss  einen 
Tag,  aber  auch   nîcht  langer,   gestanden  baben,   ehe  er  benatzbar 
wird^).     Hernach  wird  er  mit  einem  Hammer  platt  geschla- 
gen  —  wer?  der  Kleister?    Doch  gewiss  nicbt!    Wir  lesen  wortlich: 
postea  malleo  tenuatur  et  glutino  percurritur  eqs.     Das  Subjekt  fehlt. 
Gemeint  ist  offenbar  die  plagula,    D.  b.  der  Inbalt  beweist  und  die 
Syntaxe,   das  Feblen   des  Subjekts  bestâtigt,   dass  wir  es  hier  auf 
einmal  mit  einem  versprengten   Fetzen   der  Bescbreibong  za  thon 
baben,  die  die  Fabrikation  der  Cbarta  betrifft     Urlicbs  scheint  den 
Anstoss  damit  wegdeuten  zu  wollen,  dass  er  Z.  43  einen  abennaligen 
Bericht  ûber  die  Neubearbeitung  derselben  Cbarta,  und  zwar  diesmal 
in  Rom  selbst,  beginnen  lassen  will.    Indess  ist  yon  Rom  mit  keinem 
Wort  die  Rede,  und,  was  folgt,  bandelt,  wie  wir  saben,  nur  von  der 
Bereitung  des  Glutinum,  obne  iîber  seine  Anwendung  irgend  etwas 
yerlauten  zu  lassen').    Wir  constatiren,  dass  an  den  Abscbnitt  ûber 
die  Scbâden  des  Papiers  einfacb  ein  Abscbnitt  mit  Recepten  fur  das 
Glutinum  gereibt  ist  und  dass  nacb  diesem  Abscbnitt  jene  notirten 
Worte  postea  malleo  tenuatur  eqs.  ganz  abrupt  von   neuem  in  die 
Papierbereitung  bineinfubren.     Der  Inbalt  dieser  Worte  aber  ist  mit 
dem  Z.  20,  22  f.  ûber  Papierbereitung  Vorgetragenen  keineswegs  un- 
yertrâglich,  ja  er  ergânzt  es  sehr  passend.  Dass  dieselben  desbalb  ur- 
sprunglicb  yielmehr  hier,  Z.  20  f.,  gestanden  baben  oder  steben  sollten, 
ist  mir  nicht  zweifelhaft;   die  yon   uns   hier  wie   dort  wahrgenom- 


')  Des  Lucilius  26.  Buch  handelte  von  Litteratur  und  Edition  verschie' 
dener  Werke,  wie  die  Fragmente  zeigen  ;  ein  Epos  ûber  pugna  Popilli,  facta 
Comeli  v.  572  Lachm.,  eine  vêtus  historia  ad  ainores  scripta  v.  598;  rgl.  d»xn 
V.  675:  nisi  portenta  . . .  scribitùt,  595,  600,  616,  602,  535.  Wenn  in  àiesm 
Satirenbuch  nun  auch  vom  glutinator  die  Bede  war,  ▼.  617,  so  ist  obne  Zweifel 
Tom  Kleben  der  Buchrolle  die  Bede  gewesen  ;  Nonius  giebt  S.  49 1  :  praeteriio 
tepido  gliUinator  glutinor;  vielleicbt  rieth  Lucilius  folgendermassen  vom  Schrift- 
stellern  ab:  chartas  tuas  Semper  praeterito  tepido  gluHnator  glutino;  wihr- 
scbeinlicber  aber  ist  an  praeterere  gedacbt,  ^bestreichen"  (so  BQcheler  brief- 
lich),  80  wie  bei  Plinius  Z.  21   die  schon  fertige  plagula  percurritur  glutino. 

^  Mit  Recht  baben  Detlefsen  und  Mayhoff  gegen  Urlicbs  die  Worte 
cUius  igitur  iterum  texendis  labor  zum  rorigen  Abscbnitt  geiogen. 


—  Bereitung  des  Buchblattes,  des  Bûches.  —  237 

menen  sjiitaktischen  Anstosse  dienen  dem  zur  erwûnschten  Bestâti- 
gnog.  Fur  YersetzuQgen  von  Zeilen  im  Pliniustext  kommt  dies  ab 
ein  weiteres  Exempel  zu  anderen  hinzu. 

Das  glutinum  war  also  das  letzte,  was  Plinius  behandeln  zu 
mûssen  glaubte,  um  dann  endlich  mît  dem  Staunen  ûber  das  Al  ter 
abzuschliessen,  welches  die  so  fabricirten  Bûcher  zu  erreichen  im 
Stande  sind  (Z.  48  ff.). 

Jener  versprengte  Satz  aber  ergânzt  das  schon  besprochene  zu 
Tolgendem  Hergang.  Ist  die  pl<igula  auf  dem  Brett  fertig,  so  kommt 
lie  zunâchst  noch  nass  imter  die  Presse  zur  Tilgung  der  Falten; 
Lanach  wird  sie  mit  einem  Hammer  platt  geschlagen,  wodurch  ihre 
Dûnne  zimimmt;  dann  wird  die  Feuchtigkeit  des  E^leisters  noch 
îinmal  émeut,  noch  ein  mal  geht  es  un  ter  die  Presse  und  noch  einmal 
inter  den  Hammer;  und  hierauf  erst  thut  die  Sonne  das  letzte  und 
ïocknet  das  Blatt,  worauf  es  fertig  und  fur  die  Bûcher  verwendbar 
LSt  :   eine  iunctura  sine  rimis,  eine  scripturabilù  fades. 

Und  erst  nunmehr  kann  zum  Zusammenkleben  der  Blâtter  und 
BUT  Herstellung  der  Roi  le  vorgeschritten  werden,  Z.  23.  Der  Con- 
fcext  beweist  hier  imwiderleglich ,  dass  auch  die  Herstellung  der 
Rollen  in  der  Fabrik  selbst,  unmittelbar  nachdem  die  Blâtter  ge- 
trocknet  sind,  geschah.  Nicht  besonders  erwâhnt  wird  hierbei,  was 
Plinius  selbstverstândlich  scheinen  konnte,  dass  viele  Blâtter  auch 
selbstândig  blieben  und  in  den  Papierhandel  kamen,  diejenigen, 
die  fur  Briefe  und  jede  andere  Schreiberei  privater  Natur  dienten. 
Eben  dièse  nannte  man  dann  vorzugsweise  schedae  und  scJiedtUae^), 
Plinius^  Augenmerk  ist  hier  eben  nur  auf  das  kulturgeschichtlich  so 
wichtige  Litteraturbuch  gerichtet. 

Betrefifs  der  Rollen  aber  werden  noch  zwei  Belehrungen  gegeben. 
Erstlich  heisst  es,  das  Buch  entstehe  proximarum  (se.  plagtUarum) 
semper  honitatis  deminutione  ad  deterrimas.  Man  hat  hierin  mit  Un- 
recht  eine  Schwierigkeit  gefunden.  Uns  wird  hier  ein  erwûnschter 
Einblick  in  die  Oekonomie  des  Buchfabrikanten  gegeben.  £r  macht 
die  Rolle  so,  dass  beste  Blâtter  zu  Anfang,  dann  minder  gute,  dann 
immer  schlechtere  imd  die  schlechtesten  an^s  Ende  kommen.     Dass 


')  Vgl.  S.  229  Note  2. 


238  ^  ^^®  Baehieite.  — 

die  Qualitat  der  plagtdae  yerschieden  ausfiel,  war  bei  der  Beschaffen- 
heit  des  Materials  nothwendig.    Bei  der  Massenfitbrikation  Yon  Rolkn 
boten  sich  also  zwei  Môglichkeiten:  entwedér  gesondert  gâte  RoUeo 
ans  den  guten  Blattern   und  schlechte  aus  scblechten  hemistellen 
—  oder  aber  in  jeder  Rolle  gute  und  schlechte  zu  yerbinden.    Das 
letztere  wurde  Yorgezogen;  Rollen  Yon  durchweg  schlechtem  Pilier 
wâren  wobl  allzu  undauerhaft  geworden.     Wamm  aber  wahlte  mu 
nun  jene  eigenthûmliche  Reibenfolge  der  Blatter?    Im  Intéresse  ilmr 
ConserYirung.  Die  besten  Blâtter  waren  die  dnrabelsten;  sie  kommea 
an  den  Anfang,  weil  beim  Zusammenrollen  die  ersten  Blâtter  an  der 
Aussenseite  der  Rolle  zu  liegen  kamen  und  also  dem  Zerreissen,  der 
Feuchtigkeit  und  anderem  Unbill  am  exponirtesten  waren;  die  sddech- 
teren  Blâtter  konnten  weniger  Yertragen,  und  darum  kamen  sie,  je 
schlechter  sie  waren,  je  tiefer  in  das  geschûtzte  Innere  der  RoUe. 
Aber  auch  ein  zweiter  Grund  musste  zu  diesein  Yer£eihren  fubien. 
Wenn  der  einzutragende  Text  fur  eine  Rolle  nicht  ausreichte,  so 
waren  es  ja  die  letzten  plagulae,  die  unbeschrieben  blieben.    Dus 
dies  Yorkam,  ist  frûher,  S.  155  f.,  gezeigt.    Wahrscheinlich  gescbah 
dies  sehr  oft  (ygl.  die  Monobibla,  die  eine  Rolle  nicht  fûllen,  unten 
Kap.  YI).    Ob  man  die  leeren  Blâtter  alsdann  wegschnitt  oder  nicht, 
ist  gleichgûltig.     Jedenfalls   kam  es  auf  Gûte  bei  ihnen  am  wenig- 
sten  an^). 

Zweitens  wird  Yon  Plinius  hieran  unmittelbar  Z.  24  der  schwie- 
rige  Satz  angeknûpft:  numquam  plures  scapo  qiiam  vicenae  (se.  pUh 
gulae),  £s  wird  hier  also  eine  Einheit  Yon  mehreren  plagtda» 
statuirt,  die  scapus  heisst  und  nie  mehr  als  20  betragen  kann  oder 
darf.  Was  ist  hier  scapus^)?  Zuerst  wird  man  an  den  Schaft  des 
Schilfs  denken;  so  braucht  Plinius  das  Wort  z.  B.  fur  den  Stengel 
der  LiHe  XXI  26  (Ygl.  XYIII  59  u.  a.,  aber  auch  der  Candelaber  bat 


^)  Ein  Qrund  liegt  sonach  f&r  die  von  Urlichs  vorg^schlagene  Umstelloog 
der  Worte  proxumarttm  eqs.  hinter  scissurae  ordine  im  §  74,  so  Tiel  ich  sebe, 
nicht  vor.  Fur  Urlichs  entschieden  sich  Detlefsen  in  Fleck.  Ibb.  77,  677  and 
Blûmner  S.  318,  dagegen  Fels  De  codicum  an  t.  in  quibas  Plini  N.  H.  eqs. 
QQttingen  1861  S.  48. 

')  Ueber  verschiedene  nicht  brauchbare  Erkl&rungsversuche  Tgl.  BlQmner 
S.  317  f. 


—  Bereitung  der  Bolle;  êcapus.  —  239 

lach  ihm  einen  scapus  XXXTV  11).  Hiemach  wûrde  gesagt  sein  — 
kachdem  wir  Yorerst  noch  e  scapo  corrigirt  haben  — ,  dass  aus  je  einem 
umvQOÇ  zu  1,85  Meter  nie  mehr  als  zwanzig  Blâtter  fabricirt  werden 
LÔnnen.  Dièse  Blâtterzahl  ist  aber  ohne  Frage  yiel  zu  gross.  Man 
lat  sodann  zur  Umstellung  seine  Zuflucht  genommen,  und  dièse  wie 
.ocli  die  Yoraufgebenden  Worte  bei  Z.  3  eingesetzt,  so  dass  sie 
[unicht  Yon  den  plagulae  der  Rolle  gèmeint  sein  wûrden.  Da  die 
t>raufgehenden  Worte  proxumanim  demmuUone  eqs.  sich  uns  indess 
oeben  innerbalb  ibrer  ûberlieferten  Umgebung  vollstândig  erklârt 
laben,  so  yérliert  dadurcb  aucb  fur  die  vorliegenden  die  Annabme 
iner  Yerstellung  an  Wahrscheinlicbkeit  Dieser  fraglicbe  Satz  muss, 
0  gut  wie  der  Torige,  Bezug  auf  die  Bucb rolle  haben;  dies  in- 
icirt  sein  Zusammenbang  mit  ibm.  Nun  ware  etwa  môglicb,  scapus 
3  den  TJmbilicus  der  Rolle  zu  ûbersetzen:  ,,an  einen  Rollenstab 
erden  nie  mehr  als  zwanzig  Blâtter  befestigt*';  nur  ist  dièse  Wort- 
nleutang  leider  nicht  belegbar.  Entscheidend  scheint  dagegen,  dass 
18  die  Interpretamenta  der  Handscbrifb  von  Montpellier  in  ibrem 
■pitel  ûber  die  Bucbterminologie  die  Gleichung  rofAOÇ  ;(cr^rot; 
apus  darbieten  ^).  Icb  glaube,  es  ist  nicbt  zu  kûbn  hier,  in  einem 
Apitel  iiber  Buchwesen,  solcbem  Fingerzeige  zu  folgen  und  scapus 
oradezu  als  „Rolle^  zu  Tersteben.  Scheut  man  sicb,  einen  an- 
beinend  so  singulâren  Wortsinn  unterzulegen,  so  denke  man  an 
iiffula,  an  sckida  zurûck,  die  Plinius  ja  nicbt  minder  singular  ge- 
mucht.  Weitere  glossariscbe  Zeugnisse  aber  erweisen  sogar,  dass 
.eser  Rollenname  durcbaus  tecbniscb  gebrâucblicb  war.  Durcb  die 
seondere  Gûte  des  Herm  Dr.  L5we  erbalte  icb  folgende  sebr  er- 
&nscbte  und  lebrreicbe  Zusammenstellung,  die  icb  bier  einfûge: 

1.  y^scapus:  tôfAOç  fitfiUcùv,  x^Q'^Çy  Pbilox.  p.  193, 1  éd.  B.  Vulc. 

2.  êcapi:  xavoveç  ysçâtaxol  xal  x^içtov  vé/AOêj  ders.  p.  192,  59. 

3.  scapus:    certus  numéros  glossae  *aa*').     Letztere  Glosse   ist 
srstûmmelt,  voUstandiger  liegt  sie  Yor  in: 

4.  scapus  i  certus  numéros  tomorum  scriptorum,  Casin.  218.  Yatic. 
169^').     Die  ursprunglichste  Fassung  aber  scheint 


')  Notices  et  extraits  XXIII  S.  448  rofioç  j(aQToç  scafas. 
*)  CasiDensis  401,  ein  Vatic.  certis, 
*)  Beide  scapkus. 


240  —  ^î®  Bachseite.  — 

5.  scapus:  certus  numerus  tamarum  cartae  êcrq>tae,  Leidensu 
67  F'  ^),  gl.  Isidori  p.  694,  56.   Von  hieraus  fallt  Licht  auf  die  Glosse 

6.  scapus:  tumtdus,  Casin.  90.  Yat.  1469 ^  Cas:  218*).  Dièse 
ist  80  zu  yervolistandigeD  : 

7.  scapus*):  tutnulus*)  chariarum,  Cas.  218  m*.  Cas.  90.  Vat  1469> 
glossae  'aa',  cod.  Yat.  1468.  —  Wir  haben  hier  das  neue  tumudus  s 
tomulus  anzuerkennen^).  —  Der  Yat.  1468  bietet  noch 

8.  scapus:  certus  numerus,  tumulus,  in  ersichUicher  Contami- 
nation.'^ 

Yier  dieser  Nummem  (1,  2,  6  und  7)  yersichem  uns  fur  seapiu 
der  Bedeutung  Tomos,  das  ist  RoUe*),  derselben,  die  wir  fûrPlinins 
yerlangt  haben;  das  Deminutiy  Tomulus  steht  mit  TOfkdqtov  gleidi; 
iibrigens  aber  taucht  hier  daneben  noch  eine  zweite,  meines  Wissess 
sonst  nicht  zu  belegende  Wortbedeutimg  auf  ;  scapus  ist  in  No.  3,4,5 
auch  das  Buchrollenbûndel  oder  doch  eine  bestiomite  Summe  tob 
BuchroUen;  das  sind  ohne  Frage  jene  fasces  Uhrorum  und  dieBack- 
pentaden  und  -dekaden,  ûber  die  oben  S.  33  fif.  gesprochen  ist  h 
No.  8  sind  beide  Bedeutimgen  contaminirt^). 


^)  sciaphus  und  tumorum, 

^)  In  letzterem  c  add.  m'. 

^)  „Âlle  Handâchriften  scasus^  wo  s  entweder  direkt  aus  p  verderbt  oder 
• —  was  mir  wahrscheinlicher  —  aus  /  geworden;  vgl.  oben  dreimaliges  scaphu.' 

^)  tumultos  cartaruin  Cas.  90;  tumultus  Vat.  1469^,  gla88.*aa'  (cod.  Vat). 

^)  n^«\'  oben  N.  5  dieselbe  rulg&re  Verdumpfung  in  ttanarum:  dock 
kann  tumulus  wie  tumorum  aucb  reine  Verwechselung  sein.^ 

6)  Vgl.  oben  S.  25  ff. 

^)  In  einem  Fragment  aus  Varro's  Bimarcus  (Bûcbeler  Menipp.  58),  du 
freilich  zum  Theil  verderbt  ist,  scheint  vielmehr  die  Bedeutung  des  SchaftM 
anzuerkcnnen.  Nonius  168,  13  giebt:  Varro  Vimarco:  mihique  cUvi  dttm  ttik 
nostro  papiri  nolevii  scapos  capitio  novo  partu  poetico,  Both's  Conjektor  iÛê 
nostro  inlevi  acapos  ist  scbwerlich  ricbtig,  da  mit  einem  GrifFel  nicht  gescbmiert, 
sondern  nur  gekratzt  werden  kann.  Auf  Papyrus  wird  meines  Wissen»  BV 
mit  dem  caîamus  geschriebcn.  Ich  glaube  mit  Ribbeck,  dass  der  Vergiflkà 
der  Âtbenegeburt  von  Varro  weiter  durcbgeftlhrt  war:  „die  Musen  woUen,  diM 
ich  Gedicbte  erzeuge;  sie  spalten  mir  den  Kopf,  wie  Hcph&st  dem  Zeot,  nd 
bedienen  sich  dazu  nicbt  des  Beils,  sondern  meines  Qriffels  oder  aber  «ses 
Papyrusrohres"  resp.  einer  Papyrus rolle  :  mihique  dividunt  stilo  nostro  papyiMM 
scapo  capitium^  twvo  partu  poetico,  —  Dass  sich  der  stilits  «um  Spalten  eignott» 


—  Die  leeren  RoUen,  fiifiUa  ayça<pa,  —  241 

Ist  nun  aber  scapus  die  Rolle  selbst,  so  ist  mit  den  zwanzig 
lâttem,  die  Plinius  nennt,  nichts  anzufangen.  Dass  Rollen  mit  ûber 
mdert  Yorkamen,  ist  S.  159  f.  gezeigt.  Die  Zabi  kann  nicbt  ricbtig 
in,  und  es  stellt  sicb  uns  somit  die  Aufgabe,  die  sacbgemâsseste 
ibl  durch  môglicbst  leichte  Correktur  einzusetzen.  Dieselbe  ist 
n  bochster  Bedeutung  und  wird  sicb  erst  in  dem  Eapitel  ûber 
.8  Maximalmass  des  Bucbes  berstellen  lassen. 

JedenfsJls  lebrt  ims  aber  Plinius  biermit  die  wicbtige  Tbatsacbe, 
as  es  ein  solcbes  Maximalmass  der  Rolle  gab,  ûber  das  der  Fabii- 
nt  nicbt  binausging,  der  Autor  nicbt  binausgeben  konnte. 

Denn  fur  den  Yerbraucb  der  Librarii  und  Bibliopolen  sind  die 
9X£a  ayqaq^a,  welcben  Terminus  man  z.  B.  beim  Pollux  YII  211 
er  im  Etym.  Magn.  p.  260,  41  findet,  die  ïzbri  nondum  perscripH,  wie 
pian  sie  nennt  (S.  88),  nunmebr  fertig  gestellt.  Dass  aber  daneben 
.ch  die  unverbundenen  plagulae  in  den  Verkauf  kamen,  ist  scbon 
tryorgehoben  worden.  Leicbt  wird  man  nun  ergânzend  yermutben, 
e  Anfertigung  Ton  Rollen,  die  bier  von  Plinius  allein  den  Fabriken 
indicirt  ist,  babe  daneben  aucb  Yon  jedwedem  Scbreiblustigen  nacb 
•eiieben  ausgefobrt  werden  konnen.  Dass,  was  Plinius  Yoraussetzt, 
Uerdings  die  Regel  war,  bestatigt  uns,  abgeseben  Yon  dem  Terminus 
*^Uor  aYQaq>ov  selber,  das  Beispiel  des  Seneca  und  seiner  nocb 
îcht  Yollen  Suasorienrolle  ;  man  woUe  das  S.  154  f.  bierzu  Bemerkte 
>]Sleicben  und  sicb  zugleicb  jener  Rollen  beim  Cassiodor  erinnem, 
^  der  Autor  ôf&iet  und  Yollscbreibt  (S.  103);  ebensolcbes  leeres  Bucb 
^eint  aucb  beim  Hero^)  yorausgesetzt.  Zu  priYaten  Zwecken, 
fi.  bei  einem  langeren  Briefe  oder  âbnlicbem  Anlasse,  war  der 


^lir;  er  kommt  als  Stichwaffe  Tor  nicbt  nur  bei  Câsar's  Ermordang  Sueton. 

^.82,  sondern  aucb  SuetOD.  Calig.  28;  Seneca  de  clem.  I  14;  Pradentins 

î^teph.  9,  44.     Der  scapus   aber    w&re    als  Buchrolle   hierza    weniger   sa 

^chen  denn  als  Pflanzenschafi,  der,  von  der  Dicke  eines  Stockes,  scbon  als 

viager  dienen  konnte. 

')  Hero  nèqî  avro/nar,  S.  269  redet  von  einer  vollstftndigen  mit  ofàtpaXôç 

^«kenen  PapjTusroUe  (xaç'njç),  die  bei  einem   Ëzperiment  auf  eine  Tafel 

*^aS)   anfgeklebt  werden   soll  nacb  Wegscbneidong    des  ofAfpaXôç,     Es  ist 

^akrscbeinlich,  dass  hier  an  eine  bescbriebene  Belle  gedacht  werde.     VgL 

18. 
BIrt,  BachweMn.  16 


242  —  ^^®  Buchseite.  — 

Schreibende  dagegen   selbst  ein  Blatt  an  das  andere  zu  kleben  ge^^ 
nôthigt.    Geschah  dies  nun  auch  bel  litterarîschen  Editâonen?    Weo^^^ 
wir  beîm  Lukian  58, 16  den  Bibliomanen  in  seiner  Bibliothek  thât^;;:;;^ 
und  unter  anderem  auch  mit  Eleben  beschaftigt  sehen  (â$axoXlài^^^ï 
80  ist  nur  an  Bucbreparatur  (s.  iinten  Eap.  YII),  vielleicht  etwa  ai^^A 
das  Aufkleben  der  tituli  gedacht.    Bei  Cicero  ad  Att.  lY  4  b  sollen    ^j^ 
zwei  glutinatores  jedenfalls  nur  die  aiXXvfioê  befestigen^).    Wichtlg^j. 
ist,   dass  Ulpian  (Big.  32,  52,  5)  nach  Erwâhnung  der  leeren  Buc^. 
roUen  auch  von  libri  perscripti  nondum  ccmglutxnati  vel  emendati  redet, 
womit  gleichstehen  membranae  (perscriptae)  nondum  consutae.    Wâs 
Mrir  hiermit  hinzulemen,  kann  indess  nur  als  Ausnahme  gelten;  das 
zwingt  ailes  sonst  Angefûhrte  anzunehmen  und  wird  von  Ulpian  selbst 
dadurch  angedeutet,   dass  er  dies  unter  den  Specialfallen  bei  einem 
Légat  Yon  libri  an  letzte  Stelle  stellt.     Ich  glaube  also  nicbt,  dass 
wir  etwa  annehmen  dûrften,  in  den  grossen  Werkstâtten  der  Librarii, 
in  denen  die  Yervielfâltigung  vor  sich  ging,  sei  wirklich  jedes  Exem- 
plar  erst  Seite  fiir  Seite   geschrieben    und    dann    zusammengeklebt 
worden.     Gegen  solches  Yerfahren  zeugen   mit  Eyidenz  ja  auch  die 
vielen  erhaltenen,  âgyptischen  wie  griechischen,  Papyri,  in  weichen 
die  Zeilen  ûber  die  Klebungen  hinweggehen   (vgl.  unten).     Dagegen 
yerdanken   jene    ungleichen   Blâtter,    die   wir  Nr.  121    des  vorigen 
Kapitels  anfuhrten,   gewiss  erst  einem  der  Schreibenden  selbst  ihre 
Einheit;    sie   gchôren   eben   keiner  Edition   an.     Nur  fabrikmâssige 
Hand  konnte  so  schône  und  ebenmâssige  Klebungen  ausfuhren,  wie 
sie  ein  Litteraturbuch   beanspruchte   und  wie  sie  uns  vielfach  vor- 
liegen.     Der  Autor  empfing  sein  Buch  vom  Fabrikanten. 

Môge  nun  noch  der  Pliniustext  selbst  folgen.  Die  Aenderungen, 
die  ich  hie  und  da  vorgenommen,  sehen  ihren  Hauptzweck  ino  Ne- 
gativen,    d.  h.    darin,    das  Anstôssige   in   der   ùberlieferten   Lesung 


^)  Hier  bat  Tyrannio  einen  Katalog  der  Bûcher  Cicero's  gemacht;  Cicero 
bittet  nun:  etiam  velim  mihi  mtttas  de  tui^  librariolis  duos  aliquo»  quihva 
Tyrannio  utatur  glutinatoribus^  ad  cetera  administris  iisque  imperes  ut  mmant 
fnembranulam  ex  qua  indices  fiant  quos  vos  Oraeci  ut  opinor  atXXvfiovç  appel- 
lotis.  An  den  scbon  katalogisirten  Bûchern  ist  nicbta  mebr  zu  kleben  als 
eben  der  Titel,  der  mit  dem  Katalog  sUmmen  muas.  Dies  wird  bestâtigt  im 
folgenden  Brief  IV  5  fin. 


—  Plinîus  XIII  §  74—76.  —  243 

bSrfer  hervorzuheben    und  bei  schwieriger  Sachlage    den   Bereich 
r  Môglichkeiten  zu  erweitern. 

(74)  Praeparatur  ex  eo  (se.  papyro)  charta  diviso  acu  in  prae- 
ues  sed  quam  latissimas  fibras.  Principatus  medio  atque  inde  scissurae 
Une, 

(Prima)  hieratica  appellabatur,   antiquitus   reîigiosis    tantum  volu- 
mbus  dicata,   quae  adulutione  Augusti  nomen  accepit  sic  ut  secunda    5 
m<ie    a    coniuge    eius,     Ita    descendit    hieratica    in    tertium    nomen. 
3)  Proximum  amphitheatricae  datum  fuerat  a  confecturae  loco:  excepit 
ne  jRomae  Fanni  sagax  officina  tenuatamque    curiosa   interpolatione 
mcipalem  fedt  e  plebeia  et  nomen  ei  dédit;  quae  non  esset  ita  recu- 
la, in  sua  mansit  amphitheatrica,    (76)  Post  hanc  Saitica  ah  oppido  lo 
i  maxima  fertilitas,  ex  vilionbus  ramentis  propiorqv^e  etiamnum  cortici 
teneotica  a  vicino  loco,  pondère  iam  haec  non  bonitate  venalis.    Nam 
poritica   inutiUs    scribendo    involucris    chartarum   segestriumque  mer- 
>U8    usum  praebet,    ideo    a   mercatoribus    cognominata,      Post   hanc 
pyrum  est  exiremumque  eius  scirpo  simile  ac  ne  funibus  quidem  nisi  i5 
umore  utile. 


Noten  Kum  Pliniustext.  Zu  Z.  2:  Das  ûberlieferte  philyras  ist  wohl  aus 
r  irrigen  Lesung  filtras  heryorgegangen,  die  wiederum  aus  fibras  hervorging. 
nm  der  Biccardianus  von  erster  Hand  philitras  hat,  so  darf  uns  dies  viel- 
eht  die  Entstehung  der  Corruptel  illustriren.  Zu  verstehen  sind  „Fasern*' 
noe,  womit  genau  das  lateinisch  wiedergegeben  ist,  was  man  griechisch  inae 
unie  (oben  S.  230). 

4.  Prima^  welches  ich  hinzugefûgt  habe,  halte  ich  allerdings  nicht  itkr 
Dntbehrlich,  aber  fdr  sehr  wQnschenswerth;  denn  Plinius  geht  hernach  durch- 
g  in  der  Form  der  Âufz&hlung  Tor,  mit  einem  secunda.^  dann  tertium  nomen, 
an  proximum^  dann  excepit  hanc,  dann  post  hanc,  endlich  wieder  post  hanc; 
raso  macht  er  es  k.  B.  XIII  59  fF.  bei  der  Abschatzung  der  Weinsorten. 
mer  wird  auch  die  adulatio  gegen  den  Âugustus  durch  prima  mehr  ver- 
atlicht.  Vor  IIIEBA  konnte  der  Ausfall  des  PBIMA  am  leichtesten 
kttfinden. 

14.  ideo  a  hat  Cod.  Vat.  D  m';  et  ideo  a  Paris.  E.;  Biccardianus  und 
meus  ideo:  bieraus  und  aus  dem  idea  der  ersten  Hand  des  Vat.  liesse  sich 
eh  inde  a  herstellen. 

15.  Das  namenlose  papyrum  am  Schiuss  lâsst  eine  n&here  Bezeichnung 
ie  etwa  syriacum)  nicht  vermissen;  man  verstehe  „hierauf  folgt  das  papyruwi 
ilechtweg**,   das   ist  vielleicht   die   wildwachsende  Pflanze  im  Gegensatz   zn 

16* 


244  —  ^*®  Buchaeite.  — 

(77)  Texitur  ornnis  madente  tabula  NiU  aqua.  Turbiduê  Uquor  tr^ 
glutinis  praestat  In  rectum  primo  supma  tabulae  schida  adtmtur^ 
longitudine  papyri  quae  potuit  esse  resegmmUms  utrmque  amputati^ 

80  traversa  postea  crates  peragit,  Premitur  demde  preUs;  (82)  post^^ 
malleo  tenuatur  et  gluiino  percurritur,  iterumque  concrispata  erugaCy^ 
atque  extenditur  malleo.  (77)  Dein  siccantur  sole  plagulae  atque  tf^^ 
se  iunguntur,  proxmarum  semper  bonitatis  demimUione  ad  deterrim^^, 
numquam  phires    scapo    quam  vicenae,      (78)   Magna  m    latitudine 

25  earum  differentia:  XIII  digitorum  optmis,  duo  detrahuntur  hieraticae, 
Fanniana   denos   Jiabet  et  uno  minus  (smphiiheatrica ,  paudores  Saitica 


der  in  befltimmten  PflansuDgen  gesogeneo;  ihr  extremum  —  das  sind  vohl 
die  beim  Theophrast  eigentlich  sogenannten  nânvQOè,  die  sich  Ton  der  ^ 
erst  ûber  dem  Wasser  absweigen  —  Bieht  binsenartig  aoa  und  dieot  nor 
su  Seilen. 

17.  Man  liest  gewOhnlich:  Turbidus  liquor  vim  ghUinis  praebet.  Bi« 
UeberlieferuDg  giebt  allerdings  praebet^  im  Uebrigen  aber  haben  If  und  B 
liquor  um  glutinis,,  die  ûbrigen  Codd.  dagegen  liquor  in  glutinis.  I^ar  die 
sweite  Hand  ron  D  belâsst  zwar  auch  das  m,  fQgt  aber  Tor  in  aucb  noch  on 
vim  ein.  Dies  maobt  viel  mehr  den  Eindruck  des  Emendationsversuchs  ali 
der  Tradition.  Die  Vnlgate  ist  oben  S.  231  f.  besproeben.  Meine  Schreibnnf 
besagt:  f,denn  das  Nilwasser,  weil  trflb  und  scblammig,  wird  bei  der  Bereitong 
des  Kleisters  oder  bei  der  Kleisterung  vorgesogen''.  Fflr  praestat  w&re  aock 
praefertur  mOglicb  oder  praeminet. 

21.  conscripta  erugatur  die  Handscbr.;  die  Vulgate  constricta  b^ 
seicbnet  nicht  ein  Zusammenpressen  —  woUte  man  dies  berstellen,  wùrde 
compressa  oder  compressu  zu  scbreiben  sein  — ,  son  dem  ein  Zusammen- 
b  in  den;  auch  beiust  so  scbwerlich  das,  was  sich  ron  selbst  zusammengesogen 
bat  (Blfimner).  Meine  Lesung  besagt:  falls  das  Blatt  durch  die  Feucbtigkeit 
ron  Neuem  kraus  geworden  ist,  wird  es  von  den  Falten  noch  einmal  mit  dem 
Hammer  befreit  und  ^ausgedehnt**.  So  erst  gewinnt  auch  das  extenditvf' 
denn  der  Hammer  kann  die  Charta  an  und  fûr  sich  nicht  ausdehnen,  woU 
aber  die  krausgewordene.  Es  wird  also  flberflflssig  sein,  extenuatur  za  Ter- 
muthen. 

22.  et  siccantur  die  Handschr.  Das  dein  oder  eine  andere  Partîkel 
ist  durch  die  Textverstellung  eliminirt  worden  und  an  seiner  Stelle  ein 
et  eingesetzt,  welches  et  sich  vielieicht  mit  siccantur  zu  exsiccaniur  rerbin- 
den  liesse. 

24.  vieenat  die  Handschrifîten.  Dièse  Zabi  ist  unmOglicb,  Ygl.  S.  241; 
wahrscbeinlich  ist  ducenae  herzustellen  ;  vgl.  Kap.  VI  Ende. 


—  Plinius  XIII  §  77—80.  —  245 

te  maerocoUio  mfficit;  nom  emporiiicae  bremtas  sex  digitos  non  ex- 
dit,  Praeterea  spectatur  in  chartis  tenuitas,  densitas,  candor,  îevor. 
'9)  Primatum  mutavit  Claudius  Caesar,  Nimia  qtdppe  Augtistae  te- 
ttt€ts  tolerandis  non  su/ficiebat  calands;  ad  hoc  tratmttens  Utteras  liiurae  30 
etum  afferebaty  ex  averm,  et  aUas  indecoro  visu  per  traîucida.  Igitur 
secundo  corio  starnma  facta  sunt,  e  primo  mbtemma,  Auxit  et  lati- 
idinem  pedaU  mensura.  (80)  Erat  et  cubitalis  macrocolUs,  sed  ratio 
iprehendit  vitium  unius  sckidae  revidsione  plures  inf estante  paginas; 
>    haec  praelata  omnibus  Claudia,     Augustae  in  epistuUs    auctoritas  35 


27.  nec  mallio  M  und  B;  nec  malio  D  m^  nec  in  alto  D  m^  uDd  der 
ir  nahe  verwandte  Paris,  d;  nec  alio  Paris.  E.  Die  Vulgadesung  nec  maUeo 
îfficit  —  d.  h.  dièse  Sorte  genflgt  dem  H  a  m  mer  nicht  mehr,  wflhrend  die 
>rigeD  breiteren  ihm  genûgen  —  vermag  ich  nicht  zu  verstehen.  Sie  kann 
or  bedeuten  sollen,  dass  die  Bearbeitang  darch  den  £Ll0ppel  bei  einer  keine 
2  Centimeter  breiten  Flâche  sich  ausschliesst.  Hiergegen  spricht  aber  sweierlei  : 
rstlich  ist  hier  Plinius  nicht  mehr  bei  der  Fabrikation,  sondern  bei  der  fer- 
.gen  Charta;  die  fertige  Saitische  Charta  soll  ^dem  KlOppel  nicht  genûgen", 
oranter  ich  mir  eben  nichts  rorstellen  kann.  Zweitens  aber  sugegeben,  dass 
ier  anf  die  Fabrikation  surûckgegriffen  werde,  so  setzt  die  Darstellung,  die 
linins  von  ihr  gegeben  bat,  doch  die  Anwendung  des  maliens  fflr  aile  und 
»de  Charta  vorau»,  auch  fur  die  schlechten,  wie  er  denn  Z.  23  von  den  pla- 
\Jae  deterrimae  redet.  Wnrden  Saitica,  Taeniotica,  emporetica  ohne  maliens 
mktirt,  was  trat  dann  bei  ihnen  an  die  Stelle?  Man  wird  aiso  geneigt  sein, 
d  eine  andere  Lesung  zu  denken.  Der  Name  der  Taeniotica,  den  man  hier 
srmisst,  steckt  in  der  Corruptel  schwerlich.  Meine  Herstellung  ina(croco)llio 
%  formell  unbedenklich  (macrocollion,  wovon  Z.  33  der  Dativ  macrocollis,  steht 
sben  tnacrocollon  wie  eschatocollion  neben  protocollon),  sachlich  liegt  sie  nicht 
m;  die  macrocolkL,  die  Cicero  (ad  Âtt.  XIII  25;  XVI  3)  fÛr  seine  Schriften 
BTwendet,  waren  doch  notbwendig  hieratica  oder  ihres  Gleichen,  und  Plinius 
ill  Z.  33  nur  sagen,  dass  die  macrocolla  gelegentlich  auch  zur  Breite  eines 
ibiftas  gesteigert  worden  seien.  Die  microcoUia  fangen  also  eigentlich  erst 
i  bei  der  Saitica  und  unter  den  Begriff  des  Breitblâtterigen  fallen  aile  vier 
[maptsorten;  d.  h.  breitbl&tterig  ist  dasjenige  Papier,  welches  die  Hexameter- 
aile  zu  tragen  im  Stande  ist;  Qber  das  Vorkommen  dieser  Normalzeile  auf 
m  Terschiedenen  Blattbreiten  vgl.  unten.  —  Noch  bleibt  aber  ein  Anstoss 
i  dem  nom  (Mayhoff  item^  leichter  w&re  etiam),  dem  das  nam  emporetica 
|s.  Z.  12  nicht  ganz  analog  ist,  und  ein  zweiter  in  dem  Fehlen  der  einen 
ftoiotischen  Sorte. 

31.  ex  aversis  und  per  traîucida  Bûcheler. 

32.  statumina  die  Handschriften  statt  stamina;  Tgl.  oben  S.  233. 


246  —  l^i®  Buchseite.  — 

relicta.    Lwiana  stiam  tenmt,   cm  nihU  e  prima  ercU,  sed  Ofnnia  e  se- 
cunda, 

(81)  Scabritia  levigatur  dente  conchave,  sed  caducae  Utterae  Jmt: 
minus  sorbet  poUtura  charta,  magis  spîendet.     BebéUat  saepe  umor  m- 

40  curiose  datas  primo,  m^Ueoque  deprehendiiur  oui  etiam  adore,  cumfmt 
indiUgentior,  Deprehenditur  et  lentigo  ocuUs,  sed  inserta  medOs  gkti- 
namentis  taenea  fungo  papyri  bibula  vix  nisi  Uttera  fundente  se,  TmUwn 
inest  fraudis,     Alius  igitur  iterum  texendis  labor, 

(82)  Glutinum  vulgare  e  poUinis  flore  temperatur  fervente  aqua, 


42.    Das  ûberlieferte  taenea  fungo  papyri  bibula  ist  aehr  schvierig;  es 
làsst  sich  nur  dahin  Terstehen,  dass  ein  faden&hnlicher  Streif  irgend  velcher 
Art   sich   durch  das  Blatt  erstreckt,   welcher  sich  sufâllig  bei  der  ersten  Be- 
reitung   der   plag^ula  w&hrend   des   Elebens   zwiscben   Unterschicht  und  Ober- 
schicht  gelegt  bat;    dieser   Streif  heisst  bibula^   er  saugt  die  Dinte  eio;  au 
fungo  papyri  gehôrt  zusammen  (denn  papyri  bibula  gâbe  keinen  Sinn)  ;  dieser 
Ablativ  (nicbt  abh&ngig  von  bibula^  das  den  Genetiv  forderte)  ist  bossent  loae 
eingeftigt  and  mûsste  causale  Bedeutung  baben  in  dem  Sinne  tod  taenea  ortu 
fungo  papyri;    der   Schwamm   an   dem  Rohmaterial   der   Papynisfasem  selbii 
wûrde  es  also  sein,   durch   den  jene  taenea  beim  Kleben  entstand.     Ans  tou 
Schwamm  bebafteten  Fasem  Hess  sich  indess  gar  keine  Charta  mebr  bereiten 
(vgl.  BlQmner  S.  316);    wir  mûssen   also   annehmen,  fungus   stehe  hier,  wie 
wohi   auch   sonst,   in   weiterem   und   ûbertragenem  Wortsinn,    sodass  man  tA 
irgend  eine  andere  minder  sch&dliche  Abnormit&t  des  Materials  zu  denken  h.^ 
(so  Bûcheler;  bei  den  Medicinern  heisst  fungus  z.  B.  ein  kleines  Geschwûrcheo)* 
MOglicherweise   dûrfen  wir  uns  hierbei  definitiv  beruhigen.     Die  grosse  graiD'^ 
matische  Unbestimmtheit  des  Ablativs  fungo   neben   der  sachlicben  Schwieri^^ 
keit  l&sst  indess  den  Gedanken  an  Verschreibung  nicbt  ganz  zur  Ruhe  komme^ 
Es  wQrden  gleich  sehr  die  Construktion  und  die  Sache  selbst  gewinnen,  lies^^ 
sich  der  Sinn  herstellen:  „es  versteckt  sich  in  der  Charta  bisweilen  eine  taenea 
welche,  gleich wie  Schwamm,  jede  Feuchtigkeit  wegschluckt''.     Ich  mein^ 
inserta  mediis  glutinamentis  taenea  fungo  pariter  bibula,     Das  Adverb  parité 
bat  den  Dativ  bei  Livius  38,  16,  10  sowie  bei  Statius  Theb.  Y  121.  —   Unkl^ 
bleibt  ûbrigens  noch^  weshalb  im  Gegensatz  zu  allen  vorigen  Sch&den  gerac^ 
dieser  weder  durch  Geruch  noch  durch  das  Auge,  sondern  erst  beim  Schreib^ 
selbst    wahrzunehmen    war.     Jene    unsichtbare    taenea    muss    also    an    Kôrp>^ 
âusserst   winzig  gewesen   sein;    Salmasius  (zu    Vopiscus    Firm.   3)  ândert=^ 
ina  €  iunco  papyri  bibulo;   ganz   vorzQglich   wûrde   die  Winzigkeit  der 
eignen,   dem  Holzwurm,   der  die  trocknenden  Papyrusstangen  beimsuchte 
80  mit  den  schidae  in  die  Charta  gerieth. 

44.    Vgl.  hierzu  Dioscorid.  II  107:  xôkka  , , .  ytyofAÎyij  ix  r^ç  cffAèâvâ 


—  Plinius  XIII  §  80—83.  —  247 

rmmmo  aceti  aspersu;  nain  fabrile  cumm^que  fragilia  sunU    DUigentior  45 

cura  molUa  panis  fermentait  colata  aqua  fervente;  minimum  hoc  intergerwi 

€itque  etiam  poUtnis  lenitas  superatur. 

(83)  lia  fiunt  hngmqua  monimenta.  Tiberi  Gaique  Gracchorum  manus 

4ipud  Pomponium  Secundum  vatem  dvemque  clarissimum  vidi  annos  fere 

post  ducentos.     lam  vero  Ciceronis   ac  divi  Auguati  Vergilique  aaepe-  50 

numéro  videmus. 

Was  hiemach  von  Plinius  hinzugefugt  wird,  um  die  frube  Be- 
nntzung  der  Charta  in  alten  Zeiten  zu  erweisen  (§  84 — 89),  kann  an 
dieser  Stelle  fuglich  bei  Seite  gelassen  werden. 

Wir  entnebmen  dem  vorstebenden  Text  nun  nocb  eine  fur  das 
Bucbwesen  sebr  wichtdge  Tbatsacbe.  Die  Cbarta  war  weit  entfemt 
stets  sicb  gleicb  zu  bleiben.  Es  gab  von  ibr  eine  Reibe  von  Sort  en, 
die  sicb  nacb  Qualitât  und  Wertb  unterscbieden.  Die  Yerscbieden- 
heit  der  Provenienz  und  Fabrik  war  es,  wonacb  sicb  dies  bestinmite. 
Betracbten  wir  sie  nâber,  so  erfabren  wir  aus  fruberer  Zeit,  dass 
eine  besonders  gute,  Yor  allem  durcb  Zartbeit  und  Dûnne  {kêTnôxviç) 
ausgezeicbnete  Sorte  die  charta  regia  war,  die  einmal  bei  Hero  tïsqX 
avTOfAat,  pag.  269  (xciç'^fl^  XsTvtàxatov  t&v  fiaaiktxdv  xaXovfàéyœy) 
erwabnt,  bemacb  nocb  einmal  von  CatuU  (c.  19,  6)  aïs  beste  genannt 
wird.  Strabo  aber  kennt  sie  anscbeinend  nicbt  mebr,  der  S.  800 
die  hieratica  als  einzige  Yorziîglicbe  nambaft  macbt  (^  ikiv  XBiqdHV, 
f  ai  fieXtiwv  ^  Uçaux^,  se.  fivfiXoç).  Mutbmasslicb  war  das  Papier 
dasselbe  geblieben,  der  Name  batte  gewecbselt.  Dieselbe  hieratica 
nennt  nun  aucb  Plinius  als  erste;  sie  war  nacb  ibm  besonders  diinn, 
ihre  Breite  betrug  13  digiti  oder  0,2403  Meter.  Docb  wurde 
sie  alsdann  Augusta  benannt,  zu  Ebren  des  Kaisers,  nicbt  Yor  27 
T.  Chr.   und  wobl  erst  nacb  Âugustus'  Tod,  da  Strabo  den  Namen 

noch  nicbt  kennt     Mutbmasslicb  bôrte  der  Name  fiaatJiêX^  erst  auf 


9  yvçHoç,  PliniuB  XXII  127  und  XVIII  89  farina  (m  pollinem  subacta)  qua 
chartae  glutinantur,     Im  Index  zu  Buch  XXII  cap.  60:  farina  chartaria, 

47.  Fflr  poUinis  geben  die  meîsten  Codd.  lini\  M  nili\  B  verkflrEt  dies 
^och  weiter  zu  dem  einem  Buchstaben  /.  —  Cod.  M  allein  ist  fllr  ^i7t  nicht 
^ûnreicbende  Autorit&t;  er  bat  s.  B.  aucb  Z.  32  amplitudinem  fur  iatitudmem 
^ingescbwftrst. 

48.  Fflr  fiunt  die  Codd.  sint. 


248  —  ^^  Biieha«îte.  — 

mit  der  defiiiitiYen  Beseitigung  des  agyptâschen  Eônigthoms;  irihiend 
der  Regienmgszeit  des  Augustns  ersetzte  ihn  der  Name  Uçfnuiî, 
seit  des  Augustus  Tod  endlich  der  Name  yiifyowxva.  Der  sweite  irt 
nach  Analogie  der  ehrwûrdigen  yQccfifkata  IsQauMtt  gewâhh,  die 
schon  Herodot  und  nach  ihm  Biodor  erwahnt^). 

Eine  zweite  Sorte  wurde  charta  lÀcia  nach  der  Kaiserin  beiuumt, 
vermuthlich  gleichzeitig.  Sie  war  minder  zart,  aber  ebenso  breit 
wie  die  vorige*). 

Auf  eine  dritte  Sorte  wurde  gleichzeitig  der  alte  Name  herth 
iica  ûbertragen;  sie  war  sonst  der  Augusta  gleich,  aber  Yon  minder 
weisser  Farbung*)  und  hatte  nur  11  digiti  oder  0,2033  Meter 
Breite. 

Die  Fabrik  der  yierten  Sorte  war  nahe  dem  Ton  Strabo  S.  795 
bezeugten  Amphitheater  in  Alexandria  (denn  nur  an  dièse  Stadt 
kann  gedacht  werden)  belegen  und  hiess  hiemach  €imp1nihMltnM\ 
sie  galt  schon  als  ordinâr  {plàbeùi)y  ihr  Breite  betrug  9  digiti  oder 
0,1663  Meter. 

Dieser  Sorte  bemâchtigte  sich  nun  die  stadtromische^)  hidor 
strie;  ein  gewisser  Fannius*)  Yerbesserte  sie  in  Rom  in  der  Weise, 
dass  er  die  fertigen  Blatter  der  ampJdtheatrica  noch  einmal  besrbei- 
tete  und  zwar  sowohl  ihre  Dûnnheit  steigerte  (tenuatam)  als  aueb 
durch  weiteres  Einfugen  Yon  Papyrusfasem  oder  Bdssurae  ihre  Breite 
Yon  9  auf  10  digiti,  das  ist  auf  0,1848  Meter  brachte^;  so  erhob  et 


')  Herod.  II  36,  Diod.  I  81;  so  redet  auch  der  bilingue  Stein  t9^ 
Rosette  ron  den  U^à  yçâfiftaTa;  Clemens  Alex.  Strom.  V  S.  657  P.  nnter" 
scheidet  noch,  wie  die  Modernen,  UçoyXvq&xâ  und  iéçartxâ.  VgL  Eber^ 
Aegypten  S.  1. 

*)  Also  ist  es  nicht  ganz  richtig,  wenn  Plinius  von  ihr  Z.  36  sag^  sie  fr^ 
in  allen  Dingen  nur  zweiter  Qûte;  die  Breite  war  erster. 

*)  Dies  letztere  sagt  nur  Isidor:  gimilis  Augusteae^  sed  mbcolorata. 

^)  Die  Art,  wie  Plinius  das  Wort  Romae  setzt,  l&sst  schliessen,  d»  * 
s&mmtliche  voranstehenden  Sorten  nicht  in  Rom  fabricirt  wurden. 

^)  Dieser  Fannius   bat   mit  dem   Remmius   Palaemo,   dem   Grammatil*^  ' 
resp.  Kleiderfabrikanten,  nicbts  gemein;  denn  dieser  hiess  eben  Renunius 
nicht  Fannius  (Christ,  Rhein.  Mus.  XX,  69  f.). 

^)  Da  Plinius   das   Breitenmass   der  Fanniana  um  1  dig^tus   grôsser 


—  Die  neun  Sorten  der  Charta.  —  249 

îe  als  Fanniana  zu  einer  Hauptsorte.  Die  Blâtter  aber,  die  nicht 
urch  die  Fabrik  des  Fannius  hindurchgingen,  blieben  als  amphUheor 
iea  daneben  bestehen. 

Hieran  schlossen  sich  geringere  und  billigere  Chartae,  erstlich 
ie  Scdticay  aus  Sais,  zu  der  man  ^werthlosere  Abfalle^  yerwendete; 
renn  hier  Yon  ^AbfâUen^  in  den  Saitiscben  Fabriken  geredet  wird, 
3  fiabricirte  Sais  folglich  ausserdem  aucb  noch  bessere  Sorten,  und 
a  "wir  nun  fur  die  drei  ersten  Sorten  den  Fabrikationsort  nicht  er- 
ihren  und  da  an  Sais  gerade  die  mcLxma  /ertiUtas  an  Papyrusstauden 
ervorgehoben  wird,  dûrfen  wir  annehmen,  dass  Augusta,  Lma  und 
itratica  zu  einem  Theil  eben  hier  bereitet  wurden.  Allein  nur  die 
chlechte  Sorte  erhielt  den  Namen  Saitica;  ihre  Breite  ging  auf 
twa  8  digiti  oder  0,1478  Meter  zuruck*). 

Der  Preis  der  Taerdotica  (benannt  wie  der  oïvoç  vatyuùTtnoç 
Ach  einer  Landzunge  (taivia)  bei  Alexandria,  Athen.  S.  33  E)  wurde, 
fie  PliniuB  sich  ausdrûckt,  schon  ^nicbt  mehr  nach  ihrer  Gûte, 
ondem  nach  ihrem  Gewicht'^  bestimmt.  Dies  setzt  voraus,  dass 
>ei  Papier  besserer  Sorte  der  Preis  nicht  etwa  fur  ein  bestimmtes 
Grewicht  und  Yolumen  fixirt  war,  sondem  ein  schwankender;  er 
modificirte  sich  nach  Priîfung  der  Waare.  Es  konnte  also  das  Papier 
ans  ein  und  derselben  Fabrik  bald  schlechter,  bald  besser  gerathen 
flem.  Das  Taeniotische  dagegen  kaufbe  man  pfundweise  und  sah 
9^icht  mehr  darauf,  wie  weiss  oder  wie  dûnn  es  war. 

Endlich  an  letzter  Stelle  steht  die  Charta  des  Earâmerladens, 
iie  emporitica,  das  Diitenpapier,  nur  6  digiti  oder  0,1109  Meter 
''«it,  auf  dem  gamicht  geschrieben  wurde. 

Das  Syrische  papyrum  wurde  zur  Papierbereitung  nicht  yer- 
Stsdet 

Auch  der  spâte  Isidor  (origines  VI  9)  giebt  ùber  die  verschie- 
-•■len  Chartae  eine  kurze  Ueberschau,  wie  ReifTerscheid  mit  Grund 


"^  der  amphitheatrica  angiebt,  so  kann  jeDes  interpoUUione  nur  auf  dièse 
^rbreiieniDg  sich  beziehen,  die  nothwendig  durch  Einlegen  von  Fasem  ge- 
^Uh  (Blûmner  8.  322  fin.) 

')  Ihre  Breite  liegt   nach   Plinius   swischen   9   und  6  digiti,   aber   mehr 
^<h  jener  Zabi  bm. 


250  —  ï^*«  Buchseite.  — 

annimmt,  nach  Sueton  (ReifT.  Suet  S.  131).  Dièse  Ueberschau  stimmt 
mit  Plinius,  sofem  sie  aïs  beste  und  erste  die  Augustea  regia  maim 
formae,  hierauf  die  lAviana  und  hieratica,  sodann  in  umgekehrter  imd 
jedenfalls  verkehrter  Ordnimg  die  TaemoUca  als  yierte,  die  Smtka 
als  funfte,  als  siebente  und  letzte  die  emporetica  nennt.  Der  Doppel- 
name  Augustea  regia  bestâtigt  uns  hier,  dass  die  Augusta  wirklich 
au  s  der  regia  des  GatuU  hervorging.  An  die  sechste  Stelle  aber  stellt 
Isidor  den  Namen  Comeliana,  welche  Yon  Cornélius  Gallus  als  prae- 
fectus  Aegypti  zuerst  sei  bereitet  \vorden.  In  Anbetracht  der  son- 
stigen  Uebereinstimmung  darf  man  wohl  Termnthen,  dass  Isidor  auch 
hier  nur  die  Ordnung  nicht  treu  bewahrt  habe;  die  einzige  Sorte, 
die  er  auslâsst,  ist  nâmlich  die  amphitheatrica  oder  in  ihrer  zweiten 
Gestalt  die  Fanniana;  aiso  war  es  wohl  Cornélius  Gallus,  der  jene 
Officin  am  Amphitheater  zu  Alexandria  angelegt  hatte;  es  war  dies 
die  Fabrik  eines  Romers  am  Nil  ;  vielleicht  war  eben  dies  der  Grund, 
dass  gerade  nur  sie  weiter  nach  Rom  verpflanzt  und  in  Rom  weiter 
ausgebildet  worden  ist.  Der  Zorn  des  Kaisers  Augustus  lag  auf 
diesem  Prâfekten  Aegjptens  und,  wie  darum  Vergil  des  Gallus  Namen 
aus  den  Georgica  tilgen  musste,  wurde  auch  die  Benennung  jener 
Charta  nach  ihm  verpônt. 

Weitere  Sorten  sind  nicht  bekannt  *)  bis  auf  die  Zeit  des  Kaiser 
Claudius.  Dieser  war,  wie  bekannt,  Grammatiker  und  Antiquar;  er 
war  insbesondere  auch  fiir  das  Schriftwesen  schon  vor  seiner  Thron- 
besteigung  interessirt  gewesen;  innerhalb  des  Buchwesens  veranlasste 
er  die  Entstehung  der  charta  Claudia.  Sie  soUte  die  Augusta  iiber- 
bieten  und  war  bestimmt,  den  Bedûr&issen  auch  des  sensibelstec 
Schriftbeflissenen  zu  genûgen.     Die  Augusta  war  dûnn  und  zart  bi* 


')  Wenn  Statius  Silv.  IV  9,  26  in  einer  Aufsfthlung  von  geringfùgi^*^ 
Saturnaliengeschenken  schreibt:  Vel  mantilia  luridaeve  mappae^  Chœrtae  t^ 
baicaeve  caricaeve^  so  sind  mit  caricae  so  gut  Feigen  wie  mit  thehaicae  Datt^ 
gemeint,  und  eine  Thebanische  Charta  liegt  nicht  vor.  Bei  Theben  in  0\>^ 
ftgypten  gedieh  wohl  ûberhaupt  kein  Papyrus,  vgl.  Strabo  S.  800.  Die 
phitica  cliarta  bei  Lucan  besagt  nach  bekanntem  Sprachgebrauch  nichts 
aU  Aeg^fptiaca  charta;  vgl.  Cassiodor  a.  a.  0.:  Pulchrum  sane  apus  Mer/m f^^ 
ingeniosa  concepit  ut  universa  scrinia  vestiret  quod  unius  loci  labor  ei^^^^ 
texuisset. 


—  Die  neun  SorteD  der  Charta.  —  251 

• 

T  Durchsichtigkeît  :  die  Folge  war,  dass  die  Dinte  gelegentlich 
irchschlug  und  dann  die  etwa  auf  der  entgegengesetzten  Seite  be- 
idliche  Schrift  unleserlich  machte.  Dem  wurde  —  nach  dem  Wort- 
at  bei  Piinius  —  so  abgeholfen,  dass  aïs  obère  Schicht  die  Papyrus- 
§em  der  Augusta  beibehalten,  zur  Unterlage  aber  etwas  grôbere 
isem^),  Fasem  zweiter  Sorte,  das  sind  aiso  die  der  charta  Lima 
rwendet  wurden.  Die  festere  Claudia  ist  somit  durch  Composition 
T  Augusta  und  Livia  gewonnen  worden.  Ausserdem  aber  wurde 
r  eine  grôssere  Breite  bis  zu  1  rôm.  Fuss,  das  ist  0,2957  Meter, 
geben;  und  so  ist  sie  denn  in  der  Tbat  fur  Piinius  die  beste, 
Ihrend  die  Augusta  nur  fur  Briefe  in  Ansehen  blieb. 

Die  Claudia  ist  aJso  eigens  fur  Opisthographa  erfunden  wor* 
!n;  da  mit  diesen  Opisthographa  aber  nicht  Briefe  gemeînt  sind, 
ird  man  wohl  vorzugsweise  an  RoUen  litterarischen  Inhalts  denken 
[îssen. 

Damit  war  zugleich  die  grosste  Breite,  die  des  Piinius  Zeit 
mnte,  erreicht.  Nur  eine  Torûbergehende  Erscheinung,  die  Piinius 
littelst  des  Imperfektum  era()  als  vergangen  bezeichnet,  war  es 
wesen,  wenn  man  dieselbe  auf  einen  cubitus,  das  ist  0,4436  Meter, 
sdehnte;  macrocoUa  dieser  Breite  waren  versucht  worden;  sie 
wiesen  sich  aber  als  zu  zerreissbar. 

Es  £ragt  sich  nun,  was  in  allen  diesen  Angaben  unter  der 
reite  verstanden  ist.  Auf  diesen  Fragpunkt  ist  bisher  keine  be- 
ndere  Achtsamkeit  yerwendet  worden.  Meistens  werden  die  Masse 
!S  Piinius  aber  so  referirt,  als  ob  darunter  die  Hôhe  der  Papyrus- 
Ile  yerstanden  sei. 

Der  Rômer  konnte  bei  einer  Flâche  nicht,  wie  wir,  von  einer 


')  Das  corium  secundum  und  primum^  womit  Piinius  leider  einen  neuen 
(iminus  einfûhrt,  Btatt  einen  der  frûher  gegebenen  wieder  aufzunehmen, 
nn  unmfiglich  mit  schida,  im  §  77  gleichbedeutend  sein;  donn  wenn  bei  der 
audia  mit  einfacher  Umkehrung  nur  die  sonst  untenliegende  Schicht  oben 
d  die  sonst  obenliegende  Schicht  unten  gelegt  wurde,  so  war  damit  die 
knnheit  der  Augusta  nicht  vermindert.  AUo  wird  corium  gemeinbin  richtig 
f  das  Papyrusmark  selbst  gedeutet,  auf  die  inae  oder  fibrae^  die  man  in 
9aem  Fall  bei  der  Unterlage  nicht  aua  erster,  sondem  ans  sweiter  Qualit&t 
manm. 


252  —  ^^®  BuehMite.  — 

Hôhe  reden;  er  unterschied  nur  Umgitudo  und  kttitudo.  Dabei  ist 
dann  latittido  regelmâssig  die  kûrzere  beider  Dimensionen,  so  wie  am 
iugerum  der  Lange  240,  der  Breite  120  Fuss  gehôren.  An  der  aaf- 
geroUten  Rolle  ist  in  der  Tbat  die  Hôbe  die  kiîrzere  Dimension. 

Allein  dièse  Auffassung  ist  ungenau.  Minder  flûchtige  Lektôr» 
zeigt,  dass  Plinius  gamicht  an  die  BuchroUe  dachte.  Er  sagt  Z.  24: 
Magna  m  latUucHne  earum  cUferentia.  Was  ist  denn  mit  dem  ruckwei- 
senden  earum  bezeicbnet?  Dièses  Pronomen  nimmt  auf  das  deutlidiste 
die  Yorerwâbnten  plagtdae  auf,  fur  die  auch  die  Zabi  tricenae  gegeben 
wird.  Die  Grammatik  zwingt  also,  die  kUUudo  viehnehr  auf  dièse 
j^lagrdae  zu  bezieben.  D.  b.,  Plinius  giebt  die  Breitenmasse 
yiehnebr  fur  die  Einzelseiten  der  Rolle. 

Da  bieruber  ein  Zweifel  nicbt  besteben  kann,  so  fragt  sich  nur, 
welcbe  Dimension  der  plagula  als  ihre  Breite  bat  gelten  mûsseo. 
Die  Papyrusfunde  baben  von  dem  RoUenbucb  im  Allgemeinen  As- 
scbauung  genug  gewâbrt.     Auf  der  Blattflacbe  ist  die  Dimension,  in 
welcber  die  Zeilen  laufen,  fast  durcbgângig  geringer  als  die  andere, 
nacb  welcber  sie  unter  einander  steben.    Die  Blattflacbe  des  antiken 
Bucbes  entspricbt  also  far  die  Anscbauung  im  Grossen  und  Ganxen 
der  Seite  des  modemen.     Breite  ist  fur  uns  aber  die  Ricbtung,  in 
der  die  Scbrift  lâufb,  und  muss  es  aucb  fur  die  Alten  gewesen  sein. 
Ferner  stand  das  Blatt  aucb  râumlicb  zum  Lesenden  in  keinem  an- 
deren  Yerbâltniss  aïs  beute  die  Seite;  er  bielt  es  zwiscben  der  linken 
imd  recbten  Hand,  indem  er  in  der  recbten  den  noch  unaufgeroUten) 
in  der  linken  den  scbon  gelesenen,  wieder  zusammengerollten  Theil 
des  Bucbes  bielt.     Es  war  nur  môglicb,  die  Richtung  Yon  der  einen 
Hand  zur  anderen  als   laUtudo  dieser  Seite  zu   nebmen.     Wir  sind 
angewiesen,  eben  die  Blatt  breite  im  gewôlmlicben  Wortsinn  unter 
der  lutitudo  plagtdurum  zu  verstehen  und  von  dieser  Yoraussetzung  aus- 
gebend  die  Masse  erbaltener  Papyri  zu  betracbten,  die  sicb  vorlegen 
lassen  werden.     Sie  mûssen  zeigen,  ob  Plinius  sicb  correkt  ausge- 
drûckt  bat  oder  nicbt. 

Uebrigens  wendet  PJinius  aucb  einmal  Z.  19  den  entgegenge- 
setzten  Terminus  longitudo  auf  die  plagula  an.  Icb  verweise  hierfur 
auf  die  oben  S.  232  ff.  gegebene  Darstellung  der  Blattbereitung.  Als 
bemerkenswertb    erscbien    uns    dort,    dass    von    den   beiden  Faser- 


—  Die  Blattbreite  ein  Voriug.  —  253 

shichten  nur  fur  eîne,  und  zwar  fur  die  unten  liegende,  grosstmog- 
che  Lange  gefordert  wird,  dass  es  fur  die  andere  auf  die  Lange 
eDÎger  ankam;  es  folgte  daraus,  dass  die  untere  Faserschicht  in  der 
ichtung  der  grôsseren  Dimension  des  Blattes  lag;  dièse  grôssere 
imension  ist  aber,  in  den  meisten  Fâllen,  die  Hôhe.  Also  die 
latthohe  gilt  fur  Plinius  hier  als  longitudo;  um  so  weniger  wird  er 
.e  hemach  als  latitude  bezeichnet  haben. 

Man  wird  bei  nâherer  Betrachtung  sogar  sagen  mûssen,  dass 
linius  Z.  24  ff.  mit  direktem  Bezug  auf  die  erwâhnte  longitudo  und 
om  Zweck  der  Ergânzung  auf  die  latitudo  zu  sprechen  komme.  Er 
âtte  den  Abschnitt  nber  die  Sorten  Z.  24  bis  37  wohl  nicht  yon 
«.  4  bis  16  abgetrennt,  wenn  er  nicht  beabsicbtigt  hâtte  von  der 
ireite  der  ploffula  eben  im  Zusammenhang  mit  der  Lange  zu  reden. 

Dièse  Breite  wechselte.  Sie  richtete  sich  nach  der  Anzahl  der 
tissurae,  die  in  der  unteren  Schicht  neben  einander  gelegt  wnrden. 
fannius  yermehrte  ihre  Anzahl  in  der  charta  amphitheatrica  nm 
tînen  Zoll.  Und  dièse  Steigerung  der  Breite  war  ein  Vorzng;  die 
iorten  rangiren  vor  allem  hiemach;  denn  damit  steigerte  sich  auch 
lie  Zeilenlânge,  und  je  langer  die  Zeilen  waren,  je  weniger  brauchte 
1er  Schreibende  abzusetzen,  je  angenehmer  auch  las  sich  das  Ge- 
lehriebene. 

Weil  nun  aber  die  schlechten  Fabriken  nicht  dieselbe  Breite 
lerstellen  konnten,  wie  die  guten,  so  mnss  in  ihr  eine  besondere 
jechnische  Schwierigkeit  gelegen  haben.  Der  Grund  hierfur  wird  in 
blgendem  Umstand  zu  suchen  sein.  Bei  dem  gebundenen  Buch  oder 
[]Sodex  brauchen  sich  die  Einzelblâtter  nicht  gegenseitig  zu  halten, 
M>ndem  aile  sind  gleicherweise  an  einem  Gemeinsamen,  das  ausser 
hnen  steht,  an  dem  Buchriicken,  befestigt.  Bei  der  Rolle  der  Alten 
iehlte  dies  und  es  hing  nur  immer  eine  Seite  an  der  andem.  Ailes 
kam  hier  also  darauf  an,  dass  ein  Einzelblatt  nicht  einriss  oder  gar 
lurchriss:  geschah  dies,  so  war  damit  das  ganze  Buch  im  Aus- 
sinanderfall  ;  denn  an  jedem  Blatte  zog  rechts  und  links  das  Gewicht 
lUer  ûbngen  Blâtter.  Besonders  gefôhrdet  musste  immer  dasjenige 
sein,  das  gerade  gelesen  wurde;  denn  das  Lesen  ging  nicht  immer 
BO  ordentlich  Yor  sich,  wie  es  uns  Lukian  schildert  und  bildliche 
Monumente  Tielfach  zeigen,  dass  das  gelesene  sorglich  wieder  auf- 


254  —  ^^®  Buchseite.  — 

gerollt  in  der  linken  Hand  ruhte.  Es  kam  auch  yor,  dass  man  es 
sorglos  herabfallen  liess^),  und  alsdann  zog  die  ganze  Last  an  dem 
Blatt,  das  gelesen  wurde.  Natûrlich  waren  nun  aber  lediglich  die 
zwei  Blatt-Rânder  oben  und  unten  dem  Einreissen  ausgesetzt,  ôa  die 
zwei  ûbrigen  rechts  und  links  durch  die  angeklebten  Nachbarblitto: 
sicher  gestellt  waren.  Die  Eveotualitâten  des  Einreissens  der  Bander 
oben  und  unten  mehrten  sich  aber  offenbar  in  demselben  Grade,  je 
grôssere  Breite  denselben  gegeben  wurde,  d.  h.  je  mehr  Fasern  in 
der  Unterschicht  neben  einander  zu  liegen  kamen.  Je  schmaler  aiso 
die  Buchseite,  desto  iingefahrdeter,  aber  anch  desto  uneleganter  war 
sie.  Die  hôchste  Technik  bestand  dann,  die  Gegensàtze  zn  vereinigen 
und  das  Blatt  so  fest  zu  kleben  und  zu  pressen,  dass  es  mit  der 
grôssten  Breite  (latitudo)  und  Dûnne  (tenuitas)  doch  zugleich  auch 
die  grôsste  Zâhigkeit  und  Consistenz  (densitcLs)  yerband,  wozu  sich 
dann  als  weitere  Nebenvorzûge  noch  weisser  Glanz  (condor)  lud 
Ebenheit  (levitas)  gesellen  konnten  (ygl.  Z.  28). 

Durch  dièse  Ueberlegungen  wird  dann  auch  die  Begnindung 
annâhernd  yerstandlich ,  die  Plinius  dafur  giebt,  dass  Biatter  en 
17  Zoll  Breite  sich  als  nicht  praktisch  erwiesen  hatten:  ratio  depn- 
hencUt  vitium  unius  schidae  revulsione  plures  m/estante  pugmas  (Z.  34). 
Als  Hauptbegriff  tritt  hier  remUsio  heraus;  jene  ûbertriebene  Breite 
hatte  ein  ,,Abgeris8en  werden"  zur  Folge.  Das  nâhere  ist  nicht  so- 
gleich  klar,  und  es  gilt  zu  erwâgen,  was  hier  pagina  fur  Plinins 
bedeutet.  Sehr  deutlich  wird  zunâchst  schida  Yon  pagina  onter- 
schieden  —  denn  anderenfalls  lâsen  wir  einfach  entweder  unius  scMdae 
revulsione  oder  unius  paginas  revuUione  plures  infestante   —   und  wir 


*)  Vgl.   die  Rolle   in  der  Hand   des  Schlafenden   bei  Hieronymas,  oben 
S.  112  Anm.  4;  bes.  aber  das  Epigramm  Straton's  AnthoL  PaL  XII  208: 
EtfTuxiÇj  ov  g)d-oyé(o,  fi&fikiâ'&ov,  17  ^«  a*  dyayrovç 
Tittlç  nç  aya&XifiH  nçoç  rà  yévfKt  n^fiç, 

fiXrjan  dçoaëQvjy,  œ  fÀttxnçKTTOTaroy. 

TToAXnx»  ffonrianç  vnoxôXnioy  rj  naçà  di(f^çovç 

fikrjS^éy  jokfiijaètç  xilya  S^tyny  àffô^oiç. 

nokkà  d'  ly  ^çf/uip  nçokaki^aeiç  '  âkk'  vnèç  hf^ôîy, 

Xaçràçtoy,  déofiai,  nvxyôrëQoy  u  kaket. 


—  Seite  und  Schriftcolumne.  —  255 

haben  unter  ihr  so  wie  Z.  18  die  einzelne  scissura  z\i  verstehen;  die 
pagina  selbst  aber  war,  oach  nothwendiger  YoraussetzuDg,  regelmâssig 
mit  der  plagula  identisch  (vgl.  S.  229).    Dass  sich  nun  eine  Faser  im 
Blatt   besonders  leicht   losreisst,   wenD   die  Blattbreite  zu  gross  ist, 
begreift   man;    unvorstellbar    wâre    dagegeD,    wenn    dies  Losreissen 
mehrere,  d.  h.  also  auch  benachbarte  Blâtter  mit  beschâdigen  sollte. 
£&  folgt  hieraus  nothwendig,  dass  pagina  fur  Plinius  hier  nicht  das 
IBlatt  selbst,  sondern  vielmehr  die  Schriftcolumne  bedeutet.    Wenn 
er  sagt:    ,,bei  schmaleren  Blâttern  scbadet  ein  Faserriss  nur   einer 
Seite,   bei  diesen  allzubreiten   scbadet  er  sogar  mehreren**    (denn 
dièse  Antithèse  ist  ja  gemeint),   so  erklârt  sich  dies  einfach  genug 
dahin:   auf  schmaleren  plagulae   wird   nur   immer  in   einer  Schrift- 
columne geschrieben,  auf  einem  44  Centimeter  breiten  Blatt  stellte 
man  dagegen   mehrere  Schriftcolumnen  neben  eiuander;   wurde 
das  letztere  Blatt  beschâdigt,  so  litten  darunter  dann  gleich  mehrere 
SchriftsâuleD  ;  dies  war  der  Grund,  weshalb  man  sich  lieber  bei  den 
schmaleren  plagulae  Claudiae,  Augustae  u.  s.  f.  begnûgte,  die  nur  je 
eine  pagina  tragen. 

Dièse  Stelle  lehrt  uns  also  zweierlei:  erstlich,  dass  sich  der 
Begriff  der  „in's  Buch  eingefugten  Seite  **  —  pagina  —  damais  schon 
zu  dem  der  „ Schriftcolumne  im  Buch"  verâusserlicht  batte,  zweitens 
aber,  dass  es  im  Litteraturbuch  trotzdem  die  Regel  blieb, 
auch  noch  bei  den  breitesten  Sorten,  der  Claudia  und  Augusta, 
plagula  und  pagina  zu  identificiren  oder  auf  jedes  Buch- 
blatt   eine   Schriftsâule   zu   stelleu. 

So  weit  Plinius.  An  die  Nachrichteu,  die  er  fur  das  Buchblatt 
giebt,  wûrde  sich  nunmehr  ein  Verzeichniss  derjenigen  Masse 
anzuschliessen  haben,  welche  das  Papyrusblatt  in  den  vorhan- 
denen  italienischen  und  âgyptischen  Papyri  wirklich  auf- 
weist. 

Indess  sind  wir  sehr  weit  entfernt,  dièse  Statistik  so,  wie  wir 
es  wùnschen,  geben  zu  kônnen.  Die  Gelehrten,  die  bis  heute  Pa- 
pyrusfunde  beschrieben  haben,  geben  zwar  Masse,  allein  stets  nur 
die  der  Hôhe  und  Gesammtlânge  des  Papyrus.  Kein  einziger  bat 
auf  die  Composition  aus  Selides,  kein  einziger  auf  die  Klebungen 
2u  achten  sich  Zeit  genommen,  welche  die  Grenzen  der  Selides  be- 


256  —  ^^®  Buchseîte.  — 

zeîchnen.  Das  Aeusserste,  was  wir  ûber  das  Material  erfieJireD,  sind 
so  allgemeine  Prâdikate,  wie,  dass  der  Papyrus  schôn  oder  minder 
schon  seî,  oder  eine  Bemerkung  *  ûber  die  grossere  oder  geringere 
Grobheit  seines  Grewebes^).  Die  Mûhe  w8re  nicht  gross  ge'vresen, 
sich  zu  ûberzeugen,  wo  eîn  BJattende  ûber  dem  anderen  liegt,  and 
die  Abstânde  dieser  Klebungen  auszumessen.  Die  Erkenntniss  des 
RoUenbuchs  wûrde  dadurch  wesentlich  gewonnen  haben. 

Wir  mûssen  an  die  Stelle  des  Fehienden  indirekte  Schlûsse 
setzen,  die  sich  ans  den  Yorhandenen  Angaben  yielfiu^h  mit  Sicher- 
heit  ziehen  lassen,  wenn  sie  auch  minder  exakte  Zahlen  etgeben. 
Hierfur  ist  Folgendes  vorauszubemerken. 

Erhalten  wir  fur  einen  Papyrus  solche  Masse,  wie  0,26  Meter 
Breite,  0,90  Meter  Hôhe  und  laufen  die  Zeilen  in  der  Dimension  0,26 
—  so  Pap.  Paris.  21,  Tfl.  24  u.  25  — ,  so  sind  die  l^iasse  in  dieser 
Weise  fur  uns  nicht  benutzbar.  Es  ist  in  solchen  Fâllen,  die  be- 
sonders  Urkunden,  Contrakte  u.  âhnl.  betreffen,  nicht  wirkiich  eine 
grosse  Selis,  was  uns  Torliegt,  wie  unten  folgende  Beispiele  iliustriren 
werden,  sondem  eine  Folge  Yon  Selides,  deren  Hôhe  0,26  ist  und 
deren  Breiten  zusammen  0,90  ergeben;  d.  h.  in  vielen  Fâllen  der 
Privatskriptur  wurden  die  Zeilen  mit  Yermeidung  jeder  Colunmen- 
theilung  den  Blattklebungen  paraUel  gerichtet  und  ûber  sânmithche 
Blâtter  eine  grosse  Schriftcolumne  hergestellt.  Vgl.  die  Beispiele 
fiy  £j  ^j  ^«  Hierher  gehôren  auch  manche  unter  Marini's  Paptn 
cUplomatici. 

Ebenso  wenig  ist  ein  Schluss  auf  die  Blattbreite  moglich,  wenn 
wir,  wie  bei  dem  von  Buttmann  edirten  Contrakt,  als  Hôhe  0,312, 
als  Lange  1,569  finden,  wâhrend  die  Zeilen  ohne  abzusetzen  fut 
die  ganze  Dimension  1,569  entlanglaufen.  Hier  schneiden  die  Zeilen 
fraglos  mehrere  Klebungen.  Vgl.  auch  die  Papyri  des  Brit.  Mu». 
N.  41  u.  42,  u.  a. 

Wenn  wir  fur  den  Grundplan  des  Grabes  Eônig  Ramses  de* 


')  Dies  gilt  auch  Ton  Marini;  nar  sa  N.  94  der  Papiri  diphmatici  t»^ 
merkt  er:  rotti  in  3  persi,  per  essersi  distaccate  le  tre  tuniche  o  falde  cb^ 
componeyano,   sowie  zu  N.  74  A  mit  genauer  Massangabe:   es  seien  drei   ^^ 
lumnen  zu  je  14  Zeilen,   ciascuna  riempie  lo  spazio  di  quattro  pezzi,  o  fa^» 
o  tuniche  di  Papiro  di  dieci  pollici  Puno. 


—  Blattbreiten  erhaltener  PapyrL  —  257 

▼ierten,  Ton  welchem  der  obère  Theil  abgerissen,  1,746  Meter  Lange 
iind  0,435  Hôhe  erhalten^),  wobei  an  der  Kôhe  Yieles  feblt  und 
Guich  die  Lange  noch  incomplet  ist,  so  mûssen  die  Selides  hier,  um 
solclie  Flâche  herzuBtellen,  nicht  nur  in  einer,  sondem  in  beiden 
DimenBÎonen  nebeneinander  geklebt  sein.  So  auch  werden  wir  uns 
die  geographischen  Earten  der  Alten,  falls  solche  auf  Papyrus  her- 
gestellt  wurden,  zu  denken  haben. 

Aber  auch  die  Facsimilia  in  Colunmen  geschriebener  Papyii 
lassen  nicht  immer  einen  sicheren  Schluss  zu.  Denn  freilich  mûssen 
wir  in  der  Regel  yoraussetzen,  dass  jede  Columne  in  die  Grenzen  je 
einer  Selis  gestellt  und  die  Elebungen  als  Intercolumnien  gebraucht  wur- 
den (ygl.  S.  229,  255);  dies  wird  Autopsie  gewiss  hâufig  bestâtigen*). 


>)  Lepsius,  Abhdl.  d.  Berl.  Akad.  1867  S.  1  ff.  Das  Faosimile,  in  Vs 
Terkleinertem  Massstab,  hat  0,582  M.  L&nge,  0,145  M.  HOhe.  —  Ein  anderer 
Plan  bei  Lepsias,  Auswahl  y.  Urkunden  des  &g.  Alteribams,  1842,  Tfl.  XXII. 

^  Ueber  die  57  scblechten,  serschnittenen  Papyrasfragmente,  Ton  Brugsoh 

1853  gefunden,   die  sicb  auf  der  Egl.  Bibliotbek  zu  Berlin  befinden  und  von 

Parthej  (in  Memorie  deU'  Instituto  di  corresp.  arcbeol.  II  S.  438  ff.)  edirt  sind 

—  ans  dem  Aktenscbrank  eines  rOmiscben  Beamten,  der  z.  Z.  des  Serer  nnd 

Mazimna  in  Mempbis  lebte  — ,  notire  icb  zur  Illnstration  Folgendes:    Frg.  7: 

Kmt  sweier  Selides;    Scbrift  auf  beiden   Terscbieden;   in    der  Elebung  liegt 

SeL  I  ûber  SeL  II.  —  Frg.  24:  links  anbebend  mit  Intercolumnium  0,035  IL; 

«in  einziger  Scbriftzug  am  Band  links  zeigt,  dass  hier  eine  Columne  ausging; 

die  Columne  rechts   vom  Intercolumnium  stebt  mit  ibren  Zeilenanftngen  auf 

«ner  Elebung;  nur  1  bis  2  Anfangsbuchstaben  steben  auf  Sel.  I,  das  Uebrige 

ftUt  Sel.  II;  SeL  I  liegt  flber  II.  —  Frg.  25:  Elebung  sicbtbar  etwa  beim 

TÎerten  Anfangsbucbstaben  der  Zeilen.  —  Frg.  18:  zwei  Solides,  jede  besondert 

besebrieben;    docb    feblt   leerer  Raum    an  der  Elebung.    —    Frg.  28:   grobe 

JUebang,  docb  feblt  leeres  Spatium  ;  Sel.  I  liegt  ûber  Sel.  II  ;  Scbrifi  auf  beiden 

renchieden.   —   Frg.  30:  recbts  am  Band  Zeilenende  und   ebenda  Elebung; 

SeL  I  ftber  Sel.  IL  —  Frg.  32:  mit  Intercolumnium;  zugleicb  scheint  am  Zeilen- 

uMàhog  Ton  Col.  II  scbmale,  fast  nicbt  wabmebmbare  Elebung.  —  Frg.  35: 

BÎ*  Intercolumnium;  am  Anfang  Yon  CoL  II  scbeint  ganz  scbmale  Elebung.  — 

V?-  44:   sebr  deutlicbe  Elebung;  Sel.  I  liegt  ûber  Sel.  II;  nur  auf  II  findet 

^    Sohrift.    —    Frg.  45:    Elebung   recbts    am    Columnenende    sicbtbar.   — 

V»  48:  Riss  (mit  Elebung  7)  zwiscben  zwei  Columnen.  —  Frg.  49:  Elebong 

'■^  «iem  Columnenanfang.  —  Frg.  50:  Elebung  deutlicb;  SeL  I  liegt  ûber  SeL  II. 

^     Xlebung  merklicb  dicker.   —   Frg.  51:    Elebung  am  C!olumnenende.  — 

S'*    12:   zwei  Columnen,   Ton  0)1.  II  nur  die  Anfangsbucbstaben;  das  Inter- 

iBIrt,  Baebweaen.  17 


258  ~~  ^®  Buclueite.  — 

Doch  fehlen  Ausnahmen  Dicht,  die  erweisen,  dass  die  Regel  nicht 
eigentlich  auf  Nothwendigkeit  beruhte  (s.  unten).  Die  Elebungen 
waren  doch  fest  und  glatt  genug,  um  Schrift  zu  tragen,  ohne  da- 
durch  die  Gleichmâssigkeit  der  Zeile  erheblich  zu  beeintrachtàgen. 
Ein  auffallender  Beleg  fur  die  Ignoiirung  der  Selidesgrenzen  ist  der 
Ëpitaph  des  Hyperides  (éd.  Babington  mit  Facsim.);  die  duich  Striche 
bezeichneten  Greuzen  der  Colunmen  laufen  hier  schief  und  unregd- 
mâssig  und  konnen  Elebungen  nicht  entsprechen;  so  ist  denn  z.  B. 
Col.  Vn  2  unten  0,095,  oben  0,083  Meter  breit  Dasselbe  gilt  m 
Chrysipp  negi  ànoifatmtAv  (Pap.  Paris.  N.  2,  Tfl.  XI),  dessen  Co- 
lunmen windschief  stehen.  Am  bezeichnendsten  und  lehrreichsten 
aber  sind  die  Opisthographa  dafûr,  dass  Columnen  ohne  Rûcksicht 
auf  die  Selides  hergerichtet  wurden.  Der  Eudoxuspapyrus  hat  von 
23  Columnen  zu  je  ca.  0,11,  hinten  nur  13  Columnen  zu  ca.  0,16  M. 
Breîte;  daher  entspricht  der  Rand  der  unteren  Col.  I  der  Mitte 
der  oberen  Col.  22  u.  s.  f.  Dasselbe  lehrt  der  Judenpapyms  (Ps^* 
Paris.  68,  Tfl.  46);  hier  steht  Col.  C  auf  dem  Rûcken  der  CoL  A 
imd  eines  Theils  der  Col.  B;  ebenso  giebt  F  ein  Intercolumnium  aof 
dem  Rûcken  der  voUen  Col.  E. 

So  ist  denn  auch  die  Môglichkeit  nicht  ausgeschlossen,  dass  man 
zwei  oder  gar  mehr  Schrifbsâulen  auf  eine  Selis  stellte,  dass  aiso 
das  Intercolumnium  auch  insofem  nicht  zugleich  immer  den  Rand 
einer  Selis  anzeigt.  Scheint  ein  solches  Verfahren  irrationell,  so 
wurde  es  doch  seine  Analogie  schon  in  den  frûhesten  Zeiten  des 
Pergamentbuchwesens  finden,  welches  die  Blâtter  auch  in  Colimmen 
zu  nur  10  Buchstaben  p.  Z.  abtheilt^).  Plinius  aber  bezeugte  uns  die» 
als  ein  ausnahmsweises  Verfahren  oben  S.  255. 


columnium,  0,02  M.,  noch  einmal  so  dick;  Sel.  II  lieg^  hier  (anders  als  in  deo 
meisten  Beispielen)  ftber  Sel.  I;  der  Absatz  oehr  deutlich.  Das  Intercolomniona 
ist  quer,  von  unten  nach  oben,  in  2  Zeilen  bescbrieben;  ebenso  auch  das  Inter- 
columnium in  Frg.  25. 

ï)  Vgl.  den  Pap.  v  îm  Text.  Im  Frg.  23  der  in  vor.  Note  erw&hnten  Frag- 
mente, dessen  Intercolumnium  0,022  M.  breit  ist,  ist  eine  Elebung  nicht  v 
kennbar.  Môglich  ist,  dass  dies  aucb  Ton  den  Intercolumnien  in  Frg.  ^ 
ungewiss,  ob  in  33,  40  gilt.  Vor  Allem  aber  gehGrt  Marini  Pap.  diplo"" 
N.  74  A  hierher,  ûber  den  Tgl.  S.  256  Note. 


«'t 


—  Blattbreîten  erhaltener  Papyri.  —  259 

Wir  gehen  am  sichersten,  indem  wir  einige  an  den  Originalen 
bst  genommene  Masse  Toranstellen.  Sie  betreffen  âgyptische 
1  griechische  Papjri,  die  sich  im  EôDiglichen  Muséum  zu  Berlin 
ne  auf  der  Koniglichen  Bibliothek  daselbst  befinden. 

a)  Aeg.  Pap.  des  Kgl.  Muséums,  GV  12,  zerschnitten  imd 
'  mehrere  Mappen  vertheilt.  Material  schôn  und  feingearbeitet, 
âbungen  sehr  fein.  Mappe  a:  Hôhe  0,338  M.  Die  Breitendimension 
terbrechen  zweî  Elebungen  ;  der  Abstand  zwischen  diesen  Klebungen 
giebt  0,1745  M.  als  Selisbreite.  —  Mappe  b:  Hôhe  0,338;  Breiten- 
«tand  zwischen  zwei  Klebungen  0,201.  —  Mappe  c:  Hôhe  0,334; 
reitenabstand  zwischen  zwei  Klebungen  0,199.  —  Mappe  d:  die 
5he  wie  im  vorigen;  die  Breite  schneiden  drei  Klebungen;  Abstand 
ischen  Klebung  I  u.  II:  0,20,  zwischen  Klebung  H  u.  IH:  0,2075. 
Mappe  e:  Hôhe  wie  vorhin;  Breitenabstand  zwischen  Klebimg  I 
II:  0,199,  zwischen  Klebung  II  u.  DI:  0,1975.  —  Mappe  g:  Hôhe 
315;  Breite  zwischen  Klebung  I  u.  H:  0,197,  zwischen  Klebung 
u.  ni:  0,19.  Das  Material  scheint  hier  etwas  schlechter,  die 
îbungen  minder  fein.  —  Mappe  h:  Hôhe  0,337;  Breite  zwischen 
^l>ung  I  u.  II:  0,202.  —  Mappe  i:  Hôhe  0,34;  Breite  zwischen 
îbang  I  u.  n  :  0,20,  zwischen  Klebung  H  und  dem  rechten  Rand, 
r  die  Buchrolle  abschloss:  0,20. 

/?)  Pap.  des  Kgl.  Mus.  N.  512.  Opisthograph,  in  Glas  und 
hmen:  mehrere  Klebungen  sichtbar.  Breite  zwischen  je  zweien 
ebungen  durchgângig  0,176;  Hôhe  0,363.  Die  Schrift  lâuft  in  der 
mension  0,363. 

y)  Aeg.  Pap.  des  Kgl.  Mus.  N.  1558,  medicinisch,  gefunden 

der  Nekropolis  von  Memphis;  zerschnitten  und  auf  elf  Mappen 

rtheilt.      In    Mappe  X    ist    der   Papyrus    durchsichtig    aufgeklebt. 

>le  durchgehend  0,20  M.  —  ErsteMappe:  Anfang  der  Buchrolle; 

■^te  Yom  Rand  rechts  bis  zur  ersten  Klebung  0,256;   von   da  bis 

Di  linken  Rand  0,30.  —  Dritte  Mappe:  Breite  zwischen  zweien 

ebungen  0,2735.  —   Fûnfte  Mappe:  Breite  zwischen  Klebung  I 

d  H:  0,267;  von  der  zweiten  Klebimg  dieser  Mappe  bis  zur  E^ebung 

Mappe  VI:    0,28    (0,011   dieser  Selis    steht   noch    in  Mappe  V, 

•69  zu  Anfang  der  Mappe  VI).     Die   letztgenannte  Klebung  liegt 

"^e   zwischen  zweien  Schriftcolumnen ,  ebenso  die  vorletzte;   die 

17* 


260  —  ^^®  BuchBeite.  — 

Torvorletzte  dagegen  liegt  mitten  in  der  Colunme,  was  sich  oft  wieder- 
holt.  —  Breite  tod  der  einen  Elebung  in  Mappe  YI  bis  znr  enten 
Klebung  in  Mappe  VH:  0,28  (0,202  in  VI,  0,078  in  VII).  - 
Siebente  Mappe:  Breite  zwischen  Elebung  I  und  H:  0,282.  Von 
da  bis  zur  ersten  Klebung  in  Mappe  VIII:  0,282  (0,163  in  VII, 
0,119  in  Vlll).  —  Achte  Mappe:  zwiscben  Elebung  I  und  II:  0,265. 
Von  da  bis  zur  Elebung  in  Mappe  EK:  0,2725  (0,0535  in  Vm,  0,219 
in  IX).  Die  letztgenannte  Elebung  fallt  zufâllig  wieder  zwiscben 
zwei  Scbriftsâulen.  —  Von  da  bis  zur  ersten  Elebung  in  Mappe  X: 
0,2765  (0,2455  in  IX,  0,031  in  X).  —  Zehnte  Mappe:  zwischen 
Elebung  I  und  U  :  0,279.  —  Von  da  bis  zur  Elebung  in  Mappe  H: 
0,2785  (0,1535  in  X,  0,125  in  XI).  —  Von  da  bis  zum  linken  Rand, 
d.  h.  zum  Ende  der  Buchrolle:  0,2015.  Also  die  Scblussselis  ist 
schmâler  oder  incomplet. 

â)  Demot.  Pap.  des  Egl.  Mus.,  Inv.  S.  26  N.  21.    Linge 
des  Ganzen  0,754,   Breite  des  Ganzen  0,273.     Die  Schrift  lâdt  pi- 
rallel  der  Dimension  0,754  und  fuUt  yom  oberen  Rand  ab  0,153  M.; 
darunter  leerer  Raum  0,12  M.    Scblechter  Papyrus;  so  fein  die  Ele- 
bungen  in  den  vorigen  Beispielen,  so  grob  erscheinen  sie  hier;  die- 
selben  laufen  parallel  der  Dimension  0,273;   dies  ist  also  die  Blatt- 
hôhe.  —  Breite  Tom  linken  Rand  zur  Elebung  I:  0,115;  auf  dieaer 
Elebung  endet  die  von  rechts  nach  links  laufende  Schrift  —  Breite 
von  Elebung  I  zu  II:  0,085.  —  Von  Elebung  II  zu  HI:  0,103.  - 
Von  m  zu  IV:  0,105.  —  Von  IV  zu  V:  0,106.   —  Von  V  zu  VI: 
0,099;  auf  dieser  Selis  beginnen  die  Zeilen.  —  Von  Elebiing  VI  w 
Vil:  0,098.   —  Ueber  dieser  siebenten  Selis  ist  dann  noch  der  An- 
fang  einer  acbten  geklebt,  dessen  Breite  nur  0,02  M.  betrâgt 

s)  Pap.  des  Egl.  Mus.  AX.  5.  Eaufcontrakt,  datirt  Tom 
19.  Mesori  des  29.  Jahres  der  Regierung  des  Ptolemaeos  EuergetesII 
(10.  September  141  v.  Chr.).  G^sammtlânge  0,875;  dazu  Breite  0,305. 
Secbs  demotische  Schriftzeilen  und  das  Achtel  einer  siebenten  laufen 
in  der  ganzen  Lange  der  Dimension  0,875  bis  zum  Rand.  Leerer 
Raum  ûber  der  Schrift  0,061,  unter  ihr  0,185.  Die  Elebungen  lanlen 
in  der  Dimension  0,305;  dies  ist  also  die  Blatthôhe.  —  Breite  Tom 
Rand  links  bis  Elebung  I:  0,145.  Die  Elebung  selbst,  in  dér  die 
zwei  Nachbarblâtter  aufeinander  liegen,  scheint  0,021  breit  —  Breite 


—  Blattbreiten  erhaltener  Papyri.  —  261 

Ton  Elebung  I  zu  II:  0,141,  Yom  Ende,  oder  0,1625  vom  Anfang 
der  Elebung  I  ab  gemessen.  —  Breite  von  Klebung  II  zu  lU:  0,171. 
Die  Elebung  war  hier  an  ihrem  unteren  Theil  offenbar  beschâdigt; 
daselbst  ist  ein  schmaler  Papyrusstreif  zur  Sicherung  ûbergeklebt, 
der  Scbrift  trâgt  und  0,145  Hôhe,  0,036  Breite  hat.  —  Breite  von 
Klebung  m  zu  lY:  0,164.  Die  Fasem  der  oberen  Lage  der  vierten 
Selis  sind  z.  Th.  abgesprungen,  darum  findet  sich  hier  am  oberen 
Theil  der  Elebung  lY  ein  Papyrusflicken  aufgesetzt.  —  Yon  Elebung 
IV  zu  Y:  0,17.  —  Der  Rest  bis  zum  rechten  Rand  ist  0,088  M. 
l>reit,  also  eine  halbe  Selis. 

Q  Hierat.  Pap.  des  Egl.  Mus.  N.  1559.  Feinster,  zartester, 
dichtester  Papyrus,  den  ich  gesehen.  Gesammthôhe  0,755;  dazu 
Breite  0,206.  Die  Schrift,  in  der  Dimension  0,206  laufend,  lâsst 
oben  und  unten  sehr  breiten  Rand.  Die  Elebungen  sind  durch  Yer- 
folgung  der  Einzelfasem  nur  mit  grosser  Mûhe  aufzufinden  ;  auch  sie 
laofen  in  der  Dimension  0,206;  dies  ist  also  die  Blatthohe.  —  Die 
erste  Elebung  steht  vom  unteren  Rand  0,176,  die  zweite  0,468  M. 
ab;  von  da  bleiben  0,285  M.  bis  zum  oberen  Rand.  Also'  zwei 
Selides  zu  0,285  und  0,292  Breite,  an  die  y^  Selis  unten  angefûgt  ist. 

Il)  Pap.  der  Kgl.  Bibliothek.  MS.  Graec.  Fol.  34.  Drei 
sich  fortsetzende  Blâtter.  Erstes  Blatt:  Gesammthôhe  0,456; 
Majdmalbreite  0,315;  die  Rânder  sind  imeben.  44  Zeilen  grosser 
Schrift  laufen  in  der  Dimension  0,315;  in  derselben  laufen  die  sehr 
deutlichen  Elebungen;  sie  ist  also  die  Selishôhe.  —  Breite  bis  zur 
ersten  Elebung  vom  oberen  Rand  0,135;  die  Zeilen  14  imd  15  sind 
tmbekummert  ûber  dièse  Elebung  weggeschrieben.  —  Breite  zwischen 
Elebimg  I  und  II:  0,191.  Dièse  Selis  ist  un  ter  die  vorige  geklebt; 
Elebung  II  lâuft  anfangs  unter  Zeile  33,  hemach  unter  Zeile  32.  — 
Yon  da  bis  zum  unteren  Rand:  0,1185.  —  Die  erste  Selis  liegt  viel- 
leicht,  wie  die  dritte,  nicht  in  ganzer  Breite  vor. 

Derselbe.  Zweites  Blatt.  Gesammthôhe  0,514;  dazu  Breite 
0,317.  Fortsetzung  des  vorigen;  Schrift  imd  Elebungen  laufen  also 
in  der  letzteren  Dimension,  die  die  Selishôhe  ist.  Yom  oberen  Rand 
nir  ersten  Elebung  0,045  M.,  dies  ist  Rest  der  letzten  Selb  des 
vorigen  Blattes,  haltend  die  Zeilen  45  bis  49.  —  Breite  von  dieser 
Elebung  I  bis  Elebung  II:  0,226.     Dièse  Selis  trâgt  Zeile  50—71. 


262  —  I>ie  BachBeite.  — 

Anfangs  liegen  die  Enden  der  Blattfasern  unter  Zeile  71,  hernacb 
unter  Zeile  70.  Die  Auslâufer  der  Fasem  liegen  hier  ûber  der 
nâchsten  Selis  unordentlich  hin  und  her  gebogen;  der  glutinator  bat 
flûchtig  gearbeitet.  —  Breite  zwischen  Elebung  II  und  ni:  0,236 
(Zeile  72 — 96).  Auch  dièse  Selis  liegt  ûber  der  folgenden,  Ton  der 
indess  nur  der  Rand  0,005  breit  erhalten  ist. 

Derselbe.  Drittes  Blatt.  Gesammthohe  0,296,  dazu  Breite 
(oben  gemessen)  0,307.  Fortsetzung  des  yorigen;  Zeilen  und  £3e- 
bungen  laufen  wie  dort;  0,307  ist  also  Selishôbe.  Breite  Yom  oberen 
Rand  bis  Elebung  I:  0,191.  Auf  dieser  Selis  steht  der  nur  0,122  M. 
Yon  oben  fûllende  Rest  des  Textes,  Z.  97 — 106,  auf  den  aber  nach 
leerem  Raum  noch  Reste  Ton  2  Zeilen  folgen.  —  Ueber  dem  Ënde 
dieser  Selis  beginnt  die  folgende;  sie  trâgt  abschliessende  figuiiite 
Omamente  und  ist  0,1 14  breit  bis  zur  nâchsten  Klebung,  unter  der 
der  Anfang  einer  weiteren  Selis  ansetzt,  nur  0,009  Breite  erreicheni 
Es  scheint,  dass  dieser  Papyrus  wie  die  Nummem  y,  d,  «,  f,  ^  in 
der  Fabrik  grôsser  gefertigt  war,  ab  er  vorliegt,  und  Yom  Schreiber 
nach  Abschluss  des  Textes  abgeschnitten  wurde;  daher  am  Ënde 
der  Rest  einer  Selis. 

d)  Pap.  der  Kgl.  Bibl.  Fol.  21.  Vier  Blâtter,  enthaltend 
einen  Text  Yon  111  Zeilen;  aile  Yier  haben  die  Breite  0,20,  lângs 
der  sowohl  Schriftzeilen  wie  Klebungen  laufen.  Sie  ist  also  die 
SeUshôhe.  Gesammthohe,  Blatt  I:  0,459;  II:  0,45;  III:  0,464;  IV: 
0,396.  Erstes  Blatt.  Drei  Klebungen,  zwischen  Zeile  7  und  8, 
bei  Zeile  15,  auf  Zeile  24  (dagegen  Zeile  25  hat  nur  Bruch);  also 
Selisbreite  Yom  oberen  Rand  bis  Klebung  I:  0,127,  bis  Klebung  II: 
0,127,  bis  Klebung  III:  0,133.  —  Breite  Yon  der  letzten  Klebung 
auf  Blatt  I  bis  zur  ersten  auf  Blatt  II:  0,13  (auf  Blatt  I  0,07  mit 
Zeile  25  —  28;  auf  Blatt  II  0,06  mit  Zeile  29—32).  —  Zweites 
Blatt:  Breite  zwischen  Klebung  I  und  II  (Zeile  32—41):  0,132.  - 
Breite  zwischen  Klebung  U  und  III  (Zeile  42— 50):  0,138.  —  Breite 
zwischen  Klebung  III  und  IV  (Zeile  51—59):  0,13.  —  Breite  von 
dieser  Klebung  lY  bis  zur  ersten  Klebung  des  dritten  Blattes:  0,132 
(Blatt  II:  0,072  mit  Zeile  60— 63  ;  Blatt  III:  0,06  mit  Zeile  64-67). 
—  Drittes  Blatt:  Breite  zwischen  Klebung  I  und  II  (Zeile  67—75): 
0,128.   —  Zwischen  Klebung  II  und  UI  (Zeile  76—83):  0,135.  - 


—  Blattbreiten  erhaltener  Papyri.  —  263 

Zwischen  Klebung  m  und  IV  (Zeile  84—93)  :  0,132.  —  Breite  von 
dieser  Klebung  IV  bis  zur  ersten  Klebung  des  vierten  Blattes:  0,13 
(Blatt  m:  0,007  mit  Zeile  94;  Blatt  IV:  0,123  mit  Zeile  95—104). 

—  Viertes  Blatt:  Breite  zwischen  Klebung  I  und  II:  0,136.  Von 
dieser  Selis  tragt  nur  der  erste  Theil  noch  Text,  der  mit  Zeile  111 
Bchliesst,  0,20  M.  vom  oberen  Gesammtblattrand.  —  Breite  zwischen 
Klebung  II  und  lU:  0,132;   leer,  doch  mit  Resten  von  zwei  Zeilen. 

—  Folgt  endlich  noch  ein  schmaler  untergeklebter  Streif,  0,005  breit. 

#)  Pap.  der  Kgl.  Bibl.  N.  7.  8.  Zwei  griechische  Urkunden*). 
In  Glas  imd  Rahmen.  N.  I  ist  eine  Selis  ohne  Klebungen.  Hohe 
0,341  M.,  Breite  0,144  bis  0,15.  Sie  ist,  wie  es  scheint,  in  Anlass 
von  Faltung  kreuzweise  durchgerissen.  Der  Theil  oberhalb  des  hori- 
zontalen  Risses  hat  0,178,  der  unterhalb  0,163  Hohe.  Der  vertikale 
Riss  liegt  0,013  vom  rechten  Rand.  Die  Zeilen  stehen  in  der  Di- 
mension 0,15. 

x)  Ders.  N.  Il  ist  eine  Selis  ohne  Klebungen.  Hohe  0,353, 
Breite  0,111.   Das  Blatt  ist  auf  0,063  M.  von  unten  fast  unbeschrieben. 

A)  Pap.  der  Kgl.  Bibl.  57  Fragmente,  éd.  Parthey  (vgl. 
oben  S.  257  Note  2).  Die  H5he  ist  ûberall  incomplet.  Frg.  37,  eine 
Selis  anscheinend  compléter  Breite,  0,097  M.  —  Fur  Frg.  6  habe 
ich  0,107  Breite,  fur  Frg.  I  hat  Parthey  a.  a.  0.  0,095  M.  Breite  notirt, 
doch  bin  ich  ungewiss,  ob  die  Breite  dieser  Fragmente  gerade  Selis- 
breite  ist.     Sehr  schlechtes  Material. 

ju)  Arab.  Pap.  des  Kgl.  Mus.  151a.  Sammlung  kleiner 
Fragmente.  Darunter  eine  selbstandige  Selis,  anscheinend  voll- 
stândig  (?),  0,266  hoch,  0,08  breit     Sehr  schlechtes  Material. 

y)  Griech.  Pap.  des  Kgl.  Mus.  142.  Sammlung  kleiner  Frag- 
mente. Schlechtes  Material.  Frg.  142  K.,  Hohe  0,212  ist  incomplet, 
Breite  0,251  M.  Nach  der  Klebung  (0,079  M.  vom  linken  Rande) 
folgt  eine  0,102  breite  Schriftsâule ,  auf  dièse  ohne  nachweisbare 
Klebung  ein  mit  Zeilenanfangen  beschriebener  Fetzen,  0,067  breit. 
Ob  Beides  zusammengehôrt,  ist  ungewiss.  —  Daselbst  ist  Frg.  142  m. 
bei  incompleter  Hohe   0,21   breit;   grobe  Klebung  steht  vom  Rand 


0  VgL  W.  A.  Schmidt,  Forschungen  auf  dem  Gebiete  des  Alterthums  L 
Berl.  1842. 


254  —  ^®  Buohsaîte.  — 

links  0,013.  Bas  ûbrige  scheint  eine  0,20  breite  Selis,  anf  der 
leerer  Baum,  Schriftcolumne,  leerer  Raum,  Schrifty  leerer  Rauin, 
Schiift  sîcli  abwechseln. 

Fassen  wir  die  so  gefundenen  Selidesmasse  zusammen  and  stelleo 
9ie  mit  den  Ton  Plinius  gegebenen  in  Yergleichung.    Die  Selis  hat  im 

Breite  H8te 

Mêler  Meter 

1.  Papyrus  C 0,285—0,292    0^ 

2.  ,  y 0,266—0,282  0,20 

3.  „  fi  (Tgl.  •') 0,191—0,236  0,315 

4.  „  a 0,174-0,207  0,3S5 

6.  „  fi 0,176  0,863 

6.  „  e 0,162-0,171  0,305 

7.  „  * 0,144—0,15  0,3él 

8.  „  & 0,127—0,138  0,20 

9.  „  jy,  Blattin 0,114  0,307 

10.  „        d 0,085—0,115    0,278 

11.  „        X 0,111  0,358 

12.  „       X  (vgl.  y) ♦0,097 

18.        „       fA ♦0,08  0,266. 

Die  Hohe  schwankt  also  zwischen  0,20  und  0,36,  ihr  Minimalmass 
Yerhâlt  sich  zu  ihrem  Maximalmass  wie  4  zu  7.    Die  Breite  hat  die 
yiel  erheblichere  Schwankung  zwischen  •OjOS  und  0,292;  ihr  Minimum 
verhâlt  sich  zu  ihrem  Maximum  yielmehr  wie  4  zu  14^1^    Die  Mannig- 
faltigkeit  der  Breite  entspricht  derjenigen,   Ton  der  Plinius  meldet 
Wir   ûnden    fast   fur    aile  Sorten    bei  Plinius    hier  Vertreter.    Zur 
charta  Augusta  (0,2403),  der  einstigen  hieratica  und  regia,  dem  Papier 
der  âg3^tischen  Priester  und  Kônige,  gehoren  die  Yorzûglichen  N.  1, 2 
imd  auch  noch  3,  z.  Th.  sogar  der  Claudia  (0,296)  sehr  nahe  kommend; 
zu  der  spâter  sogenannten  hieratica  (0,2033)  die  N.  4;  zur  Fanniana 
(0,185)  K  5,  6  und  z.  Th.  N.  4;   zur  amphitheatrica  (0,166)  z.  Tb. 
N.  5;    zur  Saitica   (0,148)  N.  7;   zur  emporetica  (0,11)   die  leUteû 
Nummem  9 — 13;    N.  8   exemplificirt  uns  die  dazwischen  stehende 
Taeniotica. 

Hierauf  môge  ein  Verzeichniss  von  Massen  sich  anschliessen,  ^* 
ich  den  Publikationen  ûber  Pap3nru8fande  entnehme,  insbesond^"^ 
jaber  die  zu  Paris  („Pap.  Paris.",  Notices  et  extraits,  XVIIX,  2,  '^'* 
Brunet  de  Presle,  mit  Facsim.  in  Folio),  zu  London  („Pap.  Brit 


—  Blattbreiten  erhaltener  PapyrL  —  265 

sscription  of  the  Greek  Papyri  in  the  British  Muséum,  Part  I, 
mdon  1839),  zu  Turin  („Pap.  Ttirin.",  vgl.  Peyron,  Pap.  graeci, 
irin  1826),  zu  Berlin  (N.  19  und  47,  Zauberpapyri  éd.  Parthey, 
i)handl.  d.  Berl.  Akadem.  1865  S.  109  S.),  zu  Leyden  („Pap.  Leyd.«, 
semans,  Pap.  graeci  Mus.  Lugduni-BataYi,  Leyden  1843)  aufbewahrten. 
anderen  Publikationen  wie  von  Leemans,  Lettre  à  M.  François 
dTolini  sur  les  monuments  Egyptiens  etc  Leide  1833  S.  96,  wo  etwa 
Q  Dutzend  hieratischer  Papyri  besprochen  werden,  oder  A.  Mai, 
Le  âgypt.  Papyri  der  Yaticanischen  Bibliothek,  ûbersetzt  Ton  Bach- 
ann,  Leipz.  1827,  erhalten  wir  gar  keine  Masse  oder  doch  keine 
reitenmasse.  —  Bis  auf  wenige  Ausnahmen  sind  von  unserem  Yer- 
ichniss  principiell  Papyri  mit  Columnentheilung  ausgeschlossen 
orden.  Nur  bei  Opisthographen ,  wo  auf  Rûck-  und  Vorderseite 
e  Golunmen  sich  genau  deckten  (N.  45,  58),  durfte  solche  Coiumne 
r  die  Selis  seibst  genommen  werden.  Masse,  die  auf  indirektem 
^uss  beruhen,  sowie  die  nur  approximativ  richtigen  kennzeichnet 
a  Asteriscus. 

Brelte  HQbe 

Meter  Meter 
14.  Pap.  Paris.  25,  Tfl.  27  (1  Col.;  HObe  incomplet)  .  0,27  tïberO,28 
16.  Pap.  Leyd.  B  (^pnlcberrimus";  3  Coll.;  Breite  0,73, 

ursprûnglicb  wohl  0,8) ♦0,27  0,33 

16.  Pap.  Brit.  M.  XI  (deaptb  13  i.,  breadtb  lOVJ  .     .     0,26  0,33 

17.  Pmp.  Paris.  20,  Tfl.  23  (1  Coiumne,  43  lange  ZeUen)     0,25  0,35 

18.  Pap.  Hercul.  (lai.  £pos;  éd.  Neap.  !P)     .     .     .     .     0,238  — 

19.  Pap.  Beri.  éd.  Parthey  N.  II  (lang  2  P.  11  Z.,  4  Coll.)  *0,228  0,31 

20.  Pap.  Paris.  23,  Tfl.  26  (BrouiUon  sa  Pap.  Par.  22)     0,22  0,33 

21.  Pap.   Brit.  M.  VI    (deaptb    13  i.,    widtb  l?»/*;    in 

2  Coll.,  also  nnsicber) *0,22  0,33 

22.  Pap.  Mariette  (Egger.  Rev.  arcbéol.  23  S.  137)  i)  ,  «0,22  «0,20 

23.  Pap.  Paris.  29,  Tfl.  28  (1  Col.) 0,21  0,33 

24.  Pap.  Paris.  4,  Tfl.  12,  Fragment,  Masse  des  Facsim.  *0,202  *0,215 


^)  Eins  der  drei  Fragmente,  die  Egger  1869  Yon  Mariette  Bey  erbielt 
ri*  Egger,  Comple-renda  de  l'acad.  des  inscr.  et  belles  lettres  1869  S.  141); 
ift«lbe  ist  ein  Brnchstûck  in  Form  eines  Vierecks  von  ca.  0,20  M. ,  zeig^ 
•<»11.,  Yon  denen  die  linke  durcb  Tertikalen  Riss  balb  lerstOrt,  die  recbte 
r^^en  mindestens  zu  swei  Dritteln  der  Breite  erbalten  ist:  0,16  M.;  ibre 
^«te  Zeile  v.  3  bat  incomplet  37  Bucbstaben,  erg&nst  52;  wenn  37  Bncb- 
aof  0,16,  so  standen  deren  52  auf  0,225  Breite. 


266  —  ^ie  Buchseite.  — 


Breite  HSbe 

Mflter 


25.  Pap.  Paris.  22,  Tfl.  26  (Bittschrift;  1  Col.  in  langen 

ZeUen) 0,20  0,82 

26.  Pap.  Paris.  64,  Tfl.  52  (2  Coll.;  Klebang  swîsehen 

beiden  im  Facsim.  aichtbar) 0,20  0,31 

27.  Pap.  Paris.  42,  Tfl.  32  (1  Col.,  Schrift  l&uft  paraUel 

der  Hôhe) 0,20  0,32 

28.  Pap.  Paris.  17,   Tfl.  21   (1  Col.;    HOhe   incomplet; 

Schrift  parallel  der  Hôhe) 0,20  *0,30 

29.  Pap.  Paris.  19  bis,  Tfl.  19  (1  Col;  HOhe  incomplet)  0,20  - 

30-.  Pap.  Paris.  39,  Tfl.  32  (1  Col.) 0,19  0,38 

30»».  Pap.  Brit.  M.  XII  (length  I2V3  l,  breadth  7»/,)     .  0,19  0,318 

31.  Pap.  Turin.  I  (10  CoU.,  je  0,196  breit?)  ....  —  0,315 

32.  Pap.  Paris.  13,  Tfl.  17  (Brief;  1  CoL) 0,18  0,80 

33.  Pap.  Harris  (Homer;  vgl.  S.  128;  L&nge  3  engL  Foss; 

7  Coll.)     .     .    '. «0,18  0,258 

34.  Pap.  Brit.  M.  XllI  (13  i.  1.,  7  br.) 0,176  0,828 

35.  Pap.  Leyd.  D  („8ati8  integer**;  1  CoL)       ....  0,175  0,88 

36.  Pap.  Paris.  28,  Tfl.  28  (1  Col.;  Hfihe  incomplet  0,21)  0,17  - 

37.  Pap.  Paris.  27,  Tfl.  28  (1  Col.  mit  wachsenden  ZeUen)  0,17  0,82 

38.  Pap.  Leyd.  K  (crassior;  structura  rudior;  color  fuscus; 

1  Col.) 0,17  0,38 

39.  Pap.  Leyd.  0  (Jabricae  rudioris'';  1  CoL;  war  gefaltet)  0,17  0,81 

40.  Pap.  Brit.  M.  X  (9  Z.  br.,  6V4  tief;  Schrift  l&uft  l&ngs 

der  Hôhe) 0,17  0,228 

41.  Pap.  Leyd.  C  („satis  integer**;  1  Col.) 0,165  0,37 

42.  Pap.  Brit.  M.  V  (123/^  Z.  lang,  ô»/,  breit)      .     .     .  0,162  0,322 

43.  Pap.  Paris.  65,  Tfl.  43  (Brief,   1  Col.) 0,16  0,31 

44.  Pap.  Turin.  VII  (1  CoL) 0,16  0,30 

45.  Pap.  Paris.  56,  Tfl.  37   (verso  demotisch  Col.  III  = 

recto  griechisch  CoL  I) 0,16  0,17  (?) 

46.  Pap.  Paris.  12,  Tfl.  17   (Brief;    1  CoL,  Hôhe  0,22 

unten  incomplet) 0,16  — 

47.  Pap.  Berl.  éd.  Parthey  N.  I  (lang  2  F.  7  Z.,  6  ColL)  ♦0,16  0,34 

48.  Pap.  Leyd.  Ë  (satis  pulcher  et  tenuis;  2  folia,  alterum 

alteri  affixum;  zus.  0,31   breit) ♦0,155  0,33 

49.  Pap.  Brit.  M.  XIV  (13  Z.  L,  6V2  br.) 0,154  0,328 

50.  Pap.  Bankes.  (Homer;  L&nge  „fero  8  ped.  anglicos^, 

in  16  Coll.) ^0,152  0,253 

51.  Pap.  Paris.  59,  Tfl.  36  (1  CoL;  Hôhe  incomplet  0,14)  0,15  - 

52.  Pap.  Paris.  18,  Tfl.  22  (Brief;  1  CoL;  Hôhe  incom- 

plet; Schrift  paraUel  der  Hôhe) 0,15  •0,21 


—  Blattbreiten  erhaltener  Papyri.  —  267 

Brdte  Hdhe 

Meter  Meter 

ip.  Paris.  Il,  Tfl.  18  (OpÎBthogr.;  l  Col.;  Breite 

0,14  incomplet) —  0,31 

ip.  Brit,  M.  XVIII  (I2V3  i.  lang,  5%  br.)  .     .     .  0,145  0,316 
ip.  Paris.  65  bis.  Tfl.  43  (1  Col.;   HObe  0,26  in- 
complet)      0,142  — 

ip.  Paris.  10,  Tfl.  18  (1  Col;  im  Pacsim.  0,16  breit)  0,14  0,31 

ip.  Paris.  30,  Tfl.  29  (1  Col.) 0,14  0,33 

&p.   Paris.   54  a.  52,    Tfl.  35    (Opistbogr.    Becto 

Col.  III  =  Verso  Col.  II) 0,137  0,20 

ip.  Turin.  XI  (1  Col.;  HOhe  incomplet)   .     ,     .     .  0,137  *0,23 
tp.  Leyd.  T  (Notizen  des  Ptolemàos;  structura  satis 

bona;  3  Coll.,  laufend  l&ngs  der  HObe)      .     .     .  *0,135  *0,24 

ip.  Paris.  3  (Ilias  B.  XVIII),  1  Col *0,135  — 

ip.  Paris.  9,  Tfl.  12  (1  Col.;  Hôhe  0,26  incomplet)  0,13  — 

&p.  Turin.  II  (1  Col.  Hôbe  unten  incomplet)     .     .  0,13  *0,32 

ip.  Turin.  XII  (1  Col.?) 0,126  0,32 

ip.  Turin.  III  (l  Col.) 0,124  0,32 

ip.  Brit.  M.  (lengtb  12%  i.,  breadth  4%)   .     .     .  0,12  0,322 
àp.   Paris.  14,   Tfl.  19   (1  Col.;   Hôbe   nicbt   ganz 

ToUstândig) 0,12  *0,30 

»p.  Paris.  46,  Tfl.  34  (Brief;  1  Col.) 0,12  0,31 

»p.  Paris.  47,  Tfl.  34  (Brief;  1  Col.) 0,12  0,33 

»p.  Paris.  7,  Tfl.  17  (1  Col.) 0,12  0,23 

»p.  Paris.  49,  Tfl.  34  (Brief;  1  Col.) 0,12  0,32 

àp.  Paris.  8,  Tfl.  17  (1  Col.;  HObe  incomplet,  Breite 

fast  complet) *0,12  — 

àp.  Leyd.  A  (1  Col.;  Breite  nicbt  ganz  complet)  .  0,113  0,33 

ip.  Brit.  M.  (deaptb  I2V3  i.,  breadtb  47,)  .     .     .  0,112  0,315 

ftp.  Leyd.  F  (structura  rudior  ;  textura  crassier  ;  l  Col.)  0,1 1  0,31 

ip.  Paris.  32,  Tfl.  30  (1  Col.) 0,11  0,29 

»p.  Brit.  M.  XX  (7 Va  i.  L,  4  br.;  3  CoU.  zu  je 

etwa  4  BuchsUben) 0,10  0,19 

ip.  Brit.  M.  XIX  (8Va  i.  L,  4  br.) 0,10  0,214 

ip.  Paris.  18  bis,  Tfl.  22  (1  Col.,  im  Facsim.  0,15  br., 

0,21  b.) 0,10  0,20 

!ip.  Turin.  V  (  1  Col.) 0,10  0,32 

ftp.  Paris.  40,  Tfl.  32  (Brief;  156  v.  Cbr.;  1  Col.; 

Hôbe  0,60;  2  Solides  ûber  einander?)       .     .     .  0,09  (0,30?) 

ap.  Turin.  VI  (1  Col.) 0,09  0,32 

ap.   Leyd.   D    (folium    secundum,    fîiniculo    maiori 

alligatum) 0,09  0,33 


»? 


Bnto  HSbfl 

Mècer 


Pkk.  3u  n.  ao  <i  gj.) o,06       0^4 

ââ.  P19W  Pnt.  4S.  TL  s     1  Cd.;  5  ZailMi  pwaU 

4v  Hlfe 0,06  0,30 

SSl  Pafw  Pa».  4ft.  n.  »  (1  GbL;  Brirf;  ZailMi  Hags 

éff  Hlfe 0,06         0^ 

ST.  Pa^L  Pa».  4»,  n.  »  (1  GbL:  Bmf;  ZmImi  Hags 

éir  Hïfe 0,06  0,33 

8e.  PafL  Para.  4d.  11.  M  (Brirf;  1  GoL;  îb  FbeaÔB. 

0.09  Ww 0,06         0,26 

89.  Pa^  BriL  U.  XXQ  (i  Cd.;  7l^  L  wide,  3  deep; 

Scfeift  Uaft  Iteft  év  H6W) 0,075       0,183 

90.  Pa^  Brk.  M.  XYD  «9  L  L,  3  W.) 0,075       0^ 

91.  Pa^  Para.  58,  TL  37  (1  CoL;  HsW  0,14  ineomplet)     0,07 

Hîem  môgen  Doch  emîge  Hôheninasse  hinziigefagt  weidea 
solcher  Papyri,  derai  Selîsbieîte  far  uns  nichit  eonstatirbar  ist 

Papyri  der  Yadcanischen  Bibliothek  (Nach  Mu-BachmaDii;  Schiift 
meist  hientisch),  Tfl.  I,  H:  0,284 >);  Rahmen  I:  0,335;  Rahmen  H: 
0,335;  m:  0,335;  VO  D:  0,372;  THI:  0,335;  XI  D:  0,242;  ÏIB 
(demotisch):  0,242;  XH  F:  0,35;  XIV(hieroglyplii8ch):  0,298;  XV C: 
0,335.  —  Ang.  Pap.  sus  der  Mûratolischen  Sammhing  zu  Berlin  (Bott- 
nuum,  Abhdl.  d.  Berl.  Akad.  1824  S.  89  £.):  0,3135.  —  Papyrus  Musei 
Borgiani  (éd.  Schow,  Rom  1788  S.  XXI):  0,2233.  —  Papyrus  domus 
Alterianae  (Schow  a.  a.  O.  S.  XXIV):  0,335.  —  Eaîserreskript  (Vgl. 
Massmann,  libell.  anrarios  Lpz.  1840;  de  Wailly,  Mém.  de  Tacad.  d. 
inscr.  et  b.  1.  XV  1842  S.  399  f.  Mommsen,  Ztschr.  f.  deutsches 
Eecht  Bd.  VI 404  f.):  0,303.  —  Pap.  Leyd.  S  („8tructurae  satds  bonae»): 
0,20.  —  Epitaph  des  Hyperides  (éd.  Babington)  :  0,232.  —  Hyperides 
(Demosth.  Lycophr.  Euxen.):  0,312.  —  Chrysipp  nsgl  àjfOfpafêxif 
(Pap.  Paris.  N.  2):  0,206.  —  Pap.  Paris.  69  (Tfl.  46):  0,318.  —  Marini, 
Pap.  diplomatici,  N.  87  (S.  287):  0,33.  —  Ebenda  N.  92:  0,31  (^ 
Facsim.).  —  Ebenda  N.  102:  0,328  (im  Facsim.).  —  In  sâmmtliclien 
Herculanensiscben  Rollen  griechischen  Textes  hâlt  sich  die  HÔiie 
constant  zwischen  0,20  (Philodem  éd.  Oxon.  Il  S.  46  ff.  Tfl.  LVl)  ond 


^)  Hieratisch.  Beginnend  mit  drei  ungleichen  Schrifts&ulen  sa  0,13;  0,10; 
0,13  M.  Breite,  es  folgen  links  Zeichnangen,  die  ganze  Hôhe  fïlllend,  derea 
Breite  0,515  M.  betr&gt. 


—  Blattbreiten  erhaltener  Papyri.  —  269 

0,245  M.  (adespot.  éd.  Neap.  VIIP  Tfl.  42—52;  vgl.  Demetrios,  ibid. 
YI*)^);  darûber  hinaus  gingen  anscheinend  diejenigen  mit  lateinischem 
Texte,  wie  die  Fragmente  yerrathen');  das  gemeinsame  Mass  aber 
veist  auf  die  Herkunft  jener  RoUen  aus  einer  Fabrik. 

Die  Begrûndung  ist  schon  vorhin  dafur  gegeben  worden,   dass 

nnser  Yerzeichniss  sicb  der  Papyri  mit  mehreren  Golumnen  princi- 

piell   enthâlt,  mit  Ausnahme  solcher  Fâlle,  wo  besondere  Indizien 

(N.  26,  45,  48,  58,  83)  oder  ûbrigens  Wahrscheinlichkeit  (N.  15,  19, 

21,  22,  33,  47,  50,  60)  dafur  spricht,  dass  Columne  und  Selis  zu- 

sammenfalle.    Dièse  Enthaltung  ist  somit  von  den  Hyperides-  und 

Endoxospapyri  auch  auf  aile  âhnlichen,   insbesondere  auch  auf  die 

Hercolanensischen  Rollen  ausgedebnt     Zur  Ërgânzung  und  Contrôle 

môgen  hier  einige  Masse  fur  Colunmenbreite  angereiht  werden.    Pap. 

Paris.  62  (Tfl.  39—42),  in  8  CoU.  Hôhe  0,30,  Breite  Col.  I  (incomplet) 

0,15,  n  0,238,  m  0,238,  IV  0,249,  V  0,241,  VI  0,205  (incomplet), 

Vn  incomplet,  Vm  0,25.  —  Pap.  Paris.  15  (Tfl.  19  u.  10)  in  3  Coll., 

Breite  im  Facsim.:  I  0,23  M.,  Il  0,245,  III  0,256.  —  Pap.  Paris.  16 

CM.  21)  2  Coll.,  I  ^0,203,  H  0,157  Breite  im  Facsim.  —  Pap.  Paris.  26 

^fl.  29)  Hôhe  im  Facsim.  0,30,   Breite  Col.  I  0,255,  Il  0,14.  — 

Pap.  Paris.  33  (Tfl.  30)  Hôhe  im  Facsim.  0,31,  Breite  Col.  I  0,217, 

n  0,115.  —  Pap.  Paris.  37  (Tfl.  31)  Hôhe  im  Facsim.  0,31,  Breite 

Col.  I  0,21,  II  0,131.  —  Pap.  Paris.  55  bis  (Tfl.  38)  Hôhe  im  Facsim. 

0,30,  Breite  Col.  I  0,255,  H  (incomplet)  0,16.  —  Pap.  Paris.  60  bis 

(Tfl.  38)  Hôhe  im  Facsim.  0,33,  Br.  Col.  I  0,155,  Col.  H  0,12,  m 

incomplet.  —  Pap.  Paris.  61  (Tfl.  39)  Hôhe  0,30,  Br.  im  Facsim. 

Cîol.  I  0,24,  n  0,18.  —  Pap.  Paris.  67  (Tfl.  43)  Br.  im  Facsim.  Col.  H 

0,215,  Col.  I  u.  ffl  incomplet.  —  Pap.  Leyd.  L,  breit  0,28,  in  2  Coll., 

jede  etwa  0,14.  —  Pap.  Paris.  66  (Tfl.  44)  Hôhe  0,33,  Br.  im  Facsim. 

CîoL  I  incomplet,  H  0,155,  m  0,148,  IV  0,167.  —  Pap.  Par.  19  (Tfl.  22) 


1)  Bel  £pikur,  éd.  Neap.  VP  S.  37  f.  und  abermals  ibid.  S.  82  f.  iat  die 
Hôhe  (0,175  n.  0,163)  incomplet.  Nach  den  photolithographiachen  Tafeln  ron 
OomperU,  HercoL  Studien  II  (Leips.  1866)  bat  Pbilod.  mçi  iwfffitktç  nnr 
0,185  (Titelblatt)  oder  0,17  M.  (Tfl.  8);  dieselbe  BoUe  bat  éd.  Neap.  U^TfLlt 
0,203  Hfibe. 

*)  Pap.  Herc.  N.  1475  fr.  5  bat,  obscbon  Fragment,  0,202  HObe,  rgl. 
ZangemeÎBter  vu  Wattenbacb  Tfl.  I. 


270  —  ^®  Bnchseîte.  — 

2  Coll.,  jede  im  Facsim.  0,11.  —  Endlich  hat  der  Papyrus  des  Alhnan 
zu  Paris  (Tfl.  50)  im  Facsimile  bei  seinen  kurzen  Yerszeilen  nor 
0,098  Br.  (Col.  H,  ebenso  III). 

Die  Facsimilia  der  Herculanensisclien  RoUen  griechischen  Textes, 
Tor  allem  in  der  Neapler  Ausgabe,  fûhren  die  schmalen  Schriftsâden 
jede  einzeln  Yor  mit  zugehorigem  Rande.  Dass  hier  die  natûiiiche 
Grosse  gegeben  wird,  ist  nach  der  Anlage  des  Werkes  Toraasznsetzen; 
differîren  davon  die  Oxforder  Facsimilia,  wie  beim  Demetrios  m^ 
Tïïotfjfmtœv  (Breite  0,095  M.  éd.  Oxon.,  0,1005  éd.  Neap.),  so  ist  wohl 
der  Neapler  Ausgabe  zu  folgen.  Die  Breite  der  SchriftsaiileD  mit 
leerem  Rande,  wie  sie  in  ihr  Torliegen,  ist  nun  im  Maximum  sur 
0,13  M.  (einmal  Vil»  81  £.,  fr.  IX  adespot.);  darauf  folgt  0,1265  (V* 
176  f.  Titel;  Philodem),  0,121  (I«  Tfl.  71  f.  PhUodem;  Titel),  0,1165 
(VI»  Titel;  Demetrios),  0,116  (VI*  Tfl.  1  f.,  Philodem),  0,112  (H* 
S.  3;  adespot.  VIU^  Philodem),  0,11  (IX»  Tfl.  1,  PhUodem;  V«S.156£ 
Col.  XI).  Viele  halten  sich  zwischen  0,106  bis  0,90  *),  viele  «wischen 
0,089  und  0,80  «),  viele  zwischen  0,079  und  0,70»).  Noch  schmâler 
sind  n*  (Epikur  Ttsgl  (pva,  B)  0,066;  Pap.  Ercol.  inedito,  pubL  d* 
Comparetti  (Philodem)  0,0625  (Col.  I— IV),  oder  0,06  (Col.  V-VM). 
Bisweilen  erscheint  das  Titel  tragende  EschatokoU  breiter  (I'  Tfl.  71, 
Philod.  0,121  gegen  0,098;  H»  1  f.  Philod.  0,094  gegen  0,081;  VI* 


»)  XI*,  Philod.;  V  Tfl.  71  f.  Col.  VI,  Philod.;  ibid.  S.  109 f.,  PhUod.; 
IV  198  f.,   Philod.;  V>  1  f.;  VHP  S.  121  —  126;   X»   S.  97;    IV»  S.  109  f.; 
V>  S.  36  ff.,  Philod.;  VP  65  f.,  Col.  VI,  Epikur;  ibid.  S.  69  f.,  Col.  IX,  Epikorj 
ibid.  S.  92  f.,  Epikur;  ibid.  8.  112  f.,  Kolot.;  V»  S.  22  f.,  Col.  II,  Chrysipp? 
ibid.  182,  Karneiskos;  VIP  2f.;  ibid.  41  f.;  ibid.  140 f.;  VIII  1—6;  ibid.  42-52^ 
ibid.  63—67;  ibid.  134—141;  éd.  Oxon.  II,  Philod.  Rhetorik  B.  IV. 

3)  P  1  f.  Philod.;   ibid.  Tfl.  16  f.  Philod.;   ibid.  Tfl.  162  f.  Col.  VI;  H^ 
Tfl.  1  ff.,  bes.  Tfl.  101—122,  Philod.;  ibid.  Tfl.  148  f..  Col.  VI;  IV»  1  f.,  TiteU= 
Philod.;  ibid.  42  f.,  Philod.;  VP  1  f.,  Epikur;  ibid.  S.  8  f.,  Epikur;  ibid.  S.24I:  . 
Epikur;  S.  106 f.,  Philod.;  ibid.  127,  Col.  I;  ibid.  150  f.;  ibid.  189  f.,  CoLVfl 
V»  S.  196,   Philo3trat;  VIP  124;  ibid.  157;   ibid.  161;  ibid.  186;  ibid.  197 
VHP  7f.;  ibid.  26;  ibid.  36;  ibid.  58;  ibid.  63;  ibid.  76;  ibid.  101;  ibid.  108    - 
ibid.  119;  ibid.  127;  ibid.  142  f..  Col.  XIV;  ibid.  179. 

3)  P,  PhUod.;  P  Tfl.  93  f.,  Philod.;  ibid.  Tfl.  84;  ibid.  Tfl.  145  CoL  K 
Philod.;  H>  Tfl.  169,  Philod.;  HP  72  f.,  Philod.;  ibid.  1 16  ff.;  VP  67  f.,  Epikoc=« 
ibid.  82  f.,  Epikur;  V»  26  f..  Col.  VH,  Philod.;  ibid.  77  f.  Col.  L,  Philoc 
Vn»  191—196;  VHP  82—100;  éd.  Oxon.  II  S.  46f.,  CoL  LVI. 


—  BUttbreiten  erhaltener  Papyri.  —  271 

>emetrios  0,116  gegen  0,094;  V»  176  f.,  Phnod.  0,126  gegen  0,088; 
V*  1  f.  Philod.  0,085  gegen  0,078),  bisweilen  auch  schmâler  als  die 
brigen  Columnen  (V«  156  f.  Philod.  0,098  gegen  0,11  Col.  XI,  0,101 
JoLXXU). 

Betreffs  der  Herculanensischen  RoUen  mit  lateinischem  Prosatext 
9t  anzumerken,  dass  ihre  Columnenbreite  grôsser  gewesen  zu  sein 
cheint;  facsimilirte  Fragmente  geben  fur  die  nicht  complète  Breite 
las  MasB  0,144  und  0,15^). 

Nocb  sei  der  Casatiscbe  Papyrus  angefuhrt,  Pap.  Paris.  5  (Tfl. 
13 — 16),  bei  dem  die  Nicbtachtung  der  Blattgrenzen  in  der  Colum- 
aenTertheilung  am  augenfalligsten  ist.  Seine  Masse  giebt  St.  Martin 
[Joum.  d.  Sav.  1822  S.  555);  er  ist  8  Zoll  =  0,205  M.  hoch,  16 Va  Fuss 
=  5Meter  lang;  das  Facsimile,  erbeblich  verkleinemd ') ,  zeigt  non 
Col.  I  0,48  M.  breit.  Col.  H  0,245,  m  0,125,  IV  0,08,  V  0,07  u.  s.  f. 

Blicken  wir  auf  unser  Yerzeichniss  selbst  zurûck.  Was  in  diesen 
Zahlen  gesetzmâssig  ist,  ist  nicht  zu  verkennen  und  bat  unser  Urtheil 
principiell  zu  beeinflussen  ^. 


1)  Zangemeister-Wattenbach  Tfl.  II  N.  1  (Pap.  N.  1067  fr.  Il)  und  Tfl.  I 
Pap.  y.  1475  fr.  5).  Ëin  anderes  lateinisches  Fragment,  facsimilirt  bei  Humphry 
Philos,  transactions  of  the  royal  soc.  of  London  1871  S.  191  ff.,  Tfl.  16)  ist 
lyllô  breit. 

')  Es  verh&lt  sich  in  der  HOhe  wie  —  zur  natûrlichen  Grosse. 
'  17 

')  Besonders  f&r  folgende  Masse  w&re  eine  PrUfung  des  betr.  Papyrus 
fcii£  seine  etwaige  Composition  hin  ervQnscht;  vorl&ufig  sehen  wir  uns  darauf 
P^^^Uirt,  eine  solche  fÛr  ihn  yorauszusetzen  :  Pap.  Paris.  15  bis  Tfl.  49,  L&nge  im 
•  «côm.  0,537,  Breite  0,125.  Vier  Langzeilen  laufen  parallel  der  LAnge.  Hier 
^  ^tweder  das  Facsimile  wie  bei  Pap.  Paris.  5  verkleinert,  oder  es  kann  dies 
**«k  ans  Bwei  Solides  bestehen,  hoch  0,268,  breit  0,125.  —  Pap.  Leyd.  H, 
■*"^ctDrae  multo  rudioris",  breit  0,305,  hoch  0,32;  Brief;  1  Col.  mit  langen 
**^«H;  kann  Ewei  Solides  halten,  hoch  0,32,  breit  0,15.  —  Pap.  Leyd.  G, 
^^t«irae  pulcherrimae  et  satis  tenuis^,  breit  0,45,  hoch  0,47;  kônigliches  Be- 
''^Pt;  1  Col.  mit  sehr  langen  Zeilen;  kônnen  vier  Solides  sein,  hoch  0,225, 
•H  0,236  (Tgl.  z.  B.  N.  1,  2,  22).  —  Pap.  Paris.  51,  Tfl.  35;  1  grosse  Col.; 
^*^  0,31,  hoch  0,38;  kann  zwei  Solides  halten,  hoch  0,31,  breit  0,19.  — 
't^*  Paris.  21  bis  Tfl.  47;  1  Col.  mit  sehr  langen  Zeilen:  breit  0,41,  hoch  0,35; 
■^«^  zwei  Solides  halten,  hoch  0,35,  breit  0,205.  —  Pap.  Paris.  21  ter  Tfl.  48 
**^o  599  p.  Chr.),  breit  0,35,  hoch  0,58;  1  Col.  Schrift  lâuft  lângs  0,36; 
*^    scheint  hier  die  Hôhe  mehrerer  yerbundener  Selides  (vgl.  fi,  Ç,  9f,  ^).  — 


272  ~  ^®  Bachaeite.  — 

Was  zunachst  die  Seitenhôhe  anbetrifft,  so  ist  ihre  Constanz 
und  ËinfÔrmigkeit  augenHUlig;  es  giebt  nur  zwei  yerschiedene 
Hohenmasse;  das  eine  hâlt  sich  zwischen  0,20  iind  0,25  (meist 
zwischen  0,20  und  0,23),  das  andere  zwischen  0,30  und  0,35  Meter 
(meist  zwischen  0,30  und  0,33).  Je  einmal  erhalten  wir  abweichend 
0,17;  0,18;  0,19;  0,26;  0,273;  0,28;  0,284;  0,29  Hôhe.  So  wenigc 
Abweichungen  dienen  nur  zur  Yerdeutlichung  der  Regel  ^). 

Wâre  nun  dièse  Dimension  jene  UUUudo,  fur  welche  Plinins  seine 
Masse  yerzeichnet,  so  wûrden  wir  Ton  ail  den  geringeren  Soiten 
dièses  Zeugen  gar  keine  Reste  erhalten  haben,  vielmehr  wûrden  lOe 
0,20 — 0,25  hohen  Papyri  charta  hieratica,  Augusta  oder  Livia  sein, 
die  Mehrzahl  aber,  die  0,30 — 0,35  hoch  bt,  wûrde  sogar  die  ehaiti 
Claudia  noch  ûberbieten  I  Dièse  Claudia  trat  in  ihrer  Zeit  aber  ab 
Neuerung  auf,  w&hrend  sich  nicht  wenige  unserer  Beispiele  weit  tôt 
des  Claudius  Zeit  datiren. 

Umgekehrt  ergiebt  sich  f&r  die  Blattbreite  eine  grosse  Yaiietit 
Ihre  Masse  steigen  Ton  0,07  bis  0,27  au^  und  aile  Uebergangsgrôssea 
zwischen  diesem  Minimum  und  Maximum  sind  yertreten.  Die  UUUudo 
beim  Plinius  hat  aber  das  namliche  Maximum  und  hat  die  nâmlichen 
Uebergânge.  Wir  konnen  unsere  Beispiele  auf  die  Plinianîschen 
Papynissorten  nach  Massgabe  der  Blattbreite  folgendermassen  Te^ 
theilen  : 


Pap.  Tarin.  IV  (éd.  Peyron),  hoch  0,30,  breit  0,32;  1  CoL  mit  langen  Zeilea; 
kann  swei  Solides  haltOD,  hoch  0,32,  breit  0,16.  —  Pap.  Tarin.  Xlil  (^ 
Peyron),  hoch  0,31,  breit  0,29;  1  Col.  mit  langen  Zeilen;  kann  swei  SelidM 
halten,  hoch  0,31,  breit  0,145.  —  Pap.  Brit.  M.  XV,  hoch  0,403,  breit  0,213 
(long  16,  broad  87s  ^Oî  1  ^<>1*>  Opisthograph;  kann  awei  Solides  halten,  hodi 
0,201,  breit  0,213.  —  Wenn  in  Weil's  agyptischem  Ânthologion  (Blasa,  Bk 
Mas.  35,  74)  die  Hôhe  nur  0,165  betr&gt,  die  L&nge  des  Oansen  1,08  in 
7  Ck>lamnen,  deren  eine  schm&ler  als  die  ftbrigen,  so  kônnen  dies  etwa  siebn 
Solides  halber  Hôhe  sein,  jede  durohschnittlich  0,154  breit;  Weil's  photogijrp* 
tische  Wiedergabe  ist  mir  leider  nicht  sug&nglich.  —  Dem  entsprechen  solebe 
Lappen  wie  Pap.  Brit.  M.  VII,  hoch  0,135,  breit  0,08;  ibid.  VUI,  hoch  0,12. 
breit  0,12;  ibid.  XVI  hoch  0,10,  breit  0,05;  ibid.  XXX  hoch  0,05,  hreH0,04^ 
dies  mftssen  abgesohnittene  Theile  einer  Selis  sein. 

^)  Die  Hôhenangabe  f&r  einen  der  Vaticanischen  Papyri  XII  E  bei 
Bachmann:  0,149  mnss  wohl  vielmehr  als  Selisbreite  gefaast  werden.    V 
sonst  noch  S.  271  Note  3. 


—  BUttbreiten  erbaltener  Papyri.  —  273 

Charta  hieratica   (Augusta  nebst  Liyia),  0,2403  M.:  N.  1.  2.  3. 

14—21. 
Charta  tertu  loci  (hieratica),  0,2033  M.:  N.  4.  22—29. 
FanniaDa,  0,185  M.:  N.  5.  6.  4  (z.  Th.).  30—33. 
amphitheatrica,  0,166  M.:  N.  5  (z.  Th.).  34—42. 
Saitica,  0,148  M.:  N.  7.  43—57. 

Taeniotica,  schmâler  als  die  Torige,  also  etwa  bis  0,12  M.  herab- 
gehend:  N.  8.  58—72. 
Die  emporetica  wird  als  letzte  von  Plinius  auf  6  digiti  oder  0,11 
Breite  angesetzt  mit  dem  Hinzufûgen,  auf  ihr  werde  nicht  mehr 
geschrieben.  Die  Nummem  73 — 80  unseres  Yerzeichnisses  wiîrden 
ihr  indess  in  der  That  entsprechen,  ja,  N.  9 — 13.  81 — 91  eine  Sorte 
noch  geringerer  Breite  als  dièse  schlechteste  des  Plinius  reprâsen- 
tîren.  Hat  Plinius  betreffs  der  Unbrauchbarkeit  der  emporetica 
ûbertrieben?  Hat  er  ausserdem  eine  noch  geringere  Sorte  ignorirt? 
DieB  wâre  wohl  denkbar.  £s  liegt  aber  nicht  fem  als  zweite  Môg- 
hchkeit  hier  die  Zuflucht  zu  einer  leichten  Correktur  nehmen. 
Yielleicht,  dass  Plinius  fur  die  emporetica  Z.  27  nicht  sex,  sondem 
quattuor  digiti  (nicht  YI,  sondem  lY)  notirt  hatte  ;  alsdann  wâren  zu 
ihr  Dur  unsere  letzten  Beispiele  N.  13.  84 — 91  zu  rechnen,  fur  die 
Taeniotica  aber  als  durchschnittliche  Breite  0,10  Meter  anzusetzen, 
80  dass  wir  auf  dièse  letztere  auch  noch  die  Nummem  9 — 12,  73 — 83 
za  beziehen  hâtten. 

Wie  inmier  man  sich  aber  auch  betreffs  des  Minimums  der 
SeHsbreite  entscheide,  der  Hauptsatz  muss  in  jedem  Fall  gelten 
Ueiben,  dass  sich  in  den  erhaltenen  Papyri  eben  an  ihr  die  Yer- 
lehiedenheit  der  Qualitat  des  Schreibmaterials  erkennen  lasst,  d.  h. 
dtts  wir  mit  Plinius  eine  Mehrheit  von  Sorten  an  der  latitudo  plagu- 
lonim  zu  unterscheiden  haben. 


So  viel  von  der  Blattbreite,  mit  der   die  Columnenbreite  oft, 

^^xin  schon  nicht  immer  nothwendig  identisch  war.    Es  erûbrigt  uns 

^'^    Bestimmung  der  Zeilengrossen   und  ihrer  Schwankungen  im 

^p^rnisbuchwesen,  welche  von  der  Colunmenbreite  beeinflusst  sind. 

Birt,  BnehwMen.  18 


274  —  ^*®  Bnchseito.  — 

Sollte  nicbt  etwa  ûber  Ellebungen  hinweggeschrîeben  werden,  so 
benStbigte  fur  Langzeilen  eine  Selis  bester  Sorte  oder  Makrokoll. 
Allerdings  liess  sicb  aucb  in  scbmalen  Columnen  durcb  Yerengong 
der  Scbrift  eine  ^iel  Bucbstaben  baltende  Zeile  berstellen,   wie  dies 
die  griecbische  Papyruscursive  und  aucb  selbst  die  Unciale  zu  leisten 
durcbaus  im  Stande  war,  und  daber  scbwankt  bier   oft  auch  bei 
gleicber  Breite  die  Bucbstabenzabl  nicbt  wenig;   docb  verlor  dorch 
80  enge  Scbrift  das  Bucb  notbwendig  an  Scbônbeit  und  Werth;  es 
wurde  Gegenstand  des  2U>ms  und  Aergers,  wie  wir  ausdrûcklich  im 
Seneca  lesen  De  ira  II  26:   (trasdmur  tis  quaé)  sine  sensu  smtf  u/ 
liber  quem  mmutiorilmê  Uteris  ecripiwm  saepe  proiecmus,     So  wûrde 
Seneca   die   Herculanensischen  RoUen   fortgescbleudert   baben.    Die 
lateiniscbe  Bucbscbrift  ersdieint  in  den  Torliegenden  Beispielen  Her- 
culaneum's  als  grosse  sorgsam  gemahe  Majuakel  und  fullt  breitspoiig 
die  ^ilen,  wodureb  die  CohuBBcnbreite  gesteigert  wurde  ^). 

Dass  Werke  wiiklicli  in  der  Hezameterzeile  zu  32 — 41  Buch- 
staben  gf$cbrieben  woniett.  tst  vit  einigen  Beispielen  am  Scbluss  des 
T\\n^n  Kapitels  sicber  |!!iK«efiB  wordcn.    Im  Folgenden   soUen  non 
ia  ^T(!v«$ep^r  Anxabl  Tersdwi&iitf  Zetl^ngrôssen  in  ibrem  Yerbaltiiiss 
iu    d^n   Terscbiedenen    Colxannmbreitai    nsammengestellt    werden, 
wwraus  sieb  diejenige  Blattbreâe-  -«nCniebBieii  lassen  wird,  die  fur  di& 
Normalzeile   àttn   f Jtt^ratnii>T>cât^  nôdug  war.     Wir    stellen  dabei 
iViTatskripturen  vrimii,  cl.  b.  sokàie  Bei&pîele,  die  mit  dem  Scbreiber^ 
wesen  der  Litt4!rut,ijr  nirJit»  zu  tbiïi  bobea:  dabei  wird  von  solchei»^ 
Langzeilen  ab^o»»«*li«tri,  cjio  ûber  Ti«l^  Klebongen  laufen,  wie  im  Ca- — 
satiscben  Contraki,   ïlo»»cn   erste  Zeil^   137  Bucbstaben   bâlt;  docl^ 
konnten   solclnt  FHIIi,    riiitbonutzt  weid».  wo   die  Zeilen  lângs  de^ 
Selisbôbo  lauf.Mi  (win  l'ap.  Paris.  XYII).    Bei  der  Zâblung  der  Bucb— 
staben  sind   b<*H()iMJ<trM  Zoilen  mit  Wortbrecbung  am  Ende  gewâbl  ^ 
worden,  bei  i\i>\m\  din  Nothwendigkeit  des  Zeilenscblusses  am  deut=^- 
licbsten  ist. 


*)  Vgl.  dio  angofnhrton  Rente  lat.  BoUen  aas  Hercalaneum  bei  Zangenm  - 
Wattenb.  and  boi  Humphry. 


-  TerhftltoiaB  der  ZeQenljLiige  i 


1.    Fap.  Paria.  XVII  t.  17  u.  18  (ZeUen  lADgi  der  Hflhe)  lOS  0,30 

S.    Pap.  Paria.  XXI  r.  6  (llDgB  der  Hshe) 91  0,26 

5.  Pip.  Paria.  XZ  t.  2  u.  1 1 79  0,35 

4.    Pap.  Paris.  XXXXV  t.  3 74  0,33 

fi.    Pap.  TnriD.  XIH  t.  10 6»  0,29 

6.  Pap.  Paris.  XXXXIV  t.  2  (Ungs  der  HShe) ....  67  0,38 

7.  Pap.  Paris.  XXI  Ut,  t.  24  (lings  der  HSbe)     ...  63  0,3S 

8.  Pap.  Lejd.  0,  t.  4  (tod  t.  9  ab  kOnare  Zeilea  id  31—36)  61  0, 17 
».    Pap.  greco-egis.  éd.  Pejron   1828  I  t.  16      ...     ,  60  "0,26 

10.  Pap.  ParU.  XXXV  t.  7 67  0,28 

11.  Pap.  Paria.  IXII  T.  3 67  0,20 

12.  Pap,  Paris.  XV  Col.  I  1  (69),   I  24  (5fl),  U  34  (66), 

III  69  (61) 65—69  0,23 

18.    Pap.  Parie.  LXl  t.  2 56  0,42 

14.  Pap.  Paria.  XXVI  Col.  I,  ».  1  o.  2 60—58  0,26 

15.  Pap.  Leyd.  B  CoL  II  T.  10  u.  1 61—64  — 

16.  P^.  Uariette  éd.  Egger 52  ■0,226 

17.  Kuaerreakripl  v>  Leyden-Paris  (éd.  do  WaUly  PL  U); 

Uaiimom 61  0,42 

18.  P*p.  Paria.  XXXXUl  t.  2  (Iftogs   der  Hohe);  ebeiuo 

Pap.  Paria.  XXIXII 53  0,30 

1».    Pap.  Paria.  XXXIX  ».  2  o.  14 46—60  0,19 

90.    Pap.  Parii.  XVIII  t.  1  o.  8. 48—66  0,21 

81.    Pap.  Paris.  XVI  Col.  I 50  0,20 

33.   Pap.  Paria.  ÏXIX  r.  14  n.  1 42—60  0,21 

3S.    Pap.  Brit  H.  I  r.  23  n.  9;  ebeoao  Brit.  U.  II  Col.  I    .  40-56  0,205 

84.    Pap.  PaH».  Vil  ».  2 46  0,12 

SS.   Pap.  Paria.  LXIl  CoL  II  4,  lU  5 40—49  0,24 

88.   Pap.  Paris.  XXXIII  CdL  I  t.  16 43  0,217 

87.  Pap.  Torin,  VII  t.  1  ff. 43  0,16 

S8.   Pap.  Brit.  M.  V  T.  6 41  0,16 

3».   Pap.  ParÎ8.  XXv  ».  Il   (aosserdem  4  Zenen  am  Band 

«D  20  Bqcbst.  (t.  2) 40  0,27 

sa  Pap.  Brit.  M.  XlV  T.  6  u.  3  u.  s.  £  (dut  T.  1  hat  28)  36—44  0,164 
81.    Pap.  Paris.  XXVU  t.  18  —  25   (t.  1  —  17  ùnd  «twas 

kftner) 37—43  0,17 

32.    Pap.  Paris.  XXUI  t.  28  d.  12  (t.  T  bat  38  mit  Wort- 

brechnag) 3T— 43  0,32 

88.  Pap.  Lejd.  B  Col.  UI  t.  4  o.  l 38—40  — 

84.    Pap.  Paris.  XXXVII  CoL  I  t.  U  n.  19 38—40  0,21 

35.    Pap.  Paru.  XI  ».  12  u.  s.  f. 39  0,14 

18* 


276  ~  ^î®  Baehsette.  — 

Boehgt. 

_  «  CoL-Br. 
pro  Zefle 

36.  Pap.  Paris.  XXXIV  t.  1  n.  17 38—39  0^ 

37.  Pap.  Pari».  XLVI  t.  11—23  (t.  1—10  etwas  kûrier) .  37—38  0,12 

38.  Pap.  Turin.  II  t.  27—43  (t.  1—26  etwas  kûrier)  .     .  36—39  0,13 

39.  Pap.  Brit.  M.  XII  t.  2  n.  4  a.  s.  f. 35—39  0,19 

40.  Pap.  Brit.  M.  XIII  t.  1  n.  9  n.  s.  f. 35—38  0,176 

41.  Pap.  Paris.  X  t.  4  u.  3  (t.  1:  35;  9:  35;  8:  33;  7:  37)  31—42  0,14 

42.  Pap.  Paris.  XIX  bis,  t.  1  u.  1 1  (M.  19) 35—40  0;20 

43.  Pap.  Paris.  LI  t.  5  u.  25  (breiter  Rand  reehta)  Trsnm 

des  Ptolemaeos,  160  t.  Cbr 31—43  0,31 

44.  Pap.  Beri.  éd.  W.  A.  Scbmidt  N.  I  (oben  S.  263)    .     .  33—38  0,15 

45.  Pap.Brit.M.XVIIIy.21u.f.(y.l— 20sindetwa8kaner)  32—38  0,145 

46.  Pap.  Paris.  LXV  v.  9  u.  15 29—43  0,16 

47.  Pap.  Paris.  LXIV  CoL  II  v.  40  o.  35  (rgL  I  t.  6:  87; 

17:  34;  n27:  38Budi8t.) 29—41  0,202 

48.  Pap.  Brit.  M.  XV  t.  3  u.  4  u.  s.  f.  (nur  t.  1  bat  29)  .  33—37  0,213 

49.  Pap.  Paris.  LXIX   CoL  Ul,    nicbt   tmter   35  Bucbst.; 

Breitenmass  incomplet *35  *0,09 

50.  Pap.  Tarin.  III  t.  41  (Maximum) 37  0,125 

61.    Pap.  Leyd.  C  T.  8u.  U 32—34  0,165 

52.  Pap.  Paris.  XIV  t.  3  u.  1  u.  s.  f. 30—36  0,12 

53.  Pap.  Brit.  M.  XI  v.  2  u.  1 29—35  0,26 

54.  Pap.  Paris.XIIIy.  18u.  29(aucb30,  32,  33,36Bueh8t.)  28—37  0,18 

55.  Pap.  Paris.  LIX  t.  2  u.  4  u.  s.  f. 30—34  0,16 

56.  Pap.  Leyd.  E  foL  II  v.  5  u.  23 27—36  *0,155 

57.  Pap.  Paris.  XIX  (Tfl.  22)  2  Ck>lL  y.  4  (Maximum)   .     .        32  0,11 

58.  Pap.  Paris.  XXVI  Col.  II  v.  4  u.  2 28—32  0,14 

69.    Pap.  Paris.  IL  t.  13  u.  18 28—31  0,12 

60.  Pap.  Paris.  XII  t.  7  u.  3 28—31  0,16 

61.  Pap.  Paris.  XXX  v.  1  u.  6 26—31  0,14 

62.  Pap.  Paria.  IX  v.  17  u.  9  (ygl.  Pap.  Leyd.  A,  der  oben 

0,113  breit 26—29    0,18 

63.  Pap.  Paris.  VIII  v.  3  u.  19 26—28  0,12 

64.  Pap.  Paris.  LV  Col.  I  t.  7 29  0,255 

65.  Pap.  Paris.  LV  Col.  II  v.  27 27  0,16 

66.  Pap.  Paris.  LXVI  Col.  Il  v.  23,  IV  v.  62 25—30    0,16 

67.  Pap.  Beri.  éd.  Scbmidt  K.  II  (oben  S.  263)   ....  24—29  0,11 

68.  Pap.  Paris.  XXXVII  Col.  II  v.  40  u.  43 21—28  0,131 

69.  Pap.  Turin.  VI  t.  9 23  0,09 

70.  Pap.  Paris.  LUI  Col.  lU  36,  I  14 20—24  0,10 

71.  Pap.  Paris.  LX  bis  Col.  I  v.  16  u.  13 22—24  0,155 

72.  Pap.  Turin.  V  t.  8 21  0,10 


—  VerhAltikiss  der  Zeilenl&ng^  sur  Blattbreite.  —  277 

„  „      OoU-Br. 
pro  Zeile 

78.  Pap.  Paris.  XL VII  t.  2 19  0,12 

74.  Pap.  Paris.  XVIII  bis  v.  1  u.  9 19  0,10 

75.  Pap.  Leyd.  Q  t.  2  u.  3 17  0.075 

76.  Pap.  Brit.  Mus.  IX  t.  10 17  0,10 

77.  Pap.  Paris.  XLVHI  v.  6  u.  8 16—18  0,08 

78.  Pap.  Paris.  XXXI  v.  1  u.  6 14—17  0,08 

79.  Pap.  Paris.  XL  V.  1,  16  u.  48 11  —  18  0,09 

80.  Pap.  Paris.  XXXII  y.  13  u.  17  (t.  2  etwas  grOsser)        13  0,11 

81.  Pap.  Brit.  Mus.  XVI 11—14  0,06 

82.  Pap.  Paris.  LVIII  v.  4 12  0,07 

83.  Pap.  Turin.  XII 11  0,126  (!) 

Unter  83  Beispielen  sind  es  also  etwa  23,  welche  sich  in  den 
Grenzen  der  Normalzeile  bewegen:  N.  28 — 50.  Die  dafor  benôthigte 
Columnenbreite  erstreckt  sich  von  dem  Minimum  0,12  (N.  37)  bis 
m  0,27  (N.  29),  ja  0,31  (N.  43),  und  zwar  entfallen  sieben  Beispiele 
anf  eine  Breite  ûber  0,199  M.,  sieben  auf  eine  Breite  zwischen  0,149 
bis  0,199,  sieben  auf  die  Breite  zwischen  0,125  und  0,149,  wâhrend 
N.  33  und  49  ungewisser  Breite  sind. 

Oefters  weist  ein  und  derselbe  Papyrus  Colunmen  verschiedener 
Breite  auf  (s.  N.  14;  58.  15;  33.  34;  68.  64;  65).  Dafôr  ist  Pap. 
Leyd.  S  ein  weiteres  bemerkenswertbes  Beispiel,  in  welchem  die 
2eilen  der  CoL  I  46  Buchstaben  erreichen  (v.  13),  Col.  Il  v.  4  da- 
^egen  24  hâlt.  Col.  UI  v.  32  vielmehr  37,  womit  CoL  IV  ûberein- 
itimmt,  CoL  V  v.  13  mit  43,  CoL  VI  v.  13  u.  17  mit  25  Buchstaben  er- 
icheint.   In  CoL  I,  III,  IV,  V  herrscht  also  wenigstens  die  Normabeile. 

Was  Yfir  bisher  zusammenstellten,  gehôrt  keiner  Vervielfaltigung 
ind  Edition  an;  es  sind  Priyatskripturen,  Briefe,  kônigliche  Re- 
ikripte,  Eaufcontrakte,  Bittschriften,  Contos,  Circulare.  Sie  stammen 
sntweder  von  der  Hand  desjenigen,  in  dessen  Grabe  sie  gefunden 
nnd,  oder  sind  doch  mit  Bezug  auf  ihn  allein  aufgesetzt;  iyg,  ôh' 
ilàov  finden  wir  ausdrucklich  subskribirt  Pap.  Paris.  21.  Doch  ist 
anch  Anderes  zu  den  Todten  in's  Grab  gelegt  worden,  was  littera- 
nschem  Inhalt  sehr  yiel  nâher  kommt.  Dahin  gehoren  Traum- 
erzâhlungen  wie  die  in  N.  43  imserer  Tabelle;  so  wie  dieser 
Papyrus  hat  auch  der  Traum  des  Nektanebos,  Pap.  Leyd.  U  (ge- 
funden in  Memphis)  die  Normalzeile:  CoL  II  mit  31  (v.  9)  bis  40  (y.  3) 


278  —  ^"«  Buchseito.  — 

Buchstaben,  Col.  UI  mit  32  (v.  5)  Col.  IV  mit  31  (v.  8)  bis  38  (t.  17), 
Col.  y  entspricht  der  Col.  lY.  Indess  sind  auch  dièse  Somnia  noch 
nicbt  Gegenstânde  der  Edition  gewesen.  Hieran  reihen  ^wir  die  Ber- 
liner  Zauberpapyri  (éd.  Parthey).  Der  erste  derselben  hatduich- 
scbnittlicb  43 — 49  Bucbstaben  p.  Z.  (Col.  I  u.  IV),  docb  nachdem 
die  Prosa  Col.  IV  fin.  durcb  Poésie  unterbrocben  ist,  yerringert  sich 
die  Prosazeile  gleicbfalls  auf  Hexameterlânge  Ton  29  —  36  Buchst, 
welcbe  in  Col.  V  berrscbt.  Der  zweite  dieser  Papyri  bat  Col.  I  u.  H 
(bis  zum  y.  80)  sogar  57 — 64  Bucbst.  p.  Z.  ;  dagegen  ist  Col.  IT 
(von  V.  161  ab)  in  der  Normalzeile  von  35 — 44  Bucbst  (v.  163 
u.  122)  gesebrieben,  vielleicbt  -wiederum  in  Anlass  der  auf  Col  Q 
eingesebobenen  Poésie  ;  die  Zeilen  der  Col.  IV  sind  also  balb  se  laog 
als  die  auf  Col.  I  u.  Il  und  lassen  recbts  betrâcbtlicbes  Spatiom. 

Besonders  auffallig  ist  ein  Fragment  rbetoriscben  Inbalts,  edirt 
von  Egger  (Mém.  d'bistoire  anc.  et  de  pbilol.  S.  175  £),  dessen  Masse 
nicbt  vorliegen,  das  aber  Langzeilen  von  71  (Col.  Il  v.  20)  oder  75 
(v.  25)  oder  gar  96  (v.  5  ff.)  Bucbst  aufweist.  Auf  jeder  Seiie 
steben  44  Zeilen.  Es  scbeint  dies  das  Scblussstûck  eines  Volumens^). 
Entweder  ist  es  ein  Autograpb  oder  Brouillon,  nacb  Egger  S.  176, 
oder  ein  nacblâssig  gefertigtes  Apograpbum  *).  Das  Stûck  giebt 
also  wiederum  scbwerlicb  von  dem  Bucb  des  Bucbbandels  eine  As* 
scbauung. 


')  Ygl.  den  viel  breiteren  Band  rechts  der  letzten  Col.,  y.  4 — 11;  Eggw 
S.  187  N.  1. 

')  Egger's  Indizien  sind:  1.  die  Abkûrsungen  der  Participia  auf  fiér9Ç 
und  des  xai;  2.  eine  Correktur  durch  Tilgen  and  Ueberschreiben  (t.  19); 
3.  zweimalige  Nachtragungen  ftber  der  Linie.  —  L'écriture  est  d'ane  ampkv 
inégale  et  pleine  d'abréviations  capricieuses  (S.  181  N.),  daher  schwer  lesbtf. 
Acconte  und  Interpunktion  fehlen;  von  t.  5  ab  andere  Schrifi  (oder  andere 
Feder).  ▼.  42  ist  xai  dittographirt.  Die  Orthographie  illustirt  fù  t  fit 
ixiy(ûy,  ïnmirov,  fÀfvqofÀtvovç»  —  DaftLr,  dass  dies  eine  Abschrift  sei»  sprielit 
dagegen  die  Corruptel  v.  22  ^v  t^  aça  ^y  statt  ^y  nç  âça  ^i.  Egger  ver- 
muthet,  es  sei  dies  eine  eingelegte  Kede  in  einem  Historiker,  abgefasst  lùx^^ 
lange  vor  der  augusteischen  Zeit.  Der  attische  Flottenf&hrer  heisst  correkt 
noch  OTça'njyôç  und  nicht  yavoQ^oç,  —  Auf  den  Hiat  ist  gar  nicht  Acht  g«- 
geben,  v.  14  avTJ  Inofjtiyoç,  v.  36  kôyoè  tvTvx<àç<  ▼•  9  ist  oï  /«»^mjto*  hi^ 
Tivûfiiyoà  verschrieben  oder  verlesen  ftïr  icTçanvfÀéyoi, 


—  Yerh&ltniss  der  Zeilenl&nge  zur  Blattbreite.  —  279 

Betrachten  wir,  was  sonst  sicli  an  litterarîschem  Gut  in  âgyp- 
chen  Grâbem  geborgen  hat.  Yoranstehen  hier  die  Homerpapyri; 
!  weisen  die  Normalzeile  selbstyerstândlich  au^  und  zwar  auf  einer 
«ite  Yon  etwa  0,18  und  0,152  M.  (vgl.  N.  33  u.  50  unseres  ersten 
^gisters). 

Die  Prosa  bietet  meist  kûrzere  Zeilen.  Drei  Seiten  aus  dem 
9Ç  JSsxovvdov  ifiXoaôifOV  anf  einem  Petersburger  Fetzen  (publicirt 
n  Tischendorf,  traktirt  von  Sauppe,  Philol.  XVU  S.  150),  haben 
—26  Buchst.  p.  Z.  (Col.  m  sogar  nur  18—20). 

Besonders  kurzzeilig  ist  des  Hyperides  Lycophronea  und  £u- 
nippea,  zu  nur  12  (Col.  XVm)  bis  17  (Col.  III)  Buchst.  p.  Z.  auf 
ler  Breite,  die  bei  den  Herculanensischen  Rollen  deren  24  trâgt. 
er  ist  Papier  verschwendet,  der  Eindruck  ist  ein  gefalliger. 

Macht  schon  dies  den  Eindruck  des  Willkûrlichen,  so  gilt  dies 

ch  mehr  von  dem  Epitaphios  desselben  Hyperides.     Er  ist  un- 

ientlich  geschrieben,  mit  moglichster  Ausnutzung  des  Raums.    Um 

t  dem  Raum  auszureichen,  stellte  der  Schreiber  erstlich  die  Zeilen 

mer  enger  (erst  sind  es  je  33,   hemach   mehren   sie  sich  zu  38, 

,  39,  43,  40,  44,  42,  44,  44  per  Col.),  zweitens  mehrt  sich  der 

ichstabengehalt  der  Zeile  bis   Col.  X:   so   hat   Col.  Il  hôchstens 

Buchst.  (v.  15),  Col.  m  bis  19  (v.  11),  IV  u.  V  bis  20,  YI  bis  24 

35  f.),  ja  26  (v.  33),  Col.  VH!  u.  IX  bis  27,  X  bis  30  u.  31  (v.  26 

34);   dann  werden  Col.  XI — XI Y  wieder  viel  schmâler;   aber  auf 

I.  XI  selbst  vergrossem  sich  die  Zeilen  wieder  so,  dass  v.  1 — 33 

18  Buchst.  halten,  worauf  20  (v.  35),  25  (v.  38),  24  (v.  41),  22 

43)  folgen. 

Die  Schrift  ûber  die  Juden  (Pap.  Paris.  68)  hat  30  (A  v.  8) 
er  23  (E  y.  8)  Buchst.  p.  Z.,  die  Eudoxosschrift  (Pap.  Paris.  1 
ïto)  zwischen  22  und  31  (y.  274  u.  52;  aile  Colunmen  sind  gleich- 
irk;  y.  44  mit  19  ist  Satzschluss) ,  Chrysipp  Tuql  àno(pauxAv 
ap.  Paris.  Il,  S.  80)^)  sogar  nur  16 — 20.  Hierbei  ist  wichtig,  dass 
i  breiteren  Colunmen  auf  der  Rûckseite  des  Eudoxos  (Pap.  Paris.  63) 
merkenswerther  Weise  wirklich  Normalzeilen  tragen:  Col.  I  8: 
.  Col.  II  10:  34.  m  4:  36.  IV  6:  35.  V  8:  37.  YI  2:  42.  VE  4:  37. 
n  8:  34  (andere  Schrift).  IX  3:  34  (dito);  Col.  X  Senare  (ûber  sie 

1)  Ygl.  Bergk  De  Chr.  libris  n,  ânotpar,     Caasel  184h 


280  —  ^î«  Bodueite.  — 

TgL  S.  161),  XI 7 :  38  ;  yielleicht  entsprechen  hier  die  Grenzen  nicht  der 
oberen,  sondem  yielmehr  dieser  unteren  Golumnen  den  Selides  derRoUe. 

Wen  haben  wir  uns  als  Yerfertiger  dieser  âgyptischen  Ezemplare 
zu  denken?  Die  Antwort  wird  wo  môglich  zugleich  mit  erklâren 
mûssen,  wanim  die  Bûcher  eben  bei  dem  Todten  im  Grab  zu  liegen 
f&r  wûrdig  gefunden  wurden.  Es  ist  zweierlei  denkbar.  Ëntwedor 
es  war  nur  immer  der  Lieblingsautor,  Ton  welchem  den  Todten  ein 
im  Buchhandel  erworbenes  Exemplar,  aUenfalls  sein  Handexemplsr 
begleiten  musste.  Oder  aber  die  Exemplare  sind  yiehnehr  als  yon 
ihm  selbst  geschrieben  zu  denken,  and  um  dieser  EntBtehuDg 
willen,  auf  die  der  Todte  Liebe  und  Eunst  yerwendet  hatte,  Ter- 
dienten  sie  ihm  das  Geleit  zur  Unterwelt  zu  geben.  War  letzteres 
der  Fall,  so  liesse  sich  damit  sehr  wohl  in  Zusammenhang  bringen, 
dass  auch  ein  Schrifbsteller  wie  Properz,  dièse  Gewohnheit  gewisser- 
massen  steigemd  und  ûberbietend,  bei  seiner  Bestattung  Tor  Proser- 
pina  mit  seinen  selbst  yerfassten  Bûchem  hintritt  (ygl.  Kap.  YIII). 

Nicht  Aegypten,  sondem  Herculaneum  liefert  uns  fur  das  Prosft- 
buch  in  Normalzeilen  ein  Beispiel.  Dièses  Beispiel  ist  am  Schioss 
des  Yorigen  Eapitels  im  Zusammenhang  mit  anderen  Zeugnissen  for 
dièse  Schriftzeile  aufgefuhrt  worden  (S.  216).  Die  Zeile  steht  daselbst 
auf  der  geringen  Breite  0,1 16.  Das  lateinische  Epos  (erstes  Yerz.  N.  18) 
zeigt  den  Hexameter  (der  hier  bis  zu  46  Buchst.  anwâchst)  dagegen 
in  schoner  Majuskel  auf  0,234  Breite. 

Die  ûbrigen  Rollen  desselben  Fundortes  halten  sich  meist  zwiscben 
20  u.  26  Buchst.  p.  Z.,  selten  sich  steigemd  bis  zu  32  (Philod.  m^ 
&Bâv,  éd.  Neap.  V«  S.  153  ff.  Col.  XII)  auf  0,11  M.  Breite. 

Es  stellt  sich  abermals  betreffs  dieser  Herculanensischen  Buch- 
sammlimg  die  Frage:   entstammt  sie  dem  Buchiaden?     Oder  sind 
es  Privât abschriften,   die   der  Besitzer  selbst  oder  mit  Hûlfe  der 
Sklaven  anfertigte? 

So  viel  steht  fest  und  ist  schon  frûher  gesagt  (oben  S.  191)^ 
dass   dièse   Abschriften   als   solche  geringwerthig  sind.     Wir  fugen> 
hinzu,  dass  sie  z.  Th.  auch  augenscheinlich  nicht  einer  Originaledition^ 
angehôren;  dies  wird  durch  den  Doppeltitel  des  Polystratos  erwiesen^ 
(vgl.  éd.  Neap.  FV*)'):  noXvfSxqàxov  Ilsql  àXôyov  xatafpQoy^tremç'" 

1)  VgL  Gompertz,  Hermès  XI  399  ff. 


—  Privatabschriften  litterarischer  Werke.  —  281 

è  i7ayQd(pov(r&y'  IIqoç  tovç  àXôycûç  xava&QaavvofJtévovç  xâv 
loJJioïç  do^a^Ofkéycûy.  Es  gab  also  schon  zwei  yerscbiedene 
^aben,  mit  deren  beider  Eenntniss  dièses  erhaltene  Exemplar 
tigt  WTirde. 

Eines  der  Exemplare  giebt  sicb  nun  sicber  als  Privatabscbrift. 
Bolle  der  Pbilodemiscben  Rbetorik  verbindet  mit  der  Angabe 
Blattzahl,  wie  S.  190  bemerkt  wurde,  die  Subskription  noastôûv 
»ç  %ov  Blrooyoç.  Dass  sicb  der  Scbreiber  nennt,  war  sonst  erst 
dem  Mittelalter  zu  belegen  (zuerst  im  Bodleianus  des  Plato). 
avtoç  ist  nun  sebr  erwâgenswertb;  es  bedeutet  ^eigenbândig^, 
;  also  offenbar  dièse  Rolle  zu  anderen  in  Gegensatz,  die  durcb 
3nde  Hânde  bescbafFt  wurden.  Man  ist  also  darauf  gefubrt  unter 
on  Poséidon  den  Besitzer  aucb  der  ûbrigen  Bûcber  und  also  der 
en  Bibliothek  zu  vermuthen.  Man  wolle  dafiir  das  avroç  der 
hmten  Subskription  des  Pamphilos  unter  dem  Titusbrief  ver- 
ben,  welcbe  sicb  in  den  Pariser  Fragmenten  der  Paulusbriefe 
Atbos  befindet:  ro  iv  KauSaqia  àvtiyQaqiOV  t^ç  ^t^hod-rpcfiç 
ayiov  Uafi^iXoVj  X^^Q^^  yeygafjbfjbévov  ai  toi.  Das  x^^Q^ 
w  bedeutet  so  yiel  wie  das  tiq  ifjblq  X^^Q^^  ^®  ^^  Paulus  selbst 
seine  Briefe  notirte  1  Cor.  16,  20;  Coloss.  4,  18;  2  Tbessal.  2,  2. 
t,  6,  IP).  Die  Liebhaberei  reicber  Leute,  Bûcher  „selbst"  zu 
siben,  ist  nicht  unbekannt;  das  bedeutendste  Beispiel  ist  bierfîir 
eicbt  der  Kaiser  Theodosius  fiipXtoyQccfpoç.  Hatte  nun  der 
iotheksbesitzer  Pampbilos  das  Bibelexemplar  selbst  geschrieben, 
ird  man  auf  die  Mutbmassung  gefubrt  werden,  dass  jener  selbst- 
eibende  Iloceidùùv  zov  Bltoùyoç  aucb  der  Bibliotbeksbesitzer  zu 
snlaneum  gewesen  sei  —  und  also  dann  gar  aucb  der  Hausbe- 
T  jener  reicben  Villa*).  Oder  giebt  es  einen  anderen  Weg,  dièse 
ïcription  zu  erklâren*)? 


1)  VgL  Gardthausen,  6r.  Palaeogr.  S.  298,  374,  305. 

*)  Der  Ëigenname  Jloanâœy  ist  bekannt  JfQr  Vasenmaler  (R.  Bochette 
);  Canin.  Vas.  N.  1614);  ein  Ephebe  ^lovltavoç  UoCHâdv  ans  Berrhoea 
leint  Inscr.  gr.  II  1957,  6  (add.),  nach  Bôckh  im  Jahre  65  n.  Chr.  Der 
inlanenser  Poséidon  mûsste  ein  Grieche,  vielleicht  ein  wohlhabender  Liberté 
Men  sein. 

')  Es  liesse  sicb  sonst   etwa  annebmen,   ein  Bibliopole  dièses  JSamens 


282  —  I^î®  Bachseite.  — 

Hier  sei  erionert,  dass  die  Privatabschrift  im  Alterthum  der 
Buchverbreitung  durch  Untemehmer  yiel  mehr  als  heutzutage  Con- 
currenz  machte.  So  wie  sich  ein  solcher  Untemehmer  schreibfertige 
Sklaven  in  Masse  bîelt,  konnte  dies  in  geringerem  Unifang  auck 
jedweder  Wohlhabende.  Derselbe  brauchte  sich  alsdann  nur  leihweise 
eine  Yorlage  zu  verschaffen,  um  selbst,  wo  nicht  durch  eigene  Hand, 
mit  Hûlfe  des  Copisten  in  den  Besitz  des  Werkes  zu  kommeD. 
Wenn  hemach  im  Codexbuchwesen  die  Buchyerbreitung  h&t  aus- 
schliesslich  der  Privatabschrift  zufiel,  so  hat  dies  hierin  seine  Yor- 
bereitung.  Câsar  hielt  sich  mindestens  sieben  librarii,  denen  er 
gleichzeitig  diktirte  (Gic.  pro  Sulla  14  f.).  Cicero  scheint  anfuigs 
wie  Atticus  deren  viele  besessen  zu  haben;  denn  sein  Bruder  Quintos 
konnte  sich  im  Jahre  58  y.  Chr.  mit  der  Bitte  an  ihn  wenden,  die 
Emendation  und  die  Edition  seiner  Annales  zu  ûbernebmeo  (ad 
Att.  II  16,  4).  Spâter  ist  Cicero  indess  zu  ediren  nicht  mehr  im 
Stande;  seine  eigenen  Concepte  mûssen  zum  Atticus  wandern;  er 
lâsst  44  Y.  Chr.  nicht  einmal  zwei  Abschriften,  sondem  nur  ein  Hand- 
exemplar  des  Werkes  De  finibus  durch  die  eigenen  librarii  ll«^ 
stellen  {tantam  obérât  ut  binos  scriberent,  vix  singuloa  con/ecerunt  ad 
Att.  Xm  21,  5). 

Lehrreich  ist  femer,  dass  Cicero^s  Sohn  sich  44  y.  Chr.  griechische 
Hjpomnemata  eigenhandig  abschreibt;  doch  kostet  ihn  dies  zu 
Yiel  Zeit  und  Miihe  und  er  erbittet  sich  darum  einen  griechischen 
Schreiber  Yon  Tiro  :  ^96fo  a  te  ut  quam  celerrime  mihi  Ubrarius  TwWafttf", 
maxime  quidem  graecus  :  muUum  miM  enim  eripitùr  operae  in  exêcribenàù 
hyjwmnemaUs  (ad  fam.  XVI  21  fin.). 

Cicero  selbst  lâsst  sich  Yom  Atticus  Biïcher  kommen,  nimint 
Abschrift  Yon  ihnen  und  schickt  sie  dann  nach  erreichtem  Zweck 
zuriick,  describo  et  remitto  (ad  Att.  II  20  fin.). 

So  bringt  femer  Cicero  in  Erfahrung,  dass  sich  Balbus  das 
fûnfte  Buch  De  finibus  nach  einem  Atticianischen  Exemplar  ab- 
schreibe;  Cicero  ermahnt  den  Atticus,  wenigstens  die  ûbrigen  îier 
Bûcher  des  Werkes  noch  nicht  herzugeben;  denn  es  sei  noch  keine 


habe  so  durch  Unterschrifl  kundgegeben,   dass   dies  Exemplar  ausnahmsireiM 
Dicht  durch  seine  Sklayenschaft,  sondern  durch  ihn  selbst  angefertigt  worden  seL 


—  PriTatabschriften  litterarùchei  Werke.  —  283 

>rrektar  gelesen,  und  Brutus  dûrfe  das  Werk,  das  ihm  dedicîrt 
arden  soll,  nicht  schon  vorher  (durch  Balbus)  kennen  lemen:  tu 
mmode  feceris  si  rdiquos  retinueris  ne  et  àô^ÔQ&oava  habeat  BcUbtts  et 
»2a  Brutus  (ad  Att.  Xm  21^4  f.)^). 

Endlich  komint  Cicero  betreffs  des  Caerellia  auf  den  Verdacht, 
8chreibe  sich  das  Werk  De  finihus  nach  Ezemplaren  des  Atticus 
:  describit  a  tuis.  Jedenfalls  befinde  sich  Caerellia  im  Besitz  des 
erkes,  und  Ton  seinen  eigenen  librarii  constatirt  Cicero,  sie  kônnten 
m  dazu  nicht  verholfen  haben;  aiso  thaten  es  die  des  Atticus  (ad 
t.  xm  21,  5;  bestatigt  Xm  22,  2  f.). 

In  welchen  Grenzen  sich  die  Concurrenz  der  hiermit  in  einigen 
sispielen  nachgewiesenen  Privatabschrift  mit  dem  Buchhandel  ge- 
Iten  habe,  lâsst  sich  nicht  mehr  bestimmen.  Fur  die  Herculanen- 
ichen  Rollen  ist  als  Môglichkeit  geltend  zu  machen,  dass  auch  sie 
XVL  gehôren. 

Fassen  wir  unsere  Beobachtungen  endlich  zusammen.  Die  Nor- 
dzeile  wurde  oft  wirklich  geschrieben,  sehr  oft  vertraten  sie  andere 
tilengrôssen.  Wir  werden  yielleicht  annehmen  dûrfen,  dass  die 
>rmalzeile  fur  solche  Originalausgaben,  wie  es  die  Atticianischen 
s  Cicero  waren,  meistens  in  Anwendung  kam.  Fiir  Cicero^s  Yon 
(conius  benutzte  Reden  steht  dies  jedenfalls  sicher  (oben  S.  212). 

Fur  solche  Zeile  genûgten  aber  allenfalls  Selides  Yon  0,12  M. 
'eite,  doch  erscheint  bei  ihnen  die  Breite  meistens  nicht  unter 
149  M. 

Nach  unserer  Vermuthung  sagte  nun  Plinius  Yon  der  0,148 
eiten  charta  Saitica  ans,  dass  sie  fur  das  sogenannte  MakrokoU 
ûït  mehr  genûge  (nec  macrocolUo  sufficit  Z.  26).  Ist  dies  richtig, 
galten  fur  Plinius  aile  Yoraufliegenden  Sorten,  die  Claudia,  Augusta, 
Yia,  Fanniana  und  amphitheatrica  als  MakrokoU,  imd  der  Begriff 
8  MakrokoU  hub  bei  0,166  M.  Breite  an.  Das  heisst:  die  Normal- 
ité war  besonders  dem  MakrokoU  Yorbehalten  oder  der 
urne  MakrokoU  denjenigen  Selides,  die  Normalzeile  zu 
agen  im  Stande  waren. 


/? 


>)  Vgl.  XIII  22,  3:  tantum  nolebam  aut  obsoktum  Bruto  aut  Balbo  m- 
Xitum  dari- 


284  —  ^^®  Buchseite.  — 

Wurde  bel  RoUen  aus  Makrokoll  trotzdem  in  abweichenden 
Zeilenlângen  geschrieben,  so  Hess  sich  die  Summe  der  Normalzeilen 
der  Rolle  auch  dann  sehr  gut  berechnen,  namlich  nach  der  Zahl  der 
Solides  selbst,  deren  jede  ja  in  ihr  eine  stândige  Somme  von  Normal- 
zeilen zu  tragen  pflegte. 

Es  stimmt  also  sehr  gut  zu  einander,  wenn  wir  einerseits  beim 
Asconius  Cicero^s  Reden  in  Normalzeilen  geschrieben  finden  imd 
wenn  andererseits  folgende  Stellen  aus  dem  Briefwechsel  mit  seioem 
Yerleger  Atticus  ausdrûcklich  lehren,  dass  Cicero  seine  SchrifteD  auf 
Makrokoll  ediren  liess.  So  schreibt  er  XTTT  25  betreffis  seiner 
Academica  ad  Yarronem:  „ich  bleibe  dabei,  dass  Yarro  der  Adressât 
dièses  Werkes  sein  soll,  wenngleich  er  vielleicht  mit  der  Partie,  die 
er  selbst  in  diesem  Dialog  spielt,  nicht  zufirieden  sein  wird.  Aber 
dennoch  yerzweifle  ich  nicht  daran,  dass  das  Werk  ibm  gefalle.  Und 
weil  wir  (Atticus  und  Cicero)  die  Auslage  fur  das  Makrokoll  einmal 
gemacht  haben,  so  wurde  ich  sehr  zufrieden  sein,  wenn  daran  auch 
Yon  dir  festgehalten  wird^^).  Also  die  Rollen  mit  breiten  Selides 
sind  schon  zum  Theil  in  derjenigen  Fassung  des  Dialogs  beschrieben, 
in  der  Yarro  Mitunterredner  ist,  und  wollte  Cicero  Yarro's  Unter- 
rednerschaft  jetzt  noch  an  den  Brutus  iîbertragen,  mûsste  nenes 
Makrokoll  gekauft  werden. 

Aber  auch  noch  von  einer  anderen  Schrift  Cicero's  lesen  ^, 
dass  Atticus  das  zugesandte  Archetypon  derselben  auf  Makrokoll 
umschreiben  lassen  soll:  ad  Att.  XYI  3. 

Der  àoidiihoç  ^AtTêxôç  besorgte  die  YervielfiLltigung  aifv  im- 
fifsXeiqc  zfi  noi(Sfi\  Lukian  weiss  nur  noch  den  Kalligraphen  Eailinos 
daneben  zu  nennen  (adv.  indoct.  1  u.  24).  Seine  Abschriffcen  zeich- 
neten  sich,  wie  Schneidewin  ')  richtig  gesagt  hat,  garuicht  als  Textes- 
recensionen  aus,  sondern  lediglich  durch  die  Treue  und  Sauber- 
keit,    mit   der  die  (gute  oder  schlechte)  Yorlage   copirt  wurde*), 


*)  Die  Worte  sind  schwer:  sed  tamen  ego  non  despero  probatm  ^ 
Varroni:  et  id^  quoniam  impensam  fecimus  in  macrocolkUf  facile  patior  teneni 
man  construire  und  erg^nze  zugleich  :  facile  patior  vel  gaudebo  id  a  te  teneffi 
qtiod  dixi  probatum  iri  Varroni, 

2)  Schneidewin  Philol.  III  S.  126. 

')  Harpokration  79,  24  giebt  eine  dirri  yçatfji   aus   den   Atticiana  àet 


—  Normalezemplare.  —  285 

NÎT  fugen  hinzu,  durch  die  ansehnlichen  Lettern  und  die  Giite  des 
Papiers. 

Wir  sind  hiemit  zu  dem  Begriff  des  Normalexemplares  ge- 
angt.  Als  Normalexemplare  erschienen  im  Buchhaudel,  wie  Cicero's 
^erke,  so  wohl  auch  aile  ûbrigen  Texteseditionen,  die  des  Atticus 
)ffîcin  lieferte,  die  ^AttêXMvà  àptiyçafpa  eises  Plato  (angefuhrt  Yon 
Salen^)),  eines  Demosthenes  ^  u.  a.  m.  Nicht  anders  ist  der  Thuky- 
[ides,  den  Dionys  benutzte,  zu  denken,  und  von  jedem  berûhmten 
lutor,  auf  den  das  Alterthum  Werth  legte,  werden  solcbe  beste 
losgaben  unbedingt  bestanden  haben. 

Sie  hatten  Normalzeilengrôsse  und  MakrokoU  und  beherrschten 
Js  massgebend  das  ganze  Prosabuchwesen,  so  dass,  indem  der 
ttichometrische  Usus  durch  die  langen  Zeiten  unyerândert  in  Uebung 
»lieb,  auch  der  Begriff  des  Stichos  selbst  sich  in  ihnen  trotz  aller 
ifannigfaltigkeit  der  Schreibgewohnheit  unyerândert  bewahren  konnte. 

Dièse  normalen  oder  besten  Ausgaben  waren  bei  neuen  Autoren, 
«ie  Cicero,  mit  der  Origlnalausgabe,  bei  alten  begehrten,  aber  yer- 
priffenen  Autoren  dagegen  mit  der  Neuausgabe  identisch,  welcher 
lich  ein  Grammatiker  oder  sonstiger  litterarischer  Entrepreneur  unter- 
sog.  Wâhrend  Mancher  sich  geringere  Abschriften  durch  seine  Haus- 
(klaven  herstellen  liess,  werden  wir  uns  gewiss  Mânner  wie  Pomponius 
Secundus,  Litteraten  von  Fach  wie  Valerius  Probus  oder  endlich 
iedweden  B«ichen,  der  auf  die  Schônheit  seiner  Bibliothek  Werth 
legte,  als  Kaufer  der  besten  Exemplare  denken  dûrfen  (ygl.  unten 
Cap.  VU),  y  or  allem  wurden  solche  ohne  Frage  in  den  offentlichen 
Bibliotheken  angeschafiPt. 

Und  auf  solche  Exemplare  gehen  endlich,  wie  wir  mit  Grenug- 
dmung  werden  schliessen  konnen,  auch  unsere  mittelalterlichen 
lextesabschriften  selbst  zurûck,  welche  den  buchhândlerischen  Yer- 
merk  der  Normalzeilensumme  treu  erhalten  haben. 


Demosthenes.     Die   des  Aeschines  scheinen  einen  minder  guten  Tezt  wieder- 
gegeben  zu  haben,  Schneidewin  a.  a.  O. 

')  Daremberg,  Fragm.  du  commentaire  de  Galien  sur  le  Timée,  1848,  S.  12. 

>}  Sauppe,  Epist.  crit.  S.  49  f.     Cobet  Var.  Lect.  S.  94. 


SECHSTES  KAPITEL. 

Die  Bnchgr&sse. 


Uer  Begriff  der  Normalzeile  fur  die  Rollenbûcher  der  gesammten 
alten  Litteratur  bat  sich  uns   festgestellt;   der  ^Stichos^  auch  des 
Prosabuches  war  und  blieb  der  Hexameter.    Aucb  das  RoUenbuch 
selbst  haben  wir  uns  zur  hinlânglicben  Anscbauung  gebracbt;  es  stekt 
uns  fest,  dass  die  Rollengrôsse  in  ibrem  Maximum,  an  das  so  Autor 
wie  Librarius  sicb  zu  balten  genôtbigt  waren,  schon  in  den  âgyp- 
tiscben  Papierfabriken  bestimmt  wurde;  qualitativ  unterscbieden  sich 
mebrere  Sorten  des  Papjrusbucbes  durcb  die  Blattbreite;  von  dieser 
Blattbreite  wàr  —  wenn  nicbt  ûber  die  Elebungen  binweggescbrieben 
werden  soUte  —  die  Schreibung  der  Normalzeile  abbângig;  dieselbe 
fand  sich  in  Normalexemplaren  wirklich  gescbrieben.     Wir  gelangen 
erst  nimmebr  zu   dem   eigentlicben  Endziel   und  Ëndpunkt  unserer 
Untersuchungen.    Wir  wollen  nunmehr  auch  die  Buch grosse  selbcr 
bestimmen.     Wir  fragen:   welches  smd  die  Grenzen  des  Môglichen, 
durch  welche  der  Raumbegriff  des  antiken  Buchs  seit  alexandrinischer 
Zeit  abgegrenzt  und  definirt  wurde? 

Der  Fabrikationsbericht  des  Plinius  ûber  die  Charta  selbst  ver- 
sâumt  nicht,  wie  wir  sahen,  auch  ûber  das  RoUenmaximum  eine 
Angabe  zu  machen  (Z.  24);  und  zwar  wird  dasselbe  hier  selbstver- 
stândlich  bestimmt  nach  der  Anzahl  der  Blâtter  {plagvlae);  es  heisst, 
ein  TOfAOç  xdqxov  halte  niemals  mehr  als  eine  gewisse  Anzahl  solcher 
Blâtter;  die  Zahl  selbst  ist  verderbt.  Weil  wir  die  Blâtter  der 
Bûcher  nicht  mehr  nachzâhlen  kônnen,  so  muss  von  uns  die  Grôssen- 
bestimmung  vielmehr  mit  HûKe  der  Normalzeile  gemacht  werden. 


—  Die  BuchgrÔBse,  Maximum  und  Minimum.  —  287 

Hemach  werden  wir  befahigt  sein,  aus  den  gewonnenen  Zeilensummen 
auf  die  Anzahl  der  Blâtter  einen  Riickschluss  zu  thun  und  jenes 
hochwichtige  Pliniuszeugniss  demgemâss  zu  behandeln. 

Wir  haben  auf  das  im  vierten  Abschnitt  Gesagte  an  dieser 
Stelle  zuriîckzugreifen.  Aeusserungen  der  Schrifbsteller  selbst  zeigten 
uns  dort  erstlich,  dass  der  Raumzwang  des  Buch  maximum  s  den- 
sdben  Yollstandig  bewusst  war,  zweitens,  dass  es  neben  dem  Maxi- 
malmass  auch  ein  Minimalmass  gab,  jenseits  dessen  das  fi^fiXiop  kein 
Hop  fi^filiov  war,  und  endlich  drittens,  dass  bei  grôsseren  Werken 
Gleichmâssigkeit  der  Rollenumfânge  erwiinscht  war.  Ailes  drei  er- 
kl&rt  sich  aus  der  Natur  der  Sache. 

RoUen  Ton  150  Fuss  Lange,  welche  die  ganze  Odyssée  tragen 
konnten,  hâtten  sich  freilich  fabriciren  lassen;  ja,  sie  sind,  wie  wir 
ip&ter  sehen  werden,  in  Yoralexandrinischer  Zeit  in  der  That  oft  Yor- 
lekomtnen.  Allein  ein  so  grosses  PapiercouYolut  abrollend  zu  lesen 
nusste  mehr  Anstrengung  als  Erbauung  scheinen;  die  gerollten,  aber 
>8eii  Papiermassen  in  jeder  Hand  waren  zu  gross  und  drohten  aus- 
ÛDUUiderzufallen;  sie  mussten  mit  Kraft  und  doch  ohne  schâdigende 
re^walt  gehalten  werden;  die  Sorge  fur  das  Buch  stôrte  die  Recep- 
;on  des  Buchinhalts.  Ein  Buch  war  um  so  benutzbarer,  je  leichter 
8  in  den  Hânden  lag;  wer  Yollends  nicht  durchlesen,  sondem  nur 
achschlagen  woUte,  musste  sein  Suchen  durch  die  RoUeneinheit  so 
rosser  Werke  im  hôchsten  Grade  gehemmt  sehen,  wogegen  ihre 
ielfaltîge  Yertheilung  das  Finden  mit  Hûlfe  der  aiXkvfiot  bedeutend 
rleicbterte.  Darum  fixirte  sich  —  wann  imd  durch  wen?  bleibt 
ier  Yorerst  imerôrtert  —  die  nsQiyqaipii  avrdçxfjÇy  der  modus  vo- 
ttmmis  oder  wie  sonst  das  MotiY  fur  den  Buchschluss  Yon  den 
Lutoren  definirt  wird. 

Aber  auch  eine  ûbermâssige  Kiirze  der  Bûcher,  etwa  zu  nur 
.00  Zeilen  oder  zu  3  plagulae,  musste  als  zwecklos  Yermieden  werden, 
Tenn  man  ein  Werk  in  mehrere  Bûcher  zu  zerlegen  sich  entschlossen 
uttte.  Drei  plagulae  waren  des  sorglichen  Aufrollens  um  einen  Stab 
ind  des  besonderen  Einbandes  noch  kaum  werth,  ein  Werk  zu 
.0  000  Zeilen  in  100  Bûcher  zu  zerlegen,  wâre  ebenso  lâcherlich 
^ewesen,  wie  das  unzerlegte  unpraktisch  war.  Nur  wer  ûber- 
laapt  nicht  theilte,  sondem  eine  Monobiblos  edirte,  konnte  durch 


288  ~  ^î®  BucligrftBS*.  — 

einen  gerîngfugigen  Stoff  zu  solchem  Miniaturbuch   eyentaell  ge- 
nôthigt  sein. 

Dass  endlich  Gleichmâssigkeit  der  Einzelbuchgrôssen  erwQnscht 
schien,  war  Sache  des  guten  Geschmacks  iind  eines  selbstyentand- 
lichen  Concinnitâtsgefuhles. 

Maximum  und  Minimum  lassen  sich  nun  aber  nicht  einfach 
unterschiedslos  aus  der  Gesanmitheit  der  Litteratur  abnehmen.  Es 
gilt  gleich  hier  zu  unterscheiden.  Nicht  nur,  dass  keine  uniforme 
Schablone  aile  Buchgrôssen  gestaltete  —  schon  die  Fassung  der  Be- 
merkung  des  Plinius,  dass  eine  Rolle  nicht  mehr  als  100  oder  als 
200  Blâtter  halten  diirfe,  stellt  augenscheinlich  diesseits  des  Maxi- 
mums die  Mannigfaltigkeit  der  Blâtterzahl  vollkommen  in  das  Belieben 
des  Fabrikanten  — ;  sondern  es  sind  sogar  in  feiner  und  bewusster 
Weise  yerschiedene  Litteraturgattungen  durch  die  Bucbgrôsse  anter- 
schieden  worden.  Fur  yerschiedene  Litteraturgattungen  wa- 
ren  yerschiedene  Buchmaxima  oder  Formate  ûblich  oder 
obligat. 

Dies  zu  erweisen,  brauchen  wir  nicht  Ton  den  eigenen  Wahr- 
nehmungen  auszugehen.  Das  Alterthum  selbst  bat  dafur  eine  tech- 
nische  Yorschrift  formulirt;  und  in  einer  spâten  Encjclopâdie  ailes 
Wissenswûrdigen  des  antiken  Culturlebens  bat  sich  uns  dièse  Yor- 
schrift in  unzweideutiger  Fassimg  erhalten.  Isidor  ist  es,  der  in 
sein  en  Origines  VI  12  im  Zusammenhang  einer  umfassenden,  wenn 
schon  excerptartig  notizenhaften  Geschichte  des  Buchwesens  hierfïir 
kurz  Folgendes  lehrt: 

Qtuiedam  gênera  Ubrorum  certis  moduUs  conficiébantur  ;  hremri 
forma  carmina  atque  epistul^xe;  at  vero  historiée  maiori  modulo  scrUbe- 
bantur, 

Dieser  Abschnitt  des  Isidor  ist  wie  viele  andere  von  Reififerscheid 
auf  Sueton  zuruckgefiihrt  (Suet.  ReifP.  S.  133)*). 

Zu  carmina  und  epistulae  gelten  in  ihm  historiae  als  alleiniger 


^)  Vgl.  Reififerscheid  a.  a.  O.  S.  420  f.  Dass  manches  Sp&tere  mit  ein- 
fliesst,  nimmt  Reifferscheid  mit  Recht  an:  ^multa  ut  solet  laidonis  modo  de 
suo  modo  ab  aliis  auctoribus  petita  inmiscuit";  dazu  rechne  ich  aber  Allée, 
was  hier  ûber  Codex  (multorum  Ubrorum  est)  und  folia  im  Unterachied  tob 
paginae  gesagt  wird  (vgl.  oben  Kap.  I  S.  44). 


—  Unterscheidung  der  Formate.  —  289 

Gegensatz;  wir  haben  darunter  offenbar  aile  ^wissenschafdicheii 
^erke",  deren  natûrliche  Sprachform  die  Prosa  ist,  zu  verstehen. 
Die  Einzelbûcher  oderRollen  (librt)  der  wissenschaftlichen 
Werke  in  Prosa  waren  also  constant  in  grôsserem  Format, 
nudori  modulo,  die  der  poetischen  waren  constant  in  klei- 
nerem,  bremori  forma,  gehalten.  Die  epistolographische 
Xiitteratur  aber  ahmte  in  seinem  Format  die  poetische 
nach. 

Sueton  unterscheidet  somit  zwei  RoUenmaxima  nach  den  zwei 
Hauptklassen  der  Litteratur.  Dass  dièse  Maxima  in  beiden  Elassen 
immer  erreicht  werden  sollen,  ist  nicht  gefordert;  sie  kônnen  nur 
nicht  nberschritten  werden.  Es  war  das  Maximum  des  Poesie- 
buchs  ein  wesentlich  kleineres  als  das  des  Prosabuchs. 

Nach  dieser  Anleitung  theilt  sich  xmsere  Aufgabe  naturgemâss, 
and  wir  werden  die  Gledichtrolle  nnd  die  ProsoroUe  gesondert  zu 
betrachten  haben. 

Weil  aber  den  Monobibla,  wie  angedeutet,  ein  kleineres  Minimal- 
mass  zngestanden  sein  musste,  so  sind  dabei  aile  monobiblischen 
Werke  fur  sich  zu  gruppiren. 

A.  Das  Poesiebuch. 

Des  Eallimachos  Gleichung  fiéya  fitfiUov  (â4ya  xanoy  ist  be- 
kannt;  dass  sie  auf  die  Rollengrosse  Bezug  hatte,  wird  spater  erwiesen 
werden;  ob  Eallimachos  dabei  aber  speciell  das  Poesiebuch  im  Auge 
gehabt  bat,  ist  sehr  zweifelhaft.  Cicero  betrachtet  es  als  einen 
Vorzug  seiner  Academica  posteriora,  dass  deren  Einzelbûcher  kûrzer 
als  die  der  priera  sind  (unten  Eap.  YU).  War  dièse  Eûrze  wirklich 
ein  Yorzug  schon  des  Prosabuchs,  so  musste  man  yor  allem  die 
lesenswerthesten  Werke  der  Litteratur,  die  poetischen,  durch  ihn 
aoszeichnen;  denn  ihre  Anspruche  an  die  Theilnahme  und  an  das 
Wohlgefallen  des  Publikums  waren  die  weitgehendsten;  sie  mussten 
auch  âusserlich  moglichst  dem  Behagen  des  Lesers  entgegenkommen. 
Der  purpurnen  Paenula  entkleidet  —  die  iîberhaupt  meines  Wissens 
nur  als  Huile  der  Poesiebûcher  nachweisbar  ist  —  lag  die  Rolle  in  der 
Tkat  leicht  imd  anmuthig  in  der  spielenden  Hand  ;  ihr  Ende  ist  ab- 

Blrt,  Boehwesen.  19 


290  —  ^^®  BuchgrOsse.  — 

zusehen;  sie  yerspricht  Grenuss,  doch  ohne  Uebermass.  Den  besten 
Wein  trinken  wir  aus  den  leichtesten  Glâsem;  so  darf  der  Eranz, 
den  der  Zecher  trâgt,  nicht  pfundschwer  lasten:  Eros  muss  damit 
spielen  kônnen;  auch  eine  grosse,  lastende  Rolle  hâtte  an  £rd- 
schwere  gemahnt  :  nur  wenn  sie  leicht  war,  konnte  sie  ein  Gescbenk 
der  Muse  sein,  die  im  Aether  wandelt.  Hat  sie  der  Léser  dann  zu 
En  de  gelesen,  so  ruht  seine  Seele  in  einem  wohligen  Zwiegefûhl, 
zufrieden  der  Gesâttigtheit^)  im  Genuss  und  doch  yoII  Bedauein, 
dass  der  Kelch  leer  getrunken,  bis  das  Bedauem  ihn  weiter  zmn 
nâchsten  treibt. 

Besonders  Martial  preist  den  Lesem  seine  Bûcher  wiederholt 
um  ihrer  Enrze  willen  an:  brevior  quod  nUhi  charta  petit  (H  1);  ottay 
Prisce,  brevi  poteris  donare  libeUo  (XII  1);  ho$  eme  quos  artat  breciim 
membrana  tabeîlis  (I  2);  das  Rôllchen  ist  nicht  corpulenter  als  der 
Stab,  um  den  es  gewickelt  ist  (tam  macer  Ubellus,  nuUo  crasmr  vt 
sit  umbiHco  U.  6;  vgl.  auch  z.  B.  X  1  ;  XVlii  29),  imd  doch  ist  Ge&hr, 
dass  der  Léser  schon  gâhne  bei  der  zweiten  Seite.  Parve  Uber, 
brèves  libelli  sind  darum  hâufige  empfehlende  Anreden,  die  Martial 
an  seine  Werke  richtet  (z.  B.  I,  3;  45;  Xn  11;  Xm  3;  vgl.  U  1). 
Ganz  die  nâmlichen  Wûnsche  haben  auch  wir  noch  heut,  wenn  wir 
Gedichte  in  die  Hand  nehmen.  Willkommen  jede  Taschenausgabe 
und  jede,  in  der  das  Gedicht,  das  ist  Rythmus  und  Gedanke,  môg- 
lichst  wenig  Kôrper  kat.  Wohlweislich  lieben  die  Dichter  sich  uns 
in  schon  geschmûcktem  Einbande  auf  Seiten  in  Kleinoktay  zu  zeigen; 
jede  Seite  nur  halb  gefuUt;  der  Bogen  womôglich  nicht  mehr  als 
zwanzig.  Schon  Grossoktav  schreckt  uns  ab;  Quart  wiirde  unerhÔrt 
sein.  Der  Goethe  des  Cotta'schen  Verlages  in  drei  Riesenbânden  ist 
nicht  zum  lesen,  hôchstens  zum  nachschlagen  geeignet.  Mirza  Schafiy 
schlich  sich  durch  seine  leichten  Reime  in  unser  Gedâchtniss,  dorch 
sein  zierliches  Format  in  unsere  Taschen;  dasselbe  Werkchen  in 
seiner  Riescnprachtausgabe  aber  wird  jedem  Liebhaber  geschmacklos 
scheinen. 


^)  Das  Bild  Yom  Ges&ttigtsein  brauchte  der  Deipnosophîst  Âthenaeos  als 
Grund  ftir  den  Buchschluss  VU  fin.:  i/utfoçrjd-iiç  ovv  xai  Tovriay  iaffoy  ifiài 
xai  Tov  ffûD/uariov  irtê/uékêtay  noiiicaffd-a&,  l'y  a  âvyrjd-jç  r«  /nerà  nevra  ivloy^tç 
fftTêlad-ca. 


—  Das  Poesiebuch.    Maximum.  —  291 

Das  antike  Gredichtbuch  hîelt  sich  innerhalb  seines  Maximums 
Dun  noch  yiel  stândiger  und  getreuer  als  das  moderne. 

Die  Rolle  des  Dichters  ist  der  Thrânenkrug  der  Poésie,  wenn 
es  erlaubt  ist  zu  diesem  Bilde  zu  greifen.  Wenn  er  ûberlâuft,  so  stirbt 
sie.    Noch  keine  Phantasie  aber  hat  je  Thranen  auf  Passer  gezogen. 

Im  Durchschnitt  genommen  war  das  Gedichtbuch  halb  so  gros  s 
als  das  Prosabuch.  Es  hait  sich  meistens  zwischen  700  und 
1100  Zeilen;  nur  ausnahmsweise  geht  es  bis  500  hcrab.  Sein  Maxi- 
mum Ton  1100  Zeilen  ist  unyerletzlich.  Der  Zahl  Tausend  wurde 
darum  typische  Geltung  zu  Theil,  und  Martial  meint  nichts  als  ein 
olov  fiêfiXioy,  wenn  er  sagt  ut  ndUe  versibus  Baias  laudem  (XI  80); 
ebendaher  wâhlte  noch  Tzetzes  den  Titel  XtXuiâsç;  aber  schon 
Euphorion  dichtete  funf  Bûcher  desselben  Titels  XêkêââsÇj  und  dieser 
ist  von  Meineke  mit  Wahrscheinlichkeit  eben  auf  die  Verszahl  ge- 
deutet  worden*).  Rechnen  wir  nach  dem  Vorbild  des  Bankesiani- 
schen  Homer  43  Zeilen  auf  die  Columne,  so  hielt  also  das  Poesie- 
buch 26  Seiten  im  Maximum.  Sehr  beliebt  waren  aber  die  Bûcher 
zu  nur  700  Versen;  sie  hielten  sogar  nur  16  Seiten.  Daher  heisst 
das  Poesiebuch  im  Gegensatz  zum  Prosabuch  Yorzugsweise  UbeUus 
(S.  22  f.). 

Bei  dem  hiemàchst  folgenden  Yerzeichniss  der  Buchgrôssen  gilt 
es  Yor  allem  auch  auf  die  grôssere  oder  geringere  Gleichmâssigkeit 
der  Buchgrôssen  zu  achten.  Starke  Abweichungen  mûssen  immer  in 
besonderen  Umstânden  ihre  Erklârung  flnden. 

ApoUoniiu  Rhodius,  Argonautica     I  1362  II  1288  UI  1406  IV  1779. 

KaUimachos,  Âitia,  4  Bûcher,  je  *966*). 
Eaphorion,  Ghiliades,  5  Bûcher,  je  *1000. 


1)  Memeke,  Anal.  Alex.  S.  13  f.  Bemliardy  im  Suidas  hat  Meineke's 
Erklftrung  nicht  adoptirt.  Die  Worte  intyçâtfiTaê  de  ^  néfAniti  ^^Itàç  xtX, 
•eheinen  Zusatz.  Um  so  leichter  iat  dann  aber  Meineke's  Correktur  awâyi^ 
âià  /*iU(ii»'  intay  (st.  iTvjy)  xçtja/Liovç  dnoTêkêff&épraç. 

')  Der  Kallimachos  des  Marianos  in  Senaren  hatte  6810  Verse  (oben 
8.  1G6  N.  23  ff.)  und  enthielt  1  Buch  Hymnen,  1  Buch  Ëpigramme,  1  Buch 
Hekale,  4  Bûcher  Aitia.  Nun  pflegte  Marianos  an  Verszahl  dem  Original 
lîemlich  gleich  zu  bleiben.  Des  Apollonios  5835  Verse  werden  bei  ihm  zu  5608; 
des  Arat  1154  zu  1140;  der  jetzt  beinahe  ca.  3200  Verse  betragende  Nachlass 
Theokriteischen  Namens  (vgl.  Kap.  VIII)  zu  3150;  betreffs  Nikander's  ist  daram 

19* 


292 


—  Die  BuchgrOsse.  — 


Lncretias,  De  remm  natan 


Vergilins,  Âeneis 


Horatius,  Sermones 

TiboIloB 

Propertius 

Horatias,  Carmina 

Oridius,  Amores 

Oridius,  Ârs  amatoria 

Ovidias,  Métamorphoses 


Ovidins,  Tristia 

OridiaSf  Fasti 

Ovidins,  Epist  ex  Ponto 
Manilius,  Astronomica 

Lacanus,  Pharsalia 


Valerins  Flacons,  Argonantica 


Silius  Italicus,  Ponica 


I 

n 
I 
n 
m 

IV 

I 

I 

m 

I 

I 

I 

I 

n 

m 

IV 
V 

I 

II 

I 

II 

I 

I 

II 

I 

n 

m 

I 
II 

I 

II 
m 

IV 

V 

VI 


1109 

1174 
756 
804 
718 
706 

lOSO 
820 

1008 
876 
778 
772 
779 
875 
784 
803 
678 
7S8 
578 
724 
864 


m 

IV 
V 

VI 

vn 
vm 
n 

IV 

II 
u 
n 

VI 

vn 
vm 

IX 
X 

m 

IV 

m 

IV 


766 


II    762 


926 
970 
695 
786 
762 


m 

IV 
IV 
V 
VI 


1092 
1279 

871 

901 

817 

781 
1083 

990 
572 
812 
746 
721 
865 
884 
797 
739 
788 
678 
884 
954 
m  736 
682 
935 
824 
814 
830 


V 

VI 
IX 
X 

XI 

xn 


1455 
1284 
815 
908 
915 
953 


m    1014') 
m        870 


m 

XI 

xn 


81) 

m 

628 


XIU      968 
XIV      851 


XV 
V 

V 
VI 
IV 
V 


879 
750 

7S4 
81S 
880 
745 


vn  871 
vm  8TÎ 
IX       1106 


695 
760 


(aoscheinend  incomplet^:  X  546) 

851  m         740  V 

664  IV          762  VI 

VII  653        (incomplet:  VIU  467} 

694  vn        750  Xm      895 

707  vm       678  XIV      689 

714  IX          657  XV       825 

831  X           659  XVI      701 

678  XI          614  XVn     655 

716  xn        752 


mit  Recht  vermuthet,  dass  bei  Suidas  die  Nennung  der  Alexipharmmka  ausgefallen 
ist;  beide  Nikandergedichte  mit  1788  Hexametem  erscheinen  bei  Marianos  in 
1370  Senaren.  Subtrahiren  wir  ftlr  den  Kallimachos  nun  von  der  Gesanunt- 
summe  6810  die  erhaltenen  Hymnen  (1084),  so  fàllt  auf  jedes  der  ûbrigeo 
6  Bûcher  (Ëpigr.,  Hecale,  4  Bb.  Aitia)  je  OôéVs  Senar;  das  wfirde  fÛr  Kalli- 
machos selbst,  nach  dem  Zahlenverh&ltniss  bei  Arat  berechnet,  je  966  Hexâ- 
meter  ergeben. 

^)  Horaz  III  12  ist  den  Handschriften  gemàss  als  12  Vv.  gez&hlt. 

^  Vgl.  Teuffel,  R5m.  Litt-Gesch.  298,  7. 


—  Bas  Poesiebuch.     Maximum.  — 


293 


Statins,  Thebais 

I 

720 

V 

758 

IX 

907 

n 

743 

VI 

946 

X 

939 

m 

721 

vn 

824 

XI 

761 

IV 

843 

Vin 

767 

xn 

719 

StatioB,  AcbiUeia 

I 

674 

(incomplet:    II  453) 

Statins,  SUrae*) 

I 

887 

m 

800 

V 

858 

n 

814 

rv 

776 

Javenalis,  Satnrae 

I 

990 

u 

661 

m 

668 

IV 

706 

(incomplet:    V  680) 

Oppianos,  Halientica 

I 

797 

m 

648 

V 

680 

n 

688 

rv 

698 

Manetho,  Âpotelesmatica 

II 

502 

m    428 

IV    626 

VI    1 

m*). 

Was  nim  zunâchst  das  Maximum  betrifiPt,  so  sind  unter  den 
iTzeichneten  hundeitimdachtundyierzig  Rollen  acht,  die  es  ûber- 
hreiten;  dièse  acht  gehôren  aber  den  beiden  âltesten  Gedicht- 
srken  an,  welche  uns  Yorliegen,  dem  Apollonius  und  Lukrez; 
e  Rollen  des  ersteren  halten  sich  zwischen  1288  und  1779;  die 
»  letzteren  steigen  einmal  um  74,  einmal  um  179,  einmal  um  184, 
unal  um  355  Verse  ûber  1100  hinaus.  Es  ist  gewiss  nicht  zufallig, 
188  dies  eben  die  âltesten  erhaltenen  Biicher  sind.  Apollonios' 
leilung  fallt  vielleicht  noch  Tor  des  Kallimachos  Einfluss  (doch  vgl. 
ip.  IX);  Lukrez  aber  ist  seinerseits  Yertreter  der  alten  Schule  in 
)m  und  jener  alexandrinischen  Bichtung  in  Rom  noch  fremd,  in  der 
xnach  nâchst  Catull  und  seinen  Freunden  auch  Yergil  und  seines- 
eichen  weiter  gegangen  sind.  Wenn  daher  Vahlen*)  betreffs  der 
lirbiîcher  des  Ennius  urtheilt:  „amplissimos  fuisse  libres  materiae 
»erta8  indicat:  . . .  unius  libri  mille  et  quingentos  Tel  sescentos  Tel 
leo  octingentos  versus  fuisse  adsumam^,  so  ist  dies  môghcherweise 
i  hoch  taxirt,  aber  ein  Analogieschluss  von  Lukrez  auf  Ennius  wird 
lerdings  yielleicht  gestattet  sein. 

Bei  allen  ûbrigen  Dichtem  herrscht  aber  die  Zahl  Tausend  als 
aximum  (ausser  Lucan  IX);  die  beliebteste  Grosse  liegt  zwischen 
K)  und  799  Yersen  (44  Rollen);  ihr  steht  die  zwischen  800  und 
)9  am  nâchsten  (33  Rollen). 


')  Hier  ist  die  praefatio  in  I  auf  46  Hezameter  angesetzt,  in  II  auf  42, 
III  auf  37,  in  IV  auf  52,  in  V  auf  17.  Die  Ueberschriften  sind  nicht  als 
nlen  gez&hlt. 

*)  Buch  VI  scheint  ausserdem  iQckenhaft,  lûckenhaft  auch  Buch  I  und  V. 

')  Vahlen,  Enni  reliquiae  S.  XIX. 


294  —  ^^®  Buchgrôsse.  — 

Die  Betrachtung   des   Minimums    ist   mit    der    der   Gleich- 
mâssigkeit  der  Buchgrôssen  zu  verbinden.    Dièse  Gleichmâssigkeit 
ist  Yon  den  meisten  Dichtem,  wie  leicht  zu  sehen,  mit  Sorglichkeit 
gewahrt;   die  Aeneis   steigert  sich  in  den  Schlussbûchem  um  100 
und  150  Verse.     Die  grôsste   Sorgfalt  verrathen  die  vielen  Bûcher 
Ovid's:   das  zweite  Buch  seiner  Tristien  ist  nur  deshalb   geringer, 
Y^reil  es  als  Brief  an  Augustus  séparât  steht  und  eigentlicb  als  Mono- 
biblos  entstanden  ist,  wenngleich  es  schon  Ovid  selbst  in  die  Sanun- 
lung  mit  eingerechnet  hat  ').    Buch  XII  und  XTTT  der  Metamorphosen 
hâtten  jedes  richtig  794  aufaehmen  kônnen;  aber  der  Inhalt  nothigte, 
schon    an   einer   frûheren  Stelle   einzuschneiden ')  ;    so   erhalten  wir 
denn  einmalig  das  Minimum  628.    Besonders  imgeschickt  ist  dagegen 
offenbar  Horaz  mit  seinen  Oden  verfahren,  die  er  gleichzeitîg  in  drei 
Bûchem  herausgab;  die  2462  Verse  vertheilte  er  so,  dass  das  erste 
und  dritte  Buch  normal  ausfielen,  das  mittlere  dagegen  auf  572  zn- 
ruckgeht.    Das  Ganze  ist  vom  Dichter  als  Einheit  gekennzeichnet 
durch  die   sich   entsprechenden  rein  asklepiadeischen  Gedichte  1 1 
xmd  m  30.     Nicht  das   erste,  aber  das  zweite  Buch  erhielt  noch 
einen  besonderen  Buchabschluss;   als  die  sachliche  Einheit  in  dem 
letzteren  kann  vielleicht,  wenn  sie  ûberhaupt  besteht,  der  vorheir- 
schende  sentenzios  didaktische  Charakter  seiner  Oden  gelten;  lâsst 
sich  seine  Kûrze  etwa  eben  hieraus  erklâren  ?    Als  Horaz  dann  spâter 
das  vierte  Odenbuch  hinzuthat  mit  582  Versen,  gab   er  ihm  zum 
dritten  alsdann  dieselbe  Proportion,  in  der  das  zweite  zum  ersten  steht. 

Ungleich  sind  auch  die  Rollen  Juvenal's,  mehr  noch  die  des 
Manetho  ausgefallen,  der  bis  502,  ja  428  hinabgeht.  Hier  ist  nun 
zu  bemerken,  dass  einige  Dichter  das  didaktische  Gedichtbuch 
planvoU  auf  die  Hâlfte  des  Maximums  angelegt  haben.  Man  wâhlte 
Rôllchen  von  13  Seiten.  Was  den  Anlass  gab,  ist  leicht  zu  errathen: 
der  Inhalt  stellte  hier  an  die  Achtsamkeit  des  Lesers  grôssere  An- 
forderungen  als  bei  Epos  und  Elégie;  wer  seinen  Léser  nicht  ermùden 
woUte,   that  weise,  frûh  zu  schliessen.     Vergil's  Georgica  sind  vier 

solcher  Rôllchen;  es  halten 

I  514,      II  542,      III  566,      lY  gleichfaUs  566  Verse. 

»)  Vgl.  Trist.  V   1,  1. 

3)  Vgl.  Rhein.  Mus.  XXXII  393  Note. 


—  Des  Poesiebuch.     Gleichm&ssigkeit.    Didazifl;  Boman.  7—        295 

Die  Absicht  ist  um  so  klarer,  als  das  Eclogenbuch  mit  829  der 
Aeneis  gleichsteht.  Dazu  stimmen  die  Oppianischen  Cynegetica, 
woselbst 

I  5S6,      II  628,      m  525,      IV  453 

Verse  halten.  Columella  schrankt  sein  Gedicht  Yon  der  Gârtnerei 
auf  414  Verse  ein,  obschon  so  das  Buch  als  zehntes  des  Gesammt- 
werks  Tom  Landbau  hinter  den  Prosabûchem  weit  zurûckbleibt. 
Auch  an  Monobibla  wie  den  Aetna  mit  644  sei  hier  erinnert,  welcher 
Ton  dem  incompleten  Jagdbuch  des  Grattius^)  mit  540  wohl  nicht 
ûbertroffen  worden  ist.  Ovid's  Medicamina  formae  waren  gewiss 
gleichfalls  so  kurz');  wenn  Ovid  dies  Jugendwerk  ausdrûcklich  als 
p€avu8  libellus  bezeichnet  (Ars  am.  DI  205),  so  ist  dies  in  Vergleich 
zum  gewôhnlichen  Format  gesagt,  das  Ovid  sonst  benutzte,  und  es 
ist  uns  eben  biemit  der  recbte  Terminus  fur  die  GeorgicaroUen  des 
Vergîl  gegeben.  Ganz  ebenso  heisst  dem  Ovid  sein  Bûchlein  Ibis 
Ton  642  Versen  ein  libellus  ejnguus  (Ib.  451).  Ein  solcher  partms 
Hbdlus  war  aber  auch  des  Horaz  zweites  Odenbuch. 

Die  Vermuthung'),  Vergil  habe  ursprûnglich  beabsichtigt,  seine 
Aeneis  in  Nachahmung  Homer's  auf  24  Bûcher,  gleich  gross  denen 
der  Greorgica,  zu  yertheilen,  ist  hiemach  nicht  glaublich;  auch  zeugt 
die  Vergil vita  Douâtes  dagegen  (Suet.  Reiff.  S.  59  f.). 

Die  Poésie  hat  sich  aber  schon  im  Alterthum  gelegentlich  auch 
der  prosaischen  Rede  bedient.  Dies  geschah  im  Roman.  Auch  der 
Roman  erschien  im  Format  des  Gedichtbuchs.  Lukian  ist 
weit  entfernt,  beispielsweise  seinen  Hermotimos  mit  2102  Versen 
oder  seine  Todtengesprâche  mit  1859  (s.  xmten)  in  Bûcher  zu  zer- 
legen;  dièse  Schriften  sind  so  gut  Prosa  wie  die  ^ùuxqawiol  Xôyoè 
der  Platonischen  Zeit  Den  Roman  oder  die  Travestie  des  Romans 
in  seiner  ^AX^&^ç  îatoçia,  mit  nur  1600,  liess  Lukian  dagegen  nicht 
ungetheilt    und   sonderte   das  Werk    dadurch    schon   fur   das  Auge 


^)  Dass  dies  der  Xame  des  Dichters,  lehrte  Bûcheler  Rhein.  Mus.  XXXV 
8.  407. 

')  Wie  das  Oridgedicht  weiter  verlief,  habe  ich  angedeutet  De  Hali- 
eaticis  S.  41. 

')  L.  Lersch,  Sûddeatsche  Schalzeitang  IV  88;  Muséum  der  rhein.-west- 
ph&lischen  Schulen  III. 


296  —  ^®  BuehgrOsse.  — 

sichtlich  Yon  allen  ûbrigen:  dasselbe  wurde  in  zwei  Rollen  heians- 
gegeben  zu  811  imd  zu  826  Yersen. 

Ebenso  trug  z.  B.  Apuleius  seine  Metamorphosen  in  diesdben 
Rollen  ein,  die  auch  Orid  benutzt  batte.  Die  AnzabI  der  Yerae  ist 
bier  in  den  elf  Bûcbem: 


I 

694 

IV 

962 

VU 

722 

X 

1003  y, 

u 

892 

V 

807 

VIU 

892 

XI 

849V,  0 

m 

722 

VI 

807 

IX 

1181 

und  nicbt  anders  bot  Longos  dem  Publikum  sein  zartes  Scbiferidyll 
yon  Dapbnis  und  Cbloe  in  yier  gleicb  zierlicben  Rollen  dur  (vgL 
unten). 

Statius  bat  die  fûnf  Rollen  seiner  Silvae  nacbeinander  erscheina 
lassen;  sie  sind  also  als  Monobibla  entstanden;  docb  vereinigte  er 
sie  selbst  durcb  Titel  und  Bucbzâblung  zu  einem  Werk,  wie  die 
Yorreden  zeigen.  Genau  dasselbe  gilt  aber  aucb  von  den  zwôlf 
Epigrammenbûcbem  Martiales;  sie  erscbienen  nacb  einander;  jedes  vA 
inbaltUcb  selbstândig;  aucb  waren  sie  einzeln  kauflicb,  obschon 
Martial  selbst  die  Bucbzâblung  einfubrte,  der  wir  uns  bedienen. 
Wâbrend  nun  aber  Statius  sorgfaltig  die  normale  Bucbfûlle  eingebalten 
bat,  yerratben  MartiaPs  Bûcber  dagegen  ôfters  scbon  in  ibrem  Um- 
fang,  dass  sie  als  Monobibla  abgefasst  waren  und  gekauit  wurden; 
denn  zwar  giebt  Bucb  I  die  Zabi  859,  IX  832,  X  848,  XI  792, 
XU  748,  YH  731,  docb  YIH  nur  663,  ffl  662,  lY  660,  Y  639, 
YI  599,  II  596*).  Martial  ist,  wie  wir  scbon  friiber  bervorhoben, 
auf  môglicbste  Eûrze  erpicbt;  Bucb  XI  cbarakterisirt  er  selbst  zum 
Scbluss  als  tam  longus;  dagegen  rûbmt  er  gerade  dem  kûrzesten, 
dem  zweiten  nacb,  es  sei  so  mager,  dass  es  keinen  Umbilicus  an 
Dicke  ûbertrefife  (s.  S.  290). 

Fligen  wir  nun  bieran  die  sonstigen  monobibliscben  Werke. 
Bas  Maximum  wabren  aucb  sie,  eine  obligate  Minimalgrenze  ist  bei 
ibnen  dagegen  ans  angefubrtem  Grunde  nicbt  wabrzimebmen;  auch 


1)  éd.  Eyssenhardt  Berlin  1869. 

*)  Die  Verssummen  bei  Martial  beanspruchen  nicht  genan  zu  sein;  Dor 
Buch  I  ist  durchgezâhlt;  in  II  bis  XII  ist  die  Seitenzahl  des  kleinen  Schneide- 
win'schen  Textes  genommen  und  die  Seite  za  29^7  Versen  veranschUgt.  Di^ 
praefationes  sind  mitberechnet. 


—  Bas  Poeaiebnch.     Boman.    Monobibla.  —  297 

k&rzere  Gedichte  gingen  in  den  Rollen  gelegentlich  fur  sicb,  falls  ihr 
Urheber  eben  nicbt  mebr  als  sie  edirte. 

Am  Anfang  stebt  wieder  aus  der  âltesten  Zeit  ein  Werk,  das  das 
Maximum  ûberschreitet,  des  Lykophron  Alexandra  mit  HTéVersen^). 
Dieser  Fall  ist  obne  Frage  nacb  Analogie  des  Apollonios  imd  Lukrez 
zn  beurtbeilen  (S.  294;  ygl.  Kap.  IX).  Im  Uebrigen  erhalten  wir 
zonâchst  folgende  Normalbûcber: 

KaUimachos,  Hymnen 1084  Vergilins,  Bucolica 829 

Epigramme  ....  *  966  Horatius,  Epistulae  I 1006^ 

Hekale ^966*)  Ovidias,  R«media  amoris     .    .    .    814 

Nikander,  Theriaca 958  Galparnins,  Eclogae 769 

Aratos,  Phaenomena 7S2')  Homeras  Latinus 1070 

GermaniciiB,  Phaenomena.    .    .    .    726  Dionysios,  oîxovfi.  mçnf/fjc^ç    .  1186 

Die  Mehrzahl  der  folgenden  Gedicbte  reicbte  dagegen  nicht  aus 
eine  Rolle  zu  fullen: 

llartialis,  Âpophoreta 681")     Âratos,  Diosemeia 422 

Persios,  Satorae 650        Gulex 414 

Oridios,  Ibis 642        Gatnllas,  Naptiae 409 

Aetna 644        Martialis,  Xenia 898 

Nikander,  Alexiphannaca    .    .    .    .680  (Lakian)  Tragodopodagra     .     .    .    .881 

HoratiaB,  Epodi 625        Panegyricos  in  Pisonem 261 

Oridins,  Tristia  II 578  -  Messalam     ....  211 

Priapea 578*)     Dirae  nnd  Lydia 183 

Giris 541        Nox  elegia 182 

Horatioa,  Epistulae  II 486        (Lakian)  *£lxv7iovç 178 

Ars  poetica 476        Elegia  in  Maecenatem  I 142 

Bpicedion  Drnsi 474        Moretum 124 

Fur   die    ersten  neunzebn   oder  achtzebn  dieser  24  Beispiele  kann 
separate  Edition  als  sicber  gelten^,  fur  die  funf  letzten  als  wabr- 

1)  Von  der  Yermutbung  einer  grOsseren  Interpolation  im  Texte  kann 
Mer  abgeseben  werden,  da  dièse  jedenfalls  selbst  in  die  Altère  Zeit  fallen 
wUrde. 

»)  Vgl.  oben  S.  291  Note  2. 

')  Phaenomena  und  Diosemeia  waren  zwei  getrennte  Bûcher;  dies  be- 
seogt  ausdrûcklich  das  Schol.  Theonis  za  y.  733:  iç^fraê  inl  aXXo  fitfiliov  S 

^)  Das  Buch  erschien  zun&chst  aïs  Monobiblos,  und  der  Dichter  dachte 
aimais  noch  gar  nicht  an  ein  zweites. 

^)  Die  Ueberschriften  sind  mitgez&hlt. 
*)  Ungerechnet  die  Stûcke  des  Tibull. 
^)  Ueber  Catull's  Nuptiae  und  den  Panegyricus  in  Messalam  Tgl.  Kap.  VIII. 


298  —  I^i®  BuchgrOsse.  — 

scheinlich,  wenngleich  bei  ilmen  nicht  vollstândig  garantirt  ist,  ob 
sie  nicht  ihre  Isolîrung  vielleicht  erst  einer  spâteren  Ausiese  yer- 
danken.  Mit  der  Maecenaselegie  waren  die  ultima  yerba  Maecenatis 
zu  34  Zeilen  wohl  schon  ursprûnglich  verbunden.  Wenn  es  in  der 
Vergilvita  des  Servius  heisst:  scripsit  etiam  aeptem  swe  octo  Ubros  hos: 
Cirin  Aetnam  Culicem  Priapeia  Catcdepton  Epigrammata  Copam  DrraSj 
so  scheint  der  Terminus  libros  zu  besagen,  dass  jedes  dieser  kleinen 
Werke  als  Monobiblos  fur  sich  gegangen  war;  doch  kann  auf  die 
Terminologie  dièses  spâten  Zeugen  allzuviel  Gewicht  nicht  wohl  ge- 
legt  werden;  besonders  die  38  Verse  der  Copa  wâren  in  dieser  Fora 
schwer  vorstellbar.  Jedenfalls  aber  ist  die  Lydia  zu  den  Dirae  schon 
in  den  âltesten  Exemplaren  hinzugefugt  gewesen;  deshalb  finden  wir 
beide  zu  einem  Stûck  yerwachsen,  und  deshalb  fuhrt  schon  Donat, 
d.  h.  yielleicht  schon  Sueton  selbst,  beide  Stûcke  nur  als  Dirae  auf.  — 
Noch  aber  ist  das  Carmen  saeculare  des  Horaz  hinzuzufugen,  das 
nachweislich  niemals  in  eines  der  Odenbûcher  mit  eingetragen  worden 
ist  (eben  so  wenig,  wie  je  die  Ars  poetica  mit  dem  zweiten  Buch 
der  Episteln  verbimden  war^));  die  Tradition  stellt  es  hinter  dk 
Epoden  und  giebt  ihm  nach  dem  expUcit  eine  selbstândige  Inskrip- 
tion.  Es  muss  mit  seinen  76  Zeilen  in  einer  Rolle  fur  sich  tradirt 
worden  sein,  die  kleinste  Monobiblos,  die  wir  kennen,  eine  gewin 
durchaus  exceptionelle  Erscheinimg. 

Die    pseudoovidischen   Halieutica   mit   137   oder    vielmehr  143 
Versen*)  sind  als  Fragment  nicht  nur  ùberliefert,  sondem  von  ihrem 


^)  Sie  wird  stets  als  Ars  poet.  citirt;  ûber  eine  Ausnahme  vgL  De  Ha* 
lieuticis  S.  199. 

^)  Zu  den  nachgewiesenen  Lûcken  kommt  noch  eine  weitere  hinzu.  Aadi 
zwischen  den  Versen   131  f.  : 

Et  nigrum  niveo  portans  in  corpore  virus 
Loin  go  dnrique  sues  sinuosaque  caris 

ist  in  der  Wiener  Handschrift  fur  eine  Zeile  leerer  Raum;  dass  hier  virklieh 
etwas  fehlt,  erhellt  daraus,  dass  das  nigrum  virus  nicht  der  loUigo  eignet; 
ihr  virus  ist  rubrum  und  nigrum  das  der  sepia  (vgl.  De  Halieut.  S.  122).  E» 
ist  hier  also  ein  Vers  ausgefallen,  der  mit  dem  Namen  sepia  begann  und  dinn 
noch  einen  Fiachnamen  (polypusl)  brachte.  —  Ich  halte  hier  an  der  Unecht- 
heit  dieser  Halieutica  fest;  sie  ist  in  Recensionen,  die  meine  Schrill  De  Hf 
lieuticis  gefunden,  bestritten  worden.     Da  dieselben  meinen  Unechtheitsbeweis 


—  Das  Poesiebuch.    Monobibla.  —  299 

Urheber  concipirt  und  untergeschoben  worden,  wie  denn  schon 
Plinius  nur  das  nâmliche  Fragment  las  wie  wir.  Dasselbe  trat  in 
den  Buchhandel  ein  in  einer  Rolle,  die  nur  auf  ihren  ersten  drei 
Seiten  beschrieben  war;  hiernach  brach  die  Schrift  ab  und  erzeugte 
den  tâuschenden  Eindruck  eines  unfertig  hinterlassenen  Werks. 


ndess  nicht  einmal  susammenb&ngend  referiren,  geschweige  denn  die  entschei- 
tenden  Argumente  irgend  besprechen,  so  bleibt  das  Résultat  roeiner  Schrift 
malterirt.  Ich  nehme  von  diesem  Tadel  zum  Theil  aus  die  Becension  von 
S.  Babrens  in  Jen.  Litt.-Z.  1879  S.  252  f.,  der  wenigstens  einsiebt,  dass  die 
«hlreichen  anstOssigen,  von  mir  besprochenen  Spracberscbeinungen  den  Ovid 
uin  Autor  nicbt  baben  kOnnen.  Bâbrens  will  aie  wegemendiren  und  wundert 
iéh,  dass  icb  es  nicbt  selbst  getban  w&brend  ich  docb  sachliche  Anstôsse 
ielfach  durch  Correktur  beseitigte.  Docb  wird  man  bei  mebr  Ueberlegung 
nriseben  sacblicben  und  spracblichen  Anstôssen  princîpiell  unterscheiden;  es 
■t  unglaublicb ,  dass  Jemand  sachlicb  UnTorstellbares  scbreiben  kOnne  (wie 
wenn  sich  der  Fiscb  lupus  durcb  die  Mascben  des  Neizes  mittelst  eines 
Sprunges  dr&ngen  soll  t.  26,  oder  wenn  es  die  Netze  sein  sollen,  die 
1er  Poljp  durch  Yer&nderung  seiner  Farbe  t&uscht  y.  32)  ;  sachlicher  Nonsens 
irûrde  Mangel  an  gemeinem  Menschenverstand  voraussetzen,  sprachlich  Falsches 
la^^gen  nur  Mangel  an  Sprachsinn  oder  Sprachfibung;  es  ist  daher  ebenso 
mechodisch  geboten,  fÛr  den  sacblicben  Nonsens  nach  Abhilfe  zu  suchen,  als 
lieh  flber  die  sprachlich  e  Qualitât  des  Autors  erst  durch  Prûfung  s&mmtlioher 
BigenthQmlichkeiten  zu  ûberzeugen.  Findet  sich,  wie  in  unserem  Fall,  eine 
g^rOssere  Anzahl  von  solchen  Eigenthûmlichkeiten,  so  schfitzt  eine  die  andere, 
und  es  ist  eine  Fftlschung  der  Thatsachen,  Textesverânderungen  Torzunehmen. 
Oder  will  B&hrens  z.  B.  auch  aus  dem  Bellum  Hispaniense  ailes  undassische 
Latein  wegcorrigiren  ?  Weit  entfernt  aber,  s&mmtliche  Ërscbeinungen  der  Ha- 
lîeutica  in  Betracht  zu  ziehen,  greift  B&hrens  auf  Gluck  ein  paar  heraus, 
IQ  denen  ihm  Conjekturen  eingefallen  sind.  Von  diesen  ist  aber  kaum 
eine  ansprechend ,  die  roeisten  sind  unbrauchbar.  Falscb  w&re  es,  t.  3  vom 
vihUus  zu  sagen:  qui  nondum  gerit  in  tenera  sua  comua  f route;  denn  sua 
eomua  w&ren  vituli  camua;  der  vituîus  aber  wird  docb  nie  HOmer  haben. 
Wir  mOssten  lesen:  qui  nondum  gerit  tauri  comua  in  tenera  fronte,  —  Das 
dédit  arma  per  omnes  bat  seine  Analogie  beim  sp&ten  Luxorius  (Anth.  lat. 
Bies.  287,  14)  dare  versus  per  sodales.  —  In  dem  sui  t.  2  gipfelt  sich  der 
philosophische  Gedanke  {pîxiiov  navrl  C^^  ij  avtov  cwrrachç  xai  17  ravnjç 
9WHânCiç,  TgL  De  Halieut.  S.  89  u.  100  f.);  auch  ist  von  mir  (S.  13)  nur 
behanptet,  dass  es  hart  und  unbeholfen,  keineswegs,  dass  es  falscb  und  un- 
mdglich  sei;  es  wird  geschûtzt  durch  den  absoluten  Gebrauch  bei  Substantiven 
wie  conservatio  sui  u.  a.  (Eûhner,  Lat.  Gramm.  II  S.  439).  —  Hûbsch  ist  die 
CoDJektur   y.  2:   vitulus   sic   magna   mifiatur;    dennoch   weist   die   Comiptel 


300  —  IWe  BuchgrGsse.  — 

AnbaDgsweise  seien  noch  einige  Buchmasse  Spâterer  angefûgt, 
bei  deren  Formirung  allmâhlich  der  Ëinfluss  des  Codex  mit  einge- 
wirkt  baben  kann,  die  also  fur  uds  weniger  Wertb  baben.  Auch  in 
ibnen  bâlt  Bicb  aber  das  Maximum  fast  durcbweg,  dagegen  sinkt  das 


manuque  vielmehr  auf  namqtie.  —  Dass  Tor  t.  57  ein  Yen  aiugefaUen  lei, 
gestehe  ioh  aU  mOglich  sa,  obgleich  es  nicht  leicht  sein  mOchte  ihn  aachnnr 
in  Prosa  mit  einem  hoc  magxB  so  zu  erg&nsen,  dass  die  Ersftblung  nalflriidi 
fortschreitet.     Vielmehr   scheint   der  Aator  hier  einfach   ans  der  ConstraktioB 
gefallen,  und  daftir  ist  ein  dentliches  Indiz,  dass  schon  bei  den  Verben  adiMt     \ 
iras  und  concussit  toros   die  Comparation   des  magis  nnd  mbloHor  sichtlich     \ 
Tergessen  wird.  —    Im  t.  70  fûr  vendUet  ein  verUilet  einsusetsen,  smd  wir     i( 
nicht  berechtigt;   das  se  aurait  vulgi  vendUare  ist  offenbar  nach  Analogie  dei     ; 
geUufigen  se  alicui  vendere^  d.  h.  ^preisgeben",  gesagt  und,  fûr  sich  betrachtet, 
Tollkommen    correkt.    —    Anderes    flflchtig   Conjicirte    ûbergebe    ich   ftg^; 
auch  werden  die  meisten  und  die  gp'avirendsten  Unechtheitsindicien  des  Ksp.  D, 
Bowie  die  S.  43  f.  nnd  S.  55  f.  Torgetragenen  davon  nicht  tangirt.  —  Wemi 
Orid  nach  dem  Beispiel  aller  anderen  augusteischen  Diohter  die  Form  ei  ^^- 
lich  yermeidet  (S.  32),  sie   sich  dagegen  Torfindet  in  den  Halieutica  und  in 
Germanictts,  und  zwar  als  Jambus,   so  bat  Orid  ebensowenig  die  Halientitt 
geschrieben    wie    die   Pbaenomena;    mehr    als    sonderbar    ist,    dass    B&hreos 
den  Germanicus    als  Beweis    braucht  fûr    die  Oridische  Autorschaft.    —  Die 
Halieutica   sind    geschrieben   erst  nach  Persius,    dies    ergiebt    sich    ans  dcm 
grammatischen  Indicium  S.  55  f.  und  wird  durch  sachliche  Momente  bestltigt 
(S.  66  — 185).  —  Der  Dichter  scheint  Nachahmer  des  Seneca  (S.  55);  es  iat 
hinzuzufûgen,    dass  das  exemploque  nocens  ▼.  30  aus  Seneca  Hercules  740  n 
stammen  scheint  {elatis  naribus  v.  77  aus  Vergil  XH  115,  indirekt  aus  EnniTis 
T.  588).  —  Biese  bat  seine  Recension  zweimal  gebracht,  im  Litter.  Centr.-BL 
und  in  Bursian's  Jahrbb.    Am  bedeutsamsten  in  ihr  ist  die  Bemerkung:  ,Be- 
sonderen  Werth   legt  der   Verfasser   auf  eine   metrische   Obseryation,   wontch 
der  vierte  Fuss  des  Verses  als  Daktylus  non  ipse  incisus,  sed  cuius  fine  finiator 
Tocabulum  (S.  186)  bei  Ond  sich  in  durchschnittlich  schon  je  8  bis  17,  in  den 
Halieutica  aber  in  nur  je  33  Versen  einmal  finde.    Hierauf  (denn  was  er  sonst 
Torbringt,  ergiebt  keine  wesentliche  Discrepanzen  Yor  Ovid  [ich  habe  sieben 
wesentliche  Discrepanzen  nachgewiesen])   ist  erstens  zu  erwidem,    dass  solehe 
Verse  nicht  4  mal ,  wie  Birt  fôlschlich  angiebt  (in  dieser  Cardinalfirage  ist  ein 
solcher  Mangel  an  Akribie  entschieden  tadelnswerth),  sondem  5  mal  (V.  9,  34, 
46,  56,  66)  in  den  Halieuticis  vorkommen*^  etc.    Aber  der  Herr  Recensent  luU 
gar  nicht  begriffen,   was   die  Cardinalfrage  ist,   um    die   es  sich  hier  hand^ 
Es  handelt  sich  um  die  vier  Verse  34,  56,  58  u.  66.     Auf  die  Verse  9  n.  46 
passt  doch  wohl  die  Définition   „non  ipse  incisus^   nicht.     Akribie  dOrfie  man 
wohl  auch  von  dem  verlangen,  der  von  ihr  redet.     Der  Herr  Recensent  ftlirt 


—  Das  Poesiebuch.     Sp&tere  Beispiele.  —  301 

m  auch  bei  den  mehrbûcherigen  Werken,  die  wir  voraDstellen, 
01  Grade,  den  die  gute  Zeit  nicht  kennt: 


ij  orae  maritimae 

708 

tins,  contra  Symmachum 

747 

n 

1197 

s  Namantianas  (i.  J.  416) 

644 

n  Raptas  Proserpinae 

800 

II 

428 

ni( 

[Jeep)  881 

ji,  in  Rofinnm 

405 

U 

547 

n,  in  Entropium 

518 

n 

602 

a,  de  Gons.  Stilichonis 

885 

II 

476 

os,  Gommonitoriam 

618 

n 

418 

De  Mo8.  hist.  gestis  (5  Monobibla] 

»  I 

825 

m 

425 

V 

719 

428 

IV 

658 

Phrygios  De  bello  Troi. 

541 

m 

472 

V 

580 

618 

rv 

478 

VI 

967 

18,  c.  paschale 

868 

m 

889 

V 

487 

800 

IV 

808 

18  Petrocorias,  Tita  Martini 

885 

m 

456 

V 

871 

717 

IV 

627 

VI 

502 

tins,  De  deo 

754 

n 

808 

m 

682 

De  act  apostol. 

1076 

II 

1250 

Victor,  comm.  in  genesim 

528 

II 

460 

ni 

741 

ins  Fort.  De  Tita  S.  Martini 

518 

II    491      m 

529 

IV   7ia 

?&re  uns  etwa  von  den  Fasti  zufâUig  nur  VI  1  —  260  erlutlten,  80 
wir  in  130  Hexametem  sogar  nur  4  seiche  Verse  finden;  bei  Metam. 
unter  147  Hexametern  nur  6,  bei  Ex  Ponto  III  6 — 9  unter  119  Hexa- 
nur  6  Verse  derart  u.  s.  w.  Was  lâsst  sich  dann  daraus  irgend  folgem?** 
gs  gar  nicbts;  denn  aile  dièse  Zahlen  sind  falsch;  Fasti  VI  1  —  260 
eispiele  (v.  57,  61,  65,  69,  137,  251;  v.  263  steht  das  siebente),  Met. 
135  hat  10  (28,  62,  78,  92.  110,  123,  126,  127,  132,  134),  ex  Ponto 
-9  hat  11  (5,  3.  25.  6,  21.  27.  31.  41.  7,  33.  39.  8,  11.  9,  1.  9). 
mdlich  derselbe  meine  Worte  (S.  39)  ^componere  potuisse  OTidiom 
ca  praefracte  negare  nolo"  zu  einem  Zugestftndniss,  dass  unser  Gedicht 
n  kOnne,  missdeutet,  so  will  ich  sie  ihm  ûbersetzen.  Sie  gestehen  su, 
^Tid  ein  Gedicht  rom  Fischfang  habe  schreiben,  d.  h.  sich  Halieutiea 
genstand  habe  w&hlen  kOnnen.^  Hat  Herr  Riese  dies  wirklich  nicht 
m  kônnen  ?  —  £in  anderes  meiner  sieben  metrischen  Argumente  glaubt 
t  (Ztschr.  f.  ôsterr.  Gjmnas.  1879  S.  179)  dem  Zufall  zuschreiben  su 
;  leider  hat  er  vermieden  die  Analogien  aus  dem  Ovid  anzufùhren,  die 
kzu  ûberreden  kônnten;  mir  sind  sie  nicht  bekannt.    Das  illa  cruorem^ 

derselbe  S.  182  als  sein  Ëigenthum  reklamirt,  ist  von  mir  S.  5  als 
I  bekannt  aufgeftihrt;  es  ist  aber  viel  ftlter  als  er;  ûbrigens  habe  erst 

Sachbeweis  ftLr  seine  Richtigkeit  gebracht.  —  Eine  Aufttellung,  die 
}hme,  ist,  beil&ufig,  die  Lesung  Ton  Bàhrens  v.  1 1  :  decidit  adsumptaque 
mdem  pavet  esca. 


302  —  I^iô  Buchgrôsse.  — 

Gorippus,  Johannis  I     581  m     460        Y    778       YII 658 

II    488  IV  1171        VI  542 

Egidias  Ck)rbolieiisU,  IV,  de  physionomiis  (éd.  V.  Rose,  Anecd.  gr.  Ut.  I  177)  :  957 
Qamtns  Smymaeas  I        880  VI      651  XI     501 

II       666  Vn    784  Xn    585 

m    787        Vin  554        xm  ses 

rv   595     IX   546     XIV  658 
V   668     X   488 

So  wie  Claudian  und  Sedulius,  ist  aucb  Nonnos  zu  aaffallend 
niedrîgen  Zahlen  gelangt;  doch  war  bel  letzterem  das  Streben  48 
Bûcber  wie  Homer  berzustellen  sicbtlicb  bierauf  von  Ëinfluss.  Fol- 
gende  Zablen  ergeben  seine  Dionysiaca: 

I  584  Xni  568  XXV  571  XXXVÏÏ  778 

H  712  XIV  487  XXVI  878  XXXVIH  434 

m  444  XV  421  XXVII  841  XXXIX  407 

rv  463  XVI  405  XXVIU  880  TYTT  580 

V  621  XVn  897  XXIX  881  XXXXI  427 

VI  888  XVIU  868  XXX  826  XXXXn  534 
vn  868  XIX  846  XXXI  282  TTTTm  449 
Vin  418  XX  404  XXXn  299  XXXXIV  318 

IX  821  XXI  844  XXXm  387  XXXXV      858 

X  480  XXII  400  XXXIV  858  XXXXVI     869 

XI  521  XXm  820  XXXV  891  XXXXVn  741 
xn  897  XXrV  848  XXXVI  480  XXXXVm  978 

Dièse  niedrigen  Zablen  kebren  aucb  spater  wieder,  wie  in  der 
nokjaiç  des  mittelalterlicben  Niketas  Eugenianus  mit  8  Bûcbern  za 
357,  384,  410,  411,  626,  328,  306,  271  Senaren  oder  in  des  Tzeties' 
Antbomerica  mit  406,  Homerica  mit  489,  Postbomerica  mit  780  Versen. 

Von  den  Romanen  môge  bier  endlicb  wenigstens  das  eine  Bei- 
spiel  des  Longos  angescblossen  werdea.  Seine  Hoifisvixcc,  im  Ganzen 
nicbt  grôsser  als  ein  Liviusbucb  mittlerer  Grosse,  werden  uns  in  'fier 
Bùcblein  dargeboten  von  529,  7I6V2,  684,  735  Zeilen. 

An  monobibliscben  Werken  verzeicbnen  wir  folgende.  Zu  den 
Eclogen  des  Calpumius  wurden  spater  nocb  vier  weitere  binzugefSgt 
und  so  das  Mass  des  Rollenbucbs  completirt  vom 

Nemesianns 1069  Paalinns,  in  S.  Felicem,  c.  Xm     .    805 

Gommodian,  carmen  apolog.  .     .    .  1053  -        in  S.  Felicem  XI    ...    730 

Serenns  Sammon.,  De  medicina     .1115  -        Epistola  ad  Cytheriam    .    94S 

Optanianas,  ad  Gonstantinnm,  circa    800  Avienus,  descr.  orbis  terrae  .    .    .  1^ 

ÂQSonius,  epigrammatam  1.  .     .     .    946  Ânacreonteorum  liber 10^ 

epistolanim  1 1263  Orpheus,  Lithica 77* 

Proba  Faltonia,  cento  Vergil.    .     .    720  -        Argonantica 1876 


—  Das  Poesiebuch.  Sp&tere  Beispiele.  —                      303 

radentins,  Apotheosis     ....  1084  Priscian,  periegesis,  e  Dionysio     .  1087 

Hamartigenia  ....     966  Luxorius,  epigr.  L    .     .     .    .  circa    750 

Psychomachia.    .    .    .    917        Orestis  tragoedia 971 

.  Prosper,  cannen  de  ingratis  .    .    800        Gesta  Âpollonii  Tyrii 792 

Es  kommen  noch  folgende  Monobibla  hinzu,  deren  Masse  z.  Th. 
ieder  sehr  gering  ausfallen: 

ryphiodor,  ahofftç  'lliov     .     .    .691  Paolinns,  in  S.  Felicem  c.  VU     .     .  886 

landian  in  sezt  cons.  Honor.    .     .  686  -        de  Johanne 830 

laodian  de  bello  Getico    ....  665  -        in  g.  Felicem  c.  X  .     .    .  825 

landian*)  de  quarto  cons.  Honorii .  656      Symphosins,  Âenigmata 317 

anUnns,  in  S.  Felicem,  c.  IX     .    .  647      Dracontins,  Satisfactio 816 

de  morte  Gelsi     ....  680  Paolinns,  in  S.  Felicem  c.  Y^)     .    .  299 

anlinos  t.  PeUa,  Eacharisticon  .    .  616  «Sacrilegas  capite  puniatar*  eqs.    .  285 

[azimnsphilosophaBTrfÇfxaraçgifaii'  610  Glaudian   in  Probini  et  Olybr.  cons.  279 

▼ianos,  fabnlae*) 588  Garmina  de  Sodoma  et  de  Jona'),  fiber  271 

landian,  bellnm  Gildonicnm  .    .    .  526      Paulinns  Epithalaminm 240 

nsonins,  Mosella 483  Glaudian  de  tertio  cons.  Honor.  .    .  229 

Parentalia 458  Remns  Favinns  (Priscianns)  de  pond. 

ioridius  Geta,  Medea 461  et  mens 208 

iolinns,  in  S.  Felicem,  c.  XII    .    .  440  Reposianas,  De  concnbitn  Martis  et 

in  S.  Felicem,  c.  VIII  .    .  427  Yeneris 182 

ictorinns,  De  fratribns  septem  Mac-  Rusticus  Elpidins,  de  Ghristi  beneficiis  149 

chabaeis*) 898  Lactantins,  de  ave  Phoenice    .    .  ca.  147*) 

olnthos,  raptns  Helenae    ....  885  Glaudian,  epithal.  dictum  Palladio   .  153 

anlinns,  in  S.  Felicem  c.  lY .     .     .361  Phocas,  vita  Yergilii  (incomplet)  fiber  131 

ludian  in  Hallii  cons 860  Endelechius,  c.  bucolicum  .     .    .     .132 

[luaeos,  rà  xa&'  *'Hçù}    .    .    .    .841      (Pervigilium  Yeneris 93) 

mlinus,  cannen  ad  Nicetam  .     .    .  340  (Yespae  iudic.  coci  et  pistoris     .    .    99) 

Ycm  Nachlass  des  Ausonîus  lassen  sich  zunachst  noch  anfugen 

18  Eclogarium  mit  324  Zeilen,  der  Cento  Nuptialîs  mit  270  (incl. 
"Osa),  das  Technopaignion  mit  227  (incl.  Prosa).    Denn  nothwendig 


*)  Die  prftefationes  des  Glaudian  sind  stets  zu  den  Bûcbem  hinzuge- 
ehnet.  Claudian's  Laus  Serenae  (236  Yv.)  ist  Fragment.  Sein  Gedicht  De  nuptiis 
'.  IX)  h&lt  363  Yt.  ;  doch  werden  wobi  die  Fescennini  zu  demselben  Bâche 
hOren  (giebt  498  Yy.).  Die  Gigantomacbie  (170  Yv.)  ist  incomplet;  dasselbe 
It  wohl  Yon  seiner  Epigrammensammlung  (301  Yy.  bis  N.  XLIY,  394  bis  N.  L). 

')  Ohne  die  Yerdâcbtigen  Yerse  sind  es  nur  554. 

*)  Wohl  aus  dem  4.  Jhd.;  Ygl.  Ebert  I  S.  119. 

*)  Yielleicbt  bildeten  die  ersten  drei  Gedichte  auf  Félix  mit  39  und  36 
ià  135  Yy.  ein  Buch. 

^)  Beide  Gedichte  scheinen  zusanmien  edirt;  das  zweite  mit  105  Yy.  ist 
iTollst&ndig  (Ebert  I  S.  117). 

^  Es  fehien  einige  Yerse,  Ygl.  Bhein.  Mus.  34  S.  9. 


304  "  ^^®  BuchgrOsse.  — 

scheint  es  auf  die  verschiedenen  Idyllien  des  Ausonius  die  antike  Bncb- 
form  aDzuwenden  (s.  S.  101  f.);  fur  yiele  derselben,  die  sicb  zwisclien 
60  bis  20  Yersen  halten,  ist  gesonderte  Edition  indess  nicht  denkbar, 
iind  so  wissen  wir  denn  in  der  Tliat,  dass  jedenfalls  Id.  I  und  II 
zusammen  edirt  wurden  (ygl.  praef.  Il),  zugleich  aber  anch  vohl 
Id.  m.  Wichtiger  nocb  ist,  dass  Ausonius  seine  Professores  Ton 
572  Yersen  fur  nicbt  ausreichend  erklârt  und  zum  Zweck  der  Axa- 
fullung  Epîgramme  verwandten  Inbalts,  die  Epitapbia  beroum,  hinten 
anhângt  (vgl.  die  praef.;  oben  S.  156),  so  dass  nun  ein  Bach  yod 
715  Yersen  erzielt  ist.  Andrerseits  traten  die  Bissulagedicbte  (Id.  YD) 
als  „dûnnes  Bucb^  selbstândig  vor  das  Publikum^);  das  Granze  bietet 
aber  nur  41  Zeilen  (incl.  Prosa);  muthmasslicb  fehlt  uns  die  Melu^ 
zahl  seiner  Epigramme.  Die  spâtere  Codificirung  des  Ausonius  bat 
bewirkt,  dass  wir  die  ursprûnglicbe  Gruppirung  yieler  Stûcke  ine 
des  Gripbus  (90  Yerse),  der  Caesares  u.  a.  nicbt  mebr  zu  erkenneo 
vermôgen. 

Das  Buchmaximum  finden  wir  nun  wiederum  in  allen  ange- 
fubrten  Beispîelen  der  spâteren  Zeit  bis  in's  secbste  Jabrbundert  80 
gut  wie  unyerletzt.  Unerhôrt  scbeint  nocb  damab  ein  Bucbum&ng 
gewesen  zu  sein  wie  des  Pbiles  2015  (frixot  tkqï  ^œv  M»Offi*Ç 
oder  wie  ibn  die  Bjzantiner  in  der  Palatinischen  Anthologie  berge- 
stellt  baben,  woselbst  sicb  das  Bucb  der  àyaS^fianxà  auf  2361, 
das  der  iQtûuxd  auf  2056,  das  der  (WfAnonxà  xal  axùHTmxà  aof 
2358,  das  der  imvviA^Mx  gar  auf  4600  Yerse  berecbnet,  nicht  weniger 
unerhôrt  als  ein  solches  Minimum  bei  mehrbùcherigen  Werkeu  da- 
mais nocb  war,  wie  es  Tzetzes  in  seiner  imod-sdiç  *0(aiJqov  àUf- 
yoQfld-sXaa  herstellte,  der  fur  jedes  Homerbuch  etwa  100  Verse 
braucht,  gelegentlich  zu  200,  einmal  zu  372  und  zu  447  aufsteigend, 
einmal  herabsinkend  zu  nur  78  {S)\  so  theilt  sicb  z.  B.  die  Ecloge 
des  Naso  aus  der  Zeit  KarPs  des  Grossen  in  zwei  libeUi,  deren 
erster  aus  93,  der  andere  aus  121  Hexametem  besteht*).  Unerhôrt 
gross  scheint  aber  femer  auch  nocb  die  Zahl  1476  des  Waltharius, 


^)  Es  heisst  ad  lectorem  :  tenuem  lecture  libellum.    Bissula  in  hoc  êckedio 
cantabitur, 

»)  Vgl.  Ebert  II  S.  65. 


—  Das  Poesiebnch.     Sp&tere  Beispiele.  —  305 

1894  (Senare)  des  Georgios  Pisides  aus  dem  siebenten  Jahrhundert  in 
seinem  él^âfMQOV  Ç  xo(SfAoyQa(pia,  1400  der  Bearbeitung  des  corpus 
Justin,  des  Psellus.  Doch  giebt  es  wenigstens  einige  Fâlle,  in  denen 
eine  so  grosse  Zabi  allerdings  weiter  in  das  spâtere  Alterthnm  selbst 
hinaufrareicben  scbeint:  die  1537  Verse  in  des  Synesius  Hymnen- 
buch  sind  freilicb  in  dem  Grade  kurzzeilig,  dass  sie,  bei  doppelt  so 
viel  Colimmen,  nicht  mebr  Raum  einzunehmen  braucbten  als  ein 
Bach  der  Aeneide;  nnd  vrenn  die  unter  des  Juvencus  Namen  Yor- 
liegende  Genesis  ebensoyiel  Zeilen  bat,  so  bleibt  fraglicb,  wie  sp&t 
dies  Gedicbt  entstanden  sei^).  Doch  ist  ausserdem  des  Straton 
Moikfa  natdixij  hier  anzufuhren  mit  1540,  zweitens  aber  auch  Pru- 
dentiusy  dessen  Cathemennon  liber  1792,  dessen  Ttsgl  (Stêq>dv<»v 
liber  sogar  3693  Verse  aufweist. 

Vielleicht  sind  dièse  alleinstehenden  Fâlle  aïs  erste  Wirknng 
des  Codexbuchwesens  hinzunehmen.  Sehen  wir  indess  auf  die  Ueber- 
lieferung,  so  lôst  sich  tïsqï  (nëîpdvwv  jedenfalls  in  mehrere  Ein- 
heiten  aoseinander.  Vor  allem  das  grôsste  Stuck,  der  Hymnus  anf 
Somanus  N.  X  mit  1140  Versen,  ist  fur  sich  ûberliefert,  er  war  also 
jedenfEdls  ein  Buch  fur  sich.  Aber  auch  fur  die  ûbrigen  dreizehn 
Hynmen  ist  die  ursprûngliche  Anordnung  ganz  ungewiss');  vor  allem 
das  Epigramm  N.  ViU  scheint  in  die  Sammlung  nur  ^Yerirrt^*). 
Femer  liegt  betreffs  des  Cathemerinon  auf  der  Hand,  dass  der  Titel, 
Hynmen  „fur  den  t&glichen  Grebrauch^  anzeigend,  sich  nur  auf  die 
ezsten  sechs  Hymnen  bezieht.    Ebert  vermuthet  mit  Recht^),  dass 


^)  Vgl.  Ebert  I  S.  114;  die  sagehôrige  Exodas  hat  1392,  der  Josua 
686  Verse. 

*}  Wie  Prndentias  anordnete,  l&sst  sich  ans  der  Ueberliefenmg  nicht 
nehr  erschliessen,  and  also  bleibt  die  Môglichkeit  offen,  dass  der  Mgenannte 
FeriiiefanKm  Uber  ûberhaupt  erst  von  Sp&teren  ad  libitum  aus  den  Original- 
bAèhem  bald  so,  bald  so  snsammengestellt  wurde.  Weitz  edirte  naeh  einem 
Cod.  fibnerianus  saec.  X  in  der  Beihenfolge  1.  6.  2.  11.  13.  12.  4.  14.  3.  6. 
7.  8.  9.  10;  der  Cod.  Alexandrinus  321  saec.  X  ordnet:  Bomanus  (10),  dann 
Peristef.  1.  2.  3.  5.  4.  14.  6.  7.  9.  8.  11.  12.  13;  derVaticanus  3859  saec  X: 

I.  5.  4.  6.  7.  8.  9.  11.  12.  13.  14.  10;  der  Vaticanus  3860  saec  X:  1.  6.  2. 

II.  13.  12.  4.  14.  3.  6.  7.  9.  8.  10. 

*)  Ebert  I  S.  258. 
«)  Ebert  I  S.  245. 
Birt,  BnchweMii.  20 


306  —  ^®  BuchgrOsse.  — 

PrudentiuB  aie  allein  unter  diesem  Titel  publicirt  batte;  es  ist 
80  ein  Buch  Yon  Tageliedem,  das  vom  Morgen  anhebt  und  mit 
dem  Abend  scbliesst,  in  837  Yersen;  die  secbs  ûbrigen  Stâcke, 
mit  910  Yersen,  sind  ein  Hymnenbucb  anderer  Art  gewesen: 
bymnus  ieiunantium ,  post  ieiunium,  bymnus  omnis  borae,  ad 
exequias  defuncti,  b.  YIII  cal.  ianuarias  (Cbristi  Geburt),  L  epi- 
pbaniae. 

Straton   bat  keinesfalls  nach   dem  yierten  Jabrbundert,  math- 
masslicb  nocb  erbeblicb  firûber  gelebt.  Man  nimmt  gewôbnlicb  an,  dft88 
er  der  Urbeber  des  vorliegenden  Sammelbucbs  sei.     Docb  branckt 
dies  auB  dem  Titel  Stqcctwvoç  fàovtfa  Tuxkôix^  nocb  nicbt  gescblossen 
zu  werden,   der  aucb  a  potiore  gesetzt  sein  kann,   sofem  Straton's 
Gredicbte  der  Hauptbestand  des  Bucbes  sind.    Dass  sicb  ein  Dichter 
entscblossen   baben  sollte,  seine  neuen  Gedicbte   gleicb  in  YerluB- 
dung   mit   mindestens    eben  so  vielen  alten  bekannten    zu   ediren, 
scbeint  wenig  glaublicb;  die  Stratonica  dûrften  wobl  yieknebr  an&ngi 
selbstândig   erscbienen    sein;    ob    dann   wirklicb  Straton   selbst  ne 
bernacb   mit   anderem   yereinigte,    stebt  dabin;   jedenfidls   Terfîilir, 
der   es   tbat,    sebr  âusserlicb;    er   liess  Straton's  Bucb  beisamme& 
nnd  tbat  fast  nicbts    als    zu  Anfang   die  N.  22 — 174  aus  flterai 
Autoren  einzuscbieben.     Die  Stratonica  fur  sicb  macben   ein  Bnck 
von  692  Yersen  aus. 

Das  stârkste  Bucb,  dessen  wir  aus  den  letzten  Jabrbunderten 
des  Altertbums  vollkommen  sicber  sind,  ist  also  der  yon  Ayienas 
in's  Breitere  ûbersetzte  Dionysios,  womit  die  Orphiscben  Argonautics 
îibereinkommen . 

Sidonius  ApoUinaris  aber  scbeint  seine  24  Carmina  des  ye^ 
scbiedensten  Umfangs  scbon  gar  nicbt  mebr  in  verscbiedene  Bûcher 
gruppirt  zu  baben;  die  Gesammtmasse  betrâgt  3674  Yerse;  die 
grôssten  Stûcke,  N.  II,  Y,  Yïï,  EX,  XY,  XXH,  XXm,  yon  201  bU 
zu  603  Yersen,  wûrden  im  Sinne  des  antiken  Bucbwesens  Monobibla 
darstellen  konnen  und  sind  daber  mit  Recht  nicbt  weiter  zu  Bûchern 
yereinigt;  das  nâmlicbe  gilt  von  den  carmina  minora  des  Dracontius; 
docb  scbeint  Sidonius  eine  solche  Yereinigung  aucb  fur  die  klei- 
neren  Stûcke,  die  bis  zu  30,  zu  10,  ja  zu  4  Yersen  (N.  XXI) 
binabgehen,   nicbt  mebr  notbig  gefunden   zu  baben.     Nacb  dieser 


—  Das  Prosabuch.     Sammelrollen.  —  307 

analogie  wird  z.  B.  das  Entstehen  der  Ausoniussammlung  zu  beur- 
theilen  sein^). 

B.   Das  Prosabucli. 

Weil  sich  —  nach  Isidor  —  das  Prosabuch  principiell  in 
[;r58seren  Dimensionen  bewegte,  so  sind  auch  die  Schwankimgen 
liesseits  des  Maximums  bei  ihm  deshalb  bedeutendere  als  beim  Ge- 
lichtbucli.  Dièses  Maximum  selbst  aber  wird  mittelst  Zâhlungen  zu 
l^winnen  sein.  Dass  andererseits  ein  zu  kleiner  Rolleninhalt  ver- 
mieden  wurde,  das  lehren  uns  yor  allem  die  prosaischen  Sammel- 
rollen. Eben  sie  sind  uns  die  Durchschnittsgrôsse  der  Prosarolle 
eu  exemplificiren  ganz  besonders  geeignet.  Es  wurden  aise  gege- 
)enen  Falls  nach  Analogie  der  Gedichtbûcher  auch  kûrzere  Prosa- 
rt&cke  gesammelt:  und  zwar,  wenn  die  Brief bûcher  etwa  den 
Bpignunmen,  so  entsprechen  einem  Horazischen  Satiren-  oder  dem 
Fergilischen  Eclogenbuche  diejenigen  RoUen,  in  denen  mehrere  Reden 
nsammenstanden.  Dièse  Reden  waren  also  zu  klein,  um 
kUein  zu  gehen.  Eine  solche  Sanmielrolle  ist  die  in  Aegypten 
^efondene  des  Hyperides,  in  wçlcher  eine  Rede  vjïiQ  Avxôipqovoç 
ind  eine  imkq  Evl^svinnov  zusammenstehen,  femer  aber  noch  diesen 
roran  die  xaxà  Jtukotsd'évovç,  wie  Bôckh,  Sauppe  und  Babington 
lOgleich  erkannten,  wobei  ûberdies  ungewiss  bleibt,  ob  der  letzteren 
licht  ursprunglich  noch  andere  Reden  voraufgingen. 

Cicero's  Traktat  De  optime  génère  oratorum  ist  Proôm  zu  seiner 
Jebersetzung  der  beiden  Ktesiphonteen  des  Aeschines  und  des  De- 
Qosthenes;  auf  dièses  Proôm  folgte  nach  den  Worten  Sed  de  nobis 
cMêy  aliquando  emm  Aesckmem  ipsum  latine  dicentem  audiamas  erst 
lie  Rede  gegen,  hemach  ohne  Frage  auch  die  fur  Etesiphon  in  der- 
lelben  RoUe. 


1)  Peiper's  gelehrte  und  verdienstliche  Unteraachungen  (Die  hand- 
dirifU.  Ueberlieferung  des  Auson.  1879)  setzen  einen  einsigen  Sammelcodez 
ik  Ansgaxig  der  Ueberlieferung  an  (S.  314),  verlegen  ihn  aber  Torschnell  and 
•bne  swingenden  Grand  schon  in  die  Zeit  des  Todes  des  Diohters.  FOr  ganz 
woblematisch  halte  ich,  wenn  derselbe  aaf  die  „Familienbibliothek''  zarftckgeht 
B.  320)  ^bei  der  bescbr&nkten  Anzabl  von  Ezemplaren,  die  in  alter  Zeit  nach- 

reUbar*"  (S.  318). 

20' 


308  —  ^^  Buehgrdtse.  — 

Der  altère  Senecs  stellte  ebenso  mehrere  SuasorieD,  mehrere 

• 

ControYersien  in  seinen  Bûchem  zusammen. 

Und  nicht  anders  waren  folglich  auch  die  kûrzeren  der  Reden 
Cicero^s  angeordnet.  Dies  Postulat  bestâtigt  uns  fur  die  Philippica 
JuTenal  in  erwûnschter  Weise.  In  derselben  Rolle  folgte  auf  die 
erste  Rede  Cicero's  gegen  Antonius  die  zweite,  muthmasslich  aber 
noch  mehr,  wenn  Juyenal  die  zweite  folgendermassen.  anruit:  te  con- 
spicuae,  dwma  Philippica,  fanuie,  Voheris  a  prima  quae  prosxma 
(X  126). 

In  dem  Hexaemeron  des  Ambrosius  zu  sechs  Bûcbem  besteht 
das  erste,  dritte  und  funfte  Buch  aus  je  zwei  Sermonen  ûber  die 
Genesis. 

Der  Kaiserbiograpb  Sueton  bebandelt  in  seinen  sechs  ersten 
Rollen  je  eine  Persônlicbkeit;  Stoff  und  Bucbform  kamen  hier  selir 
glûcklich  ûberein;  in  der  siebenten  jedoch  zaussten  sich  die  diei 
selbstândigen  Yiten  des  Galba,  Otho  und  Yitellius,  in  der  achten 
die  drei  des  Yespasian,  Titus  und  Domitian  zusammenfinden;  âe 
waren  eben  wiederum  zu  kurz   und  hatten  nicht  vollen  BucbweitL 

Nicht  anders  aber  waren  endlich  auch  die  Demosthenesrede& 
angeordnet.  Unsere  yortre£Qiche  handschriMiche  Ueberlieferung  lâsst 
ihre  Yertheilung  auf  Rollen  noch  mit  Sicherheit  erkennen.  Jede  der 
Reden  hat  freilich,  wie  wir  ûrûher  sahen,  ihren  besonderen  sticho- 
metrischen  Yermerk.  Doch  wâre  es  voreilig  daraus  zu  folgem,  jede 
sei  darum  auch  eine  Rolle  fiir  sich  gewesen,  so  wie  auch  aus  den 
(Piixoi  unter  des  Moschos  Europa  keineswegs  folgt,  dass  dièse  Mono- 
biblos  war.  Der  Parisinus  2  des  Demosthenes  addirt  yielmehr  sechs 
Reden  wieder  zu  einer  stichometrischen  Ëinheit.  Denn  nachdem  Ton 
jûngerer  Hand  der  Olynth.  I  die  Zahl  HHRAn^  der  Olynth.  H 
HHFIAAAAn,  der  Olynth.  m  HHHAAn,  der  ersten  Phi- 
lippica HHHHPHA^  fûnftens  der  mgï  XeQaov^tfov  fîV^AAAA 
subskribirt  ist,  so  finden  wir  an  sechster  Stelle  unter  der  Rede  mç* 
''AXovvi^aov  (folio  28*")  von  der  ersten  Hand  folgende  Unterschrifk: 

HHHAAAAn 
TÔMOC  A 

OiXtnTuteol   Xôfot   s' 

xxHHrziziAn 


—  Dm  Prosabuch.    Minimam,  Mazimiun.  —  309 

Das  heisst  also:  Demosthenes  zerfiel  in  mehrere  téfAOi  zu  mehreren 
Eteden;  der  erste  xéfAOç  war  betitelt  (ptJUnmxol  Xoyot  ^  und  ent- 
hielt  jene  sechs  aufgezâhlten  Reden;  ausser  den  Einzelreden  war 
auch  der  Gesammttomos  sticbometrisch  subskribirt;  die  ToUe  Sub-^ 
skription  des  Gresammttomos  bat  die  erste  Hand  des  Codex  zu 
ûbemehmen  fur  nôthig  gebalten,  wâbrend  sie  die  Sonderzablen  weg- 
Hess.  Man  formirte  also  einen  Demostbenesband  zu  2275 
Normalzeilen^).  Die  Subskriptionen  der  folgenden  rd/tioft  bat  der- 
selbe  Scbreiber  indess  weggelassen  und  die  jûngere  Hand  bat  sie 
nicbt  nacbgetragen.  Wir  kônnen  mutbmassen,  dass  TOMOC  B 
die  fûnf  nocb  iibrigen  ffihTiniXoi  Xoyok^  entbielt  in  1906  Zeilen. 

Solcbe  Sammelrollen  sind  nun  desbalb  offenbar  die  Normalgrôsse 
anzuzeigen  am  geeignetsten,  da  bei  ibnen  mebr  als  sonst  die  An- 
setzung  des  Endes  in  dem  Belieben  des  Sammlers  stand.  Wir 
erkennen  also  biernacb  Yorlâufig  2000  Hexameter  oder, 
weiter  ge&sst,  deren  1500  bis  2500  als  Durcbscbnittsgrôsse 
des  Prosabucbes  an.  Aber  die  Grenzen  des  Môglicben  waren 
hier  docb  yiel  weiter  gesteckt. 

Fur  das  Minimum  desselben  baben  wir  Torlâufig  bis  zum 
Maximum  des  Gedicbtbucbs,  also  zu  etwa  1100  Hexameter 
hinabzugeben. 

Fur  das  Maximum  endlicb  aber  giebt  uns  einen  erwûnscbten 
lingerzeig  das  Werk  des  Pausanias.  Jede  der  neun  griechiscben 
Landschaften  behandelt  dieser  Perieget  in  je  einem  Bucbe:  trotzdem 
war  er  gezwungen  sein  Werk  zu  zebn  Bùcbem  zu  erweitem.  Die 
Laconica  (III)  ergaben  ein  Bucb  von  2685  Zeilen,  die  Acbaica  (Vil) 
dnes  von  2760,  die  Boeotica  (IX)  eioes  von  3125,  die  Messenica  (TV), 
Corinthiaca  (H),  Pbocica  (X),  Attica  (I)  aufsteigend  deren  3268, 
8394,  3800,  3868.  Die  Arcadica  geben  in  dem  Bucb  Vm  zu  der 
Zabi  4172  binauf.  Wâbrend  der  Autor  nun  aucb  nocb  diesen  letz- 
teren  ibre  Bucbeinheit  beliess,  legte  er  dagegen  die  5184  Verse  seiner 


1)  VgL  Graaz  a.  a.  O.  S.  140.  Die  Zahl  ist  natfirlich  io  XXHHFIAAfl 
la  corrigiren.  Addirt  man  fibrigens  die  Einzelsummen ,  se  ergeben  sich  TÎel- 
mehr  2280  Zeilen  fùr  den  tôfjioç, 

*)  Friede,  PhUippica  II,  III,  IV,  and  Brief.     Vgl.  Granz  S.  141. 


310  —  ^î®  Bnehgrôsse.  — 

Eliaca  in  zwei  Bûcher  zu  2684  (V)  und  2499*/»  (VI)  VereeD  aus- 
einander^).  Die  Disposition  war  hiemit  zerstôrt:  nur  der  RanmzwBog 
kann  biezu  genôthigt  haben.  £ine  Prosarolle  konnte  somit 
noch  4172,   sie   konnte  nicht  mehr  5184  Yerse   fassen. 

Nâhere  Betrachtung  aber  ermôglicht  uns  weiter  eine  Reihe  ron 
Formaten  zu  unterscheiden.    Die  Rollen  der  alten  Litteratur  ordneB 
sich  danacb  in  der  folgenden  Weise  auseinander: 
I.    mittlere  Grosse. 

a)  2000  Zeilen  (d.  b.  1900—2100): 

Enklides,  «rroig^éia  XI. 

Cicero,  de  finibus  IL 

Cîcero,  Tusculanen  I. 

Livius,  XXIX.  XXXIII.  XXXVI. 

Caesar,  Bellum  civile  I. 

Strabo  III.  VI. 

Plinius,  hist.  natur.  VII.  X.  XXXV.  XXXVn. 

Quintilian  VIL  VIIL  XH. 

Tacitus,  Ânnalen  I.  n. 

Arrian,  Anabasis  I. 

Symmachus,  Briefe  IX. 

HieronymuB,  comment,  in  Jesaiam  Vin.  XL  XV. 

Orosius  n.  III. 

b)  1700  Zeilen  (d.  b.  1500—1900): 

Euklides,  crrojg^éMr  VI.  XII. 
Cicero,  de  officiis  III. 
Cicero,  de  natnra  deorum  1. 
Cicero,  de  finibus  V. 
Cicero,  Tusculanen  V. 
Varro,  de  lingua  lat.  V. 


^)  Paasanias  ist  berechnet  nach  der  Ausgabe  Yon  Schubart.  —  Hier  sa 
ein  ftlr  aile  Mal  betreffs  der  folgenden  Zeilensummen  gesag^:  der  Gesammt- 
buchstabeninhalt  oines  jeden  Bûches  wurde  festgestellt  durch  môglichst  gentoe 
Bestimmung  der  Anzahl  seiner  Druckzeilen,  wonach  dièse  Anzahl  mit  dem 
Dnrchschnittsbuchstabeninhalt  einer  Druckzeile  in  dem  betr.  Druck  mnlUplicirt 
wurde;  fur  den  Buchstabeninhalt  der  Druckzeile  aber  wurde  aus  10 — 20  ZeQen 
ein  Durchschnitt  bestimmt.  Die  Summe  der  antiken  Normalzeilen  ergab  sià 
endlicb  mittelst  Division  der  Gesammtbucbstabensumme  durch  35  (bisweileo, 
wenn  schon  selten,  auch  durch  34,  was  ich  nicht  mehr  in  jedem  Fall  besonders 
anzugeben  im  Stande  bin).  Die  Ausgaben,  nach  denen  gerechnet  ist,  irerdeD 
jedesmal  angefùhrt  werden. 


—  Das  Prosabuch.     Formate  mittlerer  GrGsae.  —  311 

Livius  XXXn. 

Strabo  IV. 

ApoUodoros,  Bibliothek  III. 

Curtiua  Rufus  VII.  VIII. 

Plinius,  historia  naturalis  III.  V.  IX.  XV.  XIX.  XXL  XXII. 

xxni.  XXIV.  XXV.  xxxin.  xxxiv.  xxxvi. 

Quintilian  IV.  VI.  X. 

Tacitus,  Annalen  III.  IV.  XIII.  XV. 

Aman,  Anabasis  H.  IH.  IV.  V.  VI.  VU. 

Dio  Cassius  XLI.  XLn.  XLIV.  XLVI.  XLVH.  XLVHI. 

TertuUian,  adversus  Marcionem  I.  II.  III. 

Origenes,  in  cantica  canticornm  (iuterpr.  Hieronymo). 

Ensebins,  praeparatio  evangelica  I.  lU. 

Symmachus,  Briefe  IV.  V.  Vil. 

Ammianus  Marcellinus  XIV.  XXn.  XXIX.  XXXI. 

Hieronymns,  comment  in  Jesaiam  IV.  X. 

Orosins  I. 

Caelius  Aarelianns,  morborum  chronicorum  IV.  V. 

c)  2300  Zeilen  (d.  h.  2100—2500): 

Demostbenes,  tôfjioç  A, 

Cornificius,  ad  Herenninm  IV. 

Cicero,  de  divinatione  I.  II. 

Oicero,  de  officiis  I. 

Livius  VI.  VIL  VIH.  XXHI.  XXIV.  XXV.  XXX.  XXXI. 

XXXV.  XXXIX.  XL.  XLIV.  XLV. 
Diodor  P  und  P.  XVm. 

Strabo  V.  X.  XI.  XII. 

Cnrtius  Rofus  FV. 

Plinius,  historia  naturalis  I.  n.  VI.  VIII.  XVI.  XVII.  XX. 

Quintilian  H.  III.  XL 

Tacitus,  Historien  I.  IL  m.  IV. 

Athenaeos  Vin.  XV. 

Pausanias,  Eliaca  H. 

Hieronymus,   comment,  in   Jesaiam  IL  IIL  VI.  IX.  XTTÏ. 

XIV.  XVI. 

Orosius  IV.  V.  VI. 

Diomedes  IL  III. 

Caelius  Aurelianus,  morb.  chronicorum  ni. 

grÔBseres  Format. 

d)  2700  Zeilen  (d.  h.  zwischen  2500—2900)  : 

Philodem,  mçi  oçy^ç  (Kap.  IV  S.  188  Nr.  112). 
Gicero,  de  inventione  1.  IL 


312  —  ^^  BaehgrOiM.  — 

Cicero,  de  natora  deonim  n. 

Cioero,  de  oratore  m. 

Cioero,  academica  priora  II. 

Caesar,  bellum  civile  III. 

Livius  IV.  V.  IX.  X.  XXI.  XXXIV.  XXXVH. 

Diodor  XII.  XVIP. 

Strabo  IX.  XIII.  XIV.  XV.  XVI.  XVn. 

Plinins,  hist.  natar.  n.  XL  XXVm. 

Qointilian  I.  V. 

Hermogenes  m^i  îâ^&y  tofioç  B. 

AthenaeoB  IX.  XI.  XII. 

Dioskorides,  Tuçi  tXtfç  laTQuajç  V. 

Pansanias,  Laconica,  Achaica,  Eliaca  I. 

Tertnllian,  adversus  Marcionem  V. 

HieronymuB,  comment  in  Jesaiam  I.  VU.  XVII. 

Angnstinns,  de  ciyitate  dei  X. 

Oroflins  VII. 

Caelins  Aurelianns,  passionom  I. 

Caelins  Aurelianns,  morb.  chronicomm  I. 

e)  3000  ZeUen  (d.  h.  2900—3100)  : 

Philodem  nt^i  xaxê£y  xtL  (Kap.  IV,  S.  188  Nr.  111). 

Cicero,  de  oratore  I. 

Livius  I.  IL  XXII.  XXVL  XXVH.  XXVIH.  XXXVm.  XLIL 

Diodor  IL  V. 

Strabo  VIH. 

Plinins,  hist.  natnr.  XVIII. 

Qnintilian  IX. 

AthenaeoB  X. 

Dioskorides  niçt  tâltiç  îarq.  I. 

Herodian,  fi  xa^Xov  nqoçt^ia  (Eap.  IV,  S.  170  Nr.  78). 

Origenes,  contra  Celsum  VIL 

Hieronymus,  comment,  in  Jesaiam  XVm. 

f)  3450  Zeilen  (d.  h.  3100—3800): 

Epikur,  mçl  frwraoç  XV  (Kap.  IV,  S.  187  f.  Nr.  105  nnd  120). 

Polybios  n. 

Philodem  mQi  ^rjroçêx^  tmofâvnifiatutôy  (Kap.  IV,  S.  188  Nr.  lU)- 

Karneiskos,  Phiiista  (Kap.  IV,  8.  189  Nr.  117). 

Livius  m. 

Diodor  III.  XL  XVIII. 

Strabo  I.  IL 

Hermogenes  nt^l  l&t(av  rôfjioç  A, 

Plutarch,  Nikias  und  Crassns  (Kap.  IV,  S.  203  Nr.  229). 


—  Db8  Prosabueh.     Grosse  Formate.  —  313 

Athenaeos  VI.  Vil.  XIII.  XIV. 

Dioskorides,  nêçi  ^l9iç  Uxxq,  II.  ni.  IV. 

Pansanias,  Boeotica,  Messenica»  Corinthiaca,  Phocica. 

Origenes,  contra  Gelsom  V.  Vliï. 

Symmachns,  Briefe  X. 

Charisias  II. 

Hieronyinns,  comment,  in  Jesaiam  V. 

Caelios  Aarelianns»  morb.  chronicomm  II. 

Caelins  Aorelianas,  passionnm  III. 

g)  4000  Zeilen  (d.  h.  3800—4200)  : 

Pulybios  I.  IV. 

Cicero,  de  oratore  n. 

Diodor  IV.  XV.  XVI. 

Velleins  II. 

Pansanias,  Attica,  Arcadica. 

Caelins  Anrelianns,  passionnm  II. 

Origenes,  contra  Celsnm  VI. 

!.    grossies  Format   (d.  h.    zwischen   den  Arcadica  und  den 
Eliaca  des  Pansanias,  zwischen  4172  und  5184  Zeilen): 

h)  4500  Zeilen  (d.  h.  4200-4800): 

Philodem,  mQÏ  ^tjroQuciç  (Eap.  IV,  S.  186  Nr.  103). 
Cornélius  Nepos,  vitae  exceUentium  imperatorum. 
Diodor  Xm.  XIV. 
Origenes,  contra  Celsnm  IV. 

i)  4800—5184  Zeilen: 

Polybios  V. 

(Diodor  I.  und  XVII.,  beide  von  ihm  selbst  halbirt). 

Tertnliian,  adversus  Marcionem  IV. 

Charisius  I. 

\  abnorme  Grosse,  iîber  5184  Zeilen: 

Polyb  ni.  mit  5327  Zeilen. 
Diomedes  I.  mit  5698  Zeilen. 

.    geringeres  Format. 

k)  1400—1500  Zeilen: 

Enklides,  (rroA/éKT  I. 
Cicero,  de  officiis  II. 
Cicero  Tnsculanen  III.  IV. 
Curtins  Rnfns  IX. 
Plinius,  hist.  nat.  IV.  XXVI. 
Tacitus,  Annalen  XIV. 


314  —  ^^®  BachgrQMO.  — 

Cassiua  Dio,  XXXVm.  XLIX. 
Porphyrins,  de  abstinentia  II. 
Symmachns,  Briefe  II.  III. 
Ammianns  Marcellinns  XXVIII. 
Easebins,  praeparatio  eyangelica  H. 

1)  1300—1400  Zeilen: 

Enklides,  <rn>i/«Mr  III. 

Cicero,  de  natnra  deornm  IIL 

Cicero  de  finibns  IV. 

ApoUodoros,  Bîbliotbek  H. 

Cnrtins  Rnfas  III. 

Plinius,  hist.  natur.  Xm.  XIV.  XXVII.  XXIX.  XXX.  XXXH. 

Tacitns,  Annalen  XII. 

Cassius  Dio  XXXVn.  XL.  XLIH.  XLV.  LU  LVL 

PorpJiyrinSy  de  abstinentia  I. 

Ammianns  Marcellinns  XVI.  XVn.  XXI.  XXV. 

Symmachns,  Briefe  VI. 

m)  1200—1300  Zeilen: 

Gornificins,  ad  Herenninm  H. 

Cicero  de  legibns  II. 

Cicero  de  finibns  ni. 

Plinins,  hist.  natnr.  XXXI. 

Hermogenes,  nsçi  êlçéifêtiiç  ni.  IV. 

Cassius  Dio  XXXIX.  L.  LIV.  LIX.  LX. 

Porpbynns  de  abstinentia  m. 

Ammianns  Marcellinns  XV.  XX.  XXm.  XXVI.  XXVII. 

n)  1100—1200  Zeilen: 

Caesar,  bellnm  civile  II. 
Cicero,  Tnscnlanen  II. 
Cicero  de  finibns  I. 
Apollodoros,  Bibliothek  I. 
Cassins  Dio  LUI.  LV. 
Porpbyrios,  de  abstinentia  IV. 
Ammianns  Marcellinns  XXX. 

Nach  diesem  Ueberblick  iîber  die  Formate,  wie  8ie  vorliegisn, 
gilt  es  zunâchst  das  Buchmaximum  nâher  zu  betrachten. 

Plinius  beabsichtigte  ein  Paradoxon,  wenn  er  schrieb,  ein  gâtes 
Buch  sel  desto  besser  je  dicker  es  sel:  bonus  liber  meUor  est  qvù- 
que  quo  maior  (epist.  I  20).  Denn  er  selbst  kennt  den  Vorzug  der 
brevitas  voluminis  sehr  gut,  den  wir  schon  Cicero  hervorheben  sshea 


—  Das  Prosabuch.     Geringere  Formate.    Rûckbilek.  —  315 

\,  289);  er  bedauert  die  Lange  einer  Rede,  die  er  publiciren  will 
dd  die  er  per  hiduum  yorgelesen  bat  (epist  IV  ô);  yon  einer  an- 
eren  meldet  er  (H  5,3):  Uber  crevit  und  fordert  vom  Lupercus: 
iseca  ;  denn  das  fasHdium  legentium  yerlange  mecUocritatem  Ubri,  d.  h. 
in  en  mâssigen  U  m  fan  g.  Aile  gescbickten  Stilisten  sehen  wir 
iher  nicht  yergebens  bestrebt,  das  mittlere  Format  nicht  zu  ûber- 
ihreiten.  Nur  Autoren  der  alten  Schule,  yor  allem  Polyb,  nach 
im  Diodor,  oder  aber  die  Yerfasser  yon  Lehrbûchem,  die  einen 
Dspruch  auf  schônheitliche  Wirkung  nicht  erheben,  wie  Strabo  und 
ioskorides,  bauschen  ihre  RoUen  zu  grossen  Formaten  auf.  Poljbios, 
sr  alteste,  zeigte  sicb  zugleich  als  den  ungeschicktesten;  es  ist  ein 
îlistisches  Yerdienst,  dass  ihn  Liyius  und  dass  den  Liyius  weiter 
icitus,  den  Tacitus  endlich  Cassius  Dio  und  Ammianus  in  der 
andlichkeit  der  Bûcher  ûberbot.  Tertullian  hat  sich  nur  einmal 
t  einer  fast  abnormen  Grosse  yerleiten  lassen;  ihm  war  die  Bis- 
«ition  hier  muthmasslich  durch  seinen  Gegner  gegeben  und  er 
itschloss  sich  darum  nicht  das  Buch  IV  zu  theilen. 

Ungeschickt  erscheint  auch  die  Biographiensammlung  des  Nepos 
id  dièse  ihre  Buchbescha£fenheit  iâsst  ihren  geringen  Charakter 
n  80  deutlicher  erkennen.  Ich  kann  eben  darum  auch  yon  der 
ypothese  absehen,  wonach,  was  ims  yorliegt,  nur  ein  Excerpt  aus 
epos  sein  soll;  das  Original  der  Feldhermyiten  batte  alsdann  jeden- 
Us  nicht  in  einem  Bûche  Platz  gefunden.  Schon  jetzt  hat  der 
ator  allen  Grund,  seine  praefatio  abzubrechen  und  die  Stârke 
er  Rolle  dafur  als  Grund  geltend  zu  machen  (rnagniiudo  volundms 
rohibet).  Das  Werk  tritt  yor  das  Publikum  als  nicht  mehr  denn 
n  Conyersationslexikon  in  sachlicher  Gruppirung  und  in  Riesen- 
>lien,  und  seine  Wortkargheit  und  das  Notizenhafte  seiner  Erz&h- 
ing  ist  diesem  Zweck  durchaus  angepasst 

Proklos,  im  funften  Jahrhundert,  fallt  dagegen  o£fenbar  schon 
us  dem  Papyrusbuchwesen  heraus,  wenn  er  das  erste  seiner  sieben 
tûcher  zum  Parmenides  zu  6760  Zeilen  ausdehnte^);  das  sechste 
eht  zu  3654  herab');  das  siebente  hat  S.  253  éd.  Cousin  einen  ersten 


>)  Cousin  Bd.  IV  aaf  221  V,  Seiten. 
>}  Cousin  Bd.  TI  auf  113  '/s  Seiten. 


316  —  ^>®  BuehgrOsse.  — 

Schluss  nach  etwa  4360  Zeilen;  hieran  schliesst  sich  aber  ûoch  eis 
«finis  libri  septimi  ab  altero,  fort.  Damascîo  suppletus*  S.  255.  So 
immôglicli  jene  Zabi  scbeint,  so  wird  sie  doch  nocb  ûbertroffen 
durch  den  Commentar  eines  Anonymus  zum  Job^),  der,  wie  die  des 
Origenes,  in  Bûcber  zer^t  und  dessen  erstes  sich  anf  nicht  weniger 
als  8349  Zeilen  berechnet,  wozu  das  zweite  (5211  Z.)  nnd  dritte 
(nur  1703  Z.)  in  grôsstem  Missverhaltniss  steben.  Ein  Bach  im 
Antbologion  des  Stobaeus  (III)  greift  dann  weiter  zu  etwa  13000Z. 
ans.  So  konnte  die  Bucbtheilung  erst  ausarten,  als  die  Rollenfoim 
selbst  yergessen  war. 

Innerhalb  des  classiscben  Bucbwesens  konnte  es  non  aber  vm- 
kommen,  dass   ein  Antor  eine  bestimmte  Bucbdisposition  getroffen 
batte,  nacb  welcber  er  sein  Material  zu  gruppiren  gedacbte,  ohne 
docb  scbon  den  Umfang  and  die  FûUe  desselben  sogleicb  hinieichend 
abzoscbâtzen  ;  alsdann  konnte  der  Stoff  wobl  noch  nacb  getroffener 
Disposition  ein  einzelnes  Bucb  ûberfullen  and  sprengen:    die  Belle 
reicbte  nicbt,  es  aofzanebmen.    Das  natûrlicbste  war   alsdann,  die 
Bacbzablen    auf   dem    Titel    dementsprechend   abzaândem;    so  hit 
Paasanias  die  balbirten  Eliaca  als  zwei  seibstândige  Rollen  Y  and  YI 
in    Zâhiang    gebracbt.      Ebenso    kann    yermnthet   werden    (unten 
Eap.  VU),  dass  die  Naturgeschicbte  des  Plinias  orsprûnglicb  in  nnr 
18  Bûchem  concipirt  war,  nach  deren  durchgângiger  Halbirang  aber 
yielmebr  bis  zu  36  durcbnumerirt  wurde.     Doch  bat  solche  Aende- 
rang  der  Buchzahlen    in    einigen  Fâllen    nicht   mehr    moglich  oder 
nicbt  opportun  geschienen,  wofur  sich  der  Grund  nocb  meistens  er- 
kennen  lâsst.     Alsdann  wurden  die  Buchhâlften  als   „Tbeile^  Ter- 
selbstândigt  und  ausgegeben.     Das  Buchwesen  wurde  dadurch  corn- 
plicirter;  Bucb  undRoUe  erschienen  hier  ausnahmsweise  nicbt  identisch. 
Selbstyerstandlich    mussten    solcbe   Fâlle    darum    durcb    besonderen 
Vermerk  auf  dem  Index  notificLrt  werden. 

Plinius  ist  hierfar  wiederum  das  bekannteste  Beispiel,  Ton 
welcbem  nach  seines  Neffen  Bericht  (epist.  III  5)  studiosi  libri  tm 
edirt  wurden  m  sex  volumina  propter  ampUtudinem  dwisi,  Erscheiot 
bier  der  Raumbegriff  des  Buchs   zur  Rollenzweiheit  abstrahirt,  so 


')  Abgedniekt  im  Origenes  éd.  LommaUach  Ed.  XVI  init. 


—  Das  Prosabueh.  Ueberschreitung  des  Maximums  und  Theilung.  —   317 

ir  dies  das  Résultat  des  Eigensinns  jenes  Sammelsurienschreibers, 
r  Yon  1  bis  6  zu  numenren  sich  nicht  entschliessen  wollte. 

Nicht  anders  aber  ist  es  dem  Diodor  ergangen;  er  zerlegt,  wie 
inius,  gleich  sein  erstes  Buch  ûber  Aegypten  von  4859  Zeilen  in 
rei  f^Q^  (nicht  fitfiXià)  yon  etwa  gleicher  Grosse,  unterlâsst  aber 
cht,  dies  ausfuhrlich  anzuzeigen  und  zu  motiviren  mit  dem  Raum- 
range  I  41  :  aQTCsa^aofis&a  totç  sî^ijdvoiç  %va  fi^  Tfjy  il^  ciçx^ 
iXy  nQOXstfAéyijv  avvroïkiav  vnsQfiaiycofisv.  irtsi  âè  %^y  fiifiXov 
iVTip^  âtà  %6  fiéyê^oç  êlç  âvo  âêfiQi^xafisy  fAéQtj,  (rro%aCof*«vo* 
ç  cvfifAêTçlaç j  Tfjy  nçaitiiy  fAsglâa  tAv  îifzoQOVfiévùùv  avtoi 
}QêyQeii/joiA€v ,  Ta  âè  cvvsxfi  tâv  xatà  t^y  ^fyvmov  linoçoth- 
h^wy  iv  %^  âêvréQtf  xatatci^ofisy  (nâmlich  fAêçlâi),  Zu  derselben 
asaregel  nôthigte  den  Diodor  abermals  sein  ITtes  Buch  ûber 
lezander  den  Grossen  mit  4976  Zeilen.  Weshalb  er  nicht  yorzog 
e  Buchzâhlung  abzuândem,  ist  leicht  einzusehen  ;  seiner  Disposition 
tmâss  sollte  eben  jedes  Buch  einen  Sachtheil  erschôpfen  und  so  ein 
Ibstândiges  Greschichtsbild  geben  (oben  S.  135).  Aber  auch  des 
ristides  Uyoç  ngcoTOç  tkqI  ^roçix^ç  schien  seinen  Lesem  zu 
nfimgreich;  man  zerlegte  ihn  gewaltsam  bei  pag.  39  Jebb.  xaï  %i 
3  %àç  aXXaç  H^evàl^eêv  xàxvaç  in  deren  zwei.  Der  ganze  Xôyoç 
Ut  ungefahr  3500  Verse;  nun  zerfiel  er  in  zwei  RoUen  zu  1400 
id  2100.  Im  Schol.  Aristides  III  S.  401  lesen  wir  hierûber:  l(ùç 
tavô-a  to  ^fA^av  uv€ç  VTiéXa^ov ....  xax&ç  àytavâ-a  ôtatQOWfè 
iy  Xoyop'  ov  yàg  ôvvaxov  fkijncù  zijç  xatacfxevijç  TKQaKû&sUfiiç 
\Xoç  iTudé'jijBfSd'at  xov  Xôyov  ....  ànoôêtxvvvxoç  yàg  dtè  %o 
vox^i^^ct^  Ti^XVi/ç  xaï  ovâéncù  tovtov  TtsQatœô'évtoç  ijtstç^veyxsp 
layov  TOfA^  ta  X6y(a'  îtstiov  âè  ot«  âvo  slai  (jboyot  VTièç  çi/to- 
uffç  Xôyot  '  dXXa  âtà  to  /a^xoç  aètâv  âtfigé^^aav  œç  al 
^avxvâiâov  linoçUtt.  Ueber  Thukydides  wird  erst  in  anderem 
osammenhang  zu  handeln  sein. 

Sehr  einladend  mûssen  zu  solcher  Zerlegung  propter  ampUtudmem, 
\à  TO  fJ^xoç  oder  (léysâ'oç  die  Parallelbiographien  des  Plutarch 
swesen  sein.  Jede  der  Parallelen  bildete  fur  den  Autor  nur  ein 
•ach,  das  in  der  Yergleichung  der  Helden  seinen  Abschluss  findet^); 

')  Es  smd    19  Paar  Parallelen   mit  Vergleichang,    4  Paare    ohne  Ver- 
leiehimg,  anaammen  23.    Das  Leben  des  Demosthenes  stand  in  Buch  T,  des 


318  —  ^îo  Buchgrtete.  — 

ein  solches  Buch  eireichte  aber  beispielsweise  einen  Umûuig  Ton 
3318  Yersen.  Es  musBte  gerade  liier  nahe  liegen,  dafem  dies  Werk 
gem  und  yiel  gelesen  wurde,  durch  Halbirung  die  ente  Vite  xa 
yerselbstândigen.  Dass  dies  —  nicht  ohne  Yermerk  im  Titel  — 
wirklich  geschah,  glaube  ich  schliessen  zu  dûrfen  aus  der  eigenthûm- 
lichen,  oben  S.  203  mitgetheilten  stichometrischen  Doppelnotiz  einer 
Madrider  Plutarchhandschrift:  denn  wenn  hier  zuerst  unter  dem 
Nikias  (fwâ(jb<pœ  ,$£Vj  ^^^ n^^^  unter  dem  Crassus  ebenso  fSvvaikffiê 
,^SV  geschrieben  ist,  so  geht  die  Zeilensumme  offenbar  beidemil 
auf  beide  Stûcke;  die  Gresammtsximme  unter  der  ersten  Bachhâlfte 
erklârt  sich,  wenn  einestheils  beide  Yiten  buchh&ndlerisch  als  ein 
Buch  galten,  anderentheils  aber  die  erste  nachtrâglich  r&umlich  nb- 
getrennt  war  und  einer  besonderen  Subskription  bedurfte. 

Dasselbe  ist  im  Alterthum  aber  auch  mit  Gicero's  BrutoB  ge- 
schehen,  ohne  dass  unsere  handschriftliche  Tradition  dadurch  beeb- 
flusst  worden  wâre,  so  wie  man  auch  noch  bei  den  Schriften  des 
Hieronymus  nachtrâglich  zu  theilen  nÔthig  fand,  wohl  einer  der  stich- 
haltigsten  Heweise  dafur,  dass  des  Hieronymus  Schriften  auch  noch 
in  Rollenform  mûssen  edirt  worden  sein.  Eben  aus  Hieronymni 
entnehmen  wir  Folgendes^):  derselbe  hat  den  Paralipomenon  Uber 
ûbersetzt  und  hebt  hervor,  das  Werk  sei  im  hebraischen  Oiigmil 
nur  ein  Buch  und  gehe  als  solches  imter  dem  Titel  Dabre  Jamin; 
er  selbst  (Hieronymus)  ziehe  es  yor  ihn  um  seiner  Grosse  willen 
in  der  Uebersetzung  in  mehrere  Bûcher  zu  zerlegen;  dies  lasse  sieh 
rechtfertigen  durch  die  Analogie  eines  Cicerobuches  :  denn  ^Einige 
thun  dasselbe  ja  auch  bei  dem  Ciceronischen  Dialog  Brutus,  dass 
sie  ihn  in  drei  Theile  zerschneiden,  wâhrend  er  yom  Yerfasser 
doch  als  ein  Buch  edirt  war*)".     Das  ^Zerschneiden"  (secare)  illn- 


Perikles  und  Fabius  Maximus  in  X,  des  Dio  in  XII  dieser  fiiot  TUxçàlJjil»' 
Unsere  Handschriften  haben  demnach  nicht  die  richtige  Reihenfolge  der  Viteo; 
Tgl.  Weâtermann,  de  Plut,  rita  et  scriptis  S.  XXI.  Volkmann,  Leben  oo^ 
Schriften  Plut.  I  S.  100. 

^)  Zweite  praefatio  in  librum  Paralipomenon  iuxta  septnaginta  interprètes 
an  Domnio  und  Rogatianus,  éd.  Martianay  I  S.  1418. 

^)  Hoc  primum  sciendum  quod  apud  Hehraeos  Par,  Uber  unut  fit  ^ 
apud  illos  vocetur  Dabre  Jamin  (id  est  Verba  dierum):  qui  propier  magnir 


—  Das  Prosabaeh.     Nachtr&gliche  Theilung.  —  319 

rirt  uns  den  grîechischen  Terminus  zofAOç  auf  das  beste.  Bies  ist 
K>  fur  den  o£fenbar  yiel  gelesenen  Brutus  eine  Massnahme  in  Rûck- 
îbt  der  Bequemlicbkeit  gewesen,  die  keineswegs  yom  Autor,  sondem 
9t  in  spâteren  Wiederauflagen  und  auch  da  nur  in  einigen  beliebt 
irde. 

Nicht  anders  ist  es  aber  einer  Schrift  des  Hieronymus  selbst 
gaogen,  seinem  Dialogus  adversus  Pelagianos  in  drei  Bûchem:  aucb 
88  war  vielmehr  nur  ein  Buch  in  drei  partes^). 

Beispiele  solcber  Theilung  des  Buchs  in  fJ^é^  oder  partes  giebt 
m  auch  die  Herculanensische  Rollensammiung  selber.  Yom  vierten 
icb  der  Pbilodemiscben  Rhetorik  erscheint  hier  die  erste  Halfte 
}  besondere  RoUe  unter  dem  ausdrûcklichen  Yermerk  :  nsQÏ  ^xoqi- 
fç  âi,  %âv  $iç  âvo  ro  nçoreçov^),  Und  ganz  ebenso  war  man 
dm  funften  Bûche  einer  anderen  Philodemschrift  yerfahren:  tkqI 
Htifàdtœy  Tov  s  twy  sic  âvo  to  fi'^,  Wenn  dagegen  auf  der 
igehôrigen  ersten  Halfte  dièses  Buchs  O^Xod^/MW  tisqï  TïOMfHkdxfov 
^)  der  Zusatz  t&v  sic  âvo  to  a  fehlt,  so  braucht  uns  dies  nicht 
(rade  zu  Terwundem:  denn  solche  Notiz  war  fur  den  Léser  nothig 
ir  bei  der  zweiten  fortsetzenden  Halfte;  unter  einem  Titel  ohne  sie 
Qsste  jeder  von  selbst  den  Anfang  des  Bûches  s  Termuthen.  Es 
I8t  sich  nach  dem  S.  190  f.,  281  Bemerkten  annehmen,  dass  erst  die 
ercolanensischen  Abschreiber  die  Theilung  hier  Tomahmen,  die  in 
m  Originalausgaben  gefehlt  batte.  Eine  conforme  Notiz  in  den 
ichtiteln  ist  nun  auch  fur  Plinius  und  fur  die  sonstigen  Fâlle 
trauszusetzen. 

Hier  sei  zu  der  Formation  dieser  Sondertitel  noch  angemerkt, 


Unem  apud  no8  divisus  est'^  quod  nonnulti  etiam  in  Bruto  OiceronU  diaiogo 
ekaU  iU  eum  in  très  partes  secent  citm  unus  a  sno  auctore  sit  editus. 

')  Hieronymus  selbst  im  Prologus  nennt  die  Schrift  nur  ein  en  liber: 
?  Uber  quem  nunc  cudere  nitimur,  Dazu  stimmt,  waa  bei  Vallarsi  I  fin.  an- 
merkt  wirkt:  Duo  Vaticani  Mss,  „Finit  superioris  libri  pars  prima,  Incipit 
iêdem  pars  aUera** ,  sowie  auch  II  fin.  :  In  Mss.  „Finit  libri  pars  secunda, 
\cipit  pars  tertia", 

^  Herc.  vol.  catal.  éd.  Ozon.  N.  1423. 

*)  Ëbenda  N.  1538;  rgl.  VoL  Herc.  éd.  Neap.>  II  S.  198. 

*)  VoL  Herc.  Neap.»  H  S.  169. 


320  -—  ^i®  BuehgrOMe.  — 

dass  dieselbe  auch  auf  die  gewôhnliche  Buditheilung  Anwendnng  ge- 
funden  hat  und  dann  also  yielleicht  nur  hiervon  entlehnt  ist.  Die  Buch- 
titel  des  Dîogenes  Laertius  lanten  eîgenthûmlicher  Weise  :  fiUap  ttd 
ypùifAùùv  tûv  èv  (p^XoGotpiq  evôoxtfkfjadvrœv  %év  sic  âéxa  n 
TtQ&toVy  to  âêVTSQOP  xtX.  Das  Nâmliche  kehrt  ebenso  bei  der 
Chrestomathie  des  Proklos  wieder:  ju^tnaïkad-siaç  twy  êlç  if  âtfQf- 
fjbévùûP  TO  a,  und  scheint  auch  auf  Aristotelesschriften  ange^^andt 
worden  zu  sein*). 

Besonders  steht  es  dagegen  mit  dem  doppelten  ersten  Buch  der 
Aristotelischen  Metaphjsik,  ro  fisTl^ov  A,  %b  iXaCCov  A,  wie  gchon 
Alexander  Aphrodisiensis  sie  unterscheidet;  beide  Stûcke  scheinoi 
nie  zusammen  eine  Buchrolle  ausgemacht  zu  haben;  sie  sind  inhalt* 
lich  ohne  Zusammenhang,  und  das  kleinere  ist  wahrscheinlich  erst 
naclitrâglich  in  die  avvxal^hÇ  der  Metaphjsik  aufgenommen  worden, 
als  deren  ûbrige  Bûcherfolge  schon  feststand  (ygl.  unten  Eap.  IX). 
Doch  auch  hier  finden  "wir  jene  Titelfonnation  angewandt;  denn  der 
Commentar  des  Alexander  wird  (im  Parisinus)  ûberschrieben:  àhr 
^ccvÔQOV  àtpQOÔkaUiaç  sic  %à  ftetà  %à  (pvctxà  àQitnatéXovç  fAf 

sic    ÔVO    %0   TtQCÛTOy^). 

Noch  ein  weiteres  lehrreiches  Beispiel  fOr  nachtrâgliche  ye^ 
theilung  eines  ûbergrossen  Rolleninhalts  auf  zwei  Rollen  besitzen  ^ 
endiich  in  dem  Geschichtscompendium  des  Yelleius  Paterculus.  Es 
wiurde  yom  Yerfasser  nur  als  eine  Rolle  geschrieben,  wie  es  denn 
inhaltlich  voUkommen  einheitlich  ist  Yelleius  bezeugt  dies  zweimal, 
erstlich  am  Werkschluss:  voto  fimendum  volumen  ait*),  zweitens  I  U, 


1)  In  der  Aristotelesausgabe  ron  1597  lauten  die  Titel:  itêçl  ytvicm 
Xtti  (fSaçàç  TÔHy  iîç  dùo  t6  A  und  ro  B,  sowie  M^niaqoïaytrXwiy  wv  iiç  d'  nA, 
ro  B,  TO  r,  TO  J. 

^  Siehe  Schol.  Arist.  Metaphys.  éd.  Bonitz  S.  1. 

')  Hier  wird  man  bei  unbefangener  Betrachtnng  unter  volumen  nieht 
blo8  Buch  II  verstehen  kônnen.  Velleius  ist  in  schnellstem ,  einheitliehston 
Zuge  der  Damtellung  von  den  âltesten  sagenhaften  Anfàngen  Latiums  bis  sv 
Gegenwart  unter  Tiber  hindurchgegangen;  die  Ërz&hlnng  ist  am  Ende,  und 
er  fûgt  nur  noch,  unvermittelt,  ein  Schlussgebet  ftïr  Kaiser  und  Beieh  as; 
was  dies  Gebet  ^abschliesst'^,  ist  das  ganze  Werk  {volumen):  „die  dorch  eo 
lange  Zeitlâufle  und  so  viel  Kampf  aufgethûrmte  moles  imperi  woUet  nnn,  ikr 
GOtter,  erhalten." 


—  Das  Prosabnch,     Nachtrâgliehe  Theilung.  —  321 

wo  er  oicht  zwei  volumina,  sondem  nur  zwei  partes  htàus  volurmms 
imterscheidet,  die  noch  nicht  raumlich  gedacht  sind'),  aber  bei  der 
oachtraglichen  Theilung  die  passendste  Stelle  fur  den  Einsclmitt  be- 
seichneten.  Bas  ganze  Compendium  mag  •  etwa  8000  Yerse  betxagen 
liabeii,  da  sich  das  yollstandige  Buch  II  auf  deren  4039  belâuft. 
Bei  diesem  starken  Umfang  bleibt  wohl  nichts  ûbrig  als  anzunehmen, 
dass  das  Werk  in  der  Originalausgabe  als  Opisthographum  erschienen 
nrar  d.  h.  in  KoUen,  die  einseitig  4000  Verse  trugen.  Dièse  Annahme 
)etzt  nichts  Unmogliches  yoraus.  Ueber  Opistographa  vgL  S.  2ôL 
^esonders  sei  erinnert,  dass  auch  die  Yulgatexemplare  der  Cicero- 
'eden  in  Asconius'  Zeit  muthmasslich  Opisthographa  waren  (ygl. 
3.  177).  Ich  glanbe  hierin  nur  eine  Wirkung  jener  Thatsache  er- 
kennen  zu  dûrfen,  die  uns  Plinius  meldet  (XIII  89),  dass  nâmlich 
iben  in  der  Zeit  des  Tiberius  die  Papyrusfabrikation  bedeutend 
Eiirûckgegangen  war;  es  herrschte  inopia  chartae  ut  e  senatu  darentur 
trbitri  dispenscmdae;  aUas  in  tumultu  vita  erat  (s.  S.  226).  Ueberdîes  îst 
klar,  dass  sich  des  Yelleius  populâr  geschriebenes  Werk  an  ein  grosses 
Ehiblikum  wendete,  das  nur  billig  kaufte.  Nachtrâglich  ist  es  dann 
in  zwei  bequemere  Rollen  umgeschrieben  worden;  nnd  in  dieser 
Porm  liegt  es  uns  nnd  lag  es  schon  dem  Alterthum  yor  (ygl.  Priscian 
3.  248,  4  H.). 

Achten  ynr  nnnmehr  auf  das  Buch  minimum.  Autoren,  me 
Cicero,  die  einen  Stoff  betrâchtlicher  Breite  zu  bewâltigen  haben, 
lînd  schon  froh,  wenn  sie  das  mittlere  Format  nicht  zu  iïberschreiten 


')  Velleias  ftkg^  1 14  seinen  Elzenre  ttber  die  rOmischen  Colonien  an  die£m- 
lalune  Carthago's  and  Corinth's  mit  folgenden  Worten  an:  cumfcunlius  ctdusque 
rei  in  unum  contracta  spedes  quam  divisa  temporibus  oculis  anmisque  inhaereaty 
Uaiui  priorem  huius  voluminis  posterioremque  partem  non  inuUli 
rerum  notitia  in  artum  contracta  distinguere  atque  hmc  loco  ntserere  quae 
qmoque  tempore  post  Romam  a  Oallis  captam  deducta  sit  cohnia.  Die  swei 
oarUê  scheinen  hier  nar  sachlich,  noch  nicht  r&umlich  gedacht;  Rom's  6e- 
Mshîehte  ist  es,  die  bei  dem  Jahr  608  a.  u.  fftr  den  Autor  in  zwei  Theile  ser- 
E&llt.  H&tte  er  die  zwei  partes  schon  als  zwei  BoUen  vorgestellt,  so  konnte 
nr  nicht  ron  einem  distinguere  reden:  denn  wie  kann  der  Sachezonm  die 
Rollen  trennen  sollen,  da  er  doch  selbst  in  einer  von  beiden  Bollen  stenen 
wird?  Er  trennt  nothwendig  nur  die  Sachtheile,  nnd  also  ist  hier  volumen 
genan  als  „Bolle"  zu  ttbersetzen,  wie  es  denn  auch  nichts  anderes  heisst. 
Blrt,  Bnchwesen.  21 


322  —  ^*®  BuchgrOsse.  — 

brauchen.  Dièses  mittlere  Format  war  das  natûrliche  Résultat  eines 
Compromisses  zwischen  dem  Streben  nach  Handlichkeit  der  Rolle 
und  der  Schwierigkeit,  die  einheitlichen  Stoffmassen  ohoe  Stônmg 
des  Contextes  durch  Einschnitte  yielfaltig  zu  gliedem,  und  daher 
gehôren  diesem  Format  die  meisten  Prosarollen  an.  Trotzdem 
konnten  aber  auch  geringere  Masse  angewandt  werden;  man  gelangte 
entweder  durch  Zufalligkeit  zu  ihnen,  falls  ein  auf  ein  Buch  dispo- 
nirter  Sachtheil  sich  als  zu  mager  herausstellte  (Tgl.  Comificius  I; 
Caesar,  bell.  civ.  II  ;  Plinius,  hist.  nat.  XII),  und  alsdann  mochte  der 
Rest  des  Yolumens  leer  stehen;  oder  aber  das  geringere  Mass  wnrde 
auch  mit  Plan  angestrebt.  Dies  Streben  lâsst  sich  bei  Autoren  wie 
Porphyrios,  Apollodor,  Ammianus  Marcellinus  u.  a.  nicht  Terkennen 
und  muss  ihnen  vom  Standpunkte  des  antiken  Buchkâufers  und 
Lesers  aus  entschieden  als  praktisches  Yerdienst,  es  kann  ihnen  aber 
in  den  meisten  Fâllen  auch  yom  absoluten  Standpunkte  aus  als  ein 
kiinstlerisches  Yerdienst  angerechnet  werden. 

Wir  ersehen  aber  schon  hieraus:  der  Trieb  stand  dahin,  das 
Prosabuch  womoglich  bis  auf  das  Mass  des  Gedichtbuchs  zu  redn- 
ciren.  Auch  der  Prosaiker  wiU  die  Yorzûge  der  kleinen  Bollen,  die 
dem  Martial  so  wichtig  scheinen,  sich  zu  Nutzen  machen.  Indem 
Ammianus  Marcellinus  noch  den  Tacitus  ûberbietet,  gelangt  er  bie 
und  da  zu  dem  Minimum  1054  (B.  XIX)  oder  898  (B.  XYm).  Hier 
ist  nun  merkwûrdig  wahrzunehmen,  dass  es  gerade  Bear  bei  ter  des 
trockensten  Lehrstoffes  sind,  die  dies  durchzufuhren  wissen,  gerade 
so  wie  wir  die  Didaktiker  auch  auf  dem  Gebiet  der  Poésie  selbst  in 
ein  noch  kleineres  Format  sich  flûchten  sahen  (S.  295).  Der  Gnind 
ist  hier  wie  dort  die  pathologische  Rûcksichtnahme  auf  den  Léser: 
je  schwerer  die  Kost,  desto  kleîner  die  Rationen,  in  denen  sie  ge- 
reicht  wird.  Dahin  gehôrt  nun  schon  die  Lehrschrîft  des  YitruTius^): 
sein  zehntes  imd  letztes  Buch  hait  freilich  1516  Yerse,  sein  erstes 
1230  und  diesem  ersten  stehen  Buch  II,  Y,  VUi,  IX  etwa  gleich; 
dagegen  erschôpfb  sich  das  dritte  in  731Y9>  das  nâmliche  gilt  vom 
vierten  imd  sechsten  und  YII  hait  etwa  900.  Was  der  Baukuost 
zu  Gute  kam,  sollte  der  Greographie  nicht  abgehen:  Pomponius  Mêla*) 


1)  Ed.  Rose  u.  Mûller-Strflbing. 
')  Ed.  TEschackio. 


—  Das  Prosabuch.     Gedichtbuchgrdsse  f&r  Didaxis,  Lexika.  —     323 

t  sie  în  drei  Gedichtbûchem  dargestellt  zu  942,  947  und  801  Yersen. 
emach  wird  man  sicli  nîcht  wundeni,  wenn  der  Fabulist  Aelian, 
ssen  Didaxis  sich  noch  in  viel  hoherem  Grade  mit  G^falligkeit  zu 
rbinden  strebt,  seinen  wissenschaftlichen  Stoff  âhnlich  trangirt: 
[ne  Tbiergeschichten  stehen  in  siebenzehn  Gedicbtbûchern,  deren 
Ssstes,  das  sechste,  110372  Zeilen,  deren  kleinstes,  das  achte,  600 
It;  zwiscben  600  und  1100  Zeilen  bewegen  sich  sâmmtliche  ûbrigen 
ofzehn  Bûcher.  Aber  auch  auf  die  drei  Bûcher  der  medicma  des 
inius  Secundus^)  sehen  wir  denselben  Kunstgriff  angewandt:  I  bat 
3,  n  612,  III  836  Zeilen.  Und  schon  Comificius  ad  Herennium 
rrâth  dieselbe  Neigung,  bei  dem  sich  das  letzte  Buch  lY  mit  2263 
n  I  mit  620,  II  mit  1277  und  UI  mit  984  Zeilen  ungeschickt 
Dug  abhebt. 

Gharakteristisch  ist  schon  dies.  Wichtiger  aber  scheint  noch 
wissen,  wie  die  Lexikographen  in  der  Wahl  des  Buchformats 
ih  yerhalten  haben.  Denn  es  fâllt  auf,  dass  wir  wohl  bei  keiner 
>rte  von  Autoren  so  grosse  Gesammtbuchzahlen  als  bei  ihnen  er- 
Iten.  £ine  Buchtheilung  liegt  uns  nim  noch  wirklich  unbeschâdigt 
r  beim  Festus  De  verborum  significatione.  Sehen  wir  zu,  wie  sich 
8  Werk  yertheilt.  Im  codex  Farnesianus  nimmt  (oder  aber  nahm, 
r  die  Theile,  die  jetzt  verloren  sind)  das  Buch  XIII  30,  XIV  32, 
V  30,  XVI  30,  XVn  29,  XVIH  48,  XIX  30,  XX  30  Columnen 
i;  dagegen  fassten  die  verlorenen  Quatemionen  I  bis  Vm  29  die 
sten  zwôlf  Bûcher  ;  abo  kamen  auf  jedes  der  ersten  zwôlf  Bûcher 
irchschnittlich  nur  21  Golumnen.  Da  nun  im  Farnesianus  jede 
»liimne  durchschnittlich  1353  Buchstaben  fasst'),  so  ergeben  sich  fur 
d  ersten  zwôlf  Bûcher  des  Festus  nur  etwa  je  812  Hexameter,  fur 
s  Bûcher  XIV,  XV,  XVI,  XIX  und  XX  dagegen  deren  1160,  fur 
VU  1121,  und  nur  fur  Buch  XVm  die  hôhere  Summe  1856. 
ich  diesen  geringen  Umfangen  haben  wir  nun  unser  Erstaunen 
»er  die  ungeheure  Bûcheranzahl  herabzustimmen,  wie  sie  andere 
dkalische  Werke,  insbesondere  das  des  Verrius  Flaccus  und  des 
lOpyrion-)  Pamphilus  aufwiesen.     Eine  Materialsanmilung  ist  ûber- 


>)  Ed.  Val.  Rose. 

>)  Berechnet  nach  S.  169  a  Millier. 

21  • 


324  —  ^*®  BuchgrOsse.  — 

haupt  nicht  zum  Lesen  da,  sondem  zum  Nachschlagen.  Sogar 
Plinîus  sagt  ja  betre£f8  seines  Sammelwerkes  (praef.  33):  ne  perîeganty 
sed  ut  quisque  desiderabit  aliquid,  id  tantum  quaerat  und  componîrt  m 
diesem  Zweck  nach  dem  Yorgang  des  Yalerîus  Soranus  das  InTentur 
des  ersten  Bûches.  Von  nichts  musste  dies  so  wie  von  xatà  tnoh 
XéXoy  geordneten  Sammlungen  gelten.  Wer  suchend  der  alphabeti- 
schen  Wortfolge  nachging,  hatte  ohne  Frage  eine  yiel  schnellere 
Uebersicht,  falls  die  RoIIe  klein,  schnell  ganz  aufgerollt  und  sofort 
zu  ûbérblicken  war  als  bei  einem  dicken  Conyolut  massenhalten 
Inhaltes;  besonders  bequem  wird  die  RoUenkleinbeit  und  -yielheit 
noch  unter  der  Yoraussetzung  erscheinen  mûssen,  dass  auf  den 
alXXvfiot  âhnlich  wie  auf  dem  Rûcken  unserer  Lexikabânde  bei  jedem 
Yolumen  das  Anfangs-  und  Endwort  notirt  stand.  Man  suchte  eben 
zu  yermeiden,  was  Gellius  (praef.  11)  an  gewissen  Sammelwerken 
tadelt:  m  qiuis  res  cumque  inciderant  alba,  ut  dicitur,  Unea  sine  cura 
discriminis  solam  copiant  sectati  convertebant,  quitus  in  legendis  a%U 
animus  senio  ac  taedio  languescit  quam  unum  alterumve  reppererit 
quod  sit  aut  voluptati  légère  aut  cultui  legisse  aut  usui  meminisse, 

Nicht  grosser  als  bei  Festus  dûrften  auch  die  Bûcher  des 
Stephanos  yon  Byzanz  gewesen  sein.  Contrôle  zu  ûben  yermogen 
-wir  yielleicht  fur  die  èxXoyil  ^(AciTCûV  xai  ovofidtœv  àmxSv  des 
Phrynichos.  Nach  Suidas  zerfiel  dies  Werk  unter  dem  Titel  àm- 
xiCTfjç  oder  tkqï  àvtkxAv  oPOfACctœy  in  zwei  fitfiXia,  und  dies 
bestâtigt  der  Codex  Mediceus  (Bandini  codd.  Laur.  gr.  I  S.  147)^); 
Yon  dem,  was  erhalten  ist,  lâsst  sich  das  erste  t/jbrjfia  etwa  auf  1000, 
das  zweite  auf  725  Zeilen  taxiren. 

Dass  die  Roman schriftsteller  sich  der  Gedichtbucher  bedienteD, 
sahen  wir  yorhin.    Dasselbe  gilt  nun  aber  auch,  wenigstens  zum  Theil, 


^)  Das  erste  Buch  erstreckt  sich  in  dieser  Handschrift  ron  ixorT^y  bis 
CTvntéïvov  (pag.  171 — 181),  das  zweite  (identisch  mit  der  'Entro/nij  der  Aus- 
gaben,  mit  der  Ueberschrift  nv  avrov  Tf^^fta  âivTêqov  und  der  SubskriptioD 
fièTéyçdfffjaay  xttl  rà  nttçôyra  t^ç  ^qvvix^v  hXoyijç  xiX,)  erstreckt  sich  ton 
ieynçç9jc&v  bis  nix/LtaXcûnad-^yai  (p.  182  — 190);  in  den  Ausgaben  (Lobeck 
S.  443)  folgen  mit  der  Ueberschrift  àçx'l  "^ov  y  noch  einige  wenige  Artikel 
die  aber  z.  Th.  schon  im  Voraufgehenden  enthalten  sind,  ûbrigens  rersprengt 
scheinen;  ein  drittes  Buch  wird  nicht  bestanden  haben. 


—  Db8  Prosabach.     Gedîchtbuchgrdsse  in  der  Ëpistolographie.  —  325 

Yon  den  Epistolographen,  und  gerade  in  Bezug  auf  sie  wird  uns 

dies  Yon  Isidor  (oben  S.  288  f.)  als  Regel  ausdrucklich   ûberliefert. 

Bei   nâherer  Betrachtung  sind  hier  aber  die  Grelegenheitsbriefe  Yon 

den  Kunstbriefen  zu  sondern,  und  auch  bei  den  letzteren  bat  jene 

Regel   nicht   durcbaus   geberrscht.     Yor  allem  wird   sie  durch    den 

Husterbriefschreiber  Plinius  bestâtigt,  dessen  neun  Bûcher  folgende 

stichometriscben  Summen  liefem^):   I  1116,  II  llH^/s,  III  llôiy^, 

rV  1117,  V  1067%,  VI  1232,  Vn  1090Va,  Vm  1062,  IX  1118.    Die 

Aequabilitât  der  Buchgrôssen  ist  hier  peinlich  gewahrt;  die  Biicher 

bewegen  sich  in  einer  Differenz  von  nur  170  Zeilen;  I,  II,  IV  und  IX 

scheinen  fast  genau  auf  gleiche  Grosse  hin  abgezâhlt.    Das  nâmliche 

Maximum  scheut  sich  aber  auch  Seneca^)  zu  Yerletzen:   das  erste 

Buch  seiner  Briefe   hat   1010  Zeilen   und  ihm  stehen  Buch  II,  V, 

IX,  Xin,  XVIII  ganz  gleich;   unter  den  ûbrigen  fallen  einige  um- 

fangreicher    aus:    VI  hat   1072,   Vn   1217,  XX   1264,  XIV  1295, 

XIX  1409,  XV  1434,  andere  sinken  dagegen  tiefer;  IV  932%,  m  886, 

Xn  und  XVI  735,  X  und  Vm  aber  nur  586.     Buch  XVU  mit  nur 

444  Versen  scheint  incomplet  nach  dem  ersten  Briefe.     Buch  X  bis 

Xm  bestehen  nur  aus  je  drei  Briefen,  Buch  VIU  nur  aus  deren  zwei. 

Gedichtbiîcher  sind  ebenso  noch  die  Monobibla  der  Aeschinei- 
schen  (672  Zeilen),  der  Demosthenischen  (950),  der  Isokrateischen 
(1113)  Briefsammlung '). 

Dagegen  hat,  obschon  Nachahmer  des  Plinius,  Symmachus  in 
seinen  entsprechenden  neun  Bûchem  die  Norm  verletzt  ;  nur  fur  VM 
lautet  die  Summe  943,  ûbrigens  aber  fur  VI  1340,  II  und  m  1470, 
IV  1530,  V  1563,  VII  1750,  I  und  IX  2086.  Ueber  andere  Brief- 
sammlungen  ist  das  Urtheil  erschwert;  denn  wenn  die  Phalarisbriefe 
2705,  die  des  Julian  3389,  die  des  Synesius  gar  6055  Verse  dar- 
bieten,  so  kann  hier  die  BuchtheUung  verloren  gegangen  sein  (Ygl.  unten 
Kap.  vm).  Die  Briefe  des  Aristenât  (Buch  I:  1513,  H:  2124  Verse) 
fidlen  schon  ausserhalb  der  Zeit,  ûber  die  wir  hier  handeln.     Im 


^)  Ed.  Weise.     Abs&tze  sind  bei  der  Berechnung  in  Rflcksicht  gezogen 
wie  in  allen  folgenden  Fâllen. 
*)  Ed.  Uaase. 
')  Xach  Hercher,  Epistolographi  graeci. 


326  —  ^*®  Buchgrôsse.  — 

Alkiphron  ist  die  urspnmgliche  Buchtheilung  und  Buchgeslalt  an- 
erkanntermassen  yerloren  gegangen;  die  Handschriften  der  Byzan- 
tiner  ûberliefem  nur  yerschiedene  Auswahlen  in  wechsclnder  An- 
ordnung*). 

Dièse  bis  hieher  betrachtete  Brieflitteratur  ist  Kunstprosa,  ge- 
hôrt  der  BeUetristik  an  und  ahmt  den  gewohnlichen  Brief  nur  nach, 
oder  yerfolgt  ûberdies  rhetorische,  philosophische,  mimetische  Zwecke. 
Auf  anderem  Gebiet  liegen  die  Sammlungen  wirklicber  Correspon- 
denzen,  und  diesen  brauchte  begreiflicherweise  das  Gedichtbuchformat 
nicht  aufgezwângt  zu  werden,  wenngleich  dasselbe  auch  hier  noch 
vorzuwiegen  scheint.  Dies  beweist  vor  allem  wieder  Plinius,  dessen 
Briefwechsel  mit  Trajan  (Buch  X)  zu  1648  Zeilen  aufsteigt,  sowie 
das  entsprechende  zehnte  Buch  des  Nachahmers  Sjmmachus  zn 
3426.  Nicht  anders  wird  es  mit  den  multae  epistulae  des  Sinnius 
Capito  gestanden  haben,  die  zu  Gellius'  Zeit  uno  in  libro  sich  toi- 
fanden  m  templo  Pacis*).  Eben  dahin  gehôren  aber  auch  die  Samm- 
lungen der  Cicerobriefe ,  die  nicht  ohne  die  besondere  Fiirsorge  der 
Empfanger  entstehen  konnten').  Die  Briefe  ad  Terentiam  stehen 
gleichsam  als  Monobiblos  fur  sich  mit  ôlSy,  Versen  (ad  &m.  XIV), 
daran  schliesst  sich  ad  Tironem  mit  713  (ad  fam.  XYI);  des  weiteren 
halten  : 

ad  Qaint.  fr.  III 834  ad  fam.  XI 1052 

ad  Qaint.  fr.  II 863  ad  Attic.  XVI 1058*; 

ad  fam.  II 883  ad  Attic.  XV 1060 

ad  Attic.  III 892  ad  Attic.  XIV 1088 

ad  fam.  IV 966  ad  fam.  VII 1111 

ad  fam.  VIII 1019  ad  fam.  XV 1124 

ad  Attic.  VI 1020  ad  Attic  V 1124 


*)  Sachlich  sind  vicr  Arten  von  Briefen  zu  scheiden,  tcXuvnxM  (22  Stûck), 
yivjçyixcU  (38),  naQaaiT&xai  (40)  und  hai^çtxai  (16).  Man  wird  annehmen 
dûrfen,  dass  jede  Art  etwa  ein  Buch  ausmachte,  nach  Analogie  des  Melesermoi, 
dessen  Brief  bûcher  uns  Suidas  nennt:  iTnaroXoHy  hctiQUcdùv  fiifikia  kà'  xtii 
àyço&xix(oy  tr,  /uayéiç&xœy  intaroXôjy  ?y. 

*'')  Gellius  V  21,  10;  das  uno  steht  zu  multae  offenbar  in  emphatischem 
Gegensatz. 

*^)  Dazu  vgl.  bes.  das  Tolumen  epistularum  des  Atticus,  das  Cicero  (Ȉ 
Att.  IX  10,  4)  erwâhnt;  Cicero  hat  sàmmtliche  zugehôrigen  Briefe  zosammeo- 
gerollt  und  sub  signo. 


—  Das  Prosabuch.     Epistolographen.  —  327 

ad  Attic.  IV 1141  ad  Attic.  Vffl 1269 

ad  Attic.  XI 1126  ad  fam.  V 1827 

ad  fam.  m 1134  ad  Attic.  Vn 1868 

ad  Attic.  X 1137  ad  Attic.  XII 1368 

ad  iam.  1 1155  ad  Attic.  II 1380 

ad  fam.  YI 1168  ad  Attic.  XIII 1892 

ad  Bnitum  I 1185  ad  Attic.  IX 1461 

ad  Qoint  fratr.  I 1220  ad  Attic.  I 1460 

ad  fam.  XII 1237  ad  fam.  X 1664 

ad  Iam.  IX 1248  ad  fam.  XIH 2024 

Es  bleibt  uns  noch  die  Frage  nach  der  Gleichmâssigkeit 
der  Buchgrossen  ûbrig,  die  in  den  verschiedenen  iJvvtd^stç  ver- 
schieden  ausfiel.  Die  Differenzen  mussten  minder  erheblich  inner- 
balb  des  geringeren  Formates  bleiben,  sie  konnten  sich  yergrôbem, 
wo  sich  der  Autor  im  mittleren  oder  gar  im  grôsseren  Formate  hielt. 
Wem  es  nicht  Missvergniigen  gemacht  bat  in  den  alten  Rollenhaufen 
mit  uns  zu  kramen,  den  môge  auch  die  Mîîbe  nicbt  yerdriessen  die 
vorhin  unter  die  verschiedenen  Formate  geordneten  Biicher  noch  ein- 
mal  nmzuordnen  in  der  Weise,  dass  ans  ihren  sâmmtlichen  Rollen 
jede  (fvyva^tç  wieder  zusammengesetzt  werde,  um  sich  nimmebr 
auch  aïs  solche  ûberblicken  zu  lassen. 

Es  giebt  uns  dies  Gelegenheit  die  Zahlen  der  Biicher  genauer 
zu  yerzeichnen.  Dièse  Zahlen  nehmen  den  Grad  der  Genauigkeit 
fur  sich  in  Anspruch,  der  nach  der  Art,  wie  sie  berechnet  sind^), 
môglich  ist.  Der  Urtheile  ûber  die  Einzelautoren,  in  wie  weit  die- 
selben  den  Yorzug  gleichmâssiger  Buchgrossen  mehr  oder  minder 
erreicht  haben,  glaube  ich  mich  enthalten  zu  kônnen;  schârfer,  als 
es  allgemeine  Wûrdigungen  vermôgen,  wird  das  Auge  selbst,  welches 
die  nachstehend  catalogisirten  Zahlen  unter  sich  vergleicht,  zum 
Urtheil  gelangen.  Yon  diesen  Zahlen  sind  hier  die  Beispiele  fur 
Gedichtbuchformat  ausgeschlossen  worden,  yor  allem  also  ein  Plinius, 
Festus,  Aelian,  Pomponius  Mêla,  Vitruyius,  iiber  welche  schon  yorhin 
die  genauen  Angaben  mitgetheilt  wurden,  unter  denen  sich  aber 
gerade  fiîr  das  Gleichmass  der  Bûcher  die  rîihmens'werthesten  Bei- 
spiele befinden.  Hier  sei  nur  noch  erinnert,  dass  die  Autoren  gerade 
da,  wo  sie  dies  Gleichmass  am  augenfâlligsten  yerletzen,  Bemerkimgen 


1)  S.  S.  310  Note  1. 


328  "^  ^>®  BnchgrOsse.  — 

ûber  den  Buchumfang  zu  machen  lieben,  80  Cornificius  am  Schloss 
des  ersten  {satis  huma  voîumims  magrUtudo  cremt)^  Athenaeos  am 
Schluss  des  achten  (zéXoç  ovx  àvàqikOCtov),  Quintilian  am  Schluss 
des  neunten;  entsprechend  hebt  Hieronymus  im  Proômium  des 
f&nften  (s.  S.  331)  entschuldigend  hervor,  dass  dies  Buch  sclion  vorlier 
monographisch  erschienen  war  {(pd  quondam  solus  editus). 

Bel  den  Yoranstehenden  lâuft  die  Gedichtrolle  mit  imter;  ihre 
Disposition  scheint  besonders  ungleichmâssig: 

Format  a,  b  und  k,  daneben  Gedichtbuch: 
Euklides,  crroi/CMiiv  fi^filia^)-. 


I 

i486 

.  nr 

684 

XI     2018y, 

n 

661 

V 

1000 

Xn    1771 

m 

1366 

VI 

1660 

Format  m  und  c,  daneben  Gedichtbuch: 
Gornificias^,  ad  Herennimn:         I     620  H  1277  IH  984         IV  326S 

Format  m,  daneben  Gedichtbuch: 
Eermogenes y  nêQÎ  êvçéciiûç^:     rôfioç  A  HO        B  464       T  1288       ^  1S04 

Format  f  und  i  (I),  daneben  Gedichtbuch: 

GharisiasO:  I    ûber   6102        II  3731  lU        9» 

Format  b,  k,  1,  m,  n,  daneben  noch  zweimal  Gedichtbuch: 

Cassius  Dio»):  (XXXVI      910)       XLV      1339  LUI    1109 


XXXVII  1302 

XLVI 

1701 

LIV 

1318 

XXXVIII 1476 

XLVn 

1695 

LV 

118S 

XXXIX    1260 

XLVIU  1822 

LVI 

1372 

XL           1385 

XLIX 

1487 

Lvn 

896 

XLI         1629 

L 

1202 

LVIU 

924 

XLII        1523 

LI 

1008 

LIX 

1241 

XLIII       1399 

LU 

1400 

LX 

1285 

XLIV       1505 

^)  Ed.  Neîde.    Die  Seite  hat  hier  so  yiele  Absâtze,  dass  aie  sutt  auf  38 
auf  31  Druckzeilen  taxirt  ist. 

^)  Ed.  Baiter-£ay8er. 

')  In  Walz'  Rhetores  graeci  I. 

^)  Grammatici  lat.  éd.  Putsch.  Buch  IV  und  V  sind  incomplet;  du 
erste  ist  am  Anfang  etwas  defekt;  es  fehlen  die  swei  Anfangskapitel  de  gram- 
matica  und  de  voce,  sowie  die  ersten  Zeilen  des  Eap.  III  de  litteris,  aiso  wohl 
100,  hôchstens  200  Zeilen. 

^)  Buch  XXXVI  bis  XXXX  sind  nach  éd.  Tauchnitz  1829  bereehnet. 
Buch  XLI  bis  L  nach  éd.  Dindorf  Bd.  II,  Buch  LI  ff,  wiederum  nach  éd.  Tauch- 
nitz. Buch  XXXVI  ist  am  Anfang  incomplet,  Buch  LXI — LXXX  sind  Excerpte. 


—  Dm  Prosabnch.    OrOssere  oder  geringere  Gleichm&ssigkeit.  —    329 

Format  b,  k,  1,  m,  n,  dazu  zweimal  Gredichtbuch: 
mmianns  Marcellinas*): 


XIV     1634% 

XX      1296 

XXVI    1223 

XV      1276 

XXI     1316 

XXVn   1210 

XVI    1867 

XXII  1654 

XXVIU  1415 

XVII  1316 

XXni  1263 

XXÎX     1514 

XVIII    898 

XXIV  1074 

XXX      1170 

XIX    1054 

XXV  1800 

XXXI    1840 

kt  n,  m,  1,  k: 

I     1389       n 

1435       m 

1200        IV  1128 

I         1142 

II       1380 

m      1546 

orphyrios,  de  abstinentia'): 
ipollodoros,  Bibliothek*): 

Format  n  neben  a  imd  d  (I): 
laesar,  beUam  drile^):  I        1913  n       1116  m      2710 

Format  b,  einmal  daneben  a: 

Lrrian,  Anabasis*):                           I  1911  IV      1867           VI      1615 

n  1591  V       1590           Vn    1594 

m  1734 

^arro,  de  lingaa  latina:                    V  1687  (VI  etwa  1050)«). 

Format  1,  k;  b,  a;  c: 

:aeitQS,  Ânnalen  (and  Historien)'):  I  2009  Xn  1374  (Hist)  I  2167 

n  1903  XUI  1506  n  2312 

ra  1771  XIV  1480  m  2149 

IV  1876  XV  1692  IV  2380 

)er  zweite  Theil  der  Amialen  ging  augenscheinlich  in  kleineren 
tollen  als  der  erste;  die  Historien  hatten  wieder  um  2  —  3  Seiten 
prôssere  Rollen. 

Format  b,  a  und  c: 

Irosins*):  I    1739     IV   2286     VI   2413 

II  1952     V   2413     VII  2839 

III  1916 


^)  Ed.  Gardthausen. 

*)  Ed.  Hercher,  im  Aelian  t.  Didot  am  Ende. 

»)  Ed.  Hercber. 

*)  Ed.  Eraner. 

4  Ed.  Abicht. 

^  VI  bat  nacbweislich  nur  S.  76  eine  LQcke;  VIII  mit  nnr  743  Zeilen 
BÎcber  incomplet;  V  ist  nacb  Mûller's  Text  berechnet  mit  genauem  Z&blen 
'  Druckxeilen  jeder  Seite. 

^  Ed.  Ualm.     Von  Buch  VI,  XI  und  XVI  fehlt  der  Anfang. 

^  Aller  Drucky  Bernard  Aubri.  Die  Tbeilung  zwischen  Buch  V  und  VI 
nnmotÎTirty  Tgl.  Ebert  I  S.  329  2^ote. 


330 


—  Die  BuchgrOsse.  — 


Format  b,  daneben  aber  d  und  sogar  i: 

Tertallian^adTenasMarcionem'):  I        1686  III     1812 

n       1779  IV      6049') 


2776 


Cicero')  gebraucht  besonders  oft  Format 
auch  geschickt  k,  1  und  m,  ja  n  zu  benutzen, 
seits  auch  zu  d  und  e,  ja  zu  g  auf  : 


c,  b,  d,   weiss  aber 
steigt  aber  anderer- 


de  divinatione: 

I 

2226 

U 

2469 

de  natara  deomm: 

I 

1812 

II   2588 

m  1398  (incomplet?) 

de  officiis: 

I 

2430 

II 

1450 

m     1864 

Academica  priora: 

n 

2886 

de  inventioiie: 

I 

2562 

II 

2864 

de  oratore: 

I 

2908 

n 

4199 

m     2770 

de  legibas: 

I 

1000 

n 

1250 

m    m 

de  finibos: 

I 

1176 

ra 

1255 

V      1768 

u 

2045 

IV 

1325 

Tascnlanae  qaaest.: 

I 

2054 

m 

1482 

V      1820 

u 

1149 

IV 

1485 

Bis  zu  c  geht  hinauf  : 
Âagastinas,  de  civitate  dei^)  im  Bach  X  mit  2589. 

Format  1,  b,  a,  c,  d,  selten  auch  m,  k  lud  e,  einmal  auch 

abirrend  zum  Gedichtbucb  (XII): 
Pli  nia  8,  historia  nataralis*): 


II 

2853 

XIV     1386 

XXVI    U97 

m 

1602 

XV       1500 

XXVn   1289 

IV 

1402 

XVI     2285 

XXVÏU  250S 

V 

1652 

XVII    2377 

XXTX     1327 

VI 

2277 

XVIII  3083  Vi 

XXy      1877 

VII 

2092 

XIX     1602 

XXXÏ     1219 

VIII 

2339 

XX       2202 

XXXII    1S85 

IX 

1851 

XXI     1707'/. 

XXXm  1502 

X 

1933 

XXn    1547 

XXXIV  1652 

XI 

2650 

XXin  1519 

XXXV    1908 

XII 

900  (!) 

XXIV  1677 

XXXVI  1856 

XUI 

1333 

XXV    1577 

XXXVII 1901 

ï)  Ed.  Semler,  HaUe  1767  Bd.  I. 

^)  Auf  186  Druckseiten,  jede  zu  950  Buchstaben  tuzirt;  nach  anderer 
Taxe  h&tte  jede  Seite  deren  1007;  alsdann  resultiren  5351  Va  Hexaineter  f&r 
daa  Buch. 

')  Ed.  Baiter-Eayser.  Die  Ciceroseile  ist  nach  Anleitung  der  MilonianA 
des  Ascon  eu  34  Buchstaben  berechnet. 

^)  Ed.  Strange  I. 

*)  Ed.  Jan;  Buch  VII  bis  XV  waren  nach  dem  Text  von  Mayhoff  be- 
sonders schwierig  zu  berechnen. 


—  Des  Prosabuch.    GrOssere  oder  geringere  Gleichm&ssigkeit.  —    331 

« 
Format  c,  d,  e,  daneben  auch  ab  und  zu  a,  b  und  f.: 

,  ib  nrbe  condita*):  I  8043%  XXII  8000  XXXIII    1979 

II  2994  XXIU  2474  XXXIV    2610 

m  8865  XXIV  2400  XXXY     2104 

IV  2672  XXV  2474  XXXVI    1906 

V  2622  XXVI  2951  XXXVH  2746 

VI  2227  XXVII  8029%  XXXVin2968 
VU  2203  XXV1II2913  XXXIX  2474 
Vm  2163%  XXIX  2072  XXXX     2812 

IX  2688  XXX      2300  XXXXU  8012 

X  2523%  XXXI  2165  XXXXIV2116 
XXI    2622%       XXXII   1825  XXXXV  2227 

)  Gleichmass  in  dem  RieseDwerke  des  Livius  erscheint  als  be- 
rs  bewunderungswûrdig. 

Format  b,  a,  c,  daneben  d  und  e: 


lUn"):                 I 

2748 

V   2724 

IX 

8013 

II 

2217 

VI   1882 

X 

1880 

III 

2334 

VII  2026 

XI 

2384 

IV 

1880 

VIII  2097 

xn 

2078 

Format  c,  d,  a,  b,  daneben  auch  e  und  f.: 

ly  mus  '),  Gomment,  in  Jesaiam  :  I 

2806 

VII  2606 

xni 

2164 

II 

2164 

VIII  2084 

XIV 

2284 

III 

2324 

IX   2284 

XV 

2003 

IV 

1563 

X   1728 

XVI 

2446 

V 

8207 

XI   2048 

XVII 

2566 

VI 

2204 

XII  2048 

XVIII  8046 

Format  c,  daneben  aber  eîn  Buch  abnormer  Grosse: 

des^):  I        5698  U       2263  III        2469 

Format  d,  c,  f,  a,  daneben  auch  e  und  b: 


I 

3242 

vm 

2939 

xni 

2504 

n 

3515 

IX 

2762 

XIV 

2678 

m 

2084 

X 

2306 

XV 

2669 

IV 

1748 

XI 

2251 

XVI 

2567 

V 

2232 

XII 

2455 

xvn 

2888 

VI 

1900 

)  Ed.  M.  HerU.     Von   Buch  XXXXI  fehlt  der  Anfang,    XXXXIII   ist 

m  Kap.  3  und  4  iQckenhaft.    Die  Zabi  fûr  V  ist  etwas  su  niedrig  ans- 

i;  seine  letzten  6  Seiten  bei  Herts  stehen  enger  gedruckt,  was  nicht  in 

.Dg  gezogen  wurde. 

)  Ed.  Bonnell. 

)  Ed.  Martianay,  Bd.  III. 

I  Grammatici  lat.  éd.  Putsch. 

I  Ed.  Meineke. 


332  —  ^*®  Buchgrftsse.  — 

ond  Âthenaecs*):  YI  3168  X  2923  Xm  3464 

YII  8376  XI  2708  XIV  8316'/; 

Vin  2117  XU  2747  XV  2851 

IX  2786 

Format  f,  e,  auch  d: 

DioskoriàeB  Tiêçi  vhjç  iaTQèx^ç^:   I        8090  HI      8128  V        2708 

U       8242  IV      8471 

Format  d,  f,  g,  auch  c: 

Pau8anit8>):  I  8868  V  2684  Vffl  4172 

n  3394  VI  2499V»  IX  8125 

ni  2685  Vn  2760  X  8800 

IV  3268 

Format  b,  d,  f,  auch  g  und  c: 

Gaelias  Ânrelianas  Methodicns^),  celemm  passionam: 

I        2520  n       3852  m      8152 

Derselbe,  morbomm  chronicomm  :  I        2592  m      2282  V       1777 

n       3140  IV      1825 

Format  f,  auch  g,  e,  h: 

Origenes,  contra  Celsum»):  IV     4526  VI     8886  Vffl    8m 

V  8606  vn     3008 

Format  e,  f,  g,  h,  daneben  auch  d,  c: 

Diodoros»):     I   T/uJ/icif  «'  ca.  2480  V  8081  XV  8897Ï 

'1  T^ti^a  fi'  ca.  2430  XI  3463'/.  XVI  S988 

n  2904  XII  2890  XVn  Tfiifjux  a  2621*/» 

III  8624  Xin  4682  XVII  Tf^^fM  ff  2855 

IV  4166  XIV  4562  XVin  8167 

Format  g,  daneben  f,  h,  sowie  eîn  Buch  abnormer  Grosse: 

Polybios'):  I    4170     IH   5327     V   4841 

n   3255     IV   8960 

Man  wird  es  fur  bedeutungsvoll  halten  dûrfen,  dass  am  Schluss 
dièses  Yerzeîchnisses   mit    den    grôssten   Rollen    der    âlteste  Autor 


^)  Ed.  Meineke. 

*)  Ed.  Sprengel. 

^)  Ed.  Scbubart. 

*)  Ed.  Ammanny  Amsterdam  1755. 

^)  Ed.  Lommatzscb  Bd.  XIX. 

6)  Ed.  Eicbstâdt;  Bd.  I  h&lt  Bucb  I— IV;  hier  ist  jede  Dnickseite  tuf 
950  Buchstaben  taxirt;  in  Bd.  II  dagegen  nur  auf  836;  nach  950  berechoec, 
h&tte  Buch  V  3501,  XI  3936,  XII  3284  Zeilen.  Buch  XV  bis  XVIII  siod 
nach  éd.  Dindorf  berecbnet. 

^)  Ed.  Hultsch. 


—  Dm  Prosabach.    GrSssere  oder  geringere  Gleichm&ssigkeit.  ~     333 

teht.  Er  steht  der  yoralexandriiiischen  Période  des  Buchwesens  am 
lâchsten.  Fur  Euklides,  des  Eallimachos  Zeitgenossen,  mit  seinen 
inTerhaltnissmâssig  kleinen  Zahlen  lâsst  sich  yermuthen,  dass  die 
Pheilung  erst  nachtrâglich  gemacht  sei;  hierfur  wird  das  letzte 
[apitel  die  Analogien  verzeichnen. 

Fur  des  Plinius  Naturgeschichte  aber  sei  nocb  angemerkt,  dass 
n  iDhaltsYerzeichnisse  auch  von  Plinius  selbst  (oder  seiDem  Neffen) 
ahlen  mitgetbeilt  werden;  dièse  seltsamen  Zahlen  geben  vor,  die 
lunmen  der  behandelten  ^Gegenstande^  zu  sein;  sie  stimmen  aber 
i  einigen  F&Uen,  wo  sie  yen  Curruptel  frei  scheinen,  mit  den  obigen 
eilensummen  ûberein  und  erregen  so  den  Yerdacbt,  nichts  weiter 
Is  Stichensumme  zu  sein^  entstanden,  indem  man  sebr  bequem  je 
înen  ^Gegenstand''  auf  eine  Zeile  taxirte^). 


^)  Es  sind  zunftchst  nur  swei  Fftlle,  wo  die  Zahlen  stimmen,  und  dies 
sheint  allerdings  ein  sehr  geringfûgiger  Anhaltspunkt  fÛr  unseren  Verdacht. 
\néh  VI  hat  summa,  res^  et  kistoriae  et  observationes  MMCCXIV  oder  II  milia 
VXLIII  (Riccard.  nach  Sillîg),  ich  rechne  2277  Stichen;  Bach  XI  hat  nach 
'ahracheinlicher  Emendation  Detlefsen's  summa  eqs.  MMDCG^  ich  rechne 
660  Stichen.  Viele  der  anderen  Zahlen  weichen  dagegen  um  Hunderte,  om 
'ansende  ab. 

Dièse  Abweichungen  sind  indess  in  Tielen  F&llen  sicher  auf  Corruptelen 
BrflcksuftLhren  ;  die  Abschreiber  haben  dièse  Zahlen  mit  der  grOssten  Nach- 
kasigkeit  behandelt;  man  betrachte  nur  die  Ueberlieferung  fftr  B.  XI,  wo  die 
esten  Codd.  CCC  DCC  bieten,  Toletan.  MMCCLXX,  Paris,  d  aber  zwei  Zahlen: 
IfCCC  .  DCC  aJiUr  H  CCLXX;  fûr  B.  III  hat  sich  die  Zahl  nur  in  einem 
^ArisÎDUs  {b  Jan,  e  Detl.)  su  uns  gerettet!  —  Nun  firage  ich,  wie  sollte  es 
lommen,  dass  Buch  Vil  nur  ein  Drittel  so  Tiel  Obsenrationen  (747)  ent- 
ûUe  als  VI  (2214),  da  doch  beide  gleich  gross  sind?  ebenso  Buch  VIII 
787),  das  sogar  noch  grdsser  als  VI  ist?  Auch  das  Référât  ans  Buch  VIII 
•Ibst  ist  grCsser  als  das  aus  VI,  und  die  Zahlen  unter  diesen  Referaten 
oUten  dem  ChrOsseuTerh&ltniss  so  wenig  entsprechen?  B.  XXXVI  ist  ebenso 
ùt  XXXVII  Ton  gleicher  GrOsse  und  soU  doch  nur  ein  Drittel  so  Tiel  Dînge 
:eben  (434  gegen  1300)  u.  s.  f.!  Dies  ist  undenkbar;  die  kleineren  Zahlen 
ma  offenbar  Terkûrzt,  ein  M  oder  sonst  eine  grOssere  Zahl  ist  Tome  weg* 
pe&Uen. 

Uebrigens  l&sst  ein  anderer  Umstand  errathen,  dass  Plinius  selbst  seine 
,G^^st&nde''  nicht  auf  dièse  Zahlen  Teranschlagt  batte.  Wenigstens  sagt 
'linius  praef.  17,  er  habe  susammengestellt  rerum  viffinti  milia.  Die  Zahlen 
.ber  geben  schon,  wie  wir  sie  heut  in  den  Texten  lesen,  TÎelmehr  34  144  als 


334  —  I>ie  BnchgrOsse.  — 

Auffallig  erscheinen  miter  den  Autoren  des  spâten  Alterthoms 
die  enormen  ersten  Bûcher  der  beiden  Grammatiker  Charisios  und 
Diomedes;  angesichts  ihrer  und  der  geradezu  barbaiischen  Aeqofr- 
bilitâtsYerletzung,  deren  Ursache  sie  sind,  tiitt  uns  der  Gedanke 
nahe,  ob  nicht  yielleicht  schon  hier  das  Codexbuchwesen  seinen 
Einfluss  verrath.    Denn  wer  fur  Codices  componirte,  brauchte  auf  die 


Summe.  Da  also  Plinius  anders  gerechnet  su  haben  scheint  (denn  bei  eber 
nar  ungefiUiren  Taxe  h&tte  es  in  seinem  Zweck  gelegen,  die  Zabi  ra  Ter- 
gprdssem  statt  zu  yerkleinem),  se  k5nnen  die  Zahlen  nicht  wohl  Ton  ilun  and 
werden  vielmehr  Ton  seinem  Neffen  herstammen.  Benntste  dieser  hier  énbià 
die  stichometrischen  Sommen,  so  machte  er  sich  die  Sache  allerdings  lelir 
bequem.  —  Einige  weitere  seiner  Zahlen  kommen  diesen  stichometriieha 
Summen  aber  in  der  That  sehrnahe,  s.  Th.  nachdem  aie  im  Interesse  der 
oben  geforderten  Gleichm&ssigkeit  completirt  sind. 

Bach  XII  Tulgo  468,  ego  900;  hier  îst  mit  Parisinns  d  DOOOCLIXIV 
eu  lesen. 

Bach  XVII  Tulgo  1380,  ego  2377.  Im  Cod.  Bioc.  1381.  Aend» 
(M)M0CCLXX2[I. 

Buch  XXII  Tulgo  906,  ego  1547.  Vosaianus  hat  DOOOCVI  M 
MCCCCVI;  man  lèse  mit  alibi  1406. 

Bach  XXIII  Tulgo  1418,  ego  1519;  man  lasse  die  Zabi. 

Bach  XXI  Tulgo  730,  ego  1707;  &ndere  {M)DCCXXX. 

Bach  XXXUI  Tolgo  288  (!),  ego  1502.  So  (oder  278,  SiUig)  bai  M 
Bamb.,  weiter  Terkflrzend  Voss.  u.  Paris,  d:  CCLXVII,  T.  CCLXj  Cod.  Biec. 
CXXV.    Dagegen  Paris,  a:  MCXXV.    Man  lèse  MCdjOC^LXXXVIIL 

Bach  XXIV  Tulgo  1176,  ego  1677;  man  &ndere  M(D)CLXXVL 

Buch  XVIU  Tulgo  2060,  ego  3083;  &ndere  MM{M)LX. 

Stûtzt  sich  die  Identificirung  in  diesen  F&Ilen  auf  Ueberlieferung  oto 
sebr  leicbte  Aenderung,  so  kann  ftlr  die  ûbrigen  cun&chst  nur  negatÎT  geiagt 
werden,  dass  die  Tradition  sicher  oder  wahrscheinlich  oorrupt  ist;  doeh  ist  aiiek 
hier  noch  z.  Th.  die  Ëmendation  leicht.  Buch  IX  Tulgo  650,  ego  1851;  m* 
&ndere  {M)DCiC)L.  —  Buch  XXXVII  Tulgo  1300,  ego  1901;  &ndere  M{P)ÇCC 
—  Buch  XXXV  Tulgo  956,  ego  1908;  &ndere  {M)DCCCCLVL  —  Budi  XII 
Tulgo  1144,  ego  1602;  &ndere  M(D)CXLIIIL  —  Buch  XXV  rulgo  1293,  sg» 
1577;  ândere  MDXCIL  —  Buch  XXVI  Tulgo  1119  oder  1109,  ego  1497; 
Codd.  TVd:  MXIX,  Ricc  œXVIJI;  ândere  M(D)XIX.  —  Buch  XXVU 
Tulgo  602,  ego  1289;  &ndere  MCJL  —  Buch  XXVIII  Tulgo  1682  (SiQ«, 
DeU.),  ego  2503;  àndere  {M)MDCLXXXIL  —  Buch  XXIX  rulgo  621, 
ego  1327;  Cod.  Voss.:  DCCCLIV;  Jlndere  MCCCLIV.  —  Bach  XXXn  Td|o 
990,  ego  1395;  Ra  hat  DCCCCXC,  dagegen  Bamberg.:  CCCCLXXXXIIy  Vow.: 
DCœCXCV;   man  lèse  (M)CCCCXCII.   —    Buch  II  Tulgo  417,  ego  2853; 


—  Dm  Prosabnch.    GrSssere  oder  geringere  Gleichm&ssigkeit.  —    335 

Gienzen  des  RoUenmasses,  er  brauchte  auf  die  Aequabilitât  der  Rollen 
nicht  mehr  Acht  zu  haben.  So  wenig  zuyersichtlich  ich  dièse  Yer- 
nmthung  aussprecbe,  so  wiU  ich  doch  hieran  zwei  weitere  Beispiele 
fSat  In&quabilitat  aus  der  spâteren  Zeit,  in  der  das  Codexbucbwesen 
herrschte,  anknûpfen.  Die  funfzig  Bûcher  der  Digesten  Justinian's,  ob- 
sehon  sie  das  Bestreben  nach  râumlichem  Ebenmass  doch  noch  erken- 
nen  lassen  (ygl.  S.  153),  zeigen  trotzdem  neben  einander  das  Minimum 
1127  (Buch  XXY)  und  das  Maximum  5480  auf  (Buch  L);  und  diesem 
Maximum  steht  ausserdem  Buch  YIII  und  XL,  dem  Minimum  steht 
Buch  YI,  sodann  XYI  und  XI  ganz  nahe  ;  ûberhaupt  aber  ist  wahr- 
«miehmen,  dass  die  letzten  25  Bûcher  der  Digesten  durchschnittlich 
am  ein  erhebliches  breiter  als  die  ersten  25  angelegt  sind. 

Rûcksichtsloser  noch  yerfuhr  zum  Theil  Priscian  in  seiner  Gram- 
cnatik;  das  Buch  ist  fur  ihn  schon  zum  Sachkapitel  geworden  und, 
•vie  klein  dies  ausfallt,  ist  ihm  gleichgûltig;  sieben  Bûcher,  handelnd 
d^  nomine^),  halten  sich  zwischen  2415  (VII)  und  870  (IV),  drei  de 
9erbo  steigen  auf  zu  2630  Zeilen  (VIII);  dann  folgen  Monobibla, 
nnteT  denen  XVI  de  contunctione  auf  326  sinkt;  an  dies  Bûchlein 
reîht  Priscian  dann  die  zwei  Riesenbûcher  von  der  Sjmtax  nach 
Apollonius  zu  3505  und  4227  Zeilen  an.  Schon  in  diesen  Umfuigen 
doeomentirt  sich  die  relative  Selbstândigkeit  der  beiden  Syntaxbûcher, 
welche  die  handschrifbliche  Tradition  bestatigt. 


Indere  (MMD)CCCCXVII,  —  Buch  III  Tulgo  326  (nnr  in  einer  Hdschr.),  ego 
1602;  ftndere  {MC)CCCXXVL  —  Buch  X  Tulgo  794;  &ndere  {M)DCC{G)XCI1IL 
—  Baeh  VUI  Tulgo  787;  ândere  {M)MCCLXXXVIL  —  Buch  VII  Tulgo  747; 
ladera  (A[)DCC(CC)XLVIL  —  Buch  XV  Cod.  Ricc  525;  ândere  iM)DXXV. 
Bach  XVI  Tulgo  1136;  &ndere  M(M)C(C)LXXXV.  —  Buch  XX  rulgo  MDCVI; 
•go  2202;  Undere  MMCVL  —  Buch  XXX  ivlgoDCœLIIII;  ego  1377;  &ndere 
MOCCUIIL  —  Buch  XIII  468,  ego  1333;  ândere  {M)CCOCLXVIIL  — 
BoA  XXXVI  Tulgo  434,  ego  1856;  ftodere  (MD)CCCCXXXII1L  —  Buch  XXXIV 
BTVd:  DCC(X!XXV\  ego  1652;  &ndere  MCCCCXXV,  —  Die  meisten 
Comkturen  beruhen  auf  der  einfachen  Annahme  des  AusfaUs  und  der 
T«rkflnang»  oder  auch  der  Verwecbselung  ron  D  und  M,  —  Nur  zwei  F&lle 
Ueiben  naeh,  Buch  XXXI  (yulgo  DCCCCXXIIII,  ego  121 9;  ob  MCCXXIIII 
so  lesen?)  und  Buch  XIV,  wo  mit  der  Zahl  DX  nichts  anzufangen  ist;  denn 
(M)DX  wûrde  ûber  die  Stichenzahl  1386  wohl  zu  weit  hinausgehen. 
^)  l  de  litteris^  sowie  der  Anfang  Ton  II  de  syllabis  leitet  ein. 


336  —  ^^®  BnchgrOssft.  — 

Hiemit  hat  sich  uns  die  Yarîetât  der  antiken  Buclimasse  er- 
scbôpit,  und  weitere  Heranziehung  von  Werken,  die  in  nnserem 
Conspekt  fehlen,  wird  zuin  Buchgebrauch  der  antiken  Antoren  noch 
viele  Nûancen  hinzutragen,  schwerlich  aber  die  beobachteten  Hanpt- 
masse  vermehren,  erweîtern  und  yon  der  Frequenz  ihrer  Anwendung 
sowie  Yon  den  Litteraturgattungen,  die  die  verschiedenen  yorzû^idi 
in  Anwendung  brîngen,  eine  wesentlich  abweichende  Anschauiing  er- 
zeugen  kônnen.  Noch  wird  man  indess  in  diesem  Conspekt  die  pro- 
saischen  Monobibla  yennisscn.  Die  Monographien  fehlen  nocL 
Es  entspricht  unserem  Zweck  sie  hier  wiederum  fur  sich  zu  stellen; 
erst  wenn  wir  auch  an  ihnen  die  yorhin  bestimmten  Masse  aufgesacht 
haben,  ist  mit  ihrem  Gegenstand  unsere  Ërôrterung  ûber  das  Bnch 
der  Alten  erschôpft. 

Wir  machen  bei  der  Prosa  die  nâmlichen  Wahmehmungen  ine 
bei  der  Poésie.  Die  Rollengrôssen  konnen  sich  auch  fur  Werke,  die 
ungetheilt  edirt  werden  sollen,  nicht  ândem  und  erweitem;  dœh 
kann  der  Autor  einer  Monobiblos  die  Rolle  nach  Belieben  halb  leer 
stehen  lassen. 

Oft  genug  mag  es  yorgekommen  sein,  dass  zwei-  oder  gar  dië- 
bûcherig  edirte  Werke  urspriînglich  als  Bucheinheit  concipirt  wareo, 
Werke  wie  des  Harpokration  Xél^êtç  UXccnovoç  in  zwei  Bûchen 
oder  wie  der  ParaUpomenon  liber,  zu  dessen  Dreitheilung  sich  Hie- 
ronymus  entschliessen  musste.  Gelegentlich  scheint  solche  Theihing 
auch  wider  Wissen  des  Autors  geschehen,  wie  bei  Hieronymos  aà- 
versus  Pelagianos  oder  der  rômischen  Geschichte  des  Velleius. 

Gicero^s  Brutus  dagegen,  der,  obschon  sein  Schluss  yerioren, 
nicht  weniger  als  3973  Verse  zâhlt  —  tôt  miUa  versuum,  sagt  Qain- 
tilian  —  hat  seinem  Yerfasser  den  Zwang  einer  Theilung  nicht  nf- 
gelegt,  und  nur  Einige  waren  es,  wie  wir  sahen,  die  ihn  dreibûdierig 
lasen.  Ebenso  wenig  war  auch  fiîr  Sallust^)  ein  Gnmd  yorhandeOr 
die  3676  Verse  seines  Jugurtha  imd  noch  yiel  weniger  die  1847  des 
Catilina  ihrer  Einheit  zu  entkleiden,  die  fur  die  kunsUerische  Wirlnog 
dieser  beiden  Stûcke  ganz  gewiss  ein  nicht  unwesentliches  Moment 
ist.     Ebenso  sind  bei  den  Wiederauflagen,  wie  sie  Atticus  und  nod 


^)  Gerechnet  nach  dem  Text,  Mannheim  1779» 


—  Das  Prosaboch.     Monobibla.  —  337 

Tyrannio  unternahmen ,  der  Platonische  Gorgias  mit  3734  und 
Hmaeos  mit  3434  Yersen  je  ein  Buch  verblieben;  wie  denn  Cicero 
den  Gorgias  als  einen  liber  liest  De  or.  I  47.  Weiter  konnte  auch 
Tertullian  seine  Scbrift  De  resurrectione  camis^)  beisammen  lassen 
mit  3547  Zeilen,  Dionys  der  Halicarnasseer  seine  Monographie  De 
admirabili  yi  dicendi  in  Demosthene  mit  deren  3371,  woneben  des- 
selbigen  Judicium  de  Thucydide  mit  2720  an  Grosse  zurûcksteht. 
Wenn  dagegen  Galen  von  der  Schrift  eines  gewissen  Lykos  aussagt, 
sie  sei  zu  5000  Stichen  ausgedehnt  gewesen  (oben  S.  170  N.  77),  so 
fehlt  ein  hinlânglicher  Anhalt  um  zu  supponiren,  dass  dieselbe  der 
Bochtheilung  entbehrt  habe'). 

Cicero,  noch  in  seinem  Orator  zu  3272  Versen  von  beschwer- 
licher  Breite,  geht  in  den  Dialogen  iiber  Freundschafb  und  Greisen- 
alter  auf  1534  und  1404  zurûck;  daneben  stehen  De  partitione  ora- 
toria  mit  1611  und  die  Topica  mit  1091.  Den  Catilina  Sallust^s 
ahmt  das  Bellum  Alexandrinum  nach  im  Corpus  der  Câsarischen 
Eriegshistorie  mit  1855,  woruber  das  Bellum  Africanum  mit  2253 
hinausgeht.  Dazu  yergleiche  man  des  Tacitus  Dialog  De  oratoribus 
mit  1643,  die  keinesfalls  erhebliche  Lûcke  bei  Eap.  35  ungerechnet; 
desselben  Agricola  aber  yerkûrzt  sich  zu  1219,  desselben  Germania 
sogar  zu  827  Zeilen. 

Denn  naturlich  ist,  dass  auch  hier  wie  in  der  Poésie  die  Mono- 
bibla beliebig  klein  ausfallen  konnten;  der  Stoff  konnte  oftmals  fruher 
als  das  Yolumen  zu  £nde  gehen.  So  reihen  sich  denn  hier  des 
M.  Cicero  Paradoxa,  des  Q.  Cicero  De  petitione  consulatus  liber  mit 
TSSy^  und  mit  708  Yersen  an;  hoc  parvum  opusculum  nennen  sich 
die  Paradoxa  selbst  (§  8).  Lukian  kannte  ein  Weltgeschichtscompen- 
dium  zu  kaum  500  Yersen  (S.  170  N.  75).  Das  Claudiuspamphlet 
Seneca's  hait  (ohne  die  Lûcke  bei  Eap.  7)  nur  397  Prosazeilen,  in 
welche  sich  ausserdem  101  poetische  eingestreut  finden.  Chairephon's 
evyjrçafAfka  unter  dem  Titel  JeînvoVj  eine  Gelegenheitsschrift,  wie 
die  Anfangsworte  errathen  lassen,  war  mit  375  Stichen  zu  Ende,  die 
Kallimachos  verzeichnete  (S.  168  N.  54),  der  véfAOç  (WHdixixbç  der 


1)  Ed.  Semler  HaHe  1757  Vol.  III. 
^)  Dies  Bupponirt  Ritschl  Opuscl.  I  S.  118  ohne  Grand. 
Birt,  Bochwesen.  22 


338  ~~  ^^®  BnchgrOsse.  — 

Hetâre  Gnatbaina,  ein  philosophischer  Eatechismus  yod  Tafelregeln, 
mit  deren  323,  die  Eallimachos  gleichfalls  unter  den  yéfAOê  verzeich- 
nete  (S.  168  N.  55).  Dièse  Miniatur  bat  aber  Tertullian  noch  ûber- 
boten,  dessen  liber  Ad  scapulam  (Tertullian  selbst  nenot  ibn  lib^m) 
sicb  in  253  Yersen  erscbôpft;  genau  ibm  gleich  kommt  aach  der 
LibeU  Ad  martyres  desselben  Autors. 

Durcbgângig  trâgt  den  Cbarakter  der  Monograpbie  die  Schrift- 
stelierei  des  Lukian;    seine  Erfindungsgabe  wies  diesen  Autor  nie 
ûber  das  Mass  einer  bequemen  Rolle  binaus;  ja,  er  scbeint  hierbei, 
xrenn  wir  der  Fonn,  in  der  sein  Nacblass  Yorliegt,  Yertrauen  schenkeo, 
in  der  Miniatur  am  aller  weitesten  gegangen  zu  sein;  leicbt  im  Woit 
und  leicbt  an  Bucbgewicbt  in's  Publikum  flattemd  scbeinen  dièse 
Scbriftcben  gewirkt  zu  baben  wie  ein  Epigramm,  das  an  Unmittd- 
barkeit  immer  yerliert,  wenn   es  mit  anderen  in  den  Hafen  eines 
Bucbes  eingesammelt  wird.    Freilicb  nocb  nicbt  bemerkenswertb  sind 
die  folgenden  Grôssen:  Hermotimos  (2102  Verse);  Toxaris  (1416); 
Hetârcngesprâcbe  (1320);  Alexandros  (1056),  ein  Umfang,  der  beim 
Timon    und  Zevç  vQajrmâoç   wiederkebrt;    Tïeçi  OQXfjcewç  (1018), 
womit  neçl  tùûv  irû  (jutr&A  avvôvxfav  gleicbstebt,  der  ^aXuvç  &st 
gleicbHtobt;  n&ç  deî  Unoçiav  CVYYQdq>€iv  (1084);  nêql  jux^dutts 
(1001  y^),  dcm  Anacbarsis  und  Pbilopseudes  fast  gleicbkommen.   Dièse 
Umfânge    werden    auch    im    Aovxioç  tj  ''Ovoç   (1366)    und  in  den 
^Eq(iût€Ç  (1180)  nacbgeahmt.     Leicbter  fallen  scbon  folgende  Bûcher 
aus:  "OpéiQoç  (890);  Jîç  xatffroQOVfAsyoç  (837)^);  JlkoToy  §  Evxai 
(808);   Ikaromenippos  (726);  ^Anox^QVTTOfiëPOç  (682),   gleicb  gross 
wie   der  KaxànXovç\    fast   so   gross  sind  aucb  Nigrinos  und  ^i»v 
iXQadiç   und    tuqï   t^ç    IlëQêYqivov  têXêVtijç,     Leicbter   noch   der 
Charon  (623);  inèç  slxévbùv  (609),  vgl.  aucb  ^ijtOQoç  dtdciaxab; 
und  nçoç  tov  ànaldsviov  und  nsql  toi  oïxov]  slxovsç  (587),  vgl. 
aucb  Menippos  und  Cbaridemos  und  nêçl  dutpokijç;  Pseudologistes 
und    Pbilopatris   (550);    Demonax  (565),    den    die    MaxQofiMê  m 
weniges  ûbertreffen;  TvQavvoxzévoç  (409);  Lexipbanes  (398);  Kyni- 
kos  (354);  Pseudosopbista  (310);  ""Anoloria  (etwa  300).    Aber  noch 


*)  An  unechten  Schriften  seien  angeftkgt  De  dea  Syria  (945),  Demosthenis 
encomium  (764),  Néron  (148). 


—  Des  Prosabuch.     Monobibla.  —  339 

kôrperloser  werden  dièse  Bûcher  gelegentlich  :  da  sind  noch  tkqï 
iffrQoXoyiaç  (288),  womit  gleicbsteht  die  ^Gôtterversammlung^  sowie 
UQOfi^&êvç  îj  Kavxaaoç]  tisqI  Tfév&ovç  und  tuqï  tov  iyvTiplov 
[266);  Skythes  (259);  OâJiaQiç  TiQâxoç  und  imèq  tov  iv  tfj  nqoça-- 
^QÇ€VCé$  TtrccUffuCTOç  (244);  Zeuxis  (222);  Eunuchos  (199);  fjtviaç 
}yxêifjuov  (178);  Hippias  (148);  auf  die  Zahl  133  yereinigen  sich: 
PiiXaQtç  dcvtSQOÇ'^  Herodotos;  Harmonides  ;  TtsQÏ  %ûv  âil/jccyœy; 
lêdXs^iç  JiQOç  ^Hqédoxov, 

Zugegeben  aber,  dass  dièse  kleinsten  Stûcke  zuerst  selbstandig 
snchienen,  so  scbeint  docb  nicht  leicht  vorstellbar,  dass,  da  so  yiele 
^eicbartige  neben  einander  bestanden,  sich  nicht  im  Lauf  der  Zeit 
nelirere  in  einer  Rolle  soUten  zusammen  gefunden  haben;  Horaz 
EEOid  sogar  seine  Damasippsatire,  die  an  Unifeuig  zwischen  dem 
Eynikos  und  dem  Pseudosophista  steht,  fur  DÔthig  mit  anderen  in 
ain  Buch  einzustellen;  besonders  fur  die  letzten  sechs  bis  acht 
Lnkianstûcke  môchte  man  vermuthen,  dass  auch  sie  Theile  von 
Bûchem  wurden,  so  wie  in  der  That  die  drei  von  Kronos  handeln- 
ien  Stûcke,  zà  nqoç  Kqovop,  KQOvoa6X(av  und  vier  iTUcroXal 
KQOyixcU  zusammen  tradirt  und  eine  Einheit  zu  sein  scheinen  (zu- 
lammen  768  Verse).  Auch  die  beiden  ngoXaUatj  Dionysos  und 
%ëçi  ^léxvQOVj  scheinen  in  demselben  Sinne  zusanmiengehorig;  die 
âne  hat  etwa  150,  die  andere  sogar  nur  91  Zeilen^).  Jedenfalls 
iber  erschien  der  Nigrinos  als  selbstandiges  Buch  (fiifiUoy  nennt  es 
1er  Einleitungsbrief),  ebenso  auch  tisqI  zùêv  ijû  fjua&œ  (fvvoyvfay, 
lach  der  ausdrûcklichen  Bezeichnung  XYIII  1. 

Abschliessend  môchten  wir  endiich  noch  an  Caesar^s  bellum 
3ftllicum  erinnert  haben.  Dies  Werk,  dessen  letztes  Buch  Hirtius 
linzufûgte,  ergiebt  folgende  stichometrische  Summen: 


I 

1431 

Tîl 

638 

V 

1299 

VU  2073 

II 

707 

IV 

813 

VI 

903 

(VUl  1246)  ■). 

!Iach  allem  von  uns  Yorgetragenen    und   im  Yergleich  mit  Tielen 


^)  Wenn  es  ûbrigens  zu  Anfang  des  Dionysos  heisst:  „ich  meine,  mich 
lindeit  nichts,  Euch  auch  eine  bakcbische  Erz&hlung  zum  besten  eu  geben", 
10  scheint  mit  diesem  ^^auch''  auf  andere  nahestehende  Ërcfthlnngen  yerwiesen. 

^  Der  Schluss  îst  yerloren. 

22* 


340  —  ^®  Buchgprôsse.  — 

aDderen  Autoren  wûrde  das  classische  Werk  des  grossen  Feldheirn 
und  Stilîsten  hiemach   âusserlicb  betrachtet  erheblîchen  Tadel  her- 
Yormfen  ;  dasselbe  prâsentirt  sich  in  sehr  ungleicben  Grossen  ;  oit  ist 
dabei  zum  poetischeu  Buchformat  gegriffen,  vras  geschickte  Âutoren 
doch  nur  zu  thun  pflegen,  wenn  sie  es  in  allen  Bûchem  durchfuhren 
wollen.    Zur  Rechtfertigung  des  Geschmacks  oder  des  Compositions- 
vermogens  des  Autors  mûssen  wir  uns  erinnem,  dass   dièse  sieben 
Bûcher  als   ^Memoiren^   (commentarii,   VTWfAV^fAata)   abgefasst  sind 
und   sich  diesen  bescheidenen  Charakter   durch    ihren  Titel  seibst 
yindicirten;  jedes  der  sieben  Bûcher  ist  ein  Jahresbericht  fur  sich; 
dass  ûber  aUe  sieben  Jahre  nicht  gleich  viel,  dass  dreimal  so  Yiel 
ûber  das  Jahr  des  Kampfes  gegen  Yercingetorix  zu  yerzeîehnen  war 
als  ûber  das  Jahr  56,  war  Sache  des  Zufalls;   die  Bûcher  traten, 
wenn   schon   gleichzeitig^),  doch  gewissermassen  als  Monobibla  tôt 
das  Publikum,  und  die  schwankende,  monobiblische  Buchfonn  diente 
eben  zur  Bestatigung  jenes  Charakters,  den  das  schnell*)  und  in 
einem  Zuge  gegen  Ende  des  gaUischen  Eriegs  abgefasste  Werk  diiich 
seinen  Titel  affektirte  :  Denkwûrdigkeiten,  Ephemeriden  zu  sein,  die 
Jahr   fur  Jahr    und    mit    den    Ereignissen    gleichzeitig   au&otixt 
worden.     Das  Bellum   civile,    das  ûber  ein  Jahr   in  zwei  Bûchern 
referirt,  gab  diesen  Charakter  auf ;  aber  auch  der  Autor  der  achten 
Supplementrolle  vom  Gallischen  Krieg  sah  von  ihm  ab,  freilich  nicht 
ohne  ausdrûckliche  Rechtfertigung,   indem   er   bei  Eap.  48  zu  den 
Ereignissen  des  Jahres  51  noch  die  des  folgenden  hinzufûgt. 

Wir  haben  die  Reihe  der  antiken  BuchgrÔssen  bestimmt,  indem 
wir  sie  aus  den  Litteraturresten  seibst  abstrahirten.  Wir  gruppirten 
die  Werke  unter  verschiedene  Buchformate;  doch  war  uns,  dièse 
Formate  zu  versinnlichen ,  kein  Mittel  gegeben  als  Zeilensummeo. 
Zur  Anschauung  wird  indess  erst  gelangen,  wer  sich  endlich  dièse 
Zeilensummen  in  Seitensummen  ûbersetzt,  die  den  Bestand  der 
Rolle  seibst  direkter  anzeigen  und  fur  das  Format  ein  unmittelbarerer 
Ausdruck  sind.  Dies  Uebersetzen  ist  ausfûhrbar  unter  der  allerdings 
fur  viele  Fàlle  zutreffenden  Voraussetzung,   dass   die  antike  Schrift- 


*)  Vgl.  Mommsen,  Rôm.  Geschichte  III  S.  600  Note. 
')  celeriter  sagt  Hirtius,  ep.  ad  Balbum. 


—  Das  Prosabuch.     Seitenzahl  der  Bûcher.  —  34} 

coliinme  sich  mit  dem  antiken  Buchblatt  gedeckt  bat.  Rechnen  wir 
demgemâss  nach  Anleitung  des  Papyrus  Bankesianus,  der  Normal- 
zeilen  trâgt,  43  Zeilen  auf  ein  Buchblatt,  so  wûrde  die  Gedicbtrolle 
nur  aus  12  bis  25  Blâttem  bestanden  haben;  unter  den  Prosabuch- 
formaten  wûrdeu  auf  n  28,  auf  m  31,  auf  1  33,  auf  k  35,  auf  b 
36—45,  auf  a  49,  auf  c  59,  auf  d  68,  auf  e  73,  auf  f  89,  auf  g  98, 
auf  h  112,  auf  i  121,  endlich  auf  eine  Rolle  wie  die  dritte  des 
Polybios  126  Blâtter  verfallen. 

Dièse  Schâtzung  wird  nach  der  Art,  wie  sie  gewonnen  ist,  aïs 
approximatiyer  Ausdruck  des  Thatsâchlichen  gelten  konnen.  Auch 
bestâtigt  sie  uns  Martial  (VIII  44),  wenn  er  einmal  ein  besonders 
starkes  Buch  als  „hundertseitig^  bezeichnet  (ygl.  oben  S.  160).  Bas 
wirkliche  Maximum  haben  wir  indess  hiermit  doch  noch  nicht  ge- 
wonnen; sehen  wir  uns  unter  den  Herculanensischen  Rollen  um,  so 
hielt  hier  eine  118  Selides  (Kap.  lY  N.  109),  eine  andere  aber  sogar 
deren  147  (S.  159;  vgl.  N.  113),  um  von  minder  sicheren  Zahlen 
(Kap.  rV  N.  115;  119)  abzusehen.  Da  nun  die  Polybiosbûcher  die 
Bûcher  eines  Philodem  noch  an  Grosse  iibertreffen ,  so  muss  auch 
f&r  sie  eine  noch  hôhere  Selisanzahl  als  die  zuletzt  genannte  als 
m5glich  angesetzt  werden. 

Und  hiemach  erst  kann  nun  auch,  endlich,  iîber  die  yorangestellte 
Aeusserung  des  Plinius  betreffs  des  Umfanges,  welchen  ein  zôfjkoç 
Xtiç'fov  in  den  Fabriken  erhielt,  abschliessend  eine  Entscheidung  yer- 
sncht  werden.  Der  Fabrikationsbericht  beim  Plinius  bestimmt  das 
Maximalmass  dièses  tôfjtoç  eben  nach  der  Zahl  der  Blatter,  der 
plagulae;  wenn  daselbst  die  betreffenden  Worte  lauten  nunquam  plurea 
êcapo  quam  vicenae,  so  werden  wir  jetzt  fur  das  corrupte  VICENAE 
yielmehr  DVCENAE  yermuthen  dùrfen.  Der  Glutinator  der  âgyp- 
tischen  Fabriken,  dem  es  zufiel,  die  fertig  gepressten  und  getrock- 
neten  Blâtter  zu  componiren,  gab  den  Schrifbstellem  yon  Hellas  und 
Hom  die  erfreulichste  Auswahl,  Rollen  yon  iiber  zweihundert  Seiten 
aber  fertigte  er  nicht  mehr,  so  wie  schon  die  ûber  hundert  Seiten 
onbeliebt  waren  und  nur  seiten  genommen  wurden. 


SIEBENTES  KAPITEL. 

Die  Edition. 


Wir  sind  im  Begriff  nnninehr  das  Schlussglied  einzufugen  in 
eine  Eette  von  Untersuchungen,  die  eine  die  andere  benôthigten  nnd 
in  einander  hingen.  Fur  ihre  Haltbarkeit  wird  zukûnftige  detaillirtere 
Forschung  die  Probe  geben  mûssen.  Yorlâufig  aber  scheint  8ie  bis- 
dend  genug,  und  wir  sehen  uns  durch  sie  eînes  sehr  conkreten  mid 
einheitlicben  Buchbegriffs  fur  das  Alterthum  yersichert,  dessen  leben- 
digere  Ërkenotniss  zur  Wûrdigung  der  alten  Autoren  selbst  dienen 
miiss.  Dieser  Buchbegriff  ergiebt,  dass  kein  classischer  Scbriftsteller 
zu  componiren  yermocht  bat  obne  zu  disponiren. 

Wer  ediren  wollte,  kaufte  sicb  die  leeren  Rollen,  wie  sie  die 
Papierfabrik  lieferte,  oder  er  wandte  sicb  an  einen  Untemebmer,  der 
solcbe  auf  Lager  hîelt  und  die  Eintragung  besorgte.  Dièse  RoUen 
waren  aber  von  verscbiedenem  Umfang,  und  der  Autor  batte  ziun 
Zweck  der  Edition  jedesmal  vor  allem  die  wicbtigste  Entscbeidang 
ûber  das  Format  zu  treffen,  das  er  anwenden  wollte.  Denn  nur  das 
geringe  Mass  der  poetiscben  war  eigentlicb  obligat;  bei  den  aygatfa 
lii^Xia  fur  Prosa  liess  die  Fabrik  dem  Autor  die  Wabl.  Da  gab  es 
wobl  mancberlei  in  UeberJegung  zu  zieben,  und  die  grossere  Rûck- 
sicbt  auf  sicb  oder  auf  den  Léser  konnte  zu  entgegengesetzten 
Entscbeidungen  fiibren.  Das  Publikum  verlangte  nacb  kleinem,  be- 
quemem  Yolumen,  und  es  war  unumgânglicb  auf  dies  Publikum 
Rûcksicht  zu  nehmen,  sofem  das  Buch  docb  Gegenstand  des  Yer- 
kaufes  werden  sollte.  Die  eigene  Bequemlicbkeit  zog  den  Autor 
dagegen  zu  den  grossen  Rollen  bin;  denn  in  je  mebr  Rollen  er  seinen 


—  Wahl  des  Formats.  —  343 

toff  vertheilte,  in  desto  mehr  Sachtheile  musste  er  ihn  aufzulosen 
ichen  uad  desto  subtiler  und  schwieriger  wurde  fur  ihn  also  die 
rbeit  des  Disponirens.  Fur  Untersuchungen  oder  CoUektaneen 
hilosophisch-wissenschaftlicher  Art,  fur  Commentare  zu  anderen 
.utoren  und  was  dem  Aehnliches  Yorkam,  konnte  er  immerhin  seiner 
•equemlichkeit  nachgeben;  denn  es  handelte  sich  hier  nicht  um 
'nterhaltungszweck  und  schonheitliche  Wirkung,  und  wer  ûberhaupt 
in  derartiges  Buch  in  die  Hand  nahm,  war  yiel  mehr  Mitarbeiter 
la  Léser  und  zu  emsthaft  interessirt,  um  sich  durch  das  unge- 
chickte  Aeussere  desselben  storen  zu  lassen.  So  wird  ja  auch 
och  in  unserer  Studirstube  ein  Foliant  oder  Grossquartband  nicht 
ngem  gesehen.  Anders  bei  Werken,  welche  gefallen  sollten. 
chon  wer  Geschichte  schrieb,  hatte  sich  Yorzusehen,  dass  man  sein 
luch  nicht  mit  einem  nXéov  ^fu(fv  navxôç  bei  Seite  schob.  Lehr- 
&cher  selbst  grififen  oftmals,  wenn  sie  auf  grosses  Publikum  rech- 
eten,  wohlweislich  zu  den  geschmackvollen  kleinen  Formaten.  Nicht 
aders  der  Roman,  die  Epistolographie.  Solcher  geringeren  Formate 
ab  es  yiele,  und  aus  ihnen  fand  sich  endlich  unschwer  dasjenige 
eraus,  das  jedesmal  der  Dispositionsfâhigkeit  der  Werke  am  besten 
atgegenkam. 

Anfang  und  Ende  seiner  Meditationen  ûber  die  Sanfbmuth,  den 
cm  oder  die  Wohlthâtigkeit  richtete  ein  Seneca  also  getreu  nach 
en  Raumgrenzen  ein,  die  ihm  ein  alexandrinischer  Glutinator  ge- 
;eckt.  Derselbe  Handarbeiter  war  es,  durch  den  ein  Plutarch  sich 
i  seinen  Tischgesprachen  zur  Erfindimg  jener  arithmetisch  spielenden 
dsposition  anregen  liess,  die  ihm  so  viel  Freude  macht.  Dem 
rebot  des  Glutinators  dankt  so  gut  Columella  seine  einfach  schone 
toffvertheilung  wie  Yarro  seine  mûhsam  ausgedachten  spitzfindigen 
abdistinktionen.  Derselbe  aber  war  es  auch,  der  eben  dem  Yarro  sein 
ilumen  non  patietur  abnôthigte  (s.  S.  149),  derselbe,  der  den  Diodor 
irang  seinen  einheitlichen  Alexander-Bios  zu  zerschneiden,  derselbe 
ielleicht  auch,  auf  den  in  letzter  Linie  die  Anregung  zur  Ëinfuhrung 
nés  80  geschmacklosen  Notizenstiles  in  die  Litteratur  zurûckgeht, 
ie  ihn  Plinius  in  seiner  Encyclopâdie  ausgeûbt  hat  :  denn  n\ir  dièse 
ige  Schreibweise  ermôglichte  hier  die  Absolvirung  so  riesiger  Sach- 
apitel  innerhalb  einer  RoUe;  allein  dièse  Notizen,  so  geschickt  sie 


344  —  ^i®  Edition.  — 

als  solche  gearbeitet  sein  mogen,  bedeuteten  doch  einen  Yerzicht  anf 
jede  Lesbarkeit. 

Wenn  nun  aber  die  ConTenienz  eine  so  bestimmte  Buchfonn 
vorschrieb,  welcher  sich  jeder  Schriftsteller,  der  ediren  wollte,  unter- 
werfen  musste,  so  erhellt  schon  hieraus  zur  Grenûge,  dass  das  Publi- 
kationsverfahren  ûberhaupt  im  Alterthum  dem  Belieben  des  Einzelneo 
durch  eine  feste  Gewohnheit  entzogen  gewesen  sein  muss  nnd  dass 
Yor  allem  das  erstmalige  Niederschreiben  ein  Werk  noch  keineswegs 
zur  litterarischen  Erscheinung  machte.  Yergegenwartigen  wir  uns 
demnach  genauer,  was  von  den  Alten  unter  Edition  yerstanden  wurde. 

Das  Schrifbstellem  war  zunâchst  fur  Viele  nichts  als  eine  ange- 
nehme  AusfûUung  des  otium,  unschâdlich  wenn  nicht  fur  die  Neben- 
menschen,  so  doch  fur  die  Nachwelt.    Gedichtchen  wie  die  Priapeen 
oder  wie  die  Catull's,  die  von  Dilettanten  wie  Plinius  spîelend  nach- 
geahmt  werden,  warf  man  auf  ein  Papyrusblâttchen  hin  oder  kritzelte 
sie  auf  die  Tafel;    man  schrieb  Epigramme  und  Epyllien  wie  der 
Eumolpus  beim  Petron  auf  der  stets  bereit  gehaltenen  Membrane; 
man  dichtete  ganze  Tragôdien  wie   Cicero's  Bruder  vier  Stûck  in 
sechszehn  Tagen;   man   schrieb   philosophische  Essays  wie  Epiktei 
und  Numenius.     Weder  Numenius  noch  Epiktet  public irt en,  was 
sie  geschrieben,  und   nur  ihre   nâchsten  Schûler  wurden  damit  be- 
kannt.    Catull  las  aus  dem  Codicill  wohl  der  Freundin  seine  leichten 
Verschen  vor,  liess  ihr  auch  wohl  das  Geschriebene,  bis  er  es  zûmend 
zuriickfordem  muss:   redde  codicillos;    aber  erst  spât,   nachdem  sein 
Verhàltniss  zur  Clodia  lângst  vorùber  war,  hat  er  die  Stiickchen  ïu 
einer  Edition  gesammelt.     Der  tragische  Dilettant  beschrânkte  sich 
gleichfalls   yielfach   auf   das   Vorlesen,   zur  Kaiserzeit   YOr    grossem 
Publikum  ^),  und  nicht  jeder  unter  ihnen  machte  hemach  auch  Edi- 
tionen,  so  wie  es  Seneca  und  Pomponius  gethan.    Bei  einem  Versifex 
wie  Eumolpus  scheint  der  Erzâhler,  der  ihn  uns  schildert,  gleichfalls 
eine    buchhândlerische  Yerbreitung    seiner   lâstigen  Improvisationen 
nicht  Yorauszusetzen. 

Erst  dem  Entschluss  des  Seneca  oder  des  Catull  zu  ediren 
verdankt  die  Nachwelt  die  Erhaltung  ihrer  Produktionen;  erst  die 


')  VgL  M.  Hertz,  SchrifUteller  und  Pablikam  in  Rom,  1853. 


—  Unedirte  Manuskripte.  —  345 

durch  Arrian  und  durch  Plotin  unternommene  Edition  hat  den 
Nachlass  ihrer  Lehrer  fiir  die  Folgezeit  gerettet;  die  Priapeen 
horto  carmina  digna,  non  Ubello  wâren  yerflogen,  hâtten  sie  nicht 
einen  congenialen  Sammler  und  einen  Yerleger  gefunden.  Die  neiin 
Jahre  hindiirch,  in  denen  Cinna  seine  Zmyrna  auf  der  Membrane  im 
Pult  liegen  liess,  immer  ândemd  und  nachbessernd,  war  sie  auch 
Tor  der  Missgunst  des  Publikums  so  sicher,  'wie  das  Publikum  vor 
ihr;  der  Augenblick  der  Herausgabe  (édita  nonam  post  hiemem  Catull  95) 
machte  jede  weitere  Aenderung  unmôglich,  und  so  knûpft  sich 
eben  an  dièses  Beispiel  des  Horaz  Rathschlag  nonum  prematur  in 
annum:  jedes  Wort,  einmal  yerôfifentlicht,  hat  unwiderruflich  dein 
eigen  zu  sein  aufgehôrt,  du  kannst  es  nicht  mehr  zurucknehmen  -r- 
80  damais  wie  heut.  Schon  vor  Horaz  aber  kennt  Lucilius  (y.  1116  L.) 
solche  poemata,  die,  ohne  Eunstwerth,  avTO(fx^d$d(f(Aata  sind  und 
bleiben  werden,  wenn  er  yen  Leuten  spricht,  qui  schedium  /aciunt 
inconditum  (ygl.  Petron  c.  4).  Plinius  lâsst  sich  bei  der  Nachbesse- 
nmg  seiner  schedulae  yon  seinem  Freund  Satuminus  helfen,  aber  er 
yerwahrt  sich  yorsichtig  dabei  :  erit  enim  et  post  emendationem  Uberum 
nohiê  vel  publicare  vel  coniinere  (epist.  I  8,  3). 

Daher  kam  es  yor,  dass  ein  Autor  ein  misslungenes  Werk  nicht 
zuruckgehalten  zu  haben  bereuen  konnte,  wie  dies  Cicero  betreffs 
seiner  Schrift  De  inventione  thut:  pueris  aut  aduUscentulis  nobis  ex 
commentarioUs  nostris  (d.  h.  aus  dem  Brouillon)  incohata  oc  radia 
exdderunt  vix  hac  aetate  digna  et  hoc  usu  (de  or.  I  5).  Genau  die- 
selbe  Aeusserung  lâsst  Cicero  auch  schon  den  Redner  Antonius  thun 
betreffs  seines  Bûchleins  De  ratione  dicendi:  me  imprudente  et  invito 
excidit  et  pervenit  m  manus  hominum  (de  or.  I  94).  Fronto  hat  eine 
Rede  gegen  Asclepiodotus  in  den  Buchhandel  gegeben;  er  erfahrt  zu 
sp&ty  dass  Yerus  dem  Angegriffenen  wohl  will,  und  bedauert  nun, 
die  Herausgabe  nicht  mehr  zurucknehmen  zu  kônnen  :  curavi  quidem 
abolere  arationem,  sed  iam  pervaserat  in  manus  plurium  quam  ut  aboleri 
posset^);  es  waren  schon  der  Exemplare  zu  yiel  in  Hânden  des 
Publikums. 


^)  Fronto  epist.  ad  Verum  II  9  S.  137  Nab.;  ygl.  epist.  ad  M.  Anton.  II  8, 
8.  111. 


346  ~*  ^'®  Edition.  — 

Wer  sich  vor  solchem  Aerger  wahren  woUte,  entschloss  sicli 
darum  lieber  sein  Werk  zurQckzuhalten.  So  besonnen  Terfiihr  der- 
selbe  Fronto  in  einem  anderen  Falle  mit  einer  Recension  des  Ciceio 
(derReden?),  die  er  ausgearbeitet  batte  (emencUwit,  cHstinxit,  odnofarit); 
er  sendet  mebrere  so  bearbeitete  Cicerobûcber  an  seinen  Freimd 
Yolumnius  Quadratus;  er  allein  soUe  sie  lesen:  verôffentlicben  will  er 
sie  nicbt:  Uges  ipse:  in  voîgus  enim  eos  exire  quare  nolim  scribam  ad 
te  diligentius'^):  âhnlich  wie  jener  Proculus,  der  sich  strâubt  seine 
Gedichte  zu  ediren,  wofur  Auson  ihn  straft  Epigr.  34:  Q^i  sua  rm 
edit  carmma,  nostra  légat  Vom  Persius  kannte  das  Publikum,  ait 
er  starb,  noch  nichts;  Comutus  yerfugte  ûber  den  Nachlass  und 
bestimmte,  dass  eine  Prâtextate,  ein  liber  odomoçtxéiy  und  noch 
einige  andere  Verse  unedirt  blieben;  n\ir  das  Buch  Satiren  gab  er 
an  Bassus,  der  die  Herausgabe  bewerkstelligte '). 

So  hielt  auch  Galen  seine  Schrifben  keiner  sxâo(f$ç  werth,  tind 
es  -waren  vielmehr  seine  Yerehrer,  die  eine  solche  hinter  seinem 
Riicken  nach  Priyatabschrifken  Yomahmen  (nsçi  t^ç  Tci^swç  fiv 
îôUûv  p&pUav,  XIX  S.  51  f.  E.):  oèx  âqéx^fiv  ovâsminou  liv 
ifMSy  ino[AVfi[AàT(ûv  (d.  i.  commentarioU)  ovôiv  iv  àvd'Qdinotç  êhou' 
ôiadod'éyTùùy  (T  eiç  noXXovç  avxùiv  Sxovtoç  iftov,  xa&ccTteQ  ofaH, 
TVQOç  %6  âidôvai  t»  tov  Xoitwv  toîç  q>iXo&ç  v7r6[AVfifjba  Uav  ojrrf- 
Qwç  saxoVy  und  iyvwxs&v  fAfjdèp  ixdidovai  fiifiXiov  *  aXXà  râv  p 
TOÎÇ  cpiXoiç  dod'évTfûv  ixTuaôvTfav  sic  noXXoifç  xtX,,  und  noch 
einmal  (S.  56  K.)  betreffs  dreier  kleiner  Schriften:  Ta  tQla  vaita 
fitpXla  (flXotç  à^miaaaiy  inayoQêvd'évTa  (das  sind  Priyatabschriften) 
xansn   ixôod-évTa  nqoç  ixsivfûv^), 

Jener  Afrikareisende  dagegen,   der  auf  einer  Inschrift  verheisst 


1)  Fronto  ad  amicos  II  2,  S.  190  Nab. 

2)  Suet.  S.  74  Reiff. 

^)  Die  Mittheilung  von  Priratabschriften  im  Gegensatz  zu  Editionsexem- 
plaren  wird  auch  XIX  S.  10  £.  erwâhnt:  qiXotç  rj  fia&fjTaïç  lâiâoio  /tf^'V 
inyyQttfftjç  ijç  àv  ovât  tiqoç  ixdoa^y,  crJU'  avtoiç  ixiiyo&ç  yiyoyôra,  ditj^Hd^*' 
(oy  ijxovaay  ^x^^y  vnofuytjtia.  Ueber  derartige  axokixà  vnofAytiutcra  TgL  Lehr* 
Aristarch  S.  25 ;  Sauppe  Philodemi  de  yitiis  liber  X  S.  II,  der  auch  rer- 
achiedene  der  Herculanensischen  Philodemexemplare  fÙr  solche  primat  mitg^' 
theilte  hnofiyrj/uanafioi  zu  halten  geneigt  ist. 


—  UnterUssen  der  Edition.  —  347 

ûber  die  Wonder  Aegyptens  zu  handeln  iv  ifji^&  fivfiloiç  (C.  J.  6. 

m  4744  Add.  Eaibel  N.  1005),  bat  dabei  obne  Frage  beabsicbtigt 

mit  einer  wirklicben  Publikation  ûber   diesen  Gegenstand  die  Welt 

sa  beglûcken,  die  davon  indess,   soweit  die  litterariscbe  Tradition 

erkennen  lâsst,  keine  Notiz  genommen  bat. 

Besonders  berûbmt  aber  ist  des  Yergil  Yerfûgung,  fur  den  Fall 

seines  Todes  nicbts   aus   seinen  unedirten  Manuskripten  zu  ediren 

imd  das  Manuskript  seiner  Aeneide  zu  yerbrennen,  da  er  nocb  nicbt 

die  letzte  Hand  an  sie  gelegt  habe;  ja,  Yergil  yersuchte  sein  Epos 

mit  eigener  Hand  zu  yerbrennen;  die  Yergilvita  des  Donat  erzâblt: 

egerat  cum  Vario  priusquam  ItaHa  décéder  et  y  ut  si  quid  ipsi  accidisset 

Aeneida  combureret;  ...  m  extrema  valetudine  assidue  scrima  desideravit 

erenuUurus  ipse  .  .  .  ceterum  eidem  Vario  ac  simul  Tuccae  scripta  sua 

sub  ea  condidone  legavit  ne  quid  ederent  quod  non  a  se  editum 

esse  t.     Der  ausdrûcklicbe  Wille   des  Kaisers   war  nothig  um  der 

Znkunft  dies  fur  sie  so   unyergleicblicb   bedeutsame  Werk  durcb 

die  Edition  zu  retten.     Dass  dies  nicbt  erst  spâtere  litterariscbe 

Anekdote  ist,    erweist   der    nacbabmende    Oyid.     Es    macbt   einen 

nabezu  komiscben  Eindruck  zu  sehen,  wie  aucb  Oyid  in  einer  Trauer- 

degie  aus  Tomi  (I,  7)  so  tbut,   als  sei   er   garnicbt  Schuld  daran, 

dass  seine  Metamorpbosen  in  Aller  Hânden   sind;   er  fluukert  sebr 

naiy:   er  babe  nocb  nicbt  die  letzte  Hand  an  das  Werk  gelegt;  ja, 

er  babe  sein  Manuskript,  da  er  in  die  Yerbannung  zog,  yer- 

brannt;    allerdings    sei    das  Werk    Docb    yorbauden;    es   mûssten 

demnacb  wobl,  wie  er  yermutbe,  nocb  andere  Abscbriften  ausser 

seinem  Autograpbmn  existirt  baben: 

Carmina  mutatas  hominum  dicentia  formas 

Infelix  domini  quod  fuga  rupit  opus. 

Haec  ego  discedens  sicut  bene  multa  meorum 

Ipse  mea  posui  maestus  in  igné  manu  .... 

Sic  ego  non  mérites  mecum  peritura  libellos 

Imposai  rapidis  viscera  nostra  rogis:  ... 

Quae  quoniam  non  sunt  penitus  sublata,  sed  extant, 

Pluribus  exemplis  scripta  fuisse  reor. 

Oyid  empfieblt  scbliesslicb  sein  Opus  dem  Publikum,  bei  dem  er  fur 

jene  „anderen  Abscbriften^  wobl  wenig  Glauben  gefunden  baben  wird. 

Uebrigens  gab  es  nocb  eine  angenebme  Auskunft,  um  sicb  zur 


348  —  ^»®  Edition.  — 

Publikation  zu  ermuthigen:  man  wâlzte  die  Yerantwoitung  tod  sich 
ab.  Bevor  Synesios  sein  ^EyxùifAtov  (paXtixQaç  edirt,  ûbermittelt  er 
es  erst  zur  Prufung  an  zwei  Freunde,  Nikander  und  Polyaemenes. 
Auch  Plinius  liess  derartige  Consultadonen  regelmâssig  der  Edition 
Yorangehen,  wie  sein  Neffe  berichtet;  denn  er  hielt  es  for  etwas 
Grosses,  in  die  Hânde  der  Menschen  hinaus  zu  geben,  was  maa  ge- 
schrieben  (Plin.  ep.  Vil  7;  20;  VIII  7;  19).  Es  entspricht  dem, 
wenn  Luxorius  dem  Gutachten  seines  Freondes  Faustus,  anscheinend 
auch  seines  Verlegers,  die  Herausgabe  seiner  Gedichtchen  ûberlâsst 
(oben  S.  118, 1),  es  entspricht  dem  vor  allem  auch  das  berathende 
Verhâltniss,  in  dem  zum  Cicero  sein  Verleger  Atticus  steht  Ber 
erhaltene  ausfuhrliche  Briefwechsel  bringt  ims  in  yielen  Beispielen 
zur  lebendigsten  Anschauung,  welchen  Einfluss  Cicero  dem  Gutachten 
dièses  Freundes  und  Verlegers  tâglich  auf  aile  seine  Arbeiten  ein- 
râumte.  So  heisst  Atticus  der  Aristarch  fur  Cicero^s  Reden  (I  14). 
—  Gelegentlich  ist  es  auch  erst  Sache  des  Bibliopolen,  dem  unhistigen 
Autor  die  Edition  Yorzuschlagen;  so  ûberredet  Tryphon  den  Quintilian. 

Der  Entschluss  zu  ediren  ist  endlich  gefasst.  Echter  Trieb  und 
Beruf  oder  n\ir  modische  Eitelkeit  oder  der  Beifall  eines  Freundes 
hat  ihn  gezeitigt  oder  endlich  das  Z\ireden  des  Verlegers  selbst,  da 
sich  davon  ein  gutes  Geschâft  yerspricht.  Wie  yerhalf  man  dem 
Brouillon  mm  zu  seinem  Wunsche,  aus  dem  bescheidenen  Dunkel 
seines  Fuites  lesbar  fîir  viele  an's  Licht  der  Welt  zu  treten? 

Die  Art,  wie  eine  Edition  vor  sich  geht,  imd  das  Verhâltniss 
zwischen  Autor  und  Verleger  veranschaulicht  der  genannte  Brief- 
wechsel des  Cicero  an  den  Atticus  auf  das  Beste.  Unter  der  grossen 
Sklavenschaft  des  Atticus  befanden  sich  yiele  litterarisch  hochge- 
bildete  Sklaven,  sehr  gute  Vorleser  und  sehr  viele  Buchschreiber, 
librarii^).     Von  den  letzteren  erbittet   sich  Cicero  gelegentlich  leih- 


^)  Wer  eine  romanhafte  Ausschmûckung  dieser  Dinge  lesen  will,  lèse 
A.  Schmidt  Gesch.  der  Denk-  und  Glaubensfreiheit  S.  120  ff.,  wo  gleich  an&ngs 
aus  ^epos  rit.  Att  c.  13  referirt  wird:  Er  besch&ftigte  seine  s&mmtlicheo  (!) 
Sklaven  mit  Schreibereien.  Man  môchte  fragen,  ob  auch  den  ostiarios»  àa 
cubicularii  etc.?  Nepos  sagt  nur:  in  ea  (ne,  familia)  erani  pueri  litteratissitih 
anagnostae  optimi  et  plurimi  librarii  ut  ne  pedisequus  quidem  qmsquam  esiet 
qui  non  utrumque  harum  pulckre  facere  posset;  pa^modo  artifice»  ceteriç^ 


—  Zareden  der  Frennde.  Das  Autographum  geht  an  die  Abschreiber.  —     349 

eise  den  eioen  und  aDderen  aïs  Gehûlfen  fur  die  Ordnung  seîner 
ibliothek  (oben  S.  242);  wir  erhalten  for  sie  grossentheils  griechîsche 
amen  :  Dionysios,  Memophilos  (TV  8  a),  Phamaces,  Antaeus,  Salvius 
on  44).  Eben  dièse  sind  es,  denen  auch  Ciceïo's  Werke  selbst 
ar  Abschrift  ûbermittelt  wurden.  VieUeicht  zum  Unterschied  von 
>lchen  yervielfaltigenden  librarii  hiess  der  Ausfertiger  eines  Akten- 
;ûcke8  fjLOv6yQa(poç^), 

Das  Verfahren  bei  der  Publikation  selbst  ist  nun  sehr  einfach  und 
icbgemâss.  Das  avxôyqaifov  des  Autors  befindet  sich  bald  auf  Mem- 
rane  (ôupd'éQat,  ad  Att.  XTTf  24;  ygl.  oben  S.  57  fif.),  bald  auch  in  Pa- 
yrusrollen').  Dies  ahtôyqafpov  gelangt  nicht  an  die  Oeffent- 
ichkeit,  es  gebort  nicht  mit  zur  Edition.  Nicht  einmal  dem  Autor 
3lbst  dient  es,  falls  auf  Membrane,  als  Handexemplar.  Cicero  bat 
Uerdings  auch  seine  eigenen  librarii  in  Rom,  aber  wenige.  An  sie 
shickt  er  das  Autographum  zuerst  zu  einmaliger  oder  zwei- 
laliger  Abschrift.    Dièse  ersten  Abschriften  dienen  als  Dedikations- 


uAitf  domestUms  d^siderat  adprime  boni.  In  dieser  Weise  ûbertreibend,  au8- 
shmûckend  und  flûcbtig,  ist  die  ganse  Darstellung  bei  Schmidt.  Oleichwohl 
ebûhrt  ibr  das  Lob,  eine  Beibe  von  Fragen  angeregt  zu  baben.  Besser  zu 
ennuen  ist  Fr.  Scbmitz,  De  bibliopolis  Bomanorum,  Saarbrûcken  1857  Progr. 

*)  So  auf  den  griecbiscben  Papjri  (J.  Erall,  Demotiscbe  n.  AsByriscbe 
loDirakte,  Wien  1881  S.  10);  ygl.  fioyoya/noç, 

*)  So  binterliess  Plinius  seinem  Neffén  (ep.  III  5,  17)  die  160  unedirten 
ommentarii  electoram  als  opiêthograpki  libri  und  zwar  minuHmme  scripti; 
er  Neffe  ftgt  binzu  :  qua  ratione  mnltiplicatur  kic  numerus.  D.  b.,  w&re  eine 
idition  gemacbt  mit  einseitig  bescbriebenem  Papier,  so  w&re  eine  andere 
Inebtbeilung  notbwendig  geworden,  und  zwar  b&tten  sicb  just  noob  einmal 
o  TÎely  320  Bûcber,  ergeben.  Hier  sei  an  eine  Scbwierigkeit  erinnert,  fQr 
ie  icb  bisber  vergebens  uacb  einer  Erkl&rung  gesucbt  babe  (ygl.  De  Halieuticis 
'.  162):  Plinius  yerweist  in  seiner  Naturgescbicbte  Tom  Bucb  XIV  (§  121)  auf 
CVI  mit  proximo  dicetur  volumine;  ebenso  weist  er  XXX  12  zurûck  auf 
[XVIII  17  mit  priore  volumine  exposut,  Beidemal  einen  lapsus  memoriae 
nionebmen,  ist  keine  befriedigende  Erkl&rung.  Dièse  Citate  werden  aber  auf 
inmal  begreiflicb,  wenn  wir  fQr  das  nocb  unedirte  Manuskript  der  naturalis 
istoria  des  Plinius  denselben  Zustand  wie  f^r  jene  commentarii  Toraussetzen, 
Mêê  es  n&mlicb  Opistbograpbum  in  nur  18  Bflcbem  war,  die  er  oder  der  Neffe 
ni  bei  der  Edition  zu  36  zerlegte,  obne  aber  jene  beiden  Citate  danacb  ab- 
o&ndem. 


350  —  ^»®  Edition.  — 

exemplar  an  Varro  oder  an  Brutus,  sowie  als  Handexemplar  Cicero's*); 
hiernach  stellt  er  dasselbige  avtoyQtKfOV  auf  Membrane  erst  dem  Yer- 
leger  Atticus  zu'),  und  zwar,  indem  er  seine  Schreîber  ermâchtigt, 
es  den  Schreibem  des  Atticus  auszuhândigen');  doch  ûbersendet  er 
es  gelegentJich  auch  persônlich^). 

Die  Autographa  zu  conserviren,  batte  denmach  gar  keinen  Zweck, 
es  sel  denn  bel  beriibmten  Mânnem  als  eine  yerehrenswûrdige  Reliquie. 
Wenn  Grammatiker  yor  Gellius  Yergil's  îôiiyQaîpov  der  Georgica 
eingesehen  hatten  (GelL  IX  14,  7),  so  spricht  sich  damit  ans,  das» 
sicb  an  Yergil's  Person  fiiihzeitig  ein  ungewohnlicher  Cultus  knûpfte; 
und  in  der  That  erfahren  wir,  dass  seine  Credichte  familienweise  bis 
zu  Hygin's  Zeit  weiter  tradirt  wurden ,  der  sich  auf  einen  Uber  der 
Georgica  berief  qidfuerit  ex  domo  atque  exfcm^ia  VergiU  (Gell.  I  21)'). 


')  Ueber  die  einmalige  Abschrift  dnrch  Cicero's  librarii  TgL  S.  282.  Si» 
icheint  dai  Handexemplar.  Ansserdem  ist  es  nun  aber  Cicero,  nieht  Atticnir 
der  dem  Varro  die  Academica,  dem  Brutus  De  officix»  zascbickt,  TgL  2LIII  22, 3: 
^an  Varro  will  ich  abschicken,  wenn  ich  dioh  gesprochen  habe,  falls  danichu 
einzuwenden  haben  wirst";  alsdann  XIII  23,  2:  „die  Bûcher  an  Varro  hibea 
keine  Zôgerung  erfahren  ;  aie  sind  fertig  {effecH  scheint  richtig  hergestellt),  wie 
da  selbst  gesehen  hast  (u^  vidùH;  inzwisohen  hat  Cicero  also  den  Atticos  ge- 
sprochen und  ihm  die  Bûcher  gezeigt)  :  es  wird  nor  noch  Correktur  gemseht", 
tarUum  librariorum  menda  toUuntur.  Cicero  fûgt  hinzu,  auch  das  Dedikations- 
exemplar  fÙr  Brutus  sei  jetzt  unter  den  H&nden  seiner  Schreiber:  item  ^ttOf 
BnUo  mittimus  in  manibm  habent  librarii. 

^)  Im  folgenden  Brief  ist  Atticus  dies  avrôyQaq^ov  auf  Membrane  selbst 
zugegangen:  XIII  24:  Quid  tibi  ego  de  Varrone  rescribamf  gucMuor  âi<f^éQta 
8unt  in  tua  potestate;  quod  egeris^  id  probabo. 

')  XIII  21,  4:  '  Varroni  quidem  quae  scripsi  te  auctore  ita  propero  mitterti 
ut  iam  Romam  miserim  describenda:  ea  si  voles  statim  habebis;  scripsi  enim 
ad  librarios,  ut  fieret  tuis,  si  tu  velles^  describendi  potestas. 

*)  XVI  3,  1  :  idem  avvrayfAa  misi  ad  te  retractatius^  et  quidem  àç/érviMr 
ipsum  crebris  locis  inculcatam  et  re/ectum;  hune  tu  tralatum  in  macrocolk» 
lege  eqs. 

^)  Wenn  Plinius  XIII  83  als  Beweis  fur  die  DauerhafUgkeit  des  Papjros- 
bûches  sagt:  Tiberi  Gaique  Qracchorum  manus  apud  Pomponium  Secundum," 
vidi  . .  ;  iam  vero  Œceronis  ac  divi  Augusti  Vergilique  saepenumero  videmui, 
80  mdchte  hier,  trotz  des  manus,  weniger  an  Autogramm  als  an  Apogrspbs 
aus  jener  Zeit  gedacht  sein;  anderenfalls  wûrde  dies  nach  Analogie  des  in 
Text  Angef&hrten   zu  beurtheilen  sein. 


—  Aatographa  nicht  conservirt.     Nachtr&gliche  Correkturen.  —     351 

Correkturen,  die  der  Autor  im  letzten  Augenblick  als  nothwendig 
erkennt,  kônnen  noch  wâbrend  der  YervielfaltiguDg  selbst  ausgefulirt 
werden,  doch  ist  es  alsdann  die  hochste  Zeit.  Noch  rechtzeitig 
scheint  Cicero's  Ordre  betreffs  des  Proômium  zu  De  gloria  eingetroffea 
zu  sein  (oben  S.  143),  ebenso  eine  Correktur  in  der  Rede  pro  Ligario, 
die  Atticus  ausfuhren  lassen  soll;  for  die  Tilgung  eines  Namens  „ex 
omnibus  libris^  benôthigen  hier  drei  librarii  (XUI  44).  Dagegen 
entdeckte  Cicero  die  Yerwechselung  des  Aristophanes  mit  dem  Eupolis 
in  seinem  Orator  §  29,  wie  er  glaubte,  zu  spât;  es  waren  schon 
Exemplare  yerkauft;  er  bittet  Atticus,  wenigstens  in  den  Exemplaren, 
die  er  noch  auf  Lager  hat,  die  Aenderung  Yorzunehmen,  womôglich 
aber  seine  Schreiber  zu  gleichem  Zweck  auch  noch  zu  den  Eâufem 
selbst  zu  schicken^).  Der  Schaden  ist  Yon  Atticus  in  der  That 
nachtrâglich  ausgemerzt  worden'). 

In  wie  viel  Exemplaren  erschien  nun  dieser  Orator,  erschien  ûber- 
haupt  jedes  Werk  im  Alterthum?  WoUen  wir  diviniren,  so  wurde 
in  Anbetracht  des  yiel  lesenden  Publikums  jener  Zeiten  die  Zahl  100 
jedenfaUs  noch  yiel  zu  winzig  scheinen;  man  mûsste  sogleich  zu  500 
hinaofgehen  und  wurde  sogar  zu  der  Annahme*)  Zutrauen  fassen 
kônnen,  dass  bei  Werken,  die  auf  Léser  rechnen  durften,  Auflagen 
zu  tausend  Exemplaren  yorkamen.  Uebrigens  brauchte  aber  die  Zahl 
nicht,  wie  heut,  yon  yomherein  bestimmt  zu  werden;  kamen  der 
Eâofer  mehr,  so  konnte  mit  Abschreiben  fortgefahren  werden,  blieben 
ûe  ans,  so  hôrte  man  bei  einem  usuellen  Minimum  auf.  Plinius  ist 
nun  der  einzige,  der  eine  Zahl  giebt,  indem  er  yom  M.  Aquilius 
Regulus  erzâhlt,  er  habe  ein  Buch  ûber  das  Leben  seines  yerstor- 
benen  Sohnes,  der  noch  Knabe  war,   yerfasst,   tausendmal  ab- 


•1  ^ 

^)  XII  6,  8:   mihi  qtddem  gratum  (est)  et  erit  gratiuè  si  non  modo  in 

Ubris  tuis  sed  etiam  in  aliorum  per  librarios  tuos  Aristophanem  reposueris 

pro  Ejupoli, 

^  A.  Schmidt  a.  a.  0. 

*)  Anch  XIII  21,  3  bat  Cicero  in  den  Academica  das  Wort  irûdbere  anf 
des  Atticus  Rath  flUschlich  in  den  Text  genommen;  er  heisst  es  tilgen;  Varro 
hal  indess  sein  Dedikationsexemplar  schon  erhalten  und  muss  es  selbst  tilgen: 
dices  hoc  idem  Vctrrani  nisi  forte  mutavit,  Varro  erh&lt  das  Ëxemplar  laut 
Brief  XIII  35  u.  44.     Ist  Brief  21  nach  dlesen  letzteren  geschrieben? 


352  —  J^>®  Edition.  — 

schreiben  lassen  und  durch  Italien  und  die  Proyinzen  yerschlckt 
(Plin.  ep.  rV  7),  anscheinend  in  Selbstverlag.  Fur  Plinios  ist  dies 
eine  abs\irde  Uebertreibung;  doch  liegt  das  Absurde  wohl  nur  darin, 
dass  Regulus  das  bei  lesenswerthen  Werken  Uebliche  aufjene 
Ausgeburt  seiner  Pietât  und  Eitelkeit  ûbertxug.  Jedenfalls  bezeugen 
uns  Horaz,  Properz,  Ovid,  Martial  an  yielen  Stellen,  dass  das  Ver- 
schicken  einesWerkes  durch  Italien  und  in  die  femsten  Provinzen 
durchaus  dem  Buchhândlerusus  entspricbt;  ein  solcher  Yersand  bis 
nach  Gallien,  Germanien,  Britannien  und  zum  Borysthenes  in  aile 
bedeutenderen  Stadte  war  aber  mit  einer  geringeren  Anzahl  tod 
Exemplaren  als  tausend  gewiss  nicht  zu  realisiren.  Dasselbe  ist 
vielfach  auch  sonst,  so  z.  B.  von  Sulpicius  Severus,  dem  Yielgelesenen, 
mit  Sicberheit  vorauszusetzen  (oben  S.  103).  Fur  die  Yervielfaitiguiig 
des  Tacitus  sorgte  in  spâterer  Zeit  der  Kaiser  gleichen  Namens, 
indem  er  ihn  in  allen  Bibliotheken  anschaffen  liess,  ferner  aber, 
ne  lectorum  incuria  dépérir  et,  îibrum  per  armas  singulos  dedes  serûi 
publicitus  et  in  cunctis  archivis  iussit  et  in  hybUotheds  pont  (Yopisc.  c.  10). 
So  liest  man  hier  seit  Casaubonus  z.  Th.  gegen  die  Handschriften; 
Yom  ûbrigen  Inhalt  ganz  abgeseben,  erweist  sich  allein  schon  der 
Singular  Iibrum  als  sachlich  unmôglich.  Wir  sind  also  leider  niclit 
in  der  Lage,  fur  unsere  Frage  yon  dieser  Tacitusnachricht  Gebnmch 
zu  machen  —  woUen  wir  nicht  etwa  einer  Conjektur  Gehôr  schenken. 
Die  erste  Hand  des  Bambergensis  giebt  :  Ubrum  per  annos  libros  deàet 
scribi  publicitus  in  evicos  archis  iussit  eqs.;  seine  zweite  Hand  hat 
singulos  fur  libros  hergestellt.  Es  ist  klar,  dass  hier  Ubrum  nur 
Genitiv  des  Plural  sein  kônnte;  geht  man  aber  hiervon  aus,  so  steht 
es  wohl  nicht  fem  zu  vermuthen  :  libr{pr)um  per  annos  singulos  deâes 
scribi  publicitus  vicenos  archOs  iussit^),  Hiemach  wurde  dann  jedes 
Tacitusbuch  damais  durch  kaiserlicheYerfugung  alljâhrlich  in  200 Exem- 
plaren aufgelegt  worden  sein,  das  macht  1000  fur  ein  Lustrom^. 
Gewiss   lag  hierin  eine  Uebertreibimg;  doch  sei  hier  neben  Tacitas 


^)  archiis  heisst  dann  „fûr  die  Archire'';  dedes  ^^^  zehn  Schreiberstellen'- 

')  Denn  es  wâre  doch  wohl  nicht  wahrscheinlich ,   200  TaâtQsbQcber  ni 

verstehen,  d.  h.  von  jedem  der  30  Bficher  des  Historikers  nnr  je  6  bis  7  Ab- 

Bchriften  ;    dann   wQrde   man  von  jedem  7 ,  d.  h.  im  Ganzen  genaner  210  er- 

warten. 


—  SUrke  der  AnfUgen.  —  353 

an  ein  anderes  gewiss  sehr  kostspieliges  Werk  yod  zugleich  gelehrtem 
und  unterhaltendem  Charakter  erinnert,  die  15  Bûcher  Imagines  des 
Vairo,  die  ausserdem  in  einer  verkûrzten  Ausgabe  zu  nur  4  Bûchem 
Yorlagen;  sie  waren  noch  in  Plinius^  Zeit  in  aller  Hânden,  und 
wollen  wir  zugleich  ûber  Zweck  und  Verbreitung  des  Werkes  eine 
Vorstellung  gewinnen,  so  yerlohnt  es,  auf  die  merkwûrdigen  Worte 
des  Plinius  zu  achten,  die  ihm  Allgegenwart  nach  Art  der  Gotter 
nisprachen  (XXXV  11):  ^Yarro  litt  nicht,  dass  die  Grestalt  der  be- 
rûhmten  Mânner  untergehe,  noch  dass  das  AJter  Macht  ûber  den 
Menschen  gewinne,  indem  er  in  die  zahlreichen  Rollen  seines  Werks 
siebenhundert  Bildnisse  einfûgte  yon  Mânnem,  die  in  irgend  einer 
Art  sich  ausgezeichnet  haben,  eine  Erfindung,  die  den  Neid  der 
Gôtter  erregen  muss,  da  sie  den  Bildem  nicht  nur  Unsterblichkeit 
Terlieh,  sondem  sie  auch  in  aile  Lânder  ansschickte,  so  dass 
sie  wie  Gôtter  ûberall  anwesend  sein  kônnen.^ 

Die  zu  yerkaufenden  Exemplare  sind  selbstyerstSndlich  Ëigen- 
thum  des  Bibliopolen  ^).  Gleichwohl  scheinen  die  betrâchtlichen  Un- 
kosten  an  Papier  yon  ihm  und  dem  Autor  gemeinsam  getragen 
irorden  zu  sein;  jedenfalls  theilten  sich  Atticus  und  Cicero  hienn*). 
BÎ8  fr&gt  sich  demnach,  ob  der  Autor  nicht  auch  Grewinn  yon  der 
Bidition  hatte.  Dies  ist  zunâchst  fur  Cicero  mit  WahrscheinL'chkeit 
EU  bejahen;  denn  der  Umstand,  dass  Atticus  mit  der  Rede  pro 
^  Ligario  bedeutenden  Absatz  gefunden  hat,  ist  ihm  Motiy,  hinfort 
ille  seine  Schriften  bei  Atticus  zu  yerlegen:  lÀgarianam  praeclaré 
ffendidisti;  posthac  qtiidquid  acripsero,  tibi  praeconium  defertan  (XHL  12), 
ooid  abermals  :  scripta  nostra  nusqitam  malo  esse  quam  apud  te  (XTTT  22). 
Verlust  erleidet  Atticus  mit  den  Academica  priera,  welche  durch  die 
posteriora  ersetzt  und  entwerthet  werden;  yon  den  ersteren  lag 
>fienbar  die  Mehrzahl  der  Exemplare  noch  unyerkauft;  Cicero  trostet: 
fu  Ukan  iacturam  /ères  aequo  animo,  quod  iUa  quae  hàbes  de  Academiciêf 
fhutra  descripta  suiU'y  vnulta  tamen  haec  (nSmlich  posteriora)  enmt 


1)  Vgl.  ad  Attic.  XII  6,  3:  libri  tut;  XIU  13:  illa  quae  hahes  de  Aca- 
demicis, 

*)  Vgl.  oben  S.  284  nmch  ad  Att.  XIII  25, 3:  qu/omam  impensam  fecmui 
(d.  h.  Dothwendig  ego  et  tu)  in  macrocoUa^  facUe  paHor  (d.  h.  nur  ego)  tenerû 
BIrt,  BoehweiexL  28 


îlfS4  —  Dw  Edition.  —  h 

spîendidiora ,  breviora,  tneHora  (XJH  13).  Die  Darstellung  iat 
in  der  zweiten  Fassung  ^glaozender^,  die  Einzelbûcher  sind 
^kûrzer^  und  handlicher^),  darum  ist  das  Ganze  ^besser^  lud 
yerkâuflicher  und  wird  den  Yerlust  wieder  einbringen.  Yon  seinem 
eigenen  Antheil  am  Erfolg  redet  hier  Cicero  nicht;  er  kann  auf  aile 
Fâlle  kein  sehr  bedeutender  gewesen  sein. 

Es  ist  nun  hinreichender  Grand,  yon  Cicero  ans  yreiter  n 
folgem,  dass  die  Autoren  auch  sonst  in  irgend  einer  Form  yon  den 
Biblîopolen  Bezahlung  erhielten;  und  in  der  That  kann  dies  jetzt 
wohl  wenigstens  fur  Martial  als  hinlânglicb  erwiesen  gelten^.  Es 
yerbindet  sich  damit  der  weitere  Fragepunkt  nach  der  Fonn  dieser 
Bezahlung.  Cicero  ist,  wie  wir  sahen,  offenbar  interessirt  an  dem 
starken  Absatz  seiner  Werke;  man  darf  also  wohl  schliessen,  dass 
er  gewisse  Procente  yom  Gewinn  erhielt.  Martial  ist  dagegen 
keinesfalls  in  dieser  Form  bezahlt  worden.  Denn  Martial  gesteht 
X  74,  7  allerdings  zu,  dass  er  ein  praemium  UbeUorum  einnimmt'), 
das  freilich  zu  gering  ist,  um  ihn  glûcklich  zu  machen;  dagegen 
sagt  er  in  Bezug  auf  die  Léser  seiner  Gedichte  auf  das  bestinunteste, 
es  sei  fur  ihn  pekuniâr  einerlei,  ob  er  yon  Yielen  oder  Wenigen  ge- 
lesen  wûrde  (XI  3,  6):  Quid  prodest?  nescit  sacculus  ista  meus.  H&tte 
Martial  so,  wie  wir  fur  Cicero  annahmen,  Procente  yom  Gewinn  er- 


^)  UnmOglich  richtig  ist  dagegen,  was  wir  eu  Anfang  dièses  Briefes  leseo: 
Cicero  habe  die  Academica  aus  eweien  in  yier  Bûcher  ûbertragen  :  die  letiterea 
seien  grôsser  als  die  ersteren,  und  doc  h  sei  vieles  weggefallen:    ex  duohuê 
libris  contali  in  quattuor:  grandiores  mnt  omnino  quam  erarU  illi,  sed  tan^ 
muUa  detracta,     Nicht  die  vier  Einzelbûcher  kônnen  jedes  grôsser  sein  ih 
jedes  der  zwei  Einzelbûcher;  das  liegt  in  der  Sache,  wird  zum  Ueberfluss  darch 
das  angefûhrte  breviora  ausdrûcklich  bezeugt  und  durch  die  erhaltenen  Bflcber 
nicht  widerlegt;   yielmehr  warcn  die  vier  Einzelbûcher  jedes  kl  einer;  Cicero 
konnte  nur  sagen:  das  Werk  als  Gesammtheit  ist  nunmehr  grôsser  gewordeo 
als   Yorher   und   doch   ist   violes   weggefallen   (weil    anderes   an  die  Stella  trat 
oder  die  Ausfiûhrung  splendidior  war).    Es  ergiebt  sich,  dass  Cicero  geschrieben 
haben   muss:    totam  Academiam  ....   ex  duobus   libris   contuli  in   quattuori 
grandior  est  sunt{axis)  omnino  çuam  erant  illi,    sed  tamen  multa  detra^- 
Auch  XIII  16,  1  nennt  Cicero  dasselbe  Werk  'Axaârj/uaïxrf  trvyta^^. 

2)  Vgl.  vorzûglich  Fr.  Schmitz  a.  a.  0.  S.  10—12. 

')  Darum  betrûbt  es  ihn  auch,  wenn  er  l&ngere  Zeit  nichts  produdrt  bat 
XI  25,  obgleich  er  es  vielmehr  als  damnum  fur  das  Publikum  hinitellt. 


—  HoDorar.     Correkturlesen.  —  355 

halten,  so  war  ja  die  grossere  Anzahl  der  Kâufer  fur  seinen  Geld- 
beutel  hochlichst  vortheilhaft.  Darum  wird  ihm  sein  Bibliopole  viel- 
mehr  ein  bestimmtes  Honorar  gezahlt  haben.  In  dem  Ëpigramm 
y  16,  10  beschwert  Martial  sich  daruber,  dass  ihm  keiner  seiner 
Léser  zum  Dank  fur  den  bereiteten  Genuss  ein  Geschenk  mâche, 
wie  es  Yergil  yon  Maecenas  erhieit:  tantum  gratis  pagina  nostra  pkujet; 
auch  dies  bestatigt,  dass  er  weder  direkt  noch  indirekt  den  Buch- 
preis  vom  Léser  bezahlt  erhieit  oder  auch  nur  erwartete. 

Die  wahrscheinlichste  Form  aber,  in  der  nun  dièses  bestimmte 
Honorar  gegeben  wurde,  mochte  die  gewesen  sein,  dass  der  Bibliopole 
dem  Autor  sein  Autographum  abkaufte.  Fur  jeden  neuen  Libell, 
den  Martial  im  Brouillon  fertig  stellte,  konnte  er  alsdann  nach  dem 
meistbietenden  Kâufer  suchen  und  dies  war  dann  etwa  der  Grund, 
weshalb  wir  ihn  mit  den  Bibliopolen  wechseln  sehen.  Uns  sind 
jedenfalls  zwei  Fâlle  bekannt,  in  denen  der  Werth  von  unedirtem 
Manuskript  auf  eine  bestimmte  Geldsumme  vertaxirt  wird;  als  hoch- 
gegriffener  Preis  fur  ein  Einzelbuch  erscheint  dabei  die  énorme  Sunune 
von  ungefiLhr  2500  Sesterz  (543,80  Mark)»). 

Môglich  ist,  wenn  schon  nicht  erweislich,  dass  der  Autor  auch 
Freiexemplare  von  seinem  Yerleger  zu  erhalten  pflegte^). 

War  die  Vervielfaltigung  besorgt,  so  konnte  der  Verkauf  be- 
ginnen.  Allerdings  wurde  zuvor  auch  noch  Correktur  gelesen; 
wir  sahen  (oben  S.  283),  dass  Atticus  keine  Exemplare  von  De  officiis 
abgeben  darf,  welche  noch  àdtOQ&ùûTa  sind.  Wer  die  Correktur  las 
und  Diorthot  war,  bleibt  ungewiss.  Jedenfalls  musste  dies  fur  jedes 
Apographum  besonders  geschehen,  und  es  erhellt,  wie  sehr  das  alte 
Buchwesen  vor  allem  in  diesem  Punkte  vor  dem  modernen  Buch- 
wesen  im  Nachtheil  war.  Martial  corrigirt  nur  ausnahmsweise  ein 
Exemplar  (VII  11  und  17).    Dem  Autor  selbst  war  dies  nicht  zuzu- 


')  PompiliuH  Androniouâ  verkauft  sein  Ânnalenmmnuskript  aus  Noth  nm 
16000  Sesterz  (Suet.  de  gramm.  8).  Pllnius  konnte  seine  gegen  160  com- 
menurii  electorum,  die  unvervielfUtigt  blieben,  fOr  400  000  Sestera  rerkaufen 
(Plin.  ep.  III  5,  17),  also  jedes  Buch  etwa  fQr  2500. 

')  Vgl.  Schmidt  S.  143,  der  als  Indiz  dafûr  geltend  macht,  dass  Martial 
h&ufig  selbst  als  Scbenker  soiner  Gedicbte  erscbeint,  Vil  17  und  ôfter.  Indess 
kann  ein  sicberer  Scblass  hieraus  docb  nicbt  gezogen  werden;  ygl.  Cicero  S.  349 1 

23^ 


356  "^  ^*®  Edition.  — 

muthen.  Daher  sind  denn  die  E^lagen  ûber  libri  mendosi,  wie  bei 
Cicero  ad  Quintum  fr.  III  5-,^80  sehr  hâufig  und  so  ait  (vgl.  oben 
S.  222  die  Elagen  z.  Z.  Zenon's).  Und  die  Schreiber  arbeiteten  zudem 
sehr  rapide;  Martial  giebt,  offenbar  ûbertreibend ,  eine  Stunde  als 
Zeit  an  fur  Herstellung  eines  Bûches  zu  etwa  540  Zeilen*). 

Der  Ladenpreis  der  neuen  Bûcher  scheint  von  den  Buchhândlein 
schon  ziemlich  hoch  angesetzt  worden  zu  sein  ;  ûber  dièse  Bucbpreise 
ist  in  anderem  Zusammenhang  geredet  worden  (S.  83;  209,  2).  Fur  alte 
und  vergrifFene  Werke  wurden  dagegen  die  hôchsten  Summen  ge- 
zahlt  (vgl.  ebenda),  falls  sie  nâmlîch  keine  Wiederauflage 
gefunden  hatten.  Cicero  benutzt  noch  Ëxemplare  aus  der  Original- 
ausgabe  des  Ennius'),  dagegen  ist  Ennius  zu  Gellius^  Zeit  nicht  mehr 
kâuflich  gewesen;  man  lieh  sich  damais  fur  vieles  Geld  eines  seiner 
Bûcher  zum  Nachschlagen  (Gell.  18,  5,  11).  Eine  Schrift  des  Aelius 
Stilo  muss  lange  gesucht  werden,  bis  sich  endlich  ein  Exemplar  im 
templum  Pacis  findet  (Grell.  16,  8,  2).  So  sucht  Hieronymus  ver- 
gebens  nach  Tertullian's  Schrift  De  Aaron  vestilms^),  Bieten  Buch- 
hândler  seiche  Antiquitaten  feil,  so  zieht  der  Elaufer  zur  Prûfiing 
und  Contrôle  den  Kenner  und  Grammaticus  zu  Rathe  (Grell.  V  4)<^ 
So  war  zu  des  GeUius  Zeit  Nigidius  Figilus  schon  Antiquit&t,  Vano 
dagegen  nicht,  und  Gellius  erklârt  dies  ausdrûcklich  daraus,  dass 
eben  nur  Varro  noch  edirt  werde  (m  vulgus  exit^)), 

Weniger   wichtig   fur   uns    sind    die   Buchhândler    selber.    Die 
âlteste  Buchtaberne,  die  fur  Rom  erwâhnt  wird,  ist  wohl  jene,  in 


^)  Martial  II  1,  5:  hœc  una  peragit  librartus  hora  nec  tantum  mgii 
serviet  ille  meis.  Es  ist  unstatthaft  anzunehmeny  dass  Martiales  Bûcher  in 
Notenschrift  geschrieben  seien.  Dies  ist  fflr  ein  Litteraturbuch  weder  denkbtf 
noch  nachweisbar.  Zwei  Stunden  genfigten  jedenfalls,  um  Martiales  zweitM 
Buch  nach  Diktat  zu  schreiben.  Nach  einer  selbst  gemachten  Probe  taxire  ich 
450  Hexameter  auf  zwei  Stunden. 

*)  Cic.  Orator  48  :  ^Burrum"  semper  Ennius  . . .  ipsius  antiqui  déclarant 
libri;  vielleicht  waren  sie  aus  der  Diorthose  des  Lampadis  (Gell.  18,  5,  11). 

')  Ilieron.  Ep.  ad  Fabiolam  de  veste  saoerd.  fin.  :  intérim  usgue  ad  ht»c 
diem  a  me  non  est  repertus. 

*)  Gell.  19,  14,  1  :  Varronis  quidem  monumenta  rerum  ac  discipUnanm 
quœ  per  litteras  condidxt  in  prcpatulo  frequentique  usu  fenmtur^  Nigidiamt 
autem  commentationes  non  proinde  in  volgus  exeunt. 


—  PreiierhOhung  yergriffener  Werke.   Tabernen.   Bibllopolen.  —     357 

welche  Glodius  sich  rettete  (Cic.  Philipp.  Il  9).  Die  Tabernen  wurden 
von  den  Bibliopolen  an  den  frequentirtesten  Plâtzen  aufgeschlagen, 
beim  Janusdurchgang  am  Forum,  beim  templum  Pacîs,  auf  dem 
Argiletum  im  Yicus  Sandalarius  und  den  Sigillaria '),  în  den  eigeut- 
lichen  Geschâftsquartieren  der  Stadt.  An  der  Aussenseite  der  Buden 
wurden  z\ir  Reklame  die  Titel  der  Bûcher  als  Ai&chen  angebracht, 
ja  anscheinend  sogar  Easten  voll  Bûcher  selbst  auf  die  Strasse  ge- 
stellt  (Mart.  1 107;  Horat.  Sat.  I  4,  71;  Ars  poet  373);  wer  dadurch 
angelockt  war  und  kaufen  woUte,  trat  in  den  Laden  selbst  ein. 

Atticus  ist  der  erste  Name  eines  Buchhândlers,  den  wir  fur 
Rom  und  den  wir  ûberhaupt  mit  Sicherheit  nennen  konnen.  Dass 
auch  er  schon  mittelst  tabernarii  seinen  Detailyerkauf  besorgte,  scheint 
nothwendig  anzunehmen.  £r  kann  sein  grossartiges  Geschâfb  in  Rom 
nicht  Yor  dem  Jahre  65  begonnen  haben  (Nepos  Att.  4,  5),  doch  aber 
Tor  59,  in  welchem  Jahr  Cicero  yon  ihm  ein  Buch  des  Serapion 
kauft  gegen  sofortige  Baarzahlung  (ad  Att.  Il  4).  Man  sieht,  der 
Verlag  des  Atticus  beschrânkte  sich  keineswegs  auf  Cicero's  Werke 
allein;  auch  des  Hirtius  Buch  ûber  Cato  soll  Yon  ihm  diyulgirt 
werden  (ad  Att  XII  41  ;  I  45);  eine  Reihe  guter  Ausgaben  griechischer  ^/' 
Glassiker  scheinen  auf  ihn  zurûckzugehen  (S.  284  f.).  £s  wâre  nun 
aber  ein  yerkehrter  Schluss  ex  silentio,  anzunehmen,  dass  Atticus  etwa 
der  einzige  damalige  und  dass  er  der  erste  Bibliopole  in  Rom  war. 
Von  des  Atticus  Thâtigkeit  selbst  wûssten  wir  ja  nichts  ohne  Cicero's 
Brîefe;  da  uns  nun  aus  der  âlteren  Litteratur  Roms  entsprechende 
Denkmâler  priyater  Natur  nicht  Yorliegen,  sondem  nur  ein  Plautus, 
Terenz,  Lukrez  und  Comi£cius,  so  ist  das  silentium  sehr  begreiflich  imd 
berechtigt  zu  keinem  negatiyen  Schluss.  Die  litterarische  Herrschaft 
Alexandria's  in  den  drei  yoraugusteischen  Jahrhunderten  ist  ohne  Buch- 
handel  undenkbar;  nachweisbar  ist  der  Buchhandel  aber  sogar  schon 
f&r  das  Athen  des  Plato  und  Sokrates  (s.  Kap.  IX)  :  es  wâre  sonderbar, 
wenn  die  Nachahmung  desselben  in  Rom  nicht  frûher  als  mit  Atticus 
begonnen  hâtte.  Dass  aber  in  Wirklichkeit  auch  andere  concurrirende 
Bibliopolen  und  Yerleger  neben  ihm  bestanden  haben,  bezeugt  Cicero 


1)  VgL  SchmiU  a.  a.  O.  S.  3,  Schmidt  a.  a.  0.  S.  123.    Becker,  Oalloa  II* 
8.  887.     Von  einem  Laden  bel  der  Curie  bt  abzuiehen  (Tgl.  oben  S.  96). 


358  —  ^»«  Edition.  — 

auf  das  klarste,  wenn  er  sich  entscheîdet,  seine  Werke  hinfort  nur 
mehr  dem  Atticus  in  Verlag  zu  geben  (XIII  12;  22;  vgl.  oben  S.  353) 
und  bestâtigt  Strabo,  welcher  S.  609  ûber  die  Bibliopolen  zu  Rom 
und  zu  Alexandria  in  Tyrannio's  Zeit  Elage  fuhrt,  die  sich  bisweilen 
schlechter  Scbreiber  (yQatfsïç  (fatfJiot)  bedîenten:  Ton  ihnen  stamme 
z.  B.  der  ûble  Zustand  des  Aristotelestextes,  aber  aucb  andere  nach- 
lâssig  gescbriebene  Bûcher,  die  fiir  den  Yerkauf  (stç  ngâc^v)  herge- 
stellt  waren. 

Als  bedeutende  Verleger  und  Verkâufer  zur  Zeit  der  axigusteischen 
Dichter  kennen  wir  die  Sosii  fratres  (Horat.  Epist.  I  20,  2,  Ars  poet 
Y.  345);  Tiyphon  fallt  in  die  Zeit  Domitian^s,  gleichfalls  ein  Mami 
Ton  Bedeutung;  er  edirte  das  erhaltene  grosse  Werk  QuintUian^ 
dessen  Einleitungsbrief  eben  den  Tryphon  als  den  moralischen  Ur- 
heber  des  Werks  anredet.  Bei  demselben  Tryphon  war  auch  Martial 
zu  haben  (4,  72)  und  zwar  erscheint  er  als  Martiales  Verleger  we- 
nigstens  fur  die  Xenien  (13,  3);  ûbrigens  lag  dieser  Dichter  in  ver- 
schiedenen  Tabemen  Roms  zum  Yerkauf  aus;  sein  erstes  Buch  ist 
zu  haben  beim  Atrectus  (I  117)  und  Secundus  (I  2),  sowie  auch 
beim  Q.  Polius  Valerianus,  der  der  eigentliche  Verleger  dièses  Bûches 
scheint^).  Athenaeos  (S.  673  ^  findet  eine  Abhandlung  des  H©- 
phaestion  bei  einem  gewissen  Demetrius  Anticottyras  (antiquarnuTj. 
Merkwiirdiger  ist  jener  Dorus  librarius,  der,  anscheinend  Zeitgencsse 
Seneca's,  den  Livius  und  Cicero  verkauft,  und  dabei  als  Kâufer  der 
Ciceroschriften  bezeicbnet  wird  *).  Vicier  Bibliopolen  Namen  werden 
uns  verschwiegen;  es  gab  eben  nicht  wenige  ungebildete  Buchkrâmer 
unter  ibnen  (oben  S.  81  f.)  und  der  Stand  galt  im  Grossen  und  Ganîen 
betrachtet  als  verâchtlicb.  Inscbriftlich  lernen  wir  kennen  einen 
M,  Ulpius  Aug,  lih.  Dionysius  hïbliopola^).    Aus  spâter  Zeit  lâsst  sich 


*)  1  103,  6:  per  quem  perire  non  licet  meis  nugis. 

^)  Seneca  De  bencf.  VII  6,  1:  alter  rei  dominus  est,  alter  usus.  Ubros 
dicimus  esse  Ciceronis;  eosdem  Dorus  librarius  siios  vocat'^  et  utrumque  verum 
est:  alter  illos  tamquam  auctor  sibi^  alter  tamquam  etnptor  adserit  .  .  .  «c 
potest  T,  Livius  a  Doro  accipere  aut  emere  Ubros  suos.  Es  scheint,  Dorus  hat 
den  Erben  des  Atticus  und  des  Cicero  das  Verlagsrecht  und  die  restirenden 
Exemplare  abgekauft. 

^)  Fabretti  X  386.  Ungewiss  ist,  ob  Tettienus  Félix  scriba  librarias 
(Oruter  S.  94)  Buchh&ndler  war. 


—  Bibliopolen.  —  359 

jener  bibUàpôîa  hinzufugen,  der  in  Rom  die  von  Boetius  ûbersetzten 

Schriften  des  Aristoteles  vertrieb  (Antbol.  lat.  Ries.  764): 

Quas  ab  Âthenaeis  rapuit  bîbliopola  gazis 
Ne  Romana  famés  epulas  nesciret  Âchiras. 

Ob  auch  jener  Ilocfstâœv  %ov  Bltœvoç  ans  Herculaneum  zu  diesen 
Uânnem  gestellt  werden  muss,  wage  ich  nicht  zu  beurtbeilen  ^). 

Dièse  vielen  Buchbândler  nun,  Ton  Stand  meist  Libérien,  er- 
warben  sich,  wie  wir  uns  denken  dûrfen,  als  gewandte  Geschafts- 
ieute  gewiss  oft  genug  ein  bedeutendes  Yermogen:  von  wie  yielen 
Artikeln  mocbte  nicbt  das  praeclare  venum  ire  der  Ciceroreden  gelten! 
£fic  dabit  aéra  liber  SosOs,  ist  die  vielleicbt  nicbt  gerade  sebr  be- 
^Qckende  Ueberzeugung  der  guten  Autoren,  deren  Werke  zogen. 
Weiter  scbeinen  dièse  Gescbâftsleute  in  ibrem  Yerbâltniss  unter 
minauder  notbwendig  als  Concurrenten  gedacbt  werden  zu  mûssen. 
Welcbe  Sicberung  der  eine  vor  dem  anderen  fur  seine  Verlagsartikel 
:>e8as8,  ist  dabei  vollstândig  unklar.  Die  Gefabr  des  Nacbdrucks, 
lem  die  Pressgesetze  der  Gegenwart  steuem,  der  aber  nocb  blûhte 
Lin  Zeitalter  unserer  deutscben  Classiker,  war  in  den  alten  Buch- 
rerhâltnissen  ganz  die  nâmlicbe.  Scbâdigten  scbon  Privatabscbriften 
den  Yerleger  (oben  S.  281  £f.),  so  war  dies  gegen  die  Beeintrâchtigung 
gering,  die  ibm  seine  Berufsgenossen  durcb  Massencopie  bereiten 
konnten.  Wir  baben  keine  Andeutung  bei  dem  Hauptzeugen  Martial 
weder  dafur,  dass  ein  Eigentbumsansprucb  des  Yerlegers,  wie  der 
des  Tryphon  auf  den  Quintilian,  rechtlicb  gescbûtzt  war,  noch  aber 
sacb  dafur,  dass  Bibliopolen  etwa  ûber  Beeintrâchtigung  durcb  solche 
Massencopie  Elagen  fûbrten.  Es  diîrfte  zur  Erklârung  hiervon') 
yieUeicht  angenommen  werden,  dass  eine  Buchbândlerconyention, 
eine  Art  collegium  librariorum,  in  Rom  bestand,  in  welchem  eine 
Contrôle  gefûbrt  und  ûber  neue  Artikel  Yerabredimgen  getroffen 
wurden.    Jedenfalls  muss,  wenn  Martial  in  seinem  ersten  Buch  seinen 


^)  VgL  oben  S.  281.  Dafîlr,  dass  der  Besitser  dieser  Bibliothek  bueh- 
h&ndlerische  Zwecke  Terfolgte,  liesse  sich  etwa  anfUhren,  dass  mehrere  Rollen 
in  Duplikaten,  ja,  dreifach  gefunden  sind  (vgL  Gomperiz,  HercoL  Stad.  I 
Vonrort;  Sitsungsber.  d.  Wiener  Ak.  83  S.  88). 

')  Die  £rOrterang  Schmidt's  S.  127  ff.  giebt  keine  Erkl&ning  f&r  diesen 
Fragepunkt. 


360  —  ^»®  Edition.  — 

Eâufer  an  drei  yerschiedene  Handlungen,  sowold  an  den  AtrectoB 
wie  an  den  Secundus  wie  an  den  Yalerianus  yerweist,  jede  dieser 
Handlungen  recbtmâssig  im  Besitz  der  Ezemplare  sein,  die  sie 
yerkauft;  entweder  nur  Einer,  Yalerianus,  war  der  Yervielfaltiger  und 
gab  das  Buch  nach  Yereinbarung  an  Sortimentshandlungen  ab,  oder 
die  Yeryielfâltigung  war  von  den  dreien  auf  gemeinsazne  Eosten 
ausgefubrt  worden.  Durcbaus  ungewiss  ist,  ob  eine  Notiz  ûber  die 
Mstoria  eines  Hermogenes  yon  Tarsos  dabin  yerstanden  werden  kann, 
dass  mebrere  librarii  sie  edirt  batten^). 

Fur  den  Absatz  der  Unterbaltungslektûre  fand  sich  gewiss  ein 
ûberaus  grosses  Publikum,  ebenso  gewiss  fur  solcbe  Werke,  die  ihe- 
toriscben  Zwecken  dienten.  Aber  aucb  fur  die  scbwereren,  aoch 
fur  die  wissenscbaftlicben  Werke  wîrd  die  Zabi  der  Abnebmer  ge- 
wiss nicbt  yerâcbtlicb  gewesen  sein.  Als  Eaufer  kommen  an  enter 
Stelle  die  ôffentlicben  Bibliotbeken  in  Betracht,  deren  in  Bom  allem 
seit  Augustus  bis  Hadrian  neunundzwanzig  eingericbtet  waiden. 
Dieselbe  Institution  besassen  aber  aucb  die  kleineren  Stâdte,  wie 
Tibur,  in  HercuUs  templo  scOis  commode  mstructa  Ubris  (GreU.  19, 5,4; 
9,  14,  3)  wo  wir  einen  Aristoteles,  aber  aucb  einen  Claudius  Qaadii- 
garius  yorfinden.  Der  Stadt  Comum  sebenkt  Plinius  eine  Bibliothek 
(Epist.  I  8,  2).  Atben  batte  eine  solcbe  im  Gymnasium  des  Ptole- 
maeos;  ausserdem  baute  Hadrian  Stoen  in  dieser  Stadt  und  fogte 
eine  Bibliotbek  hinzu  ').    Smjma's  Bibliotbek  erwâbnt  Strabo  (S.  646). 

Aber  aucb  unter  den  Priyaten  gab  es  reicbe  Mânner  genug,  die 
es  sicb  zur  Pflicbt  machten,  gelebrte  Werke  zu  kaufen,  oft  aus 
Interesse,  oft  nur  aus  bomirter  Eitelkeit  und  obne  jedes  SachTer- 
standniss.     Die  Figur  des    ungebildeten  Bibliomanen  batte  Lukian 


^)  Sueton  Domitian.  c.  10  erz&hit:  Hermogenem  Tarsensem  (ocddU)  projpter 
quasdam  in  historia  figurns^  libraris  etiam  qui  eam  descripserant  cnci 
fixis»  Der  Verleger  tr&gt  die  Verantwortung  und  wird  gestrafi;  liess  non 
Domitian  dessen  Sklavenschaft  sugleich  mit  ihm  krensigen,  die  etwa  kan- 
dert  Sklaren,  deren  er  sich  bedient  batte?  Vielleicbt  ist  die  im  Text  rer- 
sucbte  Erklftrung  vorsusieben.  Docb  ist  immer  offen  su  balten,  dass  die  librarii 
aucb  die  Sklaven  des  Autors  selbst  sein  konnten,  falls  dieaer  das  Werk  im 
Selbstverlag  edirte. 

')  Bursian,  Geograpbie  Griecbenlands,  S.  290  u.  291  f. 


—  Baehk&afer.     Oeffentliche  und  private  Bibliotheken.  —  361 

nieht  so,  wie  er  es  gethan,  zum  Typus  erheben  kônnen,  wâren  der 
Beispiele  dafur  nicht  viele  gewesen.  Auch  stimmt  mît  ihm  Seneca 
▼oUkommen  ûberein  (dial.  IX  9,  4  f.):  er  redet  Ton  unzâhligen 
Bûchem  und  Bûchersammlungen  in  Privatbesîtz  ;  der  Besitzer  bat  in 
seinem  ganzen  Leben  kaum  das  Titelverzeichniss  ganz  durcbgelesen  (4). 
Man  findet  Haufen  yon  Reden  und  Yon  Gescbichts bûchem  (wobl 
besonders  den  grossen  Livius),  die  die  Wânde  bis  oben  fullen;  sogar 
in  den  Bâdem  und  Thermen  wird  eine  Bibliothek  angebracbt  (7). 
Ausserdem  benôthigten  aber  auch  die  Landbâuser  einer  solcben  (Cic. 
de  fin.^  7);  keine  der  Villen  des  Italiens  entbehrte  ihrer  (Plin. 
ep.  m  7);  Trimalchio  besitzt  deren  drei  (Petron  48,  4).  Eine  bei 
Bom  gefundene  Herme  trâgt  ein  Epigramm,  welcbes  yon  §v§Xok  im 
Hflin  der  Musen  redet  und  gewiss  in  einen  solchen  lândlichen  Lèse- 
Bial  einzufûbren  bestimmt  war^).  Als  Bibliophilen  in  scboner  Weise 
itanden  Mânner  da  wie  Pomponius  Secundus  oder  Plinius  der  altère. 
Beim  Suidas  wird  Hilarius  yon  Antioebia  als  fiifiXlœv  navxoôan&v 
ëVfwoQoiraTOç  besonders  bezeichnet.  Aucb  Plutarcb  besass  eine  er- 
lesene  Hausbibliotbek  (Sympos.  V  2,  8)  ;  eine  grôssere  (ôffentlicbe) 
Bibliothek  fehlte  dagegen  in  Chaeronea  (Plut.  Demosth.  2;  nsQÏ  toi 
S,  1).  Wer  dagegen  yerarmt  ist,  wie  jene  Bûcherfreunde  beim 
PaUadas  (Anth.  Pal.  IX  171  und  175),  yerkauft  dièse  seine  Sch&tze, 
darunter  einen  Pindar  und  Kallimachos. 

WoDen  wir  endlich  Zahlen  nennen,  so  hinterliess  Persius,  ob- 
achon  noch  jung,  700  Bûcher  (Sueton  S.  74  Reiff.);  ein  Grammatiker 
\ne  Epaphroditos  besass  dagegen  deren  30  000  (Suid.  s.  n.),  Serenus 
Sammonicus  gegen  62  000  (Capitol.  Gord.  18,  2). 

Andererseits  fasste  die  Bibliothek  eines  Unyermogenden  wie 
Martial  nicht  J120  Rollen  (Martial  14,  190). 

Wer  sich  an  diesen  Beispielen  mm  den  Buchbedarf  der  da- 
maligen  gebildeten  Gesellschaft  zu  yergegenwârtigen  sucht,  dem  belebt 
sich  nothwendig  das  Getriebe  des  antiken  Buchmarkts  imd  der 
Bttchbereitung  in's  Wunderbare.  Die  Papierfabriken  Aegyptens  werfen 
monatlich,  wôchentlich  Tausende  fertiger  Rollen  in^s  Ausland,  ins- 
besondere  nach  Rom.     Die  Bibliopolen  kaufen  sie  per  Ladung  und 


1)  C.  J.  G.  6186.    Kaibel  epigr.  gr.  N.  829. 


362  —  ï^»®  Edition.  — 

lagem  aie  in  Speichem.     Die  Werkstâtten  der  Vervielfaltigung  ver- 
sammeln  grosse   Sklayenschaaren ,  iind    aile    geûbten  Hânde  folga 
gemeinsam  dem   gescbwînden  Diktat,    in   welcbem    ein   Autor  den 
andern  ablost.    Andere  lesen  Correktur,  die  Glutinatoren  sorgen  fôr 
Ëinband  und  Titel.     In  der  Tabeme  aber  liegt  das  fertige  Buch  neu 
und  den  Neugierigen  lockend,   und  es  findet   sicb    bier   lèse-  und 
plauderlustig  die  scbôngeistige  Welt,  mit  Litteraten,  Gelebrten  und 
Bucbkennem   die   blasirten  Mûssiggânger   des   Higblife.    Entbusiaa- 
mus  fubrt  bierher  oder  Neugierde   oder  blosser  Sport.    Hier  wird 
ein  Yergilbucb  fur  den  Scbulbedarf  um  ein  Paar  Pfennige  erhandelt^ 
dort  die  neueste  der  Novitâten  angelesen,  gekauft  oder  weggeworfen 
(Ubrum,  si  malus  est,  nequeo  laudare  et  poscere,  Juvenal  III  41),  hier 
Unsummen  verscbleudert  fur  die  vorgeblicbe  Originalrolle  eines  Cato, 
Lucilius,  Demostbenes  oder  Tbukydides  (Lukian  58,  4),   dort  eine 
Massenbestellung  gemacbt  von  Biicbem  zur  Dekoration  der  neuen 
Yilla.     Grosse  Massen   aucb    giebt   das    romiscbe    Gescbaft  an  die 
kleinen  Stadte  und  an  die  Provinzen  in  Yersand   und  yersorgt  die 
Bucbtabernen  Brundisium's ')  oder  Lyon's*),  Vienne's*)  und  wie  die 
Orte   sonst  biessen,   regelmâssig   nacb   Bedarf;    yor  allen  von  den 
Bûcbern,  die  in  der  Hauptstadt  aus  der  Mode  waren,  wanderten  die 
ùberschûssigen  Exemplare  in  die  Provinzen*). 

So  knûpfte  sicb  rege  Geschâftigkeit  und  ein  gewaltiger  Geld- 
umsatz  damais,  wie  beut,  aucb  an  die  geistigsten  Produkte  des 
Volkslebens. 

Um  durcb  das  Cbaos  der  Rollen  imd  Titel  den  bildungsbedùrf- 
tigen  Kauflustigen  bindurcbzubelfen ,  verfasste  in  Hadrianiscber  Zeit 
Herennius  Pbilon  aus  Byblos  seinen  Fùbrer  durcb  den  Bùcbermarkt 
nsQÏ  xT^cfeœç  xai  ixXoy^ç  fiifikioiVj  der  zwôlf  Biicber  fullte,  scbrieb 
in  Concurrenz  damit  etwa  zur  nâmlicben  Zeit  aucb  Telepbos  Ton 
Pergamum  fiifiX^axl^ç  ifjbTKiçUxç  fiifiUa  y ,  iv  oîç  âiôâ(fx€t  %à 
XTfiasdùç  a^ia  fitfiUa  (Suid.  s.  n.).  Aber  scbon  vor  diesen  Minnem 
batte  sicb  Artemon  von  Kasandria  mit  zwei  âbnlicben  Werken  nùtz- 

*)  Gell.  9,  4,  1  :  fasces  Itbrorum  venalium  exposUos  mdmus  au  Brnndi!«iam. 

«)  Plin.  Ep.  9,  11. 

3)  Martial  7,  88. 

^)  Horat.  Ep.  20,  13:  AtU  fugies  Uticam  aut  vinctus  mitteris  Ilerdam, 


Ausdehnang  des  Buchhandels.  BOmisches  Buchwesen  minder  entwickelt.     363 

ich  gemacht,  die  sîch  ergânzten,  ûber  die  Anschaffung  und  ûber  die 
)enutzuDg  von  Bûchem,  nsgl  cfvvayœyl^ç  PifiUùdVj  tkqï  §i^U(ûv 
'jffticeùoç  (Athen.  S.  515  u.  694). 

Wer  studiren  wollte,  aber  die  Mittel  nicht  besass,  die  gelehrten 
^erke  der  Vorzeit  sich  zu  verschaffen,  befand  sich  allerdings  in 
chwieriger  Lage.  Als  Leihinstitute  mochten  die  ofFentlichen  Biblio- 
heken  zumal  ausserhalb  Rom's  nicbt  ausreichen.  Es  ist  natûrlich, 
lass  Commentare  wie  des  Didymos,  Lexika  wie  des  Pampbilos  in 
Lemselben  Grade  theurer  waren,  als  sich  fur  dieselben  der  Kreis  der 
Quifer  verengte.  Dass  der  Reiche  den  Armen  beim  Buchkauf  ûber- 
âetet,  sehen  wir  bei  Lukian  LVECT  4.     Fur  den  armen  Philologen, 

L 

&r  den  néyfjç  Tunatdsvfiéyoç  Lukian's,  verfasste  darum  zur  selben 
îadrianischen  Zeit  Diogenian  seine  TiSQ^egyoTiévijTeç  y  ein  Werk, 
lessen  glûcklicber  Besitzer  jedes  anderen  grammatischen  Hûlfsmittels 
ioUte  entbehren  konnen. 

Aile  dièse  Beispiele  sind  nur  der  Kaiserzeit  entlebnt,  in  der 
las  Buchwesen  ohne  Frage  erst  zu  seiner  hôchsten  Entwickelung 
fl;elangte.  Aber  scbon  ein  LucuUus  (Plutarch  Luc.  42),  schon  ein 
àemilius  Paulus  (Isidor  aus  Sueton  S.  130  Rei£f.)  batten  mit  der 
Pontischen,  mit  der  Macedoniscben  Beute  grosse  Biîchermassen  mit 
DAch  Rom  gebracht.  Aemilius  Paulus  erscheint  in  dem  Ueberblick 
Iber  die  rômischen  Bibliotbeken  beim  Isidor  als  erster  Name.  In 
i>eiden  genannten  Fâilen  ist  nun  lediglich  an  griechische  Werke 
m  denken.  Lucull  vermebrte  die  Beute  noch  durch  Ankâufe  in 
ithen,  wobei  er  auf  Yorzilglichkeit  der  Exemplare  sah  (ysyça/Afiéva 
talSç).  Es  bedeutete  etwas,  dass  die  erste  ôffentliche  Bibliothek, 
lie  dem  Pollio  verdankt  wurde,  neben  den  griechischen  auch  rômische 
PT'erke  aufwies  (graecas  simul  atque  latmas),  Das  rômische  Buch- 
wesen  batte  mit  Ennius'  und  Accius*  und  Lucilius'  litterariscber  Tha- 
igkeit  und  den  Arbeiten  jener  Recensoren,  die  von  Krates  yon  Mallos 
iogeregt  wurden  (Sueton  S.  100  f.),  nur  Ansâtze  gemacht,  aus  denen 
»  sich  erst  entwickeln  musste.  Zur  Zeit  Cicero^s,  der  den  regsten 
Bifer  hat,  seine  Bûcherschâtze  zu  yermehren,  konnte  man  griechische 
ichriften  immer  haben,  lateinische  waren  rar  und  ofb  gar  nicht  auf- 
ratreiben.  So  erkiârt  sich,  dass  Cicero  schreibt  an  Quintus  ÇH  4): 
«Du  willst  deine  griechische  Bibliothek  erweitem,  willst  Exemplare 


364  —  ^î®  Edition.  — 

luntauscben ,  willst  lateiniscbe  hinzu  anschaffen;  daTon  Ter- 
spreche  ich  mir  selbst  Vortheil;  indess  nur  ein  geschâftseifEdirener 
Mann  kann  dièse  An8cha£Pangen  besorgen  :  denn  das,  woran  mir  ge- 
legen  ist,  liegt  nicbt  im  Eaufladen  aus^).^  Wenn  dem  Cicero  eme 
Bibliothek  zum  Gescbenk  gemacbt  wird  (ad  Att.  U  1  fin.),  so  ist  ihm 
der  imbescbâdigende  Transport  der  lateiniscben  Rollen  wicbtiger  ab 
der  griecbiscben.  Und  wenn  nocb  der  arme  Cordus  beim  Javensl 
(m  206)  nnr  wenige  und  nur  griecbiscbe  Bûcber  bat,  so  scheint 
nicbt  nur  ibre  geringe  Anzabl  bier  als  ein  Zeicben  der  Armuth  ni 
gelten.  Besonders  auffallend  aber  ist,  was  Sueton  ûber  die  Resti- 
tution der  ôffentlicben  Bibliotbéken  durcb  Domitian,  die  durch  den 
Neroniscben  Brand  vernicbtet  waren,  bericbtet:  er  babe  von  ailes 
Seiten  Exemplare  bescbafit  und  dieselben  dann  nacb  Alexandria  ge- 
scbickt,  woselbst  danacb  Abscbriften  angefertigt  und  emendirt  wurden 
(Suet.  Domit.  20).  Warum  wurden  die  Abscbriften  nicbt  in  Rom 
gemacbt?  Es  scbeint,  dass  es  fur  die  Unzabl  yen  Apograpba,  die 
bier  auf  einmal  bergesteilt  werden  soUten,  in  Rom  nicbt  genng 
griecbiscb  redender  Sklaven  gab.  An  lateiniscbe  Werke  wird  hier 
aber  augenscbeinlicb  gamicbt  gedacbt. 

Das  80  fertiggesteUte  und  in  Bibliotbéken  gesammelte  Litterator- 
bucb  war  leicbt  zerstôrbar.  Es  konnte  sicb  mit  den  pergamentnen 
pugillares  an  Dauerbaftigkcit  nicbt  entfemt  messen,  und  auch  das 
minder  solide  moderne  Papierbucb  wûrde  ibm  obne  Frage  in  diesem 
Punkt  voranstehen.  Nicbt  nur  Brandscbaden  war  es,  der,  wie  in 
dem  zuletzt  angefubrten  Beispiel,  Emeuerung  der  Werke  nôthig 
macbte.  Der  vomebmste  Feind  der  Cbarta  war  wobl  der  Léser  selbst; 
das  yiele  Anfassen  bei  hâuûger  Benutzung  musste  den  aus  dûrren 
Pflanzenfasem  zusammengeklebten  Sto£f  in  bobem  Grade  scbâdigen; 
mebr  nocb  das  yiele  Auf-  und  Zurollen;  Zerfaserung  war  die  grossie 
Gefabr;   war  aucb  nur  erst  eine  Faser  ausgerissen,  so   drohte  ein 


^)  neque  enim  venalia  sunt  quae  qtUdem  placeant^  et  cor^ici  mn  fff 
hominem  et  peritum  et  diligeniem  non  possunt.  Hier  wird  ab  zweite  Mdglich- 
keit  die  Privatabschrift  berûcksichtigt.  Daselbst  III  6,  6  beklag^  sich  Ciœro 
nicbt  Qber  die  Scblechtigkeit  der  griechiscben ,  sondera  nor  der  Uteinisckea 
Bûcber  :  De  latinis  vero  quo  me  vertam  nescio ,  tam  mendose  et  icribunhff  et 
veneunt. 


—  Geringe  Dauerhaftîgkeit  der  Papyrusrolle.  —  365 

;anze8  Blatt  zu  zerfallen.  Dem  vorzubeugen,  wurden  Rauheiten  und 
]>erliâDgende  Faserendchen  am  Buchschnitt  (frons)  stets  sorgfaltig 
littelst  Scheere  und  Bimstein  {pumex)  weggenommen  und  ge- 
l&ttet^);  ûbrigens  half  man  dem  eîngetretenen  Schaden  durch  Flicken 
b,  die  man  ûberklebte').  Die  erbaltenen  Papyri  geben  ims  hiervon 
sbendige  Anschauung^).  Ein  zweiter  Feind  des  Papyrusbucbes  war 
odann  die  zebrende  Feucbtigkeit  der  Lufb;  in  den  Lândem  feucb- 
Bren  Elima^s  nordlicb  der  Alpen  wâre  es  darum  gamicbt  zu  Ter- 
renden  gewesen*).  Es  Terfiel  sehr  leicbt  der  Faubiiss  (caries)^ 
forâber  wir  so  bâufige  Elagen  Temebmen,  und  eben  dièse  Fâulniss 
it  gemeint,  wenn  man  von  der  chartae  senecius  redete  (vgl.  Sym- 
Dftcbus  oben  S.  101)*).  Der  vielgefûrcbtete  Bûcberwurm,  Motten 
md  Schaben  balfen  weiter  das  Zerstôrungswerk  vollenden;  quam 
ïïuki  tmeas  pascunt  bkutasç^  diserti  ruft  Martial;  scbon  Aristoteles 
kber  kennt  diesen  Bûcberwurm  und  classificirt  ibn  besonders  als 
li  iv  TOÏç  fiifiUoêç  yevôfiêyov  (fxoQTuœdeç  i»*).  Endlicb  werden 
tns  aucb  die  zemagenden  Mâuse  nicbt  yergessen  (Antb.  Pal.  YI  303). 
7m  80  Motten  als  Feucbtigkeit  nach  Moglicbkeit  abzuwebren,  be- 
•trich  man  das  neue  Bucb  bei  seinem  Erscbeinen  mit  Cedrusôl^; 
irahrsebeinlicb  wurde  dies  aucb  spâter  nocb  wiederbolt^);  ausserdem 

1)  Vgl.  ».B.  Ovid  Triât  UI  1, 13;  Mart  I  67;  ll6;  VIII  72;  Catull  22,8;*  ' 
Rbull  III  l,  )£f.    Isidor  sagt  Orig.  VI  12:  circumcidi  Ubros  SicUiae  primum 
mareèruity  nom  initio  pwnicabantur. 

*)  So  Terstehe  ich  am  liebsten  Lukian  ngoç  tov  ànaid.  7:  àviliTtitç  àii 
itd  âêoxoXiÇç  xai  niQ*x6nTHç. 

*)  Zerfasening  sehen  wir  unendlich  h&ufig;  aufgeklebte  Flicken  s.  oben 
L  261. 

*)  In  Sicilien  gefertig^te  Charta,  Tom  Herrn  Prof.  Zinke  hierselbst  nach 
)eiit8chland  gebracht  nnd  im  Schrank  aufbewahrt,  wurde  in  wenigen  Jahren 
cnuu  nnd  nneben  und  Tenog  sich  so,  dass  sie  sum  Scbreiben  Tollst&ndig  nntaug- 
ioh  wurde,  die  Schrift  oder  Zeichnung,  die  aie  trug,  erblasste  bis  sur  Un- 
[flnntlichkeit. 

*)  Martial  verbindet  so  VI  49  caries  Umgae  senectae;  ebenso  XIII  29. 

•)  Arist.  S.  632  ^  20;  567  B  9. 

')  VitruT  II  9,  13  :  ex  cedro  oleum  . . .  nascitur  quo  reliquae  res  unctae 
Ui  Ubri  a  Hneis  et  a  carie  non  laeduntur;  Tgl.  Lukian  a.  a.  0.;  Martial  III  2; 
>fid  Triai.  I  l,  7. 

*)  Der  Bibliomane  bei  Lukian  a.  a.  O.  fflhrt  jedenfalls  in  seiner  Samm- 
ttng  fertiger  Bûcher  das  àlêi<f>ëty  tf  xçôxip  xai  jp  Tcidç^  aus. 


366  —  ^ie  Edition.  — 

aber  war  es  dringend  nothig,  wie  Seneca  hervorhebt,  die  Bâcher 
nicht  lange  unaufgerollt  liegen  zu  lassen:  anderenfalls  klebten  sie 
zusammen;  man  musste  sie  periodisch  ôffben  und  ansschûtten:  rà» 
cohaerent;  subinde  excuH  debent^). 

So  erklârt  sicb  denn,  dass  die  Rollenbûcber  der  Alten  ûberhaapt 
nur  ein  sebr  geringes  Alter  zu  erreicben  pflegten,  und  dass,  Ton 
unserer  Gewobnheit  aus  beurtbeilt,  unyerballiiissmâssig  oft  ihre  & 
neuerung  nôtbig  wurde.  Wir  haben  ein  ûberraschendes  aber  ujout- 
tastbares  und  hochwichtiges  Zeugniss  ûber  das  Alter,  das  ein  Baeh 
erreicben  kônne,  in  den  Worten  des  Plinius  (oben  S.  247):  ita  pat 
longinqua  monimenta;  Tiberi  Gcàque  Gracchomm  manm  apud  Ptm- 
ponium  Secundum  vatem  cwemque  clarissimum  vidi  armoê  /en  post 
ducentos;  iam  vero  Ciceroms  ac  divi  Augusti  VergiUque  êaepemtmm 
videmus,  Also  die  Bûcber  erreicbten  sebr  gut  ein  Alter  von  hnndert 
Jabren;  Bûcber  von  zweibundert  Jabren  dagegen  waren  fôr 
Plinius  scbon  etwas  Ausserordentlicbes,  zâblten  zu  den  Mirabilien  ma 
kônnen  also  in  den  Bûcbersamndungen  nur  selten  vorgekommen  sein. 

Hierdurcb  wird  begreiflicb,  dass  sicb  uns  Ton  den  vielenBacii- 
roUen,  die  nacbweislicb  nocb  im  vierten  Jabrbundert  bestanden,  to 
gamicbts  erbalten  bat.  Zugleicb  wolle  man  aber  biemacb  ennessen, 
wie  viele  Wiederabscbrifben  oder  Neuauflagen  im  Laufe  des  Alte^ 
thums  wobl  ausgefiïbrt  worden  sein  mûssen,  damit  sicb  der  Text 
eines  Aescbylos  oder  Demosthenes  oder  Terenz  oder  nur  eines  Cicero 
bis  in  das  Zeitalter  der  Codices  retten  konnte. 

So  viel  von  den  Betriebsformen  des  classiscben  Bucbwesens, 
Sie  anticipiren  das  moderne  in  vielen  Punkten  vollkonmien.  Dem 
Autor  war  vor  allen  Diugen  aucb  damais  scbon  .eine  Wirkung  in 
die  weitestenKreise  ermôglicbt,  er  konnte  das  Bewusstsein  tragen, 
fur  die  Welt  geschrieben,  Weltlitteratur  gemacbt  zu  baben.  Wenn 
auffallender  Weise  Firmicus  Maternus  im  vierten  Jabrbundert  die 
acbt  Biicher  seiner  astrologischen  Matbesis  ^edirt^,  aber  dabei  die 
beiden  Scblussbiicber  ûber  die  Apotelesmata  den  profanen  Lesen 
entzogen  wissen  will,  so  erfordert  dieser  eigentbûndicbe  Fall  eine 
besondere  Erklârung*).     Uebrigens  bat  aber  die  starke  Vervielfalti- 


^)  Seneca  epist.  72,  1. 

^)  Das  Werk,  dessen  Léser  s.  B.  Sidonius  Âpollinaris  war  (carm.  22  prae£)i 


—  Geringe  Haltbarkeit  der  Bolle.     Confiscationen.  —  367 

gung  nicht  yerhindert,  dass  es  dem  Staat  môglich  war,  solche 
Schriften,  die  Ton  gemeinschâdliclier  WirkuDg  oder  aus  irgend  einem 
Grand  sonst  missliebig  schienen,  auch  noch  nach  ihrer  Edition  auf- 
heben  zu  lassen,  zu  confisciren. 

Das  âlteste  Beispiel,  das  uns  fiir  Conôscationen  yorliegt,  fallt  in 
die  classische  Zeit  Attica^s.  Des  Philosophen  Protagoras  Schriften 
8oUen  im  Jahr  411  auf  der  Agora  zu  Athen  verbrannt  worden  sein, 
wahrend  ihm  selbst  der  Process  gemacht  wurde  (Diog.  La.  IX  52); 
ein  Herold  sammelte,  heisst  es,  von  allen  Besitzern  die  Exemplare  ^). 
Indess  haben  die  Schriften  noch  Spâtere  gelesen;  ihre  Yerbrennung 
war  deninach  nur  eine  theilweise;  vor  allem  konnten  die  ausserhalb 
Athen's  Terkauften  Exemplare  ja  nicht  mit  eingezogen  werden. 
Uebrigens  aber  ist  es  rathsam  dièse  wie  âhnliche  Nachrichten  aus 
jenem  Zeitalter  mit  Reserve  aufzunehmen. 


wnrde  edirt  wie  aile  anderen  nnd  dem  MaTortius  Lollianus  dedicirt;  es  heisst 
m  der  praefatio:  olim  tibi  hos  libellos,  Mavorti^  ...me  editurum  esse  promi- 
êeram  und  abermals  ut  promitterem  me  tibi  editurum;  endlich  promissa  reddimus, 
Der  Autor  denkt  sich  nicht  nur  den  Mavortius  als  Léser,  sondern  das  grosse 
rOmische  Publikum,  TgL  peroratio  VIII  33:  Romanis  hominibus  navi  operis 
tradidimus  disciplinam.  Die  beiden  letzten  BQcher  sollen  aber  nur  Ton  dem 
gelesen  werden,  der  ein  heiliges,  priesterliches  Leben  ftïhrt  (II  33);  und 
praef.  VII  ist  es  nun  Marortius,  den  Firmicus  beschwôrt,  ne  haec  veneranda 
communia  profanis  vel  imperitis  auribus  intimentur,  sed  iis  tantum  quos  animus 
incorruptus  ad  rectum  vivendi  ordinem  instituit.  £s  scheint  also»  MaTortiud 
bat  die  Verfhgung  ftber  die  Exemplare  und  kann  sie  den  Lesem  enUiehen; 
dies  wird  noch  deutlicher  VIII  33,  wo  Mavortius  ermahnt  wird,  sun&chst  nur 
seinen  eigenen  S6hnen  das  Buch  in  die  Hftnde  su  geben  :  ha£c  filiis  tuis  tantum 
trade^  quos  a  prima  aetate  ad  omne  vtriutis  offidum  instituisti.  Firmicus  selbst 
gab  das  Werk  an  den  Mavortius  offenbar  nur  in  einem  Ezemplar;  daher  lesen 
wir  nicht  einfach  edere^  sondern  tibi  edere;  Mavortius  ist  es,  der  auf  das  Zu- 
•tandekommen  des  Works  immer  wieder  gedrungen  batte,  fthnlich  wie  Tryphon 
beiiii  Quintilian  (praef.  I:  trepidationem  meam  hortatio  sermonis  tui  erexit 
coegitque  adgredi  quod  fréquenter  ex  desperatione  deserui  eqs.)  ;  derselbe  Pro- 
eonsol  und  Consul  ordinarius  ist  es  auch,  der  die  VenrielflLltigung  des  Works 
abemommen  batte  und  ausftihrte;  er  war  also,  um  den  Terminus  auch  hier 
beixabehalten,  der  Verleger. 

*)  âw  tavTtjy  di  rijy  àq^^riv  rov  cvyyqâfXfAaioç  (se.  ntql  d-ttàv)  i^ifiliid^ 
nçoç  'ASTjyaitay'  xai  rà  fitfilia  avTov  xaTÎxavaay  iy  i^  àyoçà  vno  xi^qwc^ 
ftyaX^âfuyot  naç*  ixccarov  nay  xéXTtjfiéytoy.  Fftlschlich  wird  dies  so  verstanden, 
ab  sei  nur  das  avyy^afÀfxa  ntçi  d-ftay  verbrannt  worden. 


368  —  I>i®  Edition.  — 

Yiele  Beispiele  liefem  dagegen  die  romischen  Kaiser,  deren 
Motiy  dabei  bald  das  Staatsinteresse,  bald  auch  nur  persônlicher 
Hass,  bald  blosse  Laune  war.  Yoran  steht  Augustus,  der  zweitauseod 
Exemplare  Pseudosibjllinisclier  Schriften^)  Terbrennen  liess.  d& 
kaiserliche  Wille  griff  in  diesem  Fall  muthmasslich  nicht  nur  in  die 
Tabemen,  sondem  aucb  in  die  Privatbibliotbeken  ein.  In  welcher 
Form  dachte  aber  Caligula  yorzugehen,  wenn  er  Homer^s  Gedichte 
^vernichten"  wollte*)?  Wie  giog  Tiber  vor,  wenn  er  die  Schrift 
eines  Historikers  aus  Augustus'  Zeit  ^vemicbtete"*)?  Vielleicht  war 
in  solcben  Fâllen  nur  die  Entfemung  des  Autor^s  aus  allen  ôffent- 
lichen  Bibliotheken  beabsicbtigt;  Sueton  fâhrt  betrefEis  des  Caligala 
unmittelbar  fort:  fast  batte  er  aucb  des  Vergii  und  des  Livius 
Scbriften  und  Bûsten  ^aus  allen  Bibliotheken^  entfemt:  doch  aber 
nnmôglich  aus  allen  priyaten.  Naheres  erfahren  wir  beim  Domitian; 
er  liess  die  librarii  kreuzigen,  welche  Hermogenis  Tarsensis  historiam 
descripserant;  das  Buch  war  anstossig  propter  qiuudam  figuras  (Saei 
Dom.  10).  Junius  Arulenus  Rusticus  und  Herennius  Senecio  hatten 
Laudationen  auf  Paetus  Thrasea  und  HelTidius  Priscus  edirt;  die 
Schrift  de  vita  Hdvidi  hielt  mehrere  Bûcher;  Domitian  liess  beider 
Mânner  Bûcher  „nach  Senatusconsult  vemichten^;  die  Yerbrenniug 
geschah  auf  dem  Forum  durch  die  Trium-viri  capitales*);  trotzdem 
aber  war  es  dem  Senecio  môglich  wenigstens  sein  eigenes  ExempUr 
in's  Exil  zu  retten*). 


*)  Sueton  Oct.  3 1  ;  es  sind  dies  nicht  etwa  2000  Exemplare  ein  und  der- 
selben  Schrift,  wie  Schmidt  S.  118  annimmt,  um  darauf  Scblflsse  Qber  des 
Umfang  einer  Auflage  zu  bauen;  es  heisst:  quidguid  /cUidicontm  Hbrorum  ond 
zwar  graeci  latinique  generis. 

^)  Suet.  Calig.  34:   cogitavit  de  Homeri  carminibus  abolendis. 

2)  Suet.  Tiber.  61:  abolita  scripta, 

^)  Tacit.  Agric.  2.  Nacb  Sueton  c.  10  batte  Busticus  sowobl  die  Laudatioo 
auf  Paetus  wie  auf  Helvidius  edirt  und  beide  sanctissimos  riroa  genannt;  Dio 
Cass.  67,  13  weiss  nur  von  dem  filoç  lïçicxov  des  Senecio,  Tom  Busticus  nor, 
dass  er  den  Thrasea  Uqoç  nannte.  M.  Aquilius  Begulus  edirte  ein  Buch  gegeo 
beide  Verurtheilte  (Plin.  ep.  I  5,  2  f.). 

')  Illos  ipsos  libros  qvumquam  ex  necessitaie  et  metu  temporum  aboUtoè 
senatm  comuJto,  publicatis  bonis  servavit  habuit  tulUque  in  exiHum  exUU  caaw» 
(PUn.  ep.  VII  19,  6). 


—  Confiflcationen.  —  369 

Wenn  noch  nicbt  in  diesem  Fall,  so  ist  man  sicher  in  den  nun 
folgenden  bis  zur  Haussuchung  weiter  gegangen.  Diocletian  Hess  in 
Aegypten  die  alten  Scbriften,  die  negi  xf^ybêiaç  agyvçov  xaï  XQVtfov 
handelten,  ^zusammensuchen  und  verbrennen^^);  die  Anstifter  des 
Manicbâismus  in  Afirika  befabl  er  mitsaninit  ibren  Bîîcbem  zu  ver- 
brennen^);  in  seinem  Edikt  ûber  die  Cbristenverfolgung  (Euseb  bist. 
ecd.  8,  6)  wird  aucb  die  Yerbrennung  der  beiligen  Scbriften  ange- 
oidnet;  viele  Cbristen  erklârten  damais  absicbtlicb,  Exemplare  der- 
selben  zu  besitzen,  weigerten  die  Auslieferung  und  erlitten  danun 
den  Tod*).  Constantin  liess  den  Arius  zwar  unbebelligt  leben,  seine 
Bûcber  aber  yerfielen  gleicbfalls  dem  Feuer,  und  wer  eines  verbeblte, 
sollte  getôdtet  werden^).  Wie  die  letztere  Massregel,  so  waren  aucb 
die  der  cbristlicben  Kircbe  gegen  die  cbristenfeindlicben  Publikationen 
Yon  Yollkommenstem  Erfolge.  Das  kaiserlicbe  Edikt  des  Tbeodosius 
▼cm  Jabre  448,  das  ibre  Yerbrennung  befabl,  ricbtete  sicb  insbesondere 
gegen  Porpbyrios,  dessen  Verlust  wir  beute  beklagen*).  Inopportune 
Scbriften  ans  den  ortbodoxen  Ereisen  versucbte  man  auf  Medlicbere 
Art  zu  beseitigen  :  so  zog  Pammacbius  die  Hieronymusscbrift  adversus 
JoTianum  gleicb  nacb  ibrer  Edition  wieder  ein*),  indess  obne  Erfolg. 
Hieronymus  scbreibt  darûber''):  nihil  pro/uit  ista  dHigentia,  cum  aU- 
quanti  ex  Urbe  venientes  mihi  eadem  îectitarent  quae  se  Eomae  excepisse 
ferebant;  in  hoc  quoque  provrncia  iam  libri  fuerant  divulgcUi:  et  ut  ipse 
legisti:  nescit  vox  missa  reverti, 

Das  Codexbucbwesen,  das  aus  der  PriTatabscbrifb  bervorging 
and  mit  Yerlag  und  Edition  ursprûnglicb  nicbts  zu  tbun  batte,  loste 
das  classiscbe  Bucbwesen,  wie  ims  unser  zweites  Eapitel  zeigte,  um 
das  vierte  Jabrbundert  ab   und  vemicbtete  es,   allmâblicb  siegend. 


^)  Said.  8.  n.  Burckhardt,  Ck>n8taDtin  S.  151. 

*)  Borckhardt  a.  a.  O.  S.  240. 

*)  Burckhardt  a.  a.  O.  S.  341. 

«)  Sokrates  I  8. 

')  Vgl.  Acta  coDcilii  Ephesini  (sacr.  conc  éd.  Mansi  V  417),  danaeh  lu 
réktîfidren  Cod.  Justin.  1  1,  3  (Tgl.  Neumann,  Julian  S.  8). 

*)  Exemplaria  iam  de  foro,  iam  de  publico  sitbtraxisti^  Rufin  S.  452  b.  Hier. 
•d.  liardan. 

0  Hieron.  epist.  49,  2  Vall. 
Birt,  Baebwesm.  24 


370  —  I^*®  Edition.  — 

insbesoodere  im  Dienste  der  cbristlichen  Eirche  iind  des  Monchthums. 
Die  Unzahl  reicher  Papyrusrollenbibliotlieken ,  die  die  drei  ersten 
Jahrhunderte  hindurch  bestanden  und  in  unzahligen  Exemplaren 
immer  sich  emeueten,  sie  sind  zerstoben  und  yerweht;  wir  wûrden 
nicht  einmal  ahnen,  dass  sie  existirt  haben,  batte  nicht  einigen 
Schriftstellem  des  Alterthuins  ihre  Laune  eingegeben,  ûber  so  âusser- 
liche  Dinge  wie  Papier  und  Bûcberbort  Andeutungen  hinzuwerfen. 
Jenen  Litteraturbeflissenen  vom  Beginn  des  vierten  Jahrhunderts  ab, 
die  die  Papyrusbibliotbeken  in  die  Codices  eintrugen,  war  damit  das 
Schicksal  der  Classiker  ausschliesslich  anheimgegeben  :  und  ihre  Ënt- 
scheidung  ist  in  Tielen  Fâllen  nicht  weniger  vemichtend  als  die  Cod- 
ôscationen  der  romischen  Imperatoren  geworden. 


ACHTES  KAPITEL. 


Stôrimgen  der  antiken  Bnchform. 


Uie  Betrachtung  des  antiken  Bucbwesens  in  seînem  Yerhaltniss 
znr  Litteratur  ist,  in  Absehung  der  voralexandrinîschen  Zeiten,  hiemit 
zum  Abschluss  gefûhrt. 

Nicht  nur  der  Form  und  des  Materials  des  antiken  Buchs  sind 
wir  nunmehr  gewiss,  sondem  auch  des  Kanons  seiner  zulâssigen 
Grôssenimifange,  welche  vom  Fabrikanten  durcb  die  Blâtterzabl  fixirt, 
fur  Autor  und  Editor  durcb  die  Zeilenzabl  zum  Ausdruck  gelangte. 

Dies  Bucbwesen  berrschte  einfôrmig.  Eben  die  Bucbfabriken 
sorgten  bierfûr,  und  es  war  desbalb  keine  Môglicbkeit  gegeben,  sicb 
ibm  zu  entzieben  und  wiUkûrlicb  aus  ibm  berauszutreten.  Bietet 
uns  der  Nacblass  der  antiken  Publikationen  nun  gleicbwobl  Texte 
dar,  welcbe  den  Yoraussetzungen  dièses  Bucbwesens  widerstreiten, 
80  Terfallen  sie  dem  unabweislicben  Yerdacbte,  dass  sie  uns  in  ent- 
stellter  und  unoriginaler  Form  vorliegen. 

Uns  erubrigt  zur  Ergânzung  ailes  Yorgetragenen  die  Pflicbt,  die 
"wicbtigsten  und  cbarakteristiscbsten  Beispiele,  in  denen  die  Litteratur 
gegen  die  Regel  yerstôsst  und  so  gleicbsam  aus  der  Rolle  fallt,  nicbt 
unerôrtert  zu  lassen.  In  der  Tbat  scbeinen  eben  sie  als  Ausnahmen 
nur  Bestatigungen  der  Regel  abzugeben.  Denn  fast  ûberall  seben 
wir  bei  ibnen  anderweitige  Merkmale  binzukommen,  welcbe  den  um- 
gestaltenden  Einfluss  deutlicb  yerraiben,  den  bier  der  lange  Gang 
der  Textgescbicbte  ausgeûbt. 

Das  bedeutsamste  Ereigniss  ist  fur  die  classiscben  Autoren  obne 

Frage  ibre  définitive  Uebertragung  aus  der  Rollenbucbform  in  den 

24» 


372  —  Stfirungen  der  antiken  Buchform.  — 

Codex  gewesen.  Es  konnte  nicht  ausbleiben,  dass  dièse  Codification 
der  classiscben  Litteratur  auf  die  Texte  selbst  und  im  be- 
sonderen  auf  die  Bucbtbeilung  der  Texte  beeintrâchtigende 
und  stôrende  Einflûsse  ûbte.  Denn  in  den  meisten  Fâllen  war 
ja  die  Bucbtbeilung  nunmebr  zwecklos  geworden;  und  wenn  num 
Ton  Protokoll  und  Escbatokoll  jeder  Rolle  gleicbwobl  getreulich  die 
Bucbinskriptionen  und  -subskriptionen  mit  ûbemabm,  so  war  dies 
lobenswertbe  Sorgfalt,  fur  die  indess  ein  praktiscber  Anlass  zu  fehlen 
scbeint. 

In  leicbter  und  anscbmiegender  Gewandung,  die  aile  Glieder 
zeigte,  war  die  Litteratur  durcb  das  Altertbum  gegangen.  Nun  fiel 
sie  in  die  Hand  der  Môncbe.  Die  kleideten  sie  aus  und  warfen  ihr 
—  ein  guter  Scbutz  in  rauberen  Zeiten  —  die  pergamentene  Kutte 
ûber,  weit  und  scbwer,  unter  der  ibre  feinen  Gliederungen  dem  Auge 
fur  immer  verloren  gingen.  Was  aber  yerlobnte  es  da  nocb,  die 
einzelnen  Rollentitel,  Reste  der  abgeibanen  Einkleidung,  auÊEube- 
wabren? 

In  der  Tbat,  wâre  der  Uebergang  zum  Codex  Sacbe  eines  be- 
stinimten  Planes  gewesen  und  demgemâss  auf  einmal  zur  Durch- 
fûbrung  gelangt,  so  batte  sebr  nabe  liegen  mûssen,  den  Text  einfach 
aus  den  Rollen,  in  denen  er  zertbeilt  stand,  zusammenzutragen  UBd 
den  Vortbeil  der  neuen  Bucbform  vor  der  alten  wirkUcb  zu  be- 
nutzen,  welcber  die  Sacbeinbeit  zur  râumlicben  zu  macben  gestattete. 

Allein  in  Wirklicbkeit  war  der  Uebergang  viebnebr  ein  sehr 
allmâblicber.  Lange  Zeit  bestand  neben  dem  in  Codices  eingetra- 
genen  Text  der  Text  auf  Rollen  fort.  Lange  nocb  yerband  sicb  mit 
jenen  volumina  des  Ulpian  qiuxe  in  cocUcibus  sunt  die  Anscbaumig 
wirklicber  Rollen,  die  nur  in  einen  Codex  ausgescbrieben  worden. 
Die  sorglicbe  Rûcksicbtnabme  auf  die  Bucbtbeilung  war  somit  dem 
Codexscbreiber  in  den  ersten  Zeiten  aufgenôtbigt,  damit  sicb  die 
Texte  in  beiden  Bucbformen  identificiren  lassen  konnten;  und  es 
bildete  sicb  mit  Notbwendigkeit  jene  conservatiye  Grewobnbeit  aus, 
zu  deren  Wirkungen  wir  uns  begliickwimscben,  wenn  sie  aucb  den 
Begriff  des  Bucbs  und  der  Bucbtbeilung  YoUkommen  und  bis  zur 
Sinnlosigkeit  entstellte.  Yielleicbt  supponirte  man  der  letzteren  auch 
sogleicb  in  bewusster  Weise  den  Nebenzweck,  obligate  Rubepunkte 


—  Ëintrsg^ng  in  Codices  im  4.  u.  5.  Jshrhundert.  —  733 

iind  Uebersichtlichkeit  im  Codex  zu  gewâhren,  sowie  das  Finden 
citirter  Stellen  zu  erleichtern,  was  dann  in  allen  folgenden  Zeiten  ihr 
Hauptzweck  geblieben  îst. 

Als  die  Zeit,  in  welcher  dièse  Codificirungen  hâufig  wurden  und 
Einfluss  gewannen,  betrachten  wir  das  vierte  nnd  fiinfte  Jabrbundert 
(ygl.  Kap.  n).  Auf  eben  dièse  Jahrhunderte  werden  wir  uns  aucb 
in  der  nachfolgenden  Betrachtung  mehrfacb  yerwiesen  seben.  Es  ist 
dies  die  Zeit,  in  der  so  viele  Corpora  yon  Scbriftwerken  sicb  nacb 
Anordnung  und  Inbalt  erst  definitiyirten,  wie  z.  B.  die  Tragôdien 
Seneca's  damais  neu  recensirt,  lun  eine  yermebrt  imd  umgeordnet 
wurden^).  Besonders  sei  hier  der  zeitgenossiscben  Poeten  Ausonius, 
Prudentius  imd  Claudian  gedacbt.  Yon  allen  dreien  stebt  fest, 
dass  sie  ibre  yielen  Werke  geringen  Umfanges  einzeln  ausgaben. 
Erst  nacb  ibrem  Ableben  kônnen  dièse  Werke  zu  bestimmt  geord- 
neten  Corpora  gesammelt  worden  sein.  Waren  sie  nun  einzeln  nocb 
in  der  alten  RoUenform  erscbienen,  was  jedenfalls  fur  Ausonius  wird 
angenommen  werden  mûssen^),  so  wurden  sie  als  Sammlung  nunmebr 
im  Codex  zusammengestellt.  Dabei  wurde  dann  aber  aucb  Un- 
recbtes  binzugetban,  wie  beim  Claudian,  anderes  wurde  yerkûrzt,  wie 
des  Ausonius  Biss\ila,  mebrere  Bûcber  zu  einem  contrabirt,  wie  im 
Catbemerinon^)  oder  im  Raptus  Proserpinae  Bucb  III  und  IV,  endlicb 
aucb  die  Ordnung  yerstellt,  wie  im  Peristepbanon  oder  bei  den 
Claudianpraefationen.  Die  Entstebung  der  Claudiansammlimg  aber 
fâllt  in  das  fûnffce  Jabrbundert^),  und  es  scbeint  nicbt  nôtbig,  die 
des  Ausonius  imd  Prudentius  fur  âlter  zu  balten. 

Wir  kônnen  eine  ganze  Reibe  yon  Irrungen  der  yerscbiedensten 
Art  imterscbeiden^  welcbe  die  Codificirung  damais  direkt  beryorrief 
oder  die  sonst  mit  ibr  in  einem  Zusammenbang  steben.  Unglûck- 
licber  Zufall  und  bewusste  Absicbt  wirkten  zusammen,  um  die 
herrscbende  conseryatiye  Gewobnbeit  bei  ibnen  ausser  Wirkung  zu 
setzen. 

Zunâcbst  konnte  es  yorkommen,  dass  der  Scbreiber  das  Werk 


1)  Vgl.  Rhein.  Mus.  34  S.  657. 

^  VgL  oben  S.  101  f.,  156,  303  f.,  307. 

»)  Vgl.  oben  S.  305  f. 

*)  Vgl.  Jeep,  Rhein.  Mus.  XXVIII  S.  291  ff. 


374  —  Stdnmgen  der  antiken  fiuchform.  — 

in  Rollen  unyollstândig  yorfand.  Bûcher  fehlten.  Bieser  gewiss 
hâufige  Fall  hat  schon  in  fruher  Zeit  seine  Analogie,  da  schon  Diodor 
von  Theopomp  die  Rollen  VI,  Vil,  XXIX,  XXX  vermisste*);  durch 
die  Eintragung  in  den  Codex  wurde  niin  solcher  Verlnst  sehr  leicht 
zum  de&nitiyen.  So  erklâren  sich  die  Verluste  der  vielen  LiTios- 
bûcher,  die  doch  noch  Symmachus  yollstandig  hatte*),  so  der  der 
Bûcher  des  Tacitus,  des  Curtius  Rufus,  Diodor,  Varro  und  so  yieler 
anderer.  Von  den  zehn  Controyersienrollen  Seneca's  fanden  sich  am 
Beginn  des  Mittelalters  nur  noch  die  Nummem  I,  U,  Vil,  IX  ùnd  X 
yor;  die  yorliegenden  Excerpte  ans  den  yerlorenen  werden  firûh,  im 
yierten  oder  fûnften  Jahrhundert,  angefertigt  sein.  Es  ist  in  diesem 
Zusammenhang  beachtenswerth ,  wenn  Euseb')  es  fur  besonders  er- 
wâhnenswerth  hait,  dass  er  die  (TtQœfMxtëïç  des  Clemens  noch 
„sâmmtlich"  besitze. 

Die  Buchrollen  selbst  aber  konnten  auch  àxé(paXok  sein,  nu 
bisweilen  erwâhnt  wird;  d.  h.  es  konnten  die  ersten  aussen  lie- 
genden  Seiten  derselben,  wie  bei  dem  erhaltenen  Homerpapjrus  von 
Bankes,  abgerissen  sein.  Ob  es  indess  Falle  giebt,  wo  fehlende  Back- 
anfange  wirklich  auf  solche  Schâden,  die  der  erste  Codezschreiber 
yorfand,  zurûckzufûhren  sind,  ist  schwer  auszumachen^). 

Als  eine  begreif liche  Irrung  des  unaufmerksamen  Schreibeis  er- 
scheint  sodann  die  Verstellung  yonBûchern.  Es  brauchten,  um 
sie  zu  yeranlassen,  die  Rollen  nur  mit  incorrekten  alXXvfio&  yersehen 


*)  Und  wohl  auch  XII.  Auch  Menophanes  Termisste  die  zwdlfle,  w&hrend 
Photios  die  letztere  doch  noch  las;  Tgl.  Diodor  XVI  3,  Phot.  cod.  17G  p.  120Bk. 

2)  Oben  S.  101. 

')  Hist.  écoles.  VI  13:  ol  nàvrtç  naç'  tifùv  coi^oyrai, 

^)  So  fehlt  der  Buchanfang  bei  Varro  de  lingna  lat.  VU;  bei  Velleius  I; 
Sueton  Caesar;  Dionys  de  adm.  vi  die.  in  Dem.  Bei  Cicero  de  fato  fehlt  so 
Schluss  als  Anfang;  dies  kônnte  also  etwa  ein  Opisthograph  gewesen  sein, 
80  wie  Hieronymus  Ton  einem  itxéffttkoy  xal  èréksoroy  volumen  des  Origenes 
redet  (praef.  comm.  Osée).  Allein  Cicero  De  re  publ.  I  ist  àxéff<tXov  durch 
Bl&tterausfall  im  Codex;  und  nicht  anders  wird  sich  Tacitus  Annal.  XI  erkl&ren 
(Anfang  des  Cod.  Medic.  II).  Bei  Plautus  ging^n  der  Schluss  der  AulolariA 
und  der  Anfang  der  Bacchides  offenbar  durch  einen  Bl&tterausfall  gleichseitig 
Terloren;  die  Handschrift,  die  die  Bacchides  noch  nach  dem  Alphabet  stellte, 
war  also  Codex  und  ist  hiemach  zu  datiren. 


—  Yerluat  Ton  Bûehern  u.  BuchanfïUigen.  Verstellung  der  fiûcher.  —  375 

sein^).  Bas  charakteristischste  Beispîel  sind  hîerfur  yielleicht 
8  Seneca  Naturales  quaestiones.  Ber  Yerfasser  hatte  die  yon 
8  z.  Th.  ganz  falsch  nummerirten  Yolumina  wahrscheinlîch  in  dieser 
tihenfolge  edirt»):    1)  U,   2)  m,  3)  IVa,  4)  IV b,  5)  V,  6)  YI, 

Yn,  8)  !•);  ihre  Codification  wurde  zweimal  ausgefuhrt  nnd 
idemal  wurde  geirrt;  die  beste  Handschrift  zu  Bamberg  nummerirt 
en  wie  iinsere  Anagaben;  daneben  stellte,  gleich&lls  yerkehrt,  eine 
reite  Tradition,  die  dem  Vincent  yon  Beauyais  yorlag  und  sich  in 
ler  Leydener  Handschrift  wiederfindet,  die  Bûcher  mit  anderen 
ichzahlen:    1)  IV b,    2)  V,    3)  VI,    4)  Vn,    5)  I,    6)  II,    7)  ni, 

rVa^).  Granz  âhnlich  ging  es  auch  z.  B.  in  der  Thiergeschichte 
is  Aristoteles,  wo  schon  firûh  die  Rolle  VUI  zur  siebenten  ge- 
BLcht  ist,  auf  welche  VII,  IX,  X  in  unbestinimter  Ordnnng  folgten, 
>durch  selbst  der  Text  beeinflusst  worden  ist').  Bes  Columella 
rôlf  Rollen  De  re  rustica  ûbernahm  der  Codex  zwar  complet 
id  in  richtiger  Folge;  allein  yon  einem  zweiten  Werk  gleichen 
halts  fand  sich  eine  yersprengte  Rolle  hinzu,  handelnd  De  arbo- 
)ub;  sie  wurde  falschlich  hinter  das  zweite  Buch  als  drittes  ein- 
ifugt  und  danach  dann  die  Buchzahl  des  echten  dritten  in  IV  ab- 
iândert^. 

Man  beachte  wohl,  dass  in  aUen  diesen  Fâllen,  nachdem  das 


'}  So  sehen  wir  noch  bei  Prudentius,  wie  zu  einem  Werk  in  Tielen  Bollen 
r  ordo  voluminum  hinzugefQgt  werden  muas  (oben  S.  102);  Hieronymus 
breibt  seine  Praefationen  susdrûcklich  ne  voluminum  ordo  vitietur  (S.  112 
>te  2). 

*)  VgL  hierûber  Schultess,  De  L.  Ann.  Senecae  qu.  natur.  et  epistulis 
(nn  1872. 

')  Dièse  Stellung  des  Bachs  wird  durch  das  dictum  est  l  16  erwiesen. 

«)  Im  Cod.  Berol.  steht  IV*  hinter  VIL 

*)  Bekker  merkt  an  :  „plurimi  codices  sexto  libre  subiungunt  octaTum  ita 
liber  septimus  in  noni  locum  deprimatar.  Liber  VIII  finitur  Terbo  açj^oyrat; 
inde  addnnt  codd.  F  A*  C*  verba  nço'iovatjç  dii  t^ç  ^hxktç  id  quod  est  initium 
ri  decimi!  Pro  i  in  libre  IX  codex  £  exhibet  9,  cod.  D*  ^,  cod.  F  ôydàov,"^ 
Der  Cod.  G  %  der  das  Buch  VU  als  nenntes  hat,  merkt  an  :  im  lateinischen 
ixt  ezistire  auch  noch  ein  sehntes  Bnch,  das  im  griechischen  fehle:  dazu 
^t  eine  jûngere  Hand  hinzu,  jetzt  habe  sich  auch  das  griechische  gefunden. 

*)  Vgl.  die  Ton  Schneider  citirten  Handschriften  und  &ltesten  Ausgaben. 


376  —  Stôrungen  der  antiken  Buehform.  — 

Versehen  begangen  war,  die  Ueberliefening  nicht  angestanden  hst, 
auch  die  Buchzahlen  selbst  anzatasten  iind  abzuândem  der  Ter- 
schobenen  Bucbfolge  gemâss.  Dafûr  kommen  ab  weiterer  einlench- 
tenderBeleg  die  Controyersien  Seneca's  hinzu,  yon  deren  Buch- 
ausfallen  schon  gesprochen  wurde;  nachdem  dièse  Ausfalle  eingetreten 
waren,  ist  die  Monobiblos  der  Suasorien  falschlich  in  die  Sjntaiis 
mit  aufgenommeQ  worden,  iind  die  Handschriften  zu  Brûssel  und 
Antwerpen  zahlen  demnach  die  letztere  als  Buch  I,  sodann  geben 
aie  dem  ersten  Controyersienbuch  die  Zabi  LE,  dem  zweiten  m,  dem 
siebenten  IV,  dem  neimten  V,  dem  zehnten  VL  Wer  wûrde  hier, 
ohne  die  sonstigen  Indicien,  die  uns  der  Zufall  darbietet,  ans  den 
Handschriften  den  ursprûnglichen  Zustand  dièses  Werkes  zu  errathen 
vermôgen? 

Allein  der  Process  der  Codification  wirkte  noch  yiel  schadlicher, 
imd  die  Buchaufschriften  wurden  nicht  nur  in  der  besprochenen 
Weise  interpolirt,  sondem  oft  geradezu  ausgetilgt. 

Zunâchst  nur  in  kleinerem  Massstab.  Zwei  benachbarte  Bûcher 
yereioigte  man  imter  einem  Titel,  das  yierte  Buch  des  Claudia- 
nischen  Raptus  Proserpinae  mit  dem  dritten ^)  oder  yon  Seneca's 
Naturales  quaestiones  das  dritte  mit  dem  yierten,  wobei  die 
ûbrigen  Bûcher  unbeschâdigt  blieben.  Allein  auch  zur  gânzlichen 
Tiigung  aller  Buchaufschriften  wurde  yorgeschritten,  so  dass  sich 
nunmehr  eine  neue  grôssere  Bucheinheit  herausstellte,  die  mit  dem 
Umfang  des  Codex  zusammenfiel. 

Seneca's  Briefe  haben  in  einigen  Handschriften  die  Buch- 
theilung  allerdings  getreu  gewahrt;  andere  dagegen  haben  die  Buch- 
zahlen nur  noch  bei  einigen  Bûchem  belassen,  aber  auch  seiche 
Handschriften  fehlen  nicht,  in  welchen  sie  sâmmtlich  fortgefallen 
sind  ^). 

Beim  Juyenal  sind  wir  gemâss  den  âlteren  Ausgaben  die  Sa- 
tiren  yon  der  ersten  zur  sechzehnten  durchzuzâhlen  gewohnt.  Dies 
geschieht  nach  Anleitung  der  Ueberlieferung  selbst;    denn  nur  der 


^)  Jeep  in  Bitschl's  Acta  Lips.  I  S.  361. 

^  Fickert  I  S.  XI,   der  fdr  letzteres  etwa  ein  Dutzend  CJodices  nam- 
haft  macht. 


—  Yerlust  der  Bachtheilung  b.  JuTonal,  Demosthenes,  Plutarch  u.  a.  —  377 

\te  Codex  Fithoeanus  ^)  hat  uns  die  Bezeichnung  der  ursprûnglichen 
chgrenzen  aufbewahrt 

Scheint  der  Yerlust  hier  nicht  sofort  und  nur  theilweise  eînge- 
ten,  so  geht  er  in  anderen  Fâllen  fraglos  auf  das  Ende  des  Alter- 
uns  selbst  zuruck. 

Des  Bemosthenes  Nachlass  wurde  von  den  Alten  in  Bûchem 
etwa  je  sechs  Reden  gelesen  ;  wir  mûssten  dies  selbst  erschliessen, 
nu  es  uns  nicht  einmalig  ausdrucklich  bezeugt  wâre*).    Aile  Buch- 
bchriften  aber  sind  in  den  Handschriften  eliminirt. 

Ebenso  yertheilten  sich  auch  Cicero's  kleinere  Reden  in  Bûcher 
je  mehreren');  allein  keine  einzige  Buchaufschrift  hat  sich  erhalten. 

Des  Flutarch  fiiot  naçdXX^Xot  werden  von  den  Alten  mit 
ichzahlen  citirt;  ihre  RoUen  waren  so  gut  nummerirt  wie  die  jedes 
deren  Werks;  die  Handschriften  dagegen  wissen  davon  nichts  mehr 
d  inskribiren  jedem  Bios  nur  den  Namen  seines  Helden.  Die 
dtere  Folge  war,  dass  sich  in  ihnen  ûberdies  die  Reihenfolge  yer- 
rrt  hat*). 

Leicht  ist  das  den  meisten  dieser  Beispiele  Gemeinsame  zu 
kennen.  Besonders  dann  hat  man  die  Inskriptionen  getilgt,  wenn 
6  Einzelbuch  selbst  schon  ein  Sammelbuch  war.  Hier  schienen  sie 
sonders  ûberflûssig.  Jede  der  sechzehn  Juvenalsatiren  war  inskri- 
rt:  was  soUten  dazwischen  noch  weitere  Buchzahlen  ?  sie  steigerten 
e  TJebersichtlichkeit  nicht  und  konnten  hôchstens  storen.  Jede 
tr  Ciceroreden  nahm  im  Codex  schon  hinlânglich  breiten  Raum 
a:  welchen  Sinn  konnte  es  haben  das  expUcit  nur  hinter  jede  dritte 
1er  vierte  oder  fûnfte  zu  malen?  Die  Veruntreuung  der  Buchthei- 
Dg  lag  hier  besonders  nahe. 

Davon  scheinen  nun  die  epistolographischen  Sammelbûcher  be- 
•nders  hâufig  betroffen  zu  sein,  so  wie  die  eben  aufgefûhrten  des 
meca.     An  den  yollstandig  aufgelôsten  Zustand   der  Briefbûcher 


^)  Ausserdem  seigt  ein  Laurentianus  a  einmal  beim  ersten  Buchschluss 
B  Subskription. 

»)  Oben  S.  308  f. 
»)  Oben  S.  308. 

*)  Westermsnn ,  de  Plut,  rite  et  scriptis  S.  XXI  ;  Volkmann,  Plutareh  I 
100;  Tgl.  oben  S.  317f. 


378  —  Stdrangen  der  antiken  Bnehform.  — 

des  Alkiphron  ist  schoii  frûher  erinnert  worden;  gleichzeitîg  notirten 
wîr  auch  andere  Briefsammlungen  grossten  IJinfangeSy  welche  der 
gewohnten  Gliederung  entbehren^).  "Wir  werden  ûber  solche  Falle 
nunmehr  bestiinmter  urtheîlen  konnen.  Ein  hervorragendes  Beispiel 
des  yierten  Jahrhmiderts  weîst  uns  den  Weg.  Die  hundertund- 
fQnfzig  Briefhummem  des  Hieronymus,  grosse  iind  kleine,  lesen 
wir  nach  sachlicher  oder  chronologischer  Ordnimg  als  eine  iinge- 
theilte  und  ungefuge  Masse.  Hat  mm  etwa  wirklich  die  kirchliche 
Litteratur  schon  jener  Zeit  yon  der  classischen  Editâonsform  abge- 
sehen?  Wir  mûssten,  wie  ungem  immer,  die  MogUcbkeit  hienron 
zugestehen,  belehrte  Hieronymus  selbst  uns  nicht  eines  Besseren. 
Er  berichtet,  dass  er  einerseits  seine  grosseren  Briefe,  die  zn  yoU- 
stândigen  Traktaten  angeschwoUen  waren,  als  selbstândige  Ubri  fur 
sich'),  andererseits  dagegen  die  kleinen  in  verschiedene  Ubri  gesam- 
melt  ausgab:  so  edirte  er  denn  bis  zum  Jahr  392  yon  kûrzeren 
Briefen  erstlich  Epistolarum  ad  dwersoa  Ubrum  unum,  daneben  Ad 
Marcdlam  epistolarum  Ubrum  unum  (de  yir.  ill.  135). 

Dass  Hieronymus  dieselbe  Buchform  nim  auch  nach  dem  ge- 
nannten  Jahr  392  auf  seine  Briefe  anwandte,  werden  wir  nicht 
zweifeln;  wir  werden  auch  noch  fur  die  zweihundertundsiebenzig 
Briefe  Augustin's  dasselbe  annehmen,  so  wie  denn  noch  yon  Enno- 
dius  neun  Briefbùcher  und  eben  so  viele  yom  Sidonius  ApoUinaris 
publicirt  wurden.  Vor  allem  muss  uns  fur  die  neunzig  echten  Briefe 
des  doch  âlteren  Ambrosius  imd  die  sonstigen  gleichartigen  âlteren 
Briefcomplexe  der  Yerlust  der  classischen  Buchform  feststehen. 

Als  altestes  und  wichtigstes  Beispiel  hierfur  seien  die  Heroiden- 
briefe  des  Oyid  noch  besonders  namhaft  gemacht.  Die  Ueber- 
lieferung  giebt  sie  uns  ungetheilt  mit  3900  Versen.  Die  ersten 
bestimmt  echten  Nummem  (die  yerlorene  Sappho  an  funfzehnter 
Stelle  mit  eingerechnet)  ergeben  sehr  leicht  drei  RoUen  normaler 
Grosse  zu  je  funf  Briefen: 

I  mit  762,  II  mit  798,  III  mit  etwa  788  Versen. 

1)  Vgl.  oben  S.  325  f. 

^  So  die  £p.  39  consolatoria  de  morte  filiae  ad  Paulam  (De  rir.  ill.  135): 
80  £p.  66  (super  obitu  PauUnae  parvulum  KbeUum  edidmus;  ep.  108  c  4). 
Dahin  gehOrt  auch  Ep.  106  (35  Seiten  in  Migne's  Patrol.)  u.  a. 


—  Yerlost  der  fiuchtheilung  bei  firiefen;  Oyid's  Heroiden.  —      379 

Das8  dies  die  ursprungliche  Editionsform  wirklich  war,  ist  anderen 
Ortes  empfohlen  worden^). 

Es  kommen  sodann  sechs  weitere  Briefe  dazu,  die  dièses  Corpus 
abschliessen.  Sie  tragen  wesentlich  anderen  Charakter;  gaben  die 
Torigen  drei  Rollen  Briefe  von  Frauen,  so  erhalten  wir  hier  Werbe- 
briefe  yon  drei  Liebhabern  mit  zugehôrigen  Antworten.  Sie  kônnen 
nicht  fur  echt  gehalten  werden^),  doch  sind  sie  schwerlich  nach  der 
Neronischen  Zeit  edirt  worden.  Fragen  wir  nun,  wie  sie  der  Buch- 
rolle  angepasst  waren,  so  empfiehlt  sich  wohl  am  meisten  anzunehmen, 
dass  es  drei  Briefwechsel  in  drei  Rollen  waren:  die  erste  (Paris, 
Helena)  hielt  dann  644,  die  zweite  (Leander,  Hero)  428,  die  dritte 
(A.contius,  Cydippe)  etwa  492  Verse'). 

Dièse  letzten  sechs  Stilcke  sind  aber  erst  in  spâter  Zeit  an  die 
Oridsanimlung  angehângt  worden.  Dies  lâsst  sich  mit  Wahrschein- 
lichkeit  aus  der  Betrachtung  des  Gresammtwerktitels  erschliessen. 
Der  Titel  Epistukte,  mit  dem  misère  besten  Handschrifben  inskri- 
biren^),  ist  nicht  der  urspriingliche.  Das  Alterthum  yor  Priscian 
kennt  die  Ovidbriefe  yielmehr  unter  dem  Titel  Heroides;  denn  so 
ibeniimmt  Priscian  ein  Citât  X  S.  544  E.  und  dieser  Titel  ist  auch 
tas   don  Handschriffcen  keineswegs  yerschwunden,   in  denen  er  ge- 


1)  Rhein.  Mus.  XXXII  S.  393  f. 

*)  Paris  und  Helena  sind  in  der  Metrik  unovidisch  (rgl.  s.  a.  0.  S.  391); 
àlso  werden  auch  die  folgenden  nicht  fôr  echt  gelten  kOnnen.  Dies  best&tigt 
ror  allem  die  inhaltliche  Verschiedenheit.  Nur  Liebhaber  des  Unwahrschein- 
lichen  kOnnen  dièse  Stûcke  dem  s  en  ex  Ovidius  zuschreiben.  Orid,  um  seiner 
Imscinrenden  Jugendgedichte  wiUen  im  Exil  und  wiederholt  und  angelegent- 
lichat  deprecirend,  sollte  gleichzeitig  den  Paris  und  die  Helena  edirt  haben, 
die  an  lasciria  seine  Ars  womôglich  noch  ûberbieten  !  Aber  selbst  angenommen, 
der  alte  Ovid  sei  der  Urheber,  so  w&ren  die  ersten  14  (resp.  15)  firiefe  Ton 
ihm  doch  jedenfalls  ohne  sie  edirt  gewesen;  die  Frage  nach  deren  Buchform 
blaîbt  also  ron  dieser  Hypothèse  rollst&ndig  untangirt. 

>)  Die  Frage  nach  der  Echtheit  der  Verse  XX  12ff.  und  XV  40—141 
nehme  ich  hier  nicht  auf;  N.  XX  muss  doch  ursprûnglich  Ton  entsprechender 
hknge  gewesen  sein.  Sedknayer  entscheidet  sich  fQr  die  Echtheit  Prolegom. 
crit.  (1878)  S.  33ff.,  dagegen  im  ^Kritischen  CommenUr''  (1881)  S.  75  f.  und 
Wiener  Studien  III  S.  158. 

*)  Biese,  éd.  Ot.  I  S.  IX;  vgl.  Sedknayer,  Prolegg.  crit.,  der  freilich 
nieht  in  allen  F&llen  die  Inskriptionen  mittheilt. 


330  ~  Stdmiigen  der  sntiken  Bachform.  — 

legentlich  auch  zu  Heroidum  eptstulae  combinirt  wîrd.  Sollte  der 
jûngere  Titel  Epistulae  nun  zufaUig,  sollte  er  ohne  Zweck  entstanden 
sein?  Man  wird  das  um  so  weniger  glauben,  je  zweckmSssiger  er 
erscheint.  Wer  eine  Buchaufschrift  macht  „dîe  Heldinnen^,  der  will 
damît  klarlich  anzeigen,  dass  Mânner  oder  ^Helden^  yon  seinem 
Werk  ausgeschlosseD  sind.  Eine  so  eigenartige  Wahl  konnte  nur  in 
exclusiver  Absicht  getroffen  werden;  ebenso  waren  yon  den  Kaioi 
des  Phanokles  nothwendig  schone  Frauen  ausgeschlossen.  Baraos 
folgt  aber,  dass  sich  die  antîken  Exemplare  deshalb  als  nHeroîden*^ 
charakterisirten,  weil  sie  wirklich  eine  Zusammenstellung  ansschliess- 
lich  weiblicher  Gestalten  gaben,  nnd  dass  man  erst,  aïs  die  Briefe 
yon  Mânnem  hinzukamen,  sich  gezwungen  sah,  das  geschlechtsloee 
Epistulae  an  die  Stelle  zu  setzen.  Deninach  ist  also  die  Hinzafugang 
der  letzten  sechs  Nummem  zum  Heroidencorpus  gleichzeitig  mit  der 
Titelyerânderung  und  erst  am  Ende  des  Alterthums  geschehen,  eu 
ist  also  wabrscbeinlich  bei  Gelegenheit  ihrer  Codificirung  im  yieiten 
oder  fiïnften  Jahrhundert.  Sie  bewirkte  zugleich  die  Tilgung  der 
Buchzahlung  der  echten  Stucke. 

Es  giebt  fireilich  auch  Heroidenhandschriften  mit  Buchtheiliing. 
Allein  sie  sind  sânmitlich  jung  und  zeigen  ims  nur  nachtra^che 
tastende  Restitutionsyersuche  des  Yerlorenen^).  In  dieser  Beziehung 
ist  es  lohnend  die  Ueberlieferung  der  Caesares  des  Sue  ton  in  Ver- 
gleichung  zu  ziehen,  fur  die  Yeruntreuung  der  classischen  Buchformen 
ein  besonders  instruktives  Beispiel.  Dass  Sueton  sein  Werk  auf 
acht  Bûcher  yertheilte,  wissen  wir  aus  Suidas.  Es  fielen  also  auf 
Buch  Vn  die  drei  Viten  des  Galba,  Otho,  ViteUius,  auf  Vm  die 
drei  des  Yespasian,  Titus  und  Diocletian.  Die  Handschriften  haben 
hieryon  nun  keine  Spur  erhalten.  Der  âlteste  Codex  Memmianus 
inskribirt  aUerdings  wirklich  noch  die  ersten  funf  Yiten  bis  Claudius 


^)  Mit  Unrecht  habe  ich  mich  a.  a.  0.  auf  eine  solche  Handschrift  be* 
rufen  zu  dûrfen  geglaubt.  Dass  solche  Theilungen  nicht  selten  sind,  ist  m 
Leutsch  bei  Ersch  u.  Gruber  s.  t.  ÛTidius  sowie  bes.  aus  Sedlmayer's  Prolegg' 
S.  104  zu  ersehen.  Vier  Eintheilungen  gehen  neben  einander  her,  nnd  keioe 
kann  daher  Autorit&t  beanspruchen.  Die  Theilung  im  Tierten  Cod.  Guelferb. 
kâme  unserer  Âufstellung  am  nâchsten:  seine  Vorlage  scheint  1)  I — Y,  2)  VI— X, 
3)  XI— XV,  4)  XVI— XX  getheUt  zu  haben. 


—  Verlast  der  fiuchtheilung  b.  Sueton,  Terentianus,  Nonius.  —       381 

mit  Uber  prinms,  liber  secundua,  L  tertius,  L  quartus,  L  qumttis;  von 
da  an  giebt  er  aber  die  Zâhiung  auf.  Andere  Handschriften  zâhlen 
eben  so  wenig  als  die  Plutarch^s;  einige  aber  haben  sogar  nachtrag- 
iich,  und  zwar  schon  vor  Vincent  von  Beauvais,  eine  falsche  Buch- 
s&hlong  eingeschwârzt  zu  zwôlf  Bûchern,  indem  sie  auch  die  klei- 
neren  Viten  von  Gralba  ab  for  je  ein  Bucb  rechneten^). 

Wir  sind  noch  nicht  am  Ende.  Es  gilt  noch  auf  die  Ars 
metrica*)  des  Terentianus  Maurus  mit  ihren  2981  Yersen  hinzn- 
weisen.  Dass  wir  aucb  dièses  Werk  weder  complet  noch  in  seiner 
echten  Fassimg  besitzen,  dies  négative  Résultat  der  Lachmannischen 
Analyse  ist  voUkommen  gesichert,  und  wir  sehen  also  auch  hier 
tmsere  Fostulate  durch  innere  Merkmaie  auf  das  glûcklichste  besta- 
tigt*).    Zweifelhafter  bleibt  in  diesem  Fall  dagegen  die  Restituirung^). 

Hiemach  erubrigen  zwei  Werke  gleichfalls  der  spâteren  Zeit, 
bel  denen  jede  Spur  einer  Buchtheilung  verloren  scheint,  die  Com- 
pendiosa  doctrma  per  litteras  des  Nonius  und  die  Trogusepitome  des 
Justin.  Bei  diesen  werden  wir,  so  viel  ich  sehe,  durch  keine  so 
ûcheren  inneren  Indicien  in  unserer  Aufstellung  unterstiîtzt,  dass 
inch  sie  sich  ursprunglich  dem  alten  Theilungszwange  gefugt  haben 
QQiûssen. 

Man  bedenke,  dass  Nonius  Marcellus  mit  seinem  Werk  noch 
îtwa  hundert  Jahre  dem  Hieronymus  vorausliegt.  Wird  man  sich 
1er  Annahme  entziehen,  dass  seine  neunzehn  an  Grosse  so  imgleichen 
B[apitel,  von  denen  einige  bei  Priscian  selbstandig  citirt  werden*), 


I)  VgL  Roth,  éd.  Suet.  p.  XII. 

*)  So  lautete  der  Titel  (Mar.  Victorin.  p.  2529  P.). 

*)  Lachmann  selbst  sagt  S.  VIII ,  das  Werk  sei  „non  in  libres  sues 
distmctnm". 

^)  Ânscheinend  gingen  die  Sachtheile  selbst&ndig  fQr  sich;  Priscian  citirt 
■•  B.  Ter.  de  litteris.  Ter.  de  syllabis  (S.  10  und  305  H).  Und  in  der  That 
hai  de  gyUabU  jnst  1021  Verse,  und  der  Dichter  bricht  in  der  Form  des  Buch- 
eèhlusses  ab  ForsUan  hune  aliquis  verbomm  dicere  librum  non  dubitet  eqs. 
Hiersu  gehOrt  ausserdem  das  Vorwort  in  Glykoneen.  Dagegen  scheint  de  litteriê 
mit  194  Versen  su  kurs;  Marins  Victorinus  las  wobl  mehr  als  wir  (Keil  praef. 
8.  320)  ;  de  metris  aber,  ûberdies  unTollst&ndig,  kommt  mindestens  zwei  Bûchern 
l^leieh;  ich  Termuthe  drei  Bûcher  De  metris,  I  r.  1300—2180,  II  t.  2181—2914, 
m  2915  ff.  nnTollst&ndig. 

*)  Nimlich  das  sehnte  nnd  swOlfte. 


3g  2  —  Stôrungeii  der  antiken  fiuchform.  — 

wiederum  erst  in  spâterer  Zeit  zusammengestellt  worden  sind?  Man 
beachte,  dass  der  Zusatz  des  Werktitels  per  Utteras  in  Wirklichkeit 
ja  nur  auf  drei  dieser  Kapitel,  LE,  LU  und  lY  passt.  Die  alphsr 
betischen  Xi^SiÇ  dieser  Eapitel,  z.  Th.  sehr  grossen  Umfangs'),  machen 
jedenfalis  den  Gnmdbestand  des  ganzen  Corpus  ans.  Dieselben 
mûssen  doch  ursprûnglich  so  âusserlich  auf  Rollen  yertheilt  gewesen 
sein  wie  die  verwandten  Xé^etç  des  Festus  und  anderer  ').  Und  eist 
bei  Gelegenheit  ihrer  Codificirung  sind  dann  wohl  die  ûbrigen  Eapitel 
anderen  Charakters  hinzugestellt.  Dieser  Annahme  kann  zur  Bt- 
statigung  dienen,  dass  z.  B.  das  erste  Kapitel  de  proprietate  sermomim 
im  Grunde  durch  das  vierte  de  varia  signif.  sermonum  sachlich  va- 
geschlossen  wird*). 

Und  Justin?  Mit  ihm  rûcken  wir  nach  wahrscheinlicher  An- 
nahme^) gar  bis  in  die  Zeit  der  Antonine  hinauf.  Sein  Werk  hat, 
einer  Epitome  gemâss,  die  Theiiung  des  Trogus  in  vierundyienig 
Bûcher  beibehalten.  Die  also  verkurzten  Bûcher  entsprechen  indess 
dem  Rollenbuchwesen  nicht  mehr;  das  erste  hSlt  nur  500  Zeiloi; 
y  ist  das  grôsste  mit  770;  m  geht  dagegen  auf  325,  lY  auf  180, 
X  sogar  auf  108  Zeilen  zurûck,  vgl.  VI.  Vil.  Vffl.  IX.  XV  u.  s.  w. 
Die  gesammte  Epitome  hait  deren  ûber  1 1 000.  Die  unter  dem  Tltel 
PSndarus  Thebanus  bekannte  Epitome  der  Ilias  hat  gleichfalls  aile 
Tierundzwanzig  Buchinskriptionen  conservirt,  sie  hat  aber  zugleich  das 
Gesammtwerk  geschickt  in  den  obligaten  Umfang  einer  einzigen  RoUe 
zusanmiengedrangt  (s.  S.  297),  wobei  dann  auch  hier  z.  B.  Buch  XXm 
auf  11  Zeilen,  XIII  auf  7,  XVII  gar  auf  deren  3  reducirt  sind*). 
Ganz  ebenso  muss  auch  Justin,  faUs  er  nicht  schon  ausserhalb 
des  antiken  Buchwesens  stand,  seine  Epitome  unter  Beibehaltung 
der  Buchinskriptionen   des  Trogus    ûberdies    noch    auf  Bûcher 


1)  Kap.  II  tazire  ich  auf  gegen  4000  (etwa  4  Rollen),  III  auf  1500 
(1  Bolle),  IV  auf  6000  Stichen  (etwa  5  BoUen). 

>)  Vgl.  oben  S.  323  f. 

')  Ebenso  scheint  Kap.  III  ohne  BQcksicht  auf  Kap.  VIII  abg^asst. 

*)  Vgl.  BQhl,  Verbreitung  des  Just.  im  Mittelalter. 

^)  Wenn  die  Handschriften  dièse  Bûcher  mit  explicit  subskribiren,  so  ist 
dies  unursprûnglich,  sowie  ja  z.  B.  auch  die  einzelnen  Ovidheroiden  dften  in 
den  Hss.  ihr  explicit  haben.  , 


—  Verlaat  der  fiaohtheilimg  bei  Justin.  —  383 

rertheilt  haben,  die  das  herrschende  Mînimalmass  nicht  yerletzten. 
Dies  erweisen  die  sonst  bekannten  Epitomen  aus  classischer  Zeit^). 
Es  liesse  sich  demgemâss  etwa  annehmen,  dass  der  Trogus  des 
Fustin  in  vier  Volumina*)  ging,  deren  erstes  die  Bûcher  I — VU,  das 
5weite  die  Bûcher  VIII— XVI,  das  dritte  XVn— XXX,  das  vierte 
ÏXXÎ — XLIV  umfasste').    Dass  dièse  Viertheilung  hemach  im  Codex 


^)  Man  rergleiche  folgende  Beispiele.  Diogenian's  Excerpt  aus  Pampliilos 
lielt  ô  fiQcher.  Marc  Aurel  schreibt  bei  Fronto  (ad  M.  Caes.  2,  13):  feci 
xcerpta  ex  libris  sexaginta  in  quinque  tamis,  Theopomp  machte  eine  Epitome 
.er  néon  fiQcher  des  Herodot  in  zweien  (Suid.  s.  Siônoftnoç)  ;  Theophrast  eine 
Spitome  aus  don  vôfiot  in  10  Bb.,  aus  der  Politie  in  zweien  (Diog.  Laert.). 
lieopomp's  58  Bûcher  wurden  eu  16  ezcerpirt  (PhoL  S.  120  B.).  Pamphila 
ixeerpirt  des  Ktesias  23  Bb.  nsçatxtiv  eu  drei  Bûchem  (Suid.  s.  nafnpHfj; 
mch  anderen  that  dies  Soteridas;  MQller  fr.  hist.  III  520).  Der  Metriker 
lephaestion  schrieb  zuerst  48  Bûcher,  dann  aber  inére/uey  avrà  flç  tv&txa, 
laiin  fîç  Tçia,  dann  ëiç  ty  (Hephaest.  iyxt^Q'  schoL  Saibant.  S.  147.  35.  77). 
lermogenian  rerfasste  imTofiâiy  fiifiXUt  l|  (Index  der  Florentina).  Der  Par- 
^miograph  Zenobios  epitomirte  den  Didymos  und  Lnkios  Tarrhaeos  eu  mindestens 
Irei  Bûchem.  Varro  contrahirte  15  Bûcher  seiner  25  Bûcher  De  ling^a  latina 
m  9,  derselbe  seine  41  Bb.  Antiquitatum  gleichfalls  zu  9  (Bitschl  Op.  III 
S.  424).  Nach  diesen  Analogien  muss  nun  auch  der  ein  Buchmass  ûber- 
lehreitende  Justin  seine  Trogusepitome  in  mehreren  Bûchem  placirt  haben. 
Brgftnzend  sei  etwa  erinnert,  dass  Agatharchides  ron  Knidos  Auszûge  aus 
«înen  eigenen  Werken,  sowie  aus  der  Lyde  des  Antimachos  machte,  dass 
Sopater  von  Alezandrien  irmofÀÙç  nlsicTCDy  schrieb  (Suid.),  dass  M.  Bratus 
lie  Annalen  des  Fannius  in  eine  Epitome  brachte  (Cic  ad  Att.  XII  5,  3),  dass 
ron  JaTolenus  existirten  Labeonis  libri  posteriorum  epitomatiy  dass  Lactanz  die 
[nstitntiones  in  einem  rolumen  epitomirte,  u.  s.  f.) 

')  Ich  will  nicht  unangefûhrt  lassen,  dass  6.  J.  Voss  De  histor.  lat.  I 
laeh  Th.  James  Ton  einer  Oxforder  Justinhandschrift  redet  in  der  Bibliothek 
les  Colleg^um  NoTum  mit  der  Aufschrift  Epitome  historiarum  per  Trogwn 
f)nttpeitim  lib,  IV,  Bei  Bûhl  finde  ich  hierûber  nichts.  —  Dass  Justin 
Bach  I  im  Excerpt  schliesst  mit  quod  sequenti  volumine  refertur  wûrde  uns 
lieht  zu  beirren  brauchen,  da  dies  treu  aus  Trogus  ûbemommen  sein  wird. 
7gl.  XLIII  fin.  :  In  postremo  libro  Trogus  eqs. 

')  In  Anknûpfung  an  Justin  sei  auch  an  das  r&thselhafte  Werk  des 
Bu  trop  erinnert.  Das  BroTiarium  des  Eutrop  berechnet  sich  auf  3325  Zeilen, 
irflrde  also  eine  Monobiblos  fttllen  nicht  grOsser  als  Sallust's  Jugurtha«  Es 
cerfiLllt  nun  aber  in  10  Bûcher!  Dièse  Bûcher  haben  im  Durchschnitt  den 
anantiken  Umfang  Ton  wenig  ûber  300  Zeilen.  Eutrop  ist  aber  Zeitgenosse 
des  Hieronymus.    Ist  nun  anzunehmen,  dass  Eutrop,  anders  als  ein  Hiero- 


384  —  StOruDgen  der  antiken  Bachform.  — 

neben  den  44  Buchtiteln  besonders   leicht  wegMlen   miisste,  wird 
man  gewiss  zugestehen. 

Die  Arten  der  Entstellung  der  classischen  Buchform,  velche 
der  Uebergang  in  das  Mittelalter  mit  sich  brachte,  sind  hiermit 
nun  aber  noch  keineswegs  erschopffc.  Es  kommt  jene  excerpirende 
Thâtigkeit  hinzu,  die  zwar  die  Buchtheilungen  bestehen  Hess,  aber 
die  Einzelbûcher  zu  minimalen  Umfangen  yerkûrzte.  Es  ist  wohl 
denkbar,  dass  auch  dies  wiederum  in  manchem  Falle  eben  bei  Ge- 
legenheit  der  Codificirung  geschehen  ist.  Ein  paar  der  wichtigsten 
Beispiele  mogen  hier  genûgen.  Wer  sich  des  P.  Rutilius  Lupus 
geringen  rethorischen  Nachlass  ansieht,  wird  sich  wundem,  warnm 
dièse  Schemata  dianoeas  ex  Graeco  vorsa  Gorgia  in  zwei  Bùchern 
Yorliegen,  da  sie  kaum  eines  zu  fûllen  ausreichen.  Die  Handschriften 
selbst  aber  sagen  uns,  dass,  was  sie  geben,  nur  Excerpt  sei^). 
Ebenso  verrathen  sich  die  Variae  historiae  Aelian^s,  deren  14  Bûcher 
zusammen  nur  5793  Zeilen  halten   (das  funfte  z.  B.  nur  160),  dem 


nymus,  ron  den  traditionellen  Fordeningen  des  RoUeDbuchwesens  sbsah,  aem 
Werk  nur  ftir   den  Codex  componirte  nnd  nur   &usserlich  und  spielend  eioe 
Buchtheilung  hinzathat,    die  der  wirklichen  BachgrOsse,  wie  aie  auch  danili 
noch  herrschte,  gar  nicht  entsprach?    Ein  Blick  auf  die  zeitgenOisische  Litte- 
ratur  macht  dies  geradezu  unglaublich.    Aber  wie  sonst  erki&ren?    Die  Matb- 
massung   drângt  sich   auf,  dass    ein  Werk  ûber  rSmische  Geschichte  in  zehn 
Tollen  Bûchern   bestanden  hatte,   zu  dem   sich   unser  Eutrop  so  rerh&It  wie 
Justin  zum  Trogus;  es  wurde  gekQrzt  zu  einer  Monobiblos»   aber  die  teho 
Buchanfschriften   beibehalten.     In   dem  so   postulirten  Werke  mûssten  LÎTias. 
Sueton,  Dio  Cassius,  die  Scriptores  hist.  aug.  n.  a.  schon  benutzt  worden  sein; 
als  Verfasser  desselben  liesse  sich  wohl  nur  Eutrop  selbst  denken.    Und  ftbrt 
zu  solcher  Yermuthung  nicht  auch  der  Titel  Breviarium^  Epitome  (Suid.)  selbst? 
Eine  Zusammenarbeitung  aus  mehreren  Werken  heisst  doch  nie  so;  „ Epitome 
ist  immer  die  Kûrzung  nur  eines  Werkes.  —  Die  erhaltene  Epitome  mûsste 
dann  aber  sehr  frûh,   vielleicht  vom  Eutrop  selbst,  gemacht  sein;  man  fsnd 
in  ihr  nicht  angegeben,   wer  epitomirt  sei:    daher  ist  das  imTifJiôyToç  JifiM* 
bei  Suidas  (s.  r.  Kccnirtay)  nichts  als  unzntreffende  Yermuthung.    Dièse  unsere 
Annahme  findet  nun  endlich  die  beste  Best&tigung  in  dem,  was  K5cber  (De  Joh. 
Antioch.  1871  S.  17  ff.)  ans  anderen  OrOnden  erschloss:  Johannes  Antiocheniu 
benutzte  ein  ursprûnglicheres  unTerktLrztes  Eutropwerk. 

^)  Bei  Buch  1  fehlt  die  Subskription;    bei  II   bieten   die  Medicei  stitt 
liber  secunckts  deutlich  genng  de  libro  secundo^  ebenso  der  Vindobonensis. 


—  Excerpirte  Bûcher;  Butilius  Lupus,  Aelian,  Apicius.  —         385 

Lesenden  sofort  als  Auszug.  Das  nâmliche  ist  zu  urtheilen  ûber  des 
Caelîus  Apicius  Lehrbuch  de  coqtûnaria;  von  seinen  zelm  Bûchem 
ist  TI  mit  500  Zeilen  am  stârksten,  die  anderen  sinken  betrâchtlich, 
BO  I,  n  und  m  zu  je  200,  IX  zu  130,  X  gar  zu  98.  Reichlich  zwei 
Dritttheile  dieser  Kûchenweisheit  ist  uns  yorenthalten  ;  nirgends 
waren  ja  auch  Weglassungen  so  leicht  als  eben  bei  solchen  Recept- 
Bammlungen.  Der  Codex  Salmasianus  bestatigt  dies  zur  Genûge, 
welcher  Apici  .excerpta  a  Vinidario  vir  intut  erhalten  hat');  sie  sind 
von  Schuch  yersuchsweise  in  die  Bûcher  IV,  VI,  Vil  und  VIQ  ein- 
gestellt.  DasB  damit  aber  das  Fehlende  erschôpft  sei,  wird  niemand 
glauben. 

£in  renommirteres  Beispiel  sind  die  Fabeln  des  Phaedrus.    Es 
enthalten  die  funf  Biicher  derselben  folgende  Verssummen: 

I  861    II  178    m  408    IV  423    V  174  •). 

Jedenfalls  edirte  Phaedrus  zuerst  nur  zwei  Bûcher;  dann  folgte 
Buch  m  ad  Eutychum  allein  fur  sich  (ygl.  UI  10),  erst  danach 
Bach  IV  ad  Particulonem  ;  endlich  als  der  Dichter  ait  ist  (V,  10), 
fûgte  er  das  funfte  hinzu.  Dass  er  nun  nicht  mit  diesen  Buchlappen 
auftrat,  ist  klar  genug.  Es  fehlt  etwa  die  Halfbe.  Und  auch  hier 
sind  es  Excerpte,  die  uns  dies  bestâtigen.  Die  sogenannte  Appendix 
Phaedri  der  Perottischen  Fabeln,  im  15.  Jahrhundert  bekannt  ge- 
vrorden,  fugt  ûber  400  Verse  ohne  Buchform  hinzu.  Dièse  Appendix 
ist  sicher  fur  Eigenthum  des  Phaedrus  zu  halten').     Aber  auch  sie 


1)  Vgl.  éd.  Schueh  S.  21. 

>)  Ohne  die  Ueberschriften,  deren  I  32,  II  10,  III  20,  IV  26,  Y  1 1  hat. 

*)  Sie  gleicht  in  Sprsche  und  Versform  (Elision,  Auflôsungen;  Beinheit 
des  sweiten  Fusses  Buch  IV  248  Mal,  Appendix  231  Mal)  dem  Phaedrus  wie 
ein  Ei  dem  andern.  Nicht  in  Betracht  kommt  dagegen,  dass  A  pp.  2  wie  eine 
matte  Beplik  ron  III  18  aussieht,  noch  der  Tadel  der  griechischen  Sprache 
App.  23,  w&hrend  Phaedrus  doch  Graeciae  litteratae  propior  war  (III  praef.  53). 
Ansserdem  kOnnte  der  Ton  in  der  Appendix  strenger  scheinen:  ygl.  maligna 
l,  3.  fallax  4,  5.  vitia  6.  corruptus  u.  impudens  13,  18.  turpUudo  13,  31* 
mal^kunijperfidia  17.  stievum  18.  scelesium  19.  pessime  21»  odio8au,pe8sma24c, 
neguam  26.  perfidie  26, 14.  perfida  27, 1.  improbae  30,  3.  Uebrigens  braueht 
Phaedrus  improbua  in  elf  Fabeln:  I  1,  5.  16.  22.  31.  II  3.  IH  11.  IV  8. 
rV  19.  V  1.  3.  Ist  er  deshalb  Ton  Martial  Phaedrus  improbus  genannt  worden 
(m  20)? 

Birt,  Buebweseii.  25 


386  —  StOrungen  der  antiken  Buchform.  — 

ersetzt  noch  keineswegs  ailes;  denn  wenn  Avian  in  der  Inhaltsangabe 
seiner  Monobiblos  unter  anderem  erwâhnt,  auch  Baume  fuhre  er 
redend  ein  (loqui  arbores),  so  fuhrt  er  die8  Verspreclien  "wirldich  ans 
(N.  16  und  19);  wenn  Fhaedrus  im  ersten  Prologus  dasselbe  ankûndigt 
(quod  arbores  loquantur,  non  tanium  ferae),  so  sucht  man  unter  allen 
Gedichten  vergebens  nach  Eiche,  Fichte,  Scbilf  oder  DornstraucL 
£benso,  wenn  wir  von  argen  Verfolgungen  hôren,  die  der  Dichter 
um  seiner  Fabeln  willen  von  Sejan  erfuhr  (III  praef.  33  £F.),  so  reicht, 
sie  zu  erklâren,  doch  gewiss  nicht  die  Fabel  von  den  Froschen  ans, 
die  einen  Eônig  wollten  (I  2),  auch  nicht  vom  Adler  und  der  Erâhe 
(II  6),  wenn  hier  auch  der  consiUator  maUficus  allerdîngs  an  Sejan 
gemahnen  musste. 

Ein  besonders  merkwûrdiges  Beispiel  ist  aber  die  lateinische 
Anthologie  des  berûhmten  Codex  Salmasianus  Parisinus  aus  dem 
siebenten  bis  achten  Jahrhundert:  ein  einschnittloses  Corpus  Yon 
Gedichten,  durch  Auslese  aus  einer  Yielheit  von  Einzelbûchem  zn- 
sammengestellt.  Es  ist  anerkannt  und  leicht  anzuerkennen,  dass  der 
Zustand,  in  dem  dasselbe  vorliegt,  erst  mittelalterlicher  Zeit  verdankt 
wird.  Von  der  ursprûnglichen  Buchtheilung  der  excerpirten  Voilage 
sind  aber  noch  genûgende  Spuren  erhalten;  denn  jene  in  derHand- 
schrift  den  Gredichten  gelegentlich  beigefugten,  bis  21  aufisteigend^ 
Zahlen  sind  mit  Sicherheit  als  Buchzahlen  erklârt  worden*).  Wie 
immer  iiber  den  Process  der  Verkûrzung  und  die  Beschaffenheit  des 
Original werks  im  Einzelnen  zu  urtheilen  sein  wird,  dies  ist  jedenfalls 
als  wichtigste  Thatsache  voranzustellen ,  dass  in  der  genannten  Ge- 
dichtsammlung  eine  Summe  von  allermindestens  einundzwanzig 
Biichem  zu  einer  Masse  im  Umfang  von  etwa  nur  sechs  Bûchera 
zusammengezogen  worden  ist,  so  zwar,  dass  die  Benutzung  der  Ori* 
giualbucher  eîne  hôchst  ungleichmâssige  war  imd  dass  von  jedem 
Theilungsprincip  abgesehen  wurde. 

Wâhrend  fast  aile  jene  Zahlen  nur  in  margine  nackt  und  ohne 
Buchtitel  erscheinen,  erhalten  wir  doch  wenigstens  einmal^)  auch 
eine  vollstândige  Subskription;  sie  lautet:  lÀber  gramaton  expUcit  XVL 


ï)  Vgl.  Riese  Anthol.  lat.  I  p.  XX  f.    II  p.  LV. 
')  Auf  S.  108  der  Hsndschrift,  nach  N.  199  Biese. 


—  Ezcerpirte  BQcher;  Phaedrus,  lateinische  Anthologie.  —         387 

Hier  steht  somit  der  Werktitel  vor  uns;  er  lautete  nicht  carmina, 
nicht  poemata,  sondera  grammuta.  Es  wird  nicht  wohl  anders  môg- 
lich  sein,  als  ihn  zu  Epigrammata  zu  ergânzcn^). 

Es  existirte  demnach  am  Ausgang  des  Alterthums  eîne  grosse 
Sammlung  y  on  Epigrammen  verschiedener,  vielfach  nngenannter 
Lutoren  zu  ùber  zwanzig  Bûchera,  die  den  Martialbûchera  àhnlich 
[esehen  haben  mûssen.  Aus  ihnen  ist  dann  das  Excerpt  mit  sehr 
»edeutender  Verkùrzung  und  fast  gânzlicher  Tilgung  der  Inscriptionen 
ergestellt,  gleichzeitig  aber  in  dies  Excerpt  eine  Reihe  selbstândiger 
nd  nicht  epigrammatischer  Dichtungen  eingestreut  (vor  allem  N.  21. 
3.  200.  253;  hôchst  wahrscheinlich  auch  die  zusammengehôrige 
fasse  7  bis  18;  vielleicht  auch  198,  199).  Dièse  letzteren  Stùcke 
ind  se  eingeordnet,  dass  sie  sich  entweder  sicher  (N.  200;  so  auch 
98,  199)  oder  wahrscheinlich  (83.  253.  21)  zwischen  zwei  Buch- 
prenzen  befinden  ^).  Ferner  wurde  erst  damais  das  yoUstandige 
[jiixoriusbuch^),  erst  damais  auch  das  Rathselbûchlein  des  Symphosius^) 
mgefugt. 

Uebrigens  erhebt  sich  die  doppelte  Frage,  erstlich  wann  jene 
ibri  (epi)grammaton  selbst  und  zweitens  wann  aus  ihnen  die  uns 
rorliegende  Anthologie  entstanden  sei.  Denn  Beides  ist  nicht  gleich- 
^tig  zu  denken.  Das  spâteste  Datum  der  libri  weist  gegen  die 
^tte  des  sechsten  Jahrhunderts  (N.  203).  Sind  dieselben  also  erst 
lamals  und  nicht  frûher  gesammelt  worden,  so  gelangen  wir  fur  die 
Serrichtung  unserer  Anthologie  ihrerseits  in  eine  noch  spâtere 
Période,  schon  in  das  eigentlichste  Mittelalter  und  in  die  Nâhe  der 
Lèit  des  Cod.  Salmasianus  selbst.    Dièse  Ajinahme  aber  ist  die  allein 


^)  fiei  den  Griechen  steht  fur  fiifiXkt  allerdingé  bisweilen  yQÛ/nficera 
Plotarch  Caes.  60.  Galen  vol.  I  p.  79  ro  dfùnQoy  ygrififia;  Tgl.  aach  ËusUth 
IL  p.  6,  4;  oben  S.  79,  1).  Indess  dass  ein  Werktitel  bei  ihnen  so  gelautet 
kabe,  ist  nicht  wahrscheinlich  zu  machen,  wie  viel  weniger  bei  den  Bômern. 

'}  Bei  den  Summirungen  der  Gedichte  (Riese  I  p.  XXIII)  kamen  die- 
lelben  natûrlich  mit  in  Z&hlung. 

')  Dasselbe  fûhrt  sich  nicht  ein  als  liber  {ep%)grcanmaUm  XXIIl^  sondem 
Ub  Uber,  epigrammatofi,  trâgt  also  deudich  den  Charakter  der  Monobiblos. 

*)  Ë8  ist  wiederum  nicht  subskribirt:  expL  liber  XXII  epigr,^  also  ge- 
bOite  es  nicht  zur  Sammlang;  eben  deshalb  geht  es  in  vielen  anderen  Hand- 
lehriften  isolirt. 

25* 


388  —  StGraogen  der  antiken  Buchform.  — 

inôgliche.  Denn  woUte  man  die  EpigrammensammluDg  firûher  uud 
etwa  echon  in  das  vierte  Jahrhundert,  die  Epitome  dagegen  in  die 
Zeit  des  Luxorius  verlegen,  so  mûsste  man  das  ganze  Bnch  XX 
ausécheiden  (vor  allem  N.  223,  226,  228),  ebenso  das  Buch  Vm 
(einziger  Vertreter  N.  20),  ebenso  das  muthmassliche  Buch  XVII 
(N.  201 — 215),  femer  aber  noch  einzelne  Nummern  wie  37,  254, 
285  und  andere.  Fur  die  Annahme  endlich,  dass  jene  grosse  Epi- 
grammensamndung  des  sechsten  Jahrhunderts  etwa  nacb  Art  der 
Palatinischen  Anthologie  ein  allmâhliches  Entstehen  gehabt,  feblt 
jedes  Indicium.  Eine  vorbereitende  und  Torbildliche  Sammlung  nach 
Art  des  Agathias,  Philippos  oder  Meleager  lâsst  sich  hier  nicht  e^ 
schliessen.  Sowie  man  im  sechsten  Jahrhimdert  die  Werke  der 
verschiedensten  Rechtsgelehrten  excerpirt  und  sodann  dîes  Exceipl 
in  den  Digesta  sorglich  auf  Bûcher  vertheilt  bat,  so  scheint  num 
gleichzeitig  auch  im  Ereise  der  schôneu  Litteratur  den  Dichtern 
gegenûber  ein  âhnliches  Bedûrfniss  empfunden  und  es  auf  die  gleiche 
Weise  befriedigt  zu  haben:  man  entschloss  sich  damais  ganz  ebenso 
auch  aus  Gedichtbùchem  der  verschiedensten  Autoren  Gedichte  in 
epigrammatischer  Form  massenhaft  zu  excerpiren  und  yertheilte  dies 
Excerpt  nicht  minder  sorgfâltig  auf  eine  Yielheit  einzelner  Bûcher 
des  solennen  Umfanges,  eine  fur  die  Zeit  immerhin  hochverdienst- 
liche  Arbeit,  die  leider  spâtere  Benutzer  fur  immer  und  bis  zur 
Unkenntlichkeit  entstellt  haben  ^). 

Der  Gedanke  liegt  nahe,  zu  der  gleichfalls  mittelalterlichen 
Pfâlzer  Anthologie  desKephalas  vergleichend  hiniiberzublicken. 
Auch  sie  stellt  aus  den  Bûchern  ihrer  Vorlagen  grosse  gliederlosc 
Massen^)  her,  Massen,  die  an  Fùlle  âltesten  und  edelsten  Materials 
die  so  dûrftige  und  glanzlose  romische  Sammlung  weit  hinter  sich 
lassen.  Gleichwohl  lâsst  dies  breite  Material  die  Buchtheilung,  der 
es  einst  verfallen,  in  keiner  Spur  mehr  erkennen.  Es  ist  ein  beson- 
ders  glûcklicher  Zufall,  dass  uns   ein  einziges  Mal  hier  dennoch  ein 

^)  Die  n&here  Begrfmdung  fQr  das  Vorgetragene ,  soweit  es  Ton  Riese 
abweicht,  wûrde  grôssercn  Baum  erfordem,  als  uns  hier  offen  steht.  Viele 
der  Aufstellungen  von  Peipers  (Rhein.  Mus.  31  S.  183  ff.;  Tgl.  B&hrens  eheaii 
S.  254  ff.)  werden  durch  meine  Âuffaasung  ausgeschlossen. 

3)  Vgl.  oben  S.  304. 


—  EIzeerpirte  Bûcher;  Uteinische  a.  griechische  Anthologie.  —     389 

Tielleicht  nahezu  Yollstândiges  Buch  aus  ihm  herauszuschâlen  ver- 
gônnt  ist,  welches  so,  wie  es  Torliegt,  ein  Glied  jenes  cfdifAa  tioXv- 
pêfiXop  gewesen  sein  muss,  das  einst  Philippos  als  ^Kranz^  heraus- 
gegeben  batte.  £s  ist  ein  alphabetisch  geordnetes  Buch  von  694 
Zeilen^)  nnd  stebt  in  den  Epideictica  N.  215  bis  312. 

So  viel  genûge  ûber  die  yerschiedenen  Moglicbkeiten  der  Ent- 
stelliug  der  classiscben  Buchgestalt.  Es  muss  uns  nun  Pflicht  sein, 
hiermit  im  Zusammenhang  und  auf  Grand  unserer  Eenntniss  des 
antiken  Rollenbucbes  textgescbichtliche  Problème  zu  erôrtern,  die 
sich  an  bis  hieher  iibergangene  vielgenannte  Namen  knûpfen.  Es 
obliegt  uns  die  Fragestellung  nacb  der  urspriinglichen  Textgestalt  des 
Theokrît,  des  Catull  und  des  Properz.  Die  ersten  beiden  zeigen 
schon  dem  âûchtigen  Betracbter  sogleich  ihre  XJnyereinbarkeit  mit 
dem  Buchgesetz,  dem  Aufmerksamen  werden  sie  aber  auch  die 
Merkmale  nicht  verhehlen,  mit  deren  Hûlfe  sich  dieser  Widerstreit 
erklâren  und  auflosen  lâsst. 

Theokrit»). 

Dass  der  Nachlass  des  Theokrit  uns  nicht  in  der  Form  vorliegt, 
darin  er  edirt  wurde,  wird  heutzutage  wohl  niemand  bezweifeln. 
Die  Wichtigkeit  der  Sache  wird  die  Kûhnheit  dessen  entschuldigen, 
der  aus  dem  anscheinend  chaotisch  XJeberlieferten  die  ursprungliche 
Form  versuchsweise  zu  reconstruiren  unternimmt.  Betrachten  wir 
xonâchst,  was  uns  die  Handschriften  der  Byzantiner  unter  dem 
Bochtitel  OsoxQitov  BovxoJUxcc  ûberliefern.  Ahrens  bat  in  einer 
gmndlegenden  Abhandlung')  aus  dem  Inhalt  der  besten  Handschriften 
eine  bjzantinische  Sammlung  Yon  26  Nummern  wiederhergestellt. 
In  ihr  standen  die  bukolischen  Idyllien  folgendermassen  Torangeordnet: 


^)  Ohne  die  Ueberschriften  596. 

')  Dieser  Abschnitt  mOge  als  Ërg&nzung  dessen  dienen,  was  Ton  mir 
kûnlich  in  meiner  Schrift  Ëlpides  (Marburg  1881)  aphoristiscb  vorgetragen 
worden  ist.  Za  S.  llOf.  dieser  Schrift  bemerke  ich  berichdgend,  dass  bei 
Thaokrit  XXl,  14  f.  Bficheler  allerdings  mit  mir  hinter  ovtoç  6  nkovtoç  su 
interpungiren  geneigt,  ûbrigens  an  der  von  Hiller  aufgenommenen  Emendation 
oh  Tckéiâ*,  ov/i  &vçau  tî)^,  où  xwa  festh&lt. 

«)  PhUol.  XXXÏII  S.  386ff.  577  ff.;  vgl.  bes.  S.  581. 


390  —  Stôrungen  der  antiken  BQchform.  — 

I.  VIL  UL  IV.  V.  VI.  VIII.  IX.  X.  XI;  es  folgten  Aïtes  (XII)  und 
Hylas  (XIII);  darauf  Pharmakeutriai  (II),  Kyniskas  Eros  (XIY), 
Adoniazusen  (XV);  dann  die  Lobgedichte  auf  Ptolemaeos  und  Hieron 
(XVII.  XVI);  hiemach  'HçaxUoitoç  (XXIV),  J^oxorçot  (XXE), 
'Elépfjç  im&aXccfnoç  (XVIII),  yil^pat  (XXVT);  sodann  ^Hlaxâtn 
(XXVIII),  Uaiâixà  A\  Haiâixà  J5';  endlich  "OaçKnvç  (XXVII)  und 
^EniyçdfAfiata,  [Meyâça  und  ^HçaxX^ç  ksovxotpôvoç  (XXV)].  Dies 
ergiebt  eine  Gesammtsumme  von  2359  oder,  mit  den  zwei  letzten 
accessorischen  Nummern,  von  2765  Versen. 

Ausserdem  stehen  aber  in  anderen  Handschrifben  als  Theckiitisch 
noch  die  folgenden  Gedichte:  BovxoXUsxoç  (XX),  Wii^rç  (XXI), 
KfjQioxXéTrrrjç  (XIX);  ^ETUTCcfpiOç  ^Adoiviôoçy  Etç  V€xqov  ^Aimw, 
^EçaCTijç  (XXJH),  ^ETU&alâfAioç  ^AxiXXécùç^);  ferner  aber  anch  der 
^Ennd(fioç  Bitùvoç,  Hierdurch  steigert  sich  die  Gesammtmasse  za 
3262  Versen. 

In  dieser  Summe  fehlt  noch  die  Berenike,  von  deren  Existeoz 
wir  durch  Athenaeos  S.  284  erfahren,  die  aber  von  unserer  Hand- 
schriftentradition  ausgeschlossen  worden  ist. 

In  jenem  Complex  von  26  Nummern  ist  eine  sachliche  Grup- 
pirung  nicht  zu  verkennen.     Wir  unterscheiden  : 

1.  Bukolische  Idyllien:  I.  lU — XI. 

2.  Erotische  (pâderastische)  Idyllien:  XII.  XIII. 

3.  Stâdtische  Idyllien  mimischen  Inhalts:  IL  XIV.  XV. 

4.  Enkomiastische  Gedichte  a)  fur  Kônige:  XVII.  XVI.   b)  fur 

Heroen:  XXIV.  XXIL    c)  fur  Heroinen:  XVHI. 

5.  Arivat  ^  Bà^xai,  Epyllion  kleinsten  Stiles. 

6.  AeolischeMele:  XXVIII  und  beide  Uaidixa* 

7.  Nachtrag  zu  den  Bucolica:  XXVIP). 

8.  Epigramme. 


^)  Ahrens  S.  595.  Nur  beim  "Eçtaç  âçccmniç  und  bel  der  Europa  findet 
sich  in  den  Codd.  der  Name  des  Moschos;  aile  anderen  sind  aho  &eit  dem 
Ausgang  des  Altertbums  als  Tbeokritiach  ûberliefert. 

^)  Die  Unechtbeit  dièses  Stûckes  ist  kein  hinreichender  Orund,  es  ans 
dieser  Sammlung  auszuscbeiden.  Der  Sammler  kann  es  scbon  als  Theokritiseh 
vorgefunden  baben;  er  stellte  es  nicht  zu  I,  III — IX,  weil  dièse  traditionell  ils 
Monobiblos  eine  Einbeit  bildeten;  s.  darûber  unten. 


—  Theokrit.  —  391 

Als  Urheber  dîeser  Sammlung  yermuthet  Ahrens  sehr  ansprechend 
den  Eratosthenes  scholasticus,  den  Verfasser  derTheokrithypothesen^), 
der  uns  aus  der  Anthologie  bekannt  ist.  Denmach  aber  fallt  die 
Ëntstehung  der  Sammlung  nicht  vor  das  vierte  Jahrhundert. 

Dass  Theokrit  in  der  Zeit  der  Buchrollen  nicht  in  der  vor- 
liegenden  Form  tradirt  war,  beweist  eben  der  XJmfang  der  Samm- 
lung; Yollauf  bestatigt  wird  dies  durch  den  buntscheckigen  Charakter 
ihres  Inhalts  selbst.  Vor  aUem  ist  ihre  sechste  Gruppe,  der  ^OaçKfTVç, 
sicher  nachtheokriteisch  imd  also  erst  nachtrâglich  hinzugekommen. 
Ist,  was  uns  yorliegt,  nun  aber  keine  Bucheinheit  in  antikem  Sinn, 
80  muss  sie  aus  mehreren  Bucheinheiten  hervorgegangen  sein.  Da 
nun  fur  eine  solche  die  meisten  der  obigen  acht  gesonderten  Gruppen 
nicht  umfangreich  genug  siod,  so  folgt,  dass  dièse  Sammlung 
grôsstentheils  durch  Auslese  aus  verschiedenen  Buchein- 
heiten entstanden  ist.  In  welcher  Form  hat  nun  Theokrit  den 
Alten  selbst  vorgelegen? 

Hesych  von  Milet  iibernahm  im  sechsten  Jahrhundert  folgenden 
bel  Suidas  erhaltenen  Eatalog:  ovroç  syçalps  %à  xaXovfiêPa  Bov- 
stoJUxà  sn^  JùHQidi  d^aXéxxui  '  Ttvèç  âè  àpatpéQOvatv  sic  ahxov  xal 
tavta'  UqonidaÇy  ^EXitidaç,  ^'Yfipovç,  ^Hçiatpaç,  *Entxijd€ka,  MéXfjj 
'EXsyBiaÇj  ^Icc/a^ovç^  ^EnêyçdfAfiaTa. 

Man  besass  also  vom  Theokrit  viel  mehr  als  wir.  Dièses  Ver- 
zeichniss,  das  nicht  einmal  fur  vollstandig  zu  gelten  braucht,  nennt 
zehn  verschiedene  Titel  ;  imd  es  sondert  dabei  vor  allem  die  Werke 
noch  sauber  nach  den  Bucheinheiten;  denn  da  ja  die  Einzeltitel  einer 
MischroUe  nicht  catalogisirt  zu  werden  pflegten*),  so  ist  unter  jedem 
Titel  nothwendig  ein  oXov  fii^Uov  zu  denken;  das  bedeutet  aber, 
monobiblisch,  ca.  500  bis  1000  Verse.  Dièses  Verzeichniss  bezeugt  uns 
mithin  einen  Nachlass  von  circa  5000  bis  10  000  Versen.  Neun 
unter  diesen  zehn  Bûchern  galten  ûbrigens  nur  bei  „Manchen"  fiîr 
Theokriteisch. 

Tragt  nun,  was  uns  erhalten  ist,  den  Charakter  der  Auslese, 


')  Vgl.  Hypoth.  XII.  Ahrens  sieht  in  ihm  auch  den  Bedaktor  der  alten 
Bcholien  (éd.  Bue.  II  S.  XLVII). 

^  Ans  diesem  Grunde  dûrfen  wir  e.  B.  im  Folgenden  die  JlQonidêç  nicht 
fur  einen  Theil  der  Heroinen  nehmen. 


392  —  StGniDgen  der  antiken  Bocliform.  — 

80  haben  wir  nachztisehen,  ob  nicht  dièse  Auslese,  wie  zu  erwaiten, 
eben  aus  diesen  Bûchern,  wie  sie  der  Eatalog  uns  kennen  lehrt, 
geschôpft  worden  ist.  Dièse  Frage  ist  partiell  zu  yemeinen,  partiell 
mit  Sicherheit  zu  bejahen. 

Aus  den  fiûchem  ^EJisyeïaê  und  ''Ia(*fioê  hat  sich  sicher  nichts 
zu  uns  gerettet;  eben  so  wenig  aus  den  Uqonidsç^  die  monobibliscbes 
Epyllion  gewesen  zu  sein  scheinen.     Dahingegen  sind  nun  aber 

1.  die  16  erhaltenen  Epigramme  mit  94  Yersen  nebst  den 
6  lyrischen,  die  die  Anthologie  darbietet,  sicher  aus  dem  Buch  Esor 
}^Qd(à(JbaTa  ausgehoben  (Gruppe  8); 

2.  aus  dem  Buch  MéXtj  sicher  die  sechste  Gruppe  mit  97  Verseu*); 

3.  aus  dem  Buch  ^HqiùXvay  wahrscheinlich  die  Jt^vcu  (Gruppe  ô)*) 
mit  38  Yersen,  gewiss  nicht  die  Helena^); 

4.  aus  dem  Buch  'Kfwo*  von  der  vierten  Gruppe  sicher  der 
'Yfàvoç  elç  JtocxovQOVç,  doch  wohl  auch  femer  Xciq^Têç  ^  *Hqw 
und  ^EyxùifMOV  €Îç  IlzoXsitaXov  XYI,  XYII.  Dièse  beiden  Enkomien 
besingen  freilich  Sterbliche  und  entsprechen  dem  strengsten  Wort* 
sinn  des  ^Hymnus^  allerdings  nicht  ^);  doch  ist  ja  auch  Eastor  sterb- 
lich  und  also  strenggenommen  kein  Gregenstand  des  Hjmnus,  andere^ 
seits  wird  Ptolemaeos  XVJl  5  £F.  ausdrûcklich  mit  den  Herooi 
identificirt: 

rJQtûiç   toi  nçôa&ev  à(f>*  ^fÀt&écjv  iyiyoyro 
^é^aynç  xaUè  éçya,  coqtàv  ixvQtjcay  àoiduiy. 
alrrùç  iytà  JlroXf/uaîov  inicjûfitvoç  xakà  iintîy 
vfAyfiaa^fÀ'"   vfivot  ât  xai  à&ayaTtay  yfQttç  avrûiy, 

Femer  braucht  hier  Theokrit  selbst,  wie  wir  sehen,  von  seinem 
Enkomion  auf  den  „Heros  der  Gegenwart"  den  Terminus  vfivoç.  Dem 
entspricht  im  Hieron  genau,  wenn  er  es  daselbst  seine  Aufgabe  nennt 


^)  Ich  nehme  Ilatdêxà  B'  mit  Bûcheler  u.  a.  f^r  echt. 

^)  So  auch  Ahrens.  V.  36  wird  das  Wort  ffçtoîyitt  gebraucht.  Enko- 
miastischen  Charakter  erkennt  Ahrens  S.  582  mit  Unrecht:  der  Schlass  laatet 
ja  vielmehr:  fifjdilç  rà  &f(x)y  oyôcîaro, 

^)  Dies  ist  ein  episch  eingefQhrter  Hymenaeus. 

*)  Vgl.  die  BchulmUssigen  Definitionen  bei  Proklos  (Phot.  S.  319):  ilç 
&iovç  tiya(féçéa&ai  vfiyoy,  Tiçoçodioy  . ,,  eiç  de  ày&çiônovç  iyxtô^ta,  intr 
yixovç  xtX. 


—  Theokrit.  —  393 

vikvsïv  àd-avàxovç,  VfAVSÎv  àyad-âv  xXéa  àv&q&v^).  Kalli- 
machos  hatte  in  seinem  Hymneabuch  allerdings  zu  den  hoheren 
Gottheiten  gegriffen,  und  wenn  dagegen  Theokrit  dièse  Aufgabe  ab- 
lehnend  bescheiden  sagt:  Movcay  fièy  d^sai  iviiy  d-sovç  d-sal 
àêtdovai,  80  wird  man  darin  zugleich  ein  starkes  Compliment  eben 
fur  den  Eallimachos  erkennen  mûssen:  gleichwohl  bat  aber  doch  auch 
Kalli  machos  in  seinem  Deloshymnus  das  Lob  des  Gottes  Ptolemaeos 
mit  eingefugt.  Hat  nun  Theokrit  ofFenbar  das  iyxoifitoy  mit  dem 
Vfipoç  gleichgesetzt') ,  so  mûssen  wir  auch  noch  die  verlorene  Bere- 
nike  hieherstellen,  und  von  diesem  Bûche  sind  uns  somit  474  Verse 
erhalten.  Ohne  Frage  wurde  dasselbe  von  N.  XVII  mit  den  Worten 
*&  ^*oç  aQXùifj^ad'a  erofFnet;  dann  folgte  wohl  XVI,  dann  etwa 
die  Berenike,  dann  die  Dioskuren. 

Fur  die  noch  ûbrigen  Gedichte  giebt  uns  Suidas  keinen  Titel, 
und  wir  werden  schliessen  miissen,  dass  sein  E^atalog  unvollstandig 
ist.  Vielleicht  stammt  die  zweite  Gruppe  aus  einem  Bûche  ^Eçtûnxâ, 
die  jedenfalls  von  Haus  aus  zusammengehôrige  dritte  Gruppe  mit 
385  Versen  aus  einem  Buch  Mtfiot^).  Es  erubrigen  die  Gedichte 
enkomiastischen  Stils  auf  den  Herakliskos  und  auf  Helena.  Ersteres 
war  muthmasslich,  wie  die  UQoniÔBÇ,  ein  monobiblisches  Epyllion^); 
woher  das  letztere  genommen  sei,  lâsst  sich  vor  der  Hand  nicht 
errathen  *). 

Das  Hauptwerk  Tollkommen  unbezweifelter  Echtheit,  das  den 
Namen  des  Theokrit  zum  Symbol  einer  besonderen  Stilgattung  er- 


')  Vgl.  damit  die  Dioskuren  t.  1:  vfAvéofiëç  jifiâaç  n  xtL,  und  t.  26: 
àft<fOTiç(o  v/uvioty;  v.  135:  xat  au  /nty  v^vtjaai  /uok,  âvaÇ.  Der  Sohluss  dièses 
Hymnas  ist  persdnlich  gehalten  und  den  Ënkomien  sehr  yerwsndt;  Tgl.  ytQatay 
di  &iolç  xâlXtCToy  aotâai  mit  XVI  19;  toç  i/uoç  oîxoç  vnâçxét  erinnert  an 
XVI  6:  der  Uymnus  gilt  als  Geschenk  des  Dichters. 

>)  Vgl.  Ëlpides  Note  1 18. 

')  Vgl.  EHpides  S.  39  u.  Note  119;  schwerlich  mdchte  sich  ein  passenderer 
Tîtel  als  MifAoi  finden  lassen. 

^)  Eeinenfalls  ist  dies  ein  Hymnas,  wie  der  rein  episohe  Anfang  seigt; 
Tgl.  die  Lenai.     Vielleicht  ist  die  H&lfte  des  Ganzen  yerloren. 

^)  Aus  einem  Bach  'Enk&aXâ/LiHx  oder  *Y/i<VaM>«?  oder  aus  dem  Bach 
*Eçù»uxâ1  Eeinenfalla  passt  das  Gedicht  zu  XVI  und  XVII;  die  inscriptio 
lyntifÂtoy  'Eléyijç  ist  ohne  Verlass. 


394  —  StOningen  der  antiken  Buchform.  — 

hoben  hat,  war  sein  Buch  BovxoXtxà  snti  JwQiôê  âêaXéxrm.  Bas- 
selbe  war  sîcher  Monobiblos,  da  die  Citate  niemals  Buchzahlen  nenneD. 
Wollen  wir  dièses  Buch,  so  wie  es  Vergil  Yorfand,  herstellen,  80 
bietet  sich  uns  dazu  nur  die  noch  unbesprochene  erste  Gruppe  unserer 
Theokritsammlung  dar  mit  zehn  Gedichten^).  Ist  uns  damit  wirkiich 
jene  alte  bukolische  Buchrolle  complet  gegeben,  welche  mit  einer 
entsprechenden  gleichen  Titels  von  Vergil  imitirt  wurde?  Oder 
ist  sie  damit  noch  unTollstandig?  Oder  haben  wir  gar  der  Stûcke 
zu  viel? 

Ganz  sicher  befanden  sich  in  ihr  die  acht  rein  pastoralen  Idjilien 
I,  m,  IV,  V,  VI,  Vn,  Vm*),  IX»);   welter  aber  auch  ohne  jeden 


')  Sicher  gehOrte  nicht  eu  den  Bucolica  der  Altes,  weil  jonisch  and  der 
obligaten  bukolischen  ËinfÛhrung  entbehrend;  dièse  bakolische  ËinftLhmog  fehlt 
aber   auch  dem  Hylas  (XIII)  und  den  Pharmakeutriai  (II);   die  besten  Hand- 
schriflen    stellen    das   StQck  II   alao  richtig  eu  XIV,   XV.     Wie   Vergil  (rgL 
Ëlpides  Note  111)»   so   beobachten   auch  Calpumius  und  Nemesianus  in  allen 
ihren  Nummern   den   bukolischen  Buchcbarakter ,   und   es   folgt  weiter  danu, 
dass  auch  die  Bovxohxâ  des  Moschos  und  die  des  Bien  in  diesem  Pankt  nicht 
minder  ezakt  geweaen   sein   mfissen;   in  der  That,  keines  ihrer  bei  Stobaeoi 
erhaltenen  Fragmente  widerlegt,  viele  best&tigen  dièse  Voraussetzung;  diejenigen 
allgemeinen  Inhalts  wie  bei  Stob.  Flor.  64,  21.  58,  11.  63,  28.  64,  22  kônneo 
sehr  wohl   bukolisch   eingefdhrt   gewesen  sein;   der  Charakter  dieser  Gedichte 
-war  aber  jedenfalls  viel  weniger  episcb-dramatiscb,  riel  mehr  elegisch-sentenziôa 
aïs  der  der  Theokriteischon.   —   Dass  Vergil's  Bucolica  das  Id.  II  nachahmen, 
beweist   natûrlich   nichts;   denn   dieselben    abmen    auch   (V  33  u.  VII  65)   die 
doch  sicher  unbukolische  N.  XVIII  (v.  29  f.)  nach.  —  Die  ^Eweite*^  Theokrit- 
Bammlung,    die  Ahrens  statuirt,   bestehend  aus   N.  I.  III — XIII,    ist   in   dieser 
Form    von   ihm   nur  fQr  die  byzantinische  Zeit  nachgewiesen  ;   dass   er  sie  ror 
Servius  datirt,  ist  falsch;  Servius  beseugt  nur  die  10  Nummern  ohne  XII,  XIII; 
die  Anordnung   der  Gedichte   nach   dem  ainoXoç,  fiovxôkoç,  not/uijr    hat  mm 
gewiss  erst  in  Byzanz  hergestellt. 

^)  Das  achte  Idyll  ist  frei  von  grOsseren  Interpolationen,  wie  Kôchly  und 
Bdcheler  dargethan  haben. 

^)  An  die  von  Ahrens  statuirte  erste  „Sammlung"  lâsst  sich  durchaiu 
nicht  glauben.  Sie  soU  auf  Theon  im  1.  Jhd.  zurAckgehen  und  nur  die  Nom- 
mern  I.  IL  III.  IV.  V.  VI.  VII.  VIII.  IX  in  der  uns  gelaufigen  Reihenfolge, 
mit  Ausschluss  ailes  Folgenden,  enthalten  haben.  Dièse  Hypothèse  ist  von 
jeder  handscbriftlichen  Gewâbr  vcrlassen;  denn  nur  in  wenigen,  dabei  jungen, 
werthlosen  Codd.  finden  sich  die  9  Stûck  so  isolirt  und  in  dieser  Folge;  zabl- 
reicher  sind  die  Codd.  mit  Id.  I — VIII;  aber  auch  sie  sind  durchg&ngig  jang. 


—  Theokrit.  —  395 

Zweifel  der  mythologische  ^Hirt"  Polyphem,  N.  XI;  denn  dieser 
Figur  ist  der  bukolische  Charakter  doch  gewiss  nîcht  ohne  Zweck 
verliehen;  Vergil  ûbersetzt  ihn  Ecl.  IX  39  f.;  beweisender  ist,  dass 
auch  Bion  in  seinen  Bucolica  denselben  Polyphem  am  Grestade  von 


Und  doch  sollen  wir  glauben,  dass  dies  die  âl teste  Sammlung  war,  ^dass 
die  jungen  Byzantiner  noch  Exemplare  jener  alten  Sammlung  hatten*^.  Aile 
besseren  und  besten  Codd.  zeugen  dagegen.  Und  was  soll  uns  nun  zu  solcher 
Annahme  Qberreden?  Die  so  geordneten  9  Stûcke  baben  gemeinsam  die 
grôBsere  H&ufigkeit  der  bukolischen  C&sur;  sie  sind  ferner  planyoU  nacb  Monodie 
oder  Wechselgesang  gruppirt;  endlicb  finden  sie  einen  Buchabschluss  im  Epilog 
Ton  Id.  IX.  Und  nacb  diesen  Rtlcksichten  soUten  nicht  aucb  die  Byzantiner 
der  Renaissancezcit  eine  Auslese  baben  treifen  kdnnen?  Warum  nicbt?  Dièse 
kursen  ^Sammlungen*'  sind  die  sp&testen;  sie  sind  obne  Frage  nur  aus  Verkflrzung 
des  grossen  Tbeokritcorpns  bervorgegangen,  die  nicbt  obne  Gescbmack  ausge- 
f&hrt  wurde.  Man  begn&gte  sicb  mit  den  7  (oder  8)  ersten  Bukolika  und 
Btellte  Ton  dem  Qbrigen  Nacblass  nur  die  Pbarmakeutriai  vorne  ein.  Dièse 
Auslese  wird  als  unantik  erwicsen  eben  durcb  dièse  Pbarmakeutriai.  Wenn 
ein  solcbes  StQck  in  einem  Bucb  ^  Bucolica*^  h&tte  steben  kOnnen  (Delphinus 
Bilris  adpictus),  so  konnte  aucb  Horaz  seine  Ëpoden  in  die  Satiren  stellen  u.  s.  f. 
Und  wir  soUten  die  scblecbtere  Ueberlieferung  fQr  die  &ltere  nebmen,  w&hrend 
weder  die  ratio  dafûr  spricbt,  noch  auch  irgend  welcbe  Analogie  (vgl.  S.  394 
Kote  1)?  —  Die  „erste  Sammlung"  soll  endlicb  nicht  von  Theokrit,  sondem 
Tom  Theon  herrahren.  In  welcher  Form  Theon  aber  den  Theokrit  Torfand, 
dies  bleibt  unerOrtert.  Wir  fragen  nothwendig:  Fand  er  Id.  X,  XI  in  dem- 
aelben  Biicbe  vor  und  liess  sie  weg?  Oder  in  welchem  Bûche  standen  dièse 
beiden  Stûcke  sonst?  Ferner,  Theon  ^sammelte**:  gingen  die  Idyllien  denn 
also  etwa  ror  seiner  Zeit  nur  einzeln  um?  Dies  ist,  wie  das  Buchwesen 
lehrt,  unmGglicb.  Schon  vor  Theon  muss  eine  Mehrbeit  derselben  ein  ^Buch*' 
gebildet  baben.  Was  war  aber  alsdann  noch  zu  „sammeln"?  Man  siebt,  wir 
gelangen  durch  Abrens'  Hypothèse  auf  nichts  als  Fragen,  f^r  die  die  Antwort 
ausbleibt.  Ueberhaupt  sind  Umibrmungen  von  Bûchern  in  den  Zeiten  der 
Buchrollen  viel  schwerer  und  seltener  vorgekommen  als  hernach;  jede  Hypo- 
thèse ist  faiscb  oder  unwahrscheinlicb,  fur  die  eine  unmdgliche  oder  ungewOhn- 
liche  Buchform  vorausgesetzt  wird.  —  In  der  That  wurde  aber  im  Altertbum 
auch  eine  ^Sammlung''  gemacht  (nicht  freilicb  von  Artemidor;  vgL  Vablen,  Ind. 
lect.  Berol.  1876);  von  ibr  meldet  das  bekannte  Epigramm  Bovxohxai  Molaat 
CTïoçââtç  nôxa,  vvv  â*  a/ua  nâata  hxl  fxiaç  fiâydçaç,  ivri  (uaç  àyélaç'^ 
und  zwar  sagt  es  aus,  dass  frQher  getrennte  bukolische  Dichtungen  nunmehr 
in  Eins  zusammengefûgt  worden  seien.  Wie  ist  dies  zu  denken?  Abrens 
hat  dies  mutbig  auf  seine  „erste  Sammlung''  gedeutet  (&hnlich  Fritzsche). 
Das  ist  aber  unbaltbar,  weil  ja   die  acht  Theokritidyllien ,   wie  gesagt,  auch 


396  —  StAraDgen  der  aotiken  Bachform«  — 

seiner  Galateia  singen  liess  (Stob.  Flor.  110,  17).  So  bliebe  denn 
nur  noch  das  eine  zebnte  Idyll  ûbrig:  es  zeigt  stattHirten  yielmehr 
Landbauer  bei  der  Emte;  Ton  und  Anlage  aber  sind  allerdings  den 
ûbrigen  Stûcken  hôchst  verwandt;  -wenn  sein  erster  Vers  den  Pflûger 
als  fiovxaîoç  anredet,  so  scheint  dies  an  den  Werktitel  zweckmâssig 
anzukiingen;  seine  Zugehôrigkeit  darf  uns  nicht  fur  sicher,  aber  doch 
iur  wahrscheinlich  gelten.  Die  Nachahmungen  Yergil^s  (X  28  und 
n  63)  sind  kein  zuTerlâssiger  Beweisgrund. 

Hiernach  batte  das  Alterthum  vom  Theokrit  ein  Buch 
Bucolica  mit  zebn  Gedichten,  und  dasselbe  besass  den 
obligaten   Umfang  von   896  Zeilen. 

Fur  dies  erwûnschte  Résultat  fehlt  es  nicht  an  weiterer  Bestâti- 
gung.  Ërstlich  hebt  Servius  hervor,  Yergil  habe  zwar  das  Theokrit- 
buch  nachgeahmt,  allein  wâhrend  dièses  zehn  Gedicfate  wirklich 
landlichen   Inhaltes    aufweise,   habe   Yergil    deren  dagegen  nur 


Bchon  Torher  nicht  anoçââiç,  sondem  buchweise  afia  nàca$  fÂtaç  fiâydçaç 
mngegangen  sein  mfissen.  Man  kann  nur  auf  swei  Weisen  erkl&ren  :  entweder 
Tereinigte  jener  Sammler  mehrere  Torhandene  monobiblische  Idylliensammlnngen 
yerschiedener  Verfasser  einfach  zq  einer  aùytu^tç  ohne  die  Bucheinheiten  m 
tangiren,  oder  zweiteos  er  traf  aua  eben  diesen  Sanimlungen  eine  Âuslese  ond 
stellte  aus  der  einen  und  anderen  antbologisch  die  besten  EUslogen  su  einem 
oder  auch  zu  mehreren  BQchern  zusammen:  keine  dieser  Mdgiichkeiten  passt 
indess  auf  Id.  I — IX,  die  weder  vielbQcherig  noch  aber  auch  eine  Âuslese  aas 
mehreren  Sammlungen  gewesen  sein  kdnnen.  Die  Verse  IX  28 — 36  aber,  deren 
Ëchtheit  Bflcheler  gewiss  mit  Becht  vertheidigt  hat  (s.  S.  398),  jenem  Sammler  ta 
vindiciren,  ist  somit  schon  sachlich  ausgeschlossen.  —  Anhangdweise  noch  ein 
Wort  ûber  den  spondeiâchen  vierten  Fuss  in  VIII  13.  31.  X  38.  58.  XI  1.  39. 
40.  52.  59;  durch  dièse  Ërscbeinung  sollen  die  betreffenden  Passagen  ans  den 
Bucolica  des  Theon  (nicht  des  Theokrit)  ausgeschlossen  sein,  weil  sie  in  den 
anderen  Oedichten  sich  nicht  finde;  yielmehr  werden  wir  auf  Grund  dieser 
Stellen  an  dem  xQijç  I  6  nicht  rQhren  dûrfen;  in  dieser  Weise  kônnte  man 
auch  z.  B.  folgern,  dass  Id.  I.  V.  VII.  VIII.  X  in  einer  anderen  Sammlang 
standen,  als  III.  IV.  VI.  IX.  XI;  denn  dièse  vermeiden  den  von  jenen  znge- 
lassenen  spondeischen  zweiten  Fuss  mit  Câsur  am  Ende,  wie 

iy&'  ù  xaXà  nàîç  èn^vicattak'   ai  d'  àv  àçéçnri. 
vgl.  I  13.  40.   VII  24.   VIII  43  (?).  91.   X  13;  in  Id.  V  aber  hâuft  sich  dies: 
V  21   (wenn  nicht  aîx'  ay  zu  lesen),  58,  86,  (92),   101.    So  kônnte  man  aoch 
Id.  IV  ausscheiden  wollen,  weil  es  allein  v.  52  die  zwei  ersten  Fusse  mit  einem 
Worte  fftUt:  xàxqaTvkkiâtç  (vgl.  den  unechten  Vers  IX  1). 


—  Theokrit.  —  397 

sieben  und  ausserdem  drei  abweichenden  Inhalts  aufgeDommen^). 
Auch  Seryius  rechnete  aiso  Id.  X  mit  ein;  ihm  bedeutet  hucolicus  so 
viel  wie  rusticus. 

Eine  zweite  Bestâtigung  ist  eben  Vergil  selbst.  Vergil  fullte  sein 
Buch  von  829  Versen  gleichfalls  mit  zehn  Nummern.  Wir  haben 
diesen  Umstand  gewiss  hocb  anzuschlagen.  Vergil  hat  sein  Streben, 
der  rômische  Theokrit  zu  sein,  eben  auch  auf  das  Aeusserliche  des 
Buchumfangs  und  der  Buch  composition  ausgedehnt. 

Drittens  darf  aber  wohl  auch  an  jenes  Technopaignion  ûber  den 
Simichidas  erinnert  sein,  in  welchem  die  bukolische  Dichtkunst 
Theokrit's  als  Syrinx  dargestellt  ist,  nun  aber  nicht  wirklich  als 
iTnccqxûPOç  oder  ivvsâfpœvoç  nach  dem  Gebrauch^),  sondem  viel- 
mehr  aïs  dêxcctpcùvoç:  man  hat  in  dieser  Abnormitat  gewiss  mit 
Recht  eine  Anspielung  auf  die  Einheit  der  zehn  Eclogen  des  Dichters 
gefunden^. 

In  BetrefF  der  Anordnung  dieser  zehn  Gedichte  endlich  wird 
man  sich  an  die  beste  Tradition  halten  miissen.  Nur  dûrfte  anzu- 
nehmen  sein,  dass  das  neunte  Idyll  ursprunglich  an  letzter  Stelle 
stand,  so  dass  sein  Schlusstheil,  ein  Preislied  auf  die  bukolischen 
Musen,   wirkungSToll  mit   dem  Buchschluss    zusammenfiel.     Dièses 


^)  Sane  sciendum  septem  eclogas  esse  meras  rus  tic  as  quas  Theocritus 
decem  habet;  hic  in  tribus  a  hucolico  carminé  sed  cum  excusatùme  discessit 
ut  in  genethliaco  Salonini  et  in  Sileni  theoîogia  (Qber  das  cum  excusatione 
Tgl.  ïUpides  Note  111).  Aus  diesen  Worten  hat  Vahlen  (Ind.  lect.  Berol.  1876 
8.  4)  schliessen  eu  mûssen  geglaubt,  aucb  das  Tbeokritbuch  habe  nicbtbuko- 
lische  Nummern  enthalten:  „in  Theocriti  volumine  multo  scilicet  ampliore 
decem  fuisse  quas  meras  rusticas  vocare  liceat^.  Viel  grOsser  konnte  jenes 
Volumen  indess  nicht  sein;  fibrigens  ist  dièse  Auslegung  nicht  zwingend,  ja 
wohl  auch  unrichtig.  Gewicht  liegt  auf  dem  hic.  WoUte  Senrius  verstanden 
wîssen,  Vergil  habe  drei,  Theokrit  aber  gleichfalls  so  und  so  yiele  nicht  Iftndliche 
Idyllien  eingeschoben ,  so  hfttte  er  auf  den  Satz  mit  kic  einen  sweiten,  wie 
etwa  ille  vero  in  dualms  discessit  ut  in  Pharmaceutriis  folgen  lassen  mûssen. 
8o,  wie  sie  dasteht,  scheint  die  Stelle  vielmehr  Torauszusetzen  Theocritum  non 
diseessisse.     Eben  deshalb  war  f^r  Vergil  die  excusatio  ndthig. 

«)  Vgl.  J.  H.  Voss,  VirgU's  Ecl.  I  S.  72. 

')  Schlauer  war  freilich  Bergk;  er  meint,  das  zehnte  Zeilenpaar  sel  in 
Kreisform  geschrieben  worden  und  bedeute  den  Bing,  an  dem  die  Syrinx  auf- 
geh&ngt  wurde! 


398  —  StOningen  der  antiken  Buchfonn.  — 

Stûck  scheint  als  letztes  im  Bûche  dem  Unbill  der  Ueberliefenmg 
am  meisten  ausgesetzt  gewesen  zu  seîn^). 


^)  Fur  die  Unechtheit  der  Verse  IX  28 — 36  ist  bis  jetzt  ein  wirklieher 
Nachweis  nicht  gefdhrt;  d&ss  der  Dichter  die  Mosen  fiovxolucai  neimt  (rgL 
Fritzsche),  ist  doch  nichts  Unsprachgemàsses.  Die  Unechtheit  Ton  IX  1—6 
wird  durcb  sprachliche  und  formale  AnstOsse  erwiesen;  da  solche  am  Schlasa 
fehlen,  ist  von  der  Voraussetzung  seiner  Echtbeit  auszugehen,  und  auf  die 
unerwiesene  Hypothèse  seiner  Unechtheit  kOnnen  sich  keine  weiteren  Hjpo- 
thesen  grfinden.  Von  den  bisherigen  Behandiangen  des  Gedichtes  erklirt  die 
von  Bûcheler  (Fleckeis.  Ibb.  1860  S.  342  ff.)  das  Ganze  wie  die  Ëinzelheiten 
am  zureichendsten,  doch  mit  der  Annahme  von  Ansf&llen  und  Umatellungen. 
Sicher  war  der  Anfang  frûh  verloren;  die  Vergleichung  unserer  36  Verse  mit 
den  sonstigen  bukoliscben  Nummern,  welche  nur  einmal  46  Vv.,  Bonat  swischeo 
54  und  157  halten,  Iftsst  mir  als  nicht  unwahrscheinlich  erscheinen,  dass  ausser 
der  Ëinleitung  auch  noch  die  ersten  Strophen  des  Wechselgesangs  wegge- 
fallen  sind;  dies  wird  dadurch  best&tigt,  dass  ein  so  kurzer  und  einmaliger 
Wechselgesang  von  sieben  Versen  auf  jeder  Seite  allzu  unbedeutend  and 
garnicht  des  Anhebens  werth  war  noch  gar  einen  Richterspruch  verdiente. 
Ich  mOchte  femer  glauhen,  dass  dies  Idyll  von  etwa  60 — 70  Versen  bei  den 
Worten  6  cT  (yxayax^icato  x6j(^^  abschloss  (v.  25).  Dies  war  aber,  wie  wir 
annehmen,  das  letzte  StQck  im  Bûche,  und  Theokrit  fûgte  nun  als  Buchschluss 
ohne  jeden  Zusammenhang  mit  jenem  Idyll  noch  ein  Epigramm  von  9  Hexa- 
metem  hinzu,  das  von  den  Musen  der  Bukolik  Abschied  nahm: 

Bovxohxai  Moïffai,  /nâka  jjfff^çén^  (faivctt  cT  ^âaç  xtL 
Dies  Epigramm  besagt:  „Bukolische  Musen,  nun  lebet  wohl  und  lasst  die 
Lieder  nunmehr  an  die  Oeffentlichkeit  treten  {ifaivuv  heisst  ^ediren^;  vgL 
Anthol.  Pal.  VII  42,  3  roia  yàç  a/u/mi^  i*ftjyaç),  die  ich  einst  von  jenen  Hirten 
gehôrt  (ttxovaa,  Bûcheler,  ist  leichtere  Aenderung,  als  die  Tilg^ng  des  fol- 
genden  Verses,  die  âitaa  nothwendig  macht),  und  zwar  wahr  und  g^treu,  so 
dass  mir  kein  Zeichen  der  Lfige  {oXofvyyoiv)  anhafte.  Ich  liebe  den  Gesang 
fiber  ailes:  von  ihm  sei  mein  Haus  voU.  Ich  liebe  die  Musen:  ihr  Auge  bat 
freundlich  auf  mir  gerubt.**  Es  scheint,  dass  schon  Horaz  dièse  schône  Stelle 
las  und  sie  der  Nachahmung  werth  fand  (Carm.  IV  3,  1).  Ahrens  (S.  389) 
nennt  diesen  Epilog  mit  Recht  als  Buchschluss  ^ganz  angemessen*^,  ja  sogar 
„auf  das  beste''  geeignet;  ein  solcher  sei  indess  nur  fUr  einen  Redaktor 
(Theon),  nicht  f&r  den  edirenden  Dichter  selbst  passend.  Einen  Grund  fur 
dièses  Urtheil  erhalten  wir  nicht.  Er  ist  auch  nicht  zu  geben.  Theon  oder 
Artemidor  konnten  einen  Epilog  als  Buchschluss  passend  finden,  Theokrit  aber 
nicht:  warum  nicht?  Was  wissen  wir  denn  ûberhaupt  von  jenen  Alezan- 
drinern,  um  solche  Môglichkeiten  so  bestimmt  vemeinen  zu  kônnen?  Wir 
haben  ja  doch  nur  ein  einziges  Sanmielbuch  in  der  Originalform  erhalten,  des 
Kallimachos  Hvmnen. 


—  Theokrit.  —  399 

Wir  sind  fur  Theokrit  zu  dem  Résultat  gelangt,  dass  ein  Re- 
daktor  des  yierten  Jahrhunderts,  muthmasslich  Eratosthenes ,  die 
Dodificirung  des  Theokritnachlasses  in  der  Weise  vollzog,  dass  er  in 
sinem  revxoç  das  Buch  Bovxohxà  complet  Yoranstellte,  ausserdem 
iber  keines  der  Bûcher  des  Dichters  yollstândig  zu  ûbernehmen  sich 
sntschloss,  sondern  zufrieden  war  einzelne  Gedichte  aus  diesen  aus- 
Euheben,  die  er  in  sein  revxoç  hinter  jene  yollstândigen  Bucolica 
sinstellte.  Er  nahm  zunâchst  zwei  Stiîcke  aus  einem  erotischen 
Buch,  hieran  fugte  er  drei  Mimen,  hieran  dreî  Stiicke  aus  dem 
Buch  'YfAPOt,  des  weiteren  das  Epyllion  vom  jungen  Herakles  und 
3tûcke  aus  Epithalamien  und  Heroinen;  endlich  auch  Eîniges  aus 
ien  Mêle,  noch  ein  hûbsches,  obschon  fremdes,  bukolisches  Stuck 
and  einen  geringen  Theil  der  Epigrammensammlung. 

Hiemit  ist  nim  aber,  was  wir  unter  Theokrit's  Namen  besitzen, 
aoch  nicht  erschôpft.  Es  fehlen  noch  zehn  Gedichte,  welche,  nicht 
in  derselben  Handschrifbenklasse  mit  den  vorigen  ûberliefert,  darum 
7on  Ahrens  Yon  der  Sammlung  jenes  Eratosthenes  ausgenonunen 
w^erden.  Die  meisten  Stûcke  dièses  Suppléments  sind  sicher  unecht, 
ioch  wissen  wir  nicht,  wie  firiih  sie  dem  Namen  unseres  Dichters 
imterstellt  worden  sind.  Jedenfalls  sind  auch  sie  aus  yollstândigen 
Bûchern  ausgelesen,  wie  denn  der  Nachweis  ihrer  Herkunft  bei 
einigen  noch  moglich  scheint.  ^HçaxXijç  lsopToq>6poç  betrachten 
wir  als  Monobiblos ^) ;  die  Megara  stellt  sich,  wie  die  Europa,  Ton 
selbst  zu  den  Heroinen');  die  ^AXêstç  werden  den  ^EXnidsç^),  der 
Epitaph  auf  Adonis  den  ^Ejux^dêta  *)  entlehnt  sein.     Fur  den  Rest, 


^)  Das  Stfick  ist  ohne  Anfang;  es  hat  jedenfalls  nichts  mit  den  Hymnen 
IVL  thon. 

')  Ich  wftsste  in  der  That  nicht,  was  sich  hiegegen  einwenden  liesse. 
Dft  nun  nach  sicherem  Zeugniss  die  Europa  von  Moschos  stammt,  se  also  auch 
Lenai  und  Megara. 

')  Hierûber  ygl.  insbes.  meine  Schrift  gleichen  Titels.  Da  die  UXUiç 
aus  einem  anderen  Buch  excerpirt  sind  aïs  BovxoXiaxoç,  Epitaph  u.  a.,  so 
ist  der  Umstand,  dass  sie  in  den  Codd.  mit  letzteren  sicher  unecbten  Stûcken 
nahe  zusammen  stehen,  kein  sicheres  Argument  gegen  ihre  Ekshtheit,  die  y  or 
allem  aus  inneren  Grflnden  darzuthun  ist, 

*)  Auch  hiegegen  wûsste  ich  kein  Bedenken.  Das  Buch  ^Entjciidëêa  war 
aber  demnach  nicht  Theokriteisch,  sondern  Bionisch. 


400  —  StOningen  der  antiken  Bachform.  — 

der  seiner  Entstehung  nach  z.  Th.  sicher  jûnger  aïs  Bion  und  Moschos 
ist,  sind  Yermuthungen  nicht  mehr  môglich^). 

Wann  ist  nun  die  zuletzt  besprochene  Auslese  hiDzugekommen? 
Urtheilt  Ahrens  mit  Recht,  dass  die  Sammlung  des  Ëratosthenes 
dièse  Gedichte  ausgeschlossen  hat,  so  kann  ihre  Nachtragung  docb 
aber  keinesfalls  viel  spâter  erfolgt  sein.  Fur  dies  schon  an  sich 
WahrscheiDliche  fehlt  es  nicht  an  einem  thatsâchlichen  Beweise. 

Yon  Marianos  scholasticus  wurden  im  Anfang  des  funfteD  Jahr- 
hunderts  sowohl  andere  Daktyliker,  als  auch  Theokrit  in  Jamben 
umgedichtet.  Da  Suidas  s.  t.  MaQiavôç  keine  Sondertitel  nennt,  so 
betraf  dièse  Bearbeitung  ohne  Frage  das  ganze  damais  vorliegende 
Theokritcorpus.  Dieselbe  hielt  aber  3150  Verse.  Nun  sind  wir  in 
der  Lage,  controliren  zu  kônnen,  wie  sich  dièse  Transskriptionen  im 
XJmfange  zu  ihren  Yorlagen  zu  yerhalten  pflegten:  Marianos  kam 
beim  Apollonios,  beim  Arat  und  beim  Nikander  den  Yerszahlen  der 
Originale  ungefâhr  gleich,  mit  geringen  Differenzen').  Barausfolgt 
zunâchst  dies,  dass  Marianos  in  seiner  Zeit  vom  Theokrit  weniger 
besass,  ^s  der  doch  noch  unvollstandige  Schriftenkatalog  des  Theokrit 
beim  Suidas  voraussetzt  (5000 — 10  000  Verse),  andererseits  aber,  dass 
er  Ton  ihm  mehr  besass,  als  jene  Sammlung  des  Ëratosthenes  betrâgt 
(2359  Verse).  Rechnen  -wir  zu  dieser  nim  aber  das  Supplément  der 
zehn  letzten  Idyllien  hinzu,  d.  h.  nehmen  wir  die  Gesammtsumme 
aller  uns  erhaltenen  ^Theokrit" gedichte  von  3262  Versen,  so  stimmt 
dièse  Zahl  mit  der  des  Marianos  auf  das  genaueste'). 


*)  ^EnnâfMç  Bitovoç  ist  natûrlich  jûnger  als  das  Epikedienbach  Bion'^ 
Bovxokiaxoç  ist  wie  'Ouqictvç  zvl  beurtheilen ,  *ETJkd^alttfjnoç  'Ax^UÀioç  âlmlich 
wie  'EniS^al.  ^Ektt^tjç.  'Eçaai^ç  ist  spat.  Stand  der  Ktjçtoxkfnnjç  etwa  mit  dem 
dganiniç  des  Moschos  zusammen?  Standen  die  katalektischen  Dimeter  Ek 
véx^ov  "Aâiaviv  in  dem  Buch  "lafifioi'î  Letzteres  ist  wohl  schwer  glaublich.  d» 
dieser  Buchtitel  wie  beim  Kallimachos  von  Trimetern,  resp.  Hipponacteen  rer- 
standen  werden  muss. 

2)  Vgl.  oben  S.  291,  2. 

2)  Hauler  de  vita  Theocriti  forderte  also  mit  Recbt  3200  bis  3300  Verse 
fur  die  TbeokritTorlage  des  Marianos.  Der  Versuch  von  Ahrens  (S.  686)  des 
Marianos  Thâtigkeit  einzuschrânken  stûtzt  sich  anf  nicbts;  so  soU  er  die  Epi- 
gramme  ausgeschlossen  haben  ;  aber  er  schloss  doch  des  Kallimachos  Epigranune 
nicht  aus.     £r  hat  metaphrasirt,  was  er  Torfand. 


—  Theokrit.     Catull.  —  401 

Sicher  hat  man  also  schon  im  fuDften  Jahrhundert  unter  Tbeo- 
krit's  Namen  dieselben  unechten  Stucke  gelesen,  wie  heute*).  Sicher 
hatte  man  aber  damais  auch  Yom  Theokrit  nicht  mehr,  als  was 
uns  erhalten  yorlicgt. 

Und  die  Hofifriung  auf  reichere  Theokritfunde  wûrde  sich  somit 
nnr  an  die  noch  verborgenen  Schâtze  Herculaneum's  oder  der  âgyp- 
tischen  Grabern  richten  dûrfen,  die  uns  das  classische  Papyrusbuch- 
wesen  unbeeintrâchtigt  darzustellen  pflegen. 


Catnll. 

Schon  von  zvei  Seiten  sind  in  letzter  Zeit  Einwânde  und  Be- 
denken  gegen  die  Einheitlichkeit  der  Catullsammlung  geâussert  Sûss'} 
hat  sich  um  des  Umfangs  willen  anzunehmen  ^yersucht  gefûhlt,  Catull's 
Gedichte  hâtten  im  Alterthum  drei  Bûcher  gebildet**,  sich  aber  dann 
bei  der  Vergleicbung  der  Lukrezbiicher  oder  gar  von  Prosabûchem 
grôssten  Um  fanges  beruhigt.  Sorgsamer  hat  der  letzte  englische 
Gommentator  unseres  Dichters  R.  Ellis  die  Frage  abgehandelt.  An- 
knûpfend  an  ihn,  aber  manches  gemâss  den  Feststellungen  unserer 
Gesammtuntersuchung  rectificirend  haben  wir  Folgendes  in  Erwâgung 
zu  ziehen. 

An  erster  Stelle  muss  einem  jeden  aufPallen,  dass  im  ganzen 
Bereich  der  antiken  Schriftstellerei  kein  „Buch^  angetrofPen  wird, 
das  aus  so  ungleichartigen  Bestandtheilen  zusammengesetzt  wâre  wie 
unser  GatuU.  Yielmehr  ist  fur  die  Sammelbûcher  in  Prosa  oder 
Poésie  immer  in  erster  Linic  dafur  gesorgt  worden,  dass  seine  Einzel- 
stûcke  der  Art  nach  unter  einander  irgend  wie  verwandt  erscheinen, 


')  Wir  gelangen  su  der  Summe  3200  nicht,  ohne  Epitaph.  Bionis,  Eiç 
vfxçoy  "Aâ.  a.  a.  Unechtes  hinxuz&hlen,  was  unsere  Handschrifien,  wie  geaagt, 
anadrûcklich  mit  des  Theokrit  Namen  belegen.  Uns  fehlt  sonst  ein  Eriteriam, 
su  entscheiden,  wann  dem  Theokrit  dies  falsche  Gut  sugeschoben  wnrde;  die 
Verssumme  des  Marianos  zeigt  ans,  dass  es  scbon  damais  gescbehen  war. 
Weiter  aber  seigt  der  Eatalog  beim  Suidas,  dass  auch  scbon  in  frûherer  Zeit 
die  noch  completen  Bûcher  wie  Heroinen  und  Epikedeia  Tom  Moecbos  oder 
Bien  auf  den  Theokrit  ûbertragen  worden  waren. 
>)  Catnlliana.  I.  ËrUngen.  1876  S.  15  ff. 
Birt,  BuGhwesen.  26 


402  —  Stôningen  der  antiken  Buchform.  — 

80  dass  der  Léser  îhre  ZusammeQordnimg  fur  nicht  zufallig,  sondera 
fur  motivirt  erkennt,  so  dass  eine  begriffliche  Einheit  nicht  fehlt^ 
dièse  sei  so  âusserlich  wie  sie  woUe.  Dièse  Einheit  kann  vor  allem 
eine  metrisch-formale  sein  (Oden,  Elegien,  Briefe,  Eclogen)  oder  vor 
allem  eine  sachliche  (Epigramme ,  Hymnen)  oder  es  wird,  mtcbd 
sowohl  Inbalt  als  Yersform  wechseln,  doch  jedenfalls  auf  den 
gleichmâssigen  Umfang  der  Stûcke  gehalten,  wie  dies  in  Statins' 
Silven  geschehen  ist.  Fur  eine  gleichmâssige  Grosse  der  Bestandtheile 
ist  ûberhaupt  und  in  ail  en  Fâllen  gesorgt  worden.  Dass  Catull  also 
lamben  und  Sapphische  Verse  zwischen  die  Hendecasyllabi  stellt, 
wundert  uns  nicht;  eine  Atthis,  die  Hymenaeen  und  gar  ein  ganzes 
Epyllion  inmitten  solcher  kÔrperlosen  Gredichtchen  sind  fur  die  antike 
Buchgewohnheit  etwas  Unerhortes. 

Dies  anormale  Sammeibncfa  ergiebt  nim  weiter  die  anormale 
stichometrische  Summe  2276. 

Die  Bedenken  steigem  sich  aber  noch,  wenn  wir  wahmehmen, 
dass  das  zweifach  anormale  „Buch^  obendarein  incomplet  ist. 

Kleinere  Lilcken  im  Text  sind  sicber  anznsetzen  34,  3.  61,  9 
und  107.  62,  32.  65,  9.  68B  6  (ein  Vers).  95,  4  (ein  Vers);  muth- 
massHch  bei  61,  78.  62,  41.  64,  390.  77,  6;  vieUeicht  bei  68  B  101; 
64,  323  £F.  Fragment  sind  ausserdem  14,  24  £f.  (Si  qui  forte  eqs.) 
und  54 1). 

Citate  der  Grammatiker  bezeugen  nun  weiter,  dass  auch  ganze 
Stûcke  in  unserer  Sammlung  fehlen.  Erstlich  fehlt  ein  Carmen 
auf  den  Priap  in  Priapeen,  von  welchem  Terentianus  Maurus  v.  2754 
die  vier  Anfangszeilen  erhalten  hat:  cecimt  quoque  carmen  taie  CatuUus: 

Hune  lucum  tibi  dedico  consecroque  Priape, 
Qua  domus  tua  Lampsaci  est  quaque  lege  Priapi^). 
Nam  te  praecipue  in  suis  urbibus  colit  ora 
Uellespontia  ceteris  ostriosior  oris. 

Dies  ist  gewiss  nur  der  Anfang.  Weil  die  Metriker  unter  ihren  Bei- 
spielen  dies  Gedicht  und  nicht  N.  17  anfiihren,  so  stand  es  wahr- 
scheinlich  vor  N.  17'). 


^)  Hierûber  weiter  unten. 

2)  So  Bûcheler,  Bonner  Ind.  lect.   1878/79  S.  25. 

^)  Sfiss  S.  17.     Die  anderen  Metriker  bringen  nur  den  ersten  Vers. 


—  Catull.  —  403 

Zweitens  fuhrt  Nonius  S.  134  M.  unter  Ugurfire  an:  Catullus 
priopo  de  meo  Ugurrire  libido  est.  Irrig  hat  Lachmaim  hierm  den 
Rest  eines  prîapeischen  Verses  und  einen  Titel  CatuUus  Priapeo  er- 
kennen  wollen^).  Der  Dativ  Priapo  passt  sowohl  metriscli  als 
Yersanfang  wie  auch  grammatîsch  zu  libido  est  vortrefflich.  Man 
erganze.  etwa: 

Lactid  muDera  candidi 
Priapo  grege  de  meo 
Ligurrire  libido  est. 

und  vergleiche  hierzu  formel!  N.  34. 

Weiter  giebt  uns  die  Horaziiberlieferung^)  als  Beleg  der  iambi 
aptissimi  ad  maledicendum  das  Catullbeispiel 

At  non  effîigies  meos  iambos'). 

Als  Ort,  an  welchem  dieser  feindselige  Vers  stand,   bîetet  sîch  mit 
einiger  Wahrscheinlichkeit  die  N.  54  unserer  Sammlung^). 


^)  Oder  gar  Catullus  Brictpo.  Die  zweite  H&lfte  des  yersas  Priapeus 
fiLngt  bei  den  Rômem  stets  mit  einem  Troch&us  und  nicht  mit  einem  Jambus 
an;  somit  war  dies  ein  glyconeisch-pherakrateisches  System.  Schon  L.  Mûller 
Bhein.  Mus.  27,  S.  183  f.  zog  Priapo  zum  Fragment;  denn  es  gab  gar  keine 
8ammlung  Priapea  des  Catall. 

^  Porph.  zu  Od.  I  16,  20;  vgl.  Comm.  Cruq. 

')  SQbs  s.  17  ist  nicht  der  erste,  der  dies  fQr  entnommen  h&lt  ans  40,  3: 
quaenam  te  mala  mens  ....  agit  praecipitem  in  meos  iambos^  eine  Annahme, 
die  dureh  die  Un&hnlichkeit  der  Worte  nicht  eben  empfohien  wird,  aber  gegen- 
Ikber  den  sonstigen  sicheren  AusfUlen  unserer  Sammlung  nicht  einmal  metbodisch 
berechtigt  ist. 

^)  Dièse  Vermutbung  ist  von  Ëllis  oomm.  S.  147  anticipirt.     Die  Hand- 

•chriften  geben  hier  folgende  Verse: 

Di  magni  galapatlam  disertnm 

Otonis  caput  oppido  est  piuillam 

[Hoc  iocunde  tibi  poema  feci 

Ex  quo  perspicerefl  meam  dolorem] 
S  Et  (h)eri  rnstice  semiiauta  cmra 

Subtile  et  levé  peditum  Libonia 

Si  non  omnia  diiiplioere  rellem 

Tibi  et  snfficio  8eni[o]  recocto 

Irasoere  iterum  meis  iambis 
10  Inmerentibiu  onice  imperator. 
Bicher  hebt  bei  t.  2  ein  Gedicht  an.     t.  3  u.  4  sind  ans  N.  50  eingednmgen. 
Im  T.  9f.  wird  Caesar   spôttisch   mit  unice  angeredet:   Catull  will  ihn    „noch 
einmal**  mit  seinen  Jamben  erzûrnen;  und  doch  sollen  dièse  Jamben  den  Zom 

26  • 


404  —  Stôrungen  der  antiken  Buchform.  — 

Viertens  abcrr  erfahren  wir  durch  Plinius  noch  von  einer  grosseren 
Diclitung  des  Catull.  Indem  Plinius  hist.  nat.  XXVIII 19  von  Wunder, 
Aberglauben  und  Zauber  verschiedenster  Art  handelt,  bringt  er  in 
diesem  Zusammenhange  die  Notiz:  hinc  Theocriti  apud  Graetoi  Ca- 
tuUi  apud  nos  proxumeque  Vergili  incantamentorum  amatoria  imtaik. 
Es  handelt  sich  hier  also  um  ein  erotisches  Gedicht,  dieZauber- 
beschwôrungen  eines  Liebenden  enthaltend,  ohne  Frage  eine  Nach- 
dichtung  eben  jener  Pharmakeutriai  Theokrit's,  die  Plinius  mit  ihm 
zusammenstellt  Kannte  Yergil  dies  Stiick,  wie  er  musste,  so  empfing 
er  also  vielleicht  von  dieser  Seite  die  erste  Anregung,  das  nicM- 
bukolische  Motiv  Theokrit's  in  seinen  Bucolica  zu  benutzen  (Ed.  Vlll)^). 


Caesar's  nicht  yerschaldet  haben.  Aach  die  Toraufgehenden  Zeilen,  in  welcben 

drei  Mânner  geschmâht  werden,  wenden  sich  dabei  anredend  an  eine  bestimntte 

vierte  Person.     Dass   hier   C&sar  nebst   Farteig&ngem   gemeint    sein   kônne, 

ist  zuzugeben,  mehr  aber  aach  nicht;  da  ein  direkter  Connex  mit  t.  9  f.  nidit 

besteht  und  also  jedenfalls  etwas  aasgefallen  sein  mûsste,  bo  kann  t.  9  f.  ebea 

80   wohl  einem   anderen   Gedioht  angehôren.     Der  Vocativ   Rustioe  t.  5  i^t 

dann  nicht  zu  entbehren;  doch  darf  vielleicht  an  seinerStelle  ein  bezeichnenderer 

Name  yennuthet  werden: 

UV  A    Otonis  caput  oppido  est  patellom, 
Neri,  Stercuto,  semiianta  cmra, 
Subtile  et  levé  peditum  Llbonis. 
Si  non  omnia:  dlsplicere  vellem 
Tlbl  et  Puflcio  sent  recocto. 

Statt  pumllum  musste,  dem  Folgenden  analog,  nothwendig  etwas  Widrigei, 
Schmutziges  stehen,  also  ètwa  putellum  fQr  putre  (so  sind  auch  satullm  aod 
dextella  ana^  fiçrjiuéya);  denn  auch  der  fiegriff  des  Widerw&rtigen  konote 
deminutiv  formirt  weiden;  vgl.  putidulus^  puditiusculus^  rancidulum  u.  a.  Der 
Umfang  dièses  Gedîchtcheus  ist  der  voraufgehenden  Nummer  53  gleichbemesseii* 
Die  Anrede  an  den  DQngergott  giebt  dem  unsauberen  Référât  Mittelpunkt  uid 
Pointe.  Der  Kame  Fuficio  wird  Haupt,  Neri  L.  M&ller  verdankt.  Si  non  mnid 
ist  elliptisch  gesprochen  fûr  si  non  omnia  ita  essent,  —  Das  Gedicht  an  C&stf 
begann  dann  wohl  mit  v.  10;  es  ist  Fragment  und  dûrfte  vielleicht  in  dieser 
Weise  zu  erg&nzen  sein: 

LIY  B    Irascere  iteram  meis  iambia 

Inmerentibtu,  nnice  imperator? 

Irascaro  licet,   faros  mineris 

Bellus  fulmine  Juppiter  crepanti: 

Ât  non  efhigies  meos  iambos. 
^)  Nur  auf  Flûchtigkeit  kann  ich  die  Aufstellung  Peiper's  zurûckftlbreD, 
(Q.  Val.  Catullus,   Breslau   1875),   Plinius   bezeichne   hier   das  Parzenlied  der 
Nuptiae   und   er   habe   nur   an   die   drei  Refrain  verse  gedacht,  "ivy^,  ikxi  rr 


—  CatuU.  —  405 

Man  folgt  der  Probabilitat,  wenn  man  fur  dies  verlorene  Stûck  nach 
seinem  Yorbild  etwa  166  Verse  ansetzt.  Damit  reiht  sich  dasselbe 
dann  von  selbst  zu  den  Dichtungen  âhnlicher  Entstehung  und  âhn- 
licheu  Umfangs,  N.  61,  62,  63. 

Von  dreien  dieser  Ausfalle  haben  wir  nur  durch  einmalige  Er- 
wahnung  Kunde  erhalten.  Die  M5glichkeit  ist  also  ofFen  zu  lassen, 
dass  uns  auch  sonst  noch  das  eine  und  andere  Gatullgedicht  fehle  ^). 
Wâre  in  den  Handschriften  beispielsweise  auch  das  Hochzeitsgedicht 
auf  Manlius  fortgefallen ,  so  wurde  kein  Grammatiker  uns  seine 
Existenz  Ycrrathen. 

Erwiesen  ist  hiemit  nun  aber  nicbt  blos  ein  grôsserer  XJmfang 
von  mindestens  2400  Versen;  es  resultirt  vor  allem  die  Gewissheit, 
dass  uns  Gatull  nicht  in  seiner  urspriinglichen  Fassung  erhalten  ist. 
Jene  Ausfalle  mag  man  au  s  Nachlâssigkeit,  man  wird  sie  mit  mehr 
Wahrscheinlichkeit  aus  absichtlicher  Weglassung  erklâren;  dies  gilt 
ganz  besonders  von  einem  so  grossen  Gedicht  wie  das  Incantamentum. 

Das  Gatullbuch  ist  abnorm  nach  Volumen  und  nach  Inhalt; 
dièse  Thatsache  lâsst  sich  fur  uns  wiederum  nur  aus  Gontraktion 
mehrerer  normaler  Catullbûcher  erklâren.  Suchen  wir  nach 
deren  Spuren. 

rÇi'ov  ifÀOv  noii  âîàfjLa  rov  itvâqn  des  Theokrit,  Du  cite  ab  urhe  damum 
mea  carmina^  ducite  Daphnim  des  Vergil,  Currite  ducerUes  subtegmna^ 
cwrrUe  fusi  des  Catall.  Bel  PliniuR  steht  amataria;  was  aber  enthâlt  der 
letzte  Vers  von  Liebe?  wo  ist  in  ihm  das  dem  Daphnim  ducite^  ^kxf  roy 
àvâfia  Entsprechende?  Incantamentum  amat.  kann  bei  Plinius  nichts  heissen 
aïs  die  durch  Be^prechung  herbeigefûhrte  Bezaaberung  des  Geliebten  zur 
Liebesempfindung;  dies  erh&rtet  zudem  der  Texisusammenhang  bei  Plinias: 
defigi  quidetn  diris  precationibus  nemo  non  metuit;  hue  pertinet  ....;  hinc 
Theocriti  eqs.  Was  singen  die  Parzen  CatulPs  dagegen  ?  Sie  singen  bei  einer 
Hochzeit  Ton  der  zukûnftigen  Geburt  des  Helden,  der  ans  ihr  herTorgehen 
8oU.  Sie  singen  kein  incantamentum,  sondem  ein  veridiewn  oraclum  (v.  326); 
die  Spindel  wird  im  Refrain  deahalb  angeredet,  weil  sie  es  ist,  die  das  Orakel 
erfUllen  wird.  Incantamenta  amatoria  sind  ftberhaupt  nur  im  Munde  des  rer- 
BchmAhten  Liebenden  mOgUch. 

')  Icb  sehe  von  dem  droUigen  Fr.  2  bei  B&hrens  ab,  sowie  von  jenen 
nnklaren  Citaten,  die  Bfthrens  (fr.  6;  7)  auf  Prosaschriften  Catull's,  Peter  viel- 
mehr  auf  Luctatius  Catulus  zurQckfQhren  woUte.  Fr.  12  u.  11  sind  ohne  hin- 
Iftngliche  Fides. 


406  —  StOriingen  der  antiken  Buchform.  — 

Die  Einheitlichkeit  dés  Ërhaltenen  wird  durch  Inskription  und 
SubBkription  der  beiden  âltesten  Textquellen  schlecht  garantirt.  In- 
dem  der  Oxforder  GatuU  von  etwas  jûngerer  Hand  den  NominatiT 
Catullus  Veronensis  poeta,  der  von  Saint  Grermaîn  CaiulU  Veronenm 
liber  incipit  inskribiren,  fehlt  hier  also  der  das  Aller  des  Titds 
sichernde  Consensus.  Die  zweite  Fassung  wie  auch  die  entsprechende 
Unterschrift  ExpU/nt  Catulli  Veronenm  liheUus^)  ist  correkter.  Alleio 
Hbellus  im  Titel  ist  unantik  und  sichtlich  dem  ersten  Catullverse 
entlehnt,  ebenfalls  unantik  aber  der  Zusatz  des  Greburtsortes  im 
Titel;  er  entstammt  spâtem  gelehrten  Einfluss^). 

Wie  citirtén  die  Alten  ihren  Gatull?  Sie  nannten  nie  Buch- 
zahlen.  Stand  der  Dichter  also  in  mehreren  RoUen,  se  mûssen  dies, 
wie  beim  Theokrit,  Monobibla  gewesen  sein;  und  Monobibla  cime 
Zahlung  mussten  bei  der  Codification  den  Gedanken  an  Contraktion 
in  der  Tbat  besonders  nahe  legen.  Doch  erhalten  wir  auch  Special- 
titel;  eine  Einzelnummer  im  Buch*)  wurde  herausgegrifPen,  wie  N.  17 
(fiatàlluB  ad  Colaniam  Fest  S.  307),  die  Atthis  (Terent.  Maur.  v.  2899), 
das  ^Epithalamium''  N.  62  (Quintil.  IX  3,  16).  CatuUus  in  anacreoiUeo 
citirt  Caesius  Bassus  (S.  262,  19  K)  wohl  aus  N.  G3  v.  91«).  So 
wenig  wie  dièse  Gitate  gewâhrt  das  nach  dem  Metrum  m  hende- 
casyllabis  (Seneca  contr.  7,  19;  Charisius  S.  97)  einen  Schluss  auf 
eine  ursprûngliche  Bucheinheit*). 


^)  Oxon.  subskribirt  nur:  Finito  libro  referamus  gracia  spo. 

')  Vgl.  Sûss  S.  22.  Denn  in  der  That  erâcheint  der  ZosaU  Veronentii 
bei  den  gelehrten  Schriftstellern  fast  tjpisch:  so  bei  Nonius  S.  546;  Prismn  16  H; 
Plin.  36,48;  Auson  praef.  III;  so  setzt  Macrob  Veronensis  poeta  ohne  Namen 
II  1,  8. 

')  Cat.  in  galHambis  (aus  N.  63)  bei  Fest.  S.  273  ist  un^icher,  uneebt 
Apaleîus  de  orthographia  mit  seinen  Citaten.  —  Die  N.  4  wird  mit  einem 
aiunt  angeftlhrt  beim  Schol.  Bernensis  su  Verg.  Georg.  IV  289  (S.  971  Hag«B)f 
welche  Stelie  so  su  lesen  ist:  phaselis  genus  ruxviutn  pictarum.  sicut  phaseliu 
ilU  quem  aiunt  cunctarum  (Codd.:  auctorem)  esse  naviwn  celerrimum;  unrichtig 
behandelt  B&hrens  dièse  Stelie. 

*)  Vgl.  Keil  s.  St. 

^)  Dieser  Titel,  weil  in  Bezug  auf  Gedichte  im  Hendecasyllabos  gebraaeht, 
kann  uns  die  Bucheinheit  von  C.  1  —  60,  mit  Jamben  u.  a.  Metren,  nicht  be- 
zeugen. 


—  Catull.  —  407 

Dagegen  gewâhrt  einen  solchen  Schluss  der  Titel  Passer  CatulH, 
dessen  sich  Martial  zweimal  bedient.  Martial  schenkt  lY  14  dem 
Silius  an  den  Satumalien  Exemplare  seiner  eigenen  Epigrammen- 
bûcher  (UbeUos)^),  und  hierzu  gilt  ibm  als  Analogie  der  passer, 
welchen  sich  vielleicht  auch  einst  Catull  dem  grossen  Yergil  zu 
schenken  erkûhnt  habe.  Catull  sendet  hier  dem  Yergil  nicht  etwa 
nur  die  beiden  Lieder  N.  2  und  3  fur  sich  allein;  denn  alsdann  wâre 
dies  keine  hinreichende  Analogie  zu  den  ^Bûchem*',  die  Silius  vom 
Martial  erhâlt;  scheint  man  doch  ûberhaupt  nur  complète  Bûcher 
geschenkt  zu  haben');  sondem  Martial  hat  hier  offenbar  eine  Buch- 
einheit  des  Catull  nach  den  beiden  ersten  Nummern  der- 
selben  benannt,  ganz  so  wie  z.  B.  Ovid  das  ganze  Buch  der 
Heroenbriefe  des  Sabinus  nach  dem  ersten  Briefe  als  Pénélope  citirt 
oder  wie  die  Bûcher  der  Cicerobriefe  nach  dem  Adressaten  des 
ersten  Briefes  hiessen^.  Und  dies  bestâtigt  Martial  selbst  XI  6; 
denn  auch  hier  soll  wieder  der  passer  CatuUi  verschenkt  werden,  es 
wird  aber  zugleich  auf  die  N.  5  des  Catull  in  einer  Weise  angespielt, 
dass  dies  Liedchen  hier  ohne  Frage  mit  als  Buchinhalt  gedacht  ist 
Einzeln  konnten  die  Lieder  Catull's  damais  ja  ûberhaupt  nicht  mehr 
lungehen.  Nun  fragen  wir:  wie  weit  hat  sich  dièse  von  Martial 
geschenkte  und  nach  dem  Sperlingsliedchen  betitelte  Bucheinheit 
damais  erstreckt?  Konnten  Eunstwerke  emsten  und  grossen  Stiles 
wie  die  Nuptiae,  die  Atthis  mit  in  ihr  enthalten  sein?  Wir  mûssen 
dies  ganz  bestimmt  vemeinen;  denn  Martial  yfndicirt  lY  14  dem 
betreffenden  Bûche  den  nâmlichen  Charakter  wie  seinen  Epigrammen  ; 
man  las  es  seposita  severitate,  es  war  madtdus  iods  kucims  und  so 
dem  Satumalienfest  angemessen.  Dies  passt  nur  auf  die  Gedichte 
1  bis  60  (oder  61),  67,  69 — 116.  Ebendaher  giebt  Martial  denn  hier 
anch  dem  Catull  das  Pradicat  tener;  Zartheit  der  Poi^sie  eignet  in 
charakteristischer  Weise  gerade  den  winzigen  Tândeleien  N.  1 — 60. 
Wir  folgem  also,  dass  Martial   ein  Catullbuch  verschenkte,  welches 


0  Ueber  libelli  rgl  oben  S.  23. 

')  HieinAch  ist  aoch  wohl  daa  oben  8.  79  Note  1  ûber  Leonidju  Oeiigta 
uiders  sa  beortheiJen. 

>)  Orid  ex  PoDto  IV  16,  13  (rgL  Bhein.  Uns.  33,  394);  Oeero  in  libre 
ad  Planenm  ist  ^eich  ad  fiunîL  X  n.  ••  fl 


408  —  Stôrungen  der  antiken  Buchform.  — 

mit  unseren  Anfangsnuinineni  1,  2  und  3  allerdings  begaoD,  in 
welchem  sîch  aber  N.  64  und  die  sonstigen  Dichtungen  yerwandten 
Tones  jedenfalls  nicht  befonden  haben. 

Diesen  Schluss  bestatigt  aber  Gatull  selber.     Seinen  Nachkss 
erôffhet  ein  Widmimgsgedicht  an  Nepos.     Geben  wir  genau  Acht^ 
was  denn  eigentlich  darin  angekûndigt  wird.    GatuU  fragt:  Quoi  dono 
lepidum  novum  Uhelluml  um  sîch  fur  Nepos  zu  entscheiden;  der  Grood 
dieser  Ëntscheidung  ist:   namque  tu  solehcts  Meas  esse  aUqmd  putare 
nugas.     Wir    erinnem    uns    erstlich,   dass   libellus,   „da8  Bûchlein'', 
specieli  die  Gedichtrolle  zu  nicht  iiber  1000  Zeilen  bedeutet^);  doch 
soll  dies  noch  nicht   zu  sehr  urgirt  werden.     Zweitens   aber  heisst 
der  Libell  Gatull's   l^dus   „nett,  drollig,  liebenswûrdig**.     Wer  den 
Sprachgebrauch  kennt,  weiss,  dass  dies  Prâdikat^  ausschliesslich  der 
cotidiana  locutio  angehôrig,  auf  dem  G^biet  des  Stils  den  geradeo 
Gegensatz  zu  Gredichten  wie  N.  64  ausdruckt.    Wer  glaubt,  so  kônnten 
auch  die  Nuptiae,  der  Plakomos  pradicirt  sein,  yersâumt  sich  das 
Kunstbewusstsein  der  Alexandriner  Rom's  und  ihre  ScbâtzuDg  des 
doctum  poema  bewusst  zu  halten.     Wohl  aber  war  der  Hendecasyi- 
labus  Gatull's  ein  versus  lepidus  (vgl.  6,  17).     Drittens  aber  sind  es 
gar  nugae,  sind  es  ineptiae  (14,  24),  die  dem  Nepos  gewidmet  werden. 
Dass   man   fur   „Possen^  und  „Bagatell^  auch  die  Elaborate  seines 
sauersten  Dichterfleisses  nehmen  wûrde,  dies  hat  Gatull  sich  gewiss 
nicht  traumen  lassen.     Das  Proôm  GatulPs  ignorirt,  wie  jeder  sieht, 
jedenfalls   die  Nummern   62  bis  68   sowie   die  Pharmakeutriai.    So 
hochbedeutsame  Buchbestandtheile   konnte  es   aber  in  Wirklichkeit 
immôglich  ignoriren  ;  also  haben  sich  dieselben  in  dem  libellus  lepidus 
nugarum  des  Dichters  nicht  mit  befunden. 

Es  hat  sich  ergeben,  dass  Gatull  mehrere  Rollen  publicirt  batte. 
Wanu  deren  Inhalte  contrahirt  wurden,  ist  nach  der  Analogie  der 
ûbrigen  Fâlle  gleichen  Gharakters,  die  wir  in  diesem  Kapitel  ver- 
zeichnet  haben,   zu   entscheiden^).     Die  Gruppirung  ist  nicht  ohne 


»)  Oben  S.  22,  291. 

^)  HierfÛr  ist  zu  wissen  wûnschenswertb ,  wie  lange  die  Alten  nach 
Martial  CatuU  lasen  und  nacbalunten.  Wicbtig  ist  das  Epigramm  des  Co<L 
Vossianus  (Antb.  lat.  Ries.  412;  vgl.  Sûss  S.  12)  mit  CatuUiâchen  Wendangeo 
{beUm  Itomo  es  u.  per  iocum  vinumque^   Cat.  24  u.  50);   doch  ftllt  dies  riel- 


—  CatuU.  —  409 

Greschick  und  Ueberlegung  gemacht,  doch  lâsst  sie  die  ursprûnglichen* 
BucbgreDzen  gleichwohl  zum  Theil  noch  wiedererkennen.  Am  ge- 
wissesten  ist,  dass  die  Nuptiae  als  Epyllion  in  einer  Rolle  fiir  sich 


leicht  nicht  viel  spâter  als  Martial.  Weiter  las  Apuleius  ihn  noch,  Tgl. 
Âpolog.  S.  10  Kr.  (Cat.  39),  Metam.  VI  17  (Cat.  3,  12)  und  De  deo  Socr.  12, 
wo  er  YOD  den  Bewegungen  der  Planeten  handelnd  fortfSLhrt:  çuos  probe  callet 
qui  gignorum  ortus  et  obitus  comperit  (vgl.  Cat.  66,  2:  Qui  stellarum  ortus 
camperii  atque  obitus,  mir  yon  Niese  nachgewiesen).  Sp&ter  parodirt  A  u  s  o  n  i  u  s 
sweimal  das  ProOm  des  Catull  (im  Griphus  und  praef.  ad  Pacatum  mit  einem 
Veronensis  ait  poeta  quondam),  Das  Catullbuch  hat  er  also  gewiss  noch  ge- 
sehen.  Hieronymus  (Epist.  ad  Paul.  IV  S.  573  Mart.)  stellt  als  Lyriker  dem 
Dayid  entgegen  Flaccus,  Catullus  und  Serenus.  Martianus  Capella  kannte  ihn 
nicht  roehr  (III  229  Catullus  quidam),  doch  aber  wohl  Macrob  (II  init.  ohne 
Xamen  citirend  ut  ait  Veronensis  poeta)»  Luxorius  ahmt  ihn  nicht  nach.  Ob 
Claudian?  Hierfar  spricht  das  Khein.  Mus.  34  S.  8  AngefQhrte.  Wahr- 
acheinlich  referirt  aber  Claudian  auch  De  nupt.  Honorii  praef.  in  freier  Weise 
die  CatuUischen  Nuptiae  (statt  der  Parzen  singt  hier  Apoll  vom  Achill),  vrie 
denn  die  st&ndige  Hinweisung  auf  Peleus  und  Thetis  bei  Hochzeiten  durch 
die  Existenz  des  Catullgedichts  mitbeeinflusst  sein  mag;  so  z.  B.  Dracontius 
Spithalam.  VII  17,  besonders  aber  Sidonius  Apollinaris  praef.  Epithalam. 
in  Polemium  et  Âraneolam.  Dass  Sidonius  hier  nicht  nur  dem  Claudian  foigte, 
Bcheint  der  Inhalt  des  Ëpithalam's  zu  verrathen.  Seine  Erfindung  ist  ganz 
eigenartig;  sie  beschr&nkt  sich  auf  die  Schilderung  eines  Gewandes,  das 
Araoeola  stiokt,  durch  ûber  hundert  Verse.  Wie  kam  Sidonius  auf  den  6e- 
daoken,  so  descriptif  zu  verfahreu?  In  Catull's  Nuptiae  bestand  ein  Vorbild, 
dfts  sich  gleichfalls  in  der  Description  einer  Stickerei  fast  erschôpfU  Wort- 
ankl&nge  hat  Sidonius  nicht  gesucht;  auch  erw&hnt  er  Catull,  wo  er  Dichter 
aofa&hlt,  nur  sehr  flQchtîg  (IX  256  ff.  Ennius  Catullus  Stella  et  Septimius; 
XXIII  145  ff.  fehlt  Catull).  Doch  scheint  ein  Anklang  unzweifelhaft.  Man 
weiss,  das  socer  generque  der  CatuUhandschriften  (29,  24)  wird  bei  Vergil 
C»tal.  3  80  citirt:  gêner  socerque  perdidistis  omnia.  Die  natûrlichere  Verbindung 
war  socer  generque*,  Catull  stellte  aber  trotzdem  wohl  gêner  voran  (ygl.  B&hrens 
prsef.)  um  etwa  anzudeuten,  dass  er  Pompeius  an  Wûrde  ûber  C&sar  setze. 
Fur  socer  generque  bei  Catull  sprâche  hOchstens  Verg.  Aen.  VI  829  f.,  dagegen 
ItLr  gêner  socerque  eine  anscheinende  Nachahmung  Martial's  IX  70  Cum  gêner 
atque  socer  eqs.;  ebenso  Minutius  Félix  18,  6  generi  et  soceri  bella  (Claudian 
Fescenn.  3,  8:  Qener  Augusti  pridem  fueras,  nunc  rursus  eris  socer  Augusti 
und  Ofter).  Eeine  dieser  Stellen  stimmt  aber  so  getreu  mit  Vergil- Catull  wie 
die  des  Apollinaris,  welcher,  die  aus  Corduba  stammenden  zwei  Seneca  nebst 
Lacan  erw&hnend,  die  Pharsalia  des  letzteren  so  oharakterisirt  (IX  236 f.): 
I\ignam  tertius  ille  Oallicani  Dixit  Caesaris  ut  gêner  socerque  Cognata  im- 


410  —  Stdrangen  der  antiken  Buchform.  — 

ausgegeben  wurden^),  wîe  die  Hekale,  die  Ciris,  der  Golex  a.  s.  £ 
Ein  80  grosses  Gedicht  findet  sich  nie  als  Buchtheil*).  Auch  als 
Monobiblos  sind  die  Nuptiae  das  Yorbild  gewesen  fîir  die  Ciris;  and 
fiicht  anders  ist  die  Smyma  des  Ginna,  nicht  anders  werden  der 
Glaukos  des  Gornificius,  die  lo  des  Galvus  erschienen  sein'). 

Der  Titel  des  Buchs  ad  Nepotem  konnte  wie  bei  CalTns 
poemata  lauten.  Das  Buch  enthielt  sicher  die  Nummern  1  bis  60. 
Die  Anordnung  yieler  seiner  Gedichte  ist  noch  die  ursprûngliche*). 
Ein  Schlusswort  fehlt,  doch  dûrfen  wir  uns  hier  wohl  jenes  hioter 
N.  14  tradirten  Bruchstûcks  erinnem: 

Si  qui  forte  mearum  ineptiarum 
Lectores  eritis  manusqae  yestras 
Non  horrebitis  admovere  nobis  .  .  • 

Dièse  von  dem  zukûnftigen  Léser  handelnden  Worte  sind  sicher 
yersprengt;  sie  konnten  nur  entweder  am  Schluss  oder  am  Anlaog 
des  Bûches  stehen.    Die  erstere  Annahme  ist  nun  nicht  eben  kûlmer; 


pulerint  in  arma  Romain.  Dies  stammt  nicht  ans  Luean;  es  kann  anch  nicht 
dem  Catalepton  entlehnt  sein;  man  muss  also  auf  direkte  Benutzung  CatoQ's 
Hchliessen. 

»)  Oben  S.  297. 

3)  Ausser  in  Prosabûchern,  wie  Petron'a  Bellnm  civile. 

')  Die  Metriker  fûhren  fï\r  den  Hendecasyllabus  die  erste  Nummer  Caiull's 
an  (c.  1  oder  2),  ftir  den  Senar  c.  4,  1,  fOr  den  Hipponacteus  unerwartet  37, 1 
sUtt  8,  1.  Warum  citiren  sie  fÛr  den  Hexameter  64,  1  und  nicht  62,  1?  Weil 
N.  64  als  hexametrisches  Bach  fur  sich  ging. 

*)  Vgl.  Ellis  Comm.  S.  XXXIX  nach  Vorlânder  und  Westphal.  Eichtig 
stehen  die  ersten  Stûcke,  nur  dass  vor  17  das  Priapeum  ausfiel;  N.  37  stand 
vielleicht  vor  N.  8  (rgl.  vorige  Note).  Gegenst&nde  sind  Aurelius  nnd  Furioa 
N.  11.  15.  16.  21.  23.  24.  26;  Veranius  und  PabuUus  9.  12.  13;  Egnatius 
37.  39;  Ammiana  41.  42.  43;  Vatinius  52.  53.  Fur  N.  51  mnss  4enen  Becht 
gegeben  werden,  die  das  Otium  Catulle  eqs.  von  der  SapphoObersetzung  trennen; 
nunmehr  dûrfen  wir  wohl  annehmen,  dass  CatuU  die  Sappho  ursprfinglich 
complet  vierstrophig  gab,  womit  der  Bearbeiter  die  Strophe  eines  anderen 
Liedes  zusammenschweisste;  dièse  Strophe  vom  otium  war  aber  wohl  eine  An- 
fangsstrophe  ;  denn  Horaz  imitirt  sie  am  Anfang  der  Ode  II  16  (dreimaliges 
Otium,  in  gleichem  Versmass).  Die  spâteste  Nummer  52  steht  sehr  verloren; 
ihr  bester  Platz  wâre  am  Buchschluss.  Da  dièse  Partie  also  nicht  in  Ordnuog 
scheint,  so  mag  hier  auch  das  zweite  Gedicht  auf  den  Priap  (rgL  S.  408) 
ausgefalien  sein.     Als  Fragment  erkannten  wir  oben  N.  54  B. 


—  Catull.  —  411 

ichlich  scheint  sîe  sich  besonders  zu  empfehlen.  So  wie  Horaz  in 
siner  ersten  Epistel  sich  an  den  Maecenas,  im  Schlussbrief  an  das 
nch  und  seine  Léser  wendet,  so  galten  auch  Catull^s  letzte  Verse 
em  Publikum,  die  ersten  dem  speciellen  Adressaten  Nepos^). 

Ungewisser  bleiben  die  Vermuthungen  fur  den  Rest  der  Catull- 
unnilung.     Doch  ûberlege  man  Folgendes. 

Die  Nummem  69 — 116  bilden  eine  augenfallige  metrische  £in- 
eit;  man  wird  sie  darum  also  nicfat  mit  N.  1 — 60  combiniren  dûrfen. 
>arf  man  dies  nicht,  so  resultirt  hier  eine  neue  Bucheinheit. 

Betrachten  wir  sodann  die  Gredichte  grossen  Stiles.  N.  61  wird 
3n  dem  liber  ad  Nepotem  durch  seinen  Umfang  ausgeschlossen. 
och  undenkbarer  scheint  andererseits  die  Combination  dièses  und 
er  folgenden  Stûcke  mit  den  distichischen  Epigrammen.  Wir  haben 
)mit  die  Wahl,  entweder  jedes  von  ihnen  fur  eine  Monobiblos  zu 
ehmen  oder  aber  sie  zu  yerbinden  zu  einer  vierten  Bucheinheit. 

Dass  nun  das  Epithalamium,  der  Hymenaeos,  die  Atthis  u.  s.  f. 
Kies  in  einer  Rolle  fur  sich   stand,  ist  sehr  schwer  vorstelibar'); 


')  Ë8  war  ein  unglûcklicher  Ëinfall,  dièse  Worte  als  zweites  ProOm  mit 
9m  Finale  des  ersten  Passer  zu  verbinden: 

Si  qui  forte  meanun  ineptiarom  eqs. 
Tarn  gratom  est  mihi  qaam  forant  paellae 
Pemici  aareolom  fuisse  malum 
Qnod  zonam  soluit  diu  ligatam. 

rstlich  wûrde  Tarn  gratum  erit  zu  fordem  sein.  Zweitens  nennt  zwar  Martial 
n  nnbeschriebenes  Blatt  charta  virgo;  absurd  aber  ist,  dass  der  Dichter  da- 
irch,  dass  man  sein  Buch  liest,  sich  selbst  fùr  so  entjungfert  erkl&rt,  wie 
triante  durch  den  goldenen  Apfel.  So  carrikirt  man  den  Catull!  Drittens 
Lre  die  Stellung  dieser  Widmung  an  den  Léser  eine  falsche;  sie  mtisste  nicht 
kch  dem  j^asser,  sondern  vor  ihm  und  hinter  dem  Neposgedicht  stehen;  TgL 
.  1  u.  2  der  Priapea  und  die  geh&ufteren  Erôffnungsgedichte  bei  Martial 
[I  3  ist  unecht;  Y  5  ist  keine  Zueignung;  VII  1— d,  VIII  2  tragen  einleitenden 
larakter).  Was  die  Verse  von  der  Atalante  bezwecken,  kommt  hier  nicht 
Frage. 

')  Dass  Quintilian  N.  62  mit  Specialtitel  citirt,  beweist  nichta;  denn  dies 
Mchah  auch  mit  N.  17  (oben  S.  406).  Jedes  Gedicht  im  Buch  trug  eben 
aen  Specialtitel,  und  bei  N.  66  war  Eallimachos'  Name  hinzugef&gt;  so  nor 
kl&rt  sich  die  Citirweise  des  Hyg^n.  Terent.  Maurus  t.  2899  ist  ipse  liber 
M  Catullbuch,   worin  u.  a.    auch  die  Atthis  stand.  —   Wie  flber  dieae  Ge- 


412  —  Stôrungen  der  antiken  Buchform.  — 

gânzlich  unannehmbar  ist  dies  vor  allem  fur  die  Janua  (67)  und  die 
Absage  an  Mallius  (68  A)  ^).     Wie  dann  aber  disponirte  Catull? 

WoUen  wir  eine  Hypothèse  wagen,  so  ist  von  N.  76  und  N.  67 
auszugehen.  Ersteres  Gedicht,  das  letzte  Scheidewort  an  die  Lesbia, 
beweist,  dass  die  Epîgramme,  nicht  Yollkommen  exclusiv  gedacht, 
auch  kûrzere  Elegien  nnter  sich  duldeten.  Andererseits  will  der 
Schniutz  und  Skandal,  der  in  der  Janua  (67)  abgehandelt  wird,  zu  den 
Kunstdichtungen  edelsten  Stils  schlechterdings  nicht  passen;  yielmelir 
gehort  die  Janua  ihrem  Ton  und  Charakter  nach  durchaus  zu  den 
Epigrammen.  Durch  sie  ist  uns  ein  Fingerzeig  gegeben,  wo  in 
dem  Yorhandenen  Material  die  verlorene  Buchgrenze  einschnitt  Ich 
glaube  sonach,  dass  von  Catull  yier  Monobibla  verschiedenen  In- 
haltes ausgingen: 

1.  ein  poematorum  liber  ad  Nepotefn  mit  ûber  738  Versen; 

2.  das  Epyllion  JSuptiae  Pelei  et  Thetidis  mit  407  Versen; 

3.  ein  Canninum  liber  als  Miscellanbuch  von  Gredichten  hôherer 
Gattung,  in  der  Sache  an  des  Properz  letztes  Buch,  in  seiner  metri- 
schen  Mannigfaltigkeit  besonders  an  die  Silvae  des  Statius  erinnemd, 
enthaltend  unter  Separattiteln  zwei  Hymenaeen,  den  Plokamos  nebst 
Dedikationsgedicht,  die  Atthis,  die  Nachahmung  der  Pharmakeatriai, 
wahrscheinlich  aber  auch  die  Laodamiastudie,  die  grosse  Glorificirung 
Lesbia's  (68  B)^),  zusammen  etwa  790  Verse; 

4.  ein  Epigrammatum  liber  N.  67 — 116,  excl.  68  B,  in  welchem 
sich  einige  Stucke  zu  dem  Umfang  kùrzerer  Elegien  ausdehnten,  mit 
398  Versen;  von  diesem  Bûche  kann  manches  weggefallen  sein,  etwa 
auch  ein  Proômium.  Die  Reihenfolge  seiner  Gedichte  scheint  ûbri- 
gens  vielfach  die  ursprungliche^). 


dichte,  werden  wir  dann  weiter  auch  ûber  des  Calvas  Ëpîthalamium,  ûber  den 
Hymenaeos  des  Ticidas  urtheilen. 

')  Die  AusfûhruDgen  tod  Magnas  und  Eiessling  ûber  N.  68  haben  mieh 
nicht  ûberzeugt. 

')  In  das  folgende  Buch  will  dies  Stûck  nicht  wohl  passen.  Der  Urheber 
unserer  Sammlung,  der  die  Nuptiae  in  den  carminum  liber  als  ihren  Omphalos 
einschob,  hat  ausserdem  68  B  hinter  68  Â  geordnet,  gewiss  nur  wegen  der 
Namens&hnlichkeit  der  Adressaten  Mallius  und  Allius. 

^)  Vgl.  Ëllis,  comm.  S.  XXXIX;  von  Geliius  handein  88—91,  ausserdea 


—  CatuU.     Properz.  —  413 

Die  BuchzâhluDg  ist  es,  die  zugleich  den  Zusammenhalt  der 
Bûcher  zu  einem  Corpus  und  ihre  Sonderung  unter  einander  garantirte. 
In  der  Artungleichheit  der  vier  Catullbùcher,  welche  eine  Buchzâh- 
lung  verschmâlite,  erkennen  wir  darum  die  Hauptursache  ihrer 
ËntstelluDg.  Im  Gegensatz  hierzu  beschrânkte  sich  die  Poésie  des 
Properz  auf  eine  einzige  Stilgattung  und  ihre  Bûcher  liessen  sich 
zâhlen.  Die  Properzbûcher  haben  darum  auch  in  weit  geringerem 
Masse  Schaden  genommen. 


Properz  ^). 

Fur  den  Properz  giebt  uns  seine  handschriftliche  Ueberlieferung 
vier  Bûcher,  mit  den  Versinhalten  :  I  (Monobiblos)  678.  II  1362 
m  990.  IV  952. 

Betreffs  des  ersten  Bûches  ist  aljgemein  anerkannt,  dass  das- 
selbe  den  ûbrigen  Bûchern  gegenûber  voUkommen  isolirt  stand,  so 
wie  es  vor  ihnen  erschien.  Weder  Maecenas  noch  eine  sonstige 
Persônlichkeit  des  augusteischen  Hof-  und  Dichterkreises  noch  gar 
den  Kaiser  selbst  kennt  hier  Properz  ;  er  widmet  seine  Cynthia  einem 
gewissen  Tullus,  der  eine  Ôffentliche  Person  nicht  war  und  spâter 
nur  noch  einmal  als  ein  Italienmûder  Weltreisender  angeredet  wird. 
Mit  dem  Anfang  des  zweiten  Bûches  dagegen  hebt  der  Connex  mit 
Maecenas  an,  der  hinfort  auch  fur  diesen  Dichter  das  praesidium 
und  dulce  decus  wurde').  Die  Selbstândigkeit  jenes  Bûches  doku- 
mentirt  femer  sein  Schluss,  an  den  der  Dichter  dieselben  Personal- 
notizen  stellt,   die   Ovid  an   das   Ende    des   dritten   Bûches    seiner 


74;  80;  116;  yod  Mentula  114;  115;  94;  105;  Ton  Aufilena  110;  111  u.  101. 
Das  schlechteste  und  Mteste  Gedicht  ist  gewiss  mit  Absicht  an  den  Schluss 
gerQckt  {rgL  Ad  hexam.  hist.  symb.  S.  24  Note  3). 

^)  Auf  die  letzte,  haltlose  Hypothèse  zar  Lôsung  der  Properzfrage  von 
B.  B&hrens  kann  ich  mich  hier  nicht  einlassen,  gedenke  aber  anderswo  anf 
rie  surflckzukommen.  Mit  solchen  Aeusseningen  wie  Ton  Fr.  Plessis  (Berne 
erîtique  1880  S.  470)  „la  détestable  division  en  cinq  lirres^  ist  nichts  ge- 
wonnen.     Die  Gesetze  des  Buchwesens  mûssen  hier  entscheiden. 

*)  VgL  II  1,  73:  Maecenas  nostrae  spes  invidiosa  tuventoCy  Et  vitae  et 
morti  ghria  iusta  meae. 


414  —  StGningen  der  antiken  BQchform.  — 

Amores.  Dass  sich  auch  in  der  metrischen  Technik  aile  naclifol- 
genden  Bûcher  vom  ersten  eigenthûmlicli  scharf  abheben,  habe  ich 
anderenorts  gezeîgt^).  Eben  das  erste  Bucb  wird  nun  in  den  Hand- 
schriften  nicht  etwa  als  liber  primus  inskribirt,  sondem  mit  dem 
ganz  singulâren  Titel:  Incipit  monobiblos  propertn  aureln  nauU  ad 
Ttdlum  oder  Propertn  ....  monobiblos  incipit,  Dass  dièse  Benennang 
monobiblos  Propertii,  so  auffallend  an  sicb,  nicht  etwa  onursprÛDg- 
lich,  sondem  fîir  die  eigenartige  Fassung  der  Werke  des 
Properz  im  Alterthum  selbst  ein  getreuer  Zeuge  sei,  liesse  sich 
schon  um  der  Seltenheit  des  Titels  willen  mit  Zuversicht  erwarten; 
wir  haben  aber  in  diesem  Falle  das  Gliick,  dass  von  Martial  unter 
den  als  Satumaliengeschenke  registrirten  Werken  neben  Lucan,  Tibull 
imd  anderen  nicht  etwa  Propertius,  sondem  monobiblos  Properti 
verzeichnet  wird  (vgl.  oben  S.  80.  84).  Es  kann  kein  Zweifel  bestehen, 
dass  auch  Martial  keines  der  ûbrigen  Biicher,  sondem  mir  das  erste 
yerstand.  Weil  dièses  aber  Monobiblos  war,  war  fur  dasselbe  der 
geringere  Yersgehalt  678  imanstôssig. 

Fassen  wir  die  bibliothekarische  Bedeutung  nun  aber  so  genao, 
wie  wir  es  miissen,  so  entsteht  sofort  die  grôsste  sachliche  Schwieiig- 
keit,  welche  nur  Nichtachtung  der  classischen  Buchterminologie  hat 
ûbersehen  kônnen.  Die  iibrigen  Properzbiicher  sind  nicht  Mono- 
bibla;  denn  das  erste  fuhrt  seinen  Sondemamen  offenbar  zum  Unter- 
schied  von  den  iibrigen,  und  dièse  iibrigen  bilden  somit  fur 
sich  eine  mehrbiicherige  avvta^tç  (vgl.  S.  35  und  43).  Ge- 
hôrte  nun  die  Monobiblos  nicht  mit  zu  der  (JvyTa^tç  —  und  das 
war  nicht  môglich,  so  lange  sie  eben  Monobiblos  war;  sie  hôrte  ihren 
Namen  mit  Recht  zu  tragen  in  dem  Moment  auf,  wo  sie  mit  anderen  eine 
Verbindung  einging  — ,  so  konnte  sie  also  im  Alterthum  auch 
nicht  mit  in  Zâhlung  kommen;  und  wir  stehen  also  vor  dem 
Dilemma,  entweder  die  Buchzahlen  II  III  IT  fur  unecht 
zu  halten,  an  deren  Stelle  von  I  bis  III  hâtte  gezâhlt 
"werden  miissen,  oder  aber  anzunehmen,  das  ganzeBuchI 
dieser  Syntaxis  des  Properz   sei  verloren   gegangen. 

Priifen  wir  nun  die  Biicher  der  Syntaxis  selbst  nâher,  so  îiber- 

>)  Ad  hist.  hexam.  lat.  S.  26  ff. 


—  Properz.  —  415 

tteigt  das   erste  unter  ihnen   um   300  Zeilen   den   normalen  Buch- 
unfang. 

Man  weiss  nun  aber,  dass  es  eben  dièses  erste  war,  \¥elches 
^jachmann  mit  scharfer  und  sicherer  Krisis  aus  inneren  Grûnden  in 
:wei  fiucher  zu  zerlegen  fur  nôthig  fand.  Seitdem  zâhlen  beste 
lenner  des  Dichters  gegen  die  handschrifUiche  Autoritât  vielmehr 
unf  Properzbûcher.  Doch  hat  es  auch  nicht  an  Zweiflern  gefehlt, 
¥elche  sich  vor  allem  auf  ein  Zeugniss  des  Nouius  mit  Recht  be- 
îefen,  das  den  gewichtigen  Argumenten  Lachmann^s  die  Wage  zu 
lalten  schien.  Wir  werden  uns,  um  obigem  Dilemma  zu  entrinnen, 
siner  Neuerorterung  dieser  von  Lachmann  angeregten  Frage  nicht 
mtziehen  kônnen. 

Betrachten  wir  zunâchst  jene  Elégie  genauer,  der  die  XJeber- 
ieferung  im  ersten  Bûche  der  Syntaxis  die  zehnte  Stelle  einrâumt, 
lachdem  neun  rein  erotische  Stûcke  Yoraufgegangen.  Dies  so  wich- 
ige  und  yiel  traktirte  Gedicbt  scheint  mir  nach  Zweck  und  Com- 
position Ton  Yielen  nicht  richtig  aufgefasst  zu  sein^).  Der  Dichter 
ichlâgt  Yolleren  Ton  an  ;  er  wendet  sich  an  den  Kaiser  Rom^s  selbst. 
E^operz  war  wohl  ein  Dichter  unter  vielen,  von  welchen  der  Hof  ein 
Epos  auf  den  aktischen  Krieg  erhoffte.  £r  fuhlt  sich  gedrângt 
vrenigstens  das  Yersprechen  zu  geben  ;  er  affektirt  beim  ersten  Ein- 
Mktz  schon  Sangesbereitschaft;  die  Muse  ist  schon  im  Begriff  ihn  auf 
ier  Leyer  des  Epikers  zu  unterrichten  (docet  v.  10);  es  drangt  ihn 
etnzuheben  (nunc  volo,  Ubet,  und  sonst  lauter  Futura  der  nâchsten 
Kokunft);  er  ruft  seine  Seele  auf:  ,,erhebe  dich,  jetzt  soll  das  grosse 
Werk  gelingen  (v.  11)".  Sodann  kommt  von  dem  verheissenen  Ge- 
sang  nur  eine  schwache  Probe:  nur  ein  Versuch,  die  Grosse  Augustes 
EU  schildem,  in  sechs  Zeilen;  diesem  schliesst  sich  sodann  in  zwei 
^ilen  der  Wunsch  an:   ^môchte  ich  den  Tag  noch  erleben,  wo  ich 


^)  Nicht  aufgefasst  ist  Composition  und  Zweck  desselben  ron  denjenigen, 
iralche,  wie  Heimreich  (Quaest.  Prop.  1863)  und  Faltin  (Zur  Properzkritik  S.  18) 
larin  die  emsthafle  Ankûndigung  eines  Panegyricus  auf  den  Kaiser  erblicken, 
to  dass  dies  Gedicht  ungeeignet  sei,  als  Ëinleitung  eines  erotischen  Bûches 
m  dienen.  Dies  fûhrte  dann  zur  vollst&ndigen  Rathloaigkeit  und  wir  sollen 
gUnben,  dasselbe  gehOre  durch  seinen  Charakter  in  das  letzte  Buch  der 
Syntaxis. 


416  —  StSraDgen  der  antiken  Buchform.  — 

ein    solches  Epos   wirklich    werde    machen   kônnen   (v.  20)".    Man 
woUe  nun  beachten,  wie  sehr  von  der  vorher  affektirten  Sangesbereit- 
schaft  auf  einmal  dîeser  Wunscb  absticht;   die  ersten  zwolf  ZeUen 
thaten  so,  als  ob  das  Epos  eben  jetzt  kommen  solle;   es  resultirte 
dann  nicht  mehr  als  sechs  dûrftîge  Zeilen.    Jetzt  schliesst  sich  daran 
ein  Wunscb,  der  offenbar  besagt:  „îm  Moment  kann  icb  es  ûberhaupt 
noch  nicht,  ja  ich  bin  nicbt  einmal  sicber,  ob  ich  es  je  dermaleiust 
kônnen  werde".     Das  ist  eine  Verschiebung  in's  ungewisse  Zukimf- 
tige.  —  Hat  man  den  Gegensatz  dieser  Worte  zum  Eingang  i^ahr- 
genommen,  so  acbte  man  nunmehr  auf  die  zwei  Zeilen  des  Ëingangs 
V.  7  f  :   Aetas  prima  canat   Vénères  y   extrema  tumttlius;    Bella   canm 
quando  dicta  puelia  mea  est.     Dièse  Worte  passen,  wie  man  wohl 
bemerkt  bat,  schlecbterdings  nicbt  in  ihre  XJmgebung.     Sammtliche 
umgebenden  Verse  reden  so,  als  solle  das  Epos  jetzt  gleich  er- 
folgen;   hier  heisst  es   dagegen:    „die  Jugend  singe  von  Liebe,  das 
Greisenalter  von  Krieg".     Da  nun  aber  Properz   selbst  zur  Jugend 
gehôrt^),  so  wird  durch  diesen  Ausspruch  der  Impuis,  die  laudatio 
unmittelbar  vorzutragen,   wie  ihn  die  umgebenden  Zeilen  einmûthig 
kimdgeben,  vielmehr  vertagt  auf  kûnffcige  Jahrzehnte.    Aber  Ptopen 
fugt  sogar  noch  hinzu;    ^Krieg  werde  ich  dann  singen,   wann  ich 
meine  Geliebte  zu  Ende  gesungen  habe"  (es  steht  qtumdo  da,  nicht 
etwa  quoniam).    Mit  diesen  Worten  wird  abermals  und  ebenso  deutlich 
das  versprochene  Epos  auf  eine  ferne  Zukunft  hinausgeschoben,  wann 
nâmlich  dem  Erotiker  die  Jugend   fehlen  und   die  Geliebte  ausge- 
sungen    sein    wird.      Hieraus    folgt    mit   Nothwendigkeit,    dass  die 
Verse  7  f.  nicht  am  rechten  Orte  stehen.    Durch  leichte  Umstellung*) 
wird  sich  die  Elégie  folgendermassen  berichtigen  lassen: 


^)  Die  prima  aetas  vindicirt  er  sich  auch  I  8,  17.  Oder  glaubt  jemand 
wirklich,  Properz  schreibe  dièse  Elégie  als  Greis?  Aber  er  ist  und  bleibt  j» 
iuvenis  ûberall  (vgl.  s.  6.  II  1,  73:  nosira  inventas  u.  coepta  inventas  III  8,  57), 
80  lange  er  liebt  und  dichtet,  und  also  wQrde  dann  dièse  Ëlegie  noch  spàter  zn 
fallen  haben  als  das  allerletzte  Buch  des  Properz,  wo  er  noch  Liebbaber  ist. 
IV  8  und  IV  1,  135 — 146  und  ebenso  IV  7,  6  quererer  lecti  frigida  régna  mei- 

^)  Die  Hypothèse  der  Umstellung  liegt  fdr  die  Behandiung  solcher  Fille 
wie  des  vorliegenden  weit  nâher  als  die  der  Interpolation,  wie  sie  fUr  t.  7f. 
augenommen  worden  ist  (E.  Weber,  Quaest.  Prop.  1876  S.  28  f.).  Der  Plartl 
Vénères  ist  nicht  das  eînzige  cma^  iiçrjfiivov  des  Properz. 


—  Properz.  —  417 

Sed  tempus  lustrare  aliis  Helicona  choreis 
Et  oampum  Haemonio  iam  dare  tempus  equo. 
lam  libet  et  fortes  mémo  rare  ad  proelia  turmas 
Et  Romana  mei  dicere  castra  dacis. 
5  Quod  si  deficiant  rires,  audacia  oerte 

Laus  erit.     Id  magnis  et  Toluisse  sat  est. 
9  Nanc  toIo  subducto  g^ayior  procedere  Tultu; 

Nunc  (oder  namqtie)  aliam  citharam  me  mea  Musa  do  cet. 
Surge  anima  ex  humili  iam  carminé.     Samite  Tires 
Piérides.     Magni  nunc  erit  oris  opus: 

„Iam  negat  Euphrates  equitem  post  t«rga  tueri 
^Parthonim  et  Crasses  se  tenuisse  dolet. 
15  ^India  quis  (vielleicht  Indica  visi  gensf),  Auguste,  tuo  dat  colla  triumpho 
^Et  domus  intactae  te  tremit  Arabiae. 
„Ët  si  qua  extremis  tellus  se  subtrahit  oris, 
„Sentiat  illa  tuas  postmodo  capta  manus.'^ 

Haec  ego  castra  sequar.     Vates  tua  castra  canendo 

20  Magnus  ero.     Serrent  hune  mihi   fata  diem. 

7  Aetas  prima  canat  Vénères,  extrema  tumultus: 
Bella  canam  quando  dicta  puella  mea  est. 

21  Ut,  caput  in  magnis  ubi  non  est  tangere  signis, 
Ponitur  his  (Codd.  kic  oder  hoc)  imos  ante  corona  pedes. 
Sic  nos  nunc,  inopes  laudis  conscendere  culmen, 
PauperibuB  sacris  vilia  tura  damus. 

25  Nondum  etiam')  Ascraeos  norunt  mea  carmina  fontes, 
Sed  modo  Permessi  flumine  larit  Amor. 

Also  der  Brang,  den  Augustus  zu  singen,  ist  nach  einem  ohnmâch- 
tigen  Yersuch,  der  doch  wenigstens  Gelegenheit  gab  die  Hauptver- 
dienste  des  Herrschers  zu  formuliren,  verflogen,  und  es  folgt  das 
einschrânkende  Yersprechen:  in  diesem  Sinne  will  ich  dermaleinst, 
wenn  die  Liebe  mich  lâsst,  so  hoffe  ich,  dein  Homer  werden.  Mit 
ungemeiner  Grazie  und  auf  das  schonste  vermittelt  schliesst  hieran 
weiter  der  Schluss  der  Elégie  an.  £r  bezweckt,  dem  obigen  Yer- 
sach  wenigstens  als  solchem  einen  Zweck  zu  geben:  „Was  ich  dir 
jetzt  eben  (nunc  t.  23)  gesungen,  ist  nur  billiges  Weihrauchopfer 
(viUa  tura  y.  24);  aber  ich  wage  es  dir  dennoch  so  zu  bringen,  wie 
man  ail  zu  hohen  Gôtterbildem  ihren  Eranz  tief  unten  zu  Fûssen 
niederlegt.     Denn  wie  gesagt,  meine  Lieder  wollen  noch  von   des 


1)  Vgl.  Vahlen,  Ber.  der  Berliner  Ak.  d.  Wiss.  1881  S.  348. 
Birt,  BochweMn.  27 


418  —  StOrungen  der  antiken  Buchform.  — 

Hesiodos  Quellen  nichts  wissen;   vielmebr  war  es  eben   nocb,  dass 
îm  Parmess  sich  Gott  Amor  badete." 

Man  verstebt  dièses  Gedicbt  nicbt,  wenn  man  nicbt  beachtet, 
dass  es  dramatiscb  gearbeitet  ist  und  zeitlich  in  drei  Stationen  zer- 
fallt:  1.  Ankûndigung  zum  Gesang;  2.  Yersucb  eines  solcben  6e- 
sanges;  3.  modificirtes  Yersprecben  eines  wirklicben  Gesanges  fiir 
die  femere  Zukunft.  Ganz  âbnlicb  dramatiscb  ist  beim  Properz  Tor 
allem  die  grosse  erste  Elégie  des  letzten  Bucbes  angelegt^).  Ëine 
besonders  instruktive  Analogie  giebt  aber  Pbaedrus^  Fabel  IV  7;  aucli 
dies  Stûck  ist  in  gleicbem  Sinne  dramatiscb  zn  nennen  und  hat 
gleicbfalls  Dreitbeilung  :  1.  Ankûndigung  der  Absicbt,  im  tragischen 
Ton  zu  reden,  zum  Beweise,  dass  aucb  Aesop  auf  dem  Eothum 
schreiten  konne;  2.  die  tragiscbe  Partie  setzt  direkt  ein');  3.  sie 
bricbt  ab  nacb  elf  Versen,  und  der  Yersucb  wird  als  misslongen 
nacbgewiesen.  Ebenso  giebt  aucb  Properz  durcb  die  Dûrftigkeit 
seines  Yersucbs  selbst  dem  Augustus  zu  yersteben,  dass  er  der 
bôberen  Aufgabe  nicbt  gewacbsen,  nur  will  er  ibn  aber  docb  wenig- 
stens  fur  vilia  tura  und  fur  ein  paupere  sacrum  gelten  lassen. 

Durcb  dièse  Abscblagszablung  ist  Yorlâufig  die  Scbuld  des  Ero- 
tikers  an   seinen  Kaiser   (dtuc  meus  v.  4)  abgetragen  und   er  kann 


^)  1)  Periegese  v.  l  —  56,  2)  nachtrAgliche  Rechtfertigung  derselben 
(y.  57 — 70),  3)  Ërmahnung  des  Horos,  zur  Erotik  zarûcksukehren  (71  — 150). 
Aach  in  diesem  Gedicht  wird,  wer  es  so  betrachtet,  eine  Lûcke  zwischen  deo 
einzelnen  Theilen  nicht  anzunehmen  brauchen. 

^)  Man  woUe  beachten,   dass  Phaedrus  in  dieaer  tragischen  Einlage  fa.^t 

erreicht  hat,  reine  Senare  im  Sinne  der  Trag5dien  Seneca^s  zu  dichten: 

Utinam  necnnqnam  Pelii  nemorU  ingo 

Pinos  bipenni  concidUset  Theasala. 

Nec  ad  professae  morti«  aiadacem  viam 

Fabricasflet  Argus  opère  Palladio  ratem 

Inbospltalis  prima  qnae  ponti  sinos 

Patefecit  in  perniciem  *Graiam  et  barbanun. 

Namque  et  snperbi  Inget  Aoetae  domos 

Et  régna  Peliao  scelere  Medeae  lacent, 

Qnae  saevum*  ingeniam  varll«*  Involvens  modia 

1111c  per  artns  fratris  expUcnit  ftigam, 

Hic  caede  patrls  Peliadnm  Infeclt  manus. 

Die   drei  widerstrebenden   Senkungen    kônnten   demnach  verd&chtig  scheineiu 

Fur  Graium  wQrde   sich  Achivum  einsetzen  lassen;   der  drittletzte  Y  ers  wire 

freilich  schwerer  zu  &ndem  (Q^ae  saeva,  txxriis  ttnimum  et  involvens  modU). 


—  Properz.  —  419 

unmittelbar  lauter  Lîebeslieder  folgen  lassen.  Bald  aber  kann  er 
auch  verkûndigen  (Buch  II  Ende),  dass  es  nunmehr  Vergil  sei,  der 
endgultig  die  Ausfubrung  des  £pos  ûbernommen  habe  und  schon 
damit  im  Werke  sei.  Hiemit  ist  Properz  einer  solchen  Anfordenmg 
enthoben  (wenn  er  sich  auch  noch  einmal  gegen  Maecenas  derselben 
erwehrt  ni  8;  aber  wie  auders,  in  wie  vie]  sichererem  Tonel)  und 
braucht  dem  Aktischen  Siège  jetzt  nur  noch  die  eine  und  andere 
Elégie  zu  widmen  (III  10.  IV  6).  Wie  wenig  ernst  jenes  bella  canam 
qwmdo  eqs.  ûbrigens  gemeint  ist,  verrâth  der  Dichter  in  einem  nach- 
folgenden  Gedichte  (Il  25,  9),  wo  er  der  Cynthia  gelobt:  at  me  ah 
amore  tuo  diducet  ntUla  senectus,  sive  ego  Tithonus  sive  ego  Nestor  ero. 

Unabweislich  ist  nun  der  Eindruck,  dass  das  besprochene  6e- 
dicht  an  Augustus  mit  seinem  Inhalte  und  vor  Allem  mit  dem  stark 
absetzenden  Tone  seines  ersten  Distichons  inmitten  vieler  Liebes- 
lieder  durchaus  planlos  und  verloren  steht.  Unabweislich  ist  Lach- 
mann^s  Urtheil  Yon  diesem  Gedicht  :  „hi  versus  alibi  quam  in  capite 
libri  [Augusto  dedicati]  poni  non  potuerunt".  Lachmann  war  sach- 
Lich  genôthigt,  eben  mit  ihm  sein  ^drittes"  Properzbuch  anzuheben, 
das  somit  aus  den  Nummern  U  10  bis  II  34  besteht'). 

Derselbe  Ansatz  findet  aber  in  Worten  des  Properz  selbst  noch 
weitere  Bestatigimgen.  Haben  wir  die  furstliche  Schwelle  dièses 
Bûches  ûberschrîtten  und  lassen  das  eigenthiimliche  Epigramm  un- 
beachtet,  das  die  Reihe  der  nachfolgenden  Elegien  erôffnet'),  so 
gewahren  wir  zunâchst  zwei  hôchst  voUkommene  Compositionen,  die 
sich  an  Eros  richten.  Deren  erste  schliesst  und  gipfelt  in  dem 
Wunsche,  der  Gott  solle  doch  mit  seinen  Pfeilen  die  Dichterseele 
nicht  aller  Kraft  berauben,  damit  sie  singen  kônne,  wie  schon  die 
Geliebte  sei;  denn  eben  dièse  Lieder  seien  ja  doch  fur  den  Gott 
selbst  ein  grosser  Ruhm  (Il  12,  21 — 24).  Und  im  nâchsten  Gedicht 
heisst  es  unmittelbar  danach  noch  einmal:  „Amor  ist  es,  der  mich 
zum  Dichten  treibt.     Darum  will  ich  nicht  etwa,  wie  Orpheus  einst, 


^)  Den  Grund,  weshalb  man  anders  aïs  Lachmann  geurtheilt  bat  (S.  415 
Note),  erweist  die  gegebene  Interprétation  des  Gedichts  ala  hinfâllig. 

^  Ueber  den  ursprûnglichen  Platz  dièses  Ëpigramms  werde  ich  anderen 
Orts  in  erg&nsenden  Auseinandersetzungen  eine  Vermuthung  geben. 

27* 


420  —  Stônugea  der  aatiken  Bachform.  — 

Thiere  nnd  Biume  rûhren:  mein  einzîger  Zweck  bt,  dass  Cyntliia 
meine  Verse  bewundere^  (Il  13,  3  £.).  Also  in  zwei  Nummem  hinter 
einander  kûndigt  hier  der  Dichter  an,  erstlich  was  das  Thema  seiner 
Lieder  sei,  die  Schônheit  des  Mâdchens:  caput  et  dUgitos  et  lumma 
nigra  puellae  Et . .  ut  êoleant  moUiter  ire  pedes  ;  zweitens,  welches  das 
Publikum  sei,  fnr  das  sie  gedichtet  werden,  nâmlich  wiederum  das 
Mâdchen:  {eam)  me  iuvet  puris  auribus  scripta  probasse  mea.  Dièse 
nene  Themastellung  und  Zwecksetzung  seiner  Poésie  batte  non 
wiederum  einen  rechten  Anlass  nnr  am  An£ang  eines  neuen  Bâches, 
ein  Umstand,  der  Lachmann^s  AafÎBtellung  weiter  zn  empfehlen  ge- 
eignet  ist 

Buchstâblicb  bewiesen  bat  sie  Lacbmann  endlicb  ans  der  nâchst- 
folgenden  Nummer,  deren  Inbalt  eine  Todespbantasie,  das  so  beliebte 
Tbema  der  £legiker.  Als  Properz  sein  zweites  Bucb  begann,  bat 
er  es  im  dritten  Gedicbt  (Synt.  I  3,  4)  selbst  deutlicb  als  Uber  alttr 
bezeicbnet.  Hier  nun  aber,  in  der  Todespbantasie  des  Properz  II  13 
seben  wir  den  Dicbter,  da  er  Yor  Persepbone  treten  musa,  jede  Gabe 
und  jeden  Scbmuck  abweisen;  Grabe  und  Scbmuck  genug  sind  ihm 
seine  Gedicbte;  mit  ibnen  allein  will  er  Yor  die  Grôttin  treten:  âhn- 
licb  wie  jener  Ëutycbides  ô  fA€loyQdq>oÇj  ûber  den  Lucillus  spottet 
(Antbol.  Pal.  XI  133): 

oi  xarà  ytday, 
qivyiJ*  '  f/cuy  tàâàç  iç^trat  EvTvxiàrjç, 
xat  xi&aQÙç  ttirr^  dum^cero  avyxaraxavffai 
âfââtxa  xai  xicraç  tîxoainfm  vôfÂtav, 

Properz    aber    bezeicbnet   hier,    in    dem    nacb    der    Ueberlieferung 
zweiten  Bucbe,  seine  Werke  nicbt  als  zwei  Bûcber,  sondem  als  drei: 

Sat  mea,  sat  magna  est  si  ires  sint  pompa  libelli^), 
Quos  ego  Persephonae  maxima  dona  feram. 

^)  DasA  libellus  das  Gedichtbuch  heisst,  ist  oben  S.  22  (ygL  S.  291)  ge- 
zeigt.  Es  fehlt  jedes  Indicium,  den  Wortgebranch  des  Properz  Ton  dem  aller 
Anderen  zu  sondem  (so  Voigt  De  quarto  Prop.  libre,  Helsingfors  1872,  TgL 
auch  C.  Brandt,  Quaest.  Prop.  Berlin  1880).  Vielmehr,  wenn  Properz  sagt 
Tetrab.  III  1,  55:  Fortunata  meo  si  qua  est  celebrata  libellOy  so  kann  er  aoch 
hier  nur  das  complète  Litteratarbuch  meinen.  Denn  Ubdlus  ist  aosser  bei 
Statius  (s.  S.  22)  stets  etwas  r&umlich  Selbst&ndiges,   bedeutet  nie  eÎD 


—  Properï.  —  421 

Also  muss  Properz,  indem  er  dies  sagt,  drei  Bûcher  geschrieben 
baben,  oder  das  dritte  musste  doch  wenigstens  im  Begriff  sein, 
Tollendet  zu  werden.  Somit  konnte  dièse  Todesphantasie  von  Pro- 
perz  nicht  in  das  zweite  Buch,  das  er  ans  Elegien  zusammenstellte, 
es  konnte  erst  in  das  dritte  eingestellt  werden.  Also  hub  vor 
diesem   Gedicbte   ein   drittes  Bucb   an. 

Der  Anfang  dièses  dritten  Bucbs  aber  kann  nur  bei  dem  be- 
sprochenen  Gedicht  an  Augustus  II  10  angesetzt  werden.  Und  gerade 
ibm  scheint  der  Schluss  dièses  Bûches  sinnvoli  zu  entsprechen. 
Hier  ûberschaut  nâmlich  Properz  die  Leistungen  seines  Collegen 
Vergil,  und  indem  er  sich  selbst  ausscbliesslich  das  Feld  der  Elégie 
Yorbehâlt,  verbindet  er  mit  einer  Charakteristik  der  Vergilischen 
Hirtengedichte  und  Georgica  die  Ankûndigung  der  schon  begonnenen 
Aeneide.  Man  wird  das  Recht  haben  zu  glauben,  dass  dies  Finale 
nicht  ohne  rûckblickenden  Bezug  auf  die  Introduktion  an  Augustus 
geschrieben  sei,  indem  fur  die  Darstellung  der  Thaten  des  Kaisers, 
die  hier  Yom  Elegiker  kûmmerlich  versucht,   dann  in  Frage  gestellt 


Gedicht  aU  Bachtheil;  wâre  hier  also  eine  einzelne  Ëlegie  gemeint,  so 
mûssten  wir  dièse  als  râumlich  selbst&ndig  und  noch  unverbunden  mit  anderen 
denken;  das  w&re  ihr  Zustand  vor  der  Edition;  ein  solcbes  unedirtes  Gedicht 
ist  aber  nicht  im  Stande  ^berûhmt  zu  machen*',  wie  Properz  hier  vom  libellus 
aauagt.  Dasselbe  gilt  aber  von  dem  Verse  Tetrab.  II  25,  3  meis  fiet  noHssima 
forma  libellis;  Blâtter  mit  Versen  kOnnen  vor  ihrer  Edition  in  Buchform  nichts 
^bekanntmachen*'.  Fordert  endlich  Properz  den  Gegner  der  Erotik  aof, 
Monob.  9,  13:  /  quaeso  et  tristes  istos  compone  libellas^  so  heisst  dies:  ^schreibe 
traurige,  das  heisst  elegiâche  Bûcher  wie  dièses";  Properz  bMt  hier  dem 
Gegner  allerdings  nur  seinen  ein  en  libellus  tristis  als  Bei^piel  vor;  allein  er 
konnte  darum  doch  unmôglich  schreiben:  tristem  istum  compone  libellum;  dies 
w&re  Nonsens  ;  istos  steht  also  tfïr  istim  similes.  —  Zu  einer  voUkommen  unnatQr- 
lichen  Interprétation  ist  Faltin  gedrângt  worden  (S.  19):  Properz  giebt  hier, 
wie  der  Conjunktiv  sint  zeigt,  nur  einen  Wunsch;  folglich  kônne  er  auch  schon 
im  sweiten  Bûche  wûnschen:  „mOge  ich  dereinst  nur  mit  drei  BQchem  Tor 
Proserpina  treten"!  Warum  nicht  mit  zweien?  nicht  mit  vieren?  Wer  auf 
den  Sinn  Acht  giebt,  sieht,  dass  die  Zahl  der  Bûcher  hier  gar  nicht  der 
Oegenstand  des  Wunsches  sein  kann;  der  Sinn  ist:  „ich  bin  zufrieden  nichts 
anderes  zum  Geleite  zu  haben  als  m  eine  Bûcher  (so  viel  ihrer  immer  seien)**; 
die  HinzufÛgung  der  fur  diesen  Wunsch  ganz  gleichgiltigen  Zahl  batte  nur 
Sinn,  wenn  sie  der  Wirkiichkeit  entsprach. 


422  —  StOrungen  der  antiken  Bachform.  — 

und  auf  seiD  spâtes  Alter  verschoben  war,  jetzt  im  Yergil  eîn  sicherer 
und  ein  brauchbarerer  Vertreter  nachgewiesen  wird.  Mag  sich  dièse 
Ëlegie  immerhin  in  ihrer  Anrede  an  den  Lynceus  wenden,  so  soll 
sich  doch  gewiss  mit  dem  Qui  nunc  Aeneae  Troiani  suscitai  arma 
und  Nescio  quid  maiu^  nascitur  Iliade  Augustus  selbst  an  jenes  Ter- 
gebliche  magni  nunc  erit  oris  opus  vom  Dichter  nicht  ohne  ein 
Lâcheln  der  Bescheidenheit  zurûckerinnert  sehen. 

Sind  wir  nun  bis  hierhin  Lachmann  mit  Recht  gefolgt,  so  fragt 
es  sich,  was  ûber  die  neun  Gedichte  zu  urtheilen  sei,  die  jenem 
Prooemium  an  Augustus  voranstehen. 

Lachmann  erhob  sie  zu  einem  selbstândigen  Bûche.  Wir  er- 
halten  demnach  bei  ihm,  von  der  Monobiblos  abgesehen,  fur  den 
Properz  noch  folgende  vier  stichometrische  Summen: 

II  (1-9):  354        II  (10-84):  1008        III:  990        IV:   954  Verse. 

Man  sieht:  jetzt  erst  stehen  sich  die  drei  letzten  Bûcher  gleich;  jetzt 
erst  halten  sie  aile  den  obligaten  Umfang  des  Gredichtbuchs  inné. 
Das  erste  dagegen  mit  354  Versen  wurde  sich  als  so  klein  ergeben, 
dass  an  die  Integritat  seiner  Ueberlieferung  nicht  geglaubt  werden 
kônnte.  Es  kônnen  jene  ersten  neun  Gedichte  nicht  anders  als  fur 
ein  Ëxcerpt  gelten.  Standen  sie,  wie  nothwendig,  in  einem  ilw 
fii^Xloy  (oben  S.  154  ff.;  Eap.YI),  so  war  dièses  etwa  dreimaJ  so  stark. 
Nehmen  wir  sie  vorerst  in  diesem  Sinne  als  Stellvertreter  eines 
Bûches,  80  erhebt  sich  die  Frage:  wie  sind  von  den  antiken  Buch- 
hândlern  und  Bibliothekaren  dièse,  nunmehr  fiinf  Bûcher  des 
Properz  numerirt  worden?  Zâhlten  die  Indices  der  Rollen  bei 
der  Herausgabe  so,  wie  Lachmann's  Text,  von  I  bis  V  durch?  Dies 
kann  mit  Sicherheit  verneint  werden.  Entweder  war  fur  das  erste 
Buch  ad  Tullum,  als  die  folgenden  hinzukamen,  der  Name  monohiblas 
zu  tilgen,  was  nicht  geschehen  ist,  oder  aber  dies  Buch  hat  fur  die 
weitere  Syntaxis  des  Properz  gamicht  mit  in  Zâhlung  kommen 
kônnen.  Also  j&ng  der  Bibliopole  die  Zâhlung  mit  liber  primus  erst 
bei  der  ersten  dem  Maecenas  gewidmeten  RoUe  an  (II  1 — 9);  die 
Augustuselegie  (II  10)  erôfiîiete  bei  ihm  den  alterum  librum  dieser 
Syntaxis,  der  tertius  hub  bei  ihm  mit  der  Anrufung  der  Manen  des 
Kallimachos  und  Philetas  (III  1),  der  quartus  mit  der  Periegese  dnrch 
Rom  an  (IV  1). 


—  Properz.  —  423 

• 

Dieser  Schluss  ist  einfach.  Dass  man  aber  in  der  That  nie  f&nf 
Properzbûcher  zâhlte,  wird  durch  ein,  wie  man  nun  sieht,  mit  Un- 
recbt  gegen  Lachmann^s  Hauptthese  verwendetes  Zeugniss  des  Nonius 
auf  das  glûcklicbste  bestâtigt,  das  einzige  Grammatikerzeugniss,  so 
yiel  ich  weiss,  fur  den  Properz,  das  eine  Buchzahl  nennt.  Nonius 
citirt  S.  169  s.  v.  secundare  den  Vers  lam  Uqvidum  nantis  aura  secundat 
iter  als  ans  dem  dritten  Bucbe  des  Propertius;  der  Vers  steht 
TTT  21,  14;  hâtten  die  Alten  dagegen,  wie  Lacbmann,  Yon  I  bis  V 
durchgezâhlt ,  so  wûrde  dieser  Vers  vielmehr  im  vierten  Bûche 
stehen.  Nonius  sah  den  Dichter  nicht  selbst  ein,  sondem  ist  Zeuge 
fur  eine  betrâchtlich  altère  grammatiscbe  Benutzung.  Diesem  âlteren 
Grammatiker  entsprechend  besitzen  wir  also  vom  Properz  eine 
Monobiblos  elegiarum  kleineren  Umfanges  und  eine  Tetra- 
biblos  elegiarum,  deren  Buchumfânge  in  drei  Fâllen  voll- 
kommen   normal   und  gleichmâssig   vorliegen. 

Wir  konnen  nimmehr  auf  die  Biicherinscriptionen  .  der  Hand- 
schrifben  zurûckkommen.  Wir  vermissten  in  ibnen  einen  liber  primus; 
dem  Dilemma,  das  sich  uns  hieraus  ergab,  sind  wir  jetzt  enthoben. 
Derjenige,  der  den  Properz  zuerst  codificirte  und  auf  den  damit 
unsere  spâtmittelalterlichen  Codices  zurûckgehen,  hat  sich  nicht  etwa 
in  den  Buchzahlen  IV  und  III  geirrt;  ebenso  wenig  in  der  Buch- 
zahl U;  ebenso  wenig  im  Titel  monobiblos  ad  Tullum.  Weil  er  da- 
gegen vom  liber  primus  nur  Excerpte  vorfand  oder  aber  weil  es  ihm 
selbst  beliebte  denselbigen  nur  im  Excerpt  zu  geben,  so  erlaubte  er 
sich  die  Reste  des  primus  zum  Uber  secundus  hinzuzuschlagen,  liess 
die  vorangestellte  monobiblos  stillschweigend  als  primus  fungiren, 
wagte  dabei  aber  doch  noch  nicht,  ihren  so  eigenthûmlichen  Namen 
selbst  durch  die  Zahl  1  zu  ersetzen.  Dies  blieb  erst  der  Inaccura- 
tesse  der  neueren  Zeiten  yorbehalten^).  Andere  Beispiele  der  Con- 
traktion  zweier  Bûcher  in  eines  sind  im  Voraufgehenden  gegeben 
(S.  376.  373.  306  f.);  yergleichbar  ist  auch  das  fûnfte  Buch  der 
Annalen  des  Tacitus,  dessen  Fragment  mit  VI,  1 — 6  zusammenwuchs. 


^)  Vielleicht  setzte  schon  er  aie  wenigstens  in  die  eubscriptio,  die  fireilicb, 
wie  es  scheint,  nur  in  dem  schlechten  cod.  Florentinue  saec.  XV  bei  Bàhrens  sich 
findet:  Liber  ymus  explicit  sUtt  Monobiblos  explicit. 


^24  —  StdruDgen  der  antiken  Buehform.  — 

Die  hiemit  dargelegte  Auffassung  hat  die  Spuren  der  Pïropen- 
ûberlieferung  selbst  so  treu  wie  moglich  auszudeuten  gesucht.  An- 
Bcheinende  Wîderspruche  in  ibr  haben  sich  damit  anf  natôrliche 
Weise  ausgeglicben^). 


^)  Nicht  im  Ernst  wird  man  einwenden  woUen,  daaa  Propen  selbatja 
Tetrab.  I  3,  4  das  erste  Buch  der  Tetrabiblos  als  ein  zweites  Buch  beseicbne,  oder 
gar,  dass,  weil  er  II  14  von  den  très  libelli  spricbt,  aucb  der  Titel  des  Bâches, 
in  dem  dies  geschieht,   liber  terUvs  gelaatet  baben  musse.     Allerdings  weder 
der  Dichter,  der  Persephone  mit  den  Leistungen  seines  Dicbterlebens  bekannt 
machen  will,  kann  die  Monobiblos  ignoriren,  noch  der  Liebbaber,  der  die  Zahl 
seiner   Liebeagedicbte  zu   Zeugen  nimmt   fQr   sein   Ândauem   im   Liebesdienat 
(Vix  unum  potes ^  infelix^  requiescere  mensem  Et  hirpis  de  te  iam  liber  aUar 
erit);   will  er  in  solcbem  Fall  also  die  Anzabl  seiner  Bûcher  bezeicbnen,  m 
rechnet  er  sie  mit  ein.     Ëtwas  ganz   anderes  aber   ist    die   bibliothekarischs 
Rûcksicht.     Wir  werden  jetzt  endlich  darauf  gefilbrt,  zu  fragen,  wie  es  kam, 
dass   sich  unter  ftlnf  Bûchern  gleichartigen  Inhaltes   £ines   abgetrennt,  sdb- 
stândig  als  Monobiblos  erhalten  konnte.    Als  Horaz  zu  einer  Tribiblos  carminom 
sp&t  eine  Monobiblos  hinzudichtete,  wurde  sie  doch  als  N.  IV  gezàhlt;   aU  er 
nach    der  zuerst  edirten    monobiblos   Ëpistularum    noch    eine    zweite   kleinere 
schrieb,  wurden  beide  als  Buch  I  und  II  numerirt;  ja  es  scheint  eine  Ausgabe 
des  Horaz  gegeben  zu  haben,  in  der  sogar  die  Ara  poetica  als  tertius  ëpistu- 
larum stand  (vgl.  De  Halieuticis  S.  199).    Orid^s  Brief  an  Augustus  war  gleich- 
falls  seiner  Natur  nach  Monobiblos;  der  Dichter  aber  liess  ihn  dennoch  selbst 
ab  zweites  Buch  seiner  Tristien  fungiren  (s.  oben  S.  294).    Zur  Erklârung  der 
Singularitât,    dass  auf  dem  Litteraturmarkt  Roms   ein  Elegiebuch  unter  fûnfen 
desselben  Verfassers  noch  in  Martiales  Zeiten  und  sp&ter  als  selbstàndigea  Werk 
ausgeboten  wurde,   genûgt  weder  der  Uinweis   auf  seine  grOssere  Kûrze  noch 
auf  den  besonderen  Adressaten  Tullus.    Wûrde  unsere  Kenntniss  der  Verhilt- 
nisse  sie  zu  erklâren  nicht  ausreichen,   so  wûrde  sie  dennoch  als  etwas  durcb 
die  Ueberlieferung  Gegebenes  von  uns  unbeanstandet  hinzunehmen  sein.    Ëine 
hinlângliche  ËrkIârung  ist  aber  wirklich  môglich  unter  folgender  einfacher  An- 
nahme,  dass  nâmlich  die  Monobiblos  bei  einem  anderen  Bibliopolen  erschienen 
war  als  die  Tetrabiblos.    Neue  Connexionen  f&hren  einen  Autor  leicht  zu  einem 
neuen  Verleger.     Ein   bestimmter  Bibliopole   (etwa  die  Sosii   des  Horaz)  mag 
es  gewesen  sein,  bei  welchem  Maecenas  und  der  ganze  Kreis,  der  ihn  nmgab, 
ûberhaupt  zu   verlegen  pflegte.     Sobald  Properz  nach  Edition  der  Monobiblos 
in  diesen  Kreis  eingefûhrt  war,  trat  er  zugleich  auch  fiïr  seine  weiteren  Publi- 
kationen   mit   diesem  Buchhândler  in  Verbindung  mit  Aufgabe  des  alten.    So 
blieb  die  Monobiblos  elegiarum  ad  Tullum  fûr  ihren  Verleger  und  also  (llr  den 
Bûchermarkt  nothwendig,  was  sie  war,  ein  einbûcheriges  Werk.    Denn  unmdg- 
lich  konnte  der  Dichter  alsdann  von  dem  anderen,  der  die  Tetrabiblos  zu  ver- 


—  Properz.  —  425 

Properz  hinterliess  demnach  nicht  etwa  ein  Elegîenwerk,  das 
sich  auf  funf  Rollen  vertheilte,  er  hinterliess  zwei  Werke,  die  das 
Alterthum  stets  streng  gesondert  hielt.  Hierfur  ist  noch  beachtens- 
werth,  dass  die  Tetrabiblos  gelesener  und  bekannter  al  s  die  Mono- 
biblos  gewesen  zu  sein  scheint.  Denn  nnmôglich  wird  man  es  fur 
Zufall  halten,  dass  wir  aus  jener  elf  Grammatikeranfuhrungen  be- 
sitzen,  aus  dieser  dagegen  keine  einzige.  Nur  unter  den  Wand- 
kritzeleien  Pompeji^s  findet  sich  eine  Reminiscenz  an  das:  Donec  me 
docuit  castas  odisse  puellas  (Monob.  1,  5),  die  daselbst  mit  einem 
Oridvers  folgendermassen  yermâhlt  erscheint:  Candida  me  docuit 
mgras  odisse  puellas.  Odero  si  potero;  si  non,  invitus  amabo  (G.  J.  L. 
lY  1520).  Dieser  Umstand  dient  uns  zur  Ërlâuterung  der  Thatsache, 
dass  Martial,  wenn  er  eine  bibliothekarische  Raritat  nennen  will, 
nicht  die  Tetrabiblos,  sondem  gerade  die  Monobiblos  auswâhlt 
(oben  S.  80;  84)»). 

Wir  haben  einen  liber  primus  des  Properz  vermisst.    Wir  haben 


treiben  ûbernommen  hatte,   verlangen,   dieselbe   mit  der  Buchzahl  II  anheben 
su  lassen. 

»)  Uebrigens  scheint  die  Tetrabiblos  so  entiitanden  zu  sein,  dass  zun&chst 
swei  Bûcher  vom  Dichter  gleichzeitig  edirt  und  hernacb  erst  die  zwei  weiteren 
hinsugefQgt  wurden.  Die  gleichzeitige  Edition  von  Tetrabibl.  I  und  II  wird 
durch  II  24  erwieaen,  wo  als  im  Publikum  befindlich  noch  nicbts  als  die  eine 
Monobiblos  vorausgeaetzt  wird  (Tu  loqueris^  cum  sis  iam  nota  fabula  libro), 
Andererseits  finden  wir  am  £nde  von  Buch  II  den  Katalog  der  Hauptelegiker 
Roms,  welcher  dadurch,  dass  er  den  Properz  selbst  nach  Varro,  CatuU,  Cal  vus 
und  Gallus  im  letzten  Distichon  namentlich  aufPÛhrt,  dem  Publikum  gegenûber 
einen  formellen  Werkschluss  scheint  andeuten  zu  sollen.  Die  beiden  letzten 
Bûcher  entbehren  freilicb  eines  &hnlichen  Schlusses;  dennocb  wird  Properz  sie 
noch  selbst  edirt  haben;  denn  die  Reihenfolge  der  Gedichte  im  letzten  ist  so 
pUnvolly  dass  man  in  ihr  noch  die  Hand  des  Dichters  anerkennen  muss;  so  wie 
anch  Sehluss  und  Anfang  des  voraufgehenden  Bûches  deutlich  seine  eigene 
Intention  verrathen.  Ferner  scheint  das  dritte  frûher  als  das  letzte  erschienen 
sa  sein;  dièse  Annahme  wird  durch  die  rûckblickenden  Worte  der  Cynthia 
IV  7,  50  empfohlen:  Longa  mea  in  libris  régna  fuere  tuis-,  so  wie  ebenda  ihr 
Schwur  Me  servasse  Jidem  (v.  53)  den  Abschied  III  fin.  widerlegen  zu  sollen 
scheint.  Das  sp&teste  sichere  Datum  in  den  Bûchern  Tetrab.  I,  II  ist  das 
Jahr  28  bis  27  t.  Chr.  (vgl.  II  10,  II  31,  II  34),  in  III  das  Jahr  23  (vgl. 
N.  18),  in  IV  das  Jahr  16  (vgl.  N.  11). 


426  —  StOrungen  der  antiken  Buchform,  — 

aus  der  Uebergrôsse  des  zweiten  Bûches  erschlossen,  dass  in  dasselbe 
fremde  Theile  aufgeuominen  wurden.  Wir  haben  unter  diesen  Theilen 
das  fehlende  erste  Buch  vermuthet.  Sein  geringer  Umfang  Hess  uns 
sodann  auf  ein  Excerpt  schliessen.  Wirklich  fehlt  es  nun  in  den 
Gedichten  II  1 — 9  nicht  an  einem  Indicium  dafur,  dass  hier  ein 
bedeutender  Ausfall  stattgehabt.  Den  Nachweis  hiervon  hoffe  ich 
ergânzend  anderen  Ortes  zu  geben. 

Mit  Catull  und  Properz  erscheint  fur  uns  durch  den  Usas  des 
modernen  Buchwesens  Tibull  als  Dritter  wie  zu  Eins  Terwachsen. 
So  môge  hier  endiich  anhangsweise  auch  betrefifis  seiner  antiken 
Buchgestalt  ein  kurzes  Monitum  nicht  fehlen. 


Tibnil. 

Die  Handschriften  des  Tibull  sondern  durch  Inscription  emen 

Uber  primus,  secujidus  und  tertius.     Der  Dichter  des  dritten  Bachs 

nennt  sich  selbst  Lygdamus  und  wird  seit  Yoss  gegen  das  Zeugniss 

der  Handschriften   Yon  Tibull  unterschieden.     Nur  das   erste   und 

zweite  schliessen    mit   dem   obligaten  expUcit    Auch  folgt  auf  das 

dritte  nicht  ein  viertes,  sondern  jener  Panegyricus  Messalaey  welcher, 

'wie  yon  Kundigen  erkannt  ist,  wiederum  nicht  von  Tibull  herrûhit 

Dass  dieser  Panegyricus   ursprûnglich   als   selbstândiges   Buch  edirt 

wurde,  scheint  in  seinem  Schlusswort  angedeutet: 

Quin  etiam  mea  tune  tumalus  cum  texerit  ossa  .  • . 
Inceptis  de  te  subtexam  carmina  cartis. 

Hier  sind  die  beiden  Tropen  der  texiura  carrmnis  und  der  textura  chartae 
(ygl.  S.  228;  233)  verbunden;  waren  es  die  angefangenen  chartae 
selbst,  an  welche  zukiinftige  Gedichte  angewebt  werden  soUen, 
so  waren  dieselben  klârlich  eine  Rolle  mit  211  Zeilen  fur  sich,  es 
folgte  nichts  mehr  in  dieser  Rolle.  Unsere  Handschriften  dagegeo 
fugen,  wieder  ohne  expUcity  noch  weiter  dreizehn  kleinere  Nummern 
an,  die  eines  gemeinsamen  Titels  ganz  entbehren  und  wieder  zum 
Theil  sicher  untibullisch   sind^).     In  Scaliger^s   Cujacianus  standen 


')  Die  EiDzelaberschriften  sind  offenbar  unoriginal.    In  N.  13  nennt  sich 
Tibull;  N.  1  u.  5  spricht  der  Dichter,  N.  2  u.  4  Sulpicia,  N.  3  Cerinth.    Die 


—  TibuU.  —  427 

cndlich  ausserdem  noch  zwei  Priapeen,  die  eine  andere  Tradition  in 
der  Yergilappendix  ùberliefert. 

In  welcher  Form  nun  dièse  so  formlose  Appendix  Tibulliana  im 
Alterthum  umging,  fehlt  uns  zu  beurtheilen  ein  Anhalt;  nur  hat  der 
Snlpiciacyclus  gewiss  ursprûnglicb  ein  oXov  fiêfiUoy  ausgemacht. 
Achten  wir  vielmehr  auf  die  Hauptmasse,  die  eine  Buchzâhlung 
ao&eigt. 

Martial  deutet  an  (oben  S.  81),  dass  man  schon  in  seiner  Zeit 
mehrere  Tibullbûcher  batte  ^).  Aucb  wir  besitzen  dementsprecbend 
ein  erstes  mit  820  und  ein  zweites  mit  nur  428  Versen.  Dazu 
kommt  endlich  aber  nocb  Buch  III  gar  mit  nnr  290.  Dièse  Zahlen 
geben  Anstoss.  Fur  das  arge  MissYerbâltniss  von  Buch  U  zu  I 
wûrden  hôchstens  Horaz'  Oden  (S.  274,  275),  fur  die  ungebûbrliche 
Kûrze  des  dritten  als  eines  Sammelbucbes  hôchstens  die  Xenia  des 
Martialis  eine  Analogie  geben. 

Auch  die  besten  unserer  TibuUhandschriften  sind  jung  und 
datiren  sich  aus  dem  14.  und  15.  Jahrhimdert;  ihr  Archetyp  braucht 
nicht  sehr  viel  âlter  zu  sein.  Eine  entschieden  altère  Ueberlieferung 
liegt  uns  dagegen  in  den  Tibullexcerpten  vor,  deren  gemeinsame 
Yorlage  dem  Ausgange  des  Alterthums  selbst  anzugehôren  scheint 
Sehen  wir  bei  ihnen  nach.  Die  Pariser  TibuUexcerpte  vom  Anfang 
des  13.  Jahrhuoderts')  geben  ims  erstlich  zahlreiche  Stûcke  aus 
Buch  I,  iiberschrieben  TibuUus,  wozu  in  primo  fehlt,  obwohl  dann 
die  weiteren  Stellen  mit  in  eodem  eingefûhrt  werden;  sodann  werden 
Stellen  des  Bûches  U  richtig  mit  in  secundo  eingefûhrt  und  es  folgen 
neun  mit  in  eodem;  daran  aber  reihen  sich  weiter  funfzehn  Citate  aus 
Buch  III;  sie  aile  werden  gleichfalls  mit  m  eodem,  nirgends  aber  mit 
tn  tertio  bezcichnet;  hiernach  in  panegyrico  Messalae;  aus  der  Appendix 
nichts.  Es  gilt  hier  somit,  wie  man  sieht,  das  dritte  Buch 
TibulPs  als  Theil  des  zweiten.  Die  Excerpte  kennen  nur 
zwei  Tibullbûcher.     Dies  fur  Nachl&ssigkeit  zu  halten   hindert 


6  kleinsten  Stflcke  (7  ff.)  spricht  Sulpicia;  sie  nennt  ttich  N.  9;  in  N.  6  werden 
sogar  ihre  Gedichte  erwfthnt  (mets  Camenig);  man  vindicirt  also  N.  6 — 11  ge- 
wÎBS  mit  Recht  der  Sulpicia. 

^)  £r  fûbrt  auf  Monobiblos  Properti,  nicht  aber  Monobiblos  TibuUi, 

»)  VgL  PhUol.  XVll  342. 


428  —  StOnmgen  der  antiken  Bachform.  — 

uns  der  Consensus  des  Vincent  Yon  Beauvais,  welcher  den  Lygdamus 
gleichfalls  als  aus  dem  zweiten  citîrt^).  Die  Thatsache  muss  âlter 
sein  als  ihre  beiden  Zeugen. 

Wer  dies  erkannt  hat,  wird  auch  an  den  Codex  Santenianus  zo 
Berlin  des  neunten  Jahrhunderts*)  erinnert  werden  dûrfen,  dessen 
von  Haupt')  mitgetheiltes  Autorenverzeicbniss  Blatt  218  f.  aucb  ÂRn 
TibuUi  hb.  II  verzeicbnet.  Hier  wird  also  gleicbfalls  Bucb  DI  ignonrt 
Angesicbts  der  sonst  mebrfacb  inexakten  Zablen  dièses  Yerzeicbnisses 
ist  indess  dies  Zeugniss  mit  Yorsicbt  zu  benutzen. 

Greben  wir  nun  aber  dem  Hinweis  jener  alten  Excerpte  Folge, 
so  bat  das  Altertbum  nur  zwei  Tibullrollen  normaler 
Grosse   gebabt:  Bucb  I  zu  820,  Bucb  II  zu  718  Versen. 

In  solcben  Fragen  der  âltesten  Tradition  zu  folgen  wâre  zum  we- 
nigsten  metbodiscb.  Und  das  gunstige  Résultat  ist  nicbt  geeignet  uns  an 
dem,  was  metbodiscb,  irre  zu  macben.  Zwar  muss  Lygdamus,  wie  seine 
erste  Elégie  zeigt,  der  Neaera  seine  Gedicbte  im  Dedikationsexemplar 
(S.  349  f.)  mit  scbôner  Ausstattung  séparât  ûberreicbt  baben;  in  den 
Bucbbandel  indess  traten  die  Gedicbte,  wie  wir  nun  erkennen,  in 
der  Weise  ein,  dass  sie  Yon  den  Sosii  in  die  nocb  balb  leer  stebende 
zweite  Tibullrolle  (Ygl.  S.  155  f.)  binten  eingetragen  wurden  und  so  zu 
einem  Bestandtbeil  des  zweiten  TibuUbucbs  berabsanken.    Hierdurch 
findet   aber   zugleicb   nocb  ein   anderer  Umstand   eine   ùberrascbend 
giinstige  Erklârung.    Nicbts  war  natûrlicher,  als  dass  auf  dièse  Weise 
aucb  die  Autorscbaft  des  Lygdamus  auf  den  Tibull  ûberging,  dessen 
Name  auf  dem  ProtokoU  stand.     Und  dièse  Eigentbumsûbertragung 
ist  gewiss  scbon   sebr   frûb  eingetreten;    denn  Ovid   zwar,   der  Ton 
dieser  zweiten  Relie  beide  Tbeile   nacbgeabmt  bat,  weiss  allerdings, 
dass   nicbt  Neaera,   sondem   nur  Délia  und  Nemesis   die  Gefeierten 
seines  Freundes  waren;  die  Tbatsacbe  aber,  dass  das  ganze  weitere 
Altertbum  einen  Dicbter  Lygdamus   garnicbt  kennt,   lâsst  sicb  doch 
wobl    nur    aus    einer  so  firiiben  Uebertragung   zureicbend    erklâren. 
Derselbe  Anlass  macbte  spàter  Nemesianus'  Eclogen  zum  Eigeothum 
des  Calpumius  (S.  302). 


ï)  Vgl.  Protzen,  De  excerptis  Tib.  Greifswald  1869  S.  34. 

2)  Vgl.  Keil,  Gramm.  lat.  IV  S.  XXXIl. 

3)  Haupt,  Hermeâ  III  S.  221. 


-  Tibull.  ~  429 

Stîmmt  dies  Ailes  gat  zusammen,  so  gilt  es  noch,  nach  der 
Entstehung  der  Dreitheîlung  in  den  spâteren  Handschriften  zu  fragen. 
Sie  iDskribiren  Aîbii  TibuUi  liber  secundus  féliciter  expUcit,  Incipit 
tertius  ad  Neaeram  Amasiam  suam  (Vat.  ;  sehr  âlmlich  Ambros.),  oder 
AJbU.  TibuUi.  poetae.  lib.  III,  incipit,  de  Amoribvs  neerae  (Guelf.). 
Bas  dritte  Buch  wird  also  erst  hier  ausdriicklich  als  TibuUisch 
gestempelt.  Ist  dièse  BuchabtheiluDg  die  des  Alterthums  gewesen,  so 
mûssen  wir  auf  die  soeben  gewonnene  Erklaxung  jener  Eigenthums- 
ûbertragiing  yerzichten.  Allein  es  hindert  nichts  hierin  nur  einen  von 
den  vielen  Fâllen  anzuerkennen,  in  welchen  das  Mittelalter  falsche 
Buchtitel  eingeschwârzt  bat  (vgl.  S.  375  f.,  380  f.,  423).  Der  Guel- 
ferbitanus  des  Tibull  bat  hinter  dem  Panegyricus  willkûrlich  von 
zweiter  Hand  den  Titel  Liber  de  amoribus  Svlpiciae  et  CerintM  ein- 
gefuhrt;  ebenso  mag  auch  der  in  Frage  stehende  dritte  Buchtitel 
durch  einen  Codexschreiber  hînzugekommen  sein,  welcher  wahmahm, 
dass  ja  das  erste  Lygdamusgedicht  den  Charakter  der  Bucherôffiiung 
tarage.  Yielleicht  ist  dies  schon  bei  der  ersten  Codification  Tibull*s 
geschehen,  doch  blieb  der  erste  Tibullexcerptor  hiervon  zum  Gluck 
noch  unberûhrt:  er  benutzte  Tibull  in  der  originalen  Buchgestalt, 
auf  die  uns  ohne  sein  Zeugniss  nur  schûchteme  Divination  gefuhrt 
baben  wiîrde. 


NEDNTES  KAPITEL. 

Das  Yoralexandrinische  Bnchwesen. 


Viele  Titel  sind  genannt,  yiele  Bûcher  gemessen.  Wir  glauben 
in  den  Buchtabemen  des  Câsarischen  Rom^s  yollkommen  zu  Hause 
zu  sein.  Nur  ein  Haufen  Rollen  liegt  noch  anbesehen,  imd  hier 
fioden  sich  gerade  jene  vomehmen  Namen,  nach  denen  wir  bisher 
zu  fragen  Yersâumt,  ein  Plato  und  Epicharm,  Homer  und  Thuk^dides. 
Wir  schieben  sie  zur  Seite.  Ihr  Buch  scheint  ja  doch  eben  das  des 
Martial  und  Eallimachos.  Was  sollen  wir,  des  Suchens  mûde,  bei 
ihnen  verweilen? 

Besinnen  wir  uns.  Die  Thukydidesrollen,  die  hier  fur  den  Rômer 
zu  Eauf  liegen,  sind  jung,  sind  in  Rom  oder  Alexandria  frisch  ge- 
fertigt.  Sie  zeugen  nicht  fur  die  Zeit,  nicht  fur  den  Heimatsort 
ihres  Autors.  Forschen  wir  nach  dem  Einfluss  des  Buchwesens  auf 
die  litterarische  Produktion  und  wollen  wirklich  das  Buch  des 
Thukydides  kennen  lernen,  so  kônnten  uns  nur  etwa  aus  âlteren 
Jahrhunderten  vereinzelt  gerettete  antiquarische  Exemplare  Aufklâ- 
rung  geben. 

Begeben  wir  uns  unter  dièse  Antiquaria.  Nur  ein  flûchtiger 
Blick  und  wir  gewahren  alsbald  Riesenvolumina  ganz  imerhôrten 
Umfangs.  Wir  sehen  hier  gegen  30  000  Verse  in  einem  Bûche  con- 
tinuo  beisammen  stehen:  ein  voUstandiger  Homer  mit  allen  achtund- 
vierzig  Gesângen.  Es  ist  eben  der  Homer,  von  dem  Ulpian  redete. 
Wir  fûhlen  uns  ûberrascht:  wie  ein  Gigant  der  Vorzeit  muthet  er 
uns  an  unter  dem  zwerghaften  Rollengeschlecht  der  Kaiserzeiten. 
Wird  uns  unser  Staunen  aber  in  den  bis  hieher  erworbenen  Buch- 
kenntnissen  beirren  dûrfen? 


—  Perioden  des  Buchwesens.  —  431 

Wir  thaten  gut,  die  Zeiten  zu  sondem.  Die  classische  Litteratur 
bat  sich  in*  zwei  grossen  Perioden  entwickelt,  die  innerlich  durch 
ihreii  Charakter,  âusserlich  dem  Orte  nach,  an  den  sie  geknûpfb 
waren,  merklich  auseinanderfallen.  Centren  der  zweiten  waren  Ale- 
xandria  und  Rom.  Die  erste  war  wetteifernd  an  vielen  Plâtzen  der 
ilthellenischen  Welt  entstanden;  sie  culminirte  in  Athen,  das  uns 
als  ibr  Yorort  gelten  muss.  Beide  Perioden  trennt  das  Aufblûhen 
^exandria's.  Die  erste  Période  ist  kurz  die  der  eigentlichen  Classiker 
ies  Griecbenthums  mit  ihren  grossen  Originalschopfungen,  die  zweite 
ist  die  ihrer  nach-  und  weiterbildenden  Ëpigonen  so  griecbiscber 
me  lateiniscber  Zunge. 

Reges  iitterariscbes  Leben  bedingt  regen  Bucbyerkebr.  Atben 
muss  einst  Yorort  des  einen  wie  des  anderen  gewesen  sein.  Merk- 
vmrdigerweise  seben  wir  es  dagegen  aus  dem  Bucbverkebr  bernacb 
^ollst&ndig  eliminirt.  Das  Bucbwesen  von  den  Ptolemâern  bis  auf 
Constantin  den  Grossen  ist  einbeitlich  in  seiner  ôrtlicben  Tradition, 
indem  es  Atben  ausscbliesst.  Scbon  zur  Zeit  des  Tyrannio  existirten 
Qur  in  Alexandria  und  Rom  grosse  Bucbscbreibereien  (Strabo  S.  609). 
Zur  selben  Zeit  seben  wir  darum  den  Pomponius  Atticus,  als  er  seine 
berûbmte  Bûcberei  begrûnden  will,  Atben  yerlassen  und  nacb  Rom 
a;eben.  Yon  Herodes  Atticus,  von  Hadrian  muss  sicb  Atben  gar 
3ine  Bibliotbek  scbenken  lassen.  So  baben  wir  denn  dièse  littera- 
riscbste  aller  Stadte  in  dem  ganzen  Yerlauf  unserer  Erôrterungen 
i)i8ber  niemals  zu  nennen  gebabt^).  Yon  Hieronymus  rûckwârts 
»cbreitend  constatiren  wir  bis  zu  Eallimacbos  Continuitat  im  Bucb- 
vresen;  Rom  tbut  sicb  nâcbst  Alexandria  als  sein  Trager  auf  und 
3eide  Stâdte  wirken  so  lange  Zeiten  neben  einander;  die  Formen 
ies  Bucbwesens  waren  an  diesen  beiden  Plâtzen  notbwendig  die 
lamlicben;  Rom  bat  sie  von  Alexandria  empfangen.  Bei  den  An- 
*&ngen  Alexandria's  scbeint  jene  Continuitat  dagegen  aufzubôren; 


^)  Ausser  S.  363.  —  Wo  fand  ein  Mann  wie  Plutarch  seinen  Verlag?  Gewiss 
ireder  in  Chaeronea  noch  in  Athen,  sondera  in  Rom.  —  Erst  am  Ende  der  Eaiser- 
leit  hoben  eich  neben  Rom  auch  andere  St&dte,  die  Uauptst&dte  des  getheilten 
Eleiches,  wie  Constantinopel;  seitdem  mehren  sicb  die  Centren  des  Bachver- 
iriebes;  rgl.  Libanius  I  S.  78  R.,  wo  zehn  Bachb&ndler  in  den  Tornebmsten 
3t&dten  des  Reichs  sur  Verbreitung  einer  Rede  in  Bewegung  gesetzt  werden. 


432  —  ^^  ToraleraBdrinîscbe  Bnchweseiu  — 

d^s  Tonuifliegende  Buchwesen  Atheo's  kennen  wir  nicht,  wir  wissen 
anch  nicht,  ob  AlexaDdria  seine  Bachform  aoB  Athen  oder  Ton  den 
Priestem  Aegyptens  empfuigen  oder  ob  es  sicb  dieselbe  viebnehr 
selber  geschaffen  bat. 

Baben  wir  nnn  auf  die  Keniitniss  des  Bucbs  der  Epigoneo 
Mûbe  Terwandt,  so  werden  wir  mit  nocb  weit  grôsserem  Intéresse 
nacb  dem  jener  Grossen  fragen,  die  das  Weltreicb  der  litterarischen 
Kunstformen  zuerst  erobert  und  gegrûndet  baben.  Sammdn  wir 
denn  das  Wenige  mit  Sorgsamkeit,  was  uns  die  Andentongen  der 
Tradition  bierûber  aufbebalten  ^). 

Zunâcbst  zeigt  das  Bild,  das  wir  gewinnen,  wie  es  die  weit 
Torgescbrittene  Coltur  Atben's  erwarten  lâsst,  keinen  erheblichen 
Unterscbied  von  den  spâteren  Zeiten. 

Scbon  die  classiscbe  Période  benutzte  das  Papyrusbacb,  das 
aus  Aegypten  importirt  wurde  (s.  S.  47  f.;  vgl.  S,  224  flF.);  sie  bat 
das  Wort  fivfiXoç,  fivfiUar  fur  den  BucbbegrifT  ausgebildet  (s.  S.  12  f.). 
Eennt  scbon  die  Odyssée  Seile  aus  fiv^ioç,  so  kann  aucb  die  £in- 
fubrung  dièses  Bucbs  gewiss  im  acbten  Jabrbundert  begonnen  baben; 
in  Eleinasien  wurde  es  vorûbergebend  durcb  Lederrollen  abgelost, 
die  dann  auf  die  Terminologie  daselbst  Ëinfluss  ausûbten').  Diee 
Papyrusbucb  war  aucb  damais  Rolle  (s.  S.  18;  48)')  und  wurde 
durcb  Zusammenkleben  der  Seiten  hergestellt:  xoXXfi  yfv«raf  fi 
fitfiXioy*).      Der    unbescbriebene    Scbreibstoff   biess    scbon    damais 


^)  Vgl.  W.  Schmîtz,  Schriflsteller  u.  Buchh&ndler  in  Athen,  Darmstodt  1876. 
Wenn  ich  yod  dieser  Schrift  in  meiner  Auffassung  z.  Th.  abweiche,  so  moss 
meine  Darstellung  selbst  dies  rechtfertigen.  Im  Allgemeinen  bemerke  ich,  dêss 
ich  SchlQsse  ex  silentio  auf  die  geringe  Entwicklung  des  Buchwesens  f^ 
principiell  unberechtigt  halte.  Erw&hnungen  Ton  Bibliothek,  Buchkaaf  a.  s.  £ 
sind  seiten,  aber  nicht  seltener  als  die  Gelegenheiten ,  die  fûr  Edrw&hnung  so 
ftasserlicher  Dinge  bei  diesen  âlteren  Autoren  eintraten. 

')  Vgl.  S.  47.  Wattenbach  S.  92  beanstandet  die  Darstellung  Herodot't 
V  58  und  meint,  die  lonier  hâtten  anfangs  nur  d&qd^sQai  gekannt  and  daber 
diesen  Namen  hernach  auch  auf  die  PapyrusroUe  ûbertragen.  Dièse  Kritik 
ist  nicht  zwingend. 

^)  Auch  in  Aristoteles'  Problemen  S.  914  A  25  werden  bei  emem  Experi- 
ment  Bûcher  in  Cylinderform  vorausgesetzt. 

*)  Aristot.  S.  1042  B  18;  vgl.  Antiphanes  bei  Meineke  corn.  III  88:  fi^filtdiot 
xôlXrifÂa. 


—  Papvnisrollen.    Bibliopolen.  —  433 

o  X^Q'^V^  (S.  48).  Eine  werthvolle  Inschrift  des  Jahres  407  belehrt 
uns  ùber  den  Preis  desselben*);  nach  den  Worten:  xàgiat  icov^- 
^(Sav  âvo  iç  â(ç)  xà  àvxiyqaffa  iyeyQcitpafiev  wird  fur  jeden 
X^Q^Ç  der  Preis  auf  1  Drachme  und  2  Obolen  angesetzt  (das  ist 
£ast  10  Groschen  oder  im  Yerhaltniss  zu  unserem  modemen  Greld- 
werth  vielmehr  deren  38)*).  Da  "wir  indess  nicht  wissen,  wie  viele 
Meter  Papier  damais  unter  einem  x^Q'^Ç  begriffen  wurden,  so  lâsst 
sich  ein  Vergleich  mit  einer  Preisangabe  aus  jûngerer  Zeit  (S.  209) 
nicht  ausfûhren.  Auf  diesem  Material  wurden  also,  wie  die  Inschrift 
sagt,  Abschriften  oder  Reinschriften  gefertigt,  wâhrend  fur  das 
Brouillon  zwei  entsprechende  aapiâsç  dienten.  Es  handelte  sich  um 
die  Aufzeichnimg  von  Rechnungen.  —  Wir  werden  im  Verfolg  auch 
hier  wieder  von  solchen  Privatskripturen,  von  Briefen  u.  dgl.  m.  ab- 
sehen  und  uns  ausschliesslich  an  die  Litteraturbûcher,  die  eigentlichen 
fivfiXot  halten^). 

Die  Texte  der  Die  h  ter  jener  Zeiten  wurden  viel  weniger  fixirt 
um  als  Lektûre  zu  dienen,  als  um  memorirt  zu  werden.  Der  Prosaist 
bingegen  schrieb  nur  fur  Léser;  wo  er  auftritt,  ist  nothwendig  ein 
geregeltes  Buchwesen  vorausgesetzt;  nur  durch  das  Bue  h  kann  er 
sich  an  sein  Publikum  wenden.  Der  Léser  sodann  erwirbt  sich  das 
Buch  durch  Eauf.  Zwischen  ihm  und  dem  Autor  ist  der  Biblio- 
pole  der  nothwendige  Zwischentrager,  und  dieser  wird  fur  die 
Jahre  432  bis  425  zuerst  bezeugt.  Sofem  er  fur  die  Anfertigung 
der  Exemplare  sorgt,  heisst  er  auch  fiifihoyQcctpoç*).     So  Buch  ver- 

^)  Rechnungsablage  ûber  den  Ban  des  Erechtheion's ,  Eangabé  Antiqu. 
heU.  56  ff.,  C.  I.  A.  I  S.  324. 

*)  S.  Egger,  Mémoires  d'histoire  anc.  S.  136  f. 

')  Ueber  fitfilkt  als  Briefe  auf  Charta  s.  S.  20  f.  Dass  die  Wachstafel 
âinrvxoy  dékriov,  nv^iot',  myâxkoy,  schon  damais  der  Priratskriptar  diente,  ist 
bekannt;  juvaxut  mit  Rechnungeii  werden  C.  I.  A.  I  32  genannt.  Eine 
lUustration  giebt  hierzu  eine  athenische  Statuette  mit  Diptychon  (so  erkl&rt 
Ton  Furtw&ngler,  Mittheil.  d.  deutsch.  arcb.  InstiL  VI  1881  S.  174  ff.). 

^)  fitfil&on(6lf]ç  xuerst  bei  Aristomenes  (II  2,  732  Mem.;  Olymp.  87, 
1^88,  4),  Tbeopomp  (ibid.  821),  Nikophon  (ibid.  852),  fitfiltoyçâtpoç  bei 
Kratinos  (Pollux  VII  211),  Antiphanes  (Poil.  VII  21).  Es  war  ein  bestimmter 
Ort  Atbens,  wo  dièse  Verkâufer  stationirten:  ov  Ta  fitfiXkt  ^vut,  wie  Eupolis 
sagte  (II  1,  550  Mein.).  Die  Anekdote  rom  Bucbb&ndler  bei  Diog.  La.  VII  2 
ist  selbstrerstândlich  unhistorisch  ;  sie  setxt  Buchtheilung  im  Xenophon  Toraos* 
Birt,  Bachweaen.  28 


434  —  ^'^  Toralexandriniflche  Buchwesen.  — 

Tielfâltigung  durch  Abschrift  wie'Buchkauf  fand  Athen  aber  schon 
im  alten  Aegypten  vorgebildet  (s.  S.  49).  Yor  400  begegnen  wir 
ferner  schon  der  Bibliothek.  Mogen  die  Bibliotheken  des  Pisi- 
stratos  iind  Polykrates  auf  historischer  Construction  beruhen,  so 
bleiben  doch  die  eines  Euripides,  Euklides,  Nikokratos  ûbrig,  die 
Athenaeos  aufzuzâhlen  "weiss^).  Eine  so  reiche  Privatbibliothek,  wie 
sie  sich  Euthydem  bei  Xenophon  (Mem.  IV  2,  8  f.)  durch  Eauf 
sammelt,  gilt  aïs  nicht  gewôhnlicher  Lnxus:  sie  enthâlt  neben  Homer 
arztliche  Schriften,  solche  ûber  Baukunst,  Géométrie  und  Astronomie. 
Auch  die  Schulmeister  Athènes  aber  waren  nicht  ûbel  assortirt;  sie 
konnten  dem  Schûler  Orpheus  Yorlegen,  Hesiod,  Choerilos,  Homer, 
Epicharm,  Tragodien,  aber  auch  des  Simos  oifjaQtvcia^  die  etwa  der 
des  Philoxenos  glich'). 

Das  Publikum  des  Autors  ist  unbegrenzt  gross  gedacht  und  geht 
weit  ûber  Athen  hinaus^).  Den  Inhalt  der  Schriften  eines  Anaxi- 
goras  kennt  Jedermann^):  das  Bûcherlesen  war  also  in  Athen  etwis 
ganz  Gewôhnliches.  Wir  finden  die  Bibliopolen  geschâftig,  Bûndel 
{âétffAai)  Yon  Isokratesreden  in  Umlauf  zu  setzen').  Niemand  ak 
sie  kann  auch  den  ausgedehnten  Yersand  besorgt  haben.     Neben 


1)  Athen.  S.  3  A.    Ueber  Earipides'  Bflcher  rgl.  Aristoph.  FrOsche  1409. 
Nikratratos  heisst  Kyprier;  Euklid  wird  der  Archont  d.  J.  403  sein. 

3)  Vgl.  den  Lehrer  Linos  bei  Alexis,  III  S.  444  Mein.    Jedes  Bach  bai 
ciXXvfiot,  die  hier  imyQÛfjifÂaTa  beissen. 

')  Isokrates  kann  sich  darum  beschweren  Panath.  250  f.,  dass  so  Weoige 
in  Sparta  seine  Reden  besitzen  (f/ovrfç).     Vgl.  auch  S.  435,   1  a.  2. 

^)  Jeder,  der  ihren  Inhalt  nicht  kennt,  heisst  b.  Plato  Apol.  26  D  ttnu^ 
yça/ufÂUTioy.  —  An  Verkauf  dieser  Schriften  iy  itj  oQ^iiarQ^  wird  hier  woU 
nicht  gedacht;  dagegen  spricht  das  h'ion\  und  mit  xai  d^  xai  wird  za  des 
fitfilia  etwas  and  ères  hinzugeftigt,  was  man  f&r  eine  Drachme  kaoft,  &1m 
nicht  fitfilia,  Darum  folge  man  hier  Egger  a.  a.  0.  8.  139.  Von  Buchpreiseï 
dieser  Zeit  wissen  wir  nichts;  aile  Angaben  Sp&terer  sind  sichtlich  schwindel- 
haft;  die  300  Talente  fùr  Demokrit's  Diakosmos  (Philo  De  prorid.  II  50),  die 
3  Talente  nicht  ftlr  edirte  BQcher,  sondern  fÛr  Autographa  Speusipp's  (Diog.  IVô; 
Gell.  III  17);  das  Autographum  des  Philolaos  sollte,  nach  Timon,  Plato  ge- 
kauft  haben;  die  verschiedenen  Buchpreise  und  sonstigen  Fiktionen  Spâterer 
hierQber  s.  bei  Steinhardt,  Leben  Plato's  S.  150.  315. 

^)  Aristotel.   fr.  134  Rose   bei  Dion.   Hal.   De  Isocr.  18:    âittfjiaç  tort 
nokXàç  dtxavixdHy  Xôyfav  ^laoxçanicDy  mçtrfiçfa^at  vno  rm»^  fitfiXM7itiX»y. 


—  Bibliotheken.    Buchhandel.    Edition.  —  435 

Binken,  Kâstchen  und  anderen  ge'wôhnlichen  Dingen  gehôren  Lese- 
bûcher  nach  Xenophon  zur,  gewiss  regelmâssigen,  Schiffsladimg  der 
Kanffahrer,  die  damit  weit  in  den  Pontus  hinaufgehen^). 

Das  Manuskript  des  Autors  erfuhr  also  schon  damais  regel- 
missige  YerrielfaltiguDg;  der  Gegensatz  von  Abschrift  und  Auto- 
graphum  muss  mithin  derselbe  wie  in  spâterer  Zeit  gewesen  sein; 
der  BegrifF  der  Edition  (s.  Kap.  VII)  war  in  Athen  vollkommen 
Torgebildet.  Dies  exemplificirt  sehr  schon  Isokrates,  wenn  er  an- 
stebt  seinen  Panathenaicus  zu  ^publiciren^  {(pavsqàv  notijtfai,  dia~ 
âêâoyaty)^  Fur  Plato  scheint  Hermodoros')  das  Technische  der 
Publikation,  d.  h.  den  Yerlag  ûbernommen  zu  haben.  Nach  dieser 
PubHcitat  und  ihrem  Gregentheile  schied  sich  die  ganze  Schiiftstellerei 
des  Aristoteles.  Nur  seine  Schriften  in  Eunstprosa  gab  er  in  den 
Buchhandel;  sie  hiessen  darum  ^ausserhalb  des  Peripatos  befindliche*^ 
oder  ^herausgegebene^ ,  i^aTSQucoi  oder  ixâsdofàéyot  Xdyot;  ihr 
Gregensatz  sind  die  Schulschriften  oder  àxQOciffetç  ohne  Kunstsprache 
Mixtà  (piXotSOifiaVy  die,  zunâchst  nur  einmal  niedergeschrieben  und  also 
unedirt,  innerhalb  des  Peripatos  den  Grundtext  der  Lehre  bildeten  und 
nur  unter  den  Mitgliedem  der  Schule  durch  eigenhândige  Abschrift 


')  Xenophon  Anab.  VII  6,  14:  fiifilot  ye/Qafifiévat,  Dnrch  solch  ûber- 
•eeiachen  Buchhandel,  nicht  darch  persOnliche  Uebermittelung  scheint  anch 
iBokrates  des  Polykrates  Schriften  flber  Busiris  und  ûber  Sokrates  erhalten  m 
haben  (Isokr.  XI  1). 

^  Das  Werk  ist  begonnen  von  dem  94  j&hrigen  (§  3),  wegen  Krankheit 
fiegen  gelassen  (267)  und  drei  Jahre  sp&ter  fortgesetzt  (270)  ;  da  die  Yerlesnng 
des  Manoskripts  einen  Freund  nicht  ganz  fiberseugt  (230)  «  schwankt  Isokr., 
ob  er  es  ediren  soll,  nôrtqov  àfpavkCtàoç  navjànttciv  icnv  Ç  dêadonoç  toïç 
fopXofiévo$ç  lafdfiâyity  (233);  der  Freund  entscheidet  sodann,  er  solle  nicht 
éêoXayd^ayiw,  sondem  àç  mxnna  çavêçay  no^cat  u.  iw.  toîç  r*  aXlotç  anaat 
xoê  niç  jéaxtdatfdoyiotç  (249). 

*)  Hermodor  heisst  bei  Suidas  âxçoar^ç  Plato's.  Ihn  denkt  sxch  Geero 
jeden&Us  sn  Plato  in  gans  demselben  Verh&ltniss,  wie  es  Atticus  zn  Ciœro 
bmtte,  wenn  er  Atticus  firagt:  placetne  tibi  Hbros  De  finibus  edere  miusnt  meof 
Hoc  ne  Hertnodorus  quidem  faciebat  m,  ^t  PkUonis  lièros  solitus  est  divolgare 
(ad  Att.  XIII  20,  4).  Der  Vers  JoyokCiy  'EQfAoâoiQoç  èfmoQêvêjat  (Snid.) 
scheint  an  Terrathen,  dass  dies  VerlagsTerh&ltniss  in  der  KomOdie  besprochen 
warde.    Der  Mann  batte  vielleicht  Ton  dem  Handel  grosse  Einnahme,  ohne 

doch  Plato  daTon  absugeben. 

28* 


^gg  —  Das  Toralexandrinische  Buchvesen.  — 

Yerbreitung  fanden*).     In  jenem  Sinn  stehen  die  loyot  ixdsôofiiyiH 
gleichfalls  beim  Isokrates  (XV  9).    Auch  die  Bûchervermâchtiiisse  der 


^)  Ueber  dièse  yielerûrterte  Thatsache  Tgl.  bos.  Zeller,  Philos,  d.  Griechen 
II  2'  S.  112  u.  119ff.     Die  Interprétation  der  ^atnçtxoi  lôyot  als  Schriften 
einer  ^Ausserlichen^  Metbode  {ix  nt&ayov)  ist  nicbt  mGglich;  Xôyoç  bebst  hier 
an   den   meisten  Stellen   «Scbriftwerk*' ,    und    die  genannte   Bedeutung  wfirde 
griechisch  nur  Xôyoi  ix  TÙy  i^tangixcUy  (ÙQ/urj/uéyoè  lauten  kOnnen.    Der  sonstige 
Spracbgebrauch  lebrt,  dass  i^vunQixâ  Dinge  heissen,  die  sich  fQr  das  lo- 
giscbe  Subjekt  der  Rede  aussen  befinden,  rà  f|a»  (die  Kreter  habes 
keine  àçx^  i^atr.,  die  ausserhalb  Kreta's  Iftge,  S.  1272  B  19;  Hand,  Fass  and 
Zunge  sind  Aussenglieder,  i^tor.  ^oçia,  S.  786  A  26;  daber  Tir  i^ùiT.  anch  die 
âusseren    GlQcksgnter    im    Gegensats    zur   innoren  Seligkeit,    S.  1323  B  25; 
nçtt^nç  i^toT,  sind  Geschâfte,  die  rà  é|ai  betreffen,  im  Gegensatz  zn  prirateOf 
oîxilat,  S.  1325  B  22  u.  29;  analog  aucb  S.  817  A  20).    Dièse  Worthedentmig 
ergiebt,  dass  Xôyoi  i^iûT,  fQr  Aristoteles  oi  fÇta^fy  (so  S.  1264  B  39  Ton  Plato*s 
Staat)   sind,    Schriften,    welcbe  fQr  den   Akroasenschreiber   wie  ftir  den  ge- 
scblossenen  ZubOrerkreis,  an  den  er  sich  wendet,  sich  draussen  befinden,  ansscr- 
balb  des  Peripatos,  auf  dem  Bucbmarkt,  im  grossen  Publikum.    Acbtmal  rer- 
weist  Arist.  in  dieser  Form  ;  zweimal  aber  aucb  geradezn  und  fùr  uns  deutlicber 
mit  ixdédo/uiyot  kôyot  S.  1454  B  16  und  jlo^o»  iy  xoty^  ytyyofifyot  S.  407  B  37 
(vgl.  Bemays  Dial.  Arist.  S.  138,  164;    gemeint  sind  hier  Eudem   und  m^ 
nottjToiy),    Galen,  welcber  unterscbeidet  (IV'  S.  758E.)  rà  /nèy  toîç  tioIJIoîç 
yfyçatfÔTCDy,  raç  ai  ctxçoâaitç  toîç  haiçoiç,  kennt  die  ricbtige  Bedeutung  nocb, 
und  erst  Sp&tere  deuteten  irrthûmlicb.     Dièse  Edita   sind  aber  die  Dialoge 
dés  Aristoteles  (Cic.  ad  Ait.  IV  16;  Plutarch  adr.  Colot.  14).    Es  lag  in  ibrea 
publicistischen  Zweck,  dass  sie,  von  scbôner  Spracbe  und  gemeinverst&ndlidi, 
zu  den  Akroasen  zugleicb  aucb  cinen  inncrlicben,  methodischen  Gegensatz 
bildeten   (Bernays  S.  30  ff.,   Heitz,  D.  verl.  Scbr.  des  Ar.  S.  122  ff.);    daher 
nennt  sie  Cicero  popularitcr  scriptum  (De  fin.  V  12);  sie  begnQgten  sieb  zock 
mit  der  Darstellung  der  Vulgatansicht  (vgl.  Etb.  Nik,  1098  B  10  rà  Xêyôufrt 
mit  Etb.  Eud.   1218  B  33;   Zeller  S.  119  Anm.  1);    daraus  erkl&rt  sich  iber, 
wie  Ar.  in  der  Politik  abbricbt  (1254  A  31):  cckkà  rttvTa  /uty  îaoDç  i^eançtxvn^ 
icTi  cxéipfùjç;  d.  b.  die  Analogie  (der  Natur  mit  der  Musik)  auszufûhren 
gebôrt   nicbt  in   dièse  Akroase,   sondern   dem  Stil  meiner  Pnblicistik  an;  àet 
Analogiescbluss   eignet  ja   aucb  Plato's   Dialogen   ganz   besonders    (BerosTi 
S.  165).     Zu  unserer  Auffassung  stimmt  nur  nicbt  Phjs.  217  B  30.     Ed  vâre 
unmetbodiscb,  gegen  ein  aus  vielen  Momenten  erscblossenes  einbeitlicbes  Ré- 
sultat aus  einer  Ausnabme  einen  Gegenscbluss  zu  zieben;  dieselbe  wird  riel- 
mebr  ron  jenem  Résultat   aus   zu  beurtbeilen   sein;    es   sind   an  jener  Stelle 
betreffs  des  j(o6yoç  offenbar  mit  ^|a>r.  koyot  die  ebcnda  gleicb  folgenden  S&ue 
S.  217  B  19  bis  218  A  30  gemeint  (s.  Bernays  S.  93,  Heitz  S.  131).    Doch 


—  ixdido/uiyoi^  kôyoi.     i^cjTfQixa,     àvixâora,  —  437 

griechischen  Philosophent)  stellen  Unterscheidungen  au,  die  sich  nur 
im  nâmlichen  Sinne  verstehen  lassen:  die  gekauften  Lesebûcher  %à 
àyëyytùiSikiva  sondem  sich  in  ihrem  Nachlasse  principiell  Yon  den 
àyéxâova^),  £in  solches  àvèndoxov  ist  es,  das  im  Theaetet  des 
Plato  (S.  143  B)  aus  einem  ^ifikiop  vorgelesen  wird. 

Wir  wundem  uns  nicht  die  Grundzûge  des  spâteren  Buchwesens 
8chon  in  dem  Rahmen  des  altgriechischen  Culturlebens  genau  vor- 
gezeichnet  zu  finden,  da  sie  in  sachlicher  Nothwendigkeit  begrûndet 
Bind  (s.  S.  1).  Lenken  wir  im  Folgenden  unser  Augenmerk  von  dem, 
iras  nothwendig,  vielmehr  auf  das  hin,  was  der  Zufalligkeit  angehôrt. 
Ich   meine    die   Buchbeschaffenheit.     Die  Prosazeile  ist   wàhr- 


bleibt  hier  nicht  die  ErklJlning  xnôglich,  dass  dièse  S&tze,  ron  on  fiiv  ovv  $  oXxaç 
ovx  iai$y  bis  locavi  ïcroi  ifnpioqtifiéva,  deren  methodischeVerschieden* 
heit  Bemays  herrorhebt,  ein  eingefûgtes  Excerpt  aus  einer  exoterischen  Schrift 
ûnd?  80,  wie  Arist.  in  Polit.  IV  init.  gleichfalls  eine  Partie  ans  seinen  eigenen 
Exoterica  ebgefQgt  zu  haben  scheint  (Bernays  S.  73  ff.,  dagegen  Vahlen,  Arist. 
Aufs.  II).  Ueber  den  j^çôyoç  als  seiend  oder  nicht  seiend  konnte  Ar.  z.  B. 
im  SoffèOT^ç  handeln;  das  Résultat  ist  die  dem  Dialog  eigenthQmliche  Aporie 
(rgL  ttTtoçia  i^toTëçtxij,  Eudem  fr.  6). 

')  Vgl.  Bruns,  Die  Testamente  der  gr.  Philosophen,  Zeitschr.  d.  Sayigny- 
Stifîtung  I  R5m.  Abth.  S.  1  ff.  Zweifel  gegen  die  Ëchtheit  sind  unbegrûndet; 
Brans  S.  3;  Zeller  II  2,  S.  41. 

^  Plato's  VermôgensTerzeichniss  beg^eift  die  fitfiUa  gewLss  unter  die 
cxiétj,  woTon  Demetrios  besondcre  Inrentare  habe.  Aristoteles  vermacht  keine 
Bûcher,  weil  er  sie  lebend  an  Theophrast  ftlr  die  Schule  ûberliess  (Bruns  S.  23). 
Theophrast  giebt  rà  fitfiXia  nréyra  an  Neleus,  Ëpikur  rà  fièfikia  rà  vnixçj(oyTtt 
ilfûy  nâyra  an  Hermarchos.  Strato  sodann  yermacht  dem  Lyko  gleichfalls  rà 
fiêftXia  nâyra,  jedoch  nltfy  tjy  abroi  yiyçâ(fia/A(y,  Dem  Lyko,  dem  Fortsetzer 
des  Peripatos,  kam  wie  der  Garten  und  sonstiger  Apparat  des  Instituts  so 
ftoch  die  Bibliothek  der  Schule  zu  ;  Autographa  aber  gehOren  zu  dieser  Bibliothek 
nicht  und  fallen  darum  an  Lampyrio  und  Arkesilaos,  weil  sie  unter  die  Prirat- 
aachen,  rà  oîxtt  nayra,  fallen  (Bruns  S.  39).  Dem  analog  ist  offenbar  die 
terminologisch  intéressante  Sonderung  Lyko*s:  dem  Sklayen  Chares  soUen  lu- 
fidlen  in  if^à  fitfiXia  rà  àyiyytDO^éya'  rà  d*  àyixdora  KakXiy(i>  oTuaç  in^fAtXmç 
ahtct  Ixdçï.  Die  „Anekdota''  sind  klar:  es  sind  unedirte  Manuskripte  Lyko's 
wissenschafUichen  Inhaltes;  dem  Sch filer  Kallinos  werden  sie  zur  Edition  an- 
Tertraut.  Der  Gegensatz  nOthigt  also,  dass  die  „gelesenen  Bûcher'*  eben 
htâfdofAiya  sind,  die  gekauft  wurden  um  als  Lektûre  zu  dienen.  Chares  war 
wohl  àyayytâcTfiç ,  dem  jetzt  gehôrt,  womit  er  seinen  Herrn  bisher  unter- 
halten  bat. 


438  —  ^^  Toralexandrinische  Baehwesen.  — 

scheînlich  schon  damais  als  festes  Mass  beliandelt  und  der  gelinfigen 
Hexameterzeile  gleichgesetzt  worden,  iind  dieBuchseite  sah  schon 
damais  der  spâteren  gleich;  dies  hat  sicb  uns  bereits  in  anderem 
Zusammenhange  ergeben  (s.  S.  205).  Es  ist  Tielmehr  der  End-  und 
Zielpimkt  unserer  Erorterungen  ûber  das  Buchwesen,  die  Buch- 
grosse,  "welche  auch  hier  unser  Intéresse  'wieder  Yomehmlich  zu 
beschâftigen  hat. 

Dass  auch  schon  der  fit^ltoyçâyioç  des  damaligen  Athen  die 
BuchroUen  aus  Aegypten  fertîg  bezog,  ist  mit  Nothwendigkeit  yoraos- 
zusetzen.  Die  Lange  dieser  RoUen  ûberschritt,  wie  wir  sahen,  in 
spàterer  Zeit  das  Maximum  Yon  12  Metem  (S.  130)  oder  hundert 
Seiten  (Martial  YUI  44;  vgl.  S.  341)  nicht  leicht.  Fand  nun  schon 
ein  Thukydides  dies  selbige  so  geringe  Buchmass  yor?  und  haben 
schon  jene  altgriechischen  Autoren,  wâhrend  sie  Ifast 
sâmmtliche  grossen  Litteraturformen  erfanden  und  aus- 
bildeten,  bei  dem  schopferischen  Akt  ihrer  Gonceptionen 
unter  demselben  so  beengenden  Raumzwang  des  Buch- 
masses  gestanden,  welchem  die  spâtere  Schriftstellerei 
einen  Hauptcharakterzug  verdankt? 

Wir  haben  fur  die  Wûrdigung  der  letzteren  als  erstes  Erforder- 
niss  erkannt,  den  Arbeitsaufwand  nachzu'weisen,  den  sie  an  die 
Disponirung  ihres  Stoffes  nach  der  Rollenform  wendete  (Eap.  III). 
Wie  viel  dringender  muss  dièse  Pflicht  gegenùber  jenen  Mânnem 
scheinen,  die  die  Vortragsform  des  Epos,  der  Historié,  der  wissen- 
schaftlichen  Untersuchung  zum  ersten  Maie  fixirt  haben? 

Eine  Anfrage  bei  ihnen  selbst  bleibt  erfolglos.  Sie  befleissigen 
sich  betreffs  ihrer  Buchtheilung  eines  hartnâckigen  Stillschweigens. 
Aeusserungen  ùber  den  Buchanfang  oder  Buchschluss  oder  gar  Moti- 
Yirungen  des  letzteren,  die  uns  spâter  doch  so  hâufig  begegnen  und 
mit  denen  gerade  der  Aelteste,  Poljbios,  am  wenigsten  sparte 
(s.  Kap.  ni),  sind  hier  nirgends  anzutreffen.  Greniigt  es  hierîn  eine 
Vornehmheit  des  Classikers  zu  erkennen,  der,  von  der  Grosse  seines 
Stoffes  hingenommen,  fur  jene  Aeusserlichkeiten  kein  Wort  ùbrig 
hatte  und  auch  ohne  dies  auf  Verstândniss  rechnete? 

Jeder  Liebhaber  dieser  Classiker  weiss  aber  femer:  in  ihrer 
Stoffanordnung  ist  nirgends   eine  rechte  Beziehung  zu  ihrer  Buch- 


—  Die  Buchtheilung  ôfiers  unsachgem&ss.    L&nge  der  Bollen.  —       439 

theilung  zu  spûren;  ja,  Beides  will  uns  sogar  oftmals  in  Widerstreit 
zu  stehen  scheinen.  Wâhrend  als  ein  Hauptcharakterzug  der  spâteren 
Werke  die  Disposition  nach  der  Buchtheilung  und  somit  die  Zweck- 
mâssigkeit  der  letzteren  erkannt  ist,  so  muss  uns  im  Gegentheil  wo 
nicht  die  Unzweckmâssigkeit,  so  doch  die  Gleichgultigkeit  ihrer 
Buchtheilung  als  ein  besonderes  Merkmal  der  âlteren  gelten. 

Dièse  Autoren  hatten  nun  aber,  wie  man  weiss,  eine  lange 
ereignissreiche  Textgeschichte.  Eaum  dass  sich  Einer  Ton  ihnen 
grammatischer  Recension  entzogen  hâtte;  jedenfalls  haben  sie  aile 
mehrfach  Erneuerung  durch  den  Bibliographes  oder  Wiederauflagen 
erfahren  mûssen  (s.  S.  366).  Denmach  lâsst  sich  als  moglich  denken, 
dass  ihre  Buchtheilungen  erst  bei  einer  spâteren  Gelegenheit  ein- 
gefûhrt  worden  sind.  Eine  solche  H3rpothe8e  geht  aber  das  Buch- 
'wesen  in  erster  Linie  an.  Das  Fehlen  einer  Buchtheilung  wurde 
ausserordentlich  starke  BuchroUen  Yoraussetzen,  die  einen  Text  wie 
den  Thukydideischen  complet  aufzunehmen  yermochten  und  yon  den 
Alexandrinem  hemach  planmâssig  yermieden  worden  sind. 

Das  alte  Aegypten,  von  dem  ja  Athen  seine  Bûcher  bezog,  be- 
nutzte  indess,  wie  thatsâchlich  bekannt  ist,  BuchroUen  von  21,  ja 
43  Meter  Gesammtlânge.  Eine  solche  konnte  die  ganze  Odjssee  in 
sich  au£nehmen^).  Im  funften  Jahrhundert  n.  Chr.  yerbrannte  in  Byzanz 
eine  HomerroUe  aus  einem  anderen  Materîale,  deren  Lange  auf  gut 
37  Meter  angegeben  wird').  Es  mag  hier,  tmi  unserer  Phantasîe 
nachzuhelfen ,  an  jene  Vision  der  Apokalypse  18,  5  erinnert  sein, 
welche  das  Sûndenverzeichniss  BabePs  als  ein  Buch  denkt,  das  yor 
Gott  liegt:  dièses  Buch  aber  roUt  sich  auf  ohne  Ende,  immer  neue 


^)  S.  S.  130  f.  Hier  seien  einige  L&ngenmMse  hinzngefùgi.  Von  einem 
reichen  Agyptischen  Fund,  daninter  Papyrusrollen  Ton  16  Meter  L&nge,  hat 
dieser  Sommer  bericbtet  (KOln.  Ztg.  1.  Augnst  1881  N.  211).  In  den  Additiona 
io  the  Mss.  in  the  British  Muséum  t.  Jahr  1836  S.  43  ff.  finde  ich  u.  a.  die 
Masse:  Hieratische  Bolle,  in  30  Theilen  beschrieben,  0,265  M.  boch,  2,592  M. 
(8Va  engl.  F.)  lang.  Hieroglypbiscb:  1,677  M.  (5Vs  F.)  lang.  Hieratiscb,  in 
49  Columnen:  0,253  M.  bocb,  8,235  M.  (27  F.)  lang.  Hieroglypbiscb,  in  16  com- 
partments:  0,341  M.  bocb,  23,637  M.  (77V,  F.)  lang.  Ebenda,  t.  Jahr  1839 
S.  17  ff.  erbalten  wîr  Masse  bis  lu  25  und  327,  engL  Fusa. 

*)  S.  Zonar.  III  S.  256  Dind.,  Kedren.  S.  351;  rgl  unten  S.  445. 


440  —  ^^^  reralexandrinische  BnchweseD.  — 

Seiten  werden  ^angeklebt^,  bis  es  in  den  Himmel  reicht.  Noch  enonner 
ist  die  ProphezeiuDg  gedacht  Yom  jihigsten  Tage:  tots  ol  oîfQavoi 
dç  x^Q^^op  iv€iXfid'fiaovtat^)\  £in  Rouleau  yon  43  Meter  konnte 
schon  zur  Hypostase  des  Unendlichen  dienen.  Ist  nun  auch  das  Buch 
des  Atheners  so  gross  und  unbequem  ge'wesen? 

Nehmen  wir  die  Yorhandene  Buchtheîlung  in  Augenschein.  Aof 
die  Monobibla  kommt  es  hier  nicht  an,  unter  denen  das  stârkste 
Plato's  Theaetet  ist  mit  3737  Zeilen').  Wichtiger  ist,  dass  unter  den 
poetischen  die  Olympioniken  und  Pythioniken  Pindar's  mit  1551  und 
1976  Yersen  das  obligate  Maximum  bedeutend  Terletzen').  Im 
Uebrigen  ergeben  sich  folgende  Summen: 


1)  Lambec.  Bibl.  Caes.  Ed.  VU  S.  578  B. 

*)  Ich  fflge  hinza  Plato,  Gorgias  3734,  Timaeos  3434,  Philebos  3132, 
Foliticus  3034,  Phaedon  3002,  Sophistes  2998,  Kratylos  2932,  (Alkidamas) 
Bethorik  ad  Alexandriim  2558;  Plato  Phaedros  2516;  Xenophon  Oekon.  2386; 
Flato  Protagor.  2360,  Sjmp.  2356,  Alkibiad.  I  1985,  Parmen.  1862,  Eutbjdem 
1684,  Menon  1656;  Aristoteles  Categoriae  1460,  Plato  Hippiaa  maior  1332; 
Xenophon,  Kyneget.  1315;  Aristot.  Mirab.  anscolt.  1269;  Plato  Apdog. 
1254;  Xenophon,  Sympoa.  1241;  Arist.  Problem.  mechan.  1192;  Plato 
Charmid.  1073;  Aristot.  De  sensu  et  sensili  1061;  Xenophon  Agesil.  1026; 
Aristeas  1000  (s.  S.  168);  Plato  Lâches  928;  Xenoph.  ntqi  innue^  917; 
Plato  Lysis  912;  Aristot,  de  anim.  incessa  877,  de  respir.  871;  Plato 
Euthyphr.  851;  Aristot.  Physiognom.  828;  Xenoph.  Hieron  795;  Hipparchi- 
kos  789;  Aristot  de  color.  726;  Plat  Menez.  722,  Hippias  minor  720; 
Xenoph.  civ.  Laced.  709;  Plat  Krito  703;  Alkibiad.  II  684,  Ion  612; 
Incerti  de  Xenoph.  Zen.  Gorgia  577;  Aristot  de  animal,  motione  564; 
Plato  Theages  540;  Xenoph.  de  vectigal.  530;  Aristot  de  somno  430; 
Incerti  De  civit  Athen.  423;  Aristot  De  spiritn  417;  Plato  Hipparch  408; 
Aristot  de  insectab.  lin.  380;  Chairephon  Jtinvov  375  (s.  S.  168); 
Aristot.  de  insomniis  352,  de  memoria  335;  Plato  Anterast  323;  GnathaiDS 
vôfjLOç  avGCitutôç  323  (s.  S.  168);  Xenoph.  Apol.  278;  Aristot.  de  iay.  et 
senect  251,  de  long,  et  brer.  ritae  246;  ntql  àç,  xat  xaxn3v  242;  de  dim. 
per  somnum  177. 

')  Poetische  Monobibla  sind:  Homer  Batrachomyomachie  319;  Hesiod 
Théogonie  1022;  Erga  828;  Aspis  480;  Pseudo-Phokylidea  230.  Aus  dem 
stichometrischen  Eatalog  in  Kap.  IV  sind  hierher  zu  ziehen  N.  13,  17,  21,  38, 
34,  35,  47,  48,  welche  die  Zabi  1000  nicht  flberschreiten.  Bei  Pindar  halten 
die  Olympioniken  vulgo  1551,  nach  Bdckh  1008  Verse,  die  Pythien  rulgo  1976, 
nach  Bôckh  1203,  Nemeen  vulgo  1265,  n.  B.  755,  Isthmien  Tulgo  703,  n.  B. 
465.     BOckh's  Versabtheilung,   in  Summa  3431  Verse,  scheint  durch  Kap.  IV 


—  Stichometrie.  — 


441 


ias  V        909 

IV       644 

XVII   606 

XII 

463 

II        877 

VI       629 

XIX     604 

XIII 

440 

XI       848 

VIII    666 

VIII     686 

XVI 

481 

XIII     8.18 

X        679 

IX       666 

XVUI  428 

XVI     867 

XIV    622 

X         674 

XXI 

434 

XXIII  897 

XX      603 

XIV     633 

VI 

831 

XXIV  804 

XXII   616 

XV      667 

VU 

347 

IX       718 

III       461 

XXII   601 

XX 

886 

XV      746 

VII      482 

XXnr  648 

xxn 

:    372 

XVII   761 

XII      471 

I         444 

Panyasis, 

14  Bb.  j 

je  643  ') 

I         611 

XIX     424 

II        434 

Timotheofi 

i,18Bb. 

je  444*} 

XVIII  617 

Odyssée  IV       847 

III       497 

Theognis 

I 

1220 

XXI    611 

XI       640 

V        493 

II 
IV 

(1680?)») 

odot*) 

II      2866    Xenoph.  Kyrop. 

1197 

I       4250 

III     2733 

I        1646 

V 

1113 

II      3687 

IV     3182 

II       1069 

VI 

941 

III     3133 

V      2448 

III     1090 

vn 

1662 

rV     8269 

VI     2733 

IV     1197 

Hellenika 

I 

1118 

V      2200 

VII    2611 

V       1639 

n 

1118 

VI     2322 

VIII  3162 

VI     1069 

m 

1218 

VU    3996 

Hippokrates,  De 

VII    1283 

IV 

1626 

VIII  2322 

TictQS  rat. 

VIII  1924*) 

V 

1496 

IX     2261 

I        1088      Ânab.   I       1304 

VI 

1639 

kyd. 

II      1090 

II        941 

VII 

1600 

I       3419 

m       799 

III       984 

2  (oçél  TéTçaxtçxiXiot  best&tigt;  dass  indess  ein  antikes  Lesebach  in  so 
oten  Langzeilen  wie  bei  BQckh  geschrieben  wurde,  ist  sehr  zu  bezweifeln; 
téçti  TfTçaxiçxi^^  wurde  vielleicht  gewonnen,  indem  man  jedes  der  vier 
lier  flachtig  auf  die  ûbliche  Zabi  1000  tazirte  (b.  S.  291).  Fraglich  ist, 
BÎch  Homer's  Hymnen  mit  2214  Vv.  auf  Rollen  rertheilten;  die  30  kleinen, 
N.  VI  an,  standen  etwa  in  einer  beisammen  (310  Vt.),  N.  III  in  einer  ftkr 
(580),  die  zasammengewachsenen  I  u.  II  in  einer  znsammen  (546)  und 
LfO  dann  anch  IV  mit  V  (788). 

1)  S.  Kap.  IV  N.  18  n.  20. 

^  Bei  ▼.  1231  hebt  im  Cod.  Matin,  ein  zweites  Buch  an,  das  nur 
Verse  hat,  also  incomplet  sein  muss.  Nach  Kap.  IV  N,  19  wûrden  auf 
elbe  1580  Vr.  der  Gesammtsnmme  fallen.  Die  St&rke  des  Bûches  w&re 
I  Pindar,  Apollonius  Bhodius,  Lykophron  zu  beurtheilen,  worûber  unten. 

>)  Hier  ist,  gem&ss  S.  194,  die  Zeile  lu  je  37  Buchstaben  gerechnet. 
ntzt  sind  flbrigens  bei  den  folgenden  Bechnungen  Plato  éd.  Hermann,  Xen. 
Sauppe,  Herod.  u.  Thukyd.  éd.  Bekker,  Theophr.  éd.  Wimmer;  Aristoteles 
lach  éd.  Julius  Pacius  (1597)  berechnet,  deren  Druckzeile  gerade  36  Buch- 
<en  liait  (nur  histor.  anim.  nach  éd.  Schneider,  Ëthic  Nicom.  nach  éd.  Jelf, 
ic  Sud.  nach  éd.  Fritschius). 

*)  Interpolationen  sind  hier  wie  ûberall  mit  in  Bechnung  gestellu 


442 


—  Dm  Toralezandriniiche  BachweBen,  — 


Memor. 

IV    (t)    853 

De 

gêner. 

et  corr. 

IV 

792 

'   I       1118 

V      Ij)  1148 

I 

1850 

V 

828 

II      1240 

VI    (É)  2  8  7Va 

n 

892 

VI 

558 

m     1288 

VU  (i5)  1188 

Meteorol. 

VU 

861 

IV     1240 

VIII (H)  8  58 

I 

1491 

VUl 

774 

PUto,  Repabl. 

IX    (e)    554 

U 

1505 

IX 

720 

I       1279 

X       (1)    654 

ni 

709 

X 

828 

II      1147 

XI   (K)    982 

IV 

1057 

Eth. 

Endem. 

I 

643 

III     1893 

XII  (A)    687 

de  part  animal. 

n 

835 

IV     1147 

XIII  Im)  1087 

I 

648 

m 

582 

V      1871 

XIV(AO    577 

n 

1489 

IV 

587 

VI     1166 

de  pUntis 

m 

1857 

V 

785 

VII    1128 

I         718 

IV 

1887 

VI 

877 

Vin  1128 

II        823 

de 

gêner,  i 

inim* 

vn 

1038 

IX       941 

Anal,  priera 

I 

1484 

vm 

889 

X      1147 

I       3075 

n 

1661 

Theophra 

it,  hisipL 

Leges  I       1316 

U      1960 

in 

1358 

I 

1237 

II      1110 

Anal.  post. 

IV 

1847 

u 

688 

III     1868 

I       1911 

V 

1081 

m 

1650 

IV     689 

II      1076 

de 

anima 

IV 

1734 

V        978 

Topical         859 

I 

846 

V 

758 

VI     1570 

II  •     715 

II 

1074 

VI 

794 

VII    1844 

m       516 

m 

895 

vn 

712 

VIII  1078 

IV       786 

histor.  anim. 

vni 

1504 

IX     1408 

V      1052 

I 

946 

IX 

1441 

X       1871 

VI     1886 

n 

1016 

cans.  pi. 

I 

1686 

XI     1184 

vn    87  7 

m 

1263 

II 

1614 

XII    1863 

VIU    910 

rv 

1265 

m 

1650 

Epinomis       866 

Soph.  elenchi 

V 

1602 

IV 

1301 

Âristoteles  Polit. 

I        1059 

VI 

1851 

V 

1535 

I         777 

n      1031 

vu 

628 

VI 

1864 

II      1438 

Phys.  anscult. 

VIU  1552 

Theophrast  sonst  norjd 

m     1425 

I         781 

IX 

2208 

597(?)') 

IV     1330 

11        776 

X 

532 

Theopomp      je 

2586 

V      1615 

m       716 

Rhetorik 

Oder  2143') 

VI     6  4  5'/, 

IV     1416 

I 

2325 

Xenokrati 

es  ^<<rcK 

Vn    1429 

V        679 

n 

2464 

je 

1500 

VIII  5  9  1 

VI       973 

III 

1667 

oder 

650 

OecoDom. 

vn    527 

Magna  Mor. 

ders. 

.  mçt  1 

rov  dujiltyf99m 

I       544 

Vin  1534 

I 

1724 

910 

U      738 

De  caelo 

u 

1506 

(Sp( 

DQsipp 

,mehrals42Bbn 

MeUphys. 

I       1401 

Ethica  Nie 

• 

weniger  aïs  5835) 

I       (A)  1096 

n      1324 

I 

774 

II      («)14  7'/, 

m       838 

n 

539 

III    (B)    671 

IV     53  7 

m 

804 

1)  s.  s.  169  (Usener,  Bhein.  Mus.  XIII  315);   vgL  ebenda  fiber  Xeno- 
krates,  Speusipp. 

')  Entweder  die  12  Bb.  HeUenica  xnitgerechnet  oder  nicht;  b.  S.  163  Note. 


—  Sdchometrie.   Kleinheit  n.  Inconstans  der  Bachumfîloge.  —        443 

Diesen  Theil  der  Litteratur  las  die  Kaîserzeit  somit  in  774  RoUen, 
woYon  uns  234  erhalten  sind.  Zweierlei  ist  an  ihren  Umfangen 
aufiallig.  Erstlich  ihre  Kleinheit.  Vom  Homer  stehen  36  RoUen 
mit  nnr  617  bis  zu  372  Versen  weit  iinter  dem  Minimum.  In  der 
Prosa  haben  nur  118  (nur  48  der  erhaltenen)  das  spâter  vorherr- 
schende  mittlere  oder  grôssere  Format  erreicht;  532  (137  der  er- 
haltenen) RoUen  stehen  un  ter  1500  Yersen,  441  (mit  Xenokr.  â-éifetç 
gar  461;  66  der  erhaltenen)  stehen  unter  1000  und  sinken  dabei 
haufig  zu  700,  zu  500  und  weiter  bis  zu  358,  339,  237,  ja  147  Versen 
herab.  Kleinheit  der  Rollen  eignet  den  vielgelesenen  Autoren  (s. 
S.  322;  325  f.);  nirgends  sehen  vrir  sie  aber  so  conséquent  durch- 
gefuhrt,  nirgends  so  utrirt  wie  hier.  Man  beachte  noch,  dass  aile 
Rollen  unter  1500  Versen  den  Philosophen  angehôren^). 

Zweitens  erregt  die  Inconstanz  derGrossen  innerhalb  jedes 
Werkes  Anstoss.  Man  vergleiche  die  Verssummen  Homer's  unter 
sich,  sowie  weiter  besonders  die  durch  den  Druck  ausgezeichneten 
Zahlen.  £in  Herabsinken  von  33  Buchseiten  bis  auf  16,  also  auf 
die  Hâlfte  wie  im  Buch  IV  der  Gesetze  war  mindestens  ungeschickt. 
Ein  Buch  von  9  oder  6  Seiten  neben  anderen  yon  23  und  28  wie 
in  den  Metaphysica  scheint  die  grôsste  Verlegenheit  des  Theilenden 
zu  yerrathen. 

Vor  aUem  dièse  eigenthumliche  und  tadelnswerthe  Inconstanz 
-wiirde  nun  durch  die  yorerwâhnte  Hypothèse,  dass  die  Buchtheilung 
erst  nachtrâglich  eingefûhrt  wurde,  besonders  einleuchtend  erklârt 
sein  ;  denn  wenn  die  geeigneten  Sinnpausen  fur  die  Buchgrenzen  erst 
nachtrâglich  gesucht  werden  mussten,  war  man  damit  fur  die  Buch- 
grosse  offenbar  ToUstandig  dem  Zufall  preisgegeben. 

In  der  That  lâsst  sich  dièse  Buchtheilung  fur  yiele  Autoren  nun 
aïs  wirklich  unecht  erweisen;  wirklich  hat  sich  Athen  noch 
eines  sehr  viel  unbeholfeneren  Grossrollensystems  be- 
dient,  das  spâter  Rom  und  Alexandria  schlechthin  beseitigten. 
Das  Buchwesen,  mit  ihm  aber  auch  die  Schriftstellerei  der  Autoren 
selbst,  war  dadurch  ohne  Vergleich  einfacher;  Buch  und  Werk- 
ganzes  konnte  noch  zusammenfallen;  man  brauchte  noch 
nicht  nach   Bîîchern   zu   disponiren. 

^)  Auch  der  ganse  Xenophon  s&hlte  aU  philosophischer  Autor. 


444  —  ^^  Tondexandriniache  Bachwesen.  — 

Indem  wir  die  Belege  hierfur  zusammenstellen,  treten  wir  zih 
gleich  in  die  Untersuchung  ein,  'wann  das  Princip  der  Buch- 
theilung   aufgekommen  ist. 

Erstlich  edirte  Thukydides  seine  (fvyyQatp^  nsQÏ  tov  Twliftw 
%&v  UëijOTïOVVfiaUùv  xai  ^AduivaUùV  in  einem  einzigen  Conyolut 
Yon  23  144  Zeilen.  Dies  bezeugt  der  Scholiast  dièses  Antors;  nnd 
der  des  Aristides  bestatigt  es^).  Dies  war  somit  eine  ungeheure 
RoUe  Yon  et'wa  578  Seiten  oder  81  Meter  Lange. 

Betreffs  H  orner' s  steht  wohl  die  Annahme  besonders  fem,  dass 
seine  Epen  so  bnchweise,  wie  sie  Yorliegen,  geschaffen  worden  seien. 
Wieder  belehrt  uns  ein  Grammatiker,  dass  ^die  Alten^  yielmehr  aile 
Homerrhapsodiën  zusammenzuschreiben  pflegten  and  durch  nichts 
als  durch  das  Zeichen  der  Koronis  sonderten*).  Entweder  standea 
die  Epen  also  jedes  fur  sich  oder  beide  in  einer  Rolie,  und  alsdaui 
hielt  das  Buch  somit  27  800  Verse.  Die  Grenzen  der  Rhapsodien 
aber  "waren  zu  Yerschiedenen  Zeiten  Yerschiedene*).  Mnthmasslich 
ist  die  sog.  noXfianxoç  (sxdofftç  oder  fiifiXoç?)  ein  derartiges  Homer- 
ezemplar  ge'wesen,  welches  noch  dem  Seleukos  um  100  y.  Chr. 
Yorlag^);    so   ^war   aber   auch   die   lateinische    OduMa   des  Livius 


*)  Schol.  Thuk.  IV  fin.:  Sovxvdidtjç  ov  dulltv  tîç  UnoQiaç,  àXXà  ftier 
cvvfyqàipttTo,  Schol.  Aristid.  III  s.  402  Dind.  îajkov  di  on  dvo  tlci  fiônt 
(se.  TOV  l4çêauidovç)  vnèQ  ^ffToçtx^ç  Xoyot'  àkXà  ai  à  t6  fÀ^xoç  avimv  d*^ 
^i^ficav  (oç  ai  Sovxvâiâov  laroçiair;  Tgl.  S.  317.  Dies  vird  durch  den 
Umstand  rollkommen  best&tigt,  dass  es  drei  verschiedene  Buchtheilungen  gab. 
Darûber  s.  unten.  Mao  sieht,  was  es  mit  der  Selbst&ndigkeit  des  letzta 
Haches  aaf  sich  hat. 

')  Anecd.  Venet.  bei  Dindorf  Schol.  I  p.  XIV  (Reifférscheid  Saet.  rel 
S.  143  f.)  sich  einf&hrend  mit  ravra  ivçtjTat  ïv  nvt  naXaif  fitfiXi^,  dann  h 
âXXtt)  ovnoç,  lehrt:  iariov  on  ai  ^atpt^diat  'OfÂ^çov  naqà  rùy  naloMi^  sens 
cvvâqfutv  tjyavTo  (Osann;  tjvdœvro  cod.  Ven.;  ^fiœyro  cod.  Rom.)  xoçttri^ 
fnoyfi  diaCTèXXôfiii'at,  a  11^  di  ohdfvL  Auch  die  Vorlage  des  Tzetses  (Exeg. 
II.  p.  45,  17)  hielt  die  fiblichen  Buchsahlen  der  Ilias  jedenfaUs  fftr  jûnger  als 
die  des  Aristoteles,  wenn  es  hier  heisst,  ihre  Bficher  wflrden  nach  den  24  Bndi- 
staben  ,zum  Unterschied  von  den  Schriften  des  Aristoteles**  beseichnet 

')  S.  Bergk,  Griech.  Lltter.  I  S.  497  Anm.;  die  Jêo/utjdopç  oçêCïm 
umfasste  frûher  Ilias  V  bis  TI  v.  311;  UXxwov  ànôloyoç  IX  (oder  VUI)  bii 
XII  u.  s.  f. 

*)  Schol.  J  335  scheint  Aristarch  selbst  auf  sie  eu  Terweiseo,  SchoL  A  358 


% 


—  Buchtheilung  unecht  bei  Thukydides,  Homer.  —  445 

Andronicus  augenscheinlich  nur  ein  ungetheiltes  grosses  Buch^). 
Uod  solche  Homerexemplare  scheinen  sogar  nie  ganz  abhanden  ge- 
kommen  zu  sein.  £&  ist  hôchst  bemerkenswerth  und  schon  frûher 
hervorgehoben,  dass  noch  Ulpian  eine  RoUe  Homer's  mit  allen  48 
Rhapsodien  kannte^).  Im  funften  Jahrhundert  existîrte  zu  Byzanz 
eine  solche  HomerroUe,  die  seltsamerweise  aus  âçccxopioç  svtsqov 
bestanden  haben  soU  und  120  Fuss  lang  war').  So  konnen  beim 
Proklos  und  abermals  in  einem  Gedicht  des  Antiphilos  Ilias  und 
Odyssée  als  je  ein  Buch  gerechnet  werden*).  Endlich  aber  erklârt 
sich  hierdurch  noch  die  Ëigenthiimlichkeit,  dass  Epaphroditos  zur 
Zeit  des  Nero  die  Rhapsodien  der  Odyssée  xsîfdXaia  benennen 
konnte^);  xsifàXaiOV  kennen  wir  nur  als  Buchtheil  (s.  S.  157  f.); 
Buchtheil  also  "war  die  Rhapsodie  auch  fur  diesen  Grammatiker. 

îhre  Lesung  adoptirt  zu  haben;  wenn  es  Schol.  A  340  hei^st:  àntjyéoç'  Sélivxoç 
iy  T^  nolv<nij(tp  yçiicfn  nyatdéoç  (wober  M.  Schmidt  des  Seleukos  Namen  aucb 
SchoL  A  258  einfûgen  vr'iW),  so  ist  dieser  Aristarcbeer  nicbt  etwa  ihr  Editor, 
sondern  er  benatzte  sie,  wie  Schol.  a  381  JSiXivxôç  qrjaêy  iy  tJj  KvnQtç  xtI, 
Man  bat  die  noXvcitxoç  mit  Kecbt  fûr  sebr  ait  erkl&rt  (Lehrs  Ari«t,  S.  29; 
Schmidt  im  Philol.  III  454).  Wie  aber  will  man  ihren  Namen  erkl&ren  ?  Dass 
der  Text  hier  so  interpolirt  war,  um  eine  so  wesentlicbe  Zeilendifferenz  zu 
ergeben,  ist  doch  nicbt  zu  glauben  ;  vielmebr  war  es  eine  fnoyofitfikoç  nokvanxoç 
im  Gegensatz  zu  den  48  fitfiXkt  6Uy6<ntx<^. 

^)  Buchzablen  werden  nie  genannt;  Gellius  aber  sagt  ausdrûcklicb 
XVIII  9, 5  :  offendi  in  bibliotheca  Patrensi  îibrum  (nicbt  libros) . . .  Livi  Andronici 
qui  inscriptus  est  ^QâvaaHu. 

*)  Ulpian,  Dig.  XXXII,  52:  beim  Légat  ron  îibri  wird  der  Fall  erôrtert: 
ut  puta  cum  haberet  Homerum  totum  in  uno  volumine,  non  quadraginta  ovto 
libros  computamus,  sed  unum  Homeri  voîumen  pro  libro  accipiendum  est,  Dass 
hier  volumen  fùr  codex  stebe,  w&re  eine  ûberkabne  Annahme,  die  durch 
Ulpian's  Spracbgebraucb  selbst  widerlegt  wird  (s.  S.  98.  100). 

>)  Malcbns  bei  Zonaras  Bd.  III  S.  256  Dind.;  rgl.  Eedren.  S.  351  C; 
Tielleicbt  veranlasste  nur  die  Schlangenform  der  aufgerollton  Rolle  die  aben- 
teuerlicbe  Bezeicbnung  des  Materials. 

^)  Proklos  (Gaisford,  Poet.  gr.  min.  II  S.  7)  avyiyçatparo  *Haioâoç  fiifikovç 
ixxaidixa,  "Of^fiçoç  dt  o  nakutoç  ty\  —  Antiphilos  Byz.  (Anth.  Pal.  IX  192): 
ai  fiipXot  tivtç  icré;  ...  a  /nia  fAtv  firjyéS-fioy  Uf/«JUlioç  fçya  rc  j|f<»çoç 
*SxTOQéaç,  âixérovç  a^Xa  Xiyii  noXé/nov'  à  â*  iréça  /ÂÔ^d^y  roy  ^Oduacioç 
xtX.  Die  fiipXoç  'O/uijqov  bei  Julian  (Anth.  Planud.  IY  88)  wage  icb  dagegen 
nicbt  zu  benutzen. 

^)   Etym.   Magn.    p.    166    e.   cod.   Parisino:   ^Enaffç.    iy    vnofÀyijffH    (iç 


446  —  ^'^  Toralexandrinische  Bachwesen.  — 

Dieselbe  HomerroUe  entdecken  wir  aber  schon  in  dem  Bûcher- 
apparat  jenes  Schullehrers,  welchen  Alexis  in  seiner  Komôdie  Linos 
darstellte.  Linos  befiehlt,  der  Schûler  Herakles  soUe  sicli  aus  den 
Tielen  vorhandenen  Bûchem  eines  aussuchen:  fit^Xlop  ivtàvd'ev 
ô  Tt  fiovXêt  nçoçeld-àp,  naî,  Xâfie;  was  in  jedem  Bûche  steht, 
erkennt  er  an  den  Aufschriften  :  âtatfxonœy  àno  %Av  ènhyQaïkikàtmv. 
Aus  diesen  Aufschriften  aber  ergiebt  sich:  ^Oçtpevç  sp€(fTtPj  ^Halo- 
âoçj  TQaytoâlaj  ^Enix^Qf^^ç'OfAtjQOç  XoêçiXoç,  cvyYQ^'^lh 
(Aata  navxodand^).  Darauf  versetzt  dann  Herakles:  xovxl  Xaihfidvm, 
nâmlich  xovxi  %o  fiy^Xiov.  Es  ist  klar,  jeder  Name  bedeutet  hier  je 
ein  fiifiXiov.  Darum  steht  eben  der  Singular  TQaymdla;  die  Tra- 
godien  wurden  einzeln  edirt.  Genauere  Interprétation  erweitert  unsere 
Buchkenntniss  also  dahin,  dass  wie  Homer,  so  auch  Hesiod,  Orphens, 
Choerilos,  Epicharm')  je  ein  Buch  waren. 

Gehen  wir  zum  Herodot  "weiter,  so  verlasst  uns  hier  die  Tra- 
dition. Wer  auf  den  Plan  des  Werks  und  seine  Bucheinschnitte 
Acht  giebt,  wird  allerdings  sehr  bereit  sein,  den  Satz  EirehhoflTs 
zu  unterschreiben  „dass  die  jetzige  Gliederung  in  neun  Bûcher  mit 
diesem  Plan  nichts  zu  thun  hat  und  unmoglich  yon  Herodot  selbst 
herruhren  kann')**.  Ohne  Vorwissen  ihres  Gûnstlings  haben  hier  die 
Musen  Gevatter  gestanden.  Was  aber  vom  Herodot,  wird  gewiss 
auch  von  den  anderen  âlteren  Historikern  anzunehmen  sein*). 


xti^âkatoy  f  'Odvoaiiaç;  Tgl.  Lûnzner,  Epaphr.  quae  supersunt  (1866)  S,  41  fr.  47. 
Apion  war  so  schlau,  die  Buchzahl  48  in  dem  MH  {y^v  âcKfé)  zu  entdecken 
und  fûhrte  dies  natQrlich  auf  Homer  zurQck.  Solche  Spielerei  wird  niemanden 
beirren. 

^)  Athen.  S.  164  B.  C.  Die  Leaung  der  Worte  lasse  ich  hier  auf  sich 
beruhen. 

^  Epicharm  wurde  damais  schon  lange  nicht  mehr  aufgefÛhrt;  er  wir 
Tollkommen  zum  Buchdramatiker,  zum  Lesebuch  geworden;  man  scheint  seinen 
ganzen  Nachlass  in  ein  Buch  gesiellt  zu  haben.     Ueber  ihn  rgl.  onten. 

3)  Abhandl.  d.  Berl.  Akad.  1868  S.  3. 

♦)  Vgl.  Mûller,  fragm.  histor.  graec.  I  S.  XXVII  betxeffii  des  Hellanikos: 
^distinctiones  et  difisiones  operum  librorumque  ut  in  omnibus  fere  hnins  aeCatii 
scriptis  a  seriore  quodam  homine  factae  esse  videntur**.  Des  Pherekydes 
Heptamjchos  batte  nicht  von  der  Siebentheilung  seinen  Namen  (MfiUer  a.  a.  0. 
S.  XXXV). 


—  Buchtheilnng  unecht  bei  Herodoi,  Plato.  —  447 

Aehnlich  steht  es  beim  Plato.  Schleiermacher  strâubte  sich 
Tom  Staat  anzunehmen,  dass  „eine  so  ganz  mechanische  gar  nîcht 
gliedermâssîge  Zerstûckeluog,  die  jeder  ganz  bei  Seite  stellen  muss, 
wenn  er  nicht  soll  in  Yerwirrung  gerathen^  von  Plato  herrûhre^). 
Und  Yon  den  Gesetzen  heisst  es  nicht  gûnstigçr,  ihre  Eintheilung 
in  Bûcher  sei  „bei  ihrer  rein  eine  gewisse  Symmetrie  des  Umfangs 
der  einzelnen  berûcksichtigenden  Willkûr,  gewiss  ebenso  "wenig 
platonisch  als  die  des  Staats^)^.  Zur  Unterstûtzung  dieser  An- 
nahmen  darf  erinnert  werden,  dass  Aristophanes  von  Bjzanz  in 
Wirklichkeit  so  Staat  als  Gesetze  fur  je  einen  X6/0Çy  d.  h.  „Buch^ 
in  Rechnung  brachte^). 

Sehr  deutlich  redet  die  Tradition  aber  in  anderen  Fâllen.  Es 
sei  hier  zuYor  hervorgehoben,  dass  Thukydides  dem  Alterthum  nicht 
nur  wie  dem  Dionys  von  Halicamass  und  wie  uns  heute  in  der 
achtgliederigen  Buchtheilung  Yorlag,  sondem  Diodor  las  ihn  auf 
ne  un,  der  Thukydidesscholiast  sogar  auf  dreizehn  RoUen  Yertheilt^); 
dièse  Abweichungen  haben  eben  nur  deshalb  eintreten  konnen,  weil 


1)  Plato,  Staat  Einl.  S.  4  f.;  nur  I  fin.  und  IX  fin.  setzen  sUrk  ab;  sonst 
noch  IV  fin.  u.  YII  fin. 

^  Steinhardt  bei  Plato,  fibersetst  t.  H.  Mflller  VII  S.  359. 

')  Aristophanes  ordnete  immer  3  Xôyot  zu  Triaden  oder  rçdoyiat  lu- 
tammen,  womit  man  z.  B.  Varro's  Buchtriaden  vergleiche  (oben  S.  133;  vgL 
S.  34  f.);  in  der  ersten  Trias  standen  Staat,  Timaeos,  Kritias,  in  der  dritten 
Gesetze,  Minos,  Epinomis  (Diog.  La.  III  61).  Dies  Verfahren  scheint  tIoI  be- 
greiflicber,  wenn  hier  noch  Buchtheilung  fehlte;  und  dafem  nicht  etwa  loyoç 
im  Singular  von  einem  xnehrbflcherigen  Work  nachgewiesen  wird,  so  kOnnen 
jene  3  Xôyot  der  tQdoyia  sprachlich  nur  3  fiifiXia  bedeuten  (s.  S.  29).  Thrasyll 
imitirte  und  modificirte  sodann  dièse  Trilogien,  steUte  Tetralogien  her  nach 
Art  der  Tragiker  und  &usserte  sich  darQber  wie  folgt  (Diog.  III  57):  „Es 
giebt  im  Ganzen  56  echte  Dialoge  Plato's;  darunter  ist  der  Staat  in  10,  die 
Gesetze  in  12  Bflcher  getheilt;  Tetralogien  aber  smd  es  9,  wobei  sowohl  Staat 
wie  Gesetze  je  einBuch  yertreten*'  (iyoç  fièfikiov  jjfcuçai'  Ivi^owniç),  Also 
Thrasyll  war  gozwungen,  Xôyoç  f^r  eine  Bucheinheit  zu  interpretiren;  er  musa 
damm  die  Paradozie,  dass  er  10  Bb.  ftïr  einen  Hyoç  setzt,  entschuldigen! 
Was  bei  Thrasyll  unsachgem&ss  war,  wird  bei  Aristophanes  in  der  Saéhe  be- 
grftndet  gewesen  sein. 

*)  Schol.  Thuc.  IV  fin.  Diodor  XII  37.  XIII  42.  Vgl  Osaan,  PhUoL 
IX  S.  543  f.     KrQger,  hUt.  phU.  Stud.  I  S.  259. 


448  —  ^'^^  voralexandrinUche  Baehweseo.  — 

der  originale  Thukydides  gar  nicht  getheilt  hatte.  Es  wird  dies  nun 
fiir  uns  zu  einem  bedeutsamen  Fingerzeig.  Wir  sind  im  Verfolg 
nicht  nur  berechtigt,  sondem  methodisch  angehalten,  bei  den  vielen 
sonstigen  alten  Autoren,  deren  Buchtheilungen  so  wie  beim  Thoky- 
dides  differiren,  darauf  zu  schliessen,  dass  auch  ihr  Original  gamicht 
getheilt  war. 

Dies  trifft  zuerst  den  Xenophon.  Seine  Hellenica  sind,  neben 
der  Siebentheilung,  auch  in  9  Bûchem  umgegangen '}.  Xenophon 
edirte  also  nur  ein  Geschichtsbuch  von  gegen  10  000  Versen.  Dio- 
gènes  Laertius  (II  57)  bestatigt  dies  und  erweitert  es,  wenn  er  sagt, 
Xenophon  schrieb  ,,ungefahr*'  (f^QOç)  40  Bûcher  (es  sind  37)  und 
zur  Ërklârung  dièses  ,,ungefâhr^  hinzusetzt:  ,,denn  die  Einen  theilen 
anders  ab  als  andere^)*'.  Hiermit  weist  Diogenes  keineswegs  blos 
auf  die  Hellenica:  vielmehr  nennt  er  danach  aufzâhlend  erst  Anabasis 
und  Kyropâdie,  dann  erst  Hellenica  und  Memorabilien.  Ueberali 
schwankte  somit  die  Buchtheilung.  Ueberali  ist  sie  gleich  verdâchtig. 
Die  Hellenica  selber  aber  sichern  unsere  obige  Folgerung,  welche 
sich  YI  4,  37  singularisch  als  einen  Xoyoç  bezeichnen '). 

Hochst  lehrreich  sind  andere  Sokratiker.  Von  Aristipp  besass 
man  25  ,,Dialoge^  verschiedenen  Dialekts,  jeder  besonderen  Titeis, 
keineswegs  aile  wirklich  in  dialogischer  Form.  Dièse  bildeten  aber 
eine  Rolle*).  Hatte  jeder  Dialog  nur  etwa  den  Umfang  der  V/vff- 
qaaxaij  so  bielt  dieselbe  8000  Yerse. 

Vom  K  ri  ton  hatte  man  17  Dialoge,  gleichfalls  èv  svl  ifiqo- 
Hévovç  fiê^XiiO  (Diog.  II  121),  jeder  besonderen  Titeis.  Analog 
bemessen  waren  dies  5500  Zeilen. 

Und  femer  standen  it^  éyi  fii^Uip  9  Dialoge  des  Glaukon 
(Diog.  II  124),  etwa  2880  Verse;   ebenso   iy  évl  fi^^Uta  23  Dialoge 


^)  Vgl.  A.  Schàfer,  Flcckeis.  Ibb.  1870  S.  527,  nachgewiesen  aus  Harpo- 
kratioD,  der  s.  v.  JlèvicrM  Hell.  II  3,  36  aU  Buch  III  citirt  a.  s.  f.  Dass 
Stephanos  von  Byzans  s.  v.  'OXovqoç  Hellen.  VII  4,  17  als  Buch  XVI  citirt,  er- 
kl&rt  sich  vielleicht  so,  dass  man  bei  den  7  Bb.  der  Anabasis  zu  a&hlen  anHob 
und  dann  mit  den  Hellenica  fortfuhr. 

*'')  àkloiy  ukXuiç  âtcuQowTioy  ;  vgl.  Wachsmuth,  Rhein.  Mus.  34  S.  334. 

^)  «/^»  ov  bdi  6  koyoç  ^yQtéffiTo;  vgl.  oben  S.  29. 

*)  Diog.  La.  II  83  f.  év  ât  (^i^Àtor)  iv  m  dtciloyot  itévTi  xnl  Hxoctv  ni. 


Sehwankende  Theilung  b.  Thukyd.,  Xenoph.  Sammelrollen  des  Aristipp  a.  a.  449 

des  Simmias  (ibid.),   etwa  7360  Verse;   ebenso  iy  évï  fit^Uœ  33 
cxvTêxoi  âtccXoyoê  des  Simon  (Diog.  II  122),  etwa  10  500  Verse. 

Viel  reicher  war  der  echte  Nachlass  des  Antisthenes.  Eaum 
ist  etwas  so  eigenartîg  und  unterrichtend  als  der  grosse  Katalog 
seiner  Schriften  (Biog.  VI  15  f.).  Sie  yertheilen  sich  auf  zehn  rofiotj 
d.  h.  RoUen  (s.  S.  25  ff.).  In  jedem  Tofioç  finden  sich  melirere 
Schriften  besonderen  Titels,  wenn  schon  meist  gleichen  Cbarakters 
yereinigt.  Rhetorisch  war  die  erste  Relie  mit  6  Schriften,  philo- 
sophisch  die  zweite  und  dritte,  jede  mit  9  Schriften;  die  vierte  imd 
fûnfte  fassten  nur  je  2  Werke  offenbar  grosseren  Umfangs  (darunter 
zweimal  Kvqoç  und  ein  ^HçaxXl^ç  f*siZ<ûy)^);  die  sechste  anschei- 
nend  7,  die  siebente  21,  die  achte  7,  die  neunte  {tïsqI  ^Oôv(SCêiaç)  10, 
die  zehnte  wiederum  7'). 


0  Dass  Cicero   ad  Att.  XII  38  {Kvqoç  â'f)  den  Tomos  IV  a.  V  citirt. 
Ut  ToUkommen  unsicber;   KYPCAC  giebt  bier  der  Mediceus;  ist  dies  vîelleicbt 

^  Nar  Monograpbien  seben  wir  zun&chst  in  Tomos  I,  III  (bier  ist  oîxo^ 
vùfnxôç  Ton  ntgi  rixt^ç  zu  unterscbeiden),  IV,  V,  VIII,  IX.  Femer  entb&lt 
Tomos  II:  1)  mçi  Çtptoy  ffvcftaç,  2)  ntqt  natâonotiaç  9  ntçl  yàfiov  içionxoçy 
3)  niQi  Ttày  aotfjcxiày;  davon  Tersebieden  4)  tf^^vatoyyta/novixoç ,  femer  fûnf 
Protreptici:  mçl  dtxaMtrvvrjç  xat  àyâçiiaç  nqorqinrixôç  5)  nçtàroç,  6)  âivnçoç, 
7)  TQiToç  und  mçi  Siôyyidoç  8)  jéxaQToç,  9)  néfinroç.  Die  letsteren  waren 
offenbar  f&nf  unzusammenb&ngende  Traktate.  —  VII:  znerst  f&nf  versebiedene 
Traktate  ntQÏ  nanfiiaç  7  èyo/nàrtoy  nçàroç  divnçoç  rqijoç  TétaçToç  né/Ànioç, 
dann  6)  TttQÏ  oyofjutrtay  XQV<f*<^Çf  ^)  ^^frixog,  8)  ntQÏ  iqoiXfiatoiç  xat  ànoxçiaKaç 
{rielleicbt  sind  6  und  7  oder  aucb  7  und  8  Doppeltitel  eines  Works),  femer 
nêçt  c/o|i7Ç  xat  iincnj/nfiç  9)  nçuiToç,  10)  divnçoç,  11)  rçiroç,  12)  Tiraçroç, 
13)  nêQt  Toî;  àno&ayéïy,  14)  mçi  Çut^ç  xai  ^avarov  (wobl  mit  13  identiscb), 
15)  Ttiqï  vày  h  Çdov,  weiter  neçi  (fvtsttaç  16)  Tigmoç,  17)  âivriçoç  (Cicero 
Nat.  deor.  I  32  kennt  nur  einen  dieser  zwei  libri  physici) ,  ebenso  iqtôvjfjia 
niQi  ffWTiwç,  18)  nçôHroy,  19)  âtvrtQov  (es  ist  zu  lesen  jitql  tfwfitoç  aff, 
içtârtf^tt  n€Ql  (f>vaiù}ç  a^'\  Tgl.  Ad.  ^fûller.  De  Ant.  vita  et  scriptis  S.  41; 
der  8ingular  im  Nominativ  beweîst  genugsam,  dass  içoirt^/na  fi'  nicbt  „zwei 
Bflcber  Fragen''  bezeicbnen  kann).  —  VI:  der  Text  giebt  bier:  'AXii&€$a  niçi 
tou  dtaliynx&at  àynXoyixôç  JSad-cjy  Ij  Ttêçî  tov  àynkéyay  ttfly  nêçt  âucUxTov; 
wir  kônnen  die  Zablen  a  fi'  y  nur  nach  Analogie  der  5  Protreptici  im  Tom.  II 
interpretiren  ;  ygl.  weitere  Analogien  union  beim  Hippokrates,  sowie  aucb  beim 
Demokrit  S.  450,  1.  Darum  ist  Sâ&toy  als  ibr  gemeinsamer  Titel  unmOglich;  wie 
soUte  innerbalb  eines  Tomos  Bucbtbeilung  stattfinden?  Sebr  unwabrscbeinlich 
Blrt,  Bacbwesen.  29 


450  —  ^^  ToralezandrinUcke  Bachweseo.  — 

Dièse  zehn  Riesenrollen,  die  zehn  festen  Grundsaulen  der  Stoa^ 
sind  dem  Thukydides  gewiss  an  Umfang  gleichgekommen.  Es  sind 
Sammelrollen,  auf  die  der  Gresammtnachlass  des  Mannes  Ton  ord- 
nender  Hand  vertheilt  wurde,  and  sie  sind  somit  wobl  erst  nach 
seinem  Tode  zusammengestellt  Sie  ergeben  aber,  dass  die  Buch- 
fabriken  auch  damais  fertige  Rollen  bestimmter  Grosse  lieferteo, 
die  einerseits  freilicb  den  ganzen  Antisthenes  bei  weitem  nicht  auf- 
nebmen  konnten,  andererseits  docb  aber  so  stark  waren,  dass,  bitte 
man  in  jede  nur  eine  Scbrift  gestellt,  eine  Uebermasse  leeren  Papiers 
geblieben  wâre. 

Der  Eatalog  des  Demokrit  sowie  der  Nachlass  des  Hippo- 
krates  tragen  fur  unsere  Frage  nicbts  aus^);  mebr  der  Dichter 
Antimacbos  von  Eolopbon.     Seine  Ofifiaîç  wird  bis  zum  fonft^ 


ht  femer,  dass  mçl  lov  dtaXéyia&at  zugleieh  dmkoytxôç  (statt  dêoXMMtinç) 
hîesB.  Dass  der  Sathon  dagegen  àynXoytxôç  war,  bezeagt  Diogenes  III  24,  35. 
Ich  lèse  'AXiiS-tia,  Ttiçl  tov  dhaléyta&m,  sodann  avuXtyyèXoç,  JSaSwy,  nt^  nw 
àynXéyity,  nçtoroç,  âivrsQoç,  tqîtoç,  und  glaube,  dass  nçtmç  sieh  maf  am- 
loyixôç,  âiVTiçoç  anf  JEd&ay,  Tçiroç  aaf  mçt  tov  àvTtXàyièv  bexieht. 

')  Ueber  Hippokrates  s.  unten.  Vom  Demokrit  gab  es  9  hypomnematûdie 
Schriften  zweifelhafter  Ecbtbeit,  femer  sp&tere  Umarbeitungen  (Diog.  12  49). 
Uebrigens  stellte  Thrasyll  ron  diesem  névrad^Xoç  Iv  ffikoaof^kt  ein  Qaioqaertioa 
von  etwa  58  Scbriften  zusammen  (ygl.  Nietzsche  Bcitr.  z.  Laert.  Diog.  Basel  1870 
S.  22  if.).  54  Schriften  erscbeinen  ohne  Buchtheilang;  ron  den  ûbrigen  ist 
am  auffâlligsten  nf^l  q-vffêtaç;  es  stehen  neben  einander:  Iliçl  (fécuaç  nçênr. 
Ilêçi  ày&ç(ânov  jvaêtoç  ^  itfçt  aaçxoç  /}'  (so  Laur.;  ij  Burb.).  llêgl  yov.  Zn 
nçiûToy  ist  ein  âevtfQoy  zu  gewârtigen;  ofTenbar  haben  wir  also  zn  yerstehen:  Iltçi 
àyd^çvânov  (pv(T,  §  n,  ff.  âtvrtQov.  Dies  sind  somit  zwei  Monog^aphien  rer- 
wandten  Inhalts  wie  die  zwei  Pronrhetici  des  Hippokrates  u.  a.;  Tielleielit  ist 
nach  ntql  yov  noch  ein  y  ausgefallen  (eine  Psychologie).  —  Auch  der  Kanir 
nçtàroç  devTSQoç  rqiroç  scheint  ebenso  aufzufassen;  sonst  wàre  xayoyoç  àfly 
zn  erwarten.  Ausserdem  notirt  Thrasyll  Utçl  aXôyoiv  yçafÀutûy  xal  yamùy  f, 
Aîriai  mçi  Ç^foy  y;  ob  auch  hiermit  die  Prorrhetici  zu  Tergleichen  oder  ob 
hier  damais  wirkliche  Buchtheilung  rorlag,  ist  nicht  auszumachen.  Anch  die 
jiyrtloyujjy  âvo,  welche  an  letzter  Stelle  des  monobiblischen  Schriftenkataloge? 
des  Protagoras  erscbeinen  (Diog.  IX  55),  betrachte  ich  als  zwei  Schriften; 
ygl.  auch  oben  Antisthenes  Tom.  II,  VII  u.  YI.  —  Thrasyll  stellte  im  Demokrit 
Tetralogien  her;  also  muss  doch  wohl  jede  der  5  Abtheilungen  durch  4  theO- 
bar  sein;  dies  trifft  auf  die  Physica  zu,  wenn  man  die  Kayôyèç  ala  drei 
Schriften  z&hlt. 


—  Sammelrollen  de^  Ântisthones.    Antimachos.    Fhilolaos.  —       451 

Buch  citirt  und  mocbte  in  yiel  mehr  Bûcher  zerfaUen*).  Oicero 
aber  tradirt  ûber  ibn  in  seinem  Brutus  (51)  folgende  Ërzâblung: 
{Antinuichus)  cum  convocaHs  aucUtoribus  legeret  eis  magnum  illuà 
quod  novistis  volumen  et  eum  îegentem  omnes  praeter  Platonem  rtU- 
quissent,  legam,  inquity  mhUo  minus;  Plato  enm  mhi  unus  instar  est 
mUxam.  Jene  ^aUbekannte  grosse  Rolle'^  (fitfiXoç  fAaxQci)  des 
Antîmachos  ist  klârlicb  seine  Tbebais,  und  zwar  die  ganze.  £s 
ist  erfireulicb,  dass  Cicero  hier  einem  âlteren  Erzahler  so  getreu 
nacbgeschrieben. 

Ein  âbnlicber  Schluss  betrifift  den  nocb  âlteren  Philolaos. 
Spâtere  lasen  von  ibm  drei  Bûcher  tkqï  (pv(SBiùç^),  Der  âlteste 
Zeuge,  Timon  von  Phlius,  indessen  kannte  das  Werk  als  ein  Buch, 
und  zwar  war  es  im  Yergleich  zu  anderen  RiesenroUen  noch  eine 

Wir  gehen  von  der  Zeit  Plato's  um  eine  Génération  weiter  und 
sehen  uns  auch  hier  noch  zu  den  nâmlichen  Schliissen  herausgefordert. 
Es  ist  wie  beim  Xenophon  die  Beobacbtung  der  Diskrepanzen 
in  der  Buchtheilung,  wovon  wir  hier  ausgehen,  welche  so  wie 


1)  Buch  III  fr.  14  Klnkel,  Bach  Y  fr.  20.  Es  soi  hier  dem  Antimachos 
ein  Werk  y  das  man  ihm  mit  Unrecht  geraubt,  zurflekgegeben.  Horaz  sagt 
An  poet.  146  Tom  guten  Epiker:  Nec  recUtum  Diomedis  ab  interitu  Meleagri 
Nec  gemino  hélium  Troianum  orditur  ab  ovo;  su  erstemVers  notirt  Porphyrion 
(II  656  Hauth.)  den  Namen  des  Antimachos  und  fiLhrt  fort:  fuit  cyclicus  poeta. 
Hic  adgressus  est  materiam  quam  sic  extendit  ut  XXIV  volumna  impleverit 
anteguam  septem  duces  usque  ad  Thebas  perduceret;  das  betreffende  Werk 
mag  also  48  Bb.  gehabt  haben;  da  nun  unter  diesen  Sieben  gegen  Theben 
maéh  Diomedes  ist,  so  kann  hier  keine  Thebais,  sondern  nor  ein  Epos 
*Mniyovoê  gemeint  sein,  das  sonst  Terschollen  bt  and  also  unbeachtet  blieb. 
Doch  hat  sich  ein  Citât  ans  ihm  erhalten,  das  filr  irrig  zu  erkl&ren  kein  Grand 
Torlîegt.  Antimachos  nahm,  wie  sonst  so  vieles  (Porphyr.  b.  Easeb  Praep. 
er.  X  3:  iâ  'OfÀ^çov  xlénjwy),  seinen  Anfang^vers  ans  dem  Homerischen 
Çydos  herûber.  Aristophanes  Pax  1270  citirt  den  Anfang  der  Homerischen 
*Bniyovoi;  derselbe  steht  als  Homerisch  in  Agon  S.  19  N.  Das  Scholion  sum 
Aristophanes  aber  adnotirt:  açx^  ^^  ^<ûv  'Enkyôvœy  *Aynfidxov, 

S)  BOckh,  PhUokos  (1819)  S.  18  ff. 

')  OeUius  ni  17,  6,  von  Plato:  noXlœv  â*  àçyvçimy  oUyfiv  filXà^ato 
fiiflovi   die  Variante  ^oJbii^V   fllr  fiifilop   in  Prolegg.   Plat.  c.  5   ist  gewiss 


452  —  ^^'  Toralezandrinische  Bucbwesen.  — 

beim  Thukydides  nur  unter  der  Yoraussetzung  hinlânglich  begreiflich 
werden,  dass  das  einheitliche  Originalwerk  keine  Theilung  autorisiite. 
Dîes  betrifEt  zunâchst  den  Aristoteles  und  Theophrast,  ûber 
deren  Textgescbiclite  das  Altertbum  mit  Nachricbten  am  wenigsten 
karg  ist.  Wir  werden  bel  ibnen  darum  aucb  lângeren  Aufenthalt 
nebmen  mûssen. 

Waren  die  uns  erbaltenen  Lehrschriften  dieser  Fùbrer  des  Peri- 
patos,  bevor  sie  von  unberufener  Seite  in  den  Bucbbandel  gegeben 
wnrden,  wirklicb  nur  Akroasen  oder  Privathefte  als  Grundlage  des 
Lebrvortrags  und  Studiums  im  engsten  Ereise,  so  wâre  die  Aeusser- 
licbkeit  der  Bucbtbeilung  bei  ibnen  am  entbehrlicbsten  gewesen, 
wenn  nicbt  die  Bucbgewobnheit  selbst  etwa  scbon  damais  zu  einer 
solcben  nôtbigte.  Die  Bucbzablen  scbwanken  aber  gerade  bier  Tiel 
zu  hâufig,  als  dass  man  aucb  nur  versucben  konnte  sie  wegzuemen- 
diren.     Wir  notiren  vom  Aristoteles: 

IlQOTQsrmxoç  (exoteriscb),  gewôbnlicb  einbûcberig  (Diogenes 
Laertius,  Anonymus  des  Ménage),  stebt  im  Yerzeîcbniss  des  Ptole- 
maeus  mit  3  Bûcbem;  was  das  Ursprunglicbere  war,  kann  in  diesem 
-wie  allen  âbnlicben  Fâllen  nicbt  zweifelbaft  sein.  —  ^Eçomxoç  à 
giebt  Diogenes  (exoteriscb),  wobl  mit  Recbt  bei  Atbenaeos  S.  674  B 
iy  dsvxiqta  iQWuxciv  wiedererkannt.  Der  Index  des  Ptolemaeus 
bringt  3,  die  Anonymi  Appendix  sogar  6  Bûcber  ^Eçœuxci,  —  DêÇi 
TTVsvgJLawç,  gewôbnlicb  ein  Bucb,  bei  Ptolemaeus  drei^),  —  Ta  h 
T&v  vàgAùoy  nkccTCûVOç  beim  Anonymus  2  Bûcber,  bei  Diogenes  3.  — 
Ms&oâtxcc  beim  Anonymus  7  Bûcber,  bei  Diogenes  8.  —  OeoêéxTOV 
(Twaycoy^j  ein  Bucb  beim  Diogenes,  beim  Anonymus  drei').  — 
Qéde^ç  iQconxaij  beim  Ptolemaeus  ein  Bucb,  beim  Anonymus  und 
Diogenes  4.    —    IIsqï  (t^ç)   lôéaç    ein   Bucb    (Diog.  und  Anon.); 


»)  Zeller  (Phil.  d.  Gr.  II  2^  S.  96)  sagt  „zu  3  Bb.  erweitort  oder  ser- 
legt'^;  gewiss  letzteres. 

^)  Wenn  in  der  Rhctorik  ad  Alex.  S.  1421  6  1  pluralisch  auf  rip'ai 
Yerwiesen  wird,  so  kann  damit  unmOglich  eine  einzige  Té/ytj  in  mehreren 
Bûchern  bezeichnet  sein  (ZelIer  S,  76  Note).  Solcbe  ars  mûsste  immer  sin- 
gulariscb  bleîben.  Es  scheint  bier  yielmebr  auf  die  sonstigen  àhnlicb  betitelteo 
Werke  Bezug  genommen,  die  Diogenes  auffûbrt:  Tf/yuiy  avyayay^  a^'  oder 
Té/vriç  (}f]TOQtxtjç  a  fi',  Tf/r»/  a,  âkkrj  lï/wj  a  fi'. 


—  Aristoteles.  —  453 

dagegen  gîebt  Syrian  (zur  Metaph.  901  A  19.  942  B  21)  zwei  Bûcher 
jkqI  iôséiy,  Ptolemaeus  drei  Bûcher  De  imaginibiùs,  und  Alexander 
Aphrodisiensis  citirt  sogar  eîn  viertes  tkqI  îôêùiv  ^).  —  IIsqI  tàyad-ov 
ist  beim  Anonymus  fÂoyàfiifiloç,  bei  Diogenes  3  Bûcher,  bei  Ptole- 
maeus 5.  Alexander  citirt  iy  xâ  fi'  (zu  Metaph.  s.  218,  10  u.  13).  — 
HsqI  (pviâv  citirt  Athenaeos  als  Monobiblos  {iv  %&  tuqI  çvtœv 
S.  652  A),  Diogenes  giebt  a  fi',  —  0va$oyy(OfA$xoy  à  giebt  Diogenes, 
q>vC$oyv(ûfÂMà  fi'  Anonymus.  —  Den  &é(fetç  nsQÏ  tpvx^ç  ce'  scheinen 
unsere  3  Bûcher  neçi  ipvxijç  zu  entsprechen.  —  Die  JiaïqitSetç  sind 
17  Bûcher  bei  Diog.  und  Anon.,  26  bei  Ptolemaeus. 

'OçKJfÂoi  in  13  Bûchem  geben  Diog.  und  Anon.,  Sqo$  in  16  Bûchern 
Ptolemaeus.  —  UçofiX^fiaTa  ix  twv  J^fjtoxçiTOVj  nur  2  Bûcher  beim 
Anonymus,  sind  7  bei  Diogenes. 

Die  Eudemische  Ethik  geben  gute  Handschriften  in  8  Bûchem, 
die  auch  Ptolemaeus  verzeichnet;  ein  Codex  Marcianus  zâhlt  dagegen 
nur  5  (éd.  Fritzsche,  S.  244),  so  wie  Diogenes  ij&Mœv  €  (oder  &) 
notirt.  Ausserdem  besitzen  wir  die  Nikomachische  Ethik  in  10'), 
die  grosse  Ethik  in  2  Bûchem. 

^ATroQfjiAcctœy  ^OfifjQ^xcùv  afi'/d'e^'  Diogenes,  f  Anonymus*).  — 
Die  0VG$Xfi  àxqôaaiç  hat  8  Bûcher;  wenn  der  Anonymus  if(  giebt, 
80  liegt  es  nahe  fj[  herzustellen.  Das  Werk  zerfiel  in  zwei  Theile, 
nsçii  <pvae(oç  zu  5  und  negï  xêpijtTsœç  zu  3  Bûchem;  Diogenes 
aber  giebt  nsçi  (pvaeduç  mit  3  imd  nsql  x^yijaetoç  mit  nur  einem 
Buch. 

Die  Metaphysik  steht  mit  ihren  13  Bûchem  (ohne  Klein -a) 
auch  bei  Ptolemaeus.  Dagegen  giebt  ihr  der  Anonymus  x  und  des- 
Bclben  Appendix  *'*).  —  nqayikatsia  téxy^ç  noêt/Tixi^ç  a  fi'  Dio- 
genes, entsprechend  Anonymus,  imd  pluralisch  citiren  Ammonius 
(De  interpret.  99  A  12)  und  Boethius  (De  interpret  290)  iy  toîç 
jïïsqI  jrotfjTM^ç  oder  m  îU>ri8  quos  Aristoteles  de  arte  poeHca  scripeit; 


1)  Za  Metaph.  566  B  16;  hier  will  Y.  Rose  (Arist.  pseudep.  S.  191)  fùr 
^  ein  ^  emendiren. 

')  Dièse  10  Bûcher  sind  wohl  beim  Anonymus  mit  ^d'txtày  x'  gemeint. 

*)  Hier  ist  beim  Anonymus  Tielleicht  das  $,'  nicht  mitgesfthlt. 

*)  £ine  Verlesung  Torsucht  hier  Zeller  wahrscheinlich  su  maehen,  doch 
nicht  mit  GlQck  (S.  80  Note). 


454  —  ^^  Toralezandrinische  Bachwesen.  — 

entsprechend    auch    der   Scholiast    zur   Nikomachischen    Ethik   YI 
(f.  96  B  Aid.)  iv  xâ  nQftizfù  tkqI  notfiTixljç^).    Dagegen  erscHeint 
iv  t^  TttQÏ  TiOêfjnx^ç  bel  Ps.  Alexander  zu  Soph.  elench.  S.  299  B  14, 
bei  Hermias  zu  Plato's  Phaedr.  S.  111  Ast  und  bei  Simplicius  in 
Categ.  43  A  13').  —  Aber  sogar  înnerhalb  eines  Yerzeichnisses  er- 
scheint   dasselbe  Werk   in   yerschiedener   buchhândleiischer   Form. 
Ptolemaeus  hat  N.  37  die  ûblichen  vier  Bûcher  der  Meteorologicây 
er  bringt  N.  76  dies  Werk  noch  einmal  in  zweien.  —  Ebenso  giebt 
Ptolemaeus  JIsqI   ^(ûcùv  ysvétfstoç  erst  in  5  (N.  44),    hemach  in 
2  Bûchem  (N.  77).    Jene  Theilung  ist  die  herrschende   geblieben. 
Ueber  eine   dritte  zu  drei  Buchern  belehrt  uns  die  Appendix  des 
Anonymus.  —  Dieselbe   Appendix   bietet   fur   nêQÏ   Çiamy  gAOçimif 
nicht  5,  sondem  nur  3  Bûcher.  —  UeQÏ  (Svo^xsUûv  y  ^^  identisch 
mit  nB^%  y€Pé(fB<ûç  xaï  (p&OQaç  /}'').  —  Noch  sei  angefugt,  dass 
Diogenes  auffiUliger  Weise  zwar  betreffs  der  àvahmxmy  wniqmv 
IksyàXiûV  a  fi'  mit  unserer  Ueberlieferung  stinmit,    denselben   aber 
Yoraufschickt  TiQatéQfay  àvaXvxixâv  cifi^ySs^Çfi.     Es  ist  zu  be- 
achten,  dass  das  erste  der  2  Bûcher  unserer  Analytica  priora  noch 
in  3  TfM7f»aTa  zerfâUt,  deren  erstes  wiederum  weit  grôsser  aïs  die 
folgenden  ist.    Yielleicht  haben  wir  uns  das  Werk  bei  Diogenes  nach 
dieser  Analogie  in  8  solche  Tfjt^fuxta  aufgetheilt  zu  denken.     Gregen- 
ûber  diesen  8  sehr  schmâchtigen  Bûchlein  wûrde  dann  in  der  That 
der  Zusatz  fAsyccXœy  bei  den  posteriora    erst   seinen    rechten  Sinn 
erhalten*).     Man  beachte  noch,  dass  der  Anonymus  das  Werk  erst 
mit  9  und  hemach  noch  einmal  mit  2  Bûchem  verzeichnet  (N.  46 
und  134).  —  Zur  Verdâchtigung  des  dritten  Bûches  unserer  Rhe- 
torik    sind    die    zwei  Bûcher  Rhetorik,    die  Diogenes    nennt,   ah 
Argument  verwendet  worden*).     Nehmen  wir  nun  weiter  mit  Brandis 
an,  dass  dièses  dritte  Buch  unter  dem  Titel  nsçï  Xé^6(ûç  a§'  des 


I)  Vgl.  Heitz,  Die  verl.  Schriften  des  Ar.  S.  91. 

')  Hier  kann  auch  angenommen  werden,  dass  die  letzteren  drei  unser 
einbûcheriges  Poetikexcerpt  citiren. 

')  Nach  Alexander  Âphr.  su  De  sensu  f.  106  B;  Tgl.  Heitz  S.  77. 

^)  Mit  dem  Zusatz  fdtyala,  fÂixça  wird  die  BoUengrôsse  unterschieden, 
worflber  unten. 

^)  Sauppe,  Dionysios  und  Aristoteles  66ttingen  1863  S.  32ff. 


—  Aristotelesy  Theophrast.  —  455 

Dlogenes  zu  erkennen  sei,  so  ist  damit  eine  neue  Discrepanz  in  der 
BuchtheiluDg  gewonnen  ^). 

Aber  auch  beim  Theophrast  finden  wir  ganz  entsprechende 
Yarianten.  Die  erhaltene  Schrift  tisqI  (pvrœv  ItnoQlaç  enthSlt 
î  Bûcher;  Diogenes  giebt  deren  10  an;  Schneider  (Theophr.  opéra  V 
S.  232  ff.)  vermuthet,  dass  das  ûberlieferte  vierte  als  zwei  Bûcher 
umgegangen  sei.  Apollonios  citirt  dagegen  in  seinen  Mirabilia 
(33;  41)  das  achte  Buch  (8,  4,  5}  als  ^^  das  neunte  (9,  18,  2)  als 
ç'  neqï  (pvx&v*^  er  hatte  also  eine  dritte  Theilung,  mit  noch  geringerer 
Buchzahl.  —  Das  Theophrastische  Yerzeichmss  beim  Diogenes  ist  be- 
kanntlich  ein  Conglomérat  von  vier  Katalogen,  deren  drei  nach 
alphabetischer  Reihenfolge  geordnet  sind'}.  Der  zweite  Eatalog  notirt 
hier  nun  fur  die  JtatQéaetç  des  Theophrast  zwei  Bûcher,  der  erste 
abweichend  deren  drei.  —  Ferner  giebt  der  zweite  fur  das  grosse 
Werk  der  çvctxai  âô^at  16  Bûcher,  der  erste  dagegen  18  tuqI 
qiwfMciv,  welcher  Titel  zweifellos  das  nâmliche  Werk  bezeichnet 
(Usener  S.  15).  —  Ilegi  <pv<f€(oç  erscheint  als  Monobiblos  im  vierten 
Eatalog,  der  erste  giebt  drei  Bûcher  negi  (fvdêiûç^),  —  Der  erste 
Eatalog   bietet   endlich   neçli  Xi&(op  a    und  rtsçl  fiSTâXXtov  afi\ 


^)  Noch  liesse  sich  erinnern,  dass  als  Gesammtsumme  der  BQcher  ûber 
die  Thiere  Plinias  VIII  45  gegen  (ferme)  50,  Antigonos  Karyst.  mir.  60 
eogar  gegen  (a/fdoy)  70  giebt;  ersteres  mag  man  mit  Hinzunahme  sp&terer 
Ueberarbeitangen  erkl&ren  (rgl.  Urlichs  Cbrestom.  Plin.  zur  St.),  fUr  70  werden 
wir  daran  sweifeln;  ûbrigens  sind  bierzn  die  r&thselhaften  40  Bûcber-Categorien  su 
rergleichen.  —  Offenbar  b&ngen  zusammen  die  oçoê  ngo  niv  rontxœy  afi'yd^i^'^ 
des  Diog.  und  des  Anon.  oçvoy  fiifikioy  a,  nntxûiy  ^,  Beim  Diog.  scbeint 
hier  der  Titel  des  ersten  Bûches  zum  Titel  des  Qanzen  erhoben,  alsdann  aber 
wûrde  der  Anon«  ein  Buch  mehr  haben«  Eine  Emendation  versucht  Zeller 
8.  75  Note.  —  Alexander  (sur  Metaph.  560  B  25)  und  Simplicius  (de  coelo 
8.  492  und  505)  nennen  Ton  den  Ilv&ayoçtxtx  ein  zweites  Buch,  w&hrend 
Diogenes  nur  ein  Buch  mçê  tiov  IIv&ayoQikûy  yerzeichnet;  aber  man  kann 
bei  ihm  das  andere  nçoç  tovç  IIv&ayoQiiovç  hinzuziehen.  —  Endlich  nennt 
das  Verzeichniss  Dschemaluddin's  8  BQcher  de  animalium  motu  et  anatomia 
nnd  15  Bûcher  de  animalium  historia. 

>)  VgL  Usener,  Analecta  Theophr.    Lpz.  1858. 

')  Usener  S.  16  nimmt  itiçi  (pvanaç  a  als  Theil  Ton  mçi  tpvaiùtç  afi'y; 
ftllein  in  den  F&llen  des  Tierten  Katalogs,  die  er  hierf&r  Torgleicht,  lautet  der 
Theiltitel  doch  nicht  mit  dem  Gesammttitel  identisch. 


456  —  ^'^  Toralezandrinische  Baehweten.  — 

Ersteres  Werk  schloss  sich  an  das  letztere  an  (ygl.  Theophr.  nêçl 
^i^'  §  1)>  dagegen  wird  nun  aber  tkqÏ  fAetâlXuy  sonst  stets  nur 
als  ein  Buch  angefiihrt ^),  wie  auch  die  dem  Aristoteles  zugeschrie- 
bene  fiovô^ifiXoç  tkqï  fiSTciXXmy  (Simplic.  Phys.  1,  a.  468  B  25. 
Damasc.  454  A  22)  mit  Recht  far  das  nâmliche  theophrastisch^ 
Werk  gehalten  wird'). 

Indicien  anderer  Art  werden  der  Terminologie  entnommen.   £s 
giebt  hierfur  zwei  Beispiele.     Im  zweiten  Bûche  der   Schrift  mç* 
(fvi&v,   die  des  Aristoteles  Namen  trâgt,  S.  822  B  32  lesen  wirr 
ixTS&eixafuy  ahtaç  èv  ta  ^futéQtp  fiêfiXUo  va  fuçi   luxêm^mv, 
Dies  ist  unter  den  so  zahlreichen  Selbstcitaten  des  Aristoteliscben 
Schriftencorpus  das  einzige,  in  welchem  von  dem  Terminus  fitfiUoy 
Gebraucb  gemacht  wird.     Dass  die  Scbrift  De  plantis  nicht  Aristo- 
teles selbst  zum  Autor  bat,  ist  aUgemein  anerkannt;  danim  fblgt  ma 
der  Form   des  Citâtes   nicbt   notbwendig,    dass   es  interpolirt  seî. 
Einerlei  aber,  ob  interpolirt  oder  nicht,  es  setzte  der  Urheber  jener 
Worte  jedenfalls  des  Aristoteles  viertheilige  (àetswQoXoyucd  als  ein 
einziges  fi^fiJiSoy  voraus,   auf  deren  zweites  Bach  (S.  365  B  1)  hier 
Terwiesen  wird,  ein  fi$fiXioPj  das  ûbrigens  nicht  mehr  als  4800  Yeree 
hielt»). 

Das  zweite  Beispiel  betrifft  den  Theophrast.  Plinius  citirt  Nat. 
hist.  m  57    eine   Bemerkung    desselben   ûber    das   italische   Circei: 

1)  Vgl.  Pollux  Onom.  VII  99.  X  149.  Alex.  Meteor.  II  161  Id.  (vgl. 
Zeller  S.  90  Note). 

')  Usener  S.  19  setzt  das  zweite  Buch  nêçt  ^êraHoiv  gleich  m^t  H^tjr, 
Bodass  der  erste  Katalog  daa  Gesammtwerk  und  einen  Theil  desselben  neben 
einander  Terzeichnet  haben  mûsste.  Indess  wird  JU^ç  am  Eîogang  der  er- 
baltenen  Schrift  su  fiéraXXov  so  gegens&tzlich  definirt,  dass  dièse  Vermathang 
nicht  wird  gelten  kOnnen.  Und  wenn  es  ebendaselbst  (de  lapid.  1)  heisst: 
ntçt  fiiv  ovy  ttày  /uiTakktvofAfytay  iv  âXXoiç  ud-itôqtiTat'  nfçi  Ji  rovivr 
(das  ist  ki^y)  yvy  kéyœfÀiy,  so  ist  mit  dem  iy  âXkoiç  ausdrûcklich  auf  ein 
anderes  Werk  (die  zwei  Bûcher  mçi  fitJuXXiûy)  hingewiesen. 

')  Keinen  Gebranch  wage  ich  dagegen  zu  machen  von  SehoL  Homer  C  2: 
IdQkCToréXfiç  ât  iy  i^  nêçi  ^œtay  /LifibtyrjTa&  C^pov  fxnçyov  xrk,  (vgl*  Rose  311)» 
ein  Citât,  das  sich  in  koinem  der  Bûcher  unserer  Thiergeschichte  wiederfindet; 
auch  kônnte  Verschreibung  sein,  wenn  Alexander  Apbrod.  bel  Oljmpiodor 
(in  meteor.  I  S.  133  Id.)  die  Schrift  itiçi  yiyéaiuiç  xal  ^^çaç  als  ein  Bach 
bezeichnet. 


—  Âristoteles,  Theophrast.  —  457 

Theophrastus    qui  primus    extemorum    aliqua    de   Romanis    dih'gentius 

scripsit Cerceiorum  insulae  et  mensuram  posuit  stadia   octoginta 

in  eo  twîumine  quod  scripsit  Nicodoro  Atheniensium  magistratu  qui  fuit 
urbis  nostrae  CCCCXL  anno,  Gemeint  ist  hier  die  uns  vorliegende 
Stelle  der  PflanzeDgeschichte  Y  8,  3:  r^ç  âè  yrjtfov  to  fAd/sd-oç 
nsçi  oyâo^xopta  axadiovç,  Weil  Theophrast  als  erster  eingehender 
ûber  rômîsche  Dinge  gesprochen,  so  bestimmt  Plinius  das  Abfassungs- 
jahr  seioer  betrefTenden  Schrift  genau  nach  dem  Ârchonten  ').  Nehmen 
"wir  nun,  iivie  wir  mûssen,  den  Wortlaut  des  Plinius  genau,  so  ist 
das  citirte,  uns  vieltheilig  vorliegende  Werk  zwar  schwerlich  fur  ihn 
selbst,  gewiss  aber  fur  seine  Quelle,  deren  Worte  er  beibehâlt,  noch 
ein  einziges  volumen  gewesen').  Wir  haben  aber  noch  weiter  vor- 
zugeben.  Der  Name  des  Nikodoros  kommt  in  der  Pflanzengeschichte 
des  Theophrast  garnicht  vor.  Wie  konnte  sie  also  nach  ihm  datirt 
werden?  Wir  haben  das  inhaltlich  so  nah  verbundene  Werk  De 
causis  plantarum  aufzuschlagen;  an  seinem  Anfaug  ist  wirklich  das 
Archontat  jenes  Mannes  ganz  beilâufig  erwâhnt').  Wir  gelangen 
Bomit  zu  der  Yorstellung,  dass  das  eine  volumen  des  Theophrast, 
das  Yon  Circei  handelte  und  en'  aqxovxoç  NiXoâùiQov  abgefasst 
war,  die  beiden  Pflanzenwerke  zugleich  und  zwar  muthmasslich  so 
uxnschloss ,  dass  De  causis  plantarum  voraufging.  Dièse  Rolle 
nâherte  sich  alsdann  mit  19  863  Zeilen  dem  Umfange  der  Thukydi- 
deischen. 

Hatte  Aristoteles  die  exoterischen  Schriften  wie  den  Protrepticus 
und  Eroticus  selbst  einbûcherig  edirt,  so  wissen  wir  von  seinen  wie  des 
Theophrast  Schulschriften  dagegen,  dass  sie  imedirt  bis  auf  Neleus 
weitererbten  (s.  S.  458,  2;  437,  2);  nur  Mitglieder  der  philosophischen 
Gesellschaft,  die  den  Autoren  durch  gleiches  Streben  nahe  standen, 


1)  >'ikodor  war  Archon  01.  116,  8  oder  314  ▼.  Chr.;  Tgl.  Diodor  19,  66. 
C.  J.  G.  105. 

^)  Yielleicht  darf  auch  Athenaeos  S.  61  Sfôqqwnoç  Iv  i^  mçt  tfvxiàv 
Unoçkeç  so  gedeutet  werden  (fr.  168  Wirniner),  welches  Citât  in  dem  erhaltenen 
Tezt  nicht  rorliegt. 

')  119,  5,  wo  68  Ton  den  Oliven  beisst:  ixaaQxovyrat  yàç  xai  ànoXXvaat 
to  ilaioy  ....  onfQ  ijdrj  xai  nçônçoy  nokkâxiç  yéyovt  xai  fo  nXivraîoy  ^âij 
in*  açx^^^^^  NtxoâtûQov, 


458  —  ^^  Toralexandrinische  Bnchwesen.  — 

fertigten  sich  von  ihnen  Piivatabscliriften  an^).  Erst  oachdem  aie 
Neleus  aus  den  Hânden  gab,  ist  eine  erste,  unYollstandige  Edition 
derselben  von  Seiten  der  alexandrinischen  Bibliothek  besorgt  wor- 
den');  eine  zweite,  vielleicht  ergânzende,  nnternahm  der  Bibliophile 
Apellikon,  der  Teier'),    eine  dritte  auf  Grund  mehrerer    Tariiren- 


^)  Die  Lehrschriften  wurden  gewiss  den  Yortrftgen  aie  Leitfaden  su 
Oninde  gelegt  (j^xçottfÂtvot  angeredet  Sopli.  elench.  184  B  6),  und  aie  atanden  ohae 
Frage  fiHr  Mitglieder  der  Schule  zur  Abschriftoahme  sur  Verfïkgang  (ygL  Zeller 
8.  138).  Wenn  Ëudem  ausserhalb  Athens  lehrte,  so  that  er  dies  auf  Grand 
Bolcher  Copien,  die  er  nicht  nothwendig  von  allen,  sondem  ron  beliebigen 
Werken  des  Meisters  genommen.  Eadem  wie  Tbeophrast  Terfassten  aodann 
neue  Scbulschriften ,  fûr  welche  aie  nach  Belieben  aucb  die  des  Aristotelei 
wCrtlich  za  Grunde  legten:  aucb  dièse  auff^Uige  Tbatsacbe  erklârt  aich  ans 
dem  blossen  Lebrsweck  innerbalb  der  Schule;  es  schien  hier  eben  eine  andere, 
lebrbarere  Fassung  desselben  Materials  prakti^ch  geboten.  Instnxktiv  iit 
hier  besonders  jene  Ânfrago»  die  Ëudem  brieflich  beim  Theophraat  betrefi 
einer  Lesnng  der  Aristotelischen  Physik  gethan  bat  (Siroplic.  zn  Arist.  phji. 
404  B  S  ff.).  Wir  folgem  :  h&tie  schon  derzeit  eine  mechanische  VerTielfidUgonf 
der  Akroasen  per  ecdosin  existirt,  ans  der  das  Physikexemplar  des  Tbeophrast 
und  das  des  Ëudem  stammten,  se  war  zwischen  beiden  Ëxemplaren  eine  erheb- 
liehe  Differenz  der  Lesung  damais  ebenso  unwabrscbeinlicb,  wie  aie  heutsutage 
bei  zwei  Exemplaren  desselben  Drucks  unmôglich  ist.  Wir  mûssen  also  entweder 
das  sohwer  Annehmbare  annebmen,  dass  schon  damais  zwei  concnirirende 
Editionen  der  Physik  nebeneinander  gingen,  die  dem  Ëudem  nicht  beide  zar 
Yerfûgung  standen,  oder  vielmehr,  dass  es  nur  Privatabschriften  gab.  Ton  dem 
einen  und  andercn  Interessenten  fbr  eigenen  Gebrauch  ang^fertigt,  in  denen 
▼iel  h&ufiger  die  Subjektivit&t  des  Schreibenden  Textvarianten  erzeugen  mnsste. 

')  Die  Nachricht  bei  Asklepios  (Schol.  Âr.  519  B  38  f.),  Arist.  habe  den 
Ëudem  mit  Edition  der  Metaphysik  beauftragt,  ist  gewiss  so  ersonnen,  wie  jener 
Brief  Alexander's  (Gell.  XX  5),  worin  es  heisst:  ovx  6ç9^wç  inoir^aç  ixâoèç 
Tovç  àxçoanxovç;  die  Nachricht  bei  Alexander  Aphrod.  (zu  Metaph.  760  B  11  £), 
Ëudem  habe  die  Metaphysik  edirt,  kann  aus  der  bei  Asklepios  berrorgegangen 
sein.  —  Dass  die  Akroasen  bis  auf  Tyrannie  unbekannt  wareu,  ist  falsch  (vg!. 
Zeller  S.  146) ,  somit  aucb  die  ganze  Geschichte  Tom  Keller  in  Skepsis 
(Strabo  608;  Plut.  Sulla  26);  Neleus  yerkaufte  die  Bûcher  an  Philadelphos 
(Athen.  S.  3  B).  Dass  in  Alexandrien  dann  eine  Edition  gemacht  worde, 
deren  Bestand  die  Eataloge  des  Diog.  und  des  Anon.  nach  Hermippoa  dar- 
stellen,  ist  bes.  ron  Heitz  dargethan  worden. 

^)  Strabo  wenigstens  bezeugt  £Ûr  ihn  S.  608  eine  fôrmlicbe  Edition:  èlç 
àyriyQtttftt  xatvà  /niT^yiyxi  T^y  YQa(fviv  àyanlijçûîy  ovx  év  xal  i^iémntP 
êtfAaQxàâtay  nl*i^fi  rà  fitfiXia.  —  WoUte  man  anekdotenhaft  gefîirbte  Berichte 


—  Editionen  des  Aristot.,  Zusammensetzung  seiner  Pragmatien.  —    459 

der^}  altérer  Textesrecensionen  Tyrannie  zur  Zeit  Cicero's  und  Androni- 
kos.  Man  ersîeht  :  dièse  se  indirekte  Traditon  ist  nicht  im  Stande  iîber 
die  originale  Bucbbeschaffenheit  der  einstigen  Akroasen  irgend  ein 
Zeugniss  abzulegen.  Ueber  die  Art,  wie  jene  Editoren  wirthschafbeten, 
konnte  eine  genaue  Betracbtung  des  se  unordentlichen  Zustandes 
dieser  Schriften  selbst  belehren.  Noch  der  spâte  Porphyrios  besass 
aber  hieriiber  eine  Yorstellung;  derselbe  stellte  54  Monograpbien  des 
Plotin  zu  6  Enneaden  zusammen  ((fws^éQfjda)  und  vergleicht  mit 
dieser  Anordnung  eben  dea  Aristoteles  des  Andronikos:  Andronikos, 
bemerkt  er,  stellte  Pragmatien  her  durcb  Eintheilung  (âêsXlê), 
indem  er  in  jede  Pragmatie  Stûcke  ebenso  verwandten  Inhaltes 
yereinigte  ((fvvayayaiv),  wie  die  Bestandtheile  einer  Plotinenneade 
un  ter  sich  verwandt  sind'). 

Nehmen  wir  diesen  Yergleicb  genau,  so  wâre  eine  Pragmatie 
des  Aristoteles  also,  wie  eine  Ënneade  Plotin's,  nach  Andronikos' 
Anordnung  eine  Sammlung  Yon  Monograpbien  und  zwar  ver- 
wandten  Inhalts.  Und  bei  nâherer  Einsicht  der  Pragmatien  bestâtigt 
sich  dièse  Définition  in  der  That  in  nicht  wenigen  Fâllen.  Sie  trifPt 
80  zu  auf  Physik  wie  Metaphysik  wie  Politik'). 


ausgleicheDy  so  liesse  sich  annehmen,  navra  beim  Atbenaeos  sei  UebertreibuDg; 
Ptolemaeos  kaafte  nur  einen  Theil  der  Bficher  von  Neleus,  der  Rest  kam  an 
ApellikoD. 

')  £r  coUationirie  mehrere  Texte:  h  anaat  rolç  àvnyQÔtfOêÇf  Dezipp. 
SQ  Categ.  S.  25  Sp. 

^  Porphyr.  viu  Plotini  c.  24  (S.  23  éd.  MOller). 

>)  In  der  MeUphysik  geben  Buch  I  III  IV  VI  VII  VIII  IX  eine  su- 
sammenh&ngende  Untersuchung  ;  sachlich,  aber  nicht  formell  stehen  damit 
Bttch  XIII  XIV  in  Zusammenbang;  eingestellt  ist  femer  eine  Monographie  als 
B.  V  (ron  Arist.  selbst&ndig  citirt  aïs  rà  niqt  lov  nocaxtiç  vaià  so  nicht  im 
Katalog  des  Diog.  a.  Anon.);  eine  andere  als  B.  X,  eine  dritte  als  XII;  das 
B.  XI  f&gt  noch  swei  weitere  unzugehOrige  Traktate  ein;  ein  anderer  Fetzen 
ist  Klein -a.  So  steht  in  der  Physik  Bnch  VII  flUschlich,  und  Tom  sechsten 
erfahren  wir:  on  io  vvy  n^oxfifAtvov  fiifilioy  rp  Ta|é»  fÂità  ro  nt^nny  êcri 
âtiXoî  fiiv  xaî  6  Evârj/Lioç  ...  xal  UvdQÔyêXoç  dé  mùrtiy  rijy  râ^êy  idvtok  niç 
fièfiXioêç  ànodiâtoaty  (Simplic.  phys.  S.  404  B  38).  Das  leUte  der  Thierge- 
•chîehte  ist  wiederum  eiue  Monographie  {ImiQ  rov  fâ^  yiyyày  a).  Derselbe 
dr«ibQcherige  Complez  ist  sowohi  der  Ëudemischen  wie  der  Nicomachischen 
Btbik  einrerleibt  (Eudem.  IV— VI.     Nicom.  V— Vil).     So   ist  in  der  Politik 


460  —  ^'^  Toralexandrinische  Buchwesen.  — 

Und  hier  eiinnem  wir  uns  des  Hippokrates.     Das   Corpus 
Yon  Traktateu,  das  diesen  grossen  Namen  trâgt,  bietet  fur  die  Ent- 
stehung  des  Aristotelischen  um  so  nûtzlichere  Analogien,  je  einfacher 
sich  bei  ihm  das  âtatQsXv  und  iSvvdystv  seines  Redaktors  erweist; 
Porphyrios  batte  seine  Enneaden  mit  den  Hippokratischen  Pragmatien 
in   der  That  noch  weit  schlagender  vergleicben  kônnen.     Sie  sind 
wirklicb    grossentbeils    Sammlungen   von    Monobibla,    die   inbaltlich 
unter  sich  nur  verwandt  sind  und  zwar  eine  Nummerirung  erhielten, 
sonst  aber  an  Selbstandigkeit  nichts  verloren;  solche  Monobibla  yer- 
schiedener  Autoren  sind  De  morbis  Buch  II,  m  und  lY,  wozu  Bach  I 
noch  drei  verschiedene  Traktate  (darunter  tuqï  if^nvtoy)  hinzufugt; 
bei  Galen  kommen  I  und  lY  noch  gar  nicht  in  Zâhlung.     Auch  die 
IlQOQqfjtixoi  ngétoç  und  ôsvtêqoç   haben  nichts  mit  einander  zu 
thun,  und  so  fort*). 


Bach  YII  Ton  III  darch  Einschub  von  Terechiedenen  susammenhingendeD  Âb- 
handlungen  abgetrennt,  deren  ûberlieferte  Beihenfolge  jedoch  gleich&Us  leb- 
haft  bestritten  ist.    An  f&nfte  Stelle  ist  eine  Specialabhandlong  ûber  die  Yer- 
ftnderungen  der  Staatsformen   geschobén,    die    hinter    dem  Umfang  der  nm- 
Btebenden   Bûcher  weit  zurQckbleibt;   endlich  steht   aacb  B.  I  lose  fbr  sidi; 
seine  natûrliche  und  angekQndigte  Fortoetzang  ntçl  ywa^xoç  xal  àrd^^ç  te* 
téxyojy  xai  narçoç  r^ç  rc  mçi  ïxaatoy  avvûv  ciQiifjç  ist  rerloren;  die  letsten 
5  Zeilen  uîçTt  intl  xtX.   sind  sichtlich   von  der  Bedaktion  angeftigt,  um  den 
Uebergang  £u  Buch  II  zu  ermôglichen.    Wer  die  ursprûnglicben  Monogrmphien 
reconstruiren  will,  m5ge  sich  nicht  allzustreng  an  die  Qberlieferten  Buchgrensen 
halten;  anders  machte  es  Alexander  von  Aphrodisias,  der  von  der  Météorologie 
das   vierte   Buch   und    den   Schluss   des   dritten   lostrennte,    um  sie  nicht 
glQcklicher  als  drittes  (?)  Buch  der  Schrift  nêçi  yèviattaç  xal  (f-^oçàç  zu  rechnen; 
ebenso  Ammonius;  ygl.  Heitz  S.  78  Note  (die  Worte  tovç  ngoirovg  Tuiy  fumâ^»^ 
Xàyovç  bei  Olympiodor  erscheinen  interpolirt). 

^)  Man  yergleiche  hierûber  die  Praefationen  Ton  Ennerins,  der  weiter 
Ton  den  7  Bb.  der  Ëpidemien  sagt  (Prolegg.  Vol.  I  fin.):  ^Epidemiarum  libri 
omnes  fortuitam  habent  divisionem  in  libres  . .  ;  diTisio  illa  in  librum  I,  II  etc. 
recentiore  deraum  aetate  facta  esse  potest''.  Von  den  Ëpidemien  sind  I  u.  III 
nach  dem  Urtheil  der  Ahen  ein  Werk;  einige  inskribirten  sie  darum  ix  ni 
/nixçov  ntyaxidiov  (Galen  de  diff.  respir.  II  c.  8);  ihr  Inhalt  Teranlasste  den 
Gesammttitely  der  auf  II  u.  VI  nicht  zutrifft;  dies  sind  cufoçic/noi  (schon  Ton 
Galen  bemerkt);  II,  lY  u.  VI  soU  Thessalos  zur  Publikation  zusammengestellt 
haben  {avy&éiyai);  V  u.  VII  endlich  sind  zwei  um  violes  jOngere  Schriftea. 
Nur  in  De  Tictus  ratione  besitzen  wir  ein  zusammenhângendes,  in  S  Bb.  zer- 


—  Hippokraies.     Theopomp.  —  461 

YerlaDgen  wîr  endlîch  in  einem  Beispiele  mit  der  Auflosung 
einer  Rolle  zu  mehreren  auch  das  Motiy,  das  sie  yeranlasste,  in 
ausdrûcklicher  Yerbindung  zu  seheii?  Hippokrates  vermag  auch  dies 
zu  geben.  Die  zwei  Schriften  nsQÏ  àyymv  und  TtSQÏ  aqd'QfùV  er- 
weisen  sicli  der  neueren  Elritik  vielmehr  als  ein  Werk^);  Galen 
aber  weiss  wirklicH  mit  einem  €V^oi  ^a(SêV  zu  berichten:  oiôè 
dtfiQ^C&aê  TiQOç  ^iTiTiOXQccTOVç  tù  (WyyçccfJtfiaTa ,  YQatffivai  âè 
iy  ôXov  àfHpcû  ...  ô$atqs9fivai  ai  varsçoy  vno  xivoç  àlç 
évo  dtà  To  ikéysS-oç^),  Man  theilte  wegen  der  RoUengrôsse! 
In  der  That  hielt  die  Sclirift  5200  Zeilen,  vorausgesetzt  ûberdies, 
dass  uns  der  Text  vollstândig  vorliegt').  Anstatt  mm  xa%^  ïfjxqsXov 
tt§i  herzustellen,  sonderte  man  hier  vielmehr  zwei  an  Grosse  un- 
gleiche  Sachtheile  (I  hat  1768,  Il  3434  Verse)  unter  Separattiteln, 
womit  des  Aristoteles  Parva  naturalia  sich  passend  vergleichen  lassen*). 

Eilen  wir  endlich  latreum  und  Peripatos  zu  verlassen.  Denn 
uuser  Yorhaben  ist  noch  keineswegs  zu  Ende  gefuhrt.  Zeitgenosse 
des  Aristoteles  war  der  grosse  Historiograph  Theopomp.  Auch  bei 
diesem  hat  offenkundig  die  Buchvertheilimg  geschwankt.  Diodor 
kennt  des  Theopomp  Philippica  in  58  (16,  3;  vgl.  Photios),  desselben 
Hellenica  in  12  BQchern  (13,  42).  Suidas  tradirt  dagegen  die  voll- 
kommen  correkt  gefasste  Notiz:  syçaipsy  inttOfA^y  t&v  ^Hçodôtov 
t<froQtwy  iv  ^i^Uotç  §!,  O^hTtruxà  iy  fitfiUoiç  o^',  ^EXlfjptxàç 
î(ftOQtaç,  inovxai  ai  ratç  &ovxvdldov  xai  Seyo(f£ytoç  xai  stay 
iy  fiifiXloêÇ  ia\  Die  Hellenica  erscheinen  hier  also  nur  in  11,  die 
Philippica  erscheinen  vielmehr  in  72  Rollen.  Die  Analogie  dièses 
Falls  mit  Thukydides,  Aristoteles  u.  s.  f.  wird  sich  wohl  schwerlich 
wegdeuten  lassen^).     Diodor  selbst  aber  scheint  die  Inconstanz  der 


legtes  Werk;  De  insomniis  (899  Yr.)  scheint  hier  irrthflmlich  von  B.  III  ab- 
gesprengt,  daa  dadurch  su  1198  Vt.  abgerandet  wftrde  (s.  oben  S.  441). 

')  Die  Kweite  verweist  Cap.  120  mit  tiçtiruè  de  xat  nçoa&iv  ijdtf  aaf 
Cap.  13  der  ersten. 

^  Galen,  comment,  de  officina  med.  p.  323  K. 

')  Ermerins  III  S.  XXXIII  setst  îhn  ur^prQnglich  Tollstândiger  roraus. 

^)  Die  Texteinheit  von  De  sensu  bis  De  anim.  motione  bildet  6  Schriftchen; 
nicht  anders  auch  die  Gruppe  De  longit*  et  brer.  vitae,  fie  inv.  et  senectute, 
De  respîr.,  De  san.  et  morbo. 

^)  Nothausflucht  ist  es  anzunehmen,  die  Zabi  72  sei  dureh  Hinzurechnnng 


462  —  ^*^  Toralezandrinische  Buchwesen.  — 

Buchtheilimg  Theopomp^s  zu  bestâtigen;  denn  die  Sicilische  6e- 
schichte  der  Bûcher  XXXIX  bis  XLI  las  er  yielmehr  in  ^ka  a^Qi 
t^ç  fb/  (Diod.  16,  17). 

Des  Ephoros  Buchsumme  (30  Bb.)  wird  uns  zweimal  ge- 
nannt.  Es  darf  vielleicht  angefuhrt  werden,  dass  als  Platz  fur  die 
Beschreibung  der  Nilûberschwemmungen  in  Frgm.  109  das  funfle 
Buch  seiner  Historien  erwartet  wird,  wâlirend  sie  sich  aïs  iv  ti  h- 
ôexccTi^  citirt  findet.    Docb  kann  hierauf  kein  Grewicht  gelegt  werden'). 

Mit  Timaeos  betreten  wir  das  dritte  Jabrhundert.  Auch  er 
scbeint  noch  auf  die  nâmliche  Annahme  zu  fubren;  Poljb  hat  ihn 
anscheinend  in  wenigeren  und  grôsseren  Rollen  aïs  die  Spâteren 
gelesen.  Derselbe  las  (12,  25;  26)  die  Reden  des  Hermokrates 
(fr.  97)  und  des  Timoleon  (îr.  134)  in  einem  Bucbe  und  zwar  iy  f^ 
/M^  xaï  €Ïxo(n^  fi^fi^Vi  Mûller  (I  S.  226)  fordert  dafûr  gemass  der 
sonst  bekannten  Buchvertheilung  vielmelir  die  Zabi  Tçiaxoct^  und 
fur  beide  Reden  Stellung  in  verschiedenen  Bûcbem. 

Wir  yermeiden  annoch  Alexandrien  und  geben  aach  Rom. 
Ennius  ist  der  erste,  der  in  Rom  ein  Werk  in  mebrere  Bûcher  ge- 
theilt  hat.  So  wie  dagegen  des  Livius  Andronicus  Odyssée  ein 
Uber  war  (S.  444),  so  erfahren  wir  dasselbe  auch  noch  unmittelbar 
am  Schlusse  des  dritten  Jahrhunderts  von  dem  Bellum  Poinicum  des 
Naevius,  welches  die  Spâteren  in  sîeben  Bûchem  lasen;  Sueton 
(de  gramm.  2)  meldet  hierûber:  ut  C,  Octamus  Lcmipadio  Naevn 
Punicum  bellum  (se.  retractavit)  quod  uno  volurmne  et  continenti  scriptura 
expositum  divisit  in  septem  Uhros,  AIso  noch  dies  Epos  stand  in 
seiner  Originalausgabe  in  einer  Rolle,  die  dem  Werth  von  spâter 
sieben  Bûchem  gleichkam;  ihre  Satumier  waren  dabei  wie  Prosa 
geschrieben,  womit  die  erste  Scipioneninschrifb  und  die  Satumier  der 
italischen  Dialekte  zu  vergleichen  sind.  Wir  taxiren  dièse  Rolle 
somit  auf  ungefahr  7000  Zeilen.  Noch  in  Cicero's  Zeit  benutzte 
Santra  Exemplare  dièses  Umfanges^).     Es  scheint,  dass  Rom,  mit 


der  Ëpitome  und  Hellenica  entstanden.  Dies  widerlegt  die  Fassung  des  Suidas- 
artikels  selber. 

*)  Auch  frg.  9  und  108  wird  an  der  Buchzahl  gezweifelt. 

^  Santra  b.  Non.  S.  170,  21:  quod  volumen  unum  nos  lectitammus,  id 
postea  invenimus  septifariam  divisum. 


—  Timaeos.  Xaevius.  Letzte  Ausl&ufer  des  Grossrollensystems.  —     463 

Ausnahme  des  Ennius^),  an  der  alten  Buchforin  bis  zur  Mitte  des 
zweitcn  Jahrhunderts  festhielt.  Der  Aequale  des  Naevius,  Fabius 
Pictor,  schrieb  seine  Ictoqia  in  griechischer  Sprache,  bei  der  von 
Buchtheilung  nichts  verlautet'),  wâhrend  doch  ibre  jûngere  lateiniscbe 
Bearbeitung  auf  mindestens  vier  Rollen  zerfiel  (Gell.  Y  4);  ebenso 
wenig  verlautet  von  einer  Tbeilung  beim  Cincius  Alimentus').  Und 
auch  das  ius  Aelianum  war,  wie  das  Papirianum  und  Flavianum,  ein 
einziger  liber  (Pomp.  Dig.  I  2,  2,  7),  dessen  Titel  Tripertita  den  drei- 
facb  gespaltenen  Inhalt  anzeigte:  le^  XII  tabularum,  interpretatio  und 
legis  actio  (ebenda  38).  Sobald  wir  dagegen  zum  Cato,  Acilius 
(Consul  155),  Postumius  Albinus  (Consul  151)  weiter  geben,  bôren 
wir  von  Bucbzablen*). 

Wir  baben  durcb  die  getbane  Ueberscbau  ein  GrossroUensystem 
kennen  gelemt,  das  sicb  in  Rom  erst  im  zweiten  Jabrbundert  vor 
Chr.  auslebte  und  nocb  bis  zu  Santra,  Epapbroditos  und  Ulpian 
Exemplare  gelangen  liess.  Ihm  gegeniîber  muss  das  offenbar  jûngere 
Princip  der  Bucbtheilung  als  ein  eminenter  Fortschritt  erscbeinen,  der 
im  Interesse  des  lesenden  Publikums  gemacbt  worden  ist.  Wir  fragen 
nunmebr:  wem  wird  er  verdankt?  "welcbes  Zeitalter  bat  die  Bucb- 
theilung erfunden?  wo  zeigt  sicb  uns  fur  sie  ein  erster  sicberer  Beleg? 

In  unserer  Exemplifikation  feblte  von  den  bedeutenden  Autoren 
kaum  einer,  und  der  Mebrzabl  von  ibnen  wurde  die  grosse  mono- 
biblische  Form  mit  Sicberbeit  vindicirt.  Es  liegt  nabe  unsere  Be- 
obacbtung  zu  verallgemeinem  und  anzunebmen,  dass  die  Sitte  der 
Bucbtbeilung  der  Zeit  des  Tbukydides,  Antistbenes  und  Tbeopbrast 
nocb  ûberbaupt  unbekannt  war.  Denn  bâtten  dièse  Autoren  sie 
scbon  vorgefunden,  so  erscbiene  unbegreiflicb,  dass  sie  sicb  ibre 
Yortbeile  anzueignen  versâumt  bâtten.  Wir  werden  demgemâss  ge- 
neigt  sein,  von  der  Bucbtbeilung  ebenso  auch  bei  allen  zeitgenossischen 
Autoren  abzuseben,  bei  welchen  dies  moglich  ist,  und  stellen  unsere 


^)  Ueber  ihn  s.  untcn. 

^  Dion.  Hal.  Antiqu.  l  79  iy  i^  nçârfi  ist  nar  Conjektar  Kiessling*!, 
die  er  selbst  (zur  Eritik  des  Dion.  Basel  1868  S.  15)  surftcknimmt.  —  Der 
Jnrist  Fabius  Pictor  ist  ein  anderer. 

')  Verschieden  Tom  Juristen  Cincias  (Hertz,  De  Cindis,  1842,  S.  61  ff.). 

*)  Lir.  36, 14  :  Adlianos  liifros;  Macrob.  III 20, 6  :  PostAUfinus  armaH  primo. 


464  —  ^'^  Toralexandrinische  Buchwesen.  — 

Frage  nâher  dahin:  giebt  es  einen  âlteren  Autor,  bei  welchem  die 
ûberlieferte  Buchtheilung  sich  als  unentbehrlich  und  somit  ur- 
sprÛDglich  erweist? 

Suchen  wir  indess  erst  von  der  Praxis  des  grossen  RoUenbuchs 
selbst  eine  nâhere  ÀDSchauung  zu  gewinnen;  horen  wir  erst,  vie 
merkwûrdig  einmal  Isokrates  in  dieser  Rûcksicht  sich  ge&ussert  bat 
Scbon  Isokrates  batte  fur  seine  rbetoriscben  Scbriften  den  Yorwurf 
ûbertriebener  Lange,  des  fuxxQOTêQoy  tov  âéovzoç  zurûckzuweisen; 
er  tbut  dies  (XII  136),  indem  er  nur  fur  solche  Zubôrer  gescbriebeo 
baben  will,  die  an  keinem  nocb  so  grossen  Umfange  der  Reden 
Anstoss  nebmen,  ,,ob  der  Umfang  sich  aucb  auf  zebntausend  Hexa- 
meter  belaufe**  (ovâ*  ^  yLvqUùv  in&v  ^v  %6  /i*^oç);  er  wolle  yiel- 
mebr  fur  dîejenigen  scbreîben,  ^welcbe  immer  nur  einen  Theil 
solcber  Rede  lesen  und  durcbnebmen^.  Die  Bestimmung  ibrer 
Tbeile  aber  bleibt  nocb  dem  Belieben  des  Lesers  (rsp. 
Yorlesers)  ûberlassen.  Es  beisst  von  diesen  Lesem  eben:  %Av 
i(p*  avtoTç  àlpat  voi^^ovvtiûv  zodovTOV  àpayv&vm  fié  go  ç  xcà 
âêêXd'éTy  onodov  av  avTol  fiovXdûyvai,  Hiennit  vergleiche 
man  nocb  die  ganz  entsprecbende  Aeusserung  desselben  (XY  12): 
XQfj  >  > .  fiij  ifjTsty  êv&vç  ifcsXd'ôvTaç  oXoy  airoy  (se.  Xoyov) 
âêsXd'sTp,  ttXXà  TOCfovTOV  fjbégoç  odov  fjbij  Xvnijtfst  tovç  ftagovraç. 
Man  ûbersebe  erstlicb  niebt,  dass  Isoktates  eine  Scbrifteinbeit 
von  10  000  Versen  fur  môglich  hait,  ohne  selbst  nocb  irgend  eine 
Vertbeilung  auf  mehrere  Bûcher  vorzunebmen!  Denn  batte  er  an  die 
Môglichkeit  der  Rollentbeilung  gedacht,  so  wûrden  damit  ja  eben  schon 
fiéQtj  entstanden  sein.  Zugleicb  aber  baben  wir  dièse  „Theile^,  die 
erst  der  Léser  fur  sich  herstellen  soll,  hier  als  eine  unzweideutige 
Yorbereitung  der  spâteren  Rollentbeilung  zu  constatiren. 

Nicht  ohne  Yortheil  wird  sich  das  folgende  Beispiel  hiemit  ver- 
gleichen  lassen. 

In  Xenophon^s  Anabasis  scheint  die  Selbstandigkeit  der 
Bûcher  durch  die  Proômien  garantirt.  Die  Editoren  wie  Cobet, 
Dindorf,  Schenkl  baben  dièse  Proômien   indess  als  unecht  getilgt*). 


^)  Weiske,  ebonso  Brennecke,  de  autbentia  cynegeU  S.  36  berafen  9ich 
gcgen  Pro5mien  auf  Lukian  De  hist.  conscr.  23. 


—  ^Theile'*  der  BoUe.  Isokrates,  Xenophon's  Anabasis.  —  465 

Pieselben  konnen,  da  sie  ausser  allem  Textzusammenhang  stehen,  ja 
ibn  geradezu  storen  ^),  spâter  wohl  Dur  als  ngoyçaipat  îm  Sinne  des 
Poljbios  gedient  haben,  welcbe  aussen  an  den  Rollen  befestigt 
wurden  (s.  S.  142.  144).  In  dieser  Eîgenscbaft  aber  konnen  sie 
allerdings  nacbtragliche  Zutbat  sein,  obscbon  ein  stringenter  Beweis 
hierfur  feblt.  Nur  im  funften  sind  die  Worte  t^y  iv  rtS  ^Ev^tv(a 
unsinnig^.  Dass  nun  Xenophon  seine  Anabasis  nicbt  theilte,  dies 
haben  wir  scbon  vorbin  nacb  des  Diogenes  Angabe  vermutbet,  dass 
die  Xenophonscbriften  in  verschiedenen  Theilungen  umgingen, 
T7obei  die  Anabasis  zuerst  genannt  worde  (s.  S.  448);  letzteres  be- 
stâtigt  die  Wahrnehmung,  dass  wir  ja  nur  funf  Proomien  baben, 
welcbe  docb  anscbeinend  nur  ein  secbstbeiliges  Werk  yoraussetzen; 
Bucb  y  und  YI,  deren  uns  vorliegende  Abgrenzung  bekanntlicb  sebr 
gewaltsam  und  darum  aucb  von  den  Editoren  abgeândert  worden 
ist,  waren  damais  wobl  nocb  eines;  und  die  Zâblung  von  sieben 
Bûcbem  ist  dazu  eine  jiingere  Variante^). 

Wir  steben  bier  wieder  Yor  einer  ganz  singulâren  Erscbeinung. 
Die  Fassung  der  Proomien  bat  zwei  Eigentbûmlicbkeiten.  Spatere 
Autoren  resûmiren  bei  Bucbanfangen,  wie  natiirlicb,  stets  nur  den 
Inhalt  des  einen  voraufgebenden  Bûches  (s.  S.  141  f.).  Hier  wird 
dagegen  aucb  beim  dritten  Bûche  wieder  mit  auf  das  Buch  I  zurûck- 
geblickt,  beim  vierten  wieder  auf  Buch  I — III,  beim  funften  auf 
I — rV,  beim  siebenten  (resp.  sechsten)  auf  I — VI  (V)*);  von  Buch- 
zahlen  verlautet  dabei  nichts.  Das  letzte  ist  z.  B.  so  gefasst:  '0(fa 
(kèv  dfi  iv  t^  àva^ddêt  %fi  fjbsrà  Kvqov  . .  •  xal  ôtsa  ineï  Kvqoç 
itslsvTfjtfsv,  iv  Tfi  noQêUf  .  • .  xai  oaa  ix  tov  IlévTOV  Tts^^  i^&6vv€ç 
xal  ixnkéov%€ç  inoiovv  .  .  ,,  iv  tm    nQÔa&sv  Uyta    âsôijiMtaê. 


')  Das  ix  TovTov  ât  VU  1,  2  knApft  genau  an  die  ^fiéçat  Inm  VI  fin. 
an,  das  rVucr  âl  TJ  vf^éça  II  1,  2  genau  an  r^y  yùxra  I  fin. 

')  Vgl.  Hercher,  Fleckeis.  Ibb.  83  S.  821  f. 

')  Das  erhaltene  Proôm  zu  VI  ist  sehr  riel  jûnger;  seine  Fassung  weicht 
ab  und  es  feblt  in  den  besten  Codd.  Bei  Diogenes,  der  sagt  (II  57):  xarà 
fitfiUov  fÀtv  inoiijci  nçooi/nioy,  oktjç  di  ov,  ist  also  wohl  gleicbfalls  die  seehs- 
bûcherige  Anabasis  ToransgesetzC. 

*)  Auf  diesen  Umstand  wurde  icb  durch  Ilrn.  Prof.  Niese   aufinerkaam 
gemacht.     MOchte  nun  meine  Auslegung  aucb  seine  Zustimmnng  finden. 
BIrt,  BocbweMD.  30 


466  —  Dm  Tondexandrinisehe  Bnchweseii.  — 

Dièse  Proômien,  weit  entfernt  also,  die  Bnchtheiliuig  zu  erweisen, 
ignoriren  sie  vielmebr  Tollstândig.  Jedes  ist  unter  der  Yoranssetziing 
der  Sach-  und  RoUeneinheit  ailes  Yoraufgelienden  Textes  aogefertigt. 
Aus  dieser  Voraussetziing  erklârt  sich  weiter  die  Ungenanigkeit  derer 
zu  y  und  VU,  deren  Einzelglieder  in  ihrem  Referai  nicht  etwa  tod 
Buch  zu  Buch  weiterschreiten,  sondem  das  Ganze  obenhin  neu  ein- 
theilen,  ab  existirten  die  Buchgrenzen  gamicht^). 

Zweitens  ist  nun  die  stéréotype  Schlusswendung  dieser  ProomieD 
wichtig:  iy  tA  nqoiSd^ev  Xôytp  â€âijX(aTa$.  Lag  Buchtheiluug  Tor, 
so  wûrden  wir  an  ihrer  Stelle  Ton  Buch  m  ab  yielmehr  iv  tôt; 
TTQÔç&sy  Xoyotç  ôeô^Xatat  lesen  mûssen.  Mit  der  singularischen 
Form  ist  wiederum  das  Ganze  als  Schrifteinheit  voraasgesetzt  (rgl. 
S.  29)^:  ô  nqôa&êv  loyoç  und  ô  OTWf&sy  Xoyoç  ergaben  zusammeo 
den  einen  ôloç  Xoyoç. 

Die  Proômien  scheinen  demnach  abgefiasst^  aïs  die  Anabasis  noch 
eine  Bucbeinheit  war.  Was  also  bezweckten  sie?  Nur  Isokrates 
kann  es  uns  ausreicbend  erklâren.  Die  Léser  folgten  gegenûber 
diesem  Xenophontischen  Uyoç  von  7  —  8000  Yersen  eben  der  tod 
Isokrates  angedeuteten  Gewobnbeit  und  lasen  ihn  in  ^Theilen*. 
Da,  wo  man  einen  „Theil^  schloss,  wurde  zur  Wiedereinfuhrung  in 
die  Lektûre  eine  Ueberschau  ûber  den  Gresammtinhalt  des  Yorauf- 
gehenden  an  den  Rand  geschrieben. 

Wir  zeigten  frùher,  dass  selbst  noch  die  kleine  Buchrolle  der 
jùngeren  Zeiten  in  fiéQtj  zerfiel  (S.  158  f.;  vgl.  321,  317).  Dièse 
fAéQtj  pifiXiov  bat  offenbar  schon  Athen  gekannt;  und  es  bat  tod 
ihnen  noch  Tiel  hâufigeren  Gebrauch  machen  mûssen  aïs  Rom. 

Auch  im  Grossrollensystem  konnten  die  Texte  unmogHch  ein- 
schnittlos  bleiben.  Sinnpausen,  Absâtze,  Markirungen  des  Fortschritts 
im  Gegenstand  stellten  sich  im  Bûche  nothwendig  ein,  Tvie  beim 
Thukydides  nach  der  grossen  Einleitung  und  nach  jedem  Sommer 
und  Winter,  oder  im  Herodot,  wo  sich  Lydiaca,  Persica,  Aegyptiac&r 


^)  An  der  Hand  dos  siebenten  wflrde  man  auf  eine  andere  ala  die  vor- 
liegende  Buchtheilung  gefÏÏhrt  werden. 

''')  So  nennt  Ilerodot  sein  Gesammtwerk  o  Xôyoç  VI  19  und  nùç  l  Xôyoç 
VII   152. 


—  Werktheile  als  Vorbereltuog  der  Buchtheilung.  —  467 

Scythenkrieg,  lonischer  Anfstand  u.  s.  f.  als  ^Theile^  deutlich  genug 
von  einander  losen  ;  nicht  anders  auch  bei  den  Untersucliuiigen  eines 
Aristoteles  und  bei  jedwedem  anderen  Âutor.  Wir  dûrfen  somit 
zuversichtlich  annehmen,  dass  man  so  praktisch  -war,  den  Text  in 
jenen  gewaltigen  Rollen  zur  Erleichterung  der  Uebersicht  mit  gewisser 
Regelmâssigkeit  in  sichtbar  abgesonderte  Theile  zu  zerlegen. 
Und  nach  der  Ânleitung  solcher  ^Theile^  im  Buch  haben 
sich  dann  die  nachtrâglichen  Buchtheilungen  mit  Leich- 
tigkeit  ergeben,  welche  das  jûngere  Buchwesen  vornahm^). 

Und  dièse  Entstehung  der  Buchtheilung  aus  den  fjbiQfj  Xdyov 


^)  VgUYelleius  S.  321,  Diodor  S.  817.  Aristoteles  liess  sich  besonders  leicht 
in  fÀtçij  zerlegen;  daher  schliessen  oft  aach  die  Bûcher  g^t  ab.  Stéréotype  Wen- 
diingen  beim  Uebergang  ron  einer  Untersuchuogsreihe  (jÂé&odoç)  zur  anderen 
finden  wir  Ofter  gerade  an  den  Buchgprenzen  Tor:  s.  B.  De  anima  II  init.:  là  ^iy  d^ 
• . .  êÎQiiad'O}  '  naXty  dé  taç7ï€Q  /|  vnuQXVÇ  inayiot/uty  xrl,  Ethic.  Nicom.  VU  init 
(genau  wie  Ethic.  Eudem.  Y I  init.)  :  Mêrà  di  ravra  JaxTtoy  âkh^y  noifianfAivoiÇ 
àçx^v,  ou  xtI.  :  nachdem  von  den  Ëinzeltugenden  and  dem  fAÎaov  gehandelt  ist, 
das  man  w&hlen  musse,  wird  jetzt  zu  den  Lastem  (rà  q>fvxxéa  m  neçi  ta  ^&fi) 
fibergegangen.  VgL  Ethic  Eudem.  II  init.  :  AitTÙ  de  ravra  alXrjy  Xafiouaty  àçj^viv 
ntql  TÔiv  inofiéytay  Xtxréoy,  und  ibid.  VI  init.  Ebenda  IV  init.  wird  auf  die 
ui^adoç  jfàv  nçoftçtjfÂéyœy  zurûckgeblickt.  Physic  I  fin. :  ou  (nty  ovy  . . ., 
âêtjçic&iû  fifÂiv  ovna,  nâkty  dé  aXXfiv  àçx^y  àç^â^fyoi  léyœfÀiy  xtL  Solche 
Ueberleitungen  der  ^£^17  finden  sich  indess  ebenso  h&ufig  auch  im  Buchinnem  : 
Polit.  IV  15  med.  (1300  A  10):  éÎQ^a&ù}'  niçl  de  , , .  ^|  àçxvs  d^l^eiy.  Part, 
anim.  II  10  (655  B  28):  Nvv  de  ktytjfity  oloy  an*  àçx^ç  nàlty,  a^ùfiiyoi 
nçwny  €in6  lœy  nçtûioiy.  Analyt.  poster.  II  8  med.  (93  A  16):  nâhy  4^ 
açx'is  f^iKûfÀty.  De  gêner,  et  corrupt.  I  2  med.  (316  B  18):  dêo  nàUv  l| 
àoxhç  th^  ànoçiay  lêxiiov,  Aehnliohe  Wendungen  wie  nahy  aUitfy  ô^/^v 
noêtjcâfâtyoi  kéycD/dêy  stehen  auch  Metaph.  Z  17  init.  (1041  A  7),  Physic.  O  7 
(260  A  20).  Ferner  lesen  wir  Polit.  IV  14  init.  (1297  B  36):  Jêà  riva  /4iy 
ovy  . . .,  tÏQtjjat,  nàUv  de  .,,  Xéy(o/4€y  niçi  Jtày  i(f>t^^  la^oviiç  ÙQxh^  "^^  nçoç' 
^ovcay  avniy,  Vgl.  ooch  De  caelo  I  12  init.  (281  B  2):  dêaçtad-éyrioy  de 
tovwy  ktxtiov  TO  iffi^^ç  ....  àçxi  d*  (tmo  lynv&sy  xrl,  Meteorol.  II  3 
med.  (357  B  23  vgL  ebenda  II  4  init):  àçxv^  Xafiôynç  rrjy  avriiy  ^  xal  iïqo* 
nçoy,  Wiederholungen  eines  Buchschiusses  am  n&chsten  Buchanfang,  wio 
Ethic.  Nie  VU  fin.  Xo$noy  de  xaî  mçt  tpêXiaç  içov^ity  =  VIII  init  Mtrà  dà 
tavm  mçi  tftliaç  tnotr'  ay  duX&fly  (vgL  IX  fin.  n.  X  init  Eth.  Eud.  I  fin. 
n.  II  init,;  besonders  aber  Bhetorik  III  init,  wo  dnrch  diesen  Anfang  dies 
Buch  nêçt  ki^€€i>ç  mit  dem  zweiten  der  Bhetorik  rerknûpft  werden  sollte)  fiallen 
natûrlich  der  Bedaktion  zur  Last;  rgL  oben  S.  145  f. 

an» 


4gg  —  Das  Tonlezmadrinische  Bachwesen.  — 

bestâtîgt  uns  in  klarster  Weise  Homer.  Auch  da  er  nocb  eine 
Rolle  iKrar,  kannte  nnd  citirte  man  Ton  ilim  einzelne  Theile,  so 
Herodot  die  a^iotske  J^ofi^âovç  (Il  116),  Aristoteles  die  ïlQidnw 
B^oâoç  (hist.  an.  9,  22)  u.  s.  f.,  wie  sich  denn  ja  der  rhapsodische 
Tortrag  selbst  nothwendig  immer  mit  ^Theilen^  begnûgen  musste. 
Hier  erbalten  wir  non  aber  ûberdies  die  ausdrûcklicbe  Angabe,  dass 
scbon  in  der  grossen  Gesammt-Homerrolle  die  Rhapsodien  sicbtbar 
mittelst  Koronis  gesondert  wurden  (S.  444). 

Ebenso  wie  beim  Homer  blieb  nach  des  Isokrates  Andeutung 
aucb  beî  den  nbrigen  Werken  die  Herstellung  der  „Theile*  dem 
lesenden  Publiknm  iîberlassen,  so  wie  aucb  ibr  Motiv  nacb  demselben 
erst  in  zweiter  Linie  ein  logiscbes  und  in  Wirklicbkeit  nur  das  ganz 
âusserlicbe  war,  der  Ermûdung  yorzubeugen.  Das  Publikum  aber 
musste  dann  in  der  Ansetzung  der  fiég^  oftmals  auseinander  geben. 
Daber  denn  aucb  weiterbin  jene  grosse  Inconstanz  der  spâteren 
Bucbtbeilungen!  In  mancben  Fâllen  aber  und  so  vorziiglicb  bei  den 
Rbapsodien  der  Ilias  baben  wir  zugleicb  anzuerkennen,  dass  aie  Tiei- 
facb,  aus  der  Gesammtmaterie  organiscb  abgelost,  einbeitlicbe  fiilder 
geben  und  aucb  den  logiscben  Anforderungen  Yollauf  Genûge  thun^). 


^)  Die  Theilung  der  Ilias  (ûber  &ltere  Abweichungen  s.  oben  S.  444)  rer* 
dient  als  eine  That  der  Intelligens  und  des  Geschmacks  bîer  gepriesen  su  werdea. 
Nur  selten  ist  ein  Buch  so  uneinheitlicb  wie  das  der  fiâ/tj  naçanorâfitoç»  Nur 
selten  geht  die  Handlung  durch  mehrere  Bûcher  so  ununterbrochen  fort  vie 
in  jenen  fûnfen,  die  die  Patroklie  vorbereiten.  Durch  das  Abbrechen  des 
Bûches  XV  gelang  es  aber,  die  Patroklie  selbst  zu  iâoliren,  anbebend  gleich 
in  ihrem  ersten  Verse  mit  der  lang  ersehnten  Nennung  des  Achill  und  seines 
Freundes,  abbrechend  sogleich  nach  des  Letzteren  Fall  und  dem  Hoknwort 
Hektor's  ûber  dem  Todten.  Ebenso  vollkommene  Bilder  îm  Bahmen  je  eines 
Bûches  sind  dann  die  vergeltende  Erlegung  Hektor's  und  des  Patroklos'  Leichea- 
feier.  So  bricht  das  vierte  Buchende  die  Schlachtbescbreibung  wider  unser 
Erwarten  ab:  es  wird  hier  aber  deshalb  in  ein  neuos  Bucb  Qbergegangen. 
weil  die  Xennung  des  Diomedes  folgte,  dem  die  ganze  n&chste  Aristie  ange- 
hôrt,  abschliessend  mit  der  Heilung  des  verwundeten  Ares.  Leichter  noch  l5ste 
sich  die  Episode  der  Dolonîe  aus  ihrer  Umgebung.  Ein  einheitliches  Troja- 
nisches  Innenbild,  unterbrochen  nur  durch  die  Episode  des  Glaukos  und  Dio- 
medes, ergab  sich  in  Buch  VI.  In  den  meisten  FftJlen  musste  es  indessen 
genûgen,  f&r  die  Buch  en  den  resp.  -an  fange  allein  die  nothwendigen  Rohe- 
punkte  zu  beachten;  solche  waren  tôt  allem  die  Grenzen  der  Tagesfolge,  dts 


—  Werktheile  als  Vorbereitung  der  BuchtheiluDg.  —  469 

Die  drei  folgenden  Fâlle  dûrfen  nun  nicht  ausser  Zusammen- 
haDg  mit  dem  eben  Festgestellten  beurtheilt  werden. 

Der  Anabasis  Xenophon^s  steht  die  ^Geschichte^  des  Ëphoros 
am  nâchsten.     Sie  lag  dem  Diodor  in   30  Bûchern  Tor  (XVI  76, 


Eintreten  der  SchUf  und  Tr&ume  gebenden  Nacht  (I,  VII,  VIII,  IX),  ftlr  die 
Monomachie  des  Paris  und  Menelaos  (III)  das  Beilager  des  Paris  mit  der 
Helena,  die  inzwischen  noch  Agamemnon  als  Siegespreis  einfordert;  so  erOffnet 
Buch  XIX  der  Aufgang  der  MorgenrOthe.  Nicht  minder  natûrliche  Buhepunkte 
erg^ben  weiter  die  ausfUhrliche  Schildbeschreibung  (XVIII)  und  der  noch  aus- 
fÙhrlichere  Schiffskatalog  (II).  Und  wenn  durch  nichts  anderes,  so  hat  der 
Zerleger  endlich  hie  und  da  in  feinsinniger  Weise  durch  irgend  eine  Ëinzel- 
Bchônheit  den  Léser  Homer's  mit  dem  Ende  der  Rolle  ausgesOhnt:  so  wie 
VU  fin.  beim  Einsetzen  der  Nacht  das  Lodem  der  Trojanischen  Wachtfeuer 
durch  ein  zugefûgtes  Gleichniss  der  Phantasie  eingeprftgt  wird,  so  ist  der 
Einschnitt  nach  einem  Gleichnisse  auch  XX  fin.  ausgew&hlt,  Buch  XIX  aber 
Terl&sst  uns,  besonders  wirksam,  in  dem  Augenblick,  wo  Achili,  Hektor  zu 
t5dten,  in  die  Schlacht  stûrmt,  mit  der  Vorausverkflndigung  seines  eigenen 
frûhen  Todes. 

Das  Aufsuchen  der  natQrlichen  Theilungspunkte  ist  die  Ursache  gewesen 
der  Ungleichheit  der  Buchgrôssen,  insbesondere  der  so  h&ufigen  unschicklichen 
Eleinheit  derselben.  Um  das  Buch  V  zu  ermôglichen,  musste  sich  das  Torauf- 
gehende  mit  fast  der  H&lfte  des  Umfangs  begnûgen  ;  und  der  Vortheil,  XXII, 
X  und  XI  zu  Terselbst&ndigen ,  wurde  durch  den  Nachtheil  ihrer  ungebOhr- 
lichen  Schmilchtigkeit  aufgehoben. 

Man  versuche  nun  aber  einmal,  die  Ilias  auf  eine  geringere  Anzahl  Ton 
Bûchern  gleichm&ssigen  Umfanges  zu  bringen.  Die  Opération  mfisste  miss- 
lingen;  denn  es  scheint  unmôglich,  solche  Bûcher  von  doch  stets  unter 
1000  Zeilen  durchweg  so  herzurichten,  dass  nicht  zugleich  die  sachlich  noth- 
wendîgen  Einschnitte  aufgegeben  werden;  und  die  uns  rorliegende  Theilung 
erweist  sich  bei  Ausserlichen  M&ngeln  doch  als  die  ann&hemd  allein  sachge- 
m&sse.  Mit  Abzug  der  sachlich  nothwendigen  Einschnitte  (vor  Buch  XIX, 
nach  Buch  I,  III,  VII,  VIII,  IX,  sowie  auch  nach  II  und  XVIII,  femer  zu- 
gleich Tor  und  nach  V,  VI,  X,  XVI,  XXII,  XXIII)  restîren  nur  drei  noch 
nngegliederte  Versmassen:  l)  XVII  init.  bis  XVIII  fin.,  2)  XI  init.  bis  XV  fin.» 
3)  XIX  init.  bis  XXI  fin.  Aile  drei  ûberschreiten  das  Zeilenmass  eines  Buchs. 
Die  erste  Masse  musste  also  mindestens  in  zwei  Bûcher  zerfallen,  was  ge- 
Bchehen  ist.  Fur  die  zweite  kônnte  man  mit  dem  Einsatz  der  Einzelbuch- 
sehiûsse  unzufrieden  sein,  so  wie  beispielsweise  die  sogenannte  Aristie  Aga- 
memnon's  nicht  minder  passend,  ja  passender  bei  XI  596  abschloss,  wodurch 
dann  Buch  XII  statt  471  yielmehr  723  Zeilen  erhielt;  da  sich  nun  aber  die 
langwierige  Schlacht,  von   der  dièse  fùnf  Bûcher  erz&hlen»  wirklich  in  fÙnf 


470  —  ^^  ToralexAndrinisclke  Buehwesen.  — 

ebenso  Suidas);  jedes  Buch  enthielt  eine  xctvà  yàvoç  abgesonderte 
Aktion  fur  sich,  so  dass  sich  Diodor  dies  geradezu  zum  Yorbild 
nahm  (IMod.  V  1;  s.  oben  S.  135),  jedes  war  ûberdies  mit  einem 
Proômium  eingeleitet  (Diod.  XYI  76);   das  letzte  wurde  auch  dem 


Stadien  entwiekelt  (1.  FeldsehUeht  nnd  Vordrmgen  Hektor's  bis  sur  MAoer, 
2.  S^ampf  cim  die  Maner  nnd  Tordrîogen  su  den  Scbiffen,  3.  Ennathigimg  der 
Griechen  durch  Poséidon,  wodurch  die  Schlacht  soin  Stehen  kommt,  4.  Em- 
Bchl&feniDg  des  Zens  nnd  Sieg  der  Griechen,  5.  Erwachen  des  Zens  and  aber- 
maliger  Sieg  Hektor's),  so  sehe  ich  nicht,  wie  nian  eine  orgamsehe  Zerlegvnf 
dieser  Masse  in  rie r  Bûcher  sum  Zweck  der  Vergrôssemng  der  Nummem  XII 
nnd  XIV  bewerkstelligen  woUte.  In  der  dritten  Versmasse  endlick  fillt  sof, 
dass  die  Bûcher  XIX  nnd  XX  zasammengelesen  die  Summe  Ton  1000  Venen 
noch  nicht  einmal  erreichen!  Allein  wir  werden  sugestehen  mûsaen,  dsss 
nach  der  Analogie  der  bisherigen  inhaltlichen  TheHong  auch  bei  XX  init.  ein 
neuer  Einsatz  nôthig  wurde,  wo  der  Ert&hler  das  Schlachtfeld  rerULsst,  nm  ia 
die  Gôtterrersammlang  einzufûhren  und  damit  die  bis  XXI  fin.  fortdaaemde 
Theomachie  zn  erOffiien.  War  aber  dieser  Einschnitt  nOthig,  so  Uessen  sicà 
die  ûber  tausend  Verse  besagter  Theomachie  und  der  fiàx^vi  nnQonotâfUôç 
nicht  wohl  mehr  in  einer  RoUe  znsammenfitssen  :  1114  Vt.  h&tten  ein  Plus 
Ton  ca.  3  Selides  ausgemacht. 

Die  Vierundzwanzigsahl  der  Iliasgesftnge  kann  hiemach  wohl  nor  als  das 
zufUIige  Ergebniss  einer  Eintheilung  nach  Sachg^nden  gelten,  und  es  wurde 
damit  die  Vierundzwanzigzahl  des  Alphabetes  erst  nachtr&glich  in  Verbindong 
gebracht.  Der  Einfall,  das  erste  Schriftdenkmal  der  griechischen  Sprache  nach 
dem  Alphabet  zu  disponiren,  w&re  ja  freilich  gut  alexandrinisch.  Allein  anch 
die  Buchzahlen  der  Cyprien  (11),  Aethiopis  (5),  Ilias  mikra  und  Iliupersii 
(4  und  2),  der  Nostoi  und  Telegonia  (5  und  2)  entbehren  einer  solehen  spie- 
lenden  Tendenz.  Und  was  die  Odyssée  betrifft,  so  l&sst  sich  aus  der  Ueber- 
einstimmung  beider  Hauptepen  nicht  nothwendig  folgem,  dass  ron  vomberein 
dasselbe  DiTisionsschema  fur  sie  beide  întendîrt  war.  Vielmehr  scheiot  die 
Division  der  Odyssée  erst  nach  der  der  Ilias  gemacht.  Daf&r  spricht  der  eo 
h&ufige  minimale  Umfang  ihrer  Bûcher,  der  der  Ilias  fremd  ist  (s.  S.  441,  443) 
und  der  sich  wohl  nur  aus  dem  Zwang  genûgend  erkl&rt,  den  die  Nachahmnng 
des  Ilias  auferlegte;  h&tte  sich  doch  der  Versgehalt  der  Odyssée,  wie  die 
Aeneide,  in  12  Rollen  unterbringen  lassen. 

Als  Schluss  der  Gesànge  dient  in  ihr  oh  der  Eintritt  der  Xacht,  des 
Schlafes  (I.  II.  III.  IV.  V.  Vil.  XIV.  XVI.  XVIII.  XIX).  Natûrlich  fing  der 
jiXxiyov  ànôloyoç  mit  einem  RoUenanfang  an  (IX)  und  schloss  mit  einem 
Rollenende  (XII).  Im  Buch  IV  ist  nach  t.  619  ein  natûrlicher  Einschnitt  mit 
Recht  unbenutzt  geblieben,  um  fQr  die  Erôffnung  des  fûnflen  rielmehr  die 
GOttérrersammlung   zu  benutzen;   anderenfalls   h&tte   man  die  ebenm&ssigerea 


—  Ephoroâ.  —  471 

Solin  Demophilos  zugeschrieben  (Diod.  XYI  14;  Athen.  S.  232).  War 
es  nun  schon  der  Schûler  des  Isokrates  selbst,  der  hier  die  fjbéQtj  zu 
Bûchera  erhob?  Klare  âussere  Indicien  hiergegen  fehlen  (s.  S.  462). 
Doch  ist  die  Moglichkeit  der  Unursprûnglichkeit  der  Buchtheilung 
auch  hier  offen  zu  halten:  denn  es  ist  denkbar,  dass  dies  Werk 
auch   als  Bucheinheit  die  Aktionen  xatd  yéyoç  gesondert  hatte^). 


Buchumftnge  IV  619,  V  721  erhalten.  Gleich  die  ersten  swei  Ges&nge  der 
Odyssée  ergeben  nun  aber  erst  zasammeDgelesen  eioen  richtigen  Buchumfang; 
Uess  sich  hier  durch  die  Nacht  die  Theilung  moÛTiren,  so  fehlte  solch  gOnstiger 
Umstand  ftr  die  Buchpaare  XIII  und  XIV,  XV  und  XVI.  Die  letsten  fftnf 
Oes&Dge  aber  und  das  Buchpaar  VI  VII  sind  durch  ihre  Xleiaheit  am  auf* 
ftlligsten  ;  das  letstere  Paar  ist  ein  wohkiisainmenh&ngendes  Ganze  ron  nur 
678  Vt.;  besonders  aber  lassen  XX  bis  XXIII  organische  Abschlftsse  rer- 
missen;  es  liessen  sioh  hier  eben  so  gui  Tier  Bûcher  wie  f&nf  herrichten,  so 
s.  B.  XX.  XXI  1  bis  XXII  380.  XXII  381  bis  XXIII  fin.  XXIV;  oder  aber 
ZX  1  bU  XXI  858  (Schlaf).  XXI  359  bis  XXII  380.  XXU  381  bis  XXUI  fin. 
XXIV.  Eine  andere  ebenso  passende  Theilung  za  fûnfen  war:  XX.  XXI 1  bis  358 
(Schlaf).  XXI 359  bis  XXII  380.  XXII  381  bis  XXIII  fin.  XXIV.  Hier  gUuben 
wir  also  eine  Ëinwirkung  iusseren  Zwanges  zu  Terspûren,  ohne  den  uns 
wohl  eine  Odyssée  rorliegen  wûrde,  wenn  nicht  gerade  Ton  12,  doch  etwa  Ton 
20  Bûchem.  —  Dass  ûbrigens  Koth  auch  Tugend  wirkt,  lehrt  hier  eben  der- 
jenige  Gesang,  dessen  Kûrze  die  grOsste  Gewaltsamkeit  zu  Terrathen  scheint: 
es  ist  das  kleinste  Homerbuch  VI  (331  Vt.),  das  Ton  dem  zweitkleinsten  VII 
gewiss  nur  aus  &us8erlichen  Grûnden  losgelOst  werden  konnte  bei  ihrem  so 
engen  Zusammenhange.  Doch  erweckt  es  unser  Gefallen,  das  liebliche  Begeg^en 
mit  der  Nansikaa  gleich  wie  ein  Epyllion  fast  alexandrinisch-idyllischen  Stiles 
aeparirt  zu  geniessen,  ein  Vorzug,  welcher  dem  entsprechenden  Gespr&ch 
Hektor's  und  der  Andromache  Ilias  VI  nicht  zu  Theil  hat  werden  kOnnen, 
Vielleicht,  dass  eben  die  Separirung  der  Bhapsodien  in  Bûchem  erst  zu  der 
Ausbildung  der  Kunstgattung  des  Epyllion's  die  Anregung  gegeben  hat! 

^)  Bei  Ephoros  handelte  B.  V  ûber  Asien  und  Afrïka,  VI  ûber  Lace- 
daemon;  doch  kann  das  Princip  nicht  immer  gleich  scharf  herTorgetreten  sein, 
eowie  B.  VIII  u.  IX  die  Persisch-Medische  Geschichte  continuirlich,  zwei  bis 
drei  Bb.  die  Thaten  des  Epaminondas  gaben  (Plutareh  ir.  àdoL  S.  514  C). 
Dass  dem,  der  Ton  den  Herakliden  ab  erz&hlte,  der  Stoff  sich  naeh  Zeit  und 
naeh  Ort  in  grosse  Gruppen  theilte,  war  nothwendig;  auch  Herodot  erzfthlt 
flo  ja  xeern  yéyoç]  w&hrend  aber  bei  diesem  die  Theilung  in  Bûcher  zur  Ver- 
dentliehung  der  Stoffgruppirung  nichts  beitrug,  so  war  sie  beim  Ephoros  offenbar 
gesehickter  und  etwa  so  geschickt  gemacht  wie  in  der  Ilias  (S.  468  Anm.); 
wie  die  Ilias  so  konnte  auch  Ephoros  anfangs  in  (niçii  zerfallen. 


472  —  ^^  Toralexandrinische  Bnehwesen.  — 

und  nicbt  oline  Wahrscheinlichkeit  d&rfen  die  Proômien  so  wie  die 
Xenophon's  als  schlichte  jtqoYQaipai  betrachtet  werden  ^).  Uns  bleîbt 
unversagt  das  Werk  nacb  der  Analogie  seiner  Zeit  zu  beurtheilen. 

Zweitens  ist  auf  die  Exoterica  des  Aristoteles  an  diesem  Orte 
zurûckzukommen.  Es  ist  bekannt,  dass  Cicero's  Dialogc  sicb  mehr 
die  Dialoge  des  Aristoteles  als  die  Platonischen  zum  Yorbîld  ge- 
nommen  baben*).  Ein  Moment  dieser  Nacbabmung  lag,  nacb  Cicero's 
Angabe,  darin,  dass  er  die  Einzelbûcber  der  Dialoge  mit  besonderes 
Proômien  einleite:  quoniam  in  smgvlis  lihris  utor  proœmHs  ut  Aristoteht 
in  tis  quos  H^unsqixovç  vocat  eqs.  Dies  wird  zunâcbst  ausgesagt  mit 
Bezug  auf  De  repubîica;  es  trifft  aber  aucb  aof  De  oratore  va}). 
Die  Annabme  scbeint  fast  unumgânglicb:  wenn  von  Aristoteles  ein 
Dialog  wie  der  nsqi  â&xa^otfvp^ç  zu  yier  Bûcbern  mit  je  einexB 
Proom  Yorlag,  so  batte  Aristoteles  die  Werkeinbeit  als  mebrere  Rolleo- 
einheiten  componirt. 

Wir  mûssen  diesen  Scbluss  aber  sofort  eioscbrânken:  er  gilt 
jedenfalls  nicbt  fur  aile  Dialoge.  Wenn  der  IlQOtQBTmxôç  oder  der 
^EQfùttxoç  den  Einen  in  mebreren  Bûcbern,  den  Anderen  dagegen 
einbucberig  vorlag  (oben  S.  452),  so  baben  dièse  Dialoge  entweder 
einer  Mebrbeit  von  Proômien  entbebrt,  oder  aber  ibre  einbûcberige 
Fassung  bat  die  durch  Proômien  verselbstandigten  Theile 
gleicbwohl   mit   umfasst. 

Es  ist  dies  das  erste  sicher  bezeugte  Beispiel,  welcbes  die 
antike  Litteratur  fur  die  Anwendung  mehrerer  Proômien  auf  eine 
Werkeinbeit  durcb  den  Autor  selbst  darbietet,  und  wir  baben  es 
nothwendig  auf  das  ernsteste  in  kunstgescbichtlicber  Rùcksicbt  zu 
betracbten.  Die  Ciceronischen  Dialoge  mit  den  Platoniscben  Ter- 
gleicbend  fragen  wir:  was  ist  fîir  Aristoteles  das  Motiv  gewesen,  tod 


^)  Fur  ihre  Zusammenhangslosigkeit  spricht  das  nçooifi&oy  txdcrti  nço^ 
^éiç  bei  Diod.  XVI  76.  Dass  Diodor  seine  Proômien  (oben  S.  143  f.)  etwa 
nach  des  Ëphoros  Vorbild  schreibe,  deutet  er  nicht  an. 

^)  Aristoteles  fQhrte  sich  selbst  als  Mitunterredner  ein,  so  auch  Cicero 
De  finibus  (vgl.  ad  Attic.  XIII  19,  4).  Aber  auch,  wo  dies  nicht  der  Fall  war, 
war  sich  Cicero  bewusst  Aristoteleo  more  zu  schreiben,  wie  in  De  oratore  (ad 
Attic.  I  9,  23). 

')  Dies  ûbersieht  Heitz  Die  verlorenen  Schr.  des  Ar.  S.  150;  vgl.  Tor.  Note. 


—  Prooemien  in  Aristoteles'  Dialogen.  —  473 

der  einheitlichen  Fonn  der  Republik  Plato^s  abzugehen  und  ver- 
schîedene  Tbeile  durch  neue  Einleitungen  abzusondern?  Fûhrte  ihn 
schon  der  Einûuss  mehrtheiliger  Bucbform  auf  den  Gedanken,  jede 
Rolle  neu  einzuleiten?  oder  lag  ein  Sacbgnind  vor,  der  ihn  das 
Gesprâch  wiederholt  abzubrechen  und  mittelst  weiterer  Einleitungen 
wicderholt  neu  zu  erôffiien  genôtbigt  bat? 

Wir  sind  in  der  Lage,  das  letztere  nicbt  nur  als  moglich,  sondem 
als  thatsâcblicb  nacbzuweisen. 

Eine  Yoraussetzung  des  Dialogs  ist  immer  ein  gewisser  Grad 
dramatischer  Mimesis,  die  eine  bestimmte  Situation  ansetzt  und  mehr 
oder  weniger  lebbaft  durcbzufubren  sucht;  bierauf  baben  aucb  weder 
Aristoteles  nocb  Cicero  verzicbtet.  Acbten  wir  nun  auf  den  bervor- 
stecbendsten  mimetiscben  Unterscbied  Cicero's  von  Plate,  so  liegt  er 
darin,  dass  aucb  die  umfangreicbsten  Gesprâcbe  des  letzteren  stets 
ununterbrocben  innerbalb  einer  Situation  stattfinden;  Cicero^s  grôssere 
Gesprâcbe  lassen  dagegen  an  bestimmten  Stellen  Pausen  mebrerer 
Stunden  oder  eines  ganzen  Tages  eintreten,  und  das  Tbema  wird 
also  innerbalb  desselben  Werks  in  anderen  Situationen  wieder 
aufgenommen.  Aucb  Plato^s  Republik  bleibt  dramatiscb  ein  ein- 
ziger  Logos,  Cicero's  De  oratore  lôst  sicb,  dramatiscb  betracbtet,  zu 
einer  Trilogia  auf. 

Dieser  Cardinalunterscbied  der  Composition  ist  offenbar  das 
Résultat  kûnstleriscber  Ueberlegung.  Der  Umfang  der  meisten  Xôyoê 
CùùXQanxoi  Plato's  bielt  sicb  nocb  in  dem  natûrlicben  Zeitumfang 
einer  Conversation,  wie  sie  in  der  menscblicben  Gesellscbaft  wirklicb 
mogHcb  ist:  aucb  der  Gorgias  nocb  etwa  in  dem  Zeitraum  von  drei 
Stunden.  Nur  zweimal  fubrte  Plato  der  breite  Gegenstand  ûber 
diesen  Umfang  binaus;  er  entscbloss  sicb  nocb  nicbt  die  Scène  zu 
verândern;  und  das  Résultat  war,  dass  die  Unterredner  in  beklagens- 
wertber  Ausdauer  voile  zebn  oder  gar  zwolf  Stunden  bindurcb  fort- 
sprecben  mussen^),  wobei  sie  sicb  in  dem  einen  Fall  sogar  auf  der 


1)  Vgl.  Schleiermacher,  Plato  III  1,  S.  3:  „Wenn  man  .  . .  bedenkt,  dass 
[der  Staat  Plato's]  doch  als  ein  obne  Unterbrechung  fortlaufendes  Gesprftoh, 
und  zwar  das  erst  am  Abend  begonnen  habe,  wieder  erz&blt  wird''  —  so 
moss  man  des  Sokrates  Ausdauer  bewundem.     „Von  der  grossen  Gesellscbaft 


474  —  ^'^  Toralezandrinische  Buchwesen.  — 

Wanderschaft  befuiden^  ohne  dass  ihnen  der  rûcksichtslose  Dîcbter 
ein  erhohlendes  Silentium  gônntel  Schon  Cicero  hat  hîeran  wirklicb 
Anstoss  genommen.  Er  ûberlegte  sich,  warum  Plato  den  alten 
Kephalos  nur  so  k\irz  am  Gesprâch  theilnehmen  iind  bald  unter 
einem  Yorwande  fur  immer  sich  entfemen  lâsst,  und  yennnthet,  der 
Greis  habe  nach  Platx)*8  Meiniing  wobl  die  Anstrengung  dièses  so 
langen  Gesprâches  nicbt  yertragen  kônnen^).  Die  Gesetze  àber 
sind  einmal  naiv  genug,  dies  selbst  auszusprechen.  Schon  am  Ende 
ihres  ersten  Drittels  (Buch  IV  S.  722  C)  lesen  wir  die  "Wprte  des 
Atheners  :  ^Seitdem  unser  Gesprâch  ûber  die  Gesetze  begann,  ist  es 
Yom  {ruhen  Morgen  ab  schon  Mittag  geworden;  auch  eine  gute  Zeit 
des  Mittags  ist  schon  verlaufen;  wir  haben  uns  wâhrend  dessen  ron 
nichts  als  den  Gesetzen  unterredet  und  sind  doch  noch  ûber  em- 
leitende  Bemerkungen  (nQOoifua)  nicht  hinausgekommenl^ 

Nun  stehen  Ciceronianische  Gesprache  wie  De  Finibus  und  De 
oratore  diesen  beiden  grossten  Platonischen  an  Umfang  um  nichts 
nach.  Auch  sonst  aber  entspricht  es  den  Yorstellungen,  welche  wir 
Yon  des  Aristoteles  exoterischen  Schriften  zu  hegen  berechtîgt  sind, 
wenn  wir  sagen:  indem  Aristoteles  die  dialogiscbe  Scbriftstellerei 
Plato^s  fortsetzte,  sab  er  sich  durcb  seine  Materie  ôfter  zu  so  breiten 
Ausfubrungen  gezwungen'),  wîe  Plato  in  Staat  und  Gesetzen.  SoUte 
nun  Aristoteles  die  Unnatur  dieser  end-  und  ruhelosen  Unterbaltungen 
immer  wiederholen?  Dass  sich  Plato  von  der  einmal  gewohnten 
Manier  einheitlicher  Situationen  nicht  losmachte,  war  ebenso  natûr- 
lich,  wie  es  fur  einen  neu  beginnenden  Autor  nabe  lag,  dem  Realis- 
mus  oder  der  dramatischen  Wahrscheinlichkeit  eine  billige  Concession 
zu  machen.  Aristoteles  gônnte  seinen  Unterrednem  die  notbwendigen 
Pausen.       Er  liess  sie  statt   einmal,  wiederholt  zusammenkommen. 


.  .  .  verliert  sich  der  grossie  Theil  allm&hlig,  man  weiss  nicht  wie.  Nar  die 
beiden  Sôhne  des  Ariston  .  .  .  halten  tapfer  aus.^ 

*)  Cicero  ad  Attic.  IV  16,  3:  Credo  PUUonem  vue  potasse  satis  œnêonum 
fore,  si  honiinem  id  aetatis  in  tam  longo  sermone  diutius  retinuisset! 

^)  Dazu  nôthigrte  vor  allem  der  mos  Aristoteleus  (Cicero  de  orai.  III  80) 
des  in  utramque  partem  dicere,  d.  h.  dass  Aristoteles  sich  hier  nicht  nar,  wie 
der  Platonische  Sokrates,  auf  den  Angriff  beschr&nkte,  sondern  daas  beide  Par- 
teien  gleich  zu  Worte  kamen. 


—  Prooemien  in  Aristoteles'  Dialogen.  —  475 

Und  80  wurden  aus  einem  mehrere  Gespr&che,  die  durch  ihre 
Materie  und  durch  ihre  Personen  zusammenhingen. 

War  dies  aber  der  Fall,  so  bedurfte  weiter  jedes  der  zugehôrigen 
Gesprache  auch  noth'wendig  einer  neuen  EiDfûhrung:  es  bedurfte 
erstlich  einer  kurzen  Orientirung  fur  die  neue  Situation,  zweitens 
einer  Rûckbeziehung  auf  das  Gesprâch  der  voraufgehenden  Situation. 
Der  Anlass  zu  den  Proômien  des  Aristoteles  war  somit  ein  sach- 
licher  und  sie  hatten  mit  Rollenanfangen  zunâchst  nichts  zu  thun. 

Und  dass  dem  so  ist,  bestâtigen  unzweideutig  eben  die  Nach- 
ahmungen  Cicero^s.  Cicero^s  Proômien  selbst  sind  nicht  Bucheroff- 
nungen,  sondem  Situationserofhungen  ;  denn  er  hat  sie  nur  fur 
diejenigen  Bûcher  angewandt,  die  eine  neue  Situation  bringen.  Aile 
fOnf  Bûcher  der  Tusculanen  haben  ihr  Proôm,  denn  es  sind  funf 
Gesprâche  an  funf  Tagen^);  aile  drei  De  oratore,  aile  beiden  De 
diyinatione;  denn  von  den  letzteren  ist  das  eine  auf  der  ambulatio, 
das  andere  spâter  in  der  Bibliothek  gedacht*);  und  De  oratore  B.  Il 
findet  einen  Tag  nach  dem  yoraufgehenden  ^),  B.  III  selbigen  Tags 
nach  einer  Ruhepause  von  etwa  zwei  Stunden  statt^).  Dagegen 
bleibt  die  Scène  in  De  natura  deorum  unverândert,  imd  eben  die- 
selbe  Schrift  entbehrt  auch  der  Proômien  fur  Buch  II  und  III.  Ebenso 
steht  es  mit  De  legibus*).  De  finibus  endlich  bietet  in  fûnf  Rollen 
nur  drei  Scenen:  und  hier  sind  deshalb  nur  die  Rollen  m  und  Y, 
welche  die  Scenenverânderung  bringen,  mit  Proômien  yersehen, 
wâhrend  die  Anfânge  von  U  und  lY  das  Gesprâch  ohne  jede  Unter- 
brechung  fortfûhren. 


^)  Tasc.  I  8:  Itaque  dierum  quinqiie  scholas  ut  Qraea  appellant  in  to- 
tidem  libros  contuli;  Tgl.  IV  7:  quartus  dies  hoc  libro  concluditur;  V  l:  quintus 
dies  .  .  .  Jinem  faciet  Tusculanarum  disputationttm  (rgl.  §  1 1). 

')  De  dÎTÎn.  II  8:  in  bibliotheca  assedimus, 

')  De  orat.  II  1 1  :  postera  die  quam  illa  erant  acta,  hora  fere  secunda, 

*)  De  orat.  III  init.  :  ante  meridietn  discesserunt  ...in  silentio  duos  horas 
jere  esse  consumptas.  Deinde  cum  omnes  inclinato  iam  in  promeridianum  tempus 
die  venissent  ad  Crassum  eqs. 

^)  Auch  hier  wird  das  Gespr&ch  obne  Absatz  bis  Eum  Schlass  ron 
Bach  III  fortgesetzt;  nair  ungeschickt  sind  dabei  die  Anfangsworte  von  II, 
die  Atticas  spricht:  Sed  vime  quoniam  et  satis  iam  ambulatum  est  et  tibi  aliud 
dicendi  initium  sumendum  esty  locwn  mutemtisf 


^1Q  —  Das  Toralexandrinische  BuchwMen.  — 

Also  noch  eininal:  der  Zweck  der  Proômien  bei  Arîstoteles  ist 
lediglich  die  Yerknûpfung  mehrerer  gleichartiger  Gesprâche.  Ob  er 
sie  weiter,  wie  Cicero,  zu  Digressionen  allgemeinen  oder  persônlicben 
Inhalts  benutzte,  bleibt  fraglich,  ist  aber  fur  uns  ohne  Wichtigkeit 
So  yiel  steht  fest:  ob  Grossrollensystem  oder  ob  KleinroUensjstem 
zu  des  Aristoteles  Zeit  herrschend  war,  Aristoteles  bedurfte  neuer 
Einleitungen  fur  die  wechselnde  Sceneric  in  beiden  Fâllen  gleicb 
nothwendig.  Es  kann  also  aus  ihrer  Existenz  das  Eleinrollensjstem 
nicht  erwiesen  werden. 

Dièse  Einleitungen  boten  f&r  nachtraglicbe  Bucheintbeilung  einen 
selbstyerstândlichen  Anhalt.  Ob  nur  bei  ibnen  oder  auch  noch  sonst 
(Tgl.  Cicero  De  finibus)  eingeschnitten  wurde,  bleibt  dahingestellt; 
Cicero' s  angezogene  Worte  In  singuHs  tibris  tUor  prooemns  eqs.,  die 
zunâchst  nur  auf  De  republica  Bezug  nehmen,  sprechen  fur  das 
Erstere.  Wir  denken  uns  also  den  Dialog  nsçi  duutuHfvy^ç  ak 
yier  Scenen  mit  vier  Proômien.  Sachlich  scheint  derselbe  zu  Plato's 
Staat,  fur  den  man  gleichfalls  den  Titel  juql  ôtxaiocvyiiç  Yorschlug^), 
ein  Gegenstuck  gewesen  zu  sein*).  Gegenûber  der  Schmachtigkeit 
dieser  zehn  Bûcher  Plato's  erfahren  wir  nun,  dass  die  Aristotelischen 
quattuor  sane  grandes  Uhri  waren').  Dies  berechtigt  uns,  den  Ge- 
sammtzeileninhalt  der  letzteren  dem  der  Platoschrift  etwa  gleichzu- 
setzen,  und  wir  taxiren  jedes  dieser  vier  Bûcher  also  auf  3000  Zeilen. 
Dass  man  die  sonst  fur  die  philosophischen  Texte  durchgehends 
beliebte  kleine  Buchform  (s.  S.  443)  nicht  auch  hier  anwandte,  ist 
vielleicht  nur  durch  die  Vierzahl  der  Proômien  verhindert  worden*), 

Und  die  Gesetze  Plato's?  wird  man  endlich  fragen.  Lagen 
denn  sie  nicht  etwa  schon  dem  Aristoteles  in  zwôlf  Bûchern  vor?    Sie 


1)  Proklos  zu  Plato's  Republ.  S.  350  Basil. 

2)  Vgl.  Bernaya,  Arist.  Dialoge  S.  50.     Heitz  S.  109. 
')  Cicero  De  ropubl.  III  8. 

^)  Hernach  wurden  die  neuen  aristoteliacben  Dialogformen  von  Theophrast 
und  Horakiides  Ponticus  beibehalten.  Aucb  bei  ibnen  erfabren  wir  Ton  Proô- 
mien, durch  die  das  Gesprâch  mehrtheilig  wurde,  und  zwar  wurden  sie  auch 
schon  von  diesen  Autoren  zu  Digressionen  benutzt,  wie  spîiter  von  Cicero,  was 
bei  den  griechischen  Lesern  Tadel  erfâhrt  (Proklos  zum  Parmenides  I  S.  54 
Cousin). 


—  Aristoteles'  Dialoge.     Plato's  Oesetze.  —  477 

sind  in  der  That  das  einzige  Werk,  dessen  Zerleger  uns  das  Alter- 
thum  wirklich  zu  nennen  weiss.  Nach  Suidas  theilte  sie  Philipp 
der  Opuntier,  der  Schûler  Plato's  nnd  Verfasser  der  Epinomis,  indem 
er  die  Gesetze  aus  den  Brouillon^s  herausgab^).  Wie  haben  wîr  uns 
einer  so  bestimmten  Mittbeilung  gegenûber  zu  verhalten?  Es  is 
gerade  ihre  Bestimmtheit,  die  sie  uns  verdâcbtig  macht. 

Wer  die  Litteraturgeschicbte  der  voralexandrinischen  Zeit  durcb- 
geht,  erkennt  bald  genug,  dass  sicb,  mit  Absebung  des  Drama^s, 
fur  welcbes  die  Didaskalien  balfen,  keine  einzige  Notiz  ûber  die 
Textgescbicbte  der  Autoren  als  wirklicb  stichbaltig  erweist;  was 
die  Spâteren  erzâhlen,  trâgt  durcbgângig  den  Charakter  der  Recon- 
struktion,  Hypotbese  oder  Erdicbtung;  d.  b.  ûber  Editions-  und 
Redaktionsyerbâltnisse  bat  eine  Tradition  bis  zu  den  Alexan- 
drinern  gamicbt  bestanden;  es  ist  geboten  die  Nacbricbt  von  der 
Bucbtbeilung  durcb  Pbilipp  mit  ganz  derselben  Skepsis  aufzunebmen, 
welcbe  aile  anderen  redaktionellen  Nacbricbten  bei  uns  finden'). 


^)  Diogenes  Laert.  III  37:  mit  einem  ivioi  g^aaiv  berichtet:  on  4»iXênnoç 
o  'Onovynoç  to^ç  Nôfiovç  avrov  ^(réyça^tv  oyraç  iy  XfjQ^'  tovtov  di  nal 
T^y  'Eniyofdida  tfaaiy  tlyaê;  und  dieselbe  Notû  zngleich  TerkQrzt  und  erwei* 
tert  bei  Suidas  s.  ▼.  tftXôaoqiOç ,  woselbst  der  Name  des  Philippos  ausgefallen 
(Tgl.  Boeckh  in  Plat.  Minoem  S.  73):  oç  tovç  ninxiavoç  NôfAovç  âitikfv  tîç 
Pêfikia  $fl'  10  yàç  ty   avroç  nçoç&tlya^  léyêrat, 

')  Wcr  glaubt  im  Ernst  daran,  dass  des  Thukydides  Geschicbte  von 
Xenopbon,  der  sie  b&tte  Temichten  kônnen,  publicirt  (Diog.  La.  II  56  mit 
liyfTtt&),  wer  gar,  dass  Tbukydides'  Buch  VIII  Ton  Xenophon,  Tbeopomp  oder 
aeiner  Tochter  edirt  wurde  (Markell.)?  Und  doch  sind  die  Quellen  hierfûr 
nicht  schlechter  als  die  f&r  die  Buohtheilung  Pbilipp's.  Man  Tergleicbe  damit 
Dion.  Hal.  de  Thuc  12  ûber  Kratipp.  Was  Galen  ûber  Edition  ron  Hippo- 
kratesschriften  durch  den  Sohn  Thessalos  berichtet,  glaubt  man  um  so  we- 
niger,  da  dièse  Schriften  fast  aile  dem  Verdacht  der  Unechtheit  rerfallen. 
Demselben  Schiage  gehOrt  das  HerodotproOm  des  Plesirrboos  an  bei  Ptol. 
Hephaestionis  (Phot.  S.  148;  150).  Am  ebesten  liesse  sich  fûr  Homer  an 
&ltere  Tradition  glauben;  doch  hat  kein  geringerer  als  Lehrs  (Aristarch' 
8.  442  ff.,  ausftihrlicher  Nutzhom,  Entstehung  d.  Hom.  Ged.  S.  23  ff.)  die  so 
gp&t  bezeugte  Pisistratosrecension  fûr  Grammatikerhypothese  genommen.  Die 
Nachricht,  dass  der  Phaedrus  Plato's  frûhste  Schrift  sei,  beruht  auch  nach 
Usener  (Rhein.  Mus.  XXXV  S.  134)  nur  auf  Vermuthung  Spftterer;  nm  nichts 
besser  ist  aber  aucb  die  andere  (Gell.  XIV  3,  3),  dass  Plato  von  seiner  Re- 
publik  anfangs  nur  y,etyfsi'*  C/^^*)  ^  Bûcher  edirt  habe;  sie  ist  so  hypothetisch 


478  —  ^'^  Toralexandrinische  Buchwesen.  — 

Yerlassen  wir  Athen  und  Altgriechenland  und  treten  endlicb  in 
die  junge  kônigliche  Nilstadt  ein,  die  kaum  aufblûhend  sogleich  und 


wie  die  ganze  simultas  Xenophontis  et  Platonis,  der  aie  dienen  soU;  man  bat 
auf  aie  bel  Analyse  des  Staato  aich  zu  berufen  gewagt;  ao  deakbar  indesa  ist, 
dass  dies  Werk  in  Theilen  entotand,  ao  wenig  l&sst  sicb  doch  glaublich  macbeo, 
dass  Plato  den  Anfang  auch  wie  ein  selbst&ndiges  Werk  edîrt  babe.    ^Poljkrates 
Terfasste  nacb  Hermipp  die  Anklagerede  gegen  Sokrates"  (Diog.  La.  Il  38,  QuiotiL 
II  17»  4;  bei  Suidas  sind  es  gar  zwet);  ^Isokrates  eignete  aich  Sokratische  Dialog« 
zu*'  (Diog.  La.  II  60;  Athen.  S.  610);  nicht  besser  beglaubigt  ist,  dasa  Anaximenei 
den  Trikaranoa  unterachob  (einziger  Zeuge  Pausanias;  Josephoa  hâlt  ihn  nnr  ftr 
nichttheepompisch;  Lukian  a.  a.  halten  Tbeopomp  f&r  den  Autor)  a.  a.  f.    Am 
meisten   weiss  die  Tradition   Qber  den  Ariatotelesnachlaas  zu  berichten;   aber 
alled  erweist  sicb  ja  grade  auch  hier  als  unbaltbar  mit  Ausnahme  deaaen,  wai 
in  den  Testamenten  der  Pbilosopben  stebt.  —  Giaubhaft  sind  nnr  Nachrîekten, 
wie,  dass  Piato  vom  Sophron,  dass  Piato's  Bepublik  Tom  Protagoraa,  dass  Da- 
mastes  Tom  Uekataeos   (Agathemeros  II)  abh&ngig  sei;    dies   konnte  dorch 
Textvergleichung  constatirt  werden  ;  wenn  Eallimaohos  des  Hekataeoa  Periegese 
als  Nijcttânv  inskribirte  (Athen.  S.  70  A) ,   so  that  er  dies  gewisa  auf  Grand 
einer   Titelrariante.     Ebenso    gewiss    war   und   ist  nun  Buch  ty'   der  JVo/io» 
Philipp's  Werk;   dies  konnte  sowohl  durch  die  Buchinskription  als  dorch  daa 
Schriftenverzeichniss  des  Philipp  feststehen  ;  da  die  Schrift  des  Mannes  in  den 
gewôhnlichen  Ausgaben  nun  aber  als    13.  Buch  der  Gesetze  cfthlte,  ao  ergab 
sich  die  Ck>mbination   von  selbst,  dass,  wer   das  Schlussbuch  anflkgte,  dis 
Voraufgehende  also  unrollendet  fand,  also  edirte,    also  nomerirte.     Dieaa 
Combination  kann  z.  Th.  das  Richtige  treffen  (nicht  nur  ein  Editer,  aondem  ein 
sehr  gewaltthâtiger  Redaktor  der  Nô/not  ist  von  J.  Bruns  nachgewiesen  :  Plato*8 
Gesetze,  Weimar  1880),  doch   ist  aie  nicht  mehr  als  Combination.     Dass  die 
&heaten  Schrifcen  ûber  Plato  (ron  Speusipp,  Hermodor,  Xenokrates;  vgl.  Stein- 
hardt,   Leben  Pl.'s  S.  260  f.)  eine  Tradition  Qber  redaktionelle  Thatsachen 
begrûndeten,  iat   durch   nichts  indicirt;    des   Philippos  Schrift   mçi  mârioyoç 
(Suidas)  ist  nachweialich  nie  geleaen  worden.  —  Noch  eine  schQchteme  Frage. 
Aristophanea    ron  Byzanz    atellte  bei  seiner   Gruppirung   der  Platonischen 
Dialoge  in  einer  Trilogie  dièse  Epinomis  als  dritten  iôyoç  neben  die  Nofioè 
und   den  Minos.     Dass   die   Epinomis   als   Platoniach   mit  durchging,   moti- 
virt  aich  allein  aua  ihrem  Sachzuaammenhang  mit  den  Geaetzen.    Wie  kam  es 
aber,    dass   aie   trotzdem  nicht  als  Buch  XIII  der  Geaetze,    aondem  ala  selb- 
atândiger  Platoniacher  kôyoç  neben  den  Geaetzen  gruppirt  bat  werden  kônnen? 
W&re  aie  nur  zu  zwôlf  Rollen  des  Hauptwerka  die  dreizehnte  gewesen,  so  bliebe 
dies  Verfahren   fUr  uns  doch  schwer  Terst&ndlich  ;  yerst&ndlich  scheint  es  da- 
gegen,    falls  Alexandria  ao  Nomoi  wie  Minoa  wie  Epinomia  gleicherweiae  als 
je  eine  Belle,    das  ist  zugleich  nach  altclaaaiacher  Auffassung,    ala  je  eine 
Schrifteinheit  {lôyoç)  aus  Athen  Qberkommen  batte  (ygl.  oben  S.  447,3). 


—  HersteUung  der  Buchtheilangen  in  Alexandria.   Septuaginta.  —     479 

mit  einem  Maie  die  Weltherrschaft  in  der  Litteratur  an  sich  riss. 
Sie  that  dies  vermoge  ihrer  Philologen,  yermoge  ihrer  Bibliothekare. 
Wer  war  es,  der  zuerst  definitiv  mit  dem  GrossroUensystem  brach? 
wer,  dem  aile  bis  hieher  yerzeichneten  Autoren  ihre  nachtrâgliche 
Tbeilung  zu  danken  baben?  Notbwendig  eben  jene  Grammatiker, 
welcbe  in  Alexandria  und  demnâcbst  in  Pergamum  die  alte  Litteratur 
catalogisirt  mid  neu  edirt  baben. 

Unter  dem  Besprocbenen  sind  es  Yor  allem  des  Aristoteles 
Akroasen,  die  uus  bestimmt  mit  ibrer  ersten  Edition  an  Alexandria 
wiesen  (s.  S.  458).  An  Alexandria  denkt  aber  aucb  Galen,  wenn  er 
eine  unursprQnglicbe  Buchform  beim  EUppokrates  anf  ibren  Urbeber 
zurûckfubrt^).  Und  auf  Alexandria  leitet  uns  aucb  die  Betracbtung 
der  Bucbbescbaffenbeit  des  Alten  Testamentes.  Die  Ueberlieferung 
ist  ait,  welcbe  die  erste  griecbiscbe  Uebersetzung  dieser  Sammlung 
an  die  Namen  des  Pbiladelpbos  imd  Demetrios  von  Pbaleron  knûpfte'). 
Erst  dièse  alexandriniscben  Uebersetzer  baben  nun  die  yier  fiifiXoi 
fiatftXêiùiy  bergestellt,  die  uns  als  zwei  Bûcber  Samuel  und  zwei  der 
Kônige  vorliegen;  die  bebrâiscbe  Tradition  kennt  dagegen  nur  ein 
Bucb   Samuel,  nur   eines   der  Eonige').     Sie  kennt  aucb  nur  ein 


^)  Eine  Bolle  rereinigte  die  Schriflen  niçt  (fvCMç  àvd-Qiânov,  ntql  âutirtiç 
vykaèvrfç  und  noch  eine  dritte  zwischen  beiden.  Galen  erkl&rt,  im  Uebrigen 
gewiss  unrichtig  (XVI  S.  ô  £.) ,  in  der  Zeit  der  Attaliden  und  Ptolem&er  habe 
jemand  das  Buch  so  verdickt,  um  dafûr  einen  hôheren  Kaufpreis  zu  erzielen.  — 
Die  Bûcher  Epidem.  I  u.  III  trugen  die  eigenthûmliche  Aufschrift  ^x  tov  fitxçov 
Ttàyaxidiov  (Gai.  de  diff.  resp.  II  c.  8).  Ist  hier  ein  alexandrinisches  Ver- 
zeichniss  gemeint?  Jedenfalls  Hillt  die  Herstellung  der  Gesammtpragmatie  der 
Epidemien  spâter  als  dièses  nwaxidtoy. 

*)  VgL  den  Pseudo-Aristeasbrief,  den  —  um  abzusehen  von  Arbtobulos  — 
Bchon  Philo  De  viia  Mosis  II  5  f.,  Josephus  Ant.  XII  2  kennen  (Bleek,  Einleitung 
in  d.  alte  Testament  S.  755  ff.).  Pseudo-Aristeas,  Philo,  Josephus  und  Talmud 
lassen  nur  die  Uebersetzung  des  Pentateuch  Ton  Ptolemaeos  und  Demetrios 
Teranlasst  werden.  Mag  man  die  Fassung  dieser  Nachricht  f&r  fîktiv  halten, 
80  enth&It  sie  doch  die  zuverl&ssige  Angabe,  wann  und  wo  man  den  griechi- 
schen  Text  entstanden  dachte.  Die  einzelnen  Theile  der  Sammlung  fanden 
Terschiedene  Uebersetzer  ungleicher  Begabung;  jedenfalls  waren  auch  die 
Nebiim  und  die  Ketubim  Tor  130  v.  Chr.  flbersetzt.  Bleek,  a.  a.  0.  S.  761. 
Ueber  Daniel  Bleek  S.  760. 

*)  Vgl.  Bleek  S.  355  f.  Seit  dem  16.  Jahrhundert  haben  die  jfldischen 
Drucke  die  Theilung  derselben  adoptirt. 


430  —  ^^  ToralexandrÎDisohe  fiuchwesen.  — 

Bucb  Annalen,  das  die  Uebersetzer  wiederum  in  zwei  fiifiXoê  naça- 
Xmofiévtûy  gespalten  baben,  die  weiter  Hieronymus  Cbronica  be- 
nannte^).  Aucb  scbeint  es,  dass  der  Pentateucb,  die  „funf  FûnftbeUe 
des  Gesetzes'*,  fruber  in  einer  Rolle  zosammenstand*).  Besondeis 
lebrreicb  fur  uns  ist  endlicb  das  Psalterium.  Hier  konnen  wir  an 
unserer  Stelle  die  Autoritât  eines  Hieronymus  reden  lassen.  Der 
Fsalter  tbeilte  sicb  in  funf  Bûcber  scbon  im  Text  der  Septuaginta, 
wo  jeden  Bucbscbluss  eine  lypiscbe  Scblussformel  kennzeicbnet  (nacb 
Fsalm  41.  72.  89  und  106).  Hieronymus  bebt  dièse  Tbeilung  als 
unursprûnglicb  auf  mit  folgender  Begrundung  *)  :  Scio  quosdam 
pu  tare  Psalterium  in  quinque  libros  esse  divisum  ut  vbicunque  apud 
septuaginta  interprètes  scriptum  est  yéyono  yivo^to  (id  est  fiât  fat) 
finis  librorum  sit:  pro  quo  in  Hebraeo  legitur  amen  amen.  Nos  autem 
Hébraeorum  auctoritatem  secuti  et  maxime  Apostolorum  qui  semper  tn 
novo  Testamento  Psalmorum  librum  nonUnant,  unum  volumen  as^e- 
rvmus.  Es  werden  bier  also  als  Zepgen  fur  die  Ëinbeit  des  Buchs 
erstlicb  die  Hebrâer  genannt,  sodann  die  Apostel;  Hieronymxis  denkt 
bierbei  an  die  Stellen  Actor.  I  20  nnd  Luc.  20,  42,  wo   einfacb  h 


1)  Vgl.  Bleek  S.  391  f..  De  WeUe,  Lehrbacli  der  histor.  krit.  Etnleitung 
in  d.  alte  Test.  S.  181  ff. 

')  Nur  von  eincr  pifikoç  Mtavaéfaç  redet  Ev.  Marc.  XII  26^  sicb  bezîehend 
auf  Ëxodus  3,  6  (Fabrîcîus,  bibl.  graeca  I  S.  184  éd.  Harles,  wollte  hierau 
Bchliessen,  ^fii^kov  et  fitfiUoy  etiam  dici  de  opère  in  plures  libros  distriboto*')  ; 
ebenso  steht  fii^kloy  auch  Psalm  40,  8,  Jeaaias  29,  II  f.,  Nehem.  13,  1. 
Dass  die  einzelnen  Bûcher  Moses,  bes.  Deoteronomium  den  Charakter  selb- 
st&ndiger  Scbriften  tragen,  spricbt  oicht  dagegen,  daas  man  das  fûnfibeilige 
^Oesetz''  zusammeQ  in  einer  Rolle  tradîrte.  —  Was  die  Propbeten  angebt,  so 
Bcheinen  die  ^groâsen'^  von  jeher  als  je  ein  Bucb  gegangen  zu  sein;  die  kleinen 
galten  wobl  von  je  her  zusammen  als  eines.  Wenn  die  Apostelgeschichte  7,  42 
einen  Vers  ans  dem  „  Bûche  der  Propheten"  anf&hrt  (yéyçaniaê'  iy  fiifil^  nço- 
(ftjKjSy),  80  ist  damit  selbstverst&ndlich  nicht  die  Oesammtheit  aller,  sondem 
jenes  eine  Buch  gemeint,  in  welcbem  eineMehrbeit  von  Propbeten  ent- 
halten  war,  das  Buch  der  kleinen  Propbeten;  es  bandelt  sich  um  Amos  5, 
25  —  27.  —  Die  zwei  Bûcher  der  Makkabâer,  nicht  vor  dem  2.  Jabrhnndert 
entstanden,  sind  zwei  verschiedene  Schriflen. 

^)  Hieron.  praef.  Psalm.  (I  837  Mart.);  vgl.  desselben  Epîstolae  criticae 
II  S.  706  (ad  Marcellam).  Auch  Origenes  in  seinem  Eanon  rechnet  nur  eine 
fiifikoç  ipakfibjy  (Euscb  hist.  eccl.  6,  25). 


—  Heratellung  der  fiuchtheilungen  in  Alexandrie  u.  Pergamum.  —     481 

fi^i'V  tpaXfkùiy  citirt  wird;  und  er  zieht  hier  also  denselben  termino- 
logischen  Schluss,  den  wir  im  Yorigen  so  oft  zu  ziehen  genôtMgt 
waren.  £r  fugt  ausserdem  noch  das  Argument  aus  dem  Worilaut 
des  Hebrâischen  Titels  hiozu:  nam  et  titulus  ipse  Hébraeus  Sephar 
Thallim  quod  interpretatur  vo lumen  hymnorum  ....  non  plures  Uhroe, 
eed  unum  volumen  ostendiO). 

In  Rom  hat  der  semigraecus  Ennius,  der  erste  von  Alexandrien 
beeinflusste  rômische  Dicbter'),  zuerst  Buchtbeilung.  Sonst  aber 
scheint  in  Rom  erst  seit  dem  Besucb'  des  Erates  ans  Pergamum  im 
Jahr  159  das  Eieinrollensystem  zur  Regel  geworden  zu  sein  (s.  S.  463)*). 
Jedenfalls  fiîhrt  Sueton  die  Zerlegung  des  Bellum  Poinicum  des 
Naeyius  (S.  462)  auf  den  Ëinfluss  dièses  Yertreters  der  griechi- 
scben  Philologie  und  Bibliothekswissenschaft  ausdrucklich  zurûck*). 


^)  Dieselbe  Wahrnebmung  yerleitet  den  Hieronymus  fireîlîch  bei  Commen- 
tirung  der  sohweren  Worte  Ëcdesiafli^.  12,  13  rov  not^aai  fiàfikia  ohx  fcn  ttc- 
çao/Lioç  xtti  fitlirri  no)Jji  xôntoctç  caçxôç  su  einer  grossen  Sonderbarkeit.  Die 
pluralische  Wortform  fitfilia  betonend,  erkennt  er  hier  ein  Verbot  Tielbflcberig 
eu  Bchreiben  ;  denn  die  scblicbte  Wahrheit  in  Christo  rede  immer  nur  in  einem 
Bucbe;  quod  si  diversa  et  dùcreptanUa  disputaveris  et  curiositate  nimia  kuc 
atque  illuc  animum  adduxerû^  etiam  in  uno  libro  muUi  libri  ntnt!  Dasa  die 
Wabrheit  monobiblisch  rede,  wird  dann  aua  Psalm  39,  9;  69,  28;  Jesai.  29, 11 
Apokal.  5,  1  erwiesen,  sowie  daraus,  dass  man  den  Pentateuch  singolarisch 
Lez  und  die  yier  Evangelien  ^das  Evangelium^  su  nennen  pflege  (Ep.  ad  Bom. 
2,  16).  Eb  sei  eben  bei  den  heiligen  Schriften  Sitte,  guamvis  plures  lihroSj  si 
inter  ^se  non  discrepent  et  de  eadem  re  scrihantur^  unum  volumen  dicere 
(Comment.  EIccles.  fin.)*  Uieronymus  schreibt  hier  aber  den  Origenes  aus  (ad 
eccles.  B.  I  S.  168f.  éd.  Lomm.),  der  die  Theae  Hy  fitfiUoy  rà  navra  Syta 
êîntlv,  noXXà  ai  rà  ï^ta  ebenso  erweiiit,  aber  ak  eine  Parade zie  selbsi  ein- 
fùhrt:  naçado^ouQoy  içci  (S.  167  fin.  Lomm.). 

')  Hierauf  weist  sein  Sota  sowie  die  Anwendung  der  naqacnx^' 

')  Von  den  Origines  Cato's  ist  nicht  sicber,  dass  sie  vor  lô9  edirt  wurden 
(an  Bucb  VU,  dem  letzten,  schrieb  er  noch  in  seinem  Todesjahr),  unsicber  auch 
die  Vermuthung,  dass  Cato  die  3  ersien  zuerst  herausgab:  denn  warum  &ndert« 
er  nicht  den  Titel  des  Gesammtwerkes,  als  es  fertig  war?  Man  beachte,  daas 
seine  libri  ad  filium  nicht  nummerirt  wurden,  sondem  Specialschrifien  gewesen 
zu  sein  scheinen. 

^)  Sueton  granmi.  2  erzâhlt:    ^Krates  wurde  der  Urheber  grammatiseher 
Besch&ftigungen  in  Bom,  und  in  seinerNachahmnng  {ac  nostris  exemplum 
fuit  ad  imitandum  hactenus  [tamen  imitati  sicher  interpolirt]  ut  carmina  .... 
Birt,  BnchweMn.  SI 


4S2  —  ^^^  Toralexandrinische  Bachwesen.  — 

Zwar  wissen  v^lr  nicht,  ob  Einer  der  alexandrinisclien  oder 
pergamenischen  Gelehrten  ûber  das .  Teclmische  des  Buchwesens  zu- 
sammenbângend  gescbrieben  babe^).  Wobl  aber  entsinnen  wîr  uns 
bier  als  des  einzigen  einscblâgigen  Zeugnîsses  eines  Aussprucbs,  der 
gerade  fur  den  Yomebmsten  Namen  îm  classîscben  Bibliolbekswesen, 
fur  Kallimacbos  ûberliefert  ist.  Die  zerstôrende  Zeit  bat  mit  der 
geistigen  Arbeit  wobl  keiner  bedeutenderen  Litteraturepocbe  so 
grûndlicb  wie  mit  den  Scbriften  jener  alexandrin iscben  Gelebrten 
aufgeraumt.  Um  so  beredter  spricbt  jedes  versprengt  erbaltene 
Wort;  die  Abnung  des  breiteren  Zusammenbanges,  dem  es  entstammt, 
klingt  in  uns  mit  an  und  steigert  den  Eindruck  des  Bedeutsamen 
in  das  unbestimmt  Grosse.  Wir  fûblen  die  Pflicbt  es  genau  und 
moglicbst  im  Sinne  seines  Urbebers  zu  wûrdîgen. 

Kallimacbos  batte  sicb  des  Aussprucbes  bedient:  „dass  das 
grosse  Bucb  einem  grossen  Uebel  gleicbwertbig  sei^.  Die 
Excerpte  des  Atbenaeos  S.  72  A  iiberliefem  kurz  genug:  7>t»  KaXii- 
fMxxoç  0  yQafjkfj^auxoç  to  fjtéya  fii^Xlov  ïaov  hXsyBV  €fya&  w 
fieycclto  xaxù). 

Diesc  Worte  sind')  in  Bezug  gesetzt  worden  zu  dem  tbeoretiscben 
Streit,  den  Kallimacbos  gegen  ApoUonios  Rbodios  fûbrte.  Der  Dicbter 
der  Hekale,  der  Gegner  breiter  cycliscber  Epen  {ix&aiq(û  t6  noiijfAa 
jo  xvxXixop  xtX.),  der  sicb  selbst  die  ^QayjvavXka^iti  vindicirt 
(Epigr.  10)  und  der  nicht  dichtet  und  nicbt  gedicbtet  wissen  wiil 
Werke,  grenzenlos  wie  das  Meer  (pç  ovâ'  o(Sa  nôvxoç  àsideii  vgL 
frg.  481:    firj  [fiSTQsTp]  (^xolvo)  Usçaiôi'    xiiv   aoifiriv)^   so   wie   im 


diligentius  tractarent)  fing  man  an,  vergesscne  Werko  neu  bekannt  zu  macheDr 
zu  Icsen,  zu  commentiren :  so  raachte  os,  an  erster  Stelle,  Lampadio  mit 
Naovius,  dessen  Punischen  Krieg  er  in  sieben  Bûcher  zcrlegte, 
hernach  Vargunteius**  u.  s.  f.  Wir  gehorchen  dem  Augenschein,  wcnn  wir 
nicht  nur  das  Neuodiren  und  Commentiren  des  Naevius,  sondern  auch  das 
Zerlegen  in  Bûcher  als  Gegenstand  der  ,,Nachahmung*'  betrachten. 

^)  Dass  Eratosthenes  einen  Âbschnitt  seines  Werkes  ûber  die  Komôdi» 
auch  ûber  Gcr&thschaften  fûr  Bûcher  handeln  Hess,  ist  fur  uns  ohne  Belang; 
Pollux  X  GO:  nagà  fdét'Toi  tm  'EçaJoaS-éyft  tuçotç  àv  Tovpofia  in»  tov  cxiùotfç 
Tov  joîç  ^i^Xioiç  XQV^i/^ov. 

^)  Zuerst  von  Mcrkel,  prolusio  ad  Ibin  S.  341;  rgl.  S.  3CG;  so  auch  noch 
£.  Kohde,  Gesch.  d.  gricch.  Romans. 


—  Eallimachos  Gegner  des  GrossroUensystems.  —  433 

Sinn  seiner  Scbule  auch  CatuU  (95)  gegen  den  tumor  des  Antimachos 
fur  die  parva  monumenta  eintritt:  derselbe  Kallimacbos  soll  aucb  hier 
im  selbigen  Sinn  das  grosse  Epos  ein  grosses  Uebel  genannt  haben. 

Dièse  specielle  Beziebung  wâre  jedoch  nur  znlâssig,  wenn  wir 
wûssten,  dass  die  Argonautica  des  ApoUonios  ohne  Buchtheilung 
erscbienen.  Da  dies  nicbt  der  Fall,  so  mûssten  wir  yielmehr  lesen: 
%o  noXvfiifiXoy  noitj(ia  Xaov  skaysv  slyat  t&  lAsyccXta  xaxta, 

Man  bat  sogar  den  Yersuch  gemacht,  die  Worte  einer  poetischen 
Yersform  anzubequemen^).  Die  Berecbtigung  biezu  wird,  ganz  ab- 
gesehen  Yon  der  ungefûgen  Natur  des  bypotaktisch  ûberlieferten 
Satzes,  durch  das  Epitheton  0  ygafAfianxoç  widerlegt,  das  Athenaeos 
zu  dem  Namen  binzusetzte.  Denn  weder  Athenaeos  noch  sonst  ein 
Autor  bat,  wo  Verse  des  Kallimacbos  citirt  wurden,  solchen  Zusatz 
je  gemacbt;  wobl  aber  heisst  Kallimachos  in  solchem  Fall  6  nouft^ç, 
80  Atben.  S.  144  E,  Julian  Epist.  30,  Suidas  s.  *A(fTvdytiÇj  Geliius 
lY  11^).  Lesen  wir  dagegen  KaXXifAaxoç  o  yQafkiAat&xoç,  wie  im 
Etymologicum  Magnum  S.  672,  27,  so  ist  yielmehr  von  den  gram- 
matischen  Arbeiten  des  Mannes  die  Rede,  und  zwar  an  der  ange- 
fuhrten  Stelle  gerade  speciell  Yon  seiner  pinakographischen 
Tbâtigkeit  (vgl.  Schneider  Callim.  Il  S.  305  f.). 

Weiter  noch  fuhrt  das  Verbum  êXsysv.  Wir  mûssen  mit  Merkel 
(a.  a.  0.)  ûbersetzen:  ^Kallimacbos  pflegte  zu  sagen^)'*.  Das  Dictum 
giebt  sich  also  als  ein  Apophthegma  und  beabsichtigt  gamicht  die 
Meinung  zu  erwecken,  als  habe  es  in  den  Schriften  des  Kallimachos 
gestanden. 


1)  Uecker   Comm.  Callim.  S.  33.  50  und  Schneider  Callim.  II  S.  559, 

fr.  359  meinen,  aie  stammten  ans  dem  Prolog  der  Aitia,  und  der  eine  yersucht: 

xax^  fityâltfi  fiéya  fitfikioy  laoy, 

der  andere  gar: 

16  [yàç]  fiéya  fiêfiXiov  laoy 

T^  fiiyâktp  x(KXip  [Uff'  aç  yÙQ  i^ol  doxiêè], 

worauf  die  Gegner  das  Pr&dikat  ^uUyoç  wohl  allerdings  mit  Reeht  applicirt 

h&tten. 

')  Dagegen  iat  bel  Stephanos  y.  Bjzanz  S.  634,  4  ans  Handschriften  der 
Name  des  KaXXiyoç  noè^viç  hergestellt,  TgL  Schneider  fr.  314. 

*)  In  den  Excerpten  des  Athenaeos  wird,  wie  begreiflieh,  kein  Schrift* 
siellercitat  mit  solchem  fXtyiy  eingefUirt. 

31* 


4g4  —  ^'^  Toralexandrinische  Bachwesen.  — 

£s  kann  nun  ein  so  formulirtes  Urtheil,  welcbes  die  grosse 
Buchrolle  einem  grossen  Uebel  gleichsetzte,  lediglich  das  antike 
Rollenbucbwesen  im  âusserlicb  technischen  Sinne  betroffen  haben. 
Und  Athenaeos  selbst  giebt  hierfûr  eine  Bestâtigung.  Wir  finden 
den  Satz  nâmlicb  am  Anfang  der  Excerpte  seines  dritten  Bucbes; 
er  stebt  hier  obne  Zusammenbang  mit  dem  eigentlicben  Inhalt  des 
Bucbs,  der  unmittelbar  nacb  ihm  einsetzt:  zunâcbst  ein  Katalog 
Yon  Frûchten,  anhebend  mit  dem  Lemma  KifiiùQia,  der  dann  die 
ersten  29  Eapitel  ausfullt.  Es  ist  unyerkennbar  :  A£henaeos  batte 
das  Eallimacbeiscbe  Dictum  ûber  Rollengrosse  am  Anfang  eines 
Buchs  eben  darauf  angewendet,  dass  er  sein  voriges  Buch  hier  ab- 
brach  und  zu  einem  neuen  Qberging.  Entweder  sein  Buch  II  war 
kûrzer  als  die  ûbrigen  gewesen  imd  Eallimachos  musste  dièse  Un- 
gleichheit  entschuldigen  helfen,  oder  es  war  zu  stark  ausgefallen^), 
und  Athenaeos  machte  sich  hieruber  Selbstvorwûrfe  mit  gelehrter 
Erinnerung  an  die  nâmliche  Autoritât. 

Ist  dieser  Ausspruch  des  Eallimachos  authentisch?  Man  wird 
ohne  hinreichende  Grûnde  daran  nicht  zweifeln.  Wâre  er  aber  Er- 
findung,  die  innerhalb  der  Grammatikertradition  entstand,  er  wûrde 
um  nichts  weniger  bedeutsam  bleiben.  Jedenfalls  ist  er  gesprochen 
oder  gesprochen  gedacht  im  Zusammenbang  mit  den  grammatischen 
und  bibliothekarischen  Arbeiten  des  Mannes.  Welche  dièse  waren, 
ist  uns  hinlânglich  bekannt.  Er  ûbernahm  nach  Zenodot's  Tod  die 
ordnende  Verwaltung  der  grossen  Bûchersammlung  des  Brucliiunis, 
mit  der  sich  die  Sorge  fur  Abschrift  und  Neuedition  verband  und 
deren  wissenschaftiiches  Ergebniss  jene  Ilivaxeç  waren,  die  un  ter 
anderem  von  jedem  Autor  auch  die  Buchumfange  verzeichnetea 
(s.  S.  164).  Wir  haben  Grund  anzunehmen,  dass  die  Erklârung  des 
Eallimachos  gegen  grosse  Buchrollen  von  der  Beschaffenheit  der 
âlteren  Litteratur,  dieerim  Bruchium  vorfand,  veranlasst  worden 
ist.  Dièse  Erklârung  muss  aber  alsdann  eine  eminent  praktische 
Bedeutung  gehabt  haben. 

Ueber    die    Beschaffenheit    der    Bûcher   in    den    Ptolemâischen 


^)  DafÛr  sprichty  dass  die  Excerpte  aus  B  umfangreicher   sind  als  die 
aud  A  erhaltenen. 


Kalllmachos  Gegner  d.  Grossrollensystems.  Die  alexandrinische  Bibliothek.     485 

BibliothekeD  sind  wir  keineswegs  ohne  Nachricht,  deren  Uebermittler 
freilîcli  der  allerspâtesten  Zeit  angebôrt.  Die  Scbwierigkeit  ibrer 
Interprétation  kann  uns  ihre  Berûcksîchtigung  nicht  ersparen,  und 
wir  kehren  biemit  zu  dem  ersten  Ausgangspunkt  unserer  ganzen 
Betracbtung  zurûck  (S.  5  f.).  Gemeint  ist  der  vielumstrittene  Bericbt 
des  Tzetzes  in  seinen  Prolegomena  zum  Aristopbanes,  der,  wie  leicbt 
ersicbtlicb  und  anérkannt  ist^),  einer  alten  und  guten  Quelle  foigt. 
Wir  lesen  bier:  Alexander  Aetolos,  Ljkopbron  und  Zenodot  bâtten 
unter  Ptolemaeos  Pbiladelphos  Diorthosen  der  Tragodien,  der  Ko- 
môdien,  des  Homer  gemacbt.  Dieser  Ptolemaeos  babe  nâmlicb, 
Yorzûglicb  in  Anregung  des  Demetrios  Yon  Pbaleron,  Yon  allen  Orten 
die  Bûcber  in  Alexandria  gesammelt  und  sie  in  zweien  Bibliotbeken 
deponîrt.  Auf  dièse  dûrfbîge  Darstellung  der  grossen  Bibliotbeks- 
griindung  folgt  unmittelbar  die  Anzabl  der  Bûcber  selbst,  die  sicb 
also  allem  Anscbein  nacb  nur  auf  die  ersten  Ankâufe  in  der  ersten 
Période  der  BibliotbeksYerwaltung  beziebt.  Es  beisst'):  aval  fiifihih- 
^^xa^ç  javTaç  (tàç  filfilovç)  àfïi&sto,  (Sy  tîjç  ixzoç  ikiv  ^y 
àçêd'fAoç  z€TQax$çfAVQêa&  âkçxiXiai  oxzax6aia&,  tijç  â*  scoa  t&v 
avaxtÔQœy  xai  fiacfilstov  fii^Xtay  (Aèy  avfifuxéiy  (sic)  aQt&fAOç 
tsatsaqdxovta  fAVçniâeç,  ànX&y  âè  xal  afAtayoiy  filfiXwy  (jkVQtââsç 
iyyia,  dç  6  Kakklftaxoç  vsayiaxoç  tov  r^ç  avXriç  vtszéqiùç 
fistà  tfjy  àpoQ&ùûtîiP  tovç  nivaxaç  avx&v  ànsyçdtpato. 
Fur  die  ^âussere''  Bibliotbek  erbalten  wir  also  ununterscbiedlicb  die 
Summe   42  800 ,    fur    die    ^innere^    des    Brucbiums    wird    dagegen 


^)  Eeily  Bheio.  Mus.  VI  S.  242  deokt  dabei  an  die  Autoren  ûber  das 
Alexandrinische  Muséum,  ûber  die  rgl.  Klippel  De  Mus.  Alex.  S.  11  ff. 

*)  Icb  folge  dem  Text  des  Ambrosianus  bei  Eeil,  a.  a.  0.  S.  117.  Der 
Text  des  Parisinus  lautet:  xai  dvai  fiêpUod^^xatç  raûraç  (se  ràç  fiifiXovç) 
àntâito,  vjy  j^ç  ixroç  /i«V  uçid'^oç  TiTçax,  cTar/.  oxrax,,  i^ç  dt  rtov  crra- 
xjoQoty  iynç  av^/niydiy  ^iv  fiifikœy  àçt^fioç  uaaaQÙxovja  ^uytccdiç,  ù^èydîy 
âè  xat  anlœy  fivçtâdéç  iyyéa'  &v  tovç  niyaxaç  wntQoy  KaXXifiaxoç  imyçâ' 
%pato.  Der  Text  des  Plautusscbolions  ist:  duos  bibliothecas  fecit^  alteram  extra 
regiam,  alteram  autem  in  regia.  In  exterwre  autem  fu^runt  milia  voluminttm 
quadraginta  duo  et  octingenta;  in  regiae  autem  hihliotheca  voluminum  quidem 
commixtorum  volumina  quadringenta  milia  ^  simpliciwn  autem  et  digestorum 
milia  nonaginta,  sicuti  re/ert  Callimackus  aulicus  regius  bibliothecarius  qui 
etiam  singulis  voluminibus  titulos  inscripsit. 


486  —  ^^  Toralexandrinîsche  Buchwesen.  — 

zwischen  fiifiJiot  CV/AfuyêTç  und  fiifilot  afA^yêîç  xaï  ânlat  unter- 
schieden,  und  die  ersteren  auf  400  000,  die  letzteren  auf  90  000 
angesetzt.  Was  bedeuten  dièse  neuen  und  spâter  ganz  UDÛblicIieii 
adjektiyischen  Bestimmungen  des  Buchbegriffs? 

Erwâgen  wir  zunâchst,  wem  sie  angehoren.  Jedenfalls  hat 
Tzetzes  sie  mit  ûbemommen.  Sie  sind  aber  nîcht  nur  ait,  sondera, 
wenn  wir  dem  Text  genau  folgen,  ist  es  Eallimacbos  selbst  gewesen, 
der  sie  aufgestellt.  Wie  immer  die  Worte  œç  KaXXifAaxoç  xtL 
im  Einzelnen  aufzufassen  seien  —  wir  ûbersetzen:  „so  wie  KaUimachos 
spâter  nacb  der  Anortbose  von  ibnen  die  Kataloge  aufiiotirte^)^  — , 
jedenfalls  werden  uns  durcb  sie  des  Eallimacbos  Hivaiuç  selbst  aïs 
das  Werk  genannt,  in  dem  jene  unterscbiedlicben  Buchsummen  auf- 
notirt  standen^.  Ist  dem  also,  so  werden  wir  uns  um  so  angelegener 
sein  lassen,  die  fraglicben,  unbekannten  Bucbtermini  moglichst  correkt 
zu  fassen. 

Ritscbl  stellte  nacb  Beseitigung  yerscbiedener  anderer  Erklarungs- 
yersucbe  scbHesslicb  auf:  Eallimacbos  gebe  an  erster  SteUe  die 
Gesammtsumme  „aller  Bûcber  obne  Unterscbied^,  welcbe  durch 
die  Ankâufe  des  Ftolemaeos  zusammengeflossen  waren  und  unter 
denen  sicb  nocb  sebr  yiele  Doubletten  befanden;  dies  also  seien 
die  filfiloi  (TVfÂfAiysXç]  mit  den  ânlat  oder  à/Aiyêtç  werde  dagegen 
die  Summe  derjenigen  abgesondert,  welcbe  nacb  Ausscbeidung 
der  Doubletten  iibrig  blieben. 

Dièse  Erklârung  scheint  verschiedene  âussere  Vortbeile  zu  baben. 
Sie  macbt  begreiflicb,  weshalb  die  Zabi  der  avfifitysîç  so  viel  grôsser 
ist  als  der  àfi^yeîç.  Sie  scbeint  ferner  erklaren  zu  konnen,  wesbalb 
eine  entsprecbende  Unter scbeidung  nicbt  aucb  fur  die  Serapeums- 
bibliotbek  gemacbt  ist:  dièse  babe  eben  nur  von  den  Doubletten  des 
Brucbiums  entbalten.    Und  daraus  weiter  wird  erklârt,  dass  wir  aucb 


*)  0.  Schneider  Callim.  II  S.  301  will  ànoyQÛ(fta&a^  als  ^abscbreiben*' 
verstehen  und  glaubt,  des  Eallimacbos  Pinaces  hâtten  altère  Pinaces  aïs  Grand- 
stock  berfibergenommen,  welcbe  von  Alexander,  Lykophron  and  Zenodot  her« 
r&brten.    AUein  die  fiblicbe  Wortbedeutung  von  ànoyQttf^^ttv  spricbt  dagegen. 

3)  Vgl.  Ritschl.  Op.  I  S.  20;  KeU  a,  a.  0.  S.  248.  Ganz  obne  Berechtigung 
ist  es,  mit  Bergk  (Griecb.  Litter.-GeMch.  S.  274)  den  RelativsaU  taç  KaXU- 
fAtt^oç  xtL  nur  auf  die  letzte  Summe  der  ànkài  zu  beziehen. 


—  j9»/3Jloi  cv/Li^tyètç  u.  a/4tytiç  (ânkal)  der  alexandrin.  Bibliothek.  —   487 

von  eînem  besonderen  Bibliothekariat  fur  dièse  Buchsammlung  des 
Serapeums  nlclits  erfahren.  —  Die  letzten  zwei  Sâtze  wâren  nur  be- 
rechtigt,  wenn  wir  ansetzen,  dass  die  Summe  der  fiifiXoi  CVfAfAiyeïç, 
die  Ptolemaeus  ankaufte,  vielmebr  442  800  war.  Allein  den  Worten 
eelbst  ist  biemit  offenbare  Gewalt  angetban,  und  wir  mûssen  auf 
eacblicbe  Vortbeile  einer  incorrekten  Interprétation  verzicbten.  Erst- 
licb  konnte  „eine  AnzabI  Bûcber,  obne  Unterscbied  welcbe^ 
nîcbt  filfiXot  (fV[A(Âiy€Tç  beissen.  Jede  (fvfAfkê^^ç  bedeutet  docb  gerade 
80  wie  die  deutscbe  ^Miscbung^  nur  eine  Yerbmdung  von  Dingen, 
sofem  dièse  Dinge  der  Art  nacb  unter  einander  yerscbieden  sind; 
dagegen  wîlrde  aber  der  Ausdruck  des  Eallimacbos,  wenn  er  auf 
Doubletten  unter  den  Bûcbem  binwies,  damit  gerade  besonders 
«inen  Hinweis  auf  ibre  Artgleicbbeit  entbalten  sollen;  durcb  ibre 
Artgleicbbeit  wûrde  die  Wabl  des  Terminus  yeranlasst  sein  mûssen: 
und  er  wâre  also  in  demselben  Grade  unbezeicbnend  und  unver- 
fitandiicb  gewesen,  als  wenn  wir  Doubletten  als  «Miscbbûcber^ 
bezeicbneten.  Das  nâmlicbe  gilt  natûrlicb  von  dem  Gegensatz  à/M- 
ystç  oder  àfAKSyetç.  Nocb  unmôglicber  konnten  aber  zweitens  die 
doublettenlosen  Rollen  filfiXoi  ànXaX  beissen.  Ein  Einzelexemplar, 
das  kein  zweites  gleicbartiges  neben  sicb  bat,  beisst  einzeln,  nicbt 
aber  einfacb,  smgulare,  nicbt  aber  simplex,  jca&'  îv,  nicbt  aber 
ànXovv.  Sondem  das  Einfacbe  ist  immer  das  ^Unzusammenge- 
setzte"^). 

Môgen  also  die  sacblicben  Scbwierigkeiten  nocb  so  gross  wer- 
den,  die  Beobacbtung  der  Wortbedeutung  zwingt  uns  auf  den  Weg, 
den  so  Bembardy  als  Schneidewin  aïs  Eeil')  den  Grûnden  Ritscbl's 
zum  Trotz  einscblugen.  Bembardy  erklârte:  fiifiXoê  ânXat  (stmplices) 
mûssten  yielmebr  soicbe  sein,  in  welcben  nur  je  eine  Scbrift  ent- 
balten war,  avfAfuyêTç  {commixtaé)  diejenigen,  welcbe  mebrere 
Scbriften    in   sicb   vereinigten.     Dabei   dacbte  er  sicb  fireilicb 


')  Vgl.  Eeil  a.  a.  0.  S.  247  :  ipsa  volumina  propterea  quod  singula  librorum 
quos  continebant  ezemplaria  erant,  reliquia  in  hoc  numéro  non  computatis, 
aîmplicia  diei  nequaquam  potuenint. 

')  Bernhardy,  Analecta  criU  Berol.  1888  S.  821  ff.;  Sclineidewin,  GOttin- 
giBche  gelehrte  Anzeigen  v.  Jabr  1840  II  S.  952.    Eeil  a.  a.  0.  8.  249. 


4gg  —  Dm  Toralexandrinische  Buchwesen.  — 

Codices  als  Bucbform.  Yollkommen  kam  damit  Schneidewin^s  Ur- 
theil  ûberein,  der  die  avfkfi^ysZç  als  Miscellancodices  interpretîiie. 

Ritschl  konnte  in  seinem  Corollarium  die  Unmogliclikeit  der 
Codices  fur  Kallimachos'  Zeit  allerdings  leiclit  darthun;  jene  drei 
Mânner  Tertraten  dennoch  das  Richtige^).  Wir  sind  nach  aUem,  was 
wir  Yoraufgeschickt,  in  der  That  in  der  Lage,  den  Miscbrollen 
ihre  richtige  Wortbedeutung  zu  belassen,  ohne  docb  auf  erbebliche 
Sacbwidrigkeiten  zu  stossen.  Und  die  Bemerkung  eines  Gregners, 
welcbe  Ritscbl  in  seinem  Corollarium  mittheilt*),  ist  zutrefiTender,  als 
er  selbst  abnte:  ^Nun  sagen  Sie,  unter  den  Bûchem  im  Hercu- 
lanum  babe  man  ein  Einziges  gefunden,  worin  mebrere  Werke  eni- 
balten  seien  (dies  ist  N.  1418,  éd.  Oxon.).  Was  aber  da  sehr  selten 
ist,  kann  in  Alexandrien  sebr  hâufig  gewesen  sein,  da  solche  Dinge 
Ton  der  Mode  der  Zeit  und  des  Ortes  ....  abbângen.  Wie  viel 
bâufiger  waren  sonst  die  Folianten  als  jetzt;  wem  wûrde  es  z.  B. 
einfallen,  eine  Sammlung  von  Recensionen  zu  einem  Folianten  zu 
macben,  wie  dies  bei  Bayle  gescbeben  ist?^  Wir  antworten  im  Sinne 
des  Fragenden:   den  Bucbbandlem  in  der  voralexandriniscben  Zeit. 

Uns  sind  fiifiXoi  afA^yêîç  von  bedeutendem  Umfange  in  Tielen 
Fâllen  bekannt  geworden;  die  grôsste  unter  ibnen  war  etwa  die  des 
Tbukydides  zu  ca.  20  000  Yersen  oder  ca.  700  Selides.  Es  ist  évident, 
dass  dies  Grossrollensystem  kleineren  Scbriften  gcgenûber  nicbt  obne 
die  entsprechenden  Folgen  bleiben  konnte.  Es  mussten  sicb  in  den 
grossen  Rollen  hâufig  aucb  mebrere  kleine  Scbriften  zusammen  finden. 
Solcber  Miscbrollen  baben  wir  bisber  wirklich  zebn  fur   den  An- 


*)  £r  Dôthigte  Eeil  damît  zu  einer  nicbt  glûcklicheren  Hypothèse.  Die 
falsche  Voraussetzung,  Buch  und  RoUe  seien  nicht  identiseh,  ergab  den  Schlosf, 
es  habe  also  aucb  solche  Rollen  geben  mûssen,  in  welche  ein  Buchschluss  nnd 
ein  neuer  Buchanfang  zusammenfielen  ;  dièse  Rollen  enthielten  dann  also 
wenigstens  Tbeile  aus  zweien  Bftchern  und  konnten  mit  Becht  Miscbrollen 
beissen.  Hierauf  fûbrte  ibn  der  incomplète  Bankesianus,  ûber  welcben  vgL 
S.  128  N.  3.  Man  yersetze  sicb  aber  ûbrigens  einmal  in  die  Notblag^  eines 
alexandriniscben  Bibliotbekars  bineîn,  der,  wàbrend  Buch  und  Rolle  etwas 
principiell  Verschiedenes  waren ,  dièse  Miscbrollen  dennoch  als  fiifilot  zu  be- 
zeicbnen  genOtbigt  war!  Nach  welcbem  Wort  soUte  er  alsdann  greifen,  um 
die  Bûcher  selbst  zu  nennen,  die  er  auf  solche  fiifikoi  rertheilt  fand? 

3)  Op.  S.  158. 


—  fiifiXot  oufifitytiç  und  u^iytiç  {anktu),  —  489 

tisthenes  nachgewiesen  (S.  449  f.),  fûnf  fur  die  sonstigen  kleineren 
Sokratiker  (S.  448  f.),  eine  fur  den  Theophrast  (S.  457),  eine  fur 
Homer,  dessen  zwei  Hauptepen  man  verbunden  las  (S.  444  f.).  Dies 
fuhrt  aber  zu  eiaein  Analogîeschluss  auch  fur  yiele  andere  Schriftea 
kleinen  UmfaDgs^). 

Wir  mussen,  so  yiel  ich  sehe,  entweder  auf  eine  Wûrdigung  der 
Elallimacliosnotiz  ûberhaupt  Yerzicbt  leisten  oder  uns  entscbliessen, 
die  kurzen  Worte,  so  wie  sie  sich  darbieten,  in  ihrem  bucbstâblicben 
Sinne  zn  nehmen.  Uns  braucben  auch  unerwartete  Consequenzen 
nicht  zu  beirren  fur  eine  Zeit,  die  uns  docb  im  Grunde  so  unbe- 
kannt  ist. 

Wenn  Ftolemaeos  Pbiladelpbos ,  bevor  Kallimachos  das  Biblio- 
thekariat  antrat,  nicbt  weniger  als  400  000  Ton  der  Art  der  soeben 
angefuhrten  Mischrollen  zusammengekauft  batte,    so  folgt  aus  dieser 


^)  la  einigea  weîteren,  sicheren  Belegen  wurde  dies  Âolass  zu  Irrungen  ; 
die  Schriften  wuchsen  zusammen;  es  fanden  EigenthumsObertragungen  statt 
wie  beim  Lygdamus  und  Tibull  (oben  S.  428).  Ilierher  gehOrt  rom  Hippokrates 
das  Beisptel  oben  S.  479,  1,  ferner  ntqi  voùcoty  B.  I,  drei  zusammengewachsene 
Traktate;  de  natura  ossium  fîlnf  Fragmente  verschiedener  Autoren.  Am  Schlusa 
der  Rolle  III  nfQ»  vovaiav  wurdo  die  ifaç^iaxirtç,  am  Schluss  Epidem.  V  ein 
Theil  von  Epidem.  VII  eingetragen.  De  TÎctu  acutomm  hat  eine  Appendiz  von 
yod-a  {là  TiQOçxiififya  nach  Qalen);  ûber  solche  Appendices  in  Rollen  spricht 
Oalen  zu  Epidem.  111  S.  732  {nQoçyéyQanjal  uva  hinter  dem  léloç  fitfiliou); 
derselbe  (zu  de  vuln.  capîtis)  erki&rt:  weil  die  Buchanftnge  sanktionirt  waren, 
seien  die  EinfBgungen  stets  hinten  im  Bach  gemachu  Solche  yôd-a  h&ngen 
auch  Xenophon^s  Kyropaedie  und  Kynegeticus  an.  —  Eine  Mischrolle  ist  ferner 
Aristotelea'  Metaph.  XI;  eine  andere  verr3th  der  Titel  Ta  ix  rov  Tk^aiov 
xal  niy  \4qx^*^*'  (Heîtz  a.  a.  0.  S.  221);  vgl.  De  Xenoph.,  Zen.,  Gorgia; 
auch  ntQÏ  fAytifitjç  xni  vnyov  wnrden  als  ein  Buch  gelesen  (Gell.  VI  6,  Ptolem. 
N.  4  u.  a.).  —  Vielleicht  edirte  Xenophon  seinen  Oekonomikos,  der  mit  einem 
dé  und  ohne  Sokrates  zu  nennen  beginnt,  als  Appendix  der  Memorabilienrolle.  — 
Die  Pseudepigrapha  Xenophon's  wie  Plato's  werden  gleicbfalls  am  natflrlichsten 
auf  diesem  Wege  erkl&rt.  Die  Dialoge  Plato's  standen  zu  mehreren  in  grossea 
Rollen  vereint;  von  den  Bibliopolen  wurden  verwandte  Stficke  wie  Eryxias, 
Minos  u.  a.  hinten  eingestellt;  und  so  konnte  schon  Aristoteles  z.  B.'  dea 
Menexenos  als  Platonisch  lesen.  Ftkr  Xenophon  brauchen  wir  dann  nicht  die 
kflnstliche  Hypothèse  eines  gleichnamigen  Enkels.  So  wurde  vor  allem  die 
herrenlose  Schrifi  vom  Staat  der  Athener  verkflrzt  hinter  den  Staat  der  Lake- 
d&monier  eingetragen  und  mittelst  eines  dé  angeknfipft. 


490  —  ^^'  ToralexandrinUche  Buchweaen.  — 

enormen  Summe  zunaclist  das  eine  Wicbtigste,  dass  bis  in  des 
Philadelphos  Regierung  hinein  das  altmodische  Gross- 
rollensystcm  noch  geherrscht  oder  doch  Yorgeherrscht 
haben  mus  s.  Denn  das  Kleinrollensystem  war  es  offenbar,  iras 
den  Mischrollen  ein  Ende  machte.  Sînd  aber  die  400  000  RoUen 
sâmmtlich  Zeugen  fur  die  alte  Buchform,  so  ist  yon  hier  ans  auch 
die  Minoritât  der  ûbrigen  48  000  afiiyetç  mit  Wahrscbeinlichkeit  far 
dieseibe  alte  Buchform  in  Anspruch  zu  nebmen  ;  dièse  unvermischten 
Bûcber  werden  nach  dem  Beispiel  der  Thukydidesrolle  zu  beurtheilen 
sein.  Das  Grossrollensjstem  reicbte  aiso  binab  bis  in  die 
Zeit  des  Kallimacbos.  Es  hâlt  angesichts  jenes  Yerdikts  gegen  das 
f^éya  fiifiXloy  (S.  482)  schwer  sich  der  YorsteUung  zu  erwehren,  dass 
die  Erfindung  oder  doch  gewiss  die  erste  planmâssige  Anwendnng 
des  Kleînrollensjstems  und  des  Bucbtbeilungsprincîps  diesem  KaUi- 
machos  zufallt  und  dass  er  selbst  es  war,  der  die  redaktionelle  Ar- 
beit  der  Theilung  fur  viele  der  alten  Schriftsteller  ûbemabm. 

Die  Litteratur  erinnert  sich  an  jene  Terminologie,  die  er  in  den 
Pinakes  anwandte,  nur  noch  ein  einziges  Mal.  Und  die  betreffende 
SteUe  kann  uns  fur  das  bis  hieher  Gesagte  in  doppelter  HinsichI 
eine  Bestatîgung  sein.  Das  Ende  der  grossen  pergamenischen  Biblio- 
thek  war  ihre  Einvcrleibung  in  die  alexandrin ische.  Antonius 
machte  sie  der  Kleopatra  zum  Geschenk.  Plutarcb,  der  dies  erzahlt 
(Anton.  58),  giebt  zugleich  den  Buchbestand,  folgendermassen  :  Àa- 
Xoviaioç  âè  Kalaaçoç  staXqoç  su  xal  ravta  tùSv  sîç  KXê07idiQ<x¥ 
iyxXrjficcTCûy  ^AvtiAvio}  nqoviféQe,  xaqitsats&at  (lèy  aî'r^  tàç  h 
Ilêçyccfiov  pi^Xiod'^xaç  èv  aîç  sïxots^  fAVQicidsç  fi^fiXicûv  ànhiv 
fi(Sav,  Dies  der  letzte  Nachklang  der  alten  Terminologie.  Perga- 
mum  batte  damais  also  nur  noch  ^i^Xia  anka.  Die  Misch- 
rollen batten  definitiv  aufgebôrt.     Die  Bucbtbeilung  berrschte. 

Die  Anerkennung  der  Geltung  der  grossen  Rollen  bis  zu  Ealli- 
machos  involvirt  aber  zugleich  :  dass  unsere  Skepsis  gegen  die  Bucb- 
theilung  des  Ephoros  nicht  imberecbtigt,  dass  unsere  Auâassung  der 
Aristotelesproômien  zutreffend  war  und  dass  wir  die  Nachricht  ùber 
Pbilipp  den  Opuntier  unbedenklicb  zu  den  anderen  Hypotbesea 
stellen  durften. 

Doch    will    sich    noch    ein   berechtigtes  Bedenken  regen.    Das 


—  Das  GrossroUeasystem  herrschend  bis  Kallimachos.  —  491 

Yerhâltniss  fireilich,  wonach  die  filfiXoè  (fVfAfA^yetç  ungefahr  zehnmal 
60  bâufig  waren,  als  die  anXat,  nehmen  wir  noch  ohne  Anstoss  als 
lernenswerthe  Thatsache  hin.  Allein  jene  Zahlen  selbst,  die  KaHi- 
machos  verzeichnet  haben  soU,  scheinen  zu  enorm.  Die  damalige 
Litteratur,  weit  entfernt  1 248  000  Werke  anfzuweisen  (denn  die 
ffVfkfAiyéîç  mûssen  doch  im  Durchscbnitt  wenigstens  auf  je  drei 
Werke  yeranscblagt  werden),  war  ja  docb  wobl,  aile  Dramen  mit  einge- 
recbnet,  tbatsâcblicb  deren  nur  3000,  scbwerlicb  4000  zu  liefem  im 
Stande.  Eine  Ausgleicbung  dieser  Zablen  scbeint  undenkbar.  Die 
eine  iiberbietet  die  andere  um  das  Vierbundertfache. 

Seben  wir  zu,  wie  und  nacb  welcbem  Princip  Ptolemaeos  seine 
ersten  grossen  Kâufe  macbte,  und  die  Ausgleicbung  giebt  sicb  von 
selbst.  Ton  den  planmâssigen  Anscbaffungen  modemer  Bibliotbeks- 
Terwaltung  mûssen  wir  dabei  grûndlicb  abstrabiren.  Der  Bericbt 
des  Tzetzes  scbon  redet  deutlicb  genug:  ôandvaiç  fiatîiXixaXç 
ànavxoxôd^év  ràç  filfiXovç  sîç  ^AXe^dyâçsiav  Iqd'qoifSêv.  Man 
acbte  wobl  auf  den  Artikel  faç.  Von  ail  en  Orten  wurden  „die 
RoUen"  oder  „die  vorbandenen  Rollen"  aufgekauft,  d.  b.  aile  Exemplare, 
deren  man  babbaft  wurde.  Das  Princip  selbst  ist  biermit  scbon 
ausgesprocben  :  es  kam  nur  nebenber  aucb  auf  seltene  Exemplare 
an;  es  kam  an  auf  unbegrenzt  viele  Rollen.  Wenn  Ptole- 
maeos  an  vielen  griecbiscben  Plâtzen  derartige  Massenankâufe  obne 
Wabl  ausfubren  liess,  so  war  die  notbwendige  Folge:  die  einzelnen 
Werke  mussten  sicb  in  dem  alexandriniscben  Rollendepot  zu  Dutzen- 
den,  ja,  zu  Hunderten  von  Exemplaren  aufbâufen.  Es  war,  nacb 
Tzetzes,  ein  koniglicber  Aufwand  :  in  der  Tbat,  ein  Engrosverfabren, 
wie  es  sicb  nur  die  ûppige  Laime  eines  orientaliscben  Despoten  ein- 
fallen  lassen  konnte.  Auf  derselben  Yorstellung  beruben  Bericbte, 
die  sicb  im  Détail  scbon  entstellter  erweisen,  wie  bei  Syncellus  S.  271 
Dale:  ôç  (se.  IlToJiefjkaToç  O^Xciâ,)  nâvroop  'EXXijvfoy  t€  xai  XaX- 
âalœy  AÎYvmitav  re  xaVPùOfAakay  zàç  filfiXovç  cvXls^dfMyoç  xai 
(letaifQÛaaç  tàç  àXXoyXoitîtfovç  sîç  tijv  *EXXccda  yXfiifSiSav  (AVQtàâaç 
fiifiXlœp  î  ané&sto,  Dasselbe  bringen  in  anderer  Fassung  Cbronic. 
Pascb.  S.  326.    Eedren.  S.  165^).     Das  Aufkaufen   der  Rbodiscben 


^)  Vgl.  Qbrigens  Parthey  Das  alez.  Muséum  S.  77. 


492  —  ^'^  Toralexandrinische  Buchweaen.   — 

Bûcher  und  der  Athen's  (ta  ^yi&^ytj&êP  xai  %à  àno  *P6êov)  er- 
wâhnt  Athenaeos  S.  38.  Yiel  weiter  aber  gelangen  wir  nocb  durch 
den  âlteren  Zeugen  Gellius  YII  17;  um  die  Buchsnmme^)  zu  erklaren, 
bericbtet  er,  mit  genauer  Unterscbeidung:  die  Ptolemaeer  batten  die- 
selbe  zusammengebracbt ,  indem  sie  die  Bûcber  theils  einfubrten, 
tbeils  aber  aucb  selbst  berstellten:  mgens  . . .  numerus  Ubrorvm 
a  Ptolemaeis  regibus  vel  conqvmtus  vel  cor^ectus  est,  Dies  Herstellen 
der  Bûcber  ist  natûrlicb  Ton  Abscbriften  gesagt;  zu  ibnen  musste 
aber  die  Yorlage  gleichfalls  in  Alexandria  Torhanden  sein^.  Mit- 
bin  lag  es  gradezu  imPrincip  dieser  ersten  grossen  Bibliotbek,  ein 
und  dasselbe  Werk  in  yielen  Exemplaren  auf  Lager  zu  balten.  Und 
wir  baben  biemacb  gradezu  die  Pflicbt,  jene  grossen  Zablen  aus  Yer- 
yielfâltigung  der  Einzelwerke  durcb  Abscbriften  zu  erkiâren,  fur 
deren  Menge  wir  gar  keinen  Massstab  baben*},  ausser  eben  in  jenen 
Zablen  selbst.  Dass  jedes  Einzelwerk  in  der  Tbat  durcbscbnittlich 
yierbundertfacb  vertreten  sein  konnte,  ist  einestheils  durcb  den 
quaestus,  andemtbeils  durcb  die  confectio  der  Exemplare  am  Ort  bin- 
lânglicb  erklârt. 

Die  Wirkung  jener  Massenkâufe  muss  eine  ungebeure  gewesen 
sein.  Aile  Bucbmârkte  der  griecbiscben  Welt  baben  damais  offenbar 
ibre  Waare  unterscbiedslos  nacb  Alexandria  geworfen.  Das  Angebot 
war  ein  zu  gûnstiges.  Aucb  sollen  Fâlscbungen  nicbt  unterblieben 
sein,  die  der  gebotene  Preis  bervorrief.  Wenn  nicbt  Zweck,  so  war 
es  docb  die  Folge  hiervon,  dass  aile  andern  Plâtze  mit  einem  Mal 
wie  ausverkauft  waren  und  dass  die  jûngste  der  Stâdte  durcb  die 
flotte  kaufmânnische  Opération  ibres  Kônigs  im  Fluge  die  Herr- 
scbaft  im  Buchhandel  an  sicb  riss.  Fleissige  und  kundige 
Griecben  wurden  angestellt,  den  Wust  von  Rollen,  der  zunâcbst  auf- 
gebâuft  lag,   zu  sicbten,  zu   identificiren.     Erst  spâter  folgten  Per- 


')  Die  er  auf  700  000  ansetzt,  wie  auch  Ammian.  Marccll.  XXII,  16. 

')  Denn  es  w&re  unglaublich  und  einfach  der  Textfassuog  zuwider,  wollten 
wir  aDnehmen,  dièses  conficere  libros  sei  in  anderen  St&dten  im  Auflrage 
der  Ptolemaeer  ausgeftihrt  worden. 

^)  Auch  Ritscbl  a.  a.  0.  S.  29  schliesst  aus  dieser  Oelliusstelle  auf  Ver- 
vielfâltigung  durch  Abscbriften,  „fQr  deren  Menge  wir  gar  keinen  Massstab 
haben''. 


—  Princip  der  BQcheranBchaffangen  der  Ptolem&er.  —  493 

gamum  und  Antlochien  mit  gerisgerem  Erfolge  dem  originellen  Beî- 
spiel  der  Ptolemaeer  nach.  Das  Résultat  war:  altère  Schriftsteller 
konnte  in  dem  nâchsten  Zeitraum  kaum  noch  jemand  traktiren  ausser 
auf  Grund  âgyptischer  Exemplare.  £s  scheint,  den  ûbrigen  Platzen, 
insbesondere  Athen,  fehlten  in  yielen  Fâllen  gradezu  die  Bûcher, 
um  ibrerseits  Wiederauflagen  vorzunehmen.  Fur  die  alexandri- 
nischen  ixâà(fêiç  war  —  bis  auf  Rom  —  die  Concurrenz  wegge- 
râumt. 

Noch  einmal  also:  uns  fehlt  jedes  Recht,  den  Grad  der  Yerviel- 
faltigung,  in  der  die  Einzelwerke  yorhanden  waren,  in  unserer  Yor- 
aussetzung  irgendwie  zu  beschrânken.  Die  Tradition  giebt  uns 
freieste  Hand.  Die  Alexandrinische  ^Bibliothek^  entsprach  nicht 
dem,  was  die  Jetztzeit  unter  dem  Namen  yersteht:  sie  war  keine 
Sammlung  von  Werken,  sondem  ein  Bûchermagazin  grôssten 
Stiles.  So  gewiss  sie  sich  durch  yiele  Raritâten  auszeichnete  und 
80  gewiss  Werth  auf  Alter  der  Exemplare  gelegt  wurde^},  so  sicher 
stand  fur  jene  Kônige,  bei  denen  die  Initiative  war,  das  Streben 
nach  einer  ostentativen  Yielheit  der  Bûcher  obenan. 

Das  Machtwort  desjenigen  aber,  der  diesen  kôniglichen  Bûcher- 
lagern  yorstand,  wirkte  unmittelbar:  seit  dieser  Zeit  sahen  sich  die 
Papierfabriken  des  Delta  gradezu  angewiesen,  keine  Buchrollen  ûber 
200  Seiten  herzustellen  (ygl.  S.  341).  Das  Ereigniss  war  so  ein- 
schneidend,  dass  fur  das  Bewusstsein  eines  Mannes  wie  Yarro,  der 
doch  in  den  litterarischen  Traditionen  so  wie  kein  anderer  lebte, 
das  Papyrusbuchwesen  ûberhaupt  erst  von  Ptolemaeos  Philadelphos 
anhob  (s.  S.  50f.)I 

Die  Herstellung  der  neuen  Buchform  in  den  alten  Texten  nâher 
zu  wûrdigen,  liegt  jenseits  unseres  Zwecks.  Nur  an  Weniges  moge 
hier  noch  anhangsweise  erinnert  sein. 

Die  alte  Zeit  unterschied  Werke  gleichen  Titels  nach  dem  Um- 
fange  als  das  grôssere  (grosse)  und  das  kleinere  (kleine)*}.  So 
râumlich   gemeint  sind  der  ^AJbufièciâ^ç  o  fJtsiCùifV  Plato's,  'HQaxX^ç 


*)  Daf&r  ist  Beleg    der  Bericht   Tom   Erwerb    des  Aiheniachen   SUats- 
exemplares  der  Tragiker  und  der  BQcher  ix  nloitay. 

^  VgL  VaL  Rose,  De  Aristotelis  libr.  ord.  S.  89  f. 


494  —  ^'^  Toralexandrinische  Bachwesen.  — 

ô  lAsil^tav  des  Antisthenes,  der  zweite  ngoQQfinxoç  o  /t*€^c«y  des 
Hippokrates,  nicht  anders  die  ^iXuxç  fitXQcc  (spâter  4  Bb.),  der  fèê/àç 
und  fAixQOÇ  âtâxocfioç  des  Demokrit^},  und  auch  die  Hesiodtitel 
^Egycc  fjtsydXa  und  ^Hotat  fisydXai  kônnen  noch  aus  dieser  âlteren 
Zeit  herrûhren.  Die  Adjektiye  sind  ein  Hioweis  auf  die  Rollen- 
stârke;  die  jûngere  Zeit  machte  diesen  Zusatz  darum  nicht  mehr 
zum  Werkganzen,  sondern  nur  zu  den  Einzelbûchem  :  so  Boch  a 
[léï^ov  und  elaxTOV  der  Metaphysik,  xo  âevregoy  tuqI  vovctav  «• 
IkéïCov  (2212  Verse)  imd  xo  lAtxQOxsQoy  (800  Yv.)  des  Hippokrates. 
Dadurch  erklârt  sich  die  scheinbare  Paradoxie  der  ^Hâ-^xà  fàiXQà 
und  ^Hâ'txà  (jbêyccXa  NixoiAccxBta,  Die  zwei  Bollen  der  grossen 
Ethik  waren  in  der  That  jede  noch  einmal  so  stark  als  eine  der 
^ehn    der   kleinen    Ethik.     Und   weiter   waren   zwar   die  Analytica 

f  ^^ 

priera  doppelt  so  lang  als  die  posteriora;  Diogenes  verzeichnet  gleich- 
wohl:  IJçoxéQùùy  ayaXvxixœv  cc'fi'yâ^s^^Çfj',  ^AvaXvxax&v  /»«^o- 
X(ûv  afi'i  man  sieht:  neben  den  acht  xgMJgiaTa  der  ersteren  (s. 
S.  454)  zu  je  ca.  400  Zeilen  hatten  die  letzten  zwei  Roilen  es  leicht 
fur  „gro8S^  zu  gelten. 

Dies  fuhrt  auf  die  Theilung  in  T(Aiî(Mcxa,  die  sich  fast  nur  bei 
Yoralexandrinischen  Texten  vorfindet.  Allemal  ist  hier  x/Â^fMX  nicht  ein 
Buch  (xôiioçjj  sondem  ein  Theil  eines  solchen').  Das  Wort  ^Aiis- 
schnitt"  besagt  ohne  Zweifel,  dass  man  die  Relie  noch  weiter  in 
kleinere  Stûcke  zerschnitt®).  Der  geringe  Umfang  dieser  Rollenaus- 
scbnitte  kann  neben  den  Parva  Naturalia  nicht  befremden,  die  doch 
gleichfalls  zusammen  eine  Texteinhcit  bilden.  Es  traf  dies  Zer- 
schnelden  aber  grade  nur  die  gebrauchtesten  Bûcher  des  Aristoteli- 
schen  Organon^s  und  des  Hippokrates  ^)  ;  das  Nachschlagen,  Memo- 


»)  Vgl.  Diels,  Verh.  der  35.  Philol.  Vers,  zu  Stettin  S.  101. 

^)  Erst  die  spâteste  Zeit  scheint  T/n^fÀa  ftlr  rôfioç  su  setzen;  Hesjdi 
oben  S.  25;  vgl.  S.  324. 

^)  Dies  besULtigen  die  xfjififÀara  Diodor's,  oban  S.  332. 

*)  De  interpretatione  bat  4  TfA^/naTa  zu  141,  261,  141,  226,  110  Tr. 
Anal,  priera  I  drei  ungleicbe  zu  2044,  414,  617  (rgl.  abor  oben  S.  4M)' 
Hippokrates'  Epidem.  I  bat  drei  zu  ca.  80,  430,  349,  III  bat  zwei  zu  86, 198 
und  Anbang  zu  315;  Epidem.  II  bat  secbs  zu  je  ca.  160;  IV  bat  acbt  zu  je  14& 
Dazu  kommen  nocb  die  Apborismi  mit  sieben  zu  99,  154,  161,  220,  220, 147, 


—  fiipXitt  fÀfyâla,  fnxçâ.  TfÂ^ftara,  Buchgrôsse  des  Drama's.  —      495 

riren    uod  das  Beisichtragen   hat  dadurch  muthmasslich   erleichtert 
werden  soUen'). 

Im  Uebrigen  ist  anzunelimen,  dass  sich  die  spâter  gultigen,  in 
unserm  sechsteii  Abschnitt  zusammengestellteD  Buchmasse  in  der 
Elallimacheischen  Aéra  fbdrt  haben;  eben  damais  erst  schied  sich 
das  Gedichtbuch  principiell  Yon  dem  der  Prosa.  Dass  diese  Scheî- 
dung  auf  Reflexion  des  Geschmackes  beruhte,  ist  kein  Zweifel.  Doch 
wirkte  ein  âusserer  Umstand  gewiss  mit  ein.  Ein  Normalmass  fur 
das  Gedichtbuch  besass  ja  schon  Athen  im  Drama.  Die  Dramen 
ergaben  Einzekollen  zu  hôchstens  1880  Versen'):  Gegen  600  tra- 
gischen,  mehr  aïs  1500  komischen  Stils  kamen  davon  nach  Alexan- 
drien.  Ihr  Mass  war  ursprûnglich  ein  Zeitmass  und  die  Dauer  der 
Auffuhrungen  hatte  die  Buchgrôsse  yerursacht.  Sie  wurde  nun  adop- 
tirt,  dabei  aber  noch  weiter  auf  1100  und  1000  Verse  zurûckge- 
gangen.  In  des  Apollonios  Rhodios  vier  YoUeren  Bûchem  aber 
mit  1362,  1288,  1406,  1779  Versen  erblicken  wir  eme  direktere  An- 
lehne  an  die  Rollen  des  Drama^s  und  eine  Yorstufe  der  bald  imd 
schon  beim  Kallimachos  gûltigen  Norm.  Dasselbe  scheint  fur  Lyko- 
phron  noch  glaublicher.  Denn  dieser  Ordner  der  attischen  Dramen, 
der  im  Verse  des  Dramas,  mit  Glossen  des  Dramas  seine  Kassandra 
arbeitete,  ist  gleichfalls  zu  der  sonst  nur  dem  Drama  concedirten 
Summe  von  1474  Versen  gelangt.  Aehnliche  wurden  im  Pindar  her- 
gestellt  und  im  Theognis*}. 


240  Vt.  Die  Separattitel  der  r/iif/iocra  zeigen  Ofiers  garnicht  ihren  GeBammt- 
iohalt  an,  sondera  nur  den  ihrer  ersten  Zeilen:  so  Epîd.  II  TfAfifAU  4  nfgl 
iXificjyf  5  und  6  <fva&oy»'tafnxâ;  Gfters  ist  auch  unsachgom&ss  cingeschnitten 
(Ermerins  Hippocr.  I  S.  CX). 

^)  Wenn  man  sie  auch  x€*fâlaia  nannte  (oben  S.  157),  so  sei  dafAr  an 
die  xiifâlata  der  Odyssée,  oben  S.  445,  erinnert. 

')  Im  Oedipus  Coloneus.  Dass  die  Dramen  EinzelroUen  blieben,  zeigt 
sehr  deutlich  der  Singular  Tfjay^dia  bei  Alexis  oben  S.  446.  MOglicherweise 
schrieb  man  sie  aber  ausserdem  auch  iç  grosse  Rollen  zusammen. 

^)  Vgl.  S.  440  f.  Nur  des  Lukres  gprosse  Verssummen  bleiben  hiemach  noch 
unerkl&rt  (s.  S.  293).  Wir  werden  nrgiren  mQssen,  dass  der  Dichter  sie  nicht 
selbst  edirte,  dass  cr  nur  die  Brouillons  f&r  jedes  Buch  hinterliess;  die  Unordnnng 
des  Textes  best&tigt  dios  noch  vielflUtig.  Jene  Brouillons  hatten  nun  gewiss 
Tiel  UeberschQssiges  geboten  (Entwûrfe  Ton  Gedichten  pflogen  zu  breit 


496  —  ^'^^  voralezandrinÎBche  Bacbwesen.  — 

Auch  hernach  blieb  jedes  Drama  ein  Buch').  Wenn  gich  die 
Bûcher  des  Plautus  zwischen  730  und  1437  Yersen,  die  Seneca^s 
zwischen  1012  und  1344  Yersen')  bewegen,  so  folgen  sie  darin  ihren 
attischen  Yorbildern.  Offenbare  Sorgfalt  yerrath  Terenz,  der  die 
Zabi  1100  nicbt  Qberochreitet.  Doch  erzeugten  die  tragirenden 
Dilettanten  der  Eaiserzeit  auch  Lesedramen  monstrôsen  Umfiuigs: 
der  Oetâische  Hercules  kommt  kaum  beim  zweitausendsten  Verse 
zur  Ruhe,  und  seine  nachsten  Yerwandten  sind  jener  ^^uigeheure* 
Telephus  und  jener  Orest  beim  Juvenal  (I  5),  der  noch  nicht  za 
£nde  war,  als  schon  der  obère  Rand  und  der  Rûcken  der  Rolle  yoII 
Yersen  stand. 

Nur  ein  Dramatiker  des  Alterthums  differirte  Yon  der  herkômm- 
lichen  Buchform  in  eigenthiîmlicher  Weise.  Es  ist  Epicharm.  In 
Athen  batte  man  seine  Stûcke  Tielleicht  zusammen  als  ein  grosses 
Buch  gelesen');  anders  die  Spâteren.  Apollodor  Ton  Athen  vertheilte 
dieselben  nach  des  Porphyrios  Zeugniss^}  auf  zehn  TOfWi.  Es  scheint 
in  hôchstem  Masse  fragwiîrdig,  warum  gerade  nur  diesen  Komôdien 
ihre  Selbstandigkeit  nicht  belassen  worden  ist,  und  man  wird  sich 
dem  Schluss  schwerlich  entziehen  kônnen,  dass  die  Bûhnenspiele 
dièses  âltesten  der  Eomôden  um  vieles  kûrzer  als  die  eines 
Aristophanes  waren.  Auch  wird  eine  annâhemde  Taxirung  des 
GrôssenYerhâltnisses  nicht  zu  kûhn  scheinen.  Um  innerhalb  der 
Analogie  zu  bleiben,  dûrfen  jene  poetischen  %6fio$  nicht  stârker  als 
zu  1500  Yersen  angesetzt  werden;  waren  nim  35  Stûcke  ihr  Inhalt*), 


auszufallen;  man  denke  nar  an  das  Beispiel  Schiller's),  und  Cicero,  da  er  nichts 
wegwerfen  mochte,  musste  eich  schon  entscbliessen ,  eu  6  ProsabnchroUen  m 
greifen,  um  den  Nachlass  complet  unterzubringen. 

^)  Vgl.  z.  B.  Lukian  58,  19  ein  Buch  des  Euripides;  fiifikot  'AçtCTo<fây{vç 
bel  Antipater  Anth.  Pal.  IX  18G;  pùfikn  des  Sophoklcs  AnthoL  FaL  IX  98; 
pifikoç  Mivâvâqov  Ariatides  Uq.  kôy.  I  S.  285. 

^)  Die  kûrzeren  PhOnissen  sind  Excerpt;  s.  Rhein.  Mus.  XXXIV  S.  517  £ 

»)  S.  oben  S.  446. 

*)  Wenn  Porphyrios  (rita  Plot.  24)  hiermit  seine  Plotinenneaden  rer- 
gleicht,  80  kann  das  tertium  dièses  Vergleiches  nur  in  der  Zusammenordnong 
mehrerer  selbst&ndiger  Schriflen  zu  einer  Einheit  liegen,  einerlei,  wie  dièse 
Einheit  beschaffen  ist;  t6/hoç  kann  hier  wie  ûberall  nur  die  Rolle  sein. 

^)  So  viel  Titel  sind  Qberliefert.  Die  ^^ivdémxôçfÀita  kommen  nicht  in 
Betracht. 


—  BuchgrOsse  des  Drama's.     £picharm.  —  497 

so  betnig  jedes  Stùck  besten  Falls  etwas  ûber  400  Zeilen,  mÔglicher- 
weise  noch  weniger.  Dièse  Schâtzung  wird  vielleicht  manchen  nicht 
befremden.  Es  ist  glaublich,  dass  der  dialogische  Schwank  des 
Dorier's,  kurz  und  kurzweilig,  von  seinen  Nach-  und  Weiterbildungen 
auf  der  Festbûhne  Athènes  an  Ausdehnung  um  Wesentliches  ûber- 
troffen  wurde,  dass  er  sehr  viel  einfacher  in  der  Anlage  und  dûrf- 
tigeren  Inhalts  war.  Yor  allem  darf  man  bezweifeln^  dass  er  schon 
den  massiven  Schmuck  des  Chorgesangs  besessen  habe,  der  die  Akte 
sondert'). 

So  hat  die  Litteraturwissenschaft  die  Eintragung  der  grossen 
Classiker  in  die  von  ihr  geschaiFene  jûngere  Buchform  durchgefuhrt. 
Schon  der  Zeit  eines  Varro  ist  dann  wie  aller  Folgezeit  die  Erinne- 
rung  an  das  ursprungliche  Grossrollensystem  vollstandig  entschwunden. 
Die  wenigen  grossen  Homerconvolute ,  die  als  einsame  Zeugen  von 
ihm  das  ganze  Alterthum  ûberdauerten  (S.  444  f.),  haben  doch  an- 
scheinend  die  Achtsamkeit  keines  Gelehrten  zu  historischen  Schlûssen 
ûber  das  Buchwesen  angeregt  und  auch  der  Gebildete  ûbertrug  in 
seiner  Vorstellung  auf  jene  erste  griechische  Publicistik  unbedenklich 
die  Gewohnheit  der  Gegenwart*). 


^)  Aehnlich  wie  Epicharm  ging  es  den  Arîstotelesbriefen  ;  Hermipp  ver- 
zeichnete  sie  noch  mbnobiblisch  als  20  Briefe,  entsprechend  Andronikos  als 
20  Bficber  Briefe  (Ptolem.  N.  90)  ;  Ton  Artemon  aber  (Qber  den  s.  Heitz  S.  284) 
warden  sie  eu  8  Bûchern  zusammengefasst. 

')  HierfUr  ist  die  Légende  von  der  Homerrecension  des  Pisistratos  wohl 
das  beste  Exempel;  der  &lteste  Zeuge,  Cicero  (de  or.  III  137),  sagt  Ton  ihm 
primus  Ilomeri  lihros  confusos  antea  sic  disposuisse  dicitur  ut  nunc  liobemus; 
also  schon  ror  Pisistratos  bestand  hiernach  unsere  Buchtheilung  und  ihre 
Reihenfolge  war  nur  in  Unordnung  gekommen!  Die  griechischen  Fassungen 
der  Sache  reden  minder  conkret  Ton  avyayny,  à&QoiÇéiy  der  tfnanaafÂêya  ; 
sie  aile  geben  auf  das  Ëpigramm  Anthol.  Pal.  XI  442  zurQck  (s.  Welcker  Ep. 
Oycl.  I  S.  381»  Nutzhorn  a.  a.  O.,  Volkmann,  Qesch.  der  Wolf'schen  Prolego- 
mena  S.  354);  TÎelleicht  hat  Cicero  den  Bericht  desselben  selbst&ndig  specialisirt; 
Aristarch  und  die  wissenschaflliche  Homertraktation  ist  Ton  ihm  unberûhrt.  — 
Vgl.  noch  oben  S.  433,  4.  445,  5. 


Birt,    Baehwesen.  32 


s  c  11  1  n  s  s. 


Uie  Geschichte  des  Buchwesons  ist  ein  Theil  der  Cultairgescbichte. 
Einem  Ruckblick  bis  in  das  dritte  Jahrtausend  der  Vorzeit  und  auf 
die  klassischen  Anfânge  unserer  Ciiltur  zeigen  Beide  die  gleiche 
Continuitat  und  gemeinsame  Wendepunkte. 

Den  Zeitgeist  der  Gegenwart  scheidet  vom  Mittelalter  die  Re- 
naissance Italiens  und  der  deutsclie  Protest  gegen  Hiérarchie  und 
gefôlschtes  Dogma.  So  scheidet  der  Buchdruck  das  mittelalterliche 
von  dem  modernen  Buchwesen. 

Das  mittelalterliche  Gulturleben  wurde  zum  Gegensatz  des  antiken 
durch  die  Décentralisation  des  Reiches  kraft  junger  Nationalitâten, 
durch  die  Umbildung  der  Gesellschaft  kraft  christlicher  Kirchenform. 
So  stehen  auch  der  scholastische  Codex  und  die  Rolle  der  Antike  in 
Gegensatz. 

Die  classische  Cultur  selbst  aber  ist  eine  zweitheilige  und  das 
Alterthum  der  kleinen  griechischen  Republiken  geistig  ein  anderes 
als  das  spâtere  der  Militarraonarchien.  Gleichzeitig  hiermit  haben 
sich  innerhalb  des  classischcn  Bucbwesens  GrossroIIensystem  und 
Kleinrollensystem  abgelôst. 

Dièse  Coincidenzen  bat  nicht  blosser  Zufall  vermitteit,  sondera 
die  buchbedingende  Litteratur,  die  in  ihrem  Wandel  der  bedeutendste 
und  der  echteste  Ausdruck  aller  Culturen  ist. 

Renaissance  und  Reformation  sind  Darstellungen  des  einen 
wissenschaftlichen  Geistes,  der  in  jenem  Zeitalter  der  Verjûngung 
taghell  sich  entzûndet  hatte.  Kenntniss  der  alten  Autoren,  Lesefleiss 
und  Bi'icherliebe  waren  seine  Nahrung,  die  regsamste  Publicistik  das 
Médium  seiner  Wirksamkeit.  Das  in  allen  Schichten  betheiligte 
Publikum  zu  befriedigen,  half  damais  die  wundervolle  Erfindung  der 


—  Scbluss.  —  499 

eisemen  Geschwindschrift,  eines  mechanischen  Copierverfahrens,  durch 
welcbes  der  Codex  zu  etwas  wesentlich  Neuem  wurde  und  den  Typus 
des  eniinent  Modemen  erbielt. 

Im  Alterthum  waren  die  Grenzen  der  Cultur  anfangs  mit  denen 
des  hellenisclien  Volkes,  hernach  mit  denen  der  rômischen  Staatseinheit 
zusammengefallen ,  und  das  Buchwesen  war  fur  dièse  Centralisation 
der  Welt  wie  ein  Symbol  gewesen:  denn  allein  der  Nil  lieferte  der 
TÔlkerreicben  ibre  Bûcher.  Da  das  Mittelalter  anhub,  die  Cultur 
sicb  nach  Norden  zu  wenden  und  um  mehrere  Centren  zu  sammeln 
begann ,  fand  sicb  fur  die  nun  unbraucbbare  alexandriniscbe  Rolle 
ein  Ersatz  durcb  die  siegreicbe  Tradition  der  christlicben  Kirche  und 
der  Kloster,  welcbe  vor  jener  den  allerorts  fabricirbaren  Pergament- 
band  TOn  frûb  an  bevorzugt  batte. 

Weilen  wir  endlich  und  zum  letzten  Mal  bei  Romem  und 
Griecben.  So  wie  die  ganze  nacbconstantiniscbe  Zeit  das  Bucb 
beftet,  kennen  beide  Perioden  des  alten  Bucbwesens  nur  ein  Bucb- 
princip:  Plutarcb  und  Arrian  rollten  ibre  Scbriften  nicbt  anders  als 
Plato  und  Xenopbon. 

Jedes  Volk  in  seiner  Cultur  ist  Produkt  seines  Landes.  Nicbt 
nur  Nabrung,  Kleidung  und  Haus  gab  Hellas  dem  Hellenen  ;  es  gab 
ibm  den  Tbon  zu  Gefâssen,  Metalle  zu  Scbmuck  und  Gerâtbscbaft, 
den  scbônsten  und  bildsamsten  Stein,  um  die  Stadte  mit  Tempeln 
und  die  Tempel  mit  Bildsâulen  scbmùcken  zu  lemen;  es  gab  ibm 
fur  seine  Musik  so  Flôte  als  Saitenspiel.  Fiir  die  Publicistik  bat 
sicb  der  Griecbe  nicbt  an  den  Fellen  der  beimiscben  Heerden  gè- 
nûgen  lassen.  Wie  Purpur  und  Elfenbein  kaufte  er  auch  seine  Biicher 
von  dem  Fremden.  Hierin  spricbt  sicb  aus,  dass  wenigstens  fur 
die  altère  Zeit  die  Litteratur  ein  Ausâuss  des  Luxustriebes ,  das 
Lesebuch  eine  Kostbarkeit  war. 

Allein  der  Mittelpunkt  des  griecbiscben  Lebens  verschob  sicb 

voUstândig,  die  Fremde  selbst  wurde  griecbiscb  und  das  Bucb  verlor 

damit  den   frùberen  Wertbcharakter.     Eonnte  der  Hausbedarf,  fur 

den  Aegypten  anfangs  allein  fabricirte,  nicbt  allzugross  sein,  so  bat 

sicb,  je  mebr  Hauptstâtten  menscblicber  Cultur  seit  der  Adoption 

des  Bucbs  durcb  Milet,  Syracus,  Atben  an  dem  griecbiscben  Eunst- 

leben  betbeiligt  wurden,  mit  dem  Ëintritt  Yon  Alexandria,  Pergamum 

32* 


500  —  Schluss.  — 

und  Antiochia,  mit  dem  Eintritt  Roin's  in  die  Weltlitteratur  auch 
der  Buchexport  Aegyptens  nothwendig  wunderbar  ausgedehnt,  bat 
sich  Nachfrage  und  Fabrikation  zugleich  stufenweise  bis  in  das  Un- 
gemeine  gesteigert.  Man  detaillire  sich  einmal  die  Unzahl  unterge- 
gangener  litterarischer  Produkte  mittelguter  und  schlechtester  Art. 
die  im  Hintergrunde  des  uns  Erhaltenen  liegen,  die  Unzahl  von 
Editionen,  die  nur  seit  der  Zeit  eines  Atticus  bis  zu  den  Antoninen 
auf  romisch-alexandrinischem  Bûchermarkt  gemacht  worden  sind; 
man  verallgemeinere  sich  den  Zufall,  der  uns  in  die  Privatbibliothek 
eines  Campanischen  Kleinstâdters  Einblick  gewâhrt  und  einen  Wust 
schlechter  Biicher  philosophischer  Branche  kenuen  gelehrt  hat,  ver- 
gesse  dabei  vor  allem  auch  nicht  der  ebenso  schlecht  wie  gem 
schreibenden  Mediciner  ^),  and  man  wird  iiber  den  Riesenumfang  der 
Papierindustrie  staimen  mûssen,  die,  auf  die  wenigen  Plâtze  des 
Nildelta  monopolisirt,  jener  enorm  leselustigen  Welt  dasselbe  lieferte, 
was  Deutschlands  zahlreiche  Papierfabriken  dem  deutschen  Bûcher- 
markt. Seit  dem  Auf  blûhen  Alexandria's  hat  die  Papyrusrolle  Kost- 
barkeit  zu  sein  definitiv  aufgehôrt  und  ist  zu  einem  der  wesentlichcD 
Merkmale  der  alten  Cultur  geworden. 

Zwei  Zeitcharaktere  erfûUen  das  Alterthum  mit  ihrem  Gegen- 
satz,  das  Angesicht  des  einen  blûhend  und  jugendlich,  gross  und 
frei,  das  des  spâteren  blasser,  feiner  und  kliiger,  doch  minder  edel. 
Aeusserlich  ist  es  der  Gegensatz  freier  bùrgerlicher  Selbstverwaltung 
und  absoluter  Monarchie,  innerlich  das  verschiedene  Verhâltniss  von 
Pflicht  und  Genuss,  das  im  Lebcn  des  Einzelindividuum  statthatte. 
Die  griechischen  Republiken  in  ihrem  Kampfe  gegen  Persien  und 
ihrer  engen,  doch  so  reichen  Entwicklung  zeigen  den  Einzelmeuschen 
hingenommen  von  dem  gemeinsamen  Staatsgedanken,  dessen  Trâger 
er  mit  war  und  aus  dem  ihm  seine  Aufgaben  tâglich  flossen;  wie 
seine  Seele  in's  Oeffentliche  gerichtet  war,  blieb  sein  Privatleben 
einfach  und  bei  allem  Wohlstand  in  den  Grenzen  eiuer  krâftigen, 
schlichteren    Natur.      Die    romische    Kaiserzeit    benimmt,    hiezu   im 


*)  Wie  de  aqua  frigida  beim  Martial,  jenes  Eallimorphos  (obeo  S.  83;  103\ 
jenes  Hermogenes  zu  Smyrna,  von  dessen  Schriftenkatalog  uns  zuf^llig  eine 
Inschrift  Kunde  giebt  (C.  J.  G.  3311)  oder  jener  anderen  â.rztlichen  fii^lm, 
von  denen  abermals  eine  Inschrift  meldet  (Kaibel  N.  853). 


—  Scbluss.  —  501 

schroffsten  Gegensatz,  dem  Einzelnen  die  veredelnde  ôffentliche  Pflicht 
und  wirft  ihn  ganz  in's  Privatleben  zuriick;  Energie  und  Intelligensr 
ist  nun  lediglich  auf  die  Ausbildung  des  Privatlebens  beschrânkt,  und 
zum  Lebensinhalt  wird  der  Genuss,  sei  es  ira  gemeinen  Sinne  oder 
geistdg  als  Selbstvertiefung  des  Denkenden;  jede  Aeussening  des 
Spieltriebes  in  Sinnlichkeit  und  Méditation,  in  Leichtsinn  und  Tief- 
sinn  trâgt  den  Charakter  des  Behagens  und  der  Selbstpflege.  Der 
Comfort,  einst  der  bescheidene  Rahmen  eines  grossen  Bildes,  yer- 
breitert  sich  in  dem  nâmlichen  Grade  als  das  Bild  kleiner  geworden  ist. 

Wo  liegt  die  Grenze,  an  der  sich  beide  Zeitcharaktere  beriihren? 
Die  Anfânge  des  Geistes  der  rômischen  Kaiserzeit  liegen  ihr  selbst 
weit  voraus;  sie  ist  nur  die  lateinische  Uebersetzung  der  Monarchien 
zu  Alexandria  und  Antiocbien,  der  Hof  Rom's  und  Rom's  Gesellschaft 
in  ihren  geistigen  Grundiagen  nur  eine  modificirte,  gesteigerte  Wieder- 
holung  des  hellenistischen  Residenziebens  seit  Alexander  dem  Grossen. 
Das  Altertbum  zerfôllt  in  Hellenentbum  und  asiatisch- rômischen 
Hellenismus. 

Der  Litteratur  wie  der  Kunst  prâgte  dieser  Hellenismus  einen 
leicht  kenntlichen,  ihm  eigenthiimlichen  Stempel  auf,  der  sich  auch 
in  der  Kaiserzeit  bewahrt  hat:  anmuthige  Sinnlichkeit  statt  starker 
Gedanken,  ein  Sieg  des  Individuums  iiber  das  Allgemeine,  die  Vor- 
liebe  fur  kleine  Gegenstânde  und  kleine  Formen,  kurz  was  die  Poetik 
Alexandrinismus  zu  benennen  pflegt. 

Den  Uebergang  des.Hellenenthums  zum  Hellenismus  markirt  im 
Buchwesen  die  Abschaffung  des  GrossroUensystems  und  die  Durch- 
fuhrung  kleiner  Rollen.  Dies  war  Wirkung  des  Triebes  nach  Comfort 
imd  geschah  im  Interesse  des  Lesers  und  Buchbesitzers.  Rollen 
auch  nur  mittlerer  Lange  waren  zu  schwerfâllig,  ihre  Handhabung 
unbequem  und  stôrend  ;  ihr  Umfang  wurde,  wâhrend  unser  geheftetes 
Buch  bis  tausend  Blâtter  zu  halten  vermag,  auf  zehn  bis  hôchstens 
zweihundert  Blâtter  herabgesetzt. 

Dièse  Neuerung  war  fiir  die  Schriftstellerei  folgenschwer.  Ein 
Thukydides  und  Plato,  durch  irgendwelche  Buchgrenzen  nicht  be- 
hindert,  hatten  die  Materie  wie  die  heutigen  Schriftsteller  frei  nach 
den  ihr  immanenten  Bedingungen  gestaltet.  Der  ganze  Hellenismus 
dagegen  gehorchte   dem  Raumzwange  der  Rollenkleinheit   und   sah 


502  ""  Scbluâs.  — 

sich    nicht   allein   zu   schârferer   Souderung  der  Dispositionsglieder, 
soudern  auch  zur  râumlichen  Ausgleichung  ihres  UmfaDges  angehalten. 

Die  Buchkleinheit  iind  die  Buchtheilung  ist  eine  der  Haupt- 
wirkungen  de8  Alexandrinismus  in  der  alten  Litteratur.  Die  Grosse 
des  Eiiiûusses  aber,  den  sie  gehabt,  muss  jeden  in  Erstauneu  setzeu. 

Dass  auch  zufallige  Uinstânde  oftmals  und  im  besten  Sinne  auf 
die  Kunst  inliuiren,  ist  freilich  bekannt;  Malerei  und  Skulptur  com- 
poniren  hâufig  fur  eng  und  eigenthûmiich  umrabmte  Flâchen  und 
sehen  sich  dadurch  zu  neuen  geistreichen  Combiuationen  angeregt; 
dièse  Kiinste,  die  sich  im  Raum  darstellen,  werden  der  Zufalligkeit 
des  Raum  es  mit  Recht  ausgesetzt.  Das  Wort  dagegen  ist  so  raumlos 
wie  die  Musik  und  nur  in  der  Zeit  bat  es  seine  Ausdehniing.  So 
lange  die  Schrift  fehlte,  batte  das  Gedâchtniss  die  bomerischen 
Gesânge  zu  ûberliefern  genûgt;  als  sie  binzukam,  war  sie  nichts 
weiter  als  die  Kriicke  des  Gedâcbtnisses.  Schrift  ist  nicht  mehr  als 
im  Raum  krystallisirter  Schall  und  Gedanke,  der  sogleich  wieder  in 
die  Zeit  ausfliesst,  wenn  ihn  das  Auge  des  Lesenden  berùhrt. 

Eben  darum  gelten  ims  Gedichte  als  tadelnswerthe  Ausartiingen 
der  Poésie,  die  wie  die  Technopaignia  der  Alexandriner  vom  Raume 
ihr  Gesetz  hemahmen  und  bald  die  Gestalt  eines  Flûgels,  bald  eines 
Altares,  einer  Syrinx  aus  Versen  zusammensetzten.  Doch  bat  ihr 
Princii^  eineii  classischen  Vorlâufer  werthvollster  Art  in  der  Dicht- 
gattuug  des  Epigramms  gehabt:  deun  die  Râumlichkeit  des  \Vortes 
gehôrt  geradezu  zum  Begriffe  des  Epigramms,  und  die  Begrenztheit 
der  Schreibflâche,  Gedankenschârfe  fordernd  in  karger  Rede,  war 
hier  massgebend  fiir  die  Erlindung  des  Dichteuden. 

Ist  nun  nach  seiucr  Analogie  die  gauze  belleuistiscbe  Litteratur 
beherrscbt  wordeu  durch  die  Raumrùcksicht,  so  verriith  uns  die  Art, 
wie  der  Zwang  von  ihr  in  der  That  bewâltigt  wurde,  eine  ausser- 
ordentlicbe  Steigeruug  des  Formsiunes  bei  den  Alten.  Pflegeu  doch 
die  wenigsteu  ueueren  Léser  ibrem  Texte  den  Aulass  seiuer  Buch- 
theiluug  anzumerken. 

Und  so  bat  das  Beispiel  dieser  Buchtheilung,  auch  missver- 
standen,  noch  auf  die  nachclassische  Publicistik  bis  zur  Gegenwart 
in  wohlthâtigster  Weise  fortwirken  konneu. 


Znsâtze. 


S.  18.  Man  sitzt  beim  Lesen;  Tgl.  anter  aDderm  noch  Constitutiones 
Apostolorum  I  5  (Concil.  coll.  Bd.  I  S.  277)  xad-tÇo/uéyoç  tyâov  àyayiyytoaxe 
roy  yôfAoy. 

S.  23.  Libellas  steht  ftlr  das  Prosabuch  auch  bei  dem  2llteren  Seneca, 
ControT.  II  praef.  fia. 

S.  29.     Schon  Athenaeos  S.  365  £  braucht  aùyygafÀfda  fûr  fitpUoy, 

S.  33.  Die  Rollen  wurden  auch  im  Ranzen  (n^Qu)  mit  herumgetragen; 
Lukian  14,  9;  Philostrat  vit.  soph.  p.  270.  Zu  Bûndeln  wurden  aie  wobl  be- 
sondera  nur  zum  Zweck  des  Verschickens  (vgl.  S.  352,  362)  zusammengebunden; 
vgl.  Horaz  Ep.  I  20,  13  ad  librum:  v  indus  mitteris  lier  dam. 

S.  43.  Ëinen  scbônen  Beleg  dafQr,  wie  weit  man  entfernt  war,  corpus 
mit  codex  identisch  zu  brauchen,  giebt  Rufin  (bei  Origenes  éd.  Lomm.  XXV 
S.  395),  wenn  er  sagt:  Sancti  Cypriani  martyris  solet  omne  episiolarum  corpus 
in  uno  codice  legi. 

S.  54.  Dass  die  Membrane  zur  Zeit  Galen's  besonders  in  Pergamum 
gebraucht  wurde,  erkellt  vorzûglich  aus  dem  im  Zusatz  zu  S.  60  AngefQhrten. 
£&  sckeint  sich  daraus  zu  ergcben ,  dass  Texte  auf  Pergament  ausser  in  Per- 
gamum damais  noch  selten  vraren. 

S.  57.  Dièse  dtqd-ÎQfa  fur  Notizen  waren  auch  in  den  Rhetorenschulen 
im  Gebrauche;  die  streitlustigen  jungon  Leute  schleudern  sie  einander  an  den 
Kopf  beim  Libanius  I  S.  238  R. 

S.  60  f.  Mit  der  inschriftlichen  Stelle  und  der  des  Persius  lâsst  sich 
noch  die  folgende  des  Galen  vergleichen  (XVIII  2,  S.  630  K):  u  dt  ovxén 
To  ptfikioy,  àkV  oi  fiéTttyçâffoyitç,  !j  (lies  oï)  hoifÂiaç  tîç  ontQ  ày  aùrol  fiov^ 
XfjS^waê  ôudi^ctyjo  lûjy  7içécpvTi()a)y  yçaifuç,  ^dtj  aoi  diit/ui.  nyèç  juty  yàç 
X€ti  Ttayu  najixeivjy  ^tfikiœy  àvtvQtiy  icnovdamty  tiqo  rçutxoaiiûy  irîjy  ysyQttfd' 
fxiytt,  rà  fiiy  fyoyriç  iy  rolç  ^t^kiotç,  rù  di  iy  xolç  yàçrairÇ,  rà  di  iy 
duct^oQotç  qêXvQaiç  ijiant^  rà  naq'  tifÀÏv  iy  Uéçyâ/uw.  Der  Schluss  ist  Ton 
Cobet  (Mnemos.  VIII  S.  435)  évident  so  yerbessert:  iy  dK^^éça^ç  àitméo  rà 
xtL,  Marquardt  (Privatalterth.  Il  S.  399)  will:  iy  dtff&iQiyaiç  (f^Xvçatç.  Znm 
Verstândniss  dieser  Stelle  ist  yéyQtt/ufiira  als  ^Text**  vom  fitfiÙoy  als  Tr&ger 
desselben  zu  sondern.  Die  neueren  Schreiber  tragen  also,  wie  es  hier  heisst, 
die  Schrift  des  alten  Hippokrates  in  BQcher  ein  von  jedweder  Buchform,  die 
ihnen  beliebt  (èlç  onsç  ây  fiovktj&vjai);  es  wird  fortgefahren  :  ^denn  Manche 
gaben  sich  Mûhe,  die  vor  mehr  als  300  Jahren  geschriebenen  Texte  sehr  alter 
Bûcher  zu  finden,  und  bewahren  dièse  Texte  auf  {^x^ynç)  bald  in  Bachrollen, 


504  —  Zusâtze.  — 

bald  auf  blosser  Charta  ohne  die  obligate  Rollenform  (aUo  etwa  schedae;  vgl. 
S.  229,  2) ,  bald  auch  auf  Membrane ,  wie  die  Texte  bei  uns  in  Pergamum". 
Man  bcachte,  dass  nicbt  œaniQ  ai,  sondem  taoTiêQ  rù  naç'  rjfÀlv  gclesen  wird. 

S.  91.  FQr  Ttvxoç  aU  ^Buchbehâlter"  wird  eine  weitere  Stûtze  aus 
Xenophon  gewonnen,  der  in  der  Anabasiâ  VII  6,  14  erzâhlt:  tvçiaxoi^o  .  . 
nokXat  àt  fiipkoi  yêyçce/ufiét'at  xai  rakla  noXXà  oca  Iv  ^vXivoiç  revj^iat 
ravxiijçoi  ccyovaty. 

S.  98.  Zur  Zeit  Uipian'd  schrieb  auch  Serenus  Sammonicus  f&r  Papyrus- 
rollen  {teneris  exporte  papyrU  v.  10;  vgl.  imcribù  cartae  v.  936). 

S.  99.  Schon  in  der  zweiten  HlUfle  des  zweiten  Jahrhunderts  spridit 
Qalen  von  Abâchreibenden  {pï  /jiiTayQtttfoi'Tfç),  die  Pergament  benutzen;  dcch 
nonnt  er  dios  Material  erst  nach  den  ^ifikoi,  und  yâçiat  in  dritter  Linie  ind 
scheint  seine  Anwendung  ûberdies  noch  auf  die  otadt  Pergamum  beschrlLokt 
zu  denken.     Vgl.  Zusatz  zu  S.  60  und  54. 

S.  106  f.  Ein  Exemplar  der  heiligen  Schriften  aus  dem  drittcn  Jahr- 
bundert  yéyQtt/uf4tyoy  iy  Oékici  Tçiaaalç  erwâhnt  bei  F.  J.  Mono,  Messen  S.  162. 
(Wattcnb.  148). 

S.  108.  Ueber  das  Alter  der  Goldschrift  vgl.  Graux,  Revue  de  phiL  V 
S.  117  ff.  Sie  fand  Anwendung  auch  in  LcderroIIen  (Josephus  Ant.  12,  2,  10); 
vielleicht  war  seiche  auch  der  Homer  des  Maximin ,  oben  S.  113.  Fur  ibre 
Anwendung  auf  Charta  giebt  es  kein  Zeugniss  (auch  Gaius  II  77  beweist  sie 
nicht  sicher:  (/uod  in  chartulis  sive  nwnbranh  aliquis  scripserit,  licet  aurtu 
litteris,  meum  esse^  quia  Utterae  chartalis  sive  membraniê  cédant).  Schol.  Pindar. 
Olymp.  VII  und  Sueton  Nero  10  kOnnen  Inschriften  gemeint  sein. 

S.  111  f.  Vom  Verkauf  der  Briefe  des  Cyprian  in  Codexform  erfahreo 
wir  durch  Rufin  im  Epilogus  in  Apologet.  S.  Pamphili  (bei  Origenes  éd.  Lomm. 
XXV  S.  395):  man  habe  unter  dièse  Briefsammlung  des  Tertullian  h&retischen 
libellus  de  Trinitate  gemischt,  dann  mOglichst  viel  Exemplare  angefertigt 
{quampluriinos  codices  de  talibus  exentplariis  describentes)  und  sie  durch  ganz 
KonstantiDopel  ausgestreut  zu  billigerem  Kaufpreis,  damit  die  Leute,  durch 
don  nicdrigen  Prei:^  gelockt,  das  schâdliche  Werk  leichter  kaufen  kônnten". 

S.  114.  Auch  Libanius  liest  den  Thukvdides  offenbar  schon  aU  Codex, 
wenn  er  I  S.  IGOR  die  cvyyQatfrj  desselben  nicht  ^i^koi,  sondern  ^i^koç  nennt. 
Ër  liebt  dies  Exemplar  fadt  z&rtlich,  besonders  wegen  der  kleinen  zierlichen 
Schrift  (yç('(/Ltju((T((  h'  /utXQOTfju  j^açUvnt)  und  vreil  es  so  leicht  ist,  dass  er 
es  selbst  tragen  kann  (ro  qoQiior  nçiffiç  ?î/).  Als  es  ihm  gestohlen  wird, 
giebt  er  scinen  Freunden  die  GrGssenmasse  auf  und  beschreibt  sein  Aenssere^ 
und  Inneres. 

S.  147  ff.  Vgl.  auch  Treb.  Pollio,  Valerian.  8,  5:  guo7iiam  vereor  ne 
modum  voluminis  transeam  si  Gallienum  .  .  .  huic  libro  adiungam^  ad  aliud 
volumen  transeam. 

S.  156.  Myronianos  von  Amastris,  der  Kaiserzeit  angehOrend,  schrieb 
ein  mehrbûcheriges  Werk  des  Titels  îgtoqixÙ  ofioia  xé'fâkaia  (s.  Diog.  La. 
IV  2  und  ôfter). 

S.  158.  fifçt]  fit^kiov  werden  offenbar  auch  gezâhlt  in  den  Schol.  Oriba?. 
(vgl.  Zusatz  zu  S.  175),  wenn  es  dort  heisst  ^*r«  t6  fi',  f4€Tct  io  rçirov  tov  ^i^kiov. 

S.  162  ff.  In  die  Nummern  des  stichometrischen  Eataloges  woUe  man 
noch  folgende  ergânzend  einfQgen: 

89  a.     Zu  Oribasius  haben  die  Scholien  sechsmaliges  Citât  nach  der 
Verszahl;  s.  Zusatz  zu  S.  175. 


—  Zusiltze.  —  505 

92  a.  Marcellus  De  nicUicamcDtiâ  fin.,  am  Schliiss  von  78  liexamctern: 
Quoique  his  sunt  versu.'i,  tôt  agant  tua  tcmpora  Janos. 

100a.  Mit  dom  Vcrgilepigramm  Ut  ein  ganz  an«iloges  zu  vergleichen, 
das  die  Metamorphosen  Ovid's  in  den  llandâcliriften  begleitet: 

Bis  BOX  rnilleuos  versas  boc  codice  scriptos, 
Sed  ter  quinqae  minus  continet  Ovldius. 

(z.  B.  cod.  Vindob.  149;  207;  Endiicher,  Catal.  S.  77).  Der  Vulgattext  der 
Metamorphosen  h&lt  indess  nicht  11985,  Hondern  11996  Verse.  OfFenbar 
sind  eine  Reihe  interpoHrter  Verse  hiernach  nicht  mitgezàhlt;  solche  finden 
sich  I  646.  IV  446;  768.  VII  762.  VIII  87  (las  schon  Priscian);  286; 
596-599;  603—608;  652—654;  806—807.  IX  729.  X  305.  XII  434—438; 
231—232. 

107a.  Herc.  Papyrus  (Vol.  Ilerc.  éd.  Noap.  coll.  pr.  II  148 — 158); 
er  trâgt  in  der  unedirten  Oxforder  Absehrift  deutlich  die  Zeilcnzahl  2050 
(Gompertz,  Z.  f.  Gsterr.  Gymn.    1865  S.  718). 

128a.  Subskriptioncn  der  Dracula  Sibyllioa  (éd.  Friedlicb  1852; 
vgl.  Ritschl   Op.  I   S.  832).     Buch  II:    ix  tov  divréçov  lôyov  ari/oir  ^P?, 

d.  i.  758  (cod.  Leont.  L^   Paris.  R,  dagegen  Laur.  F  ..in  marg.  rubr.„  au 
i/;^c,  d.  i.  746).  —  Buch  III:  <rT*/o*   (dd,  d.  i.  1034  {RLF),  —    Buch  IV: 

«TTf/o*  çTia,  d.  i.  181  (LF,  Ç71CU  R).  —  Buch  V:  aiixot  cfkfj,  d.  i.  538  (LF), 
—    Buch  VI:   oT*/o*  xtjf  d.  i.  28   (LF).  —   Buch  VII:   arixot  ç^a,  d.  i.  161 

(LF).   —  Buch  VIII:   GTÎxoh  tffi   éx  tov  nçujrov  h'iyov  (F),   ix  tou  notôrov 

lôyov  arij^ot  q^  (fi)^  an/ot  ifp  (L),  d.  i.  502.  —  Dièse  Zahlen  stimmen  mit 
dem  ûberlieferten  Umfang  der  Bûcher  nur  bei  B.  VI;  in  VII  haben  wir  ein  en 
mehr,  in  IV  10  melir  erhalten ;  einen  weniger  in  VIII,  8  wenigcr  in  V,  206 
weniger  in  III.  „Von  welcher  Bcdeutung  gerade  fur  daa  dritte  Buch,  das 
wichtigste,  .  .  .  dieso  Diffbrenz  sei,  leuchtet  von  seibst  ein.  Ganz  ausdrûcklich 
werden  aber  cndlich  zweierlei  Rcdaktionen  durch  die  Stichenangaben  fur  B.  I 
u.  II,  die  in  den  Ilandschriften  nur  eines  bilden,  bezeugt:  wâhrend  es  jetzt 
748  Verse  sind,  las  mnn  schon  im  Alterthum  in  einer  Kccension  758,  in 
einer  anderen  nur  746  Verse"*  (Ritschl). 

227  a.  Im  Bodleianus  Plato's  ^erscheinen  . . .  bei  den  Dialogen  Kratylos 
und  Symposion  Buchstaben  in  fortlaufender  Reihcnfolge  am  Rande.    Sie  gehen 

in  beiden  Dialogen  bis  i// Sie   kônnen   nur  den  Zweck  gehabt  haben, 

die  Zeilen  zu  zâhlen.  . . .  Zâhlen  wir  nâmlich  die  Zeilen ,  die  zwischen  zwei 
aufeinanderfolgenden  Buchstaben  liegen,  so  erhalten  wir  die  Zahlen  68,  69, 
70,  71  (dièse  am  hâuâgsten),  72,  73,  74,  75-,  So  Schanz,  Hermès  1881 
S.  309  fF.,  der  dann  unter  der  evidenten  Voraussotzung,  dass  die  Vorlage  des 
Bodleianus  je  hundcrt  Zeilen  mit  einem  Buchstaben  notirt  hatte,  als  Grosse 
des  Stichos  in  dicser  Vorlage  fûr  den  Kratylos  35,  56  Buchstaben ,  fOr  das 
Sympoïiion  34,  34  Buchstaben  ausrechnet.  Also  auch  die  Atticiana  des 
Plato  hatten  Hexameterzeilen.  Wenu  dagegen  Galen  (V  S.  716K) 
bei  Plato  Timaeus  S.  70  D  die  zwischcn  (i^ctnwytjy  iy  rçù  xnvfian  Tin^f/o* 
und  70  dt  dri  airtav  rt  xat  noTvip  stehenden  Worte  auf  „vier  Stichen**  an- 
schlâgt  (vgl.  Galen,  plac.  Hipp.  et  Plat.  éd.  Mûller  praef.  S.  17;  Schanz  a.  a.  0.), 
80  wftrden  hier  49  Buchstaben  auf  den  Stichos  ïallen. 

S.  165  y.  19.  Ueber  Theognis  zuletzt  Ililler  in  Fleckeij>en's  Ibb.  1881 
S.  467;  dass  inixcûç  indess  nur  Hinweis  auf  die  metrischo  Form  sei,  môchte 
ich  nicht  glauben. 

S.  175.  Fûr  das  ^iotiren  der  Verszahlen  am  Textrande  ht  ein  weiteres 
ûberaus    wichtiges   Beispiel  jQngst   von  Schanz   (Hermès  1881  S.  309  ff.)   im 


506  —  Zuàâtze.  — 

Kratyloâ  und  Sympo.-ion  des  Plato  entdeckt;  vgl.  hierûber  Zusatz  zu  S.  162  ff.; 
Schanz  yfe'ist  mit  UQlfe  dieser  Thatsache  eine  etwa  zehnzeilige  Partie  ixn 
Kratylos  als  unerht  nach.  —  Aus  den  Scholicn  zu  Oribasius  (éd.  Daremberg) 
kommen  noch  folgende  Citate  nach  der  Verszahl  hinzu  (vgl.  Ë.  Rohde,  Rhein. 
Mua.  34,  562;  Schanz  a.  a.  0.).  1)  lll  S.  6â6,  22:  àno  tou  IJéçi  ruiy  naçà 
tfvaèy  oyxiav  /noroît ^kov  nèrà  q  [tnij^ovç]  r^ç  «(>/??.  —  2)  lll  S.  689,  12: 
«710  jov  «'  ^t^kiou  T^ç  avi'6kpiti}ç  rm'  /éiçovQyovfÂÎycjy  /utrà  to  ^  ^ipiUov 
(lies  ro  fi  lov  ^tfikhv)  xitfnkccKt  jov  ofÂoiov.  —  3)  IV  S.  532,  24:  «no  top 
^  tÇç  SéQcmtvnx^ç  loç  nço  a  auxtav  tov  rékovç,  —  4)  IV  S.  533,  4:  àno 
Tov  ^  irfç  (^éQ.  wç  noo  ç/Li  aTi)((av  rov  rikovç.  —  5)  IV  S.  534,  5:  icno 
TOV  a  ^i^kiov  Ttjç  Gvyoipèioç  Tiàv  X^^'  /^*^^  ''^  TQirov  rov  ^ifikiov,  tàç 
fÀtm  *'  ari^ovg  tÇç  ffQXh^  ^^^  6/uniov  xérfakaiov,  —  6)  IV  S.  538,  1  :  àno  lov 
avTov  kôyov  fÀtrù  a  an/ovç  xtifùkuM^  *Tijkiff^oç  fÂhrtt  ro  tqItov  tov  xéfa' 
kaiov.  —  Endlich  vgl.  noch  Galen  im  Zusatz  zu  S.  162  ff.  N.  227a. 

S.  176.  Vom  Ende  ab  wird  auch  in  den  Schol.  Oribas.  (vgL  Zusatz  zu 
S.  158)  gezâhlt:  nQo  a   GU/iut'  tov  Tékovç,  zweimal. 

S.  189  N.  115.  Da  die  Selideâzahl  nicht  mit  dekadischen  Zeichen  ge- 
geben  wird  (s.  S.  160),  se  war  das  vorletzte  Zeichen  wohl  nicht  J;  lesen  wir 
dafnr  ./,  80  erg&ben  bich  37  oder  137  Seiten;  erstere  wUren  zu  wenig,  letztere 
wohl  zu  vicl. 

S.  190  Anm.  1.  Vielleicht  eoll  diç  als  Randvermerk  am  Schluss  der 
RoUe  nfQi  d^ctt^taov  auf  doppelte  Abschrift,  auf  eine  Doublotte  verweiâen. 

S.  192  N.  123.  Der  Test  des  Dionvsios  bei  Mftller  bat  2  Verse  mehr; 
die  Summe  1185  ignorirt  jedenf'Hlls  den  V.  917,  ausscrdem  noch  einen  zweiten, 
wie  1003,  392,  815,  196. 

S.  198 — 202.  Die  Zeile  zu  34  bis  35  Buchstaben  ist  auch  fur  die 
antiken  Platoexemplare  nachgewiesen  (Zusatz*  zu  S.  162  ff.  N.  227a).  Die- 
selbe  Zeile  gilt  aber  auch  fQr  Oribasius;  von  den  im  Zusatz  zu  S.  175 
mitgetheilten  Citaten  nach  der  Verszahl  in  den  Scholien  habe  ich  das  dritte 
und  vierte  Beispiel  nachgerechnet;  ersteres  taxirt  cinen  Absehnitt  von  7600 
Buchstaben  auf  200,  leizteres  einen  Abschnitt  von  480O  Buchâtaben  auf 
140  Siichen;  jenes  ergiebt  also  38,  dièses  34,7  Buchstaben  per 
Zeile. 

S.  204  f.  So  wie  Theopomp  und  Lukian,  braucht  bemerkenawerther 
Weiâe  auch  noch  Libanius  inrj  fàr  die  Stichometrie  der  Prosa;  ein  Schûler 
licst  ihm  eine  Rede  vor,  erst  200  hnrj,  hernach  noch  50  tnïj  (Lib.  1  S.  238  R). 

S.  230.  Die  Ber.eichnung  des  Papyrusmarks  als  philyra  liesse  sich 
vielleicht  doch  vertheidigen  durch  Vergleichung  der  S.  14  angefûhrteu  Glo$se: 
tfikv{)(t  '  (fvTvy  h^ov  qkoioi^  ^v^kio  n((nvQ[iy\(x)  ouotov,  wie  denn  Plinius  das- 
selbe  Mark  auch  als  liber  bezeichnet  (s.  S.  225). 

S.  281.  Dass  sich  der  Schreiber  nennt,  ist  schon  vor  dem  Bodleianu^ 
des  Plato  (Johannes  calligraphus,  v.  J,  895)  mehrfach  nachzuweiscn  :  Johannes 
Sergius  im  Xumeri-Palimpse&t,  5. — 6.  Jahrhund.  ;  Sedulius,  Pari»er  Psalterium, 
ca.  818;  Nicolaus,  Tetraevangelium,  v.  J.  835;  Theodoros  diaconus,  Psalterium 
V.  J.  862;  Athanasius,  Basilius  v.  J.  880;  Stephanus,  Euclid  v.  J.  888;  Ana- 
stasius,  Viiae  SS.  v.  J.  890.     (Vgl.  Gardtliausen  Palaeogr.  S.  375  u.  344.) 

S.  321.  Opisthographa  wurden  bei>onders  fQr  Arme  hergestellt;  dies 
beweist  Lukian  14,  9,  wonach  die  Cyniker  ihre  Lektûre  als  fit^kia  ànic^ô- 
yoa'ia  im  Ranzen  mit  sich  tragen.  Auch  in  der  Apokalypse  5,  1  wird  das 
Buch  mit  sieben  Siegeln,  das  niemand  Offnen  kann,  als  Opisthograph  gedacht. 


—  Zuàatze.  —  507 

s.  358.  Der  Verleger  des  Libanlus  scheint  Thalassius  geweaen  zu  sein; 
vgl.  Aeiske  zu  Lib.  II  S.  391;  er  wandte  vieles  Geld  fur  zahlreiche  £xein- 
plare  auf. 

S.  360.  Montfaucon  palaeogr.  S.  15  f.  fûhrt  noch  eine  Bibliothck  zu 
Apamea  auf,  mit  20  000  volumiua. 

S.  3G2.  „Groitâe  Sklavenschaaren*^.  Dass  die  Vcrvielfaltigung  durch 
yiele  Abdchreiber  geschab,  ergiebt  sich  aU  nothwendig  aus  der  Sache  selbut, 
es  wird  geradezu  ausgesprochen  von  Liban ius  I  S.  103  Reiske,  wo  es  hoisst, 
des  Libanius  Ruhm  sei  so  gross  aiçr'  h^  C<jiî*'^oç  (nâmlich  lov  .h^co'iou),  if  ^ 
xai  (f^d^ovtiad-M  aytr/xt) ,  lùç  iwv  ^i^hoyQ('c'fùiy  dé^iàç  rùç  nokkccç  oliyaç 
ikéy^to^M  jf)  nXii^éê  i(i}y  içfeaTm'i  fur  die  Mengo  der  Liebhabcr  des  Lib.  ist 
die  grosse  Zabi  der  Abscbreibonden  noch  zu  gering.  —  Ueber  die  Art, 
vrie  ini  vierten  Jahrhundert  die  Edition  und  i3uchrerbreiiung  vor  sich  ging, 
unterrichtet  uns  Libanius  I  Ô.  78  K.  :  man  beschafft  vorlâuâg  nur  fQr  die 
grôssten  Stâdto  Ëxemplare  {fiovkrjî^iiç  Twr  -nôlttav  iîç  ràç  àçiarccç  ùffixiad-at 
10V  lôyov),  und  setzt  dazu  eine  ganze  Anzahl  Buchhândler  in  diesen  Stûdten 
in  Bewegung  {rçinét  fAtv  inl  rovio  itàv  ^i^Xioy^âiftau  âix€t)\  von  diesen 
grosscn  Stâdten  kamen  dann  von  selbst  Ëxemplare  in  aile  ûbrigcn  (o'vjvt}  yàq 
âv  xul  inl  nùauç  ik&èly). 

S.  366.  Dreihundert  Jahre  fînden  ivir  bei  Galen  als  hOchstes  Alter  der 
Bûcher  (s.  Zusatz  zu  S.  GO). 

S.  366.  Xur  theilweiae  VerOffentlichung  wird,  wie  bei  Firmicus  Matemus, 
auch  bei  Clemens  angeordnet  (Canones  apostol.  in  Concil.  coll.  I  S.  47):  ai 
âtarayat  vfxh'  lolç  iniaxonoiç  J*'  i/ÂOV  KkijfÀtvToç  iv  ùxtio  ptfikioiç  TtQonKftot'tj- 
fÀtt'M,  uç  où  âtl  dti/uoanvéïy  ini  TiûvTtûy  dm  rà  iv  ctvnelç  fjtvartxà, 

S.  368.  Das  erste  Beispiel  der  Confiscation  von  Bûcheru  in  Kom  gab 
uicht  Augustus,  sondern  schon  Câsar  oder  seine  Parteigânscr,  wie  ausdrûcklich 
von  Seneca  Controv.  X,  praef.  5  hervorgehoben  wird.  Die  edirten  Schriften 
des  Pompejancrs  T.  Labienus  wurdeu  sfimmilich  nach  Senatusconsult  vorbraunt, 
etwas  bis  dahin  Unerhôrtes:  In  hoc  primum  excogitata  est  nova  poena:  effectum 
etft  enim  ptr  inimicos  vt  omnes  eiu-s  libri  comburerentur.  Res  nova  et  inmitata^ 
supplkium  de  studiù  ftumi.  Hono  hercuieif  pahlico  ùta  in  poenas  inyeni  vorsa 
(codd.  inyeniosà)  crudeiitas  pont  Ciceroncm  inventa  est;  quid  enim  faturum  fuit 
si  triumviris  Ubuisset  et  ingenium-  Ciceronis  proscribere  u.  s.  f.  Xocli  wird 
hinzugefûgt  (§  7):  Eius  qui  hanc  in  scripta  Labieni  seutentiam  dixerat  postea 
viventis  adhuc  scripta  combusta  sunt^  iam  non  vialo  exeinplo^  quia  suo;  Labienus 
aber  habe  dièse  Gewalttbat  nichi  ûbcrlebt. 

S.  378.  So  heisst  es  Gcnnad.  vir.  ill.  44  vom  Caelestius  (Zeit  Augustin's): 
scripsit  ad  parentes  suos  de  monasterio  epistoias  in  modum  libellorum  très, 

S.  399.  Couat  (Rev.  critique  1881  X.  44  S.  315)  vermi.^st  fOr  die  Zu- 
weisung  der  'Altiiç  an  die  Elpides  mit  Grund  einen  Beweis  in  dem  Sinno,  wie 
er  auf  andcren  Gebieten  môglich  und  zu  fordern  ist.  Wer  sich  mit  der  In- 
haltsbestimmung  der  vielen  vcrlorenen  alexandrinischen  GedichtbQcher  befassen 
will,  wird  in  deu  mcitten  Fâllen  auf  einen  solchen  Beweis  von  vornherein  ver- 
zichten.  Glcichwohl  verlohnte  es  doch,  auf  diejenige  DeutungsmOglichkeit 
hinzuweisen,  die  die  mcisten  inneren  Indicien  f&r  sich  hat  (dièse  Indicien 
BÎnd:  1)  Das  Motiv  der  Ukiélç  selbst  ist  die  Traumhoffnung  des  Artemidor. 
2)  Die  Hoffnung  pflegte  gerade  bes.  mit  dem  Fischer  verbunden  gedacht  zu 
werden.  3)  Das  Gedicht  ist  inhaltlich  ganz  von  der  Eomôdie  abh&ngig,  die 
die  nâmliche  Idée  der  Iloffoung  ausgebildet  hatte.  4)  Unter  den  Nachahmern 
der  Alexandriner  findet  sich   bei  Tibull   eine  Hoffnungspassage ,   die  als  Re- 


508  —  Zusâtzo.  — 

miniscenz  an  die  Elpides  sich  gut  erkl&rt.  Hier  sel  noch  erinnert,  dass  auch 
auf  Bildwerken  die  Hoffnung  &hnlich  bezogen  Torkommt :  ein  alter  Uirt,  da- 
neben  die  Elpis,  Zoega  Âbhandl.  Tfl.  3;  Jahn  archâol.  Beitr.  S.  152).  Ein 
Theil  der  'Elèyélat  konnten  dagegen  die  Elpides  nicht  sein,  wcil  jeder  Titel 
im  Katalog  aU  ein  Buch  zu  nehmen  ist.  Dass  endlich  dieser  Katalog  fingirt 
sei,  scheint  mir  nicht  nur  durch  nichts  indicirt,  sondern  mehrere  seiner  Titel 
{imyçf'tfÂiLiaTn,  v/nvo^  u.  a.),  die  richtig  sind,  erweiden  ibn  vielmehr  ala  aatben- 
tiscb.  Bei  Kallimachos  findcn  wir  mehrere  Tbeokrittitel  wioder;  es  ist  sebr 
denkbar,  dass  bcide  Dichter,  wie  apâter  Calvus  und  Catull,  in  denselben  Genres 
gearbeitet  haben.  —  Die  Beroerkungen  Kaibel's  (Deutsche  Litt.-Ztg.  II  S.  1774) 
habcn  meine  Auffassung  nicht  verândert;  auf  aie  einzagebes  muss  ich  hier 
verzichten. 

S.  435.  Ein  Fragment  des  Komikers  Anaxandridos  (Athen.  S.  221  B) 
giebt  uns  auch  das  Motiv  an,  weshalb  man  cdirte.  Das  Publiciren  ist  schon 
an  sich  einc  Freude:  ^dbr^r  éyé*,  or«r  nç  tvçjj  xtetyoy  h'd-vfÀfjtAit  r»,  drjloh' 
finctan'.  Ferner  aber,  wer  etwas  Ncues  bat  und  es  nicht  dem  grossen  FabUkam 
mitthcilt,  dem  wird  dies  verdacht  und  er  findet  ûberdies  keine  Beurtheiler 
seiner  Kunst,  die  ihm  nûtzen  kOnnten:  ol  â'  lavioian'  aoffoi  ngtoTot'  fiiv  oèx 
é/ovGt  T^ç  Tf/ytjç  XQntjv  •  *ir«  ff&orovyT€(i  '  j^Qtj  yÙQ  êlç  ô/Aov  qiquy  anav^ 
oa'  tty  uç  xtuvôrrif  */**«'  cTox,?. 


I.  Sach-  nnd  Personenregister. 


AbkQrzungen  in  der  Schrift  217,  1. 

Abschriftenwesen  des  Mittelalters  125. 

ùâUç^tûta  (fiifikia)  283.  355. 

Aegjpter,  das  Buch  der  13. 

Aegyptisches  Buchwesen  48  f.  434. 439. 

Aemilius  Paulas  363. 

àxiffalok  ^i^Xoh  374. 

ttXQoctCHç  435.  436,  1.  458. 

Akrostichon  40,  4.  161. 

Alexandria  431.  458.  477,  2.  479  ff. 

Alexandrinische  Bibliothek   5  f.  485  ff. 

Alexandrinismus  501  f. 

Alter  der  Bûcher  82.  366.  507. 

ùfÂ^yéîç  pifiloi  486  ff. 

àyaXoytlov  11»  92. 

(tvfyvuiCfjtéva  (^ipiia)  437. 

ài^ixdoTa  437. 

àyfkicaèiy,  àyfiXàîy  18. 

Antiochia  493. 

M.  Antonius  490. 

Apellikon  458. 

Apophoreta  71  ff. 

armaria  66. 

Asinius  Polio  363. 

€(TilëffToy  volumen  374,  4. 

Athen  367.  431.  492.  493. 

(id^QoiÇfiv  497. 

Atrectus  bibliop.  83.  358. 

Attaloa  51. 

Atticus  284.  348  ff  357.  505. 

Augustus  347.  366.  368. 

AusschQtten  der  Bûcher  366. 

Autographa  349  ff.  355.   434,4.  436. 

Band   11. 

Bast  50. 

Bezahlung  der  Schreiber  207  ff. 

Bibel  im  Codez  106  f.  184.  504. 

fitfilia  âyQa<pa  33,  2.  241. 


fiipiiâioy  21,  432,4. 

fiifiXioyQtt(poç  433. 

fit^kioy,  fivfih'oy,  pi^loç,  fiifiloç  12  f. 

47.  225.  432.  481,  1.  488,  1.  503. 
^tfikioy  Brief  20. 
^ifilioy  fur  Têv/oç  26.  29. 
fiùfilok  „Seae"   13.  48. 
fiifiloy,  fiù^loy  496,  1. 
^i^Xoç  nicht  Brief  20. 
Bibliomanen  37.  360  f. 
^i^Uoffôqioy  92. 
Biblippolen    81.    207.    353  ff.    357  ff. 

433  f.  507. 
bibliotbeca  66.  99. 
„bibliothcca''  als  Bibel  116. 
Bibliothek,  erste  in  Codices  115. 
Bibliothek  des  Pamphilos  100. 
Bibliotheken    349.    360  f.   363  f.  434. 

475. 
Bibliotheken,  Buchbestand  der  dffent- 

lichen  5  f. 
Bienenstock,  Vergleich  Tom  94. 
Bilderbûcher  353. 
blattae  365. 
Briefbûcher  288.  507. 
Briefe  20.  61  f. 

nBuch**,  doppelte  Bedeutang  llf. 
Buchbegriff  bei  Paulus   100. 
Bachhandel  103.  357  ff.  433  ff.  504. 
Buchpreise  45,  1.  83.  356.  434,  4.  504. 
Buchstabenzâhlung  160. 
BachUbernen  96.  356  f. 
Buchterminologie  der  Bibel  116.  480  f. 
Bachtitel  94;  ihre  Formation  406. 
Buchz&hlang  413. 
Bûcher  als  Oeschenke  79  ff.  407. 
Bûcher  auf  bildlichen  Monumenten  18. 

122,  1. 
Bûcher,  unbeschriebene  18. 


510 


—  Sach-  uDd  Personenregister.  — 


Bûcherwurm  365. 

ByzaDZy  Bibliotbek  des  kaiserl.  Col- 
legiums  7. 

Caesias  Bassus  346. 

Caligola  368. 

carbasina  Tolumina  121. 

caries  365. 

Cascellius  82. 

Cedrasôl   121.  365. 

Chariten,  aU  Titel  39. 

cbarta,  /«piJjç  48.  62.  56.  92.  364  f. 
433.  503.  504. 

charta  ampbitheatrica  248.250,  Augusta 
62.  247.  250.  251,  Oaudia  250,  Cor- 
neliana  250,  emporetica  249,  chartae 
epistolares  62,  Fanniana  248.  250, 
hieratica  247  f.,  Lina  248,  regia  247. 
250,  Saitica  249,  Taeniotica  249. 

cbarta  deleticia  57. 

Cbarta,  Preia  der   83  f.  209. 

cbarti  52. 

XiÀMTcTcç  291. 

cbirograpba  debitorum  57. 

circumcidere  libres  365. 

Citate  nacb  der  Verszabl  175.  506  f. 

codex,  codicillas  95  iF.  504. 

Codexbucbwcsen  371  ff. 

Codices,  âlteste,  119. 

codices  cbartacei  120. 

codices  bebraei  106. 

commentarium  municlpi  Caeritum  158. 

Confi.^cationen  367  ff.  507. 

Constantinopel  7.  431,  1.  504. 

Constantinus  369. 

convolvere  18. 

Cordova,  Bibliotbek  7. 

cornoa  19.  66. 

Cornutus  346. 

corpus  36  ff.  503. 

Corpus  iuris  42. 

Correktur  351.  355. 

cortex   101. 

crates  233. 

Crispus  Salustius   125. 

cudere,  procudere  149. 

Dekaden  34. 

âfkrioy,  mroç  92.  433,  3. 
Demetrius  biblîop.  358. 
dia/uM  33.  434. 
dMtçiîy  459  f. 
diaxoXkâi'  365,  2. 
Didaktische  Poésie  294  f. 


Diocletian  113,  1.  369. 

Dionynius  bibliopola  358. 

âinrvxov  433,  3. 

dêq^»êçm47.  61.  64,2.  92.  349.  360. 

432.  503. 
âirq^fQOifÀn  116. 
Domitian  364.  368. 
Donis  librarius  358. 
Dramatiscbe  Litteratur  491.  495  ff. 

iyxiàfiiov  392  f. 

éiktjT(içtoy  25.  65. 

iikijTÔy  65. 

Einband  der  Rollen  64. 

tlojTov  im  Titel  494. 

£lfenbein,  pugillares  aus  58. 

ivUkfifxn  25. 

i^vjTëçixol  16yoi,  435.  436,  1.  452. 

intj  Prosazeilen  204  f.  464.  506. 

imyçttfifia  92.  434,  2. 

Epistolograpben  378. 

Epitomen  mit  BucbtbeilaDg  383,  1. 

Epyllion,  monobibliscb  392.  393.  399. 

409  f.  468, 1  fin. 
Eu  menés  50. 
evolrere  18. 
explicare,  explicit  18  ff. 

Familiencbroniken,  rômiscbe  63. 

fasces  librorum  33. 

fasciculus  21. 

fastigia  67. 

Faustus  118,1,  bibliop.  348. 

Ffjjjûra  55,  3. 

Firmus  66. 

Flicken  der  Bûcber  365. 

folia  288,  1 . 

Freiexemplare  355. 

frontes  07.  365. 

Gedichtbucb  22.  289  ff. 

yéyoïTo  yévoiTo  ara  Bucbschiuss  480. 

glutinator  242. 

glutinum  231.  235  f.  246,44. 

Goldschrift  108.  504. 

yQ((f4U((  far  ^ifikiov  387,  1. 

yqnfÀfj.arfiâiOi'  21. 

yçccfféùç  185.  358. 

grapbiarium  75. 

Hadrian  360. 
ankaï  fiifiko^  486  ff. 
Ikiaciiy,  êikiiy  18.  48. 
é^âfii^koç  44. 


—  Sach-  und  Personenregister.  — 


511 


è^axovmfitfiloç  44. 

Inrâ^iploç  44. 

Heptateucbos   117. 

Herculanensischo   Kollen    128.    186  ff. 

21 1  ff.  216  f.  222.  280  f.  319.  359, 1. 

488.  50ô  f. 
Hesychios   106. 
Hexameter  204.  505.  506. 
okov  pi^Uov  155  f. 
vfÀVoç  392  f. 
vnofÀVt}^(fTa,  vno/nytj/Ltana/Lioi  92.  346. 

îâwyQttffov  350. 

ina  230. 

index  6G. 

Juden,  Buchwesen  der    49. 

Junianus  Trvfonianus   125. 

Kaiserliche  Hausbibliothek  113. 
Kaiserreskripte  21.   181. 
Kapitel,  kaput  157  f. 
K&.Htchen  aus  Papyrus  226. 
Kaufcontrakte  auf  Papyrus  20. 
xfjr'claiov  157  f.  445.  504. 
Xffttkîç  fiirBXiou  116. 
Kloben,  xéklfi  231  ff.  246,  44.  432. 
Kolometrio  179  ff. 
xoi'TKXioy  25. 

790VTOffÔQOÇ   24  f. 

Koronis   102.  444.  468. 
Krates  v.  Mallos  363.  481. 
xvhvdçoç  24. 

Lampendocbt  aus  Papyrus  226. 

Lederrollen  432.  504. 

Leinenrollen   121. 

lentigines  235. 

Lescn,  das  18.  252.  253  f.  503. 

Lexicographie  140.  323. 

lé^ixôy  32. 

libellus  22  ff.  291.  420,1.  503. 

liber,  Rolle  13f.  51.  61.  480. 

liber  nicht  Brief  21. 

librarii,    Buchschreiber ,    207  f.    348. 

356  ff.  507. 
libri  mendosi  356.  364, 1. 
lignum   101. 
linea  210. 

lintei  Hbri  50.  51,3. 
Litteratur  der  Turditaner  u.  Tardaler 

170. 
Litteraturgeschichte,  Toralezandrioische 

477. 
X6yoç  28  f.  447.  448.  466.  477, 2  fin. 
Lucullus  363. 


Makrokoll  245,27.  251.  283  f. 

manuale  lectorium  77. 

MJluse  365. 

Mavortius  Lollianus  366^  2. 

Mediciner  als  SchrifUteller  500. 

fAéyàlKf  fAfyaç,  /uiiCioy  im   Buchtitel 

454.  493  f. 
Membrane   (vgl.  âiff&içM)  57  ff.  432. 

503  f. 
membranula  66. 
fiÎQoç  fitfikiov  (Tgl.  pars)    158  f.  317. 

464.  466  ff.  504. 
fiixQcc  im  Tiiel  492. 
Mischrollen,  s.  SammelbQcher. 
mittere   1 1 1  f. 
Mônchc  als  Schreiber  109. 
Monobiblos  43.  287. 
Monobibla  296  ff.   302  f.  336  ff.  406. 

410.  414.  422  f.  424,  1.  440,  2  u.  3. 
fÀoyôyQnrfoç  349. 
Musae  aU  Titel  39. 
Muschel  75.  235. 

Neleus  437,  2.  458. 
Nicomachi   123.   125. 
Nilwasser  231  f. 
Notcnschrift  71.  86.  356,  I. 
rô^tt  am  Buchscbluss  489,  1. 
nova  cbarta,  novus  libellus  69. 

Octateucbos  117. 

6/Lifrak6ç  16.  18,3.  25.  64,2.  92. 

Opistbographa  92.  251.  321.   349,  2. 

496.  506. 
opus  33. 

pagina  159.  229.  255. 

Paliropsest,  ancb  auf  Charta  57.  58.  63. 

Palmbl&tter  50.  51,3. 

Pammacbius  15.  369. 

Pamphilos  106.  108.  116.  281. 

Papierfabriken  im  DelU  228.  500. 

Papyri,  Masse  erbaltener  255  ff. 

TittTïtfçoç  13,2.  224. 

Papyrus  als  Brennmaterial  97. 

Papyrusseile  225  ff. 

Papyrusstaude  223  ff. 

Parrhasios,  Skizzen  des  53. 

pars  libri  (rgl.  ^néçoç  u.  Tripertita)  18. 

158.  321. 
Pentaden  35. 
Pentateuchos  107.  117. 
pergamena  52. 

Pergameniscbe  Bibliothek  53.  490. 
Pergamum  54.  479.  48i.  492.  503. 


512 


—  Sacb-  und  Personenregister.  — 


TTéQiyça'foç  02. 

Peraer,  Buchwesen  der  49. 

pctia  210. 

qtdvHv,  ediren  398, 1. 

(fa^yôXfjç,    ffatlôytjç    paenula   65.   69. 

209  2. 
phUyri  98.  100.  121.  230.  506. 
Phônizier,  Buchwesen  der  49. 
(fvkloy  193. 

Ttiyaxidiov  fiixçoy  479,  1. 
Tnvttxioy,  n^ycexiç  92.  433, 3. 
Piaiàtratos  434.  477,  2.  497, 2. 
plagula  228.  232.  255. 
plicare  19. 

plambum,  fiôh^oç  68.  92. 
Polius  Valerianus  bibliopola  358. 
Tïokvfiifikoç  44. 
Poljkrates  434. 

nolwnixoç  {^xdoaiç,  fiifikoç)  444. 
Pompilius  Andronicus  355,  1. 
Pomponius  Secuadas  344.  361. 
Poséidon  124.  190.  281.  359. 
poscere  librum  362. 
Prachtcodices  108. 
ngay/Ltania  29.  33. 
Privatabscbriften    111.    281  ff.    346,3. 

359.  435. 
Proculus  346. 

Tiqoyqaifai  141.  142.  144.   465.  472. 
Tiqotxd^fOHç  144. 
ProSmien    141  ff.    411,  1.    419.    420. 

464  ff.  472  ff. 
i/'tjffa/ii6ç  92, 
Ptolemaeos  Philad.   50.  51.  458.  479. 

485  ff. 
Publikation,     allmâblicbe,      grôsserer 

Werke  118. 
pugillares  membranei  85  f. 
pumex,  pumicare  365. 
Purpurpergament   108. 
nv^  nv^ioy,  nv^iç  92.  433,  3. 

Banzen  mit  Bûchera  503. 
Rechnungen  auf  Papyrus  20.  433. 
otifxtt   188,2. 
Keskripte  ^libri'*  21. 
revolvere  18. 
Rhodos  491. 

Rolle,  Herstellung  der  237. 
Rollenbûndel  33.  240.  503. 
RoUenlànge  130  f.  439,1.  501. 
Rom  357  f.  360.  362.  431.  481. 
Roman  295  f. 
rotulus  27. 


!«accu8,  /uceQc'Tiioy  33,  2.  92. 

Sais  249. 

SammelbQcher,  Miscbrollen   48.  401  f. 

427.  448  ff  488  ff. 
aariffiç  53.  433. 
Saturnaliengescbenke  71  ff.  407. 
Saturnier  als  Prosa  geschrieben  462. 
scapus  238  ff. 

schida,  schedula,  c/idâçêoy  229. 
sciàsura  230. 
Schreiber  207  ff. 
Scbreibmaterialien  92. 
Scbrifb  46,  enge  und  weite  274. 
Schriflcolumne  u.  Seite  215.  219.  255. 

258. 
Scbube  aus  Papyrus  226. 
Scipioneninscbrift,  erste  462. 
scrinia  66. 

Secundus  bibliop.  358. 
Seitenzahlung  159. 
aêXiç  159. 
Senatssekret&re  97. 
Silbcnzâblung  161.  214. 
aiUv^oç  66.  324.  434,  2. 
dindon  65,  2. 

GiàfÀtt,  GajfAnnoy  36  ff.   114. 
Sosii  358.  359. 
Statilius  Maximus   123. 
station  arii  125. 

Sticbometrie  162ff.  440  ff.  504  f. 
OTo/«Ç*ff^a#  T^ç  aç/noyiaç   151. 
Subscriptionen    der   Textesrecensionen 

123  f. 
Subscriptionen   mit  Namen   des  Buch- 

schreibers  281.  506. 
Gvyyfjct^ufÀa  29.  33.  503. 
avfifiiyHç  ^i^Xoi  486  ff. 
Gvvâyèiv  459.  497,  2. 
Gvyray/Lia  20.  35. 
aôyia^iç  35.  354,  1. 
avyTttaaêty  36. 

tabula  98,  2. 

Tachygraphie  71.  86.  356,  1. 

taenea  235.  246. 

tamâ,  tamaâ  ^ Rolle''   13. 

Téx*'V  452,  2. 

Testamente  158. 

TéTçd^ifikoç  44. 

TêTçakoyia  447,  3.  450,  1 . 

Têvxoç  26.  89  ff.  116.  504. 

texere,  textura  228.  233.  426. 

Tbalassius  507. 

theca  libraria  75.  92. 


—  AutorenTerceichnias.  — 


513 


Theodosias  123.  369. 

Theonas  113, 1. 

Tiberios  368. 

dlia  98. 

tineae  246,42.  365. 

TitelbUd  86. 

tituU  157. 

iitalus  66. 

witi^fia  25.  324.  332.  454.  494. 

-rofiÔQioy  25.  65.  94. 

tomi  383, 1. 

tomoeharUe  27. 

TOfAoç  25  ff.  92.  309.  319.  449.  496. 

tomulus  27.  240. 

'Torqaatus  Gennadias  125. 

Traumerz&hluogen  277. 

rgaoyia  447, 3.  477,  2  fin. 

TripertiU  463. 

Tryphon  bibliop.  84.  348.  358. 


umbilicas    (vg!.    o/uqxdoç)    33.    59, 3. 
68.  83.  103.  150.  151.  155.  290. 

Versand  der  Baoher  352.  362.  434  f. 

yersus  longus  214. 

Victorianus  125. 

▼olumen  14  ff.  62.  98.  480  f. 

▼olumina  in  codicibus  97.  372. 

▼olvere  18. 

Vomiren,  Vergleich  Tom  121. 

Vorlesen  kirchlicher  Schriften  113. 

Wachstofel  50.  433,3. 
Wiederauflagen  35, 1.  105.  285.  352. 
353  f.  356.  366.  439. 

Zablenscbrifi,  griecbiscbe  163,  2.  187. 

188.  194.  203. 
Zabo  235. 
Zauberpapyri  278. 
ZeilengrGsse  auf  Inacbriften  221. 


n.  Autorenyerzeichniss. 


AciUus  463. 
Aelian  322.  384. 
Aeliufl  Stilo  356. 
Aeschines  284,3.  325. 
Aetna  295.  297. 
Agatbarcbides  383, 1. 
Alezander  Apbrodûiensis  456,3. 459,3. 
Alexis  446. 
AUddamas  440, 2. 
Alkipbron  326.  378. 
Ambrosias  308.  378. 
Ambrosios  Alexaodrinas  171. 
Ammianus  Marc.  311  ff.  315.  322.  329. 
Ammonios,  vita  AristoU  43. 
Ampbilochios  166. 
Anacharsis  168. 
Andronikos  459. 
Anakreon  89  f. 
Anaoreontea  302. 
Anazagoras  434. 
Anaximenea  477, 2. 
Birt,  BuehweMii. 


AntimacboB  ▼.  Kolopbon  450  f. 
Antimaebos  t.  Heliopolia  166. 
Anthologie,  lateiniscbe  40.  173.  386  ff. 

408,2. 
Anthologie,  Palatinisehe  89.  304.  305. 

306.  388  f.  407, 2. 
Antisthenes  449  f.  488.  494. 
Antonias,  de  ratione  dieendi  24. 
Apicias  385. 

Apollodor  311  ff.  322.  329. 
Apollonios  BhodioB  144.  291,  2.  293. 

482  f.  495. 
Appian  136. 

Apoleius  125.  138.  296.  408,2. 
ApuleiuB,  De  nota  aspir.  30. 
Aquilias  Begalus  351. 
Arat  291,2.  297. 
Arator  104.  301. 
Arion  166. 
Aristeas  168.  440,  2. 
Ariaten&t  325. 

38 


514 


—  Aatorenrerzeiehniss.  — 


Aristides  317. 
Ariâtipp  448. 
Aristopbanes  com.  12,  3. 
Aristophanes  Bye.  447.  477,  2. 
Aristoteles  156.  169.  184,3.  218.  320. 

358.359.360.375.435. 436, 1. 437,2. 

440,  2.    442.   443.   452  ff.    467,  1. 

472  ff.  489,  1.  490.  494.  497, 1. 
Arrian  310  ff.  329.  345. 
Arius  369. 
Arktinos  164. 

Artemidoros  Onirocrit.  142. 
Artemidoros  gramm.  394,  3. 
Artemon  v.  Kasandria  362. 
AscoDius  159.  176. 
Athanasios  44. 

Athenaeos  148.  311  ff.  328.  332.  484. 
Augustinus  147.  312.  330.  378. 
Ausonius  101  ff.  156.  163.  302.  303. 

304.  307.  373.  408, 2. 
Avianus  303. 
ATienus  301.  302.  306. 
ATitas  301. 

Basilides  171. 

Beda  104. 

Bias  167. 

Bion  394, 1.  395.  399,4.  400.  401,1. 

Boetius  359. 

Boetbos  Ton  Sidon  155. 

Caelius  Aarelianus  311  ff.  332. 

Caeaar  17.  310ff.  322.  329.  337.  339  f. 

Calpumius  297.  394,  1.  428. 

Cal  vus  83.  410.  411,2. 

Cato  463.  481,3. 

Catull  67  f.  297.  344.  401  ff. 

CeUus  139. 

Certamon  Ilomcri  et  Ilesiodi  164. 

Chaircphon   168.  337.  440,2. 

Charisiu8  30.  313  f.  328.  334. 

Scbriften  nsçl  /ly^é/wç  369. 

Chilon   167. 

Choerilos  446. 

Chrysippos  30.  35.  36.  83.  212.  258. 

279. 
Cicero  21.  63.  85.  123.  124.  134.  139. 

143.    146.    148.    172.    175  ff.    180. 

184,3.  199  f.  212.  220.  282  ff.  307. 

308.  310  ff.    318.    321.    326.    330. 

336.  337.  345.    346.    348  ff.    3.58. 

363  f.  366.  374,4,  376.  407.  449, 1. 

472  ff. 
Q.  Cicero  337.  344, 


Cincius  Alimentai  463. 

Cinoa  345.  410. 

Ciris  297.  410. 

Gaudian    301.    302.   303.    373.   376, 

408,  2. 
Claudius  Quadrigarias  360. 
Colamella  295.  343.  375. 
Commentar  z.  Job  316. 
Commodian  302. 
Copa  298. 
Corippus  302. 

Cornélius  Kepos  31.  40.  313.  315. 
Cornificias  rhetor  149.  311  ff.  322.  323. 

328. 
Cornificius  poeta  410. 
Culex  297.  410. 
Curtius  Rufiis  311  ff.  374. 
Cyprian  504. 
Cyrill  117. 

Damastes  477,  2. 

Danaides  164. 

Dares  Phrygius  301. 

Demetrios  Pbalereus  169.  479. 

Demokrit  434,  4.  450.  494. 

Demopbilos  471. 

Demostbenes    170.    181.    183.    194  f. 

285.  308.  311.  325.  362.  376. 
Dinias  35. 

Dio  Cassius  34.  311  ff.  315.  328. 
Diodor35.  135.  143.  144.  311  ff.  317. 

332.  343.  374.  470. 
Diogenes  Laertius  151.  320. 
Diogenian  363. 
Diomedes  311  ff.  331.  334. 
Dionva  v.  Halicarnass   149.    199.  337. 

374,  4. 
Dionysio3,  periegeâi^  297.  506. 
Dioâkorides  312  ff.  332. 
Dirae,  Lydia  297.  298. 
Domitian  83. 
DracoQtius  301.  303.  306. 

Kgidius  302. 

Ëlegia  in  Maecenatem  297.  298. 

Empedokles  165. 

Ennius  45.  214.  293.  356.  462.  481. 

Ënnodius  378. 

Epapbroditos  361.  445. 

Epboros  171.  462.  469  ff.  490. 

Epicedion  Drusi  297. 

Epicharm  446.  496  f. 

Ëpigonoi  165. 

Epiktet  344. 


—  Autoreavcrzeichnlâs.  — 


515 


Epikur  212.  312.  437,2. 

EpimeDides  167.  168. 

Eratosthenes  v.  Kyrene  482,  1. 

Ëratosthenes  scholasticus  391.  399.400. 

Erinna  165. 

Eudem  458,  1. 

Eudoxos,  Techne  127.  130.  16U  279. 

Euklides  310  ff.  328.  333. 

Eamolpos  167. 

Euphorion  291. 

Euripides  120.   192. 

Eusebios   44.    106.    145  f.    171.    196. 

311  ff. 
Eustath.  comm.  Pind.  165. 
Euthalius  183. 
Eutrop  383,3. 
Eutychides  420. 
Evangelien  117. 

Fabius  Pictor  463. 
Fannias,  Annales  383,  1. 
Festus  140.  323. 
Firmicus  Maternus  366. 
Frontin  133. 
Fronto  124.  345. 

Oaius  219,5. 

Galen  214.  346.  503. 

Gellius  31. 

Oeorgios  Pisides  305. 

Oermanicus  297. 

OesU  ApoUonii  Tyr.  303. 

Olaukon  448. 

Gnathaina  168.  338.  440,2. 

Gracchi  366. 

GrattiuB  295. 

Gregor  der  Grosse  117. 

Gregor  Ton  Nazianz    171.  193.   196  f. 

Gregorianus,  codex  41.  104. 

Harpokration  336. 
Hekataeos  477,2. 
HeUanikos  446,4. 
Hephaestion  383,  1. 
Herennius  Philon  362. 
Herennius  Senecio  368. 
HerUlos  169. 

Hermogenes  rhetor  312  ff.  328. 
Hermogenes  v.  Smyrna  500,  1. 
Hermogenes  v.  Tarses  360.  368. 
Hermogenian  383, 1. 
HermogenianoB,  codex  41.  104. 
Herodian  170.  312. 
Uerodot  12,3.  194.  383, 1.  441.  446. 
466.  466,  2.  477,  2. 


Hesiod  440,3.  446.  494. 

Hesychios  r.  Milet  27. 

Hieronymus   15,4.   31.   106  ff.    109  ff. 

142.  151  f.  180.  3I0ff.  318  f.  328. 

331.  336.  369.  378.  480.  481,  1. 
Hippokrates  44.  202. 441.  460f.  477,2. 

479.  489, 1.  494.  503. 
Hirtius  339.  340.  357. 
Ilomer  71.   85.    128.   164.  279.  439. 

440, 3.  441.  443.  444ff.  468.  468, 1. 

477, 2.  489.  497,  2. 
Uomerus  Latinus  297.  382. 
Horaz  59.   292.  294.   295.  297.  298. 

339.  398,  1.  410,4.  424, 1.  427. 
Uosidius  Geta  303. 
Hyperides  279.  307. 

Javolenus  383,  1. 

*lXtàç  fÀMQÛ  494. 

Interpretamenta  Montepessulana  16.  91. 

Johannes,  Briefe  170.  180. 

Josepbos  203. 

Isidoros  Y.  Pergamum   176. 

Isidor  ▼.  Sevilla  288. 

Isokrates  194.  325.  434.  435, 1.  464. 

477,  2. 
Jadenpapyrus  258.  279. 
Julian,  EpUtol.  325. 
Julius  Africanus  44. 
Julius  Pollux  16.  91. 
Junius  Rusticus  368. 
ias  Aelianum,  Flavianum,  Papirlanum 

463. 
Justin  382  f. 
Justinian  153.  172  f.  200  f.  218  f.  335. 

388. 
Juvenal  293.  294.  376  f. 
JuTencns  138.  305. 

Kallimachos  163  f.  289.  291.  297.  361. 

393.    400,1.    400,3.    410.   411,2. 

482  ff. 
Karneiskos  312. 
Kastor  182. 

Klemens  Alexandrinus  148.  151.  374. 
Kleobulos  167. 
Kolutbos  303. 
Krantor  169. 
Krinagoras  89. 
Kriton  448. 
Ktesias  383, 1. 


Labienus  507. 

Lachares  ron  Athen  182. 


33* 


516 


—  AntorenTerzeichnifs.  — 


LaeUntius  383, 1. 

Leonidas  407,  2. 

Libanius  507. 

Liyias  36.  86.  101.  125.  137.  310  ff. 

315.  331.  358.  374. 
Liyius  Andronicus  444.  462. 
Lobon,  nfQt  nottjidty  166*        ^ 
*LonginOB  niçi  v^vç  33,  2. 
LoDgos  296.  302. 
Lacan  81.  138.  292.  293. 
Lncilius  236, 1.  345. 
Lucrez  134. 142. 143.  292.  293.  495, 3. 
Luetatius  Catulas  405, 1. 
Lukian  106,4.   295.   297.   337.  338  f. 
Luzorius  118.   303.  348.  387.  408,2. 
Lygdamus  66.  426.  428.  486, 1. 
Lyko  437,  2. 
Lykophron  297.  495. 
Lykos  170.  337. 

Macrobius  147. 

Manetho  293.  294. 

Manilius  148.  292. 

MariaDos  166.  291,2.  400.  401,1. 

Harcellus  de  med.  505. 

Marias  Victor  301. 

MarUal  44.  (Buch  XIV)  71—87.  125. 

142.   160.    164.    209,  2.  291.  296. 

297.  354  f.  358.  425.  427. 
Martianas  Capella  103.  121.  150. 
Maximus  philos.  303. 
Melesermos  326, 1. 
Menander  84. 
Methodios  171. 
Moretum  297. 
Moschos  390, 1.  394, 1.  399,  2.  400, 1. 

401,1. 
Masaeos  .S03. 

Naevias  462.  481. 

Naso  304. 

NemesiaDus  302.  394, 1.  428. 

Keratius  Priscus  93. 

Nigidius  Figulus  356. 

Nikander  291,2.  297. 

Niketas  302. 

Nonias  381  f. 

Nonnos  302. 

Numenius  344. 

Nux  elegia  297. 

Oedipodia  164. 

Oppian  143.  193.  293.  295. 

Optatian   111.  302. 


Orestes  trag.  303. 

Oribasios  504.  506. 

Orientius  301. 

Origenes    28.    83.   107,  5.    109.    147. 

166.  171.  180.  311  ff.  332.   374,4* 
Orosias  15.  147.  310  ff.  329. 
Orpheos  302.  306.  446. 
OTid   138.  189.   292.  294.  295.   297. 

347.  378  ff.  382,  5.  424, 1.  428.  505. 
*OTid  HaUeuUca  298  f. 

PalaephatOB  167. 

Palladas  103. 

Pamphila  383, 1. 

Pamphilos  140. 

Panaetios  146. 

PanegyricuB  in  Messalam  297.  426. 

Panegyricus  in  Pisonem  297. 

Panyasis  165.  441. 

Papirius  Justus  104. 

Paralipomena  318.  336. 

Paulinus  172.  302.  303. 

Panlinus  Petroc.  301. 

Paulus,  II  ad  Timoth.  65.  88. 

Pausanias  139.  309.  311  ff.  316.  332. 

Periander  167. 

Persius  60.  297.  346.  361. 

Petron  410,2. 

Pbaedrus  385.  418. 

Phalaris,  Epist.  325. 

Phanokles  380. 

Phavorinus  117. 

Pherekydes  446,4. 

Philes  304. 

Philippoa  Opuntios  477.  477,2.  490, 

Pbilippos  Thessalon.  389. 

Pbilodem  186  ff.  311  ff. 

Philolaos  434,  4.  451. 

Philoxenos  434. 

Pbocas  303. 

Pbotios  26. 

Pbrynichos  324. 

Pindar  165.  361.  440,3.  495. 

Pindarus  Thebanus;  s.  Homerus  Latinns. 

Pittakos  167. 

Plato   12,  3.    285.   337.   434,  4.    435. 

437,  2.  440, 2.  442.  443.  447.  473  ff. 

476  f.  489, 1.  493.  505  f. 
Plautus  374,4.  496. 
Plinius  hist.  nat.  133.  143 f.  145.  227ff. 

310  ff.  316.  322.  330.  333.  341.  343. 

348.  349,2.  355,1.  361. 
Plinius  epist.  314  f.  325.  326.  345.  360. 
Pliniusy  medicina  323. 


—  Autorenverzeichniss.  — 


517 


Flotin  114.  345.  459. 

PluUrch  36. 151,1.  203.  312.  317.  343. 

361.  376.  431, 1. 
Folybios   12,  3.   136.   141.   142.    144. 

146.  312  ff.  315.  332.  341.  438. 
Polykrates  435, 1.  477,  2. 
FoRiponiin  Mêla  322. 
Porphyrios  146  f.  151.  314.  322.  329. 

369.  459. 
Postumius  Albinus  463. 
Priapea  297.  344  f.  427. 
Priflcian  (ara)  335. 
PrÎBciaD,  periegesis  303. 
Proba  Faltonia  302. 
Probus,  Epigramm  des  40. 
Proklos  315.  320. 
Properz  84.  280.  292.  412.  413  ff. 
Prosper  303. 
Protagoras  367.  450, 1. 
Pnidentias  94, 1.  102.  301.  303.  305  f. 

373. 
Psalmeo  180. 
Psellus  305. 

Pseudo-Phokylidea  440,  3. 
Ptolemaeos  44. 

Quintilian  139.  149.  310  ff.  328.  331. 

348.  358. 
Quintus  Smyrnaeus  302. 

Remua  Favinua  303. 
Reposianua  303. 
Rhetorischer  Papyrus  278. 
Rufinua  110. 
Ruaticus  Elpidius  303. 
Rutiliaa  Lupua  384. 
Rutilius  Namantianua  103.  301- 

Sabinua,  epiatulae  heroum  407. 

Salluat  80.  336. 

Sappho  213. 

Scaevola,  de  inre  cirili  24. 

SeduHua  301. 

Jfxovvâov  fiioç  279. 

Seneca  rhetor  95,5.   155.    308.    374. 

376.  507. 
Seneca  philoa.  et  trag.  325.  337.  343. 

344.  373.  375.  376.  496. 
Septaaginta  479  ff. 
Serapion  357. 

Serenua  Sammoniua  302.  361. 
Serriua  31.  114. 
Sextua  Empiricus  148. 
Sibylliniscbe  BQeber  51.  368.  505. 


Sidoniua    Apollinaria    108.    306.    878. 

408,  2. 
Siliua  Italiens  138.  292.  361. 
Simmiaa  449. 
Simon  449. 
Simoa  oipaqtvaia  434. 
Sinniaa  Capito  326. 
Selon  167. 

Sopater  Alezandr.  383, 1. 
Sophoklea  198.  495. 
Spenaippoa  168.  434,4.  442. 
Sutiua  293.  296.  402.  412. 
Stephanoa  t.  Bycans  140.  169.  324. 
Stobaeoa  316. 

Strabo  139.  145.  310  ff.  331. 
Strato  philos.  169.  437,  2. 
Strato  poeta  305.  306. 
Sueton  44,  2.  288  f.  308.  374,  4.  380. 

481,4. 
Suidaa  27. 
Sulpicia  426, 1.  427. 
Sulpicina  Severua  219.  352. 
Symmachua  310  ff.  325.  326. 
Symphoaius  303.  387. 
Synesius  305.  325.  348. 

Tabula  Paschalia  219. 

Tacitus  137  f.  310  ff.  315.  329.   337. 

352.  374.  423. 
Telephos  y.  Fergamnm  362. 
Terentianna  Maunia  381. 
Terenz  496. 
Tertullian  311  ff.  315.  330.  337.  338. 

356. 
Teatament,  Altes  479  ff. 
Thalea  167. 
Thamyras  167. 
Thebaia  165. 
Theodektea  169. 

Tbeodoaianua,  codex  104.  219,5. 
Theognia  165.  441.  495.  505. 
Theokrit  225,  2.  389—401.  404.  507. 
Tbeophraat  146.  169.  225,  1.  383,  1. 

437,  2.  442.  455  ff.  489. 
Theopomp  33,  2.  162.  205.  374.  383,1. 

442.  461.  477, 2. 
ThraayU  447,  3.  450, 1. 
Tbukydidea  198  f.  285.  362.  441.444. 

447.  477,  2.  504. 
Tibull  81.  292.  426  ff. 
Ticidaa  411,2. 
Timaeoa  462. 
Timon  Pbliaaiua  169. 
TimotheoB  165  f.  441. 


518 


—  Âatorenyerzeicbnus.  — 


Tisias  82. 
Trebatius  82. 
Trjphiodor  303. 
Tyrannio  358.  459. 
Tzetzes  291.  302.  304. 

Ulpian  97. 

Yalerius  Flaccua  292. 

Varro  50  f.  133  f.  141.  149.  201.  240,7. 

310  ff.   329.    343.    353.    356.    374. 

383, 1.  493. 
Yelleina  313.  320  f.  374,4. 
Yenantius  Fort.  301. 
Yergil    45.    86.    134.   138.   142.   143. 

144  f.   173  f.  292.  294.  295.    297. 

347.    350.    366.  394,  1.  3i»5.   397. 

404. 


Schol.   Bemeosis    zu    Yergil's    Oeorg. 

406,  3. 
Yerrias  Flaocas  140. 
Yictorinus  303. 
VitruY  322. 
Vopiscus  30.  352. 

Waltbarias  304. 

Xenokrates  442.  443. 
Xenopbon    440,  2.  441.   443,  1.    448. 
464  ff.  477,2.  489,1. 

Zenobios  ParGm.  383, 1. 

Zenon  212. 

Zopyrion  u.  Pampbilos  140. 


Bachdrnckerei  Ton  OubUt  Scbade  (Otto  Francke)  in  Berlin  N. 


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Aiiflaf^e.    Geli.  <>  M. 

Arirttoteles'  Politik.  Krstes,  zweites  und  drittos  Biicli  mit  rrkia- 
rendon  Znsâtzon  in's  Deutsche  îiIxTtnigen  von  .lac.  Brrn:iy>. 
Geh.  5  M.  «)0  Pf. 

Bernay.**,  Jae.  Phokion  und  s«ine  neunren  Beurtheilrr.  Khi  UA- 
trag  zur  Gescîbicht^^  der  griechisclien  Philosophi»^  und  P.tlltik. 
Uvh,  4  M. 

Bernays,  Jac.  Lucian  und  dio  Kyniker.  Mit  einor  lTf^l>or*»'fzîî!iu' 
der  Hchrift  Luciaus  iibcr  das  Lebenseudo  der  Pen^grinus.  ijAx. 
;3  M.  20  Pf. 

Cnrtius,  Krnst.   Alterthum  und  GoRenwart.   Gosaminolt'*  RtMi^n 
\inil  Vortrfigo. 

Band  I.    3.  Aull.    1SS2.    (;.»b.  7  M. 
l^and  II.    1SS2.    (jeb.  7  M. 

Droyson,  H  an.»^.  A  t  b  «^  n  u  n  d  d  o  r  W  o  s  t <»  n  v  o  r  der  s  i  c  i  1  i  >  c  h  «^  :'. 
Expédition.    1.S82.    geb.  ca.   1   M.  T.o  Pf. 

(lOibel.  KmanuH.  riassiscbes  Li<Mli'rbu<*.li.  Grieclu*n  und  lî*".!.:* 
in  d«MitsrlM»r  Xaebbildunji:.  l)ntt«»  selir  vernieluii*  Aut^a^••.  (i«'b.  »•  M 

(■riiniii.  Herman.  (i«H»tlie.  Vorlesimijen ,  gebalr^îu  au  der  Ifi-v.  - 
sitîit  zii   Herliu.    2.  Autlage.    (4e}i.   H  M. 

Hertz.  Martin.  l\ari  Jiacbmann.  Kino  nio^rpapiii»»^  ls;,i.  -.  ; 
:>  M.  <îo  pf. 

—  ï><*.lirift*4t<'lliT    und    Pu))iikuni    in    Rniu.     Kin     Vortr.i^ 
\vis>.  Vt'reiii  zu   l>»»rlin  ani  22.  Januar   iN'i.'i.    gt*h.   SO   l*i'. 

Kireliboir.  A.    I>i«'  lionu'risob*' Odyss«»e.    Zwt»it*».  iiint;«';irl.  >  • 
Autl.Mii*'  vnM  «i>if  lii»ni«'risoli«'  (>ilys<Mt»  mid  ibn»  Kntstehir.iL:'* 
«Pi«'  < ''•inposjtinii  d«'r  c  KIvsm'c".    (ît'li.   12  M. 

(Mdenber;j:.  H.  lîuddha.  Sein  LefxMi,  sj'iui»  Lebn»,  soin»»  Im*;..  j,,.! 
l^^.^l.    (irli.    10   M. 

Sebniidt.    Leopold.    hie  Kthik    d«*r  ait  «mi  *  î  r  io.  r  lio  n.    l'î:»:i.! 
Iss2.    (  ;.•!..  7  M. 

(IM.  IL,  S.îldussl.and,  t?r-«-lnMnt   lss2.)